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Nr. 187 Zweites Vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 13. August 1935

Schicksalsraum im Osten.

Brief von der Kurischen Nehrung.

Don Kurt Hohel.

Wer das Land im Osten des Reiches nicht kennt, der kennt Deutschland nicht. Jeder, der es aufsucht, muß spüren, daß das alte Preußen das Aufbruchs­land des Deutschland ist, das aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation einst hervor­wuchs. Das alte Deutschland im Westen ist schön, ist reich, ist die Schatzkammer der Kultur. Aber das Land im Osten ist hart, sein Volk ist stark, erprobt und frisch, zukunftsfroh trotz der Zerrissenheit des Landes. Ost und West ergänzen sich in Deutsch­land in einem besonderen Sinne. Wer vor der Marienburg an einem frühen Sommermorgen stand, der weiß, was gemeint ist: das Ordenserleb- nis faßt alles zusammen.

Vor der Marienburg, dort, wo sich das riesige heroische Bauwerk am Ende der idyllischen Stadt erhebt, steht jetzt das Abstimmungsdenkmal mit der Inschrift:Dies Land bleibt deutsch!" Ein Deutschritter steht ihr zu Häupten. Es waren in diesem Juli fünfzehn Jahre verflossen, seit am 11. Juli 1920 in Westpreußen, Ermland und Masuren 98 v. H. der Bevölkerung sich für Deutschland entschieden. Eine ostpreuhische Zeitung verglich jüngst dieses Ergebnis mit dem der Saar- abstimmung und stellte fest:So gedenken wir Ost- uyd Westpreußen der 15jährigen Wiederkehr unse­res großen Erlebnisses der Abstimmung mit nicht Geringerem Stolze, als die Saarländer zu allen Zeiten auf den 13. Januar dieses Jahres zurück- vlicken werden". Auch damit ist eine weitere, inner­liche Verbindung zwischen Ost und West gezogen!

Das Ostland ist soldatisch. Und diese Zeit seiner Zerrissenheit macht es noch soldatischer. Die Ausländer, die sich heute wieder einmal über den preußischen Militarismus" beklagen zu müssen glauben, sollten einmal das alte Land des Deutsch­ritter-Ordens aufsuchen, seine Struktur studieren und dann über die Grenzen gehen, vor allem ins Memelland hinüber, wo unter dem Zeichen von Versailles noch immer uraltes stammesdeutsches, schollenverbundenes Volkstum gequält und ver­höhnt wird. Hier im Osten erzieht seit Jahrhunder­ten das Schicksal den Deutschen zum Soldaten. Und man sieht ihm, weiß Gott, die Freude am Soldaten­tum an gerade jetzt wieder, als ein erwachtes Deutschland die Waffen wieder ehrt und vermehrt.

Wenn man unter litauischer Flagge übers Ku- rische Haff fuhr, so liest man dann auf dem deut­schen Boden der Nehrung (die ja durch Versail­les in sinnloser Weise mittendurch geteilt wird zwischen Ostpreußen und Memelland sprich: Litauen), man liest dann also nicht ohne innere Ge­nugtuung die Nachricht von den freundlichen Ab­sichten der Sowjets. Die Moskowiter proklamier­ten darin in diesen Sommerwochen, daß sie keines­wegs davon absehen, das Volk der Randstaaten vombürgerlichen Joche" im Wege der Bolschewi- sierung zuerlösen". Das ist den litauischen Blät­tern sogar ein wenig zuviel anSowjet-Freund­schaft" geworden ... (Denn all seineKühnheiten" dem Deutschtum des Memellandes gegenüber glaubt sich Litauen ja doch nur auf Grund seiner vermeint­lichen Rückendeckung durch die Sowjets erlauben zu können.) Wir Deutsche fühlen aber bei solchen Ge­legenheiten die ungeheuerliche Bedro­hung unseres ohnehin schon zerrissenen Ostens durch die Chaos-Macht in Moskau. Und unser Herz zittert im Anblick des herrlichen Landes, dieses von Deutschen immer wieder der Kultur und dem Ackerbau, der Forstwirtschaft und der Mensch­lichkeit zurückgewonnenen Landes, vor dem immer wieder andrängenden Chaos des Ostens. Unfern Nachbar Polen dürfte es nicht anders gehen.

