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Hr.136 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

§reitag,!4-)uni 1955

Aus der Provinzialhauptstadt

^ie vrokiqe Riviera von Cannes und Nizza, sich kreuz und quer durch Städte und Dörfer der rarnn. nnn neffern kommt, ist fast verwaist, abenteuert. In der inneren Beute, die einer heim-

foll, bilden sich schon langfam die großen Linien eines Lebensstiles, der mit allen alten Formen auf­räumt, die sich vor dem neuen Geist nicht rechlferti« gen können, und dessen schmucklose Natürlichkeit nicht mehr bürgerlich ist und auch nicht proletarisch, nicht preußisch und auch nicht bayrisch, sondern gemein­sam deutsch in jenem verbindlichen Sinne, in dem man von einem französischen oder englischen Lebensstil sprechen kann.

Ideologie des Nationalsozialismus bieten sich ihr die geeigneten geistigen Waffen und praktischen Hand­haben. Von drei Seiten wird das Problem in An­griff genommen: bei der Jugenderziehung, bei den Berufs - und Feierab endorgani- s a t i o n e n und bei den gemein {amen F e st e n und Feiern der Nation. Und obwohl wir erst am Anfang des großen Verschrnelzungs- und Umprägungsprozesses stehen, der die früher zerrissene deutsche Nation zu einer lebendigen Einheit gestalten

dein nicht lieben. Ein besonders beliebter Niststrauch ist die dichtwachsende Alpenjohannisbeere, die noch dazu gar keine Pflege braucht. Mit Efeu, Knöterich oder wildem Wein berankte Mauern enthalten ebenfalls oft Nester. Die weitaus beliebteste Brut­stätte ist jedoch die Weißdornhecke. In ihr findet sich häufig alle zwei Meter ein Nest. Ist der Fried­hof von einer Mauer umgeben, dann lassen sich dort Niststeine", das sind künstliche Nisthöhlen aus Zement, einbauen. Einige Nisthöhlen an den Bäu­men, eine Trink- und Badestelle mit flach aus- laufenden Rändern für den Sommer und ein wet­tergeschützter Futterplatz für den Winter vervoll­ständigen die Einrichtung.

Man achte auf herumstöbernde Kinder und be­sonders auf Vogelsteller, die gerade auf Kirchhöfen gern ihre Stellnetze oder Fangkäfige im Gebüsch verborgen anbringen, oder die Wasserstellen mit Leimruten umstecken. Der Vogelfang ist in Deutsch­land gesetzlich verboten, leider aber im Geheimen immer noch viel mehr im Schwung, als der Uner­fahrene ahnt.

So läßt sich ohne große Kosten mit etwas Liebe zur Sache in vielen Städten und Dörfern ein wahres Paradies für unsere Vogelwelt schaffen. Sicherlich wird sich meist ein naturliebender Pfar­rer, Lehrer oder Friedhofsbeamter finden, der die Ausgestaltung und Beaufsichtigung gern übernimmt Bringt doch diese Arbeit soviel Freude und An­regung, daß sie sich dadurch schon selbst belohnt, ganz abgesehen von dem großen Verdienst um die Erhaltung der allbeliebten Vögel im Naturganzen als Schmuck der Heimat und als wertvolle Helfer im Kampf gegen die Insektenplage. In den auf den Kirchhöfen entstandenen zahlreichen Schutzgebieten könnten die bedrängten Vögel ungestört brüten und sich so vermehren, daß weiter im ganzen Land eine allmähliche Zunahme zu erhoffen ist.

Die Vogelfchutzstation Seebach. Kreis Langen­salza, steht dabei gern mit kostenloser Beratung zur Verfügung. Sie versendet auch Flugblätter über die verschiedenen Vogelschutzarbeiten, darunter Anlei­tung zum Selbstbau von Nistkästen und Futter­stellen und Anweisung für das Einbauen der Nist- steine. In vielen Fällen werden die örtlichen Vogel­schutz- und Heimatvereine bei der Einrichtung der Anlage sicherlich gern behilflich sein, ebenso die in der Nähe wohnenden Mitarbeiter der Vogelschutz­station, die überall im Reich nachgewiesen werden können.

NSDAP. Ortsgruppe Gießen-Süd.

Einzug der hilfskaffenbeiträge von den im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Süd wohnen­den SA.-Männern.

