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Nr. 89 Drittes Blatt

GiehenerAnzefger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag. 15. April 1935

Aus der Provinzialhauptstadt.

Adebar.

Seit uralter Zeit wurzelt der Storch in Nie­dersachsenAdebar", das istSeelenträaer" oder Glücksbringer", in der Magdeburger BördeAu- der", in der Lüneburger HeideHeinoder" genannt tiefer im deutschen Volkstum, als ein anderer Vogel. Der Storch ist ein fast mythologisches Tier, em Frühlingsbote, ein Schützer der ehelichen Treue. Er bewahrt Haus und Hof, auf dem er nistet, vor Brand und Blitzgefahr und bringt Kindersegen-, wer ihn tötet, dem verdorrt die Hand. Wenn einst der Turmwächter des fränki­schen Weinstädtchens Kitzingen vom Luginsland des Falterturms das Nahen des ersten Storchs durch einen Hornruf und das melodischeKinds- liedl" ankündete, stand ihm ein KrugHerrenwein" zu; die Jugend von Obernburg am Main aber umtanzte in Ringelreihen den ' rotenAlmosen- turen", auf dem seit Jahrhunderten ein Storchennest steht, und begrüßte den glücklich heimgekehrten Freund mit dem Gesang alterStorchenlieder".

Es ist der einzige Botel, der zur Paarungs- und Brutzeit die menschliche Gemeinschaft sucht, die er sonst, wie alle freilebenden Tiere, flieht. Die Ur­sachen dieser ungewöhnlichen Erscheinung kennen wir nicht. Aber es liegt ohne Zweifel etwas Be­sonderes und Geheimnisvolles in diesem Ver­hältnis von Storch zu Mensch. Brehm berichtet, daß er bei seinen Reisen in Mittelafrika den klei­nen schwarzen Abdimsstorch in der gleichen, engen Verbundenheit mit den Bewohnern des Landes angetroffen habe, wie sie bei seinem größeren Art­genossen unter uns in Erscheinung tritt; jener nistete auf den Dächern der niedrigen Kugelhütten und in den Wipfeln des Affenbrotbaumes der Dorfstraße.

Erst im Lauf von Jahrtausenden ist der weiße Storch, wie der Hausstorch zur Unterscheidung von dem schwazen Waldstorch genannt wird, vom Baumbrüter zum Dachbrüter geworden; im But- jadinger Land in Oldenburg, wo Strohdächer fehlen, nistet er auch heute noch auf den Bäumen, die bei genügender Kronenstärke auch wohl meh­rere Nester tragen. Auch in manchen anderen Landschaften ist die Zahl der Baumnester beträcht­lich, von 15 445 im Jahre 1905 in Ostpreußen, dem eigentlichen deutschen Storchenland, gezählten Ne­stern standen 1063 auf Bäumen. Das frischge­baute Nest hat einen Durchmesser von etwa einem Meter, wächst aber, da es alljährlich neu ausge­baut und ergänzt wird, von Jahr zu Jahr; man kennt hundertjährige Nester in Deutschland von mehr als zwei Meter Breite und fast drei Meter Höhe. Das Gelege- besteht meist aus vier Eiern, die Bebrütung währt dreißig Tage. Schon am ersten Tage wirft der flaumige Jungstorch den Kopf auf den Rücken zurück und versucht zu klap­pern noch ohne Erfolg, da die Weichheit des Schnabels keinen vernehmbaren Laut hergibt, erst am sechsten Tage wird er hörbar. Bei vier Jun­gen haben die Alten täglich etwa 3,5 Kilo Nah­rung herbeizuschaffen. Tagesgericht: braune und grüne Frösche, als Zukost Blindschleichen, Eidechsen, Mäuse, Maulwürfe, zuweilen auch ein Fisch, ein Junghäschen, ein Kaninchen oder Eier und Junge von Bodenbrütern. Am siebzigsten Tage sind die sorgsam behüteten Jungstörche flugbar, dann ist aber auch der Fortzug nach dem Süden nicht mehr fern:

St. Gertraud heißet uns Willkomm, Mit St. Jakob fliegen wir davon!"