Und wenn die Randstaaten an der baltischen Küste dann noch glauben, wegen des deutschen Flottenabkommens mit England und dem Aufbau einer deutschen Flottensicherung unserer ausgedehn­ten Küste sichbedroh t" zu fühlen, so ist ein zarter Hinweis auf die Rüstungen der Sowjets

wohl gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt ange­bracht ...

Nun ist es im Osten und insbesondere hier im äußersten Grenzwinkel nicht so, daß Groll und Verbitterung herrschten gegenüber den neuen Nachbarn von 1919. Nein das Deutschtum ist gerade jetzt von einer innerlich vornehmen, star­ken Selbstbewuhtheit erfüllt, die diesen zum Wil­len zur Macht erzogenen Preußen des Stammlandes gleichsam von Natur eignet. Deutschland kann sich auf diesen Osten verlassen diesen Osten, den es braucht, der ihm Kraft und Stolz gibt aus der politischen Spannung seines Schicksalstraumes und seines Schicksalsvolkes.

Eehe man an der Molle von Rossitten wieder an Bord des Schiffes geht, das einen aus derWüste Europas" zurück nach Cranszbeek und damit in den Bannkreis Königsberg bringen soll, nimmt man Abschied von allem aus der Kurischen Nehrung, was einem schon in wenigen Tagen lieb und wert wurde: den fernen weißen gespenstischen Rücken der Dünenberge, die den seltsamen NamenWüste Europas" nur bedingt rechtfertigen, denn diese Landzunge am Haff ist ein Waldparadies ohne­gleichen! Man nimmt ferner Abschied von dem Dorf und seinen malerischen schilfgedeckten Häusern, von den Gärten und von dem kleinen Hafen mit seinen Nehrungssegelschiffen, diesen altertümlichen Fahrzeugen mit den hohen viereckigen braunen Segeln. Und dabei blickt man auch noch einmal hinauf zu den seltsamen, kunstvollen hölzernen W i m p e l n", Laubsägekunstwerken, die wie durch­brochene hölzerne Fahnen in vielartigen Mustern an den Spitzen der Mastbäume der Nehrungsfischer prangen der Stolz dieser deutschen heimatstolzen Familien hier hoch im Norden des Vaterlandes. Es sind auf der ganzen Nehrung gewissermaßen die Wappenschilde der alteingesessenen Familien. An das kunstvoll von mancherlei Figurenmuster durch­brochene Holzstück ist immer noch ein kleines Fah­nentuch geheftet meist in den schwarweißroten Farben.

Im Rhythmus des Nehrungswindes schaukeln die Fischerkähne an der Mole von Rossitten, während wir hinter der Kette warten müssen, bis mitten im deutschen Vaterlandsgebiet unsere Zollbe­amten die Fahrgäste aus dem von Ostpreußen los­gerissenen Teile der Nehrung, aus dem unglücklichen Memellande kontrollieren. Diesseits und jen­seits der neuen Grenze zwischen dem Deutschen Reich und demlitauischen" Memellande woh­nen Deutsche, wohnen ostpreußische Nehrungs­fischer. Aber die Mißordnung von 1919 erlaubt es, daß ein Miniaturstaat diese deutschen Fischer und Bauern Ostpreußens vom Reiche losreißt und poli­tisch versklavt.

Und während man nun im Schiff an der phan­tastischen Dünenlandschaft der Nehrung noch einmal vorbeigleitet, erfährt man ein kleines erschütterndes Stück aus der letzten Tragödie der vom Reich los- gerissenen Deutschen des Ostens. Ein Polizist der litauischen angemaßten Regierung des Memellandes hat einem deutschen Fischer in dem nahen Nidden verboten, seinenkurischen Wimpel" zu setzen denn dieser Wimpel zeigte im an­hängenden kleinen Fahnentuch die deutschen Farben . . . Und als der Fischer dann einem deutschen Gast den Wimpel zeigte oder anbot, da riß der litauische Büttel ihm das stolze Zeichen der deutschen Kultur aus der Hand undbeschlagnahmte" es als staatsgesährlich ...