Alle Angehörigen der SA., NSKK., Reiter-SA., Marine-SA. und SS., soweit sie nicht Parteigenos­sen sind und im Bereiche der Ortsgruppe Gießen- Süd wohnen, entrichten ihren Hilfskassenbeitrag für das 3. Vierteljahr 1935 am Montag, 17. und Dienstag, 18. Juni, zwischen 20.30 und 23 Uhr in der GastwirtschaftZum Tannhäuser", Frankfurter Straße 81.

Nichtbezahlen des Hilfskassenbeitrags an diesen Abenden hat Abmeldung bei der Hilfskasse in Mün­chen zur Folge. ________________________

Heimstätten derVögelaufdem Friedhof.

Von Dr. Karl Maysseld

Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz, Seebach.

Die Verminderung eines großen Teiles unserer heimischen Vogelwelt wird allgemein beklagt. Bei einigen Dogelarten, wie bei den herrlichen Raub­vögeln und bei den Bewohnern der Moore und Sümpfe, wird es recht schwierig sein, diesen Rück­gang aufzuhalten. Viel leichter ist es dagegen, unserer Kleinvogelwelt zu helfen. Nicht der Vogel­fang im Süden ist der Hauptgrund für das immer weitere Verschwinden unserer schönsten Sänger, sondern das Fortschreiten der intensiven Kultur in Forst- und Landwirtschaft engt ihnen die Lebens­möglichkeiten mehr und mehr ein.

Ueberall werden die alten Bäume gerodet; damit wird den Spechten die Gelegenheit zum Bau ihrer Nisthöhlen genommen. Mit den Spechten leiden dann aber auch alle die anderen Höhlenbrüter unter der Wohnungsnot, wie die Meisen, Kleiber, Baum­läufer, Rotschwänze, Fliegenschnäpper und Stare. Ihnen kann man jedoch leicht durch Anbringung künstlicher Nisthöhlen helfen. Recht wenig geschieht dagegen für die Hege der Strauchbrüter, und gerade das ist sehr schade, denn zu ihnen gehören unsere lieblichsten Sänger, wie Nachtigallen, Grasmücken und Hänflinge. In immer weiterem Umfang wer­den die Hecken der Gärten durch Zäune ersetzt. Jedes Fleckchen der Flur sucht der Bauer für feine Saaten auszunutzen und beseitigt oft rücksichtslos alles, was ihm dabei im Wege ist. So fallen denn auch hier die Hecken, der Rain wird von Gebüsch gesäubert und jede Wasserstelle wird trockengelegt, ohne Rücksicht darauf, daß dadurch die Nistgelegen- heiten für die Vögel und die Zufluchtstätten für das Wild mehr und mehr zusammenschmelzen.

Die Anlage besonderer Vogelschutzgehölze, wie sie der Altmeister des Vogelschutzes, Frhr. v. Berlepsch, so erfolgreich erprobt hat, erfordert aber Platz. Niemand opfert für diesen Zweck gern ein Stück Kulturland, zumal ja auch aller verfügbare Raum zur Erzeugung von Nahrungsmitteln gebraucht wird. Und doch ist es so einfach, unseren bedrängten Singvögeln einen willkommenen Zufluchtsort zu schaffen. Mit wenig Mitteln läßt sich aus jedem Kirchhof in Stadt und Land ein ideales Schutz­gelände Herrichten, ohne daß darunter feine Würde als Ruhestätte der Toten leidet. Im Gegenteil, das Gesamtbild läßt sich durch verständnisvoll ein­gefügte Hecken und Strauchgruppen wesentlich ver­schönern. Die herrlichen, parkartig angelegten neue­ren Friedhöfe in Berlin, Hamburg, Hannover und Lübeck sind dafür die besten Beweise.