Ende Juli sammeln sich die Störche in Scharen auf Wiesen oder Niederungen, sie halten General­appell und tägliche Flugübungen im Geschwader­verband ab, doch gehört dasStorchengericht", das man in diesen Ansammlungen erkennen will, in das Gebiet der Fabel. Die wehrhaften Störche treiben Individuen, die Zeichen der Entartung zeigen, mit Schnabelhieben aus ihrem Kreis, wo­bei es zu tödlichen Verletzungen kommen mag. Bleibt dann ein Toter zurück, so ist der Mensch, der auch im Tierleben gern menschliche Züge sucht,

Oie Deutsche Arbeitsfront.

Ortsgruppe Gießen-Ost.

In der Zeit vom 16. bis einsckl. 24. April 1935 füllen die Sprech- und Zahlstunoen auf dem Ge­schäftszimmer der Ortsgruppe aus. Die Zellenwal- ter haben dafür zu sorgen, daß ihre Blocks bis zum 25. d. M. restlos abrechnen. In Fällen, wo dies nicht geschieht, wird der Zellenwalter persönlich zur Verantwortung gezogen. Die Blockwalter können am Montag, 15. April 1935, etwa noch fehlende Mar­ken in Empfang nehmen.

Die DAF.-Mitglieder der Ortsgruppe Gießen-Ost werden darauf aufmerksam gemacht, daß Beitrags­rückstände bis zum 25. April restlos bezahlt werden müssen, da sonst die Mitgliedschaft erlischt. Sollte der Beitrag in den nächsten Tagen nicht erhoben werden, dann kann derselbe am

2 5. April 19 3 5 (Donnerstag), ab 17 Uhr, auf dem Geschäftszimmer der Orts­gruppe, Licher Straße 17, bezahlt werden.

NS.-GemeinschastKraft durch Freude".

Großer Andrang zu den Ferien- führten vonKraft durch Freud e". Wie schon öfter darauf hingewiesen, ist die Teil­nehmerzahl an den Ferienfahrten vonKraft durch Freude" in diesem Jahre wesentlich größer als im Jahre 1934. Es ist damit zu rechnen, daß bis Mitte, spätestens Ende Mai sämtliche Fahrten über den ganzen Sommer hinaus durch die Voranmel­dungen ausverkauft fein werden. Nochmalige aus­drückliche Bitte an alle diejenigen, die eine Fahrt mitmachen wollen: schon jetzt Ferien einteilen und auf unserer Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, Zim­mer 10, voranmelden. Voranmeldungen je Person 3 Mark, welche dem Gesamtfahrpreis angerechnet werden.

Die Ferienzüge nach dem Allgäu vom 20. bis 28. Juni und vom 19. bis 26. Juli sind bereits

überfüllt und gesperrt. Es werden also zu diesen beiden Urlaubszügen keine Voranmeldungen mehr entgegengenommen.

*

A n unsere Kameraden in allen Betrieben! ,

Am Freitag, 2 6. April, also Freitag nach Ostern, hält Professor Temesvary im großen Hörsaal der Universität einen Einführungsoortrag über dieNeunte Sinfonie" von Beethoven. Der Eintritt ist für jedermann frei. Anschließend findet eine Chorprobe statt, der auch jeder zuhören kann. DieNeunte Sinfonie" ist wohl das volkstümlichste Werk Beethovens. Wenn Herr Professor Temes­vary trotzdem einen Einführungsvortrag hält, so nur deshalb, um auf besondere Feinheiten des Werkes aufmerksam zu machen. Wir verweisen schon jetzt auf diesen Vortrag, damit unsere Ortswarte alle Volksgenossen auf die einzigartige Aufführung am 30. April aufmerksam machen können.

heidelbergfahrt.

