Nr. 38 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesien) Donnerstag, K Februar M5
Stellt Lehrlinge ein!
An alle Betriebsführer der Industrie, des Handels, Handwerks und Gewerbes.
Am 1. April 1935 verläßt eine hoffnungsfrohe deutsche Jugend die Schule. Jahrelang hat ein falsches Denken in der Vergangenheit den jungen Kräften des Volkes den Weg zum Lebensberuf versperrt. Dadurch entstand jene gewaltige Lücke, die uns auf wirtschaftlichem Gebiet des Nachwuchses an Fachkräften beraubte. Es ist notwendig, diese Lücke zu schließen. Dies kann nur erfolgen durch den Zusammenschluß und das Zusammenfassen aller Kräfte. Es kann aber auch nur zu einem vollen Erfolg und zur Ueberbrückung führen, wenn der Letzte den ehrlichen Willen hat, alles zu tun, um jungen Menschen eine Lehrstätte zu geben.
Ich wende mich deshalb an alle die Menschen, die auf bevorzugter Warte im Wirtschaftsleben stehen. Ihnen rufe ich zu: Seid euch der Verantwortung bewußt, die auf eure Schultern gelegt istl Tut alles, um der deutschen Jugend den Weg frei zu machen zum Lebensberuf und gebt damit Raum der Möglichkeit,
durch gesunden Nachwuchs die aussterbenden Fachkräfte zu verjüngen!
Stellt an Ostern 1 935 Lehrlinge ein!
Gebt der deutschen Jugend die Lehr- und Ausbildungsplätze, deren sie bedarf!
Tragt mit dazu bei. daß der letzte deutsche Junge eine Stelle zur Aus- bildung erhält!
Vetriebsführer des Rhein- undMain- Gebiets, ihr habt vieles getan! Ihr werdet auch hier als ehrenamtliche Am ts waller der Deutschen Arbeitsfront an er ft er Stelle stehen!
(gez.) Sprenger
Gauleiter.
(gez.) Becker
Landesobmann der NSVO.. Vezirkswalter der DAF.
Betriebsführer! Handwerksmeister!
Habt Ihr schon veranlaßt, daß sich Eure Lehrlinge ur»b Junggehilfen zum
Reichsberufswettkampf
vom 18. bis 23 März angemeldet haben? Teilnahmeberechtigt sind alle 15- bis 18jährigen männlichen Jungarbeiter, mithin -Jahrgang 1917 bis 1920 (soweit Aeltere noch in einer örtlichen ordentlichen Lehrausbildung stehen, sind sie gleichfalls teilnahmeberechtigt). Alle 15 bis 21jähr. männl. Kaufmanns-,
Büro- und Technikerlehrlinge, mithin Jahrgang 1914 bis 1920. Alle 15 bis 21jährigen Mädels, mithin Jahrgang 1914 bis 1920. Alle männlichen und weiblichen Studierenden an Fachschulen ohne Alters- begrenzung.
Keiner fehle! Die Anmeldung eilt! Meldeschluß am 2 8. Februar! Anmeldeformulare durch die Berufsschulen und die Jugendwalter der Deutschen Arbeitsfront.
die Präsidenten der Landesfinanzämter ermächtigt worden, für Betriebe des Garten-, Ob ft - und Gemüsebaues und der Weidewirtschaft die Fälligkeitstage für die Vorauszahlungen und die Verteilung der Vorauszahlungen anders zu regeln, als es im Gesetz bestimmt ist.
Der V e r l u st v o r t r a g ist im neuen Ein
kommensteuergesetz bekanntlich abgeschafft worden; um Härten zu vermeiden, ist jedoch bestimmt, daß buchführende Land- und Forstwirte bei der Veran-. lagung für 1933/34 die in den beiden vorangegangenen Wirtschaftsjahren entstandenen Verluste absetzen können, jedoch nur bis zur Hälfte des im Wirtschaftsjahr 1933/34 erzielten Gewinnes.
Ein Llhu-pärchen in Gießen.
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Landwirtschaft und Einkommensteuer.
Von Dr. Adermann, Reichsnährstand.
Im Reichsgesetzblatt (I, S. 153) ist unter dem 6. Februar 1935 eine Durchführungsverordnung zum Einkommensteuergesetz erschienen, die ausdrücklich als erste bezeichnet wird, so daß mit dem Erlaß weiterer Durchführungsbestimmungen zu rechnen ist. Die 1. Durchführungsverordnung klärt nicht sämtliche Zweifelsfragen, die bezüglich des neuen Einkommensteuergesetzes bisher entstanden sind. Aufschlußreicher wird in dieser Beziehung wohl der Veranlagungserlaß sein, der voraussichtlich etwa in einer Woche erscheinen und dem Vernehmen nach einen erheblichen Umfang besitzen wird.
Für den Landwirt sind insbesondere die folgenden Bestimmungen der 1. Durchführungsverordnung von Bedeutung. Neben dem landwirtschaftlichen Wirtschaftsjahr vom 1. Juli bis 30. Juni ist auch ein von dem 1. Mai bis 30. April laufendes Wirtschaftsjahr für Weidewirtf ch a f t e n anerkannt worden. Außerdem find die Präsidenten der Landesfinanzämter ermächtigt, für bestimmte Betriebsarten und für bestimmte Gebiete bei Land- und Forstwirten, wozu selbstverständlich auch Gärtner usw. rechnen, im Bedarfsfälle einen anderen zwölfmonatlichen Zeitraum als Wirtschaftsjahr zuzulassen. Wichtig ist, daß ein abweichendes Wirtschaftsjahr auch im E i n z e l f a l l e zugelassen werden kann, wenn dies nach der besonderen Gestaltung des Betriebes erforderlich ist. Klargestellt ist, daß der buchführende Landwirt auch unter den neuen Bewertungsoorschriften des Einkommensteuergesetzes von 1934 an die in die Eröffnungsbilanz von 1925 eingesetzten Werte gebunden ist, weil die auf Grund der Vorschriften des Einkommensteuergesetzes 1925 aufgestellte Endbilanz für 1932/33 als Eröffnungsbilanz
für das Jahr 1933/34 gilt, das bereits unter die Vorschriften des Einkommensteuergetzes 1934 fällt. Wichtig ist, daß die vorläufige Verordnung über die Ordnungsmäßigkeit der landwirtschaftlichen Buchführung vom 5. September 1925 bis auf weiteres anzuwenden ist
Nachdem bereits in der Begründung zum neuen Einkommensteuergesetz klargestellt wurde, daß bei der Anwendung der neuen Vorschriften über die Besteuerung des Gewinns aus der Veräußerung eines landwirtschaftlichen Betriebes der Grund und Boden wie bisher außer Ansatz zu bleiben hat, bestimmt die Durchführungsverordnung, daß der hiernach verbleibende Restgewinn bis zum 1. Januar 1938 zur Einkommensteuer nur heranzuziehen sei, wenn der Betrieb oder Teilbetrieb nach dem 31. Dezember 1924 entgeltlich erworben worden ist, oder mit dem Betrieb oder Teilbetrieb unverhältnismäßig große Mengen schlagreifen Holzes oder anderer zur Fortführung des Betriebes nicht notwendigen Wirtschaftsgüter veräußert werden.
Uebernommen in die Durchführungsverordnung ist auch die Vorfchrift aus der Verordnung zum Ausgleich besonderer Härten bei der Besteuerung des Einkommens aus Land- und Forstwirtschaft vom 16. November 1933, wonach bei aus- setzenden forstwirtschaftlichen Betrieben bis zu 150 ha zur Abgeltung aller Betriebsausgaben, die bei außerordentlicher Waldnutzung entstehen, 40 v. H. der Betriebseinnahmen abgezogen werden können.
Abweichend von denen des Landwirts sind für Forstwirte die Einkommensteuer - Vorauszahlungsfristen auf den 10. März, 10. Juni, 10. Sept, und 10. Dezember festgesetzt worden. Außerdem sind
Winterfahrt in die Abruzzen.
Von A Oehio, Vom.
Es ist ein bequemes und rasches Gefährt, diese „Littorina", die uns in anderthalb Stunden von Rom nach dem historischen Abruzzenstädtchen Tagliacozzo bringt. Ein von der Fiat erbautes Schienenauto mit je einem Motor vorn und hinten, das mit einer Geschwindigkeit bis zu 130 Stundenkilometern auf den Eisenbahnschienen fährt, und aus dessen breiten Fenstern man die Aussicht, besonders nach vorn und hinten, ausgiebig gemeßen kann Die „Littorina" ist in Oberitalien seit einigen Jahren befannt, aber in Rom ist sie erstmalig im Dienste des Wintersports ahf ber Linie Rom- Abruzzen eingestellt worden. Die vierzig rotbe- plüschten Polstersitze sind von jungen* Romern beiderlei Geschlechts in schicken Sportkostümen eingenommen. Wintersport ist nämlich m Italien hohe Mode, und in den römischen Schaufenstern steht man nicht weniger Skier, Skistiefel und Fausthandschuhe ausgestellt als in Partenkirchen. Der Angehörige der „Aristocrazia" oder wer es sich sonst leisten 'kann, fährt in die Dolomiten oder nach dem ultramodernen Sestrieres bei Turm mit seinen wolkenkratzerähnlichen Sporthotels. Die Zeitungen bringen eine Photographie von Mußolmis dreijährigem Enkelsohn Fabrizio Ciano, der als Pionier des Wintersports in vollem Sportdreß in®onma d'Ampezzo zu sehen ist; der gewöhnliche Sterbliche, der sich das nicht leisten kann, fährt über das Wochenende in die benachbarten Abruzzen, deren fnsch- beschneite Bergkette in sonnigen Wintertagen zum Palatin und Kapitol herübergrüßen. Zahlreiche „Schneezüge" bringen den unternehmungslustigen „Dopolavoristen" am Samstag und Sonntag zu stark ermäßigtem Fahrpreis nach dem Monte Ter- minillo bei Rieti, nach Tagliacozzo und Roccaraso, oder AL-'iila, von wo aus man mit der neuerbauten Drahtseilbahn in das Massiv des Gran Sasso d’Italia gelangen kann. Hier findet sich aus dem 2000 Meter höhen Campo Imperators ein vortreffliches, ausgedehntes Skigelände. Der Skisport wird von allen faschistischen Sportoerbänden energisch geordert, besonders in der Erwägung, daß Italien zur Verteidigung seiner Alpengrenze schnee- und ge- oirgsgewohnte Männer braucht. Schnee gibt es m diesem Winter auch im Appenin nicht zu knapp!
Wie die beflügelte Sehnsucht nach Schnee und Winterkälte fegt die schlanke Littorina um die große Kurve der Bahnlinie, die aus der römischen Campagna nach Tivoli hinaufführt. Vorbei an der neuen
Fliegersiedlung „Guidonia" mit ihren Versuchsanlagen und ihrem weiten Flughafen. Die schneelose Campagna flimmert in den Perlmuttertönen eines sonnigen italienischen Wintertages. Durch silbrige Olivenhaine windet sich die Bahn nach Tivoli hinauf. Ein Blick auf die stäubenden Kaskaden mit ihrer winterlichen Wasserfülle, und weiter am Anio entlang. Bald sehen wir den ersten Schnee, von der Sonne zerfressen, wie bei uns im Frühling. Malerische Bergnester, vom trotzigen Adelsschloß überragt, dann der fast fünf Kilometer lange Tunnel durch den Monte Bove. Wie ein Heller Nadelstich blitzt der Ausgang des Tunnels vor uns, der rasch anwächst, bis er uns aus dem Bauch des Berges in die blendend Helle Winterlandschaft entläßt. Gleich darauf sind wir am Ziele Tagliacozzo an- gelangt.
Das war derselbe Weg, den Konradin von Schwaben mit den Seinen in den Tagen zwischen dem 10. und dem 22. August 1268 bei glühender Hitze zurücklegte, das junge Herz voll stolzer Hoffnungen. In diesem weiten Hochtal, etwa sechs Meilen von Städtchen Tagliocozzo entfernt, trat fein Heer aus etwa 10 000 tapferen und treuen Deutschen, Italienern und Spaniern den Südprooen?alen Karls von Anjou entgegen, den Verbündeten des Papstes Clemens IV., der auf den blonden Hoheystaufenfproß die Worte gemünzt hatte: „Aus dem Stamm des Drachen ist ein giftiger Basilisk entsprossen!" An jenem August- taae 1268 trat der Name Tagliacozzo in die Geschichte ein, um einen ihrer größten Wendepunkte zu bezeichnen ... Auch heute ist das Schlachtfeld von Tagliacozzo mit Leichen besät, aber es sind bunt- gescheckte zappelnde Skileichen, die am schneeigen Nordhang ihre Anfängerkünste probieren. Im Bewußtsein unserer Ueberlegenheik überlassen wir sie ihrem Schicksal, um das steil sich auftürmenbe Bergnest Tagliacozzo zu besichtigen. Die engen, bunflen Straßen schließen bas Sonnenlicht aus, bie Mauern finb Fels vom trotzigen Fels, auf bem sie sich erheben. Nur am Marktplatz mit seinem plätschernden Brunnen steht ein kleiner Palazzo Ducale in leichter venezianischer Gotik. Weiter hinaus: Hühner, Esel, großäugige Kinber, Frauen, bie ein sonniges Plätzchen aufgesucht haben, ein Ochse mit schön geschwungenen Hörnern, ber unter ber Dachtraufe steht unb sich vom Schmelzwasser berieseln läßt. Daneben, im Schatten, wachsen Eiszapfen wie zu Hause. Elenb unb Bebürftigkeit ober Bebürfnislosigkeit, jene mit Gleichmut ertragene Miseria, bie es nicht anbers kennt. , ,
Enblich finb wir oben. Hier ist ber Schnee rem unb winterlich, bie Luft klar unb frostig. Unter uns liegen stufenförmig bie schneebebeckten Dächer des
Der bekannte Vogelforscher Dr. Karl Rudolf Fischer vom Forstzoologischen Institut ber Universität Gießen, ber im Verlaufe ber letzten Jahre mit vollem Erfolg bie Wieberansieblung bes Uhus im Vogelsberg burch Aussetzung von Uhus in ben Walbungen des Grasen zu Solms-Laubach burch- geführt hat, ist jetzt babei, biefe Wiebereinbürgerung bes seltenen Raubvogels in unserer engeren Heimat weiter auszubauen. Zu biesem Zwecke sind — wie Dr. Fischer kürzlich im Gießener Anzeiger berichtete — weitere Ankäufe von Uhus aus der freien Wildbahn in Rumänien vorgenommen worden, von denen ein Uhu-Pärchen nunmehr im Forst-
Institut in der Braugasfe eingetroffen ist. Die seltenen Tiere, die wir nach einer eigenen photographischen Aufnahme hier im Bilde zeigen, werden am heutigen Donnerstagnachmittag ab 5 Uhr im Forstinstitut zu sehen sein. (Die Mitglieder des Reichsbundes Volkstum unb Heimat seien in diesem Zusammenhang auf die heutige Bekanntmachung ihrer Ortsringleitung aufmerksam gemacht.) Selbstverständlich haben auch alle übrigen Volksgenossen freien Zutritt. Dr. Fischer wird den Besuchern am heutigen Nachmittag interessante 2luftlärungen über die weiteren Pläne zur Wiebereinbürgerung bes Uhus im Vogelsberg geben.
Aus der vroviuzialhaupisiadt.
Der Krüppel.
Wer kennt ihn nicht, ben aus bem schwimmenben Fett heraus gebackenen leckeren Burschen, kugelig, wohl gebräunt, mit weißer ßeibbinbe, Zucker überstreut unb mit köstlicher Fülle, ben wir an Silvester mit Freuben begrüßen unb von bem wir mit bem Aschermittwoch nur ungern Abschieb nehmen! Er ist vornehmen Geschlechts, benn er führt feinen Stammbaum bis in's 15. Jcchrhunbert zurück. Die Fastnachtsspiele bieser Zeit erwähnen seiner unb ein altes Kochbuch „von guoter spise" gibt mehrere Rezepte für feine Zubereitung an, so zum Beispiel: so bu milt einen oastenkrapfen machen: rib käse, menge ben mit eiern unb scharbe gesotten spec bar zu, mache einen schoenen berben teic unb fülle ben kese unb bie eier barin, unb mache krepfelin (aus bem teige) unb backe sie in butern ober in smalze ... unb gib sie warm hin". Das Kochbuch führt auch noch anbere kunstvoll zubereitete Füllungen an, aus Aepseln, Nüssen, Weinbeeren, Manbelmilch, gehacktem Fleisch, ja sogar aus Hechtbärmen.
malerischen Bergnestes, unb vor uns erhebt sich, wie aus bem Fels gewachsen, ein uraltes Kirchlein, bas uns an bie historische Bebeutung bes Ortes erinnert. Auf einer Marmorplatte an seiner Mauer lesen wir bie Worte aus Dantes „Inferno", bie sich auf Tagliacozzo beziehen: „Wo gesiegt ohne Waffen ber alte Alarbo".
„II vecchio Alardo“ war der Überlieferung nach der alte Ritter Erard de Valery, der auf dem Heimweg aus dem Heiligen Lande wie ein gottgefanbter Retter zu bem Heer des Karl von Anjou stieß. Er war es, der dem Anjou zu der List riet, durch die es ihm gelang, die überlegenen, schon siegesgewissen Truppen Konradins in einen Hinterhalt zu locken und zu schlagen ...
Hinter dem Kirchlein ragen steil abfallende Felsen wie eine natürliche Festung auf. Sie sind gefrönt von den Ruinen des Caste! Vecchio, in bem am Abenb nach verlorener Schlacht Konradin und die Seinen Zuflucht suchten. Nie mehr sollte er den Ruf: „Hoch König Konrad der Fünfte" hören, mit dem ihn sein Freund Friedrich von Oesterreich und seine Truppen am Morgen des Tages begrüßt hatten. Von hier aus sollte er am nächsten Morgen seine verzweifelte Flucht beginnen, die ihn in Torre Asturra dem Verrat in die Arme führte.
Die Töne einer Hirtenflöte bringen melancholisch aus bem alten Gemäuer hervor. Von seinen grauen Schafen umringt steigt ein Hirt aus ben Felsen zum heimischen Stall hinab. Die Sonne sinkt hinter einen Berg, und lange Schatten legen sich über die weiträumige Gebirgslandschaft vor uns. Nur der Monte Velino in seinem reinen Schneekleid leuchtet noch lange, golden zuerst, rosenrot dann und verlischt.Es wird kalt, und der Schnee knirscht unter unseren Füßen wie im Norden.
Wir suchen eine ländliche Osteria auf, wo im eisernen Ofen Olivenknorpel knacken. Bei einem Glase Vinello reden zwei Abruzzenbauern lebhaft über ihre Familienangelegenheiten Sie stammen aus einem abgelegenen Bergnest vier Wegstunden talaufwärts. Der Alte mit seinem verwegenen Filzhut, den in die Schläfen gebürsteten Haaren und dem kühn um bie Schultern geworfenen Umhang von ber Farbe bes Walbes erinnert an ben Rinaldo Rinaldini unserer Kindertage, seine Augen funkeln so wild und frei. Er grüßt uns mit fürstlicher Miene. Der Junge hat sich schon in ber Mühle bes heutigen Betriebes abgeschliffen, er ist einer von ben Dielen. Aber ber Alte, ber hat vielleicht noch Kon- rabin unb seine Palabine gekannt.
Aus ber Schweiz wirb bereits aus bem Jahr 1416 erzählt, baß bie Konventbrüber zu Fastnacht herum gingen, um „Chräpfli" auszuteilen. Ueber- haupt hatten namentlich bie Geistlichen bie Pflicht bes Krapfenverschenkens. So wirb (roieber aus ber Schweiz) im Jahre 1775 berichte^: „Vor Altem hat ein Pfarrer bei St. Peter alle Escher(Afcher)mitt- wochen ben Metzgern (als Gegengeschenk) 101 Fast- nachtsküchli in einer Schüssel verehren müssen." Doch nicht nur bie Pfarrer waren zu solchen Abgaben verpflichtet, im Jahre 1543 finbert wir vermerkt: „Mit Mißfallen hat man in bes Lanbvogts Rechnung ersehen, wie große Kosten ben Obern an Fastnächten mit bem Küchligeben auflaufen und beßnahen beschlossen, baß bie Lanbvögte hierfür nicht mehr als vier Kronen verrechnen bürfen."
Auch heute noch spielt in vielen Gegenben bas Krapfenschenken eine große Rolle. In ber Schweiz hat ber Dorfhirt bas Recht, sich in allen Bauernhäusern mit Kräpfli bewirten zu lassen, bie Kinber ziehen mit großen Säcken umher unb sammeln bas Gebäck ein, ber Ortslehrer erhielt früher einen
Londoner Zahlen.
Ein kleines, statistisches Buch, bas unter bem Titel „London County Council“ in biefen Tagen erschienen ist, gibt über bas Wachstum ber größten Stabt Europas Auskunft, bie auch über Englanb hinaus Beachtung verbient. Jnner-Lonbon, wozu auch bie „City" gehört, zählte im Vorjahre 4,3 Millionen Einwohner, es hat sich somit seit 1901 um 200 000 Menschen verringert, ba es bamals schon 4,5 Millionen zählte. Das geschah auf Kosten Groß-Lonbons, bas eine unheimliche Bevölkerungssteigerung aufzuweisen hat. 1881 zählt es 4,7 Millionen, 1921 über 7,6 Millionen unb heute hat es wahrscheinlich schon bie zehnte Million überschritten, wobei zu beachten ist, baß bie Sterblichkeit in Groß- Lonbon zunimmt. Die verkehrsreichste Straßenkreuzung Lonbons ist ber Hyde Park Corner. Im Jahre 1923 würben bort an einem Junitage 61 454 Autos gezählt, zehn Jahre später waren es 81 857. Mit ber Zunahme bes Verkehrs haben leider auch die Verkehrsunfälle stark zugenommen. 1933 wurden in Groß-London durch Verkehrsunfälle 1441 Menschen getötet und 56 912 verletzt, was eine Zunahme von 100 v. H. in zehn Jahren bedeutet. Merkwürdig ist, daß im Jahre 1933 nur 13 Millionen Telegramme in Groß-London aufgegeben wurden, zehn Jahre zuvor jedoch 20 Millionen. Erklärt wird diese Erscheinung mit der starken Zunahme der Fernsprecher, deren Zahl sich in zehn Jahren verdoppelt hat. Kosteten die Aufwenbungen Groß-Londons für seine Verwaltung im Jahre 1923 nur 25,5 Millionen Pfund, so betrugen sie zehn Jahre darauf schon 36,5 Millionen Pfund.
Zeitschriften.
— Das zweite Heft des ersten Bandes der Zeitschrift für Deutsche K u l t u r p h i l o s o - phie (Neue Folge des Logos; herausgegeben von Hermann Glöckner, Gießen, und Karl L a r e n z, Kiel; I. C. B. Mohr, Tübingen) enthält Abhandlungen von Bruno Bauch über „Idee und Erscheinung", von Julius Binder über das Thema „Der Jdeealismus als Grundlage der Staatsphilosophie", von Franz Bohm über „Gegenwärtigkeit und Transzendenz der Geschichte", und von Rudolf Craemer über „Geschichtswissenschaft unb politischen Geist". In ben Notizen am Schluß bes oorliegenben Heftes finbet man eingehende Buchbesprechungen aus dem Gebiete der Fachliteratur von Hermann Glöckner und Wilhelm Andreas in Gießen.