Auf fast jedem Friedhof sind wohl schon einige Lebensbäume und Eiben (Taxus) vorhanden. Durch alljährliches Entspitzen ihrer Außentriebe im August oder September erzielt man bei ihnen einen dichten Zweigaufbau. In gleicher Weise lassen sich auch junge Fichten zu dichten Niststräuchern heranziehen und dauernd auf einer Höhe von etwa 2 Meter halten. Höher nisten nämlich die meisten Strauch­brüter nicht. Gerade in solchen Fichten sind nach unseren Erfahrungen die Nester recht gut gegen Katzen geschützt, die anscheinend die stachligen Na-

das Goldene Horn. ...... , ,,

Den fünfen Schiffen gehört die halbe alte Welt, zwar nur mit ihren Küsten und klemen Trips in Innere; sie verhelfen dazu, Begriffe zu faffem ® soll mir keiner sagen, daß er in Spanien war, wenn i°r in SaKelona bünterie! Und trotzdem mar er dort Mann kanns nicht leugnen. 2>enn wer em Panb erleben will, der wird sein Schiff verlassen, der nimmt einmal vorlieb mit Unbesuemlich^iten (big gibt es kaum auf solchen Schiffens der schlagt

Ausgewanderten schnell genug zur Feierabendfenti- ! Mentalität: es verriet sich bald nur durch die Pflege des deutschen Liedes, durch die Vorliebe für Heimat- ! liche Speisen und Getränke und das Festhalten an dem hergebrachten Weihnachtsfest.

Wir Deutschen haben bis vor kurzem keinen 1 Menschentypus und keinen Lebensstil hervorbringen können, der ähnlich vorbildliche und verbindliche Kraft für die eigene Nation besessen hätte wie etwa ; der Typus und Stil des Gentleman für den Eng­länder. Wer durch Deutschland reifte, konnte hundert Ansätze zu einem deutschen Lebensstil entdecken und keine Erfüllung. Es gab immer nur landschaft­liche und ständisch bedingte Sonder­formen, deren vorbildliche Wirkung sich niemals auf das ganze Volk erstreckte, wenn sie auch über ihre Ursprungsbereiche hinausging. Der hanseatische Kaufmann und Patrizier, der preußische Offizier und Beamte, der süddeutsche Kleinbürger, der ost- elbische Junker, der Industriearbeiter/der Korpo­rationsstudent, der Wandervogel, der Angestellte diese verschiedenen Gestalttypen bezeichnen ebenso viele durch innere und äußere Haltung, durch Wer­tung und Ideale voneinander unterschiedene Lebens­stile des deutschen Menschen, wie sie sich im Laufe der Geschichte herausgebildet haben und bis heute wirksam find.

Das Besondere und Verhängnisvolle an diesem Nebeneinander war das Fehlen eines ver­bindenden Elementes zwischen den einzel­nen Lebensstilen und Gestalttypen. Sie wirkten nicht wie Zweige und Sprößlinge desselben Bau­mes, sondern schienen eher von gegensätzlichen Kräf­ten genährt: die Kraft zwischen Akademiker und Arbeiter, zwischen Kaufmann und Offizier, zwi­schen Aristokrat und Wandervogel war bei uns viel tiefer als sonst bei den meisten Kulturnationen. Die Tendenz zur Sondertümelei, zur Betonung von Stand, Beruf und Klaffe, die Herrschaft eines falsch aufgefaßten volksfremden Bildungsideals, der Ein­fluß ausländischer Gesellschaftsformen, die Ent­artung des Feudalismus, die Heraufkunft einer volksfeindlichen Arbeiterideologie das alles hatte dazu beigetragen, natürliche Unterschiede unnatürlich zu vergrößern. Es fehlte in Deutschland jede Spur eines common sense, jede tiefere Einheit in den Lebensäußerungen der Na­tion; und die Führungsansprüche, die etwa vom Preußisch-Soldatischen gestellt wurden, reichten be­greiflicherweise nicht zu einer Durchdringung aller Lebenssphären aus.

Hier, in dieser Zerrissenheit unseres Gemein­schaftslebens, in der so vielfach bedingten Fremd­heit zwischen den Angehörigen der einzelnen Stände und Berufe, liegt einer d e r Brennpunkte des Volksgemeinschaftsproblems. Die Aufgabe, die uns heute gestellt ist, ist die Prä­gung eines neuen deutschen Menschen­typus und eines deutschen Lebens­stiles, der in Abwandlungen und Abstufungen für das ganze deutsche Volk verbind­lich ist. Die Entwicklung bei uns treibt seit dem Weltkrieg in diese Richtung, und dies erleichtert alle jene Maßnahmen, die heute von den verantwort­lichen Führern des neuen Staates ergriffen wer­den, um die große Aufgabe zu bewältigen. In der Frontkameradfchaft des Weltkrieges zerfplitterten zum erstenmal die dünnen, glasharten Wände, die den Deutschen vom Deutschen trennen. Die Nachkriegsjahre zerstörten unendlich vieles an bürgerlichen Vorurteilen und ließen, am stärksten in der jungen Generation, einen Willen zur neuen Schlichtheit und Natürlichkeit in den Lebensformen aufkommen, der die ' Unterschiede der Klassen und Stände einebnete. Sport und Technik schufen Gemeinsamkeiten, ; die früher nicht möglich waren: in den K amp f- ; gemein schäften derer, die um Deutschlands > Wiedergeburt rangen, galt von vornherein nur ; der Volksgenosse und Kamerad.