Wir bitten alle Teilnehmer der Heidelbergfahrt, den Betrag von 5 Mark pro Person (für Kinder 3 Mark) auf das Konto NSG.Kraft durch Freude" Nr. 5085 bei der Bezirkssparkasse Gießen bis spä­testens 20. April einzuzahlen. Die Beträge können natürlich auch von den Ortswarten und Betriebs­warten gesammelt direkt eingezahlt werden. Für die auf der Bezirkssparkasse erhaltene Quittung können alle Teilnehmer die Fahrkarten auf unserer Geschäftsstelle, Gießen, Schanzenstraße 18, Zim­mer 10, ab Mittwoch, 24. April, gesammelt oder einzeln abholen.

Wir machen alle auswärtigen Fahrtteilnehmer darauf aufmerksam, daß der Fahrpreis von 5 Mark nur von Gießen aus gerechnet ist. Wir teilen aber heute schon mit, daß die Reichsbahn um 75 v. H. verbilligte Karten zur Anfahrt ausgibt.

geneigt, jenen als Opfer einesStrafgerichts" an­zusehen, wodurch die Sage vomStorchgericht" entstanden ist. Wohl aber sind wiederholt und ein­wandfrei Fälle festgestellt worden, in denen Storch­weibchen, die von ruchloser Hand untergelegte Enten- oder Gänseeier ausgebrütet hatten, vom eigenen Gatten und anderen Störchen getötet worden sind.

Dank der planmäßigen Beringung zahlreicher Jungstörche durch die Vogelwarten Helgoland und Rossitten kennen wir die Reisewege unserer Störche nach dem Süden Afrikas leidlich genau: über Spanien, Gibraltar, Marokko im Westen,, über den Balkan, Kleinasien, Aegypten im Osten; sie vermeiden also die Hochalpen und die Weite der offenen See und weichen dem Mittelmeer zu bei­den Seiten aus. Eines Morgens erheben sich die Scharen, die nicht selten mehr als 1000 Köpfe zählen, in buntem Gewimmel hoch in die Luft, in gewaltigen Zügen und herrlichen Flugbildern um­kreisen die Auswanderer noch einmal die Aufent­haltsstätte, dann ordnet sich das Geschwader zum Abflug; in prächtigen Spiralen schrauben sie sich höher und höher, bald sind sie am Horizont ent­schwunden dem neuen Frühling entgegen!

Stempelabgabe für Automaten, Musikwerke und Radioapparate.

Die Polizeidirektion Gießen macht darauf auf­merksam, daß alle Personen, die in Bahnhöfen, öffentlichen Wirtschaften, oder anderen öffentlichen Orten und Plätzen Verkaufs- oder Wieg-Automa­ten, Kraftmesser und sonstige Automaten, die zur Unterhaltung des Publikums dienen, aufstellen wollen, dies zuvor dem Kreisamt Gießen anzu­melden und die vorgeschriebene Stempelgebühr zu entrichten haben. Diese Regelung erstreckt sich auch auf die in Gaststätten usw. aufgestellten Ra­dioapparate, Klaviere und Musikwerke. Klaviere, die ausschließlich zu Vereinszwecken benutzt

werden, sind stempelfrei. Sie müssen jedoch durch Aufschrift, oder durch einen an gut sichtbarer Stelle angebrachten HinweisBenutzung nur dem Verein.........zu Vereins­

zwecken gestattet" versehen sein. Die Polizei­beamten sind angewiesen, auf Beachtung dieser Vorschriften genauestens zu achten

Eieraufkauf nur mit Genehmigung.

