Nr. 292 vierte; Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zamrtag, (4. Dezember (935
Die Glockengießer von Ginn.
Ein altehrwürdiges Handwerk unserer Heimat.
■ ■
H *
|
-
©ie Glocken im Kirchturm als Rufer zum Gottesdienst. — (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Die Glockengießer von Sinn im Dilltal sind eine alte Familie R i n ck e r, die ununterbrochen seit vier Jahrhunderten ihre Glocken gießt. Urkundlich kann sie nachweisen, daß der Vorfahr Hans Rmcker schon im Jahre 1590 ein Glockengießer war; er goß damals für die Kirche in Netphen, Kreis Siegen, eine große Glocke, die 2626 Pfund wog, und als sie vor einigen Jahren zersprang, wurde sie von den Nachfahren ihres Meisters in Sinn um
in diese Halle kommt, vermeint in einer Kirche zu stehen. So sonderbar still ist es darin. Gewiß — da arbeiten Männer! Sie kneten, modellieren, messen, lautlos und still, verloren in der Arbeit. Sand dämpft ihre Schritte.
„Wenn Sie die alte Glockengießerei sehen wollen, kommen Sie!" sagt Herr R i n ck e r. Wir kriechen durch eine Mauerbresche in einen dunklen Raum hinein. Das ist die alte Glockengießerei, die der Urgroßvater anlegte. Eine mächtige Gießgrube, ein baumdickes Holzgestühl aus Rollen und Balken zum Lastenbewegen hängt darüber. Ein aus Backstein gemauerter Schmelzofen, dessen Stichloch gleich an der Grube liegt. In dieser altersgrauen Werkstatt wurde mit Holz gefeuert und auch die Glocke in der Grube geformt. Der alte Ofen hat zwei Züge, die die Flamme gleichmäßig auseinanderzogen: in der inneren, wie auch in der äußeren Konstruktion gleicht er bald einem Backofen. Im Winkel stehen noch die langen Spieße, mit denen der Guß am Stichloch reguliert wurde. Altes.Gerät, Spieße, Kellen, Schöpfeimer, Zangen, Schablonen und Taue lagern ringsum im Dunkel.
Wie kostbares Erbgut wird die alte Werkstatt in Ehren gehalten. Die neue Halls wurde im Jahre 1921 errichtet. Den Ofen mit der Oelfeuerung stellten die Rinckers im Jahre 1927 auf. Sie haben feit den 70er Jahren, in den letzten sechzig Jahren also, eine gewaltige Arbeitsleistung vollbracht: über 7000 Glocken wurden gegossen, davon 2000 für Ungarn. Die meisten Glocken wurden nach den Kriegsjahren gegossen. Viele deutsche Glocken, aus Kupfer und
-
■><
gegossen. Die Glockengießerei in Sinn lag ursprünglich in Aßlar am Eingang des Dilltales, anno 1759 verzogen die Rincker nach Leun an der Lahn; seit 1817 sind sie in Sinn. — Zwei Brüder betätigen sich heute in der Glockengießerei, die in ihrer Art einzig dasteht.
Einst und jetzt.
Wir betreten eine hohe Halle. Vom Eingang links liegt eine Grube, übermannstief, quadratisch ausgeschachtet. Neben der Grube steht der Gießofen mit dickem Bauch. Er hat eine Oelfeuerung — man sieht die Oelschläuche unter dem Bauch. Das Glockenmetall wird von einer Oelflamme geschmolzen und nicht mehr von der schwalchenden Flamme des Fichtenholzes. Ringsum eisernes Gebälk, Gleitschienen, Laufkatzen, hängende Trossen. Werkbänke stehen an der einen Wand, längs der anderen reihen sich Sockel, niedrig gemauert, rund, kegelförmig. Einige tragen lehmverkleisterte Glockenkerne, an denen der Kernmacher wirkt. Mitten in der Halle lagern fünf Glocken mit silberblankem Schein; ein Jungarbeiter putzt und bimst sie. Ein dunkles Singen! Wir blicken uns erstaunt um. Ein Industriebetrieb ist sonst lärmend und laut, doch wer
Zu unseren Bildern:
Bilder links (von oben nach unten): Der Schmelzofen mit Oelfeuerung. (Aufnahme: Husch, Wetzlar.) — Der Guß verläuft in Ordnung. (Aufnahme: Weber.) — Rechts nebenstehend: Die im Jahre 1555 zu Mecheln gegossene und 1933 bei Rincker umgegossene Glocke.