Heute ist die Erziehungsarbeit am deutschen Men- schen auf die breiteste Grundlage gestellt; m der^

deren Glanz von gestern kommt, ist fast verwaist, und mit ihr schlummert Monte Carlo. Zwischen Toulon und Juan les Pins find ein paar Orte, wohin sich Anspruchslose flüchten, wenn sie durch das rasche Wachstum von Antibes vertrieben wur­den. Und trotzdem vergißt man die Bucht von Nizza kaum, die abends wie von einem Sternkranz ihrer Lichter weitgeschweift das Meer umsäumt.

Eine andere Riviera hat sich in Dalmatien er­schlossen, eine nicht verbaute Küste mit tausend Inseln und mit Städten, Dörfern, Nestern, wo noch ungezählte Badeorte wachsen können. Hier ist Land für Maler und Poeten ud Naturvaganten; es gibt Hotels mit Tanztee; man kann in venezianischen Palästen wohnen und man kann bei Leuten mieten, die schon daran gewöhnt find, Fremde zu betreuen. Abenteuerliche Landschaft wartet hinter dieser Küste: an der Bucht von Cattaro »st .es der Lovcen mit Montenegro; zehn Stunden fahrt die Bahn zwar von Ragusa aus, um Mostar zu erreichen, und zehn weiter- Stunden sind e-. tu? earajeoo __ ganz allmählich wird die türkische Phantastik dieser Städte wahrgenommen. dieser Orient ,n Europa, der eigentlich Balkan ist, und dennoch eine andere Welt beweist. Hier ist Neuland.

Unsere Väter haben die Alpen entdeckt die Schweiz und Tirol, und die Jugend steht ihnen nicht nach, sie gleichfalls zu erwandern. Oft sieht man auf den Pässen sehnsuchtsvolle öanbenugenb die nach Süben pilgert; aber viel Jugenb strebt heute nach Norben.

Die Welt ist kleiner geworben, feitbem uns schnelle Schiffe burch ben Urlaub tragen, unb es finb keinesfalls allein Devisenparagraphen bie uns auf ben deutschen Boben ber Urlaubsschiffe weifen, bie Schiffe machen bas Rennen. Sie fahren zur Mitternachtssonne unb an bie Seen von Finnland, sie ziehen tief in See an Oftenbe vorbei, wo untere Väter mit Pluberhosen vornehm babeten. Diese Schiffe anfern vor Portugal unb vor Teneriffa, sie laben uns ein paarmal in Afrika aus unb wie- ber ein, nachbem wir bie Wüste gerochen Wir grü­ßen bie Balearen unb erleben panische Kathe­dralen, wir bummeln in Marseille unb Genua sehen Rhobos unb Sizilien unb wenn es Zeit unb Beutel möglich machen Griechenland unb

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Debye, Orbinarius für Physik an ber Universität Leipzig, hat einen Ruf an die Universität Berlin erhalten.

Professor Dr. Martin Winkler, ao. Professor für mittlere unb neuere Geschichte, insbesondere für osteuropäische Kulturgeschichte an ber Universität Königsberg, erhielt einen Ruf an bie Univer­sität Wien.

Professor Dr. W. Prion, Orbinarius für Be­triebswirtschaftslehre an ber Technischen Hochschule Berlin, hat einen Ruf an bie Universität Bonn abgelehnt. _________

trägt, liegt ber tiefe Sinn bes Reisens, nicht in Ansichtskarten ober Photobilbern.