Die Landesbauernschaft Hessen-Nassau teilt mit: Händler und sonstige Gewerbetreibende, wie Bäcke­reien, Kolonialwarengeschäfte usw. dürfen Eier vom Erzeuger nur dann kaufen, wenn sie im Besitze eines Uebernahmescheines für Eier sind. Diese wer­den ausgestellt vom Eierverwertungsverband Hes­sen, Frankfurt a. M., Bockenheimer Landstraße 55, Fernsprecher 72 357, der auch jede Auskunft über den Verkehr mit Eiern erteilt. Der Uebernahme- schein ist beim Aufkauf stets mitzufuhren. Gewerbe­betriebe, die ohne Uebernahmeschein Eier vom Er­zeuger kaufen, machen sich nach § 11 des Gesetzes vom 20. Dezember 1933 strafbar. Es wird dringend davor gewarnt, gegen dieses Gesetz zu verstoßen, da in jedem Falle Anzeige bei der Staatsanwalt­schaft erfolgt. Auch die Gendarmerie- und Ortspo­lizeibehörden kontrollieren die Einerhändler, wie auch dauernd aus Märkten, Bahnhöfen und in Ge­schäften Stichproben vorgenommen werden. Bestra­fungen wegen unerlaubten Handels mit Eiern führen unter Umständen dazu, daß den Betroffenen der Handel mit Eiern für dauernd verboten wird.

Vornotizen.

Tageskalender für Montag: Licht­spielhaus, Bahnhofstraße: Reichsparteitagfilm Triumph des Willens". Gesellschaft Liebig- museum: 18 Uhr im Hörsaal des Liebigmuseums Mitglieder-Versammlung.

Klavierabend Georg Kuhlmann. Zugunsten des Gießener Studentenwerks gibt am morgigen Dienstagabend im Studentenhaus der

Frankfurter Pianist Georg Kuhlmann einen Klavierabend. Die Vortragsfolge bringt klassische und romantische Meisterwerke von Bach, Mozart Chopin und Schumann. (Siehe Anzeige vom Sams­tag.)

Oer Turmbau der katholischen Kirche im Gange.

(Aufnahme: Neuner. Gießener Anzeiger»

Der Bau der katholischen Kirche an der Liebigstraße wird gegenwärtige stark gefördert. Nachdem die Ar­beiten am Untergrund und in den Grundmauern erledigt sind, konnte nun der Turmbau in Angriff genommen werden. Der Turm wächst nun allmählich empor und hebt sich schon deutlich heraus. Unser Bild zeigt den Neubau der katholischen Kirche in seinem gegenwärtigen Stand.

Ein vermißtes Mädchen unter mysteriösen Umständen aufgefunden.

Im Gießener Anzeiger vom 10. April berichteten wir, daß die 15 Jahre alte Marie Hengst aus Kinzenbach seit Donnerstag, 4. Avril, vermißt werde, nachdem sie zum letzten Male an jenem Tage gegen 18 Uhr auf der Gießener Messe auf Oswaldsgarten gesehen worden war. Das Mädchen ist nunmehr am vorgestrigen Samstagnachmittag kurz nach 16 Uhr in dem Wagenschuppen der Viebertalbahn auf einer seit etwa 2 Jahren außer Betrieb gesetzten und im hintersten Teile der Halle stehenden Lokomotive aufgefunden wor­den. Wie das Mädchen dorthin gekommen ist und welche Begleitmomente dabei eine Rolle spielen, unterliegt der polizeilichen Nachforschung.

Wie wir von Augenzeugen bei der Auffindung des Mädchens hörten, vernahmen die in der Wagen­halle beschäftigten Arbeiter bereits am Freitag­nachmittag ein leises Wimmern, das sie sich aber nicht erklären konnten. Am Samstagnachmittag kurz vor Arbeitsschluß hörten sie dieses Wimmern wiederum, und diesmal deutlicher als am Tage vorher. Sie gingen nun den Klagetönen nach und stellten dabei fest, daß das Jammern aus dem Führerstand der abgestellten alten Lokomotive kam. Die beiden Seitenfenster des Führerstandes waren mit Brettern vernagelt, die rückwärtige Seite des Standes befand sich dicht an der Hallenwand, und auch hier sollen die Fenster des Führerstandes ge­schlossen gewesen sein. Die sofort benachrichtigte Polizei war rasch zur Stelle und brach die Bretter­verschalung an dem verschlossenen Führerstand auf.

