Der Arbeitseinsatz für die zweite Erzeugungsschlacht.
Bevölkerungspotttische Probleme auf dem Goslarer Reichsbauerntag.
Von unserem IM.-Sonderberichterstatter.
Der 3. Reichsbauerntag steht ganz unter dem Zeichen der zweiten Erzeugungsschlacht. Auch die zahlreichen weltanschaulichen Sondersitzungen dienen der Herausstellung des Zusammenhangs mit der vordringlichsten Aufgabe, die der Reichsnährstand zunächst zu lösen hat. Besonders deutlich tritt das bei den Sondertagungen der Reichshauptabteilung I in Erscheinung, die innerhalb des Reichsnährstandes den Menschen betreut und der Sachwalter der weltanschaulichen Ausrichtung ist.
Man braucht nur an das Problem der Landflucht zu erinnern, dessen endgültige Lösung noch nicht erzielt worden ist. Es handelt sich dabei auch darum, für die Durchführung der Erzeugungsschlacht die notwendigen landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben. Gerade hier ift ein Punkt des Zusammenklangs von Weltanschauung und Wirtschaftspolitik gegeben. Früher wurde die Landflucht von marxistischer Seite lediglich als ein Lohnproblem betrachtet; man wollte den Landarbeiter dem Industriearbeiter gleichstellen, also die ganz anderen städtischen Verhältnisse aufs Land übertragen. Eine derartige Problemstellung kommt heute sowieso nicht mehr in Betracht. Die Frage der Landflucht ist aber zweifellos eines der schwerwiegendsten Probleme unserer Zeit. Mit Zwangsmaßnahmen läßt sich eine Lösung von dauerhafter Wirkung nicht erzielen, so wohltuend ein gewisser Zwang auch zeitweise ist, um die in Betracht kommenden Kreise überhaupt ernsthaft an die Aufgaben heranzubringen.
Die Frage der Landflucht ist aber gleichzeitig e i n Kernpunkt der Bevölkerungspolitik. Es kommt darauf an, die Verstädterung des deutschen Volkes, die mit einer Vergreifung parallel gelaufen ist, zu beenden und dafür eine Bewegung zur Verbauermig auszulösen. Damit wird gleichzeitig dem Aussterben des Volkes in den Großstädten ein Ende gemacht. Man kann sich vorstellen, was es bedeutet, daß in einzelnen Städten bis 1933 mehr Fehlaeburten gezählt worden sind als Lebendgeburten. Sind solche Entartungserscheinungen dem Land auch noch ferngeblieben, so hatte der Geburtenrückgang doch auch schon das Land erreicht. Betrachtet man den Zusammenhang der Kinderzahl mit der sozialen Stellung, so ergibt sich, daß in Familien mit Grundbesitz — auch wenn er nur bescheiden ist — mehr Kinder vorhanden sind als in Familien, die keinerlei Bindung an den Boden haben. Bei den Bauern sind am kinderreichsten wiederum die mittelbäuerlichen Wirtschaften, die noch ganz selbständig, ohne fremde Arbeitskräfte auskommen. Bei dieser Sachlage leuchtet es ein, daß Geburtenrückgang und Landflucht aufs engste miteinander verbunden sind.
Wenn heute unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt die Frage der Bereitstellung der nötigen Arbeitskräfte zur Erzeugungsschlacht erörtert wird, so ergibt sich daraus die Ueberlegung, daß damit gleichzeitig das wichtigste bevölkerungspolitische Problem der Nation angepackt wird. Patentlösungen für so schwerwiegende Fragen kann es nicht geben. Die wichtigste Voraussetzung ist die weltanschauliche Einstellung. Es handelt sich also auch um eine Erziehungsaufgabe Damit leuchtet es ein, daß z. B. die Landlehrer ganz besonders gute Kräfte sein müssen. Aus derartigen Gründen bleibt es selbstverständlich, daß bei der Neubildung deutschen Bauerntums nicht so sehr das Kapital den Ausschlag geben darf, sondern vor allem die Leistung und der Charakter der Bewerber.
