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die im Glanz der Abendsonne rötlich-gelb schimmer­ten, jetzt ein geisterhaft grünes Licht ausstrahlten. Die Schönheit der Masse und der Formen ist auch in dieser nächtlichen Vision zu spüren. Dem natur­gläubigen Menschen der Antike muß dieser Anblick der auch uns tief bewegt, im Innersten erschüttert haben...

Der junge Morgen bringt uns an das Ziel un­serer Reisesehnsucht. Am Theater desDiony- s o s betreten wir das klassische Heiligtum, lieber uns recken sich die gewaltigen Mauern der Götter­burg, die Perikles errichten ließ. Zu ihren Füßen waren die Weihestätten der attischen Naturgötter angesiedelt, die in das Theater hineinschauten. Heute sind davon nur noch Irümiper erhalten; auch die oberen Reihen des Theaters, das für 30 000 Men­schen Raum bot, sind zerstört. Auf den bequemen Sitzen aber, die den Priestern vorbehalten waren, kann man noch jetzt Platz nehmen. Im Schauraum vor uns, in der Orchestra und auf der Bühne mür­ben vor mehr als 2000 Jahren die Dramen des So- phokles, des Aeschylos und des Euripides gespielt. Das uralte Problem von Schuld und Sühne fand hier schon im fünften und vierten vorchristlichen Jahrhundert seine klassische Lösung. Aus der kulti­schen Handlung von Einst das Theaterspiel war bei den alten Griechen Gottesdienst ist unser modernes Theater entstanden. Wir stehen also hier an der Geburtsstätte des Dramas als einer selbständigen Darstellungsform des künstleri­schen Lebens Grund allein genug, sich einige Ge­danken zu machen über die Begrenztheit der geisti­gen und seelischen Entwicklungsmöglichkeiten ...

Nur eins freilich fällt schwer: sich vorzustellen, daß in diesem heiteren, sonnenüberfluteten Theater düstere Tragödien gespielt worden sind. Alles scheint hier auf Freude, auf Heiter­keit und Gelassenheit gestimmt: die Sonne, der Wind, das weiße Marmorgebälk, die im Halbkreis geschwungenen Sitzreihen, in die noch die Namen der antiken Platzinhaber eingeritzt sind.

Am Burgfelsen entlang, in dessen tiefen Spalten die Vögel der Pallas Athene, Eulen, nisten, wenden stch unsere Schritte den Propyläen, dem eigentlichen Eingang zur Akropolis zu. Ein Thea­ter aus der römischen Zeit wird kurz gestreift. Hier stnd erstaunliche akustische Wirkungen erzielt wor­ben. Don der wohl mindestens 20 Meter tiefer lie­genden Bühne ist bis hinauf zu den höchsten Sitz- reihen auch das leise geflüsterte Wort noch zu ver­stehen. Und nun erschließen uns die Propyläen den eigentlichen Tempelbezirk des Felsens der Athene. Beinahe nur andeutungsweise kommen uns ein v""r MarmarsOUen zwilchen dem vora<»schobenen sklliqel her klassischen Marte entaeaen. Bis dahsn finh auch in h»r antiken Z-it hie Gatteshienst-Bro- z-Nmnen im zvm steilen Ha^a hinauf ne»

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Heit und Klugheit. Und sicherlich entstand das ihr geweihte Heiligtum aus der Inbrunst einer beson- oeren Hingabe an ihre Göttlichkeit. Kraft und Ernst haben an diesem Werke mitgewirkt und seine For­mensprache entscheidend bestimmt. Nichts Hartes und nichts Drohendes aber spricht daraus; der Baumeister des Parthenon konnte ebensowenig auf die Heiterkeit als Element seines Gottglaubens verzichten wie irgendein anderer der Künstler, die etwa die Propyläen, das Erechtheion oder den Nike- Tempel einer späteren Zeit gestaltet haben. Wäh­rend den ersten Kirchen unseres Zeitalters noch sehr viel von der Düsternis und der Heimlichkeit des ver­folgten Katakomben-Christentums anhafiet, entstan­den, was auch zu bedenken ist, die Tempel der Antike aus einer ganz unproblematischen, natur» haften und heiteren Vielgötterei, für die triebhafte Freude geradezu eine Voraussetzung war.