Konzert des Bauerfchen Gesangvereins.

Die Zeitverhältnisse meinen es mit unseren Män­nergesangvereinen nicht besonders gut. Aus den ver­schiedensten Gegenden kommen Klagen über Mit- aliederschwund, schlechten Probenbesuch, Austritte unterstützender Mitglieder und dergleichen mehr. Kaum, daß es den Vereinen möglich ist, ihren ver­schiedenen Pflichten gegenüber der Allgemeinheit nachzukommen, geschweige denn, daß sie em Konzert abhalten können. Das ist tief bedauerlich. Wer glaubt, daß es für das Vereinsstreben genügt, wenn der Chor an einer öffentlichen Veranstaltung teiL- nimmt, der ist im Irrtum. Auch die Werwngs- fingen können das Konzert mcht voll ersetzen. ©ejDif) haben sie einen hohen, besonders erzlehenschen Wert. Die Vereine erproben dabei gegenseitig ihre Kräfte, und ihre Leistungen werden fachmännisch bewertet. Von größter Bedeutung ist dabei die Pflicht, nur einwandfreies Liedgut zu bringen Das Gemein­schaftsgefühl wird gefördert und findet fernen fmn= fälligen Ausdruck in den Maffenchoren. Und doch kann es das Konzert nicht ersetzen, und zwar aus folgenden Gründen:

Beim Konzert steht der veranstaltende Verein allein im Mittelpunkt des Geschehens. Jeder Sanger ist sich seiner Verantwortung bewußt. Don ihren Leistungen hängt das Gelingen ab. Das Durchstehen durch die ganze Folge ist nur dann gewährleistet, wenn treue und aufopfernde Arbeit von selten der Sänger und des Leiters vorausgegangen ist. Kem Verein, der nicht technisch und musikalisch ourch- gebildet ist, kann es wagen, ein Konzert erfolgreich zu bestreiten. Wer die vorausgehende fleißige Arbeit etwa als Drill bezeichnet, der hat noch nie am eigenen Leibe eine arbeite« und schaffensfrohe Chor­stunde miterlebt. Ohne Fleiß kein Erfolg. Sanger und Leiter sind sich bewußt, daß sie das dem Werk und seinem Schöpfer schuldig sind. So bedeutet das Konzert die Krönung ehrlichen Schaffens und will zugleich Vorbild fein dem schwächeren Bruder, der sich hier gern Anregung zu eigenem erfolgreichen Schaffen holt.

Der Bauersche Gesangverein ist einer der wenigen Vereine, die, einer guten Ueberliefe- rung treubleibend, Jahr für Jahr ein Konzert ab- halten. Zwar ist die Zeit auch an ihm nicht spur­los vorübergegangen. Die Reihen des auch letzt noch stattlichen Chores haben sich etwas gelichtet, das ist aber nicht seine Schuld. Auch heute noch stellt der Verein einen Klangkörper vor, der sich hören lassen kann. Besonders klangschön sind die

prachtvollen Bässe, die im wahren Sinn des Wor­tes das Fundament des Vereins bilden. Gegen sie treten die Tenöre zurück, hie und da ist der zweite Tenor etwas matt, der erste Tenor zeigt stellenweise Neigung zum Sinken. (Auf, bleibet treu",Ve­sper".) Es mag dies an der wechselvollen Witterung liegen, der ja erfahrungsgemäß unsere Tenöre be­sonders ausgesetzt sind. Aber abgesehen von diesen wohl zufälligen Erscheinungen zeigte sich der Chor als ein besonders dynamisch sehr biegsames und tonlich spannfähiges Instrument, das eine so an­spruchsvolle Fplge wohl meistern kann. Es wurde auch deutlich und lautrein gesprochen.