Bilder rechts (von oben nach unten): Aufnahme eines alten graphischen Blattes: Die Glockengießer waren auch Stückgießer. — Der aufgemauerte Glockenkern als erster Teil der Form. — Die halbaufgetragene falsche Glocke (Modell) und Kern. — Der fertige Glockenmantel mit aufgesetzter Krone. — Ausnahmen: Husch, Wetzlar.)
Zinn, aus Bronze, waren dem Krieg geopfert worden. Die Kriegsglocken wurden aus Stahl gemacht. Der Friede wurde mit wenigen und stählernen Glocken eingeläutet. Als in den NachkrieZsjahren sich die Bestellungen häuften, stellten Ringers zeitweise alle zehn Tage 25 Glocken her. Das will etwas besagen. Dazu waren mehrere Modellfelder notwendig, wo Kerne und Forme langsam entstehen. Sechs Wochen und länger dauert das Werden einer
Glocke. Aber zwischen Einst und Jetzt besteht, wie in der Betriebsanlage, in der Arbeitsweise ein starker Unterschied. Ja, Friedrich Schiller, dessen Lied mit dem Glockenguß beginnt, hat nicht den wichtigsten und merkwürdigsten Teil des Glockengießens besungen, nämlich den Werdegang der Glockenform. Der Guß selbst ist sozusagen der Punkt auf dem i.
wie die Glocken werden.
Eine Gemeinde braucht ein neues Geläute, und der Pfarrer benachrichtigt den Glockengießer. Er erscheint am Ort und erkundet den Ton des schon vorhandenen Geläutes. Hat er die Schwingungszahlen errechnet, macht er feine Vorschläge. Die Gemeinde hat dann darüber beraten, erteilt ihm den Auftrag, und er kann beginnen. Aus der äußeren und inneren Kurve des Querschnittes der Rippe hat er den Ton bzw. die Jnnenstimmung der Glocke berechnet. Nun zeichnet er die Kurve auf ein Brett auf, schneidet die Zeichnung peinlich genau aus und hat so die Schablone gewonnen; sie wird an einer Spindel befestigt, in den aus lufttrockenen Lehmsteinen hohl aufgemauerten Glockenkern eingesetzt. Der Kernmacher oder Former bewirft den gemauerten Kern mit Lehm, überzieht ihn Schicht für Schicht, bis der Raum zwischen Mauerung und Schablonenhöhe sich setzt. Weil jede Schicht' trocknen muß, bevor er die nächste auftragen kann, brennt ein Feuer im Hohlraum des Kernes. Mit dem Wachsen der Form wird die Schablone entsprechend genau ausgeschnitten. Die letzten Lehmschichten sind dünn und leicht, um die Form glatt zu machen, denn sie prägt die Innenwand ' der Glocke. Nun steht das Kerngebilde, das die Innenwand der Glocke formt, und um es zu isolieren, reibt man es mit Buchenholzasche ein. Was nun darüber kommt, ist die falsche Glocke, ein Modell «us Lehm, steif und mager angemacht. Das Ganze muß trocknen und danach erkalten; das Feuer heraus. Jetzt wird der Rindertalg aufgetragen, aus dem die Zierleisten zu ziehen sind. Auch die Inschriften und Reliefs, in Gips gegossen oder aus Wachsplatten geschnitten,
BL
Metall schießt hervor. Gelb, rot mit blauem Schein fließt es durch die Rinnen, und schon raucht der erste Glockenhenkel, steigen blaßrauchend die Windpfeifen, die die Füllung anzeigen. Die Gußschlacke schwimmt obenauf, erstarrt blau, grau im Gießkanal. Hat die erste Glocke das Metall geschluckt, schleust man es in die zweite, weiter in die dritte, vierte, und bevor man es erfaßt Hut, ist das Metall
/•K-
werden auf die Talg- schicht aufgesetzt und bepinselt mit dem dünnen Zierlehm, der eine ausgeprägte Kontur verleiht. Die Hand, die das alles macht, muß fein und sicher arbeiten. Nun steht die Form aus Kern, Modell und wächsernem Zierrat. Noch fehlt die Form und das Negativ für die Außenwand. Wiederum wird Lehm aufgetragen. Um die Form legt sich ein dicker Mantel, und noch feucht, wickelt man eine Bandage darum. So kann der Lehm weder reißen, noch sich werfen. Damit alles trocknet, kommt das Feuer wieder in den Kern hinein. Jetzt stehen Kern, falsche Glocke und Mantel fertig. Aber
die Krone aus sechs Henkeln fehlt und erst wenn sie das Werk krönt, setzt man die Windpfeifen ein, aus denen beim Guß die Luft entweicht. Zum Schluß wird die ganze Form richtig ausgebrannt. Dabei schmelzen Talg und Wachs heraus, und ein feiner Zwischenraum entsteht: im Mantel aber sind jetzt Schmuck und Inschrift negativ ausgeprägt. Der Mantel wird abgehoben, die falsche Glocke vom Kern geschält, der Kern mit Erde ausgestampft, der Mantel wieder aufgestülpt. Wo die falsche Glocke saß, wird die glühende Glockenspeise hineinfließen. Der Glockenguß wjrd bereitet.
„heule soll die Glocke werden..
Sechs Wochen lang wurde an der Form gearbeitet. Der Kran hebt die ganze Form vom Sockel und setzt sie in die Grube. Nebeneinander stehen mehrere Formen, mit Erde verpackt, fest zugestampft, sonst könnte sich beim Guß der Mantel heben. Nur die Windpfeifen bleiben sichtbar. In die Glockenkrone ist ein Loch hineingebohrt, das den Guß aufnimmt. Ueber dem gestampften Boden sind Rinnen gemauert.
Mit grellem Sausen stößt die Oelflamme in den Ofen hinein. Oben hat er ein
Loch, aus dem wie aus einem Drachenmaul die Flamme, das Gas und der Rauch mit fauchendem Ventilatorengeräusch wirbelnd entweicht. Im Ofen ist das Kupfer geschmolzen, das schneller schmelzende Zinn hinzugetan. Bei 1200 Grad hat die Glockenspeise den richtigen Hitzegrad erreicht. Der Feuermann fährt mit einem langen Kratzer und dann mit einem Balken darin herum. Heiß brodelt der glühende Brei auf. Dem Ofen wird eine Probe entnommen. Der Lehmkno-
verflossen. Zehn Minuten sind vergangen, alles ist vorbei und gewesen. — Drei Tage bleibt der Guß in der Grube, erstarrt und erkaltet. Dann graben sie die Glocken heraus und schlagen den Mantel in Stücke, entfernen den Kern. So ist die Glocke geworden. Geputzt und gewaschen wie ein neugeborenes Kind, liegt sie silberblank in der Halle und wartet auf das Joch und den schmiedeeisernen Klöppel. Jetzt kann sie klingen. Ein Sachverständiger prüft ihren Ton. Aus Gestein der Erde ist nun Klang
und Form geboren. Irgendwo wartet ein Turm, ein Dorf, eine Stadt, ein Land auf den erzenen Mund ber Zeit.
Altes und neues Geläute.
Wie Paten zum Taufkind, stehen die Glockengießer zu ihrer Glocke. Getreu wie Gesellen zum Meister stehen die lebenden Rinckers zu den Vorfahren. Obwohl sie selbst meisterhafte Glocken gießen
ten im Gußloch wird herausgebrochen, es liegt frei.
Fertig! Schon ist alles bereit. Eins in eins greift die Arbeit von den fünf Männern, die da wie auf dem Sprung stehen und wissen, was sie zu tun haben. Der Guß macht sie zu einem Körper, einem Wissen und Wollen. Die Gießbrücke wird zwischen Ofen und Gießfeld geschraubt. Mit mechanischen Winden wird der Ofen gekippt. Der Augenblick ist da. Mit ruhiger Stimme sagt Rincker: „In Gottes Namen denn!"
Langsam neigt sich der Ofenbauch herüber. Im Guhloch glüht es auf, der Brei schwappt, da»