Im weiten Jnnenraum des Heiligtums stand das berühmte Bild der Pallas Athene, das Praxiteles aus Gold und Elfenbein schuf. Zu seiner Zeit galt es als eines der Weltwunder. Wir kennen heute nur noch schwache ^römische Nachbil­dungen. Trotzdem kann man sich mühelos vorstellen, wie gewaltig das Standbild, das in einem völlig dunklen Jnnenraum stand und sein Licht nur aus einer hohen Eingangspforte empfing, auf die Gott­sucher gewirkt haben muß. Es mag bedauerlich sein, daß diese Kostbarkeit nicht erhalten ist. Es ist aber merkwürdig, wie wenig wir sie vermissen ein Beweis mehr dafür, wie sehr auch uns moderne Menschen allein schon die Schlichtheit der Architek­tur anspricht. Im übrigen ist ja auch heute noch das Parthenon ein architektonisches Wunder, ein bau­technisches Rätsel. Fundament, Säulen und Giebel­gebälk haben zueinander ein Spannungsverhältnis, für das wir heute die mathematische Formel nicht mehr kennen. Zahllose Erdbeben haben den Boden der Akropolis erschüttert die Tempelanlagen stehen heute noch wie einst. Und wenn nicht im 17. Jahrhundert ein Lüneburger Feldhauptmann das türkische Pulvermagazin, das im Tempel der Athene angelegt war, mit seinen Kanonen getroffen hätte, so könnte man den Bau wohl ebensowenig als Ruine bezeichnen wie etwa den Tempel des sagenhaften Königs Thesus, der zu Füßen der Akro­polis liegt und seit 2500 Jahren vollständig erhal­ten ist.

Der heftige Wind der Nacht hat sich im Laufe des Vormittags zu einem regelrechten Sturm entwickelt, der mit Windstärke 9 von Norden her durch die attische Ebene weht. Die Luft ist braun von dem Staub, den er aufwirbelt, und wir müssen hinter den mächtigen dorischen Säulen des Athene-Tem- pels Schutz suchen, um nicht von den Marmor- Trümmern heruntergeweht zu werden. Nur die hochgelegenen Punkte der Berge ringsum ragen aus dem Staubwirbel. Wir sehen hinüber zum Hymettos, von dessen Thymian-Hängen schon vor mehr als 2000 Jahren die Bienen einen berühmten Honig brachten, sehen den Pentelikon, den Lyka- bettos, den ein griechisches Kloster krönt und weit in der Ferne ahnen wir Salamis und das Meer!

Das Nationalmuseum ist voller Kostbar­keiten. Zwar hat das 19. Jahrhundert Raubbau an der griechischen Landschaft getrieben, an diesem Volke, das erst vor kaum hundert Jahren seine Freiheit wiedererkämpfte. Dennoch ist unendlich viel Schönes im Lande selbst verblieben, und die größten Kostbarkeiten sind erst in den letzten Jah­ren zutage gefördert worden. Wir sahen die Büste eines Spartaners, über dessen Haupt sich eine mäch­tige Helmzier wölbt. Wahrscheinlich stammt der Kopf mit den kräftig vorgeneigten Schultern von einem Standbild des Leonidas, jenes spartanischen Königs, der die Thermopylen mit seinen 300 Män­nern bis zum Tode tapfer verteidigte und damit Griechenland vor dem Einfall der Perser bewahrte. Wir bewunderten ferner die klassische Statue eines speerschleudernden Zeus, ein herrliches Broncestand- bild von Lebensgröße, das aus dem Meere bei Kap Sunion geborgen wurde. Vor mehr als 2000 Jahren ist hier ein römisches Schiff untergegangen, das mit griechischen Kunstschätzen aller Art beladen

war. Heute muß nun das Meer diese Kostbarkeiten, die durch einen Zufall entdeckt wurden, wieder her­ausgeben.

Ein Bericht über Athen wäre unvollständig, wenn man nicht auch mit eine m kurzen Wort Kap Sunion schildern würde. Es ist der südöstlichste Punkt des attischen Landes. Alle Schiffe, die von Kleinasien oder aus Afrika kamen, mußten in der antiken Zeit an Kap Sunion vorüber. Auf seinem höchsten Punkt, hoch über dem blauen Aegäischen Meere ragen di e Trümmer eines Posei­don-Tempels, und man kann sich mühelos vorstellen, daß die heimkehrenden Schiffer dorthin

ihre Dankgebete, die Ausfahrenden ihre Bitten um gute Fahrt sandten; in den Fuß eines Säulenschafts hat auch Lord Byron seinen Namen gekratzt. Kap Sunion ist eine der geistigen Geburtsstätten der grie­chischen Freiheit. In' der heißen Mittagssonne duf­ten Thymian und Ginster rings um uns, kleine Eidechsen und Schildkröten tummeln sich auf den gelblich-weißen Marmor-Trümmern, der Boreas weht mit unverminderter Geschwindigkeit und in uns ist das tiefe Glücksgefühl dessen, der über Land und Meer ein heimliches Ziel seiner Sehn­sucht fand.

Raum für alle hat die Erde..

Don Lord Philipp Snowden, ehemaligem britischen Schahkanzler.

Die Welt könnte nur übervölkert werden, wenn die natürlichen Hilfsquellen von der Wissenschaft restlos erfaßt und durch menschliche Arbeit nutzbar gemacht würden und trotzdem nicht ausreichten, allen Menschen vernünftige Lebensmöglichkeiten zu bieten. Das ist zweifellos nicht der Fall. Viele Millionen Hektar fruchtbarsten Landes, die ungeheure Mengen von Nahrungsmitteln hervor­bringen könnten, liegen noch brach. Es ist be­rechnet worden, daß die ungenützten Landgebiete allein Kanadas und Sibiriens den ganzen Weizenbedarf der Welt decken könnten, selbst wenn man die Möglichkeit intensiverer Produktion, als man sie gegenwärtig anwendet, außer acht läßt.