Dem Volkslied in den verschiedensten Be­arbeitungen war mit Recht ein großer Raum Vor­behalten, denn aus ihm ziehen ja unsere Sänger in der Hauptsache ihre musikalische Nahrung. Hier soll besonders auf das ganz meisterhaft bearbeitete Volkslied von LudwigSchönster Abendstern" hin­gewiesen werden. Die kanonische Durcharbeitung des Mittelteils ist einzigartig. Leider sind die har­monischen Schwierigkeiten so groß, daß sich nur wenige Chöre an das Lied heranwagen können. In Auffassung und Dynamik wurde es sehr aut wieder­gegeben. Neben den Volksliedern sang Der Verein, noch eine Reihe guter älterer und neuerer Chöre. Unter ihnen ragt hervor derSommermorgen" von Rein. Es ist dies einer von den Chören, die gesungen noch viel mehr darstellen als an dem Klavier. Das einprägsame Schreitmotiv beherrscht fast das ganze Stück. Seine Verbreiterung gegen den Schluß hm wirkt sehr eindringlich. Alle Stim­men haben etwas zu sagen und was besonders er­freulich ist, warme Herzenstöne sind vernehmbar. Hier bot der Chor eine geschlossene Leistung nach jeder Seite hin. Die Darstellung durch den Leiter war vorzüglich. Gleiche Höhe erreichte vielleicht noch Innsbruck, ich muß dich lassen".Pilger auf Erden" undVesper", zwei bearbeitete Jnstrumen- talstücke, hätten wohl besser am Anfang gestanden. Sehr schön war die dynamische Gestaltung. Leider waren die Tenöre nicht mehr ganz auf der Höhe. Den Beschluß machten ein frisch gesungener Kanon von Mozart und ein nach außen hin sehr wir­kungsvoller Chor von FinkenVerschütt", der wiederholt werden mußte. Den größten Anteil an dem guten Gelingen der Veranstaltung hat ohne Zweifel der temperamentvolle Leiter des Chores, Herr Professor Temesvary, der mit sicherer Hand seine Sänger um all die Klippen zu dem Erfolg führte, der seine Bestätigung in dem reichen Beifall der Zuhörer fand. In dem von ihm ge­schriebenen Chor:Auf, bleibet treu zeigt er sich als empfindsamer Musiker, der eine nicht gewöhn­liche Sprache spricht.

Fräulein Gehrig (Sopran) aus Frankfurt fang Lieder und Arien von Schubert, Brahms, Mozart und Lortzing. Sie verfügt über eine zwar nicht sehr große, aber besonders in den hohen Lagen wohl­gebildete Stimme. Störend wirkte das am Anfang zu starke Tremolo. Es ist der Reinheit nicht günstig, steht auch dem schlichtenHeidenröslein" nicht zu Gesicht. Sehr gut war die Gestaltung der einzelnen Stücke, ebenso die recht gepflegte Sprache. Der herzliche Beifall zwang zu einer Zugabe.

Es war erfreulich, daß man wieder einmal einen Bläser als Solisten hörte. Herr (Brau vom Stadt­theaterorchester spielte eines der herrlichen Werke für Klarinette von C. M. v. Weber mit schönem Ton und guter Technik. Die Solisten wurden am Flügel von Prof. Temesvary zuverlässig be­gleitet. a

,/Der Kaiser und der Löwe/'