Niemals ist mir bieser Sinn so stark unb fast zu sagen schmerzlich klar geworben, als beim Ab­schieb eines alten Lehrers, ber auf bie Lofoten zurückfuhr, auf jene weltentfernten Inseln, bie in ber Dämmerung des Nordens fast vergessen liegen. Er kam aus Deutschland.Don allem Deutschen", war fein letztes Wort,hat mich Ihr Goethe" (Ihr" Goethe, fagte er)in meinem Leben am weitesten begleitet. Ich mußte deshalb die Reise tun, um seine Orte zu erkennen." Mit diesen Orten meinte er die deutsche Welt, nicht nur die Orte Frankfurt, Straßburg, Leipzig, Weimar; er meinte jenes Deutschland, von dem so viele, bie manches Auslanb kennen, kaum bie größten Stäbte kennen, geschweige benn bas Lanb.

Man ist babei, in Deutschlanb alte Lanbschaft neu zu sehen. Man hat ben Schwarzwalb neu entbecft, fährt an ben Rhein, ber unverkitscht erlebt sein will, man fährt nach Franken unb man schwärmt von Oberbayern. Es geht vom Bvbensee ein Wort:Wer einmal ba war, ber kommt bas zweite Mal, unb dann kommt er von selber immer roieber." Der deutsche Osten ist ein neues Ziel, nicht nur bie Neh­rung, wo bie Segelflieger horsten, nicht nur Nibben, nicht nur bas (teile Samlanb mit feiner starken Brandung; bie Wälber unb bie Seen finb es, bie auf einmal in ben Reiseplänen stehen. Kleine Dörfer an ber Ost- unb Nordsee werben plötzlich Babeorte. Alte Landschaft, die man nur im Zug durcheilte, wird auf einmal wert befunden, aufgesucht zu wer­den und beglückt erlebt der Mensch der Städte ben Sommer auf bem Lanbe, irgendwo, in einem klei­nen, unbekannten Ort, ber keine Aussichtspunkte ober Attraktionen hat unb bennoch mitten in ber Welt liegt, bie ihm kaum bewußt war, bie er unver­sehens in feiner Sehnsucht aufgestöbert hat.

Merkwürdige Vorstellungen von der Erdgestalt.

Es ist uns kaum vorstellbar, baß es im zwan­zigsten Jahrhundert noch Menschen geben sollte, bie nicht an bie Kugelgestalt ber Erbe glauben. Ein halbes Jahrtausend vor Christus vertraten die ionischen Philosophen die Ansicht, daß die Erde eine im Wasser schwimmende Scheibe fei, auf deren Rand das Himmelsgewölbe ruht. Während sie sich noch ganz vom Augenschein leiten ließen, lehrten Pythagoras und Aristoteles schon bie Kugelgestalt ber Erde. Damit war diese Anschauung aber keines­wegs für alle Zeiten feftgelegt, sie ging später wieder verloren, und noch im 16. Jahrhundert un­serer Zeitrechnung tauchten Gelehrte auf, die diese Lehre bestritten. Die Mehrzahl der Gebildeten war doch davon überzeugt, daß wir auf einer Erdkugel leben. Dennoch gab es sogar um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts noch Zweifler, die sich durch kein Argument überzeugen lassen wollten. Die Mitglieder der amerikanischen Sekte derZeletiker" ober Wahrheitssucher sind hier zu nennen, die be­haupteten, die Erde hätte die Form einer Scheibe. Sie gaben eine eigene Erdkarte heraus und äußer­ten sich in einer eigenen Zeitschrift ausführlicher über ihre Lehre. Sonne, Mond und Sterne bewegen sich nach ihrer Ansicht über einer ftillstehenden Erde, die im Meer liegt; worauf sich nun das Meer aus­breitet, wird nicht weiter erörtert. Eine andere Sekte, die ebenfalls zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch viele Anhänger zählte, behaup­tete, daß die Erde eine stillstehende große Kugel sei, und daß wir nicht auf dieser Kugel lebten, sondern von ihrem Innern. Inmitten dieser großen Kugel sollte das Sonnensystem angeordnet sein, außerhalb der Kugel aber tiefste Dunkelheit herrschen. Zu den merkwürdigsten Vorstellungen von der Gestalt ber Erbe gehörte im Altertum bie Ansicht, baß fie eine Art von Trommel wäre. Daran hat wohl jener Gelehrte gebacht, ber ernsthaft die These vertrat, daß die Erde sechseckig sei. Er schrieb eine lange Abhandlung über seine Erkenntnis und nannte hier­für viele, feiner Meinung nach zwingende Gründe. Nach einer anderen Idee, die auch noch in unserem Jahrhundert vertreten wurde, ist die Erde kreisel- förmig und dreht sich um einen Punkt. Die An­hänger dieser Ansicht geben au, daß die Erde einst Kugelgestalt gehabt habe, aber sie meinen, durch den Abkühlungsprozeß wäre sie eingefallen. Als anschauliches Beispiel dafür geben sie die Tendenz der Berge an, spitz zuzulaufen. Nach einer alten asiatischen Vorstellung ist dagegen die Erde em großer Schwamm von ganz unregelmäßiger Form, der auf dem Meere schwimmt. Die Seen sind nur Deffnungen des Schwammes, durch die das Wasser sickert.