Es schneidet einem ins Herz, wenn man eben von der deutschen Nehrung kommt und erfährt solch unerhörte kulturschänderische Schmach, die sich der Polizeigewaltige eines erst durch die deutsche Tragödie des großen Krieges möglich gewordenen Zwergstaates erfrechen darf, unseren Volksgenossen jenseits der Zwangsgrenze anzutun.

Aber solch ein in seiner Erbärmlichkeit fast lächer­lich zu nennender angemaßter Eingriff zeigt uns allen wieder einmal, was es heißt, vom Reich getrennt zu fein! Die deutsche Traaik im Osten ergebt sich auch in solch kleinen Ereignissen zu ihrer vollen schicksalhaften Größe. Und so wie es einen an diesem Abschiedstage drängt, umzukehren und hinüberzufahren und den wackeren deutschen Fischern die Hand zu drücken und ihnen mit einem Blick zu sagen: Wir vergessen euch nicht! so sollte es immer und überall den deutschen Volksgenossen mit ehrlicher Liebeskraft drängen, den Deut­schen draußen die Hand zu reichen im Geiste. Wir brauchen dazu jenen Glauben, den

Den Botanikern und den Berufsgärtnern sind die lateinischen Blumennamen geläufig, und sie zögern nicht, uns sofort eine ganze Reihe prunk­voll klingender Benennungen aufzuzählen, wenn wir sie um Rat fragen. Aber was nützt ihnen und uns alle Weisheit, wenn ein Kind als Frager vor uns steht, uns eine Pflanze zeigt und zu wissen begehrt:Und wie heißt diese Blume?" Da sind wir dankbar, wenn wir den alten deutschen Namen wissen, in dem so viel Musik und soviel Anschaulichkeit liegt. So regt sich denn erfreulicher­weise unter Laien und Gärtnern der Wunsch, der Muttersprache bei der Benennung unserer Pflan­zen wieder ihr altes Recht zukommen zu lassen. Man ist alsdann erstaunt über die Fülle von Namen, die für ein und dieselbe Pflanze zur Ver­fügung stehen; denn sie hat in den verschiedenen deutschen Gauen oft ganz verschiedene Bezeichnun­gen, Die in der Bildhaftigkeit des Ausdrucks mit­einander wetteifern.

Auf merkwürdige Weife ist das heilkräftig^ Taufendaüldenkraut zu feinem Namen gekommen. Die Pflanze war ursprünglich nach dem heilkundigen Zentauren Chiron benannt worden. Von diesem Namen blieb aber bald nur noch der Zentauer übrig, und ein Uebersetzer hat den ur­sprünglichen Sinn mißverstanden und den Namen in Centum = hundert und aurum = Gold zerlegt und schließlich wurde das Hundert-Gülden-Kraut zu einem Tausendgüldenkraut erhöht. Der Holun­der b a u m war der germanischen Erdgöttin Holla geweiht. Das Johanniskraut verdankt seinen Namen der Blütezeit, die um Johanni fällt.

Oft haben auch Tiere bei der Namensgebung der Pflanzen Pate gestanden, wobei man eine Ähnlichkeit zwischen ihnen und dem Bild der Pflanze entdeckt haben wollte. So ist der Storch­schnabel nach dem Schnabel des Storches be­nannt, und in diese Gruppe gehören auch Löwen­maul, Fuchsschwanz und Bärlapp, wobei unter denLappen" nach einer alten Bezeichnung die Vorderfüße des Bären verstanden wurden. Die Fuchsie dagegen verdankt ihren Namen nicht etwa Meister Reineke, sondern dem berühmten deutschen Botaniker Bernhard Fuchs, der als einer der großenPflanzenväter" des 16. Jahrhunderts ge­ehrt wird. Auch die Kamelie hat einen Pflanzen­freund als Taufpaten. Es ist der Jesuitenpater Camellus, der sie aus Japan nach Europa brachte.