Das Reichserbhofgesetz hat dafür gesorgt, daß der vorhandene bäuerliche Besitz künftig nicht angetastet werden kann und damit auch die Landarbeiter ihre sichere Heimstätte in der gleichberechtigten Arbeitsgemeinschaft mit den Bauern gefunden haben. Zu den vielen Einzelmaßnahmen, die hier einen allmählichen Fortschritt versprechen, gehört u. a der Frauenarbeitsbien st, der sich als besonders erfolgreich bewährt hat. Vor allem die Neusiedler betrachten die Arbeitsdienst- mädels als ihre guten Freunde, die nach kurzer Zeit des Einlebens wirklich zupacken und oft genug für ihr künftiges Leben die Liebe zum Lande
entdecken. Aehnlich hat sich die Zusammen- stellung von Landdien st gruppen der H I. bewährt, um in einem gewissen Umfang Ersatz für Wanderarbeiter zu schaffen. Es wäre nur wünschenswert, wenn derartige Maßnahmen eine Ausweitung erfahren könnten. Soweit die Wanderarbeiterfrage in Betracht kommt, wird man allerdings davon ausgehen, daß diese Art der Landarbeit Überhaupt allmählich verschwindet und im
Laufe der Zeit ständige Arbeitskräfte an die Stelle der Wanderarbeiter treten.
Es ist klar, daß derart grundlegende bevölkerungspolitische Fragen nicht in aller Kürze gelöst werden können. Hier liegen Aufgaben vor, deren Erfüllung Jahre und Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird, bis wirklich in der geistigen Haltung des ganzen deutschen Volkes aus der Verstädterung die Verbauerung geworden ist.
Die Sonderlagungen des Reichsbauerntages.
Goslar, 12. Nov. (DNB.) Die geschlossenen Sondertagungen des 3. Reichsbauerntages in Goslar haben am Dienstag ihren Fortgang mit Fachbesprechungen gefunden, die vorwiegend agrartechnischen Fragen galten. In einer Sondertagung für Geräte- und Maschinenwesen wurde die Organisation der Maschinenprüfung und Beratung erörtert. Eine weitere Besprechung über Grundlagen der Betriebsführung behandelte zunächst die Bedeutung und Durchführung der B o d e n s ch ä t - z u n g unter rechtlichen und technischen Gesichtspunkten und dann die gegenwärtig gegebenen Wege der landwirtschaftlichen Selbstfinanzierung. Zeitgemäße Markt fragen wurden in den Tagungen der „Hauptvereinigung der deutschen Getreidewirtschaft" und der „Hauptvereinigung der deutschen Kartoffelwirtschaft" klargestellt. Die Juristen des Reichsnährstandes zusammen mit den Hauptstabsleitern und den Verwaltungsabteilungsleitern klärten die schwebenden Fragen der Verwaltung im Reichsnährstand. Auch die weltanschaulichen Erörterungen der Reichshauptabteilung I sanden ihre Fortsetzung mit Vorträgen von Stabsleiter Ries über den „Sippenge- danken im Bauerntum", von Stabsleiter Dr. Senf über die „Aufgaben des bäuerlichen Sippenbuch e/" und von Stabsabtei- lungsoorstand Dr. Wünsch über „Bauerntum und Wappenführun g".
Der Reichsnährstand hat die Betreuung aller seiner Glieder übernommen, also auch der Landarbeiter und der gesamten Hofgesellschaft. Bei Behandlung der Richtlinien für die W inte rar beit auf diesem Gebiete wurde insbesondere die Frage des Neubaues und der Verbesserung von Landarbeiterwohnungen erörtert. Vor allem muß der Landarbeiter die Möglichkeit des Aufstieges haben. —
Eine neue einheitliche Bestandsaufnahme des Bodens bietet die Grundlage für die Planung und Steuerung der Erzeugung. Ebenso ist sie von entscheidender Bedeutung für die Besteuerung der Landwirtschaft. Auch hierüber wurde beraten. Die Auswirkungen der Steuergesetzgebung muß der Reichsnährstand bis zum letzten Steuerpflichtigen beobachten können. Bei der organischen Regelung der landwirtschaftlichen Geld- und Kreditverhältnisse ist das Ziel des Reichsnährstandes die Selbstfinanzierung, die in erster Linie für kurz- u n b mittelfristige Betriebskredite herbeizuführen ist.