Lebensstil und Volksgemeinschaft.

Von Werner Klau.

Wer als Auslandsdeutfcher zum erstenmal nach Deutschland kam oder wer als Reichsdeutscher Jahre in ber Fremde weilte unb nun, zurückgekehrt, bie heimischen Verhältnisse aus einem neuen Abstand zu sehen vermochte, mußte bis vor kurzem feststel- len: wir Deutschen besitzen keinen einheit­lichen Lebens st il. Was jeben Englänber, jeben Spanier, jeben Russen, jeben Franzosen, aber viel­fach auch bie Angehörigen ber kleineren Völker zu­erst mit ihrer Nation oerbinbet: bie selbstverstänb- liche Gültigkeit gewisser arteigener Lebensnormen unb Umgangsformen, bie gleiche, gemein­same Lebenshaltung aus Instinkt unb Züchtung fie fehlte bem Deutschen. Stärker als alle Unterschiebe von Besitz unb Bilbung wirkte sich in Deutschlanb ber Unterschieb ber Lebensstile aus: ber Offizier, ber Arbeiter, ber Kaufmann, ber Aka­demiker hatten bis jetzt kaum etwas Gemeinsames in ben Formen unb Normen ihrer Lebensführung.

Unterschiebe sinb freilich eine Selbstverstänblich- keit in jebem sozial bisferenzierten Volkskörper; auch ben französischen Gelehrten trennt vieles vom fran­zösischen Bauern, unb ber englische Matrose unb Aristokrat werben auf ben ersten Blick wenig Ge­meinsames haben. Aber wer genauer Hinsicht, wer sich in ben Rhythmus fremben ausländischen ebenso wie in ben Rhythmus eigenen deutschen Lebens ein- gefühlt hat unb Vergleichsmöglichkeiten besitzt, wirb feststellen, baß im übrigen Europa gewisse Lebens- ideale unb Vorstellungen von bem, was man in bestimmten Lagen zu tun unb zu lassen hat, was mit Ehre unb Würde vereinbar ist und was nicht, ben oberen wie den unteren Schichten des Volkes g e m e i n f a m sind, und baß bort im Grunde j e - ber in seiner A r t dem gleichen natio­nalen Vorbildtypus nach ftrebt. Das ist etwas schematisch und vergröbernd ausgedrückt, es trifft aber einen wesentlichen Tatbestand. Der eng­lische Gentleman, der französische Bougevisrentner, ber spanische Caballero repräsentieren nicht nur einen bestimmten sozialen Stand ihrer Nation; die besonderenTugenden", die sich mit diesen Gestalten verbinden und sie bedingen, beherrschen in vielfa­cher Brechung auch das ganze Volk. Jeder spanische Vagabund hat etwas vom Caballero, und ber ärmste französische Arbeiter trägt heimliche Rentnerideale im Herzen. .