Die Bodenschätze tropischer Länder sind noch in weitestem Umfange unberührt. Ab­gesehen davon kann man mit Bestimmtheit neue chemische Verfahren erwarten, die auf synthetischem Wege Lebensmöglichkeiten, die wir jetzt nur aus natürlichen Produkten erhalten können, in fast un­begrenzten Mengen schaffen werden. Seit dem Beginn der industriellen Revolution hat die Fähig­keit, Wohlstand zu schaffen, schnellere Fortschritte gemacht als das Anwachsen der Bevölkerung. Dieser Prozeß wird sich wahrscheinlich fortsetzen, und solange das geschieht, kann von einem allge­meinen Problem der Weltübervölkerung keine Rede sein.

Wohl aber gibt es ein Problem regiona­ler Bevölkerungshäufung. In gewissem Sinne sind einige Länder über- und andere dünn bevölkert. Die Unterbevölkerung von Ländern, die große natürliche und für die große Masse nicht nutzbar gemacht Hilfsquellen besitzen, ist ein bedeu­tender Verlust für das Weltvermögen und ver­schärft gleichzeitig die wirtschaftlichen Schwierig­keiten, unter denen die dichter bevölkerten Länder leiden. Für die internationale Zusammenarbeit und Organisation gibt es daher keine wichtigere Frage als die der gleichmäßigeren Ver­teilung der Bevölkerung über die Erdober­fläche.

Der Bevölkerungsdruck ist in der Vergangenheit oft die Urfache von Kriegen gewesen. Er wird es auch in Zukunft fein, wenn er nicht durch internationale Zusammenarbeit beseitigt wird. Drei europäische Nationen haben sich durch Er­oberung oder Kolonisation bereits mehr als ein Viertel der Erdoberfläche angeeig­net. Schließt die Politik dieser Länder Angehörige anderer Nationen von der Niederlassung in diesen Gebieten aus, sind ernsthafte Störungen unver­meidlich. Die britische Politik der offenen T ü r" für den Handel anderer Län­der in den britischen Kolonien und Dominions hat die Ungerechtigkeit, die in einer Politik strenger Exklusivität liegt, wenigstens teilweise gemildert. Aber bei dem Problem handelt es sich nicht nur um den Handelsverkehr, sondern auch um die Niederlassung von Angehörigen solcher Län­der, in denen ein raumloses Volk noch einen Aus­weg sucht. Wenn aber Länder wie Australien, Kanada und die Vereinigten Staaten die Ein­wanderung beschränken oder gar verbie­ten, obwohl sie riesige unbewohnte und zur Ver­

größerung des Weltvermögens außerordentlich aut geeignete Gebiete besitzen, so ist das Entstehen internationaler Eifersüchteleien unvermeidlich. Das Problem kann nur durch die Erkenntnis gelöst werden, daß die ganze Erde gemeinsames Erbe der ganzen Weltbevölkerung ist, und daß die gesamten natürlichen Schätze der Erde als gemeinsames Erbe jeder Rasse und jeder Nation zugänglich sein sollten.

Die Beschränkung der Einwanderung nach Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten wird hauptsächlich von der Sorge um die E r - Haltung der Arbeitslöhne diktiert; sie ist also eine Art Protektionismus. Von der unbe­schränkten Einwanderung befürchten die Arbeiter zweierlei: die Einwanderung einer zu großen Zahl von Siedlern aus den europäischen Ländern mit einem ziemlich hohen Lebensstandard könnte zu einem Ueberschuß an Ar­beitskräften und damit zu niedrige­ren Löhnen führen; der Zust.om von Ange­hörigen der gelben Rasse würde wegen des niedrigen Lebensstandards, an den die gelben Völker gewöhnt sind, unmittelbar nach dieser Rich­tung hinwirken. Der Völkerbund hat sich mit der Einwanderungsfrage beschäftigt. Aber der Natio­nalismus der Länder, die den Bevölkerungsüber­schuß anderer Länder aufnehmen könnten, hat alle praktischen Schritte, die man versuchen wollte, ver­hindert. Es bleibt also nur eine einzige Lösung. Bei der gegenwärtigen Stimmung in der Ländern, die Einwanderer absorbieren könnten, besteht je­doch wenig Aussicht auf ihre baldige Durchführ­barkeit. Diese Lösung wäre ein internationales Abkommen, das sich auf dem Quotensystem aufbaut und das den übervölkerten Ländern er­möglicht, regelmäßig eine bestimmte Menge von Einwanderern in die untervölkerten Länder zu senden.

Das würde allerdings den Verzicht auf den Aus­schluß von Einwanderern aus Rassen- und