Auch die Georgine oder Dahlie leitet ihre Namen von Personen ab, die durch diese Verbin­dung mit einer Pflanze geehrt werden sollten. Die Dahlie wurde von ihrem Entdecker Cervantes im Jahre 1785 an den Direktor des Botanischen Gartens in Madrid gesandt, der sie zu Ehren des schwedischen Botanikers Dr. Dahl benannte; der Direktor des Berliner Botanischen Gartens aber nannte sie nach seinem Freund, dem Petersburger Gelehrten Georgii, Georgine. Die Gloxinie trägt ihren Namen nach dem Straßburger Professor der Botanik Gloxin, die Begonie nach dem Pro­fessor Begon, und die Kochie nach Robert Kock; die R o b i n e wurde zuerst von Robin von Nord­amerika nach Europa gebracht.

Einen echten deutschen Blumennamen trägt da­gegen die Wohlverleih, die lateinisch Arnica

einst der frühere Engländer und später zum Deut« schen gewordene Houston Stewart Chamber­lain sich erobert hatte und den er einmal (1917) erschütternd tief ausspricht:Der deutschen Idee wohnt eine ungeheure Wirkungsgewalt inne; an tausend und abertausend Orten, van unserer Deffent- lichkeit meistens unbeachtet, steigt die stille Flamme des Deutschgedankens Tag und Nacht himmelwärts, wie das ewige Feuer unserer indogermanischen Urväter, und diese Treue zeugte einen Segen, gegen den der Mammon und der Bel und alle die anderen Semitengötter, die die heutige Welt beherrschen, auf die Dauer nicht werden aufkommen können."

heißt; sie verdankt ihren Namen der ihr innewoh­nenden Heilkraft. Daneben ist aber auch Arnika so eingebürgert, daß der Name neben denen der Lilie, Narzisse, Malve, Aster, Resede und Rose bestehen kann; diese fremden Bezeichnungen sind so volkstüm­lich geworden, daß auch entschieden Fremdwortgeg­ner keinen Widerspruch anmelden. Daneben aber haben die schönen alten Pflanzennamen festen Be­stand. Da sind die Schneeheide und das Schnee­glöckchen am Eingang des Jahres, denen März­becher, Seidelbast und Hundszahn fol­gen. In der langen Reihe schöner deutscher Pflan- zennarnen sind weiterhin noch zu nennen Stiefmüt­terchen, Kaiserkrone, Rittersporn, Tränendes Herz, Glockenblume, Goldregen, Teufelskralle, Kapuziner­kresse, Männertreu, Jungfer im Grünen, Winde, Schöngesicht und Fingerhut; die Sonnenblume, deren große Blüten mit goldorangefarbenen Strah­len aus einer tiefdunklen Mitte hervorbrechen, soll diesen Blumenstrauß krönen.

Mit den aufgezählten Blumen ist freilich der große Schatz der deutschen Blumennamen keines­wegs erschöpft. Wer übers Land wandert und ein­kehrt, wo Blumengärten im Blütenschmuck stehen, der wird viele merkwürdige Namen erfahren, Na­men voll Geheimnis und zugleich auch von jener wundersamen Bildhaftigkeit, die das Geheimnis zu deuten vermag. C. K.

Christliche Nächstenliebe?"

Frankfurt a. M., 10. Aug. Das Gaupre ff e- amt teilt mit:

Als wir kürzlich die von Dr. Goebbels auf dem Gautag in Essen gehaltene Rede gehört hatten, glaubten wir, daß nun jeder einsehen müßte, daß sich der Kampf der NS.-Dewegung nicht gegen Kon­fession und Bekenntnis richtet, sondern lediglich gegen jene Kaste, der es im Innersten darauf an­gekommen ist, nämlich gegen den politischen Katho­lizismus. Nachdem in so eindeutiger Weise dazu Stellung genommen wurde, hätte man wohl an­nehmen können, daß gewisse Kreise endlich zur Ein­sicht und Vernunft kommen und ihre Wühlarbeit einstellen. Stattdessen beweisen die Nachrichten aus dem Reich, daß die Katze das Mausen immer noch nicht lassen kann. Nachstehender Vorfall zeigt, daß der organisierte politische Katholizismus anstatt sich besonders einsichtsvoll und zurückhaltend zu zeigen, immer noch groteske Blüten treibt:

So trug sich auf der Landstraße zwischen Frank­furt a. M. und Hanau folgende Begebenheit zu:

In der Nähe der Rumpenheimer Schleuse zwi­schen Frankfurt und Dörnigheim verunglückte ein Motorradfahrer, welcher auf dem Soziussitze feine Frau bei sich hatte. Letztere wurde fo unglücklich auf das Piaster geschleudert, daß sie schwerverletzt auf der Straße liegenblieb. Hinzukommende Kraft­fahrer und Passanten bemühten sich sofort um die Verunglückte.