Am Frankfurter Schauspielhaus wurde Walter Erich Schäfers SchauspielDer Kaiser und der Löwe" uraufgeführt. Der Kaiser ist Fried­rich Barbarossa, der Löwe Herzog Heinrich von Sachsen und Bayern, zwei Repräsentanten echten deutschen Fürstengescklechts, aber doch ungemein verschieden in ihren Auffassungen von den wahren Interessen der deutschen Nation. Friedrichs Blick ist nach dem Süden gerichtet, nach der Cäsaren­krone, Heinrich dagegen spielt mit dem Gedanken eines nordischen Reiches, und die Geschichte bat ihm Recht gegeben, denn nach zähestem Ringen um Italien ist Barbarossa schließlich so weit wie am Anfang, während Heinrich bis nach Pommern vorgedrungen ist und sich ein mächtiges Reich ge­schaffen hat. Allerdings muß er es ständig und immer wieder verteidigen, darf feine Lande nicht verlassen, wenn er seine Grenzen unversehrt er­halten will. Darum verweigert er auch dem Kaiser die Gefolgschaft nach Italien, als sich die lom­bardischen Städte erheben, und wird dafür in die Acht erklärt. Die Folge ist ein verzweifelter Bru­derkampf, der mit der Verwüstung Westfalens endet, denn der Löwe gab nicht nach. Wir stehen erschüttert vor dieser schicksalsschweren Zeit der Bruderkämpfe und mißgeleiteter deutscher Män­nerkraft.

Die Darstellung war ausgezeichnet. Robert Taube als Barbarossa und Ernst Sattler als Heinrich der Löwe stellten Gestalten mannhafter deutscher Fürsten auf die Bühne. Auch Walter K i e s l e r als Erzbischof von Köln und Joachim Gottschalk als Erzbischof von Magdeburg mach­ten ihre Sache ausgezeichnet. Erwin Th au er als Hans Jordan und Hermann Schömberg

als aufbrausender Markgraf von Brandenburg ver­dienen ebenfalls lobende Erwähnung. Die einzige weibliche Rolle der Kaiserin Beatrix' lag bei Hanni Hößrich in guten Händen.

Das Stück fand starken Beifall und wird feinen Weg über die deutschen Bühnen machen. L.

Zeitschriften.

Das GoethewortWir müssen alle schlechte Arbeit hassen lernen wie die Sünde", ist das Motto zum Frühlingsheft desI n f e l s ch i f f s". Aus dem reichen Inhalt feien zunächst die Beiträge ge­nannt, die aus einem aktuellen Anlaß hervorgingen: der berühmte Pianist Edwin Fischer spricht über Bach, Adolf von Grolman über Bachs Lebens­geschichte von Charles Sanford Terry, die der Insel- Verlag in neuer Auflage herausbringt; Händels Wesen und Werk in Aussprüchen seiner Zeitge­nossen; Bettina in ihren Briefen. Aus dem neuen Geschichten - Bande von Timmermans finden wir die merkwürdige Anekdote vom Trommler Karle- mann, vom König Leopold und vom Friedhof der Elefanten. Weiterhin etliche Proben aus unver­öffentlichten Rilke-Briefen.Die Geschichte von der Weiberlist, die über die Männerlist siegte" aus dem demnächst erscheinendenArabischen Märchen". Ein Auffatz über Hanseatentum im kaiserlichen Deutsch­land aus einer Monographie der Stadt Bremen von Georg Bestell. Dazu Gedichte von Rudolf Alexander Schröder, Friedrich Schnack, Otto Frei­herrn von Taube und Erika Mitterer.

Hochschurnochrjchien

Professor Dr. Robert Fricke, Ordinarius für organische Chemie an der Universität Greifs­wald, ist in gleicher Eigenschaft an die Technische Hochschule in Stuttgart versetzt worden.

Professor Dr. R. Stucken, Ordinarius für Sozialwissenschaft an der Universität Jena, bat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Leipzig abgelehnt.

Professor Dr. Adolf Hammer st ein, Ertra- ordinarius für Mathematif an der Universität Berlin, ist zum ordentlichen Professor an her Universität Kiel ernannt worden.

Die ordentlichen Professoren 3nh. Sohotta (Anatomie), O. v. Franguö (Frauenheilkunde), H. Göppert (Industrie- und Handessrecht - A. Pflüger (theoretische Physik), F Hausd r'f (Mathematik) und A. B o >'a e r t (Zoologie) sämt­lich an der Universität Bonn, sind entpflichtct worden.