Diese Verbindlichkeit gewisser Vorbildtypen tft em Beweis für die innere Geschlossenheit einer Volkskultur; sie gibt dem einzelnen jene selbst­verständliche Haltung, die ihn überall in der Welt als Angehörigen einer bestimmten Nation ausweist. Es wäre übertrieben zu sagen, daß diese eigene Haltung dem Deutschen seit jeher gefehlt habe, aber man bemerkt doch, daß der Deutsche im Ausland recht häufig dem fremden Vorbild ver­fallen ist. Nur wo er g e s ch l o s s e n f i e d e l t e, hat er durch Jahrhunderte das eigene Volkstum be­wahrt und hier erst, im Abwehrkampf gegen fremde Einflüsse, einen unverkennbar eigenen Lebens­stil von prägender Kraft entwickelt: die Deutsch- balten und die Siebenbürger Sachsen verdanken ihr Dasein nur der zusammenhaltenden Wirkung ihrer besonderen Lebensform. Aber bezeichnend tft, daß der baltische und siebenbürgische Lebensstil sich in seiner eindeutigen Prägung stark von der Vielfalt und Richtungslosigkeit des bisherigen binnendeut- fchen Lebens unterscheidet und keineswegs nur als Vereinfachung und Steigerung dessen gelten kann, was wir in Deutschland sehen. Der selbstverständ­liche Rückhalt durch verbindliche Lebensformen, den Deutschland seinen Söhnen geben konnte, bie in die Welt hinauszogen, war eben zu gering. Wo keine besondere auslandsdeutsche Haltung sich herausbil- bete, wo nur die mitgebrachte deutsche Ueberhefe= rung gepflegt wurde, verblaßte das Deutschtümler

Kleines Reise-Mosaik.

Don Otto Nombach.

Ein Mann, den ich in München kannte, hatte die Gewohnheit, um alle Seen Oberbayerns herum- miauten- er brachte jeben Urlaub damit hin. So fief bewegte ihn die Landschaft I-tner Welt, dahier sie bis ins einzelne erforschte. Erst dann fuhr er fröh­lich über den See. Er hat, obwohl er gut bestallt war, die alte Sehnsucht nach Italien nie verspürt. Er blieb im Lande. Ein junger Freund, den ich m München habe, ist eines Nachts spurlos verschwun­den. Mit sechzig Mark in der Tasche und mit einem Fahrrad, das nicht zu den besten gehörte, hat er Italien erobert, drei Wochen lang, hat den Vesuv zu Fuß erstiegen, in Olivenhainen übernachtet und mehr im Herzen mitgebracht, als mancher mit der besten Kamera erraffen konnte. Er war der Bruder jenes Mannes, der um die Seen lief.

Diese schicksalshafte Sehnsucht nach Italien, die sich seit Jahrhunderten mit immer wieder anderem Sinn und anderen Formen wiederholte, ist keine Mode. Aber die wahre Sehnsucht betunbet sich anbers. Ein bänischer Pfarrer, den ich m Orvie o traf, hat mir im Speisewagen durch Toskana Verse Dantes vorgetragen und mich nachts :noch m Verona auf bie Piazza delle ^de geschleppt, wo er mit glänzenden Augen baftanb, Abschieb nehmend weil e? in ber nächsten Woche roieber auf ber Kanzel seiner kleinen Fischennsel stehen mutzte. Den anbern Typ sah ich in Taormina: einen Mann aus Neuyork, ber ben herrlichsten Blick, den ich ie sah, ben Blick auf ben Aetna hinter ben Säulen des griechischen Theaters, umranbet vom Jonischen Meer, mit ruhigster Sachlichkeit aufnahm, sich medersetzte und seine Zeitung las.

Italien ist bisweilen ein Land ber Mode, immer aber ist es bas Lanb ewiger Einkehr. Hinter bem Brenner beginnt schon ber Hauch bes Südens, der in ben tirolischen Gärten von Bozen unb Meran jene seltsame Mischung hervorbringt, bie aus bem Gegensatz ber üppigen Täler unb ber eisigen Bergwelt entsteht. Dieser Zweiklang ist es, ber bie Seen zwi­schen ben letzten Schwellen ber Alpen unb ber Ebene des Po zum Inbegriff südlicher Schönheit erhob, sei es der tief gebettete Comersee ober ber Gardasee, der in bie Ebene verklingt, sei es ber See von Lu­gano mit seiner wechselreichen Szenerie ober ber Lago Maggiore mit seinen Borromäischen Inseln, bie sich nirgenbroo wieberholen können. Die Gestabe bieser Seen sinb es vorzugsweise, bie zur besonberen Lockung würben, bie neben ber Küste bes Ligurischen Meeres unb bem zarten Stranb von Rimini zur Diskussion gezogen werben, wenn man nach Italien unb doch nicht ganz in seinen Stiesel hineinfahren will. . . _____