Persönlichkeiten, um über die Vorgänge in allen möglichen Zirkeln und Geheimbünden dauernd unterrichtet zu sein. Man beauftragt den Spitzel Kantcher, festzustellen, wohin von Petersburg aus die Fäden der Verschwörung laufen.
Kantcher ist seit Monaten schon ein eingefuhrres Mitglied der Petersburger Verschwörergesellschaft. Er weiß, daß gewisse Fäden nach Wilna laufen. Aber wer dort an der Verschwörung beteiligt ist, das ist ihm noch unbekannt. Vergeblich bemüht er sich, festzustellen, wer die Wilnaer Vertrauensleute der Petersburger Verschwörer sind. Wocke um Woche vergeht, und allmählich werden die Auftraggeber Kantchers bei der russischen Geheimpolizei nervös. Immer energischer verlangen sie Namen. Schließlich kommt es so weit, daß Kantcher fürchtet, man werde ihn für unzuverlässig halten, wenn er nicht bald handgreifliche Resultate zu liefern vermag. Und so geschieht das, was bei der Arbeit von Spitzeln und Spionen immer wieder vorkommt: Wenn diese Art von Menschen nichts Positives weiß oder feststellen kann, dann erfindet sie etwas.
An der Petersburger Universität studieren eine Reihe von Polen, unter ihnen Josef Pilsudskis Bruder B r o n i s l a w. Mit ihm knüpft Kantcher Verbindungen an, und eines Tages erklärt er ihm, daß er in einer persönlichen Angelegenheit nach Wilna fahren müsse. Schon Wochen lang hat Bro- nislaw Pilsudski nichts von seinem Bruder Josef gehört. So bittet er Kantcher, seinen Bruder in Wilna aufzusuchen und ihm Grüße zu bestellen. Nun hat Kantcher wenigstens eine Adresse in Wilna.
Nach kurzem Aufenthalt in Wilna kehrt Kantcher nach Petersburg zurück. Irgendetwas Positives hat er nicht feststellen können. Aber da seine Auftraggeber Resultate von ihm verlangen, so behauptet er ganz kühn, daß die Brüder Pilsudski die Verbindungsleute der Verschwörer nach Wilna seien. Nun schlägt die russische Polizei zu. Die Petersburger Verschwörer werden verhaftet, und außer ihnen die beiden Brüder Pilsudski. Nichts ist gleichgültiger als die Tatsache, daß man wirkliche Beweise gegen die beiden Pilsudskis nicht besitzt. Der Polizeispitzel Kantcher bleibt bei seiner Aussage. Und das genügt.
Auf achtzehn Jahre Zwangsarbeit und Verbannung lautet das Urteil gegen Bronislow Pilsudski; sein Bruder Josef wird auf fünf Jahre nach Sibirien verschickt.
Tausende von Polen sind im Laufe des polnischen Unabhängigkeitskampfes den fürchterlichen Weg nach Sibirien gegangen. Diele von ihnen find niemals zurückgekehrt.
Für Josef Pilsudski wird dieser Leidensweg zum entscheidenden Wendepunkt seines Lebens. Die erste Zeit der Verbannung verbringt er in Kirynsk an der Lena. Dort im Norden erkrankt er schwer und wird deshalb nach einiger Zeit nach Tunka weiter südlich überführt. Hier kommt er in Berührung mit. einem Manne, der sehr bald großen Einfluß auf ihn gewinnt. Bronislow Szwarcs hat Furchtbares durchgemacht. Als Funktionär der geheimen Nationalregierung während des Aufstandes von 1863 ist er von den Russen verhaftet worden. Nur ein Zufall hat ihn davor bewahrt, am Galgen zu enden wie die meisten übrigen Mitglieder der Nationalregierung. Sieben Jahre lang'hat er, mit Ketten gefesselt, in den Kasematten der Festung Schlüsselburg gelegen. Er hat nicht mehr geglaubt, jemals die Sonne wiederzusehen. Dann kam die Begnadigung zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien. All das hat Bronislow Szwarcs durchgemacht, ohne innerlich zu zerbrechen. Er weiß, daß er nicht mehr lange zu leben hat. Die sieben Jahre Schlüsselburg haben seine körperliche Widerstandskraft völlig untergraben. Aber in dem von Schwindsucht ausgehöhlten Körper lebt ein brennender Wille, und im Zusammensein mit dem jungen Josef Pilsudski flammt all die Energie dieses Mannes noch einmal auf. Er fühlt, bewußt oder unbewußt, daß er diesem iungen Menschen die Tradition des polnischen Freiheitskampfes weitergeben muß.
In den Gesprächen mit Bronislow Szwarcs gewinnen die vagen Vorstellungen, die Josef Pilsudski bisher von der Verbindung des Sozialismus mit dem Kampfe für die Freiheit seines Volkes gehabt hat, reale Gestalt. Gegen den russischen Unterdrücker kann man nicht die Satten und Zufriedenen in den Kampf führen. Wer mehr zu verlieren Hot, als nur seine Ketten, ist für einen scheinbar so aussichtslosen Kampf nicht geeignet. Das ganze polnische Volk leidet. Niemand weiß das besser als er. Aber für die Freiheit werden am ersten die kämpfen, die am meisten zu leiden haben. Und das sind in Polen d i e Arbeiter und die Bauern. Zu ihnen muß man sprechen, an sie muß man herankommen, wenn man wirklich etwas erreichen will. Und nicht
nur etwas, sondern das Letzte: ein freies polnisches Volk in einem freien polnischen Reich.
Und das ist das Ziel, mit dem Josef Pilsudski im Jahre 1892 aus Sibirien heimkehrt. Ein Ziel, das in den Wolken zu schweben scheint. Ein Ziel, dos nur ein Mensch sich stecken kann, der aus mysti- schen Tiefen den Sinn des Leidens seines Volkes spürt und den dieser Sinn vorwärts treibt über alle Hindernisse hinweg.
Ein Romantiker der Idee, ein Realist der Tat, so hat Pilsudski selbst sich später einmal charakterisiert.
So beginnt er im Jahre 1892 den aktiven Kampf für die Befreiung seines Vaterlandes.
— StadttheaterGießen. Heute, 19.30Uhr, das entzückende Lustspiel „So ein Mädel" von Färber und Sturm; Spielleitung hat Karl V o l ck.
— Deutsche Glaubensbewegung. Am morgigen Donnerstag Versammlung im Cafe Leib mit Vortrag über das Thema „Durchbruch deutschen Glaubens". (Siehe heutige Anzeige.)
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinjchast „Kraft durch Jreube*.
„Wissenschaft im Dienst für das deutsche Volk."
Der für Donnerstag, 16.Mai, angesetzte Vortrag von Professor R e i n w e i n über „Die Wichtigkeit der Erforschung und der Bekämpfung einer Seuche" wird verschoben auf Donnerstag, 23. Mai.
Rheinfahrt am 23. Juni.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Kreis Gießen, veranstaltet am Sonntag, 23. Juni, die erste Rheinfahrt des Jahres 1935. Die Fahrt geht mit der Bahn von Gießen nach Niederlahnstein, von dort aus mit dem Schiff nach Bingen, nachmittags mit dem Schiff wieder zurück nach Niederlahnftein, von wo aus die Heimreise angetreten wird. Wir haben also die Möglichkeit, die schönste Strecke unseres deutschen Rheines stromauf und -ab zu befahren. In Bingen oder gegenüber in Aßmannshausen ober Rüdesheim kann die Mittagszeit verbracht werden. Eine große Kapelle wird uns begleiten und auf dem Schiff und in Bingen mit einem Konzert erfreuen. Der Gefamtfahrpreis beträgt 5 RM., Mittagessen geht extra, es kann im voraus bestellt werden (Preis 80 Pf.).
Alle KdF.-Warte haben sofort Aushang auf allen roten KdF.-Anfchlagtafeln in den Ortsgruppen und den Betrieben zu machen. Die Anmeldungen werden bei den KdF.-Warten abgegeben. Meldungen aus den Betrieben müssen nachweisen, in welchem Bahnort die Teilnehmer einsteigen, damit wir rechtzeitig für richtige Anschlüsse sorgen können. Gesamtteilnehmerzahl 800 Personen — also möglichst umgehend anmelden! Mit der Anmeldung ist sofort der Betrag einzuzahlen, andere Anmeldungen sind ungültig.
*
** Wegsperre. Die Bürgermeisterei macht in unserem heutigen Anzeigenteil bekannt, daß der Feldweg über den Flugplatz vom 15. bis 17. Mai einschließlich für jeglichen Verkehr gesperrt ist.
** Maienblasen am heutigen Mittwochabend 19 Uhr vom Turme der I o h a n n e s k i r ch e: 1. Choral „Wie groß ist des Allmächt'gen Güte": 2. „Die Nacht", von Fr. Abt; 3. „Wenn's Mai- lüftert weht".
** Achtung Rundfunkhörer! Am heutigen Mittwoch, 15. Mai, 20.10 Uhr, spricht der Intendant Ham ns-Otto Fricke über den Reichssender Frankfurt und alle Nebensender zum Thema: „Das europäische Rundfunksendernetz". Intendant Fricke wird sich über die Empfangsverhältnisse des europäischen Sendernetzes äußern. Da diese Ausführungen wichtige Probleme des Deutschen Reichs-Rundfunks berühren, dürfte die Gesamthörerschaft an dem Vortrag stark interessiert sein.
** 1 9 3 5 ein Maikäferjahr? Die Erfahrung lehrt, daß die Maikäfer alle drei Jahre in besonders großen Massen auftreten und dann dem Obstbau gefährlich werden, falls nicht energisch an ihre Bekämpfung gegangen wird. Das letzte Schwarmjahr war 1932, das vorletzte 1929, und nun treffen bereits aus dem Westen des Reiches die ersten Meldungen über besonders starken Maikäferflug ein. 1935 wird also wohl wieder ein Maikäferjahr werden! In allen Gegenden hat man schon im Februar bei der Bodenbearbeitung auf Feldern und Wiesen in geringer Tiefe zahlreiche Engerlinge festgestellt. Was kann man zur Bekämpfung der Maikäferplage tun? Das wirksamste Mittel ist das Sammeln der Tiere nach kräftigem Schütteln der Bäume. Etwa die Hälfte der Maikäfer sind Weibchen, von denen jedes wenigstens 60 Eier ablegt. Man wirft die gesammelten Käfer entweder den Hühnern vor, oder tötet sie
Aus der Provinzialhauptstadt.
Ordnung im Haus sichert den Hausfrieden!
Das Zufammenwohnen der Menschen in Miethäusern bedingt gegenseitige Rücksichtnahme aller Hausbewohner untereinander, um die Wohnruhe und somit den Hausfrieden zu sichern. Jeder einzelne Hausbewohner soll sich so verhalten, wie er es für sich von den übrigen Hausbewohnern wünscht. Auf kranke Mitbewohner ober sonstige Umstände ist hierbei besondere Rücksicht zu nehmen. Der Haushaltungsoorstand hat außerdem die Pflicht, auf seine Haushaltungsangehörigen oder sonstigen Mitbewohner seiner Räume in dem gleichen Sinne einzuwirken.
Störende Geräusche aller Art sind zu vermeiden. Hierzu gehört insbesondere auch das starke Zuschlägen von Türen, die Benutzung von nicht ob- gedämpften Maschinen und das Musizieren einschließlich Rundfunkempfanges mit belästigender Lautstärke und Ausdauer. Beim Musizieren und Rundfunkempfang sollen Türen und Fenster geschlossen sein; Maschinen aller Art (z. B. Waschmaschinen, Motore usw.) können mit weich federnden Schwingungsdämpfern' versehen werden. Die bei schwachen Deckenkonstruktionen durch Begehen des Fußbodens entstehenden Geräusche lassen sich durch Auslage von Teppichen oder bei Linoleum durch eine geeignete schalldämpfende Unterlage vermindern.
Das lärmverursachende Zerkleinern von Brennstoffen (Holz und Kohle) soll gleichfalls nicht in den Mieträumen, sondern an der hierfür im Hause vorgesehenen Stelle erfolgen. Für das Teppichklopfen sind in allen Orten durch Polizeiverordnung besondere Zeiten festgesetzt, die von allen Hausbewohnern zu beachten sind.
Durch ausreichende Erziehung und Beaufsichtigung der Kinder kann erfahrungsgemäß erreicht werden, daß sich der entstehende Lärm in Grenzen hält, die für alle Hausbewohner erträglich bleiben. Werden diese Grenzen überschritten, so ist es Pflicht der Erziehungsberechtigten, im Interesse der übrigen Hausbewohner für die notwendige Abhilfe zu sorgen. Eine oft vorhandene Lärmquelle sind Wasserleitungsgeräusche aller Art. Die beim Oeft- nen und Schließen von Hähnen entstehenden Geräusche können mühelos durch Anbringung von Windkesseln im Dachgeschoß beseitigt werden. Ein Rauschen ober Gurgeln in der Wasserleitung wirb durch Anbringung von Drosseleinsätzen in der Wasserleitung zum Verschwinden gebracht.
Der Mieter ist verpflichtet, ihm innerhalb der Mieträume bekanntwerdende Schäden zwecks Abhilfe sofort seinem Vermieter anzuzeigen. Kommt er dieser Verpflichtung nicht rechtzeitig nach und vergrößert sich hierdurch der Schaden, so ist der Mieter unter Umständen zum Ersatz des hierdurch entstehenden Schadens verpflichtet. Eine solche Anzeigepflicht an den Vermieter besteht z. B. auch bei Auftreten von Ungeziefer.
Das Waschen und Trocknen der Wäsche in den Mieträumen ist wegen der hiermit verbundenen
Feuchtigkeitsentwicklung eine Unsitte, der immer wieder entgegenzutreten ist. Für das Waschen der Wäsche ist die Waschküche und für das Trocknen der Trockenboden oder Trockenplatz vorhanden.
Zur Vermeidung einer Verstopfung von Entwässerungsanlagen müssen die Hausbewohner darauf achten, daß Abfälle oder sonstiger Unrat nicht in die Entwässerungsleitungen gelangen können. Küchenreste, sowie Abfälle und Unrat sind in die aufgestellten Müllkasten zu bringen, die zur Vermeidung von Ungezieferansammlung geschlossen zu halten sind. Ebenso ist es wichtig, baß Küchenreste bis zur Ueberführung in bie Müllkasten nicht in offenen Mülleimern in den Küchenräumen aufbewahrt werden. Zur vorübergehenden Aufbewahrung solcher Abfälle in den Mieträumen sind Eimer mit Deckeln zu verwenden.
Ausreichende Lüftung der Räume ist bei geeigneten Witterungsverhältnissen unter entsprechender Sicherung der Fenster und Geschlossenhalten der Türen aus hygienischen Gründen erwünscht.
Beim Begießen von Blumen auf Fensterbrettern oder Balkonen ist Sicherung dagegen zu treffen, daß das Wasser nicht überläuft, die Fenster der darunterliegenden Mieter nicht beschmutzt, oder Passanten auf der Straße nicht gefährdet werden. Zur Vermeidung einer Störung der übrigen Hausbewohner ober Passanten bürfen Bettvorleger, Decken usw. nicht aus ben Fenstern ausgeschüttelt werben.
Sofern bie Gefahr besteht, baß burch Verletzung der Hausordnung bas Verhältnis der Hausbewoh- ner untereinander gestört wird und eine unmittelbare Fühlungnahme der beteiligten Hausbewohner untereinander nicht zu einem Ergebnis führt, stehen die Mietervereine des Reiches den Beteiligten mit Rat und Hilfe zur Verfügung.
tinfere SA.
am nächsten Sonntag in Frankfurt
Am nächsten Sonntag, 19. 2tt a i, befindet sich die gesamte SA. - Standarte 116 und Reserve-Standarte 116 geschlossen dienstlich in Frankfurt a. 211. Die Beförderung erfolgt in Sonderzügen.
Vornotizen.
— Tageskalender f ü r Mittwoch: NSG. „Kraft durch Freude": 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Schwimmen im Volksbad. — NS - Lehrerdund Gießen: 15.30 Uhr im Singsaal des Realgymnasiums: Bezirks-Versammlung der Fachschaft „Höhere Schule". — Stadttheater Gießen: 19.30 bis 21.45 Uhr: „So ein Mädel" (Extempo- rale). — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Katze im Sack". — Oderh. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde: 20.15 Uhr Versammlung im Hörsaal des Zoologischen Instituts, Bahnhofstraße 84. — Reichstreubund, Ortsgruppe Gießen: 20 Uhr Kameradschaftsabend im Unteroffizier-Heim (Neue Kaserne).
UlieMMii....
Vornan von Charlotte prenzel.
Urh>sberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
22 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Er war ehrlich genug, sich zu gestehen, daß nur Liebe diese Wandlung vollbracht haben konnte. Liebe zu ihm? Hatte sie ihn geliebt, als sie seinen Numen annahm? Hatte ihre Liebe seiner ganzen Verachtung standgehalten? Es mußte so sein. Vor ihm saß ein anderes junges Menschenkind, als das, das er einst gekannt. Aus der verwöhnten Tochter war ein liebender, aufopferungsfähiger Mensch geworden, aus dem Luxusgeschöpf, wie er sie einst genannt, ein Mädchen, das das Leden nicht mehr vertändelte, das gern und willig Pflichten auf sich nahm.
„Liane", sagte er, sich gewaltsam zu Worten zwingend, „es wird Zeit, daß wir uns für die vielen Einladungen, die an uns ergangen find, endlich revanchieren. Ich bin auch kein Freund von allzu viel Geselligkeit, und so ist es wohl am besten, wenn wir alles auf einmal erledigen. Veranstalte einen Maskenball ober ein Kostümfest — was bu willst. Ich bente, wenn bu dich an Frau Wide- mann wendest, wird sie das Richtige schon finden. Sie hat Talent und Freude, Feste zustande zu bringen. Ich werde nicht viel Zeit haben, mich darum zu kümmern, werde sicher auf die Reise gehen müssen. Aber bu hast bich ja schon oft als gute Gastgeberin gezeigt, baß ich mich auf bich verlassen kann."
Liane nickte nur. Seltsam, daß er gerade jetzt an eine Einladung dachte, die sie allerdings schuldig waren. Sie stand auf, räumte den Tisch ab.
Noch bevor sie das Zimmer verließ, sagte sie leise: „Fred, wenn die Einladung dann vorbei ist und du nicht für großen Verkehr bist, ziehe ich mich etwas zurück! Die Abende mit dir allein und mit Ernst sind mir viel lieber!"
„Und was willst du anfangen, wenn ich fort bin?"
„Oh, mir wird die Zeit nicht lang. Da ist mein Haushalt, der mir Freude macht, da ist das Blindenheim, wohin ich gern mit vollen Händen gehe, da sind Bücher, die ich lesen möchte, und wenn es Sommer wird, gibt es wieder einen Tennisplatz und das Schwimmbad."
„Wie bu willst, Liane! Ich möchte bich nur froh unb zufrieben sehen!"
„Ich bin ganz zufrieben!" antwortete sie, nahm das Tablett und verließ das Zimmer.
*
Seit diesem Tage war es, als ob sich alles gegen Fred verschworen hätte. Ganz plötzlich schien sich
bas Glück von ihm gewandt zu haben. Der Geschäftsgang wurde noch zögernder, die allgemeine Geschäftslage blieb schlecht. Der Konkurs eines aroßen Unternehmens traf die Firma empfindlich. Der amerikanische Vertreter erwies sich als immer unzuverlässiger. Es nützte wenig, daß Fred bas Geschäftslokal in Frankfurt aufzulösen gedaclste. Die Verluste, die er von anderer Seite empfing, warey durch kleine Einsparungen nicht mehr wettzumachen
Das Schlimmste aber war, daß Fred den Glauben an sich selbst verloren, daß ihm jede Zuversicht dem Schicksal gegenüber abhanden gekommen war. Es gab Stunden, in denen es ihn Vermessenheit dünkte, die Leitung der Scholzschen Fabrik übernommen zu haben — Stunden, in denen er sich verzweifelt fragte, womit er sich dem Freunde geqenüber verantworten sollte, wenn dieser sein Kapital plötzlich zurückverlangte. Im Vertrauen auf seine Tüchtigkeit hatte er es einst erhoffen; ein ebensolches Vertrauen hatte Franz Scholz ihm entgegengebracht. War es denkbar, daß er fein Versprechen nicht einlösen konnte?
Er war in den ersten Monaten des neuen Jahres viel unterwegs; aber es waren immer nur Spritztouren, bie er unternahm, bie ihn regelmäßig Samstags nach Haufe führten.
„Du verlierst kostbare Zeit!" sagte der Freund. „Warum fährst du nicht, wie du vorhattest, über ben Ozean Ueberlaß bas deutsche unb ausländische Geschäft anderen, sie werden vielleicht weniger Erfolg haben als du! Drüben gibt es aber mehr zu retten als ein paar größere Orders!"
Fred lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, sein Antlitz hatte die gesunde Farbe verloren, er sah müde, zergrübelt aus. „Ich kann jetzt nicht fort", stieß er hervor.
„Bangst du um Gerda?"
„Eine Reise nach Amerika würde viele Wochen in Anspruch nehmen; was hier inzwischen geschehen könnte, wäre nicht zu überblicken."
„Hast du Kitty denn micberaefehen? Hat sie versucht, sich dir zu nähern? Weißt bu über» Haupt, baß sie noch hier ist?"
„Sie ist hier, verlaß bich braus! Sie zieht langsam, unsichtbar ihre Fäben um ihr Opfer, um es befto sicherer einzufangen!"
„Freb, es ist falsch, als ob du sie fürchtest!"
„Sie wird mein Leben vernichten, wie es ihr schon einmal gelang!"
„War damals viel verloren? Bautest du dir nicht aus den Trümmern des alten Lebens ein viel reicheres auf?"
„Ich war so vermessen zu glauben, man könnte die Vergangenheit ausstreichen. Sie wirft immer Schatten, Ernst —- immer. Was wäre damals aus mir geworden ohne deine rettende Hand? Du zogst
mich empor, bu meintest es gut, unb ich war töricht genug, an mich zu glauben."
„Fred, was finb bas für Gedanken! Willst du nun gänzlich versagen? Willst du zusehen, wie es weiter mit dem Geschäft bergab geht? Kannst du es vor deiner Frau verantworten, wenn du die Reise unterläßt? Ich bleibe doch hier, ich verspreche dir, über Gerda zu wachen. Ich bin zu schwerfällig in fremden Sprachen, ich versage auch der Kundschaft gegenüber gänzlich, sonst würde ich dir diese Reise gern abnehmen. Laß mich also an deiner Stelle hier."
Fred schien mit Entschlüssen zu kämpfen. Erst nach einer Weile sagte er: „Du hast recht, mich zu mahnen. Laß die Festlichkeit in meinem Hause vorüber sein, dann werde ich reisen." —
Diese Festlichkeit traf Fred fast unvorbereitet. Er war bie ganze Woche verreist gewesen und stand am Samstag gegen Abend ziemlich verwundert in ben fast leeren Räumen bes unteren Stockwerks, bas zum Empfang ber Gäste gerüstet war. Frau Widemann hatte ihre Sache gut gemacht. In bunte, luftige Karnevalsräume waren die Zimmer verwandelt, strahlende Lichterfülle lag über dem Festsaal ber Villa mit bem erhöhten Musikpodium, während die Nebenräume in rotes unb violettes Licht, wunberschön abgeftimmt, getaucht schienen.
Im Hause würbe es langsam lebenbig. Schritte unb Gelächter ertönten auf ber Treppe, verloren sich in bem unteren Stockwerk. Musik klang herauf, ber fröhlichen Stimmen würben mehr, ausgelassenes Lachen würbe hörbar. Es würbe Zeit, baß er sein Zimmer verließ, vielleicht suchte ihn Liane schon mit ängstlichen Augen.
Er zog langsam ben Domino über, nahm die Larve vor die Augen, wußte nicht recht, ob er lachen ober ärgerlich sein sollte und schlüpfte vorsichtig, um nicht gesehen zu werden, aus seinem Zimmer.
Er kam unauffällig in die Garderobe, die an diesem Tage in den ersten Stock verlegt worden war, stieg mit lässigen Schritten die Treppe hinunter. Die Diele unten mar belebt; er erkannte sofort Frau Widemann, in dem ihr sehr gut stehenden Kostüm einer schwedischen Bäuerin. Uebrigens war ihre Stimme auch unverkennbar; sie schwebte schon wieder über dem ganzen Geplauder. Er mußte lachen.
„Halt, schöner Freund, wohin?" tönte eine Stimme neben ihm.
Das war Irene, erriet er ganz sicher. Sie trug ein blinkendes, schmucküberladenes Phantasiekostüm. Es konnte gar keine andere dahinterstecken als die sich immer zu kostbar kleidende Irene Lechner.
Das könnte dir so passen!, dachte Fred und zog eine Grimasse. Er zuckte mit den Achseln, bedeutete ihr, daß er sie wieder verstanden hatte, noch
einen Laut hervorbringen konnte. Der Mummen- schanz machte ihm nun aber plötzlich Spaß. Er trat schnell in ben Saal, ein Knäuel lachender, sich drängender Menschen kam ihm entgegen. Eine Frauenstimme — wer war das doch gleich? — quietschte ein wenig aus dem Mittelpunkt dieses Knäuels heraus.
„Durchlässen, bitte, bitte!" flehte die Stimme. Die Person kämpfte energisch um ihre Befreiung. Endlich kam eine reizende kleine Herzdame zum Vorschein, wollte lachend entweichen, rutschte plötzlich aus und fiel Fred in die Arme.
„Ei — wen haben wir denn da?" fragte er lachend und nahm sie fest in seine Arme.
Sie stemmte sich erschrocken gegen ihn. Unzweifelhaft — solch ängstlich erschrockene Augen hatte nur eine, nur eine hatte dieses reizende blonde Wuschelhaar, das sie zwar unter einem großen Herz, das ihren Kopf fast bedeckte, anders als sonst trug. Es war Liane. Im wurde plötzlich aanz warm. Er hielt ihre schlanke, zierliche Gestalt im weißen Svitzenkleid in den Armen, drückte sie fest an sich. Sie wehrte sich fast verzweifelt; aber er ließ sie nicht los.
„Wie das arme Herzchen klopft!" sagte er lachend „Kind, Kind, für so viele Herzen bist du nicht eingerichtet!"
Nun hatte sie ihn erkannt. Wie hätte sie auch seine Stimme nicht erkennen sollen? Sie sah aus scheuen Augen zu ihm auf. Ehe sie sich versah, hatte er ihre Maske ein wenig gelüftet unb küßte sie fest auf den Mund.
„Du aehft ja aufs ganze, mein Lieber!" lachte eine spöttische Stimme neben ihnen. Es war wie- der Irene.
Liane entfloh mit zitternden Knien. Sein Kuß brannte auf ihren Lippen; es mußte also doch Wirklichkeit gewesen sein, daß er sie geküßt hatte.
Fred wandte sich der schillernden, glitzernden Dame zu. „Nicht auf alle Masken darf man solch eine kühne Attacke wagen — manche stechen, an anderen bleibt man hängen. Du könntest mich armen Sterblichen mit deinem schimmernden Glanz blenden."
„Du haft deine Sprache merkwürdig schnell wie- bergefunben. Ich mochte ben Versuch wagen, ob bu bas Licht beiner Augen ebenso schnell wieber- erlangst!"
„Würbe bir baran liegen?"
Sie hängte sich in seinen 2lbn, ihre Augen sprühten ihn an, verhalten klang -ihre Stimme: .Mir würde nur an der Blendung liegen."
„Gib acht, ich halte nicht still?"
„Ich werde es schon zwingen!"
Sie tanzten zusammen, unverwandt ruhte der Blick der schönen Frau auf ihm.
(Fortsetzung folgt!)