In weiteren Fachtagungen wurden Einzelergebnisse der Erzeugungsschlacht und der Marktordnung behandelt. Bei der Hauptoereinigung der deutschen Garten- und Weinbauwirtschaft wurde insbesondere auf den Erfolg der Weinabsatzwerbung hingewiesen. Ebenso hat der Kennzeichnungszwang für die Garten- und Weinbauerzeugnisse seine Vorteile gebracht. Auf einer Sondertagung der Hauptvereinigung der deutschen Eierwirtschaft wurde hervorgehoben, daß eine wesentlich erhöhte und verbesserte Eiererzeugung festgestellt werden kann. Vor allem ist auch das Auf und Nieder der Börsennotierung abgestellt. Die gerechte Preisentwicklung gewährleistet eine stetige Hühnerhaltung. Ebenso bedeutungsvoll ist die Ordnung der Warengüte. Auch hier kann der Erfolg der vom Reichsnährstand durchgeführten Maßnahmen festgestellt werden. Weitere Sondertagungen beschäftigten sich mit der Fischwirtschaft, Der Bauberatung und den wissenschaftlichen Fragen, die vom Forschungsdienst und vom Verband der deutschen landwirtschaftlichen Untersuchungsanstalten bearbeitet worden sind.
Aus aller Well.
Oer Untergang des Dampfers „Inebolu".
Ueber den bereits gemeldeten Schiffsuntergang vor Smyrna werden nunmehr weitere Einzelheiten bekannt. Der Dampfer „Jnebolu", ein altes Schiff von 1080 Tonnen, befand sich mit 190 Köpfen an Passagieren und Besatzung auf seiner üblichen Fahrt von Istanbul nach Smyrna, als er in dem engen, tief eingerittenen Golf von Smyrna in einen heftigen Nordo st sturm geriet. Dabei wurde ein Kohlenbunker weggeschlagen, und das Wasser strömte mit großer Schnelligkeit in den Schiffsraum ein. Unter verzweifelten Anstrengungen ging man daran, das Leck zu dichten. Alle Bemühungen waren aber umsonst, der Dampfer verlor sein Gleichgewicht und sank eine Viertelstunde nachdem er das Leck erhalten hatte. Zum Glück befanden sich in der Nähe der Unglücksstelle der englische Frachtdampfer „Polo" und der türkische Dampfer ,^Jstikeal", denen es gelang, 111 Menschen zu retten. Motorboote aus Smyrna konnten weitere 14 Menschen retten. Die Zahl der Todesopfer beträgt demnach 66. Fast alle Geretteten mußten sofort in die Krankenhäuser von Smyrna gebracht werden, da sie sich zumeist in schwerverletztem Zustand befinden. Sie hatten ihre Verletzungen während des Unterganges und der damit verbundenen Panik erlitten und auch während des
Kampfes in den Wellen durch treibende Schiffstrümmer. Viele von ihnen konnten nur bewußtlos aus dem Wasser gezogen werden. Nach einer anderen Darstellung aus Smyrna soll der Dampfer stark mit Baumwolle geladen gewesen sein, die Ladung soll durch den schweren Seegang Nässe gezogen und dadurch ein Uebergewicht erhalten haben.
Regenflulen in Algier.
In Algier und Umgebung haben starke Regenfälle, die feit mehreren Tagen ununterbrochen anhalten, ungeheuren Schaden angerichtet. Der Verkehr in der Stadt Algier mußte auf mehrere Stunden eingestellt werden, da die Kanalisationsanlagen nicht in der Lage waren, die Wassermassen aufzunehmen. Mehrere Hauptverkehrsadern der Stadt waren in kurzer Zeit in wahre Flüsse verwandelt, und das Wasser drang in Keller und Wohnungen. Straßenbahnen und Autobusse sind buchstäblich im Schlamm stecken geblieben und konnten erst mit Hilfe der Feuerwehr wieder frei gemacht werden. In einigen Stadtteilen wurden die Straßenbahnschienen und die Pflastersteine fortgeschwemmt; in anderen sind Erdrutsche zu verzeichnen. Ein Wohnhaus, das von den Fluten unterspült worden war, stürzte ein, vier Einwohner wurden mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus übergeführt.
Schwere Gewitter in der Mailänder Gegend.
Ueber Mailand ging ein außerordentlich schweres Gewitter nieder, das einige Unfälle durch Blitzschläge mit sich brachte. In einem Hause gerieten durch einen Blitzschlag Tapeten und Bilder in Brand, so daß die Feuerwehr zur Hilfe gerufen werden mußte. In einem anderen Gebäude fuhr ein Blitz in ein Zimmer, wo gerade eine Familie mit ihren Gästen zusammensaß. Glücklicherweise kamen die Anwesenden mit dem Schrecken davon. Auch aus anderen Städten Norditaliens werden schwere Gewitter gemeldet. In Brescia wurden durch einen Wolkenbruch verschiedene Stadtteile überschwemmt.
Der TNont-Cenis-Paß eingeschneit.
Auf dem Mont-Cenis-Paß an der italienisch- französischen Grenze sind, vor allem auf französischer Seite, starke Schneefälle niedergegangen, so daß Automobile, auch wenn sie mit Schneereifen versehen sind, den Paß nicht überqueren können. Bis zum kommenden Frühjahr wird der Mont Cenis für Kraftwagen unbenutzbar bleiben. Auch auf den Höhen des bekannten italienischen Ski- Gebietes von Seftriere liegt bereits Schnee.
Mord in einem Reuyorker Wolkenkratzer-Hotel.
Der 40jährige Doktor Fritz Gebhardt, der angeblich in Karlsruhe geboren fein soll und vor etwa einem Monat aus Deutschland nach Newyork zurückgekehrt war, wurde unter geheimnisvollen Umständen in einem eleganten Wolkenkratzerhotel der Neuyorker Ostseite von seiner Verlobten, Vera Stretz, erschossen. Das Hotelpersonal hörte die Schüsse und rief die Polizei herbei, die Gebhardt mit einem Schlafanzug bekleidet und von vier Kugeln durchbohrt, tot auf dem Fußboden feiner im 21. Stockwerk liegenden Wohnung auffand. Die Mörderin, die nach der Tat versucht hatte, über die Feuernotleiter zu flüchten, jedoch von der Polizei ergriffen werden konnte, gestand den Mord sofort ein. In ihrer Tasche fand man einen Revolver und einige leere Patronenhülsen, lieber die Gründe der Tat befragt, verweigerte Vera Stretz jede Auskunft. Sie wurde bann dem Polizeigericht zur Vernehmung vorgeführt. Vera Stretz verweigerte auch weiterhin jede Auskunft. Es stellte sich jedoch im Laufe der Vernehmung heraus, daß ihre Behauptung, sie sei mit Gebhardt verlobt, nicht zutrifft. Sie war vielmehr als Hilfssekretärin in einer der Firmen Gebhardt gelegentlich beschäftigt. Vera Stretz ist die Tochter eines in Neuyorker deutschen Kreisen wohlbekannten Musikdirigenten,
Zuchthaus für einen Devisenschieber.
. Vor dem Hamburger Schnellschöffengericht hatte sich der 56jährige Max de Schepper aus Hamburg wegen fortgesetzten Verstoßes gegen bie Devisenbestimmungen zu verantworten. Der Angeklagte hatte in ben Jahren 1933 bis 1935 in Holland deutsche Wertpapiere im Nennwerte von 84 000 Mark ohne Genehmigung von einem Ausländer aufgekauft und zu diesem Zwecke etwa 46 000 Mark ohne Genehmigung ins Ausland gebracht. Der Angeklagte, der im wesentlichen geständig ist, bezifferte seinen Reinverdienst auf rund 20 000 Mark. Das Gericht verurteilte de Schepper zu zwei Jahren Zuchthaus und 50 000 Mark Geldstrafe, im Nichtbeitreibungsfalle zu weiteren zwei Monaten Zuchthaus.
Zwei Regerjungen gelyncht.
Etwa 700 Personen darunter viele Frauen, überfielen auf der Brücke überdenColorado- s l u ß in Columbus (Texas) einen Gefangenentransport und entrissen der Begleitmannschaft zwei 16jährige Negerjungen, bie bes Morbes an einem weißen Mäbchen angeklagt waren. Die Menge zog vor bas Haus bes Vaters ber Ermorbeten, lynchten bie Neger unb knüpften sie an einen Baum auf. In ihrer Todesangst beschuldigten die Negerjungen einen dritten Neger bes Morbes. Die Menge zog baraufhin aus, um ihn zu suchen.
Hauptschriftleiter: Dr. Friebrich Wilhelm Lange. Verantwortlich für Politik: Dr. Friebrich Wilhelm Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für ben übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für ben Inhalt ber Anzeigen: Theobor Kümmel. D. A. X. 35: 10 000. Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Stein- bruckerei R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen.
Monatsbezugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit ber Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis 10 Pf. unb Samstags 15 Pf^ mit ber Illustrierten 5 Pf. mehr.
Zur Zeit ist Preisliste Nr. 3 vom 1. Juni 1935 gültig.
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