Ein Augenzeuge berichtet:Während ich bei der Schwerverletzten kniete, um sie zu verbinden, trat aus den Umstehenden ein Herr hervor und fragte mich, ob die Frau katholisch fei. Auf meine Ant­wort:Was hat das damit zu tun", erwiderte mir

Männertreu und Jungfer im Grünen.

Von alten, schönen deutschen Blumennamen.

Das Kindchen.

Don Karl Ludwig Stork.

Das Warten war heillos bedrückend. Johannes warf die Zeitschriften auf den Tisch und trat ruhe­los ans Fenster. Draußen blinkte die Sonne auf dem Rasen. Lichtkringel umspielten die Sträucher und Bäume. Kastanien und Fliederbüsche des gro­ßen Gartens, der hinter dem alten, Verwitterten Krankenhaus lag. Diese Aussicht ins Grüne und ins Gewoge der Blätter und Blättchen mochte den Genesenden in den kahlen, weißgetünchten Sälen und Stuben, in den offenen Liegehallen wie ein Blick ins Paradies fein, und ihre Sehnsucht, ihre Hoffnung, gesund zu werden, sogen aus dem Duft, sogen aus den Farben, aus dem Rauschen der Wip­fel, die der Wind sanft niederbog und neigte, aus dem vielstimmigen, lautreichen Gesang der Amseln, Meisen, Lerchen und Finken, ja selbst aus dem vor­lauten Gezwitscher der Spatzen neues Leben.

Aber Johannes, den oft die Natur berauschen konnte und dem von Jugend an jeder Geruch im Wald und auf den Wiesen oder Feldern, das Ver­borgenste des kleinen, geschöpflichen Lebens vertraut war, hatte heute für mchts derlei Sinn. Er übersah das Geplätscher, Paddeln und Tauchen der Enten im Teich und das Geraufe einer jungen, unbändi­gen Katze mit der Katzenmutter, die zur Anstalt gehörte, und die sich jetzt umsonst der Sprünge ihrer wilden, übermütigen Tochter zu erwehren suchte. Dumpf brütete Johannes heute vor sich hin. Nur wenn er auf den Gängen drinnen im Haus einen Schritt hallen hörte, drehte er sich rasch nach der Tür um, und seine schlaff und nachlässig gebeugte Gestalt straffte sich mit einer lauernden Gespannt­heit, sein flackernder, matter Blick wurde plötzlich starrer und bestimmter. Wenn ihn die Schritte wie­der und wieder enttäuschten und an der Tür des Wartezimmers vorbeigingen, nachdem sie vielleicht gerade in diesem Augenblick quälend gestockt hat­ten, griff er sich vors bleiche Gesicht und atmete, langsam nach einem Stuhl tappend, wie unter dem Albdruck einer schweren, einer eisernen Hand, die sich drohend um feine Brust klammerte.

So wartete er schon stundenlang und wurde nicht müde zu warten. Einmal, um die Mittagszeit, als eine Frau ihre Tochter heimholen kam, war Johan- nes einige Straßen weit vom Krankenhaus in einen Gasthof geeilt, weil ihm ein junger Arzt geraten hatte, etwas zu essen, denn es konnte ja alles noch viele Stunden dauern. Vielleicht wurde es wieder Nacht» und et mußt* tarn« noch, vor Ungewißheit

selbst krank, in diesem engen, trostlosen Zimmer sitzen und warten. Angst, daß doch etwas geschehen könnte, während er fort ist, daß Maria nach ihm rufen werde und er sei nicht im Wartezimmer, trieb ihn vom Essen weg. Aber als er die Treppe zum Krankenhaus emporeilte, hielt ihn eine Schwe­ster an, mit der er schon in der Frühe gesprochen hatte, und tröftete ihn:Das hat alles feine Zeit. Da muß man Geduld haben."

Wie lange er schon wieder gewartet hatte, feit er über Mittag zum Essen fortgelaufen war? Er wußte keine Zeit. Die Liegehallen im Garten wurden schon geräumt. Die ersten Schatten des dämmernden Abends' krochen über die Gartenwege und an den Sträuchern und Bäumen hoch. Den Sessel ans Fenster gerückt, um noch sehen zu können und sich dabei von seiner Angst abzulenken, blätterte Jo­hannes erneut in den Zeitschriften, scheu, Licht an­zudrehen. Er betrachtete Bilder vom Schwarzwald und Bodensee, aus der Schweiz und aus den baye­rischen Alpen. Da kehrten seine Gedanken unver­sehens in sein vergangenes Leben zurück, als er noch da und dort, an vielen der abgebildeten Orte, mit Maria gelebt hatte. Damals trübte nie ein Streit oder auch nur eine Meinungsverschiedenheit den Aufschwung ihrer Seelen. Gleiche Empfin­dungen, gleiche Ueberzeugungen ließen eins im We­sen des andern ruhen, bis die Not mit ihren Spin­nenfingern in ihr Leben eingriff und das schöne Gewebe, das ihre hochgestimmte Phantasie wie ein Märchen um sie gesponnen hatte, unbarmherzig zer­riß. Da fing das Elend an: mit der beiderseitigen Gereiztheit und mit all den Rücksichtslosigkeiten, mit den Anklagen und entnervenden häuslichen Aus­einandersetzungen, wobei zuletzt Tränen und Aus­brüche wütenden, anhaltenden Schreiens die Frau, stumme Verbissenheit den Mann völlig erschöpften.

Aber von dem Tage an, als sie um das Geheim­nis des Kindchens wußten, wurde ihr Gefühl von einer großen Welle des Gutfeins aus der Gosse, wohin sie es geworfen hatten, emporgehoben und fortgetragen. Eine wundersame keusche Lauterkeit war von nun an in ihrem Leben. Maria wurde gut in ihrer fraulichen Ohnmacht, und mit dem Ver­trauen eines unbefangenen Kindes entfaltete ihr Wesen auf einmal eine völlig neue Kraft der Hin­gebung, die auch Johannes wieder aus feiner Ge- fühlsverstocktheit freimachte. Er fing an, mit einer männlichen Demut um sie besorgt zu sein. Er half ihr lächelnd bei allen häuslichen Handreichungen.

Als er jetzt dies alles im Krankenhaus überdachte, besonders das viele Leiden, das sie umeinander lit­ten, bereut* er wieder jedes böse Wort und jeden

schlimmen Gedanken, womit er Maria verletzt hatte. Sie war ja nur schwach und krank gewesen, und er war ein großer, dummer Junge, daß er sich manch­mal so herzlos gegen sie benommen hatte. Die Schwester, die er schon kannte, öffnete während sei­ner schönen Versonnenheit leise die Tür und drehte das Licht an, einen Korb abzustellen. Sie war über­rascht, Johannes noch zu finden, und rief:Ach, da find Sie ja noch. Das ist gut. Kommen Sie gleich mit mir." Johannes zitterte wie ein Schulbub, der über einem schlimmen Streich ertappt wird und konnte kaum ruhig auftreten, als er mit der Schwe­ster aus dem Zimmer schritt. Gleich darauf stand er vor dem Bette, wo Maria mit bleichen, abgehärm­ten, blutleeren Wangen, aber wie verzaubert- chelnd, in den zerwühlten Kissen lag. Von all dem, was er sich zu sprechen vorgenommen hatte, fiel dem dummen, betretenen Johannes nun gar nichts mehr ein, so ergriffen war er. Und als er sich über die junge Mutter beugte, ihre fchmerzkalte Stirn zu küssen, konnte er nur flüstern:Ich will jetzt immer gut zu dir sein, Maria." Dann suchten seine Blicke neugierig nach dem Kindchen und forschten auf die geträufelten Härchen des blanken Schädelchens und auf die winzig verschrumpelten und geballten Fäust­chen herab.Es ist ein sehr schönes Kind", bestätig­ten ihm der Arzt und die Schwester.

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Im Lichtspielhaus Bahnhofstraße.

Das Thema, das dieser Film behandelt, ist aus Der deutschen Filmproduktion der letzten Jahre so gut wie ganz verschwunden, ohne daß man eine wesentliche Lücke empfunden hätte. Josef von Sternbergs Regie hat gut daran getan, das persönliche Schicksal einer Frau scharf in den Mit­telpunkt zu rücken, den Konflikt zwischen der frei übernommenen schweren Pflicht und der Liebe zu dem Manne, der als Gegner kein anderes Gefühl kennt, als Vernichtung des Feindes, gleichgültig wer er fei. Diesen fundamentalen Gegensatz zwi­schen der männlichen und weiblichken Sphäre hat Sternberg in den zwei auch psychologisch ungemein interessanten, atemlos spannenden Hauptakten mei­sterhaft herausgearbeitet. Mann und Frau kom­men im Wechsel desKrieasglücks" nacheinander in die gleiche Situation, in Der es auf Leben und Tod geht. Der Mann schiebt alle persönlichen Ge­fühle beiseite, wo es allein um die Sache geht, die Frau vermag, vor die gleiche Frage desDu oder ich?" gestellt, keine Genugtuung zu empfinden. Nicht

Rache, nicht Pflicht, die Liebe entscheidet allein. Sehenden Auges geht sie in das eigene Verder­ben, um den Mann ihrer Liebe vor dem gleichen Schicksal zu retten, das ihr selber unausweichlich droht, wenn sie gegen Pflicht und Vernunft han­delt, wie ihre Liebe ihr befiehlt. Wir wüßten nie­manden, der diese Frau, die fast im Traum ihren Weg geht, besser zu spielen vermöchte als Mar­lene Dietrich. Fast ohne Beteiligung ihres eigensten Jchs stellt sie ihre Schönheit, ihren Charme in den Dienst der Sache und taumelt offe­nen Auges in die Netze, die sie selbst gestellt hat und die denen den Tod bringen, die sich in sie ver­stricken. Ihr Gegenspieler, Mac Sagten, nutzt skrupellos die Chance, die sich ihm bietet. Was der Frau Liebe ist, die Vernunft und Ueberlegung raubt, bleibt für ihn ein erregendes Abenteuer, das er ohne Schwanken beifeite wirft, wenn es um die Sache und um fein Leben geht. Daß der Film in der amerikanischen Originalfassung gespielt wird, möchten wir als einen Vorzug betrachten. Der un­mittelbare Eindruck der schauspielerischen Leistung, die ganz im Psychologischen, in der menschlichen Tragödie der Frau liegt und uns wesentlicher dünkt, als die gewiß ungemein spannende Rahmenhand­lung, dieser Eindruck wäre durch eine Synchroni­sierung zweifellos problematisch geworden. Im Beiprogramm wird ein schöner Film aus dem Reich Fontanes gezeigt, die märkischen Wälder um die Havelseen, in Wort und Bild fein zueinander ab, gestimmt. Die Tvnwvche bringt zum Todestage des Reichspräsidenten von Hindenburg besonders mar­kante Bilder aus dem Leben des verewigten Feld­marschalls.e-

Musikalische Au-kdote.

Bezeichnend für den Mut Franz Liszts ist ein wenig bekanntes, aber verbürgtes Vorkomm­nis in Petersburg, wo er eines Abends bei der musikliebenden Großfürstin Helene in einer Gesell­schaft spielte, in der auch Kaiser Nikolaus I. zugegen war. Während Liszts Spiel unterhielt sich der Kaiser fortgesetzt laut mit einer Hofdame. Liszt, der diese Störung als eine Mißachtung empfand, brach plötz- lich ab. Erstaunt und ungehalten fragte ihn der Kaifer, was das zu bedeuten habe. Der Künstler antwortete mit größter Unbefangenheit:Wenn Seine Majestät der Kaiser von Rußland spricht, hat jeder andere zu schweigen."

Diese Schlagfertigkeit imponierte selbst dem stolzen Zaren, und von da ab verlief das Konzert ungestört.

> A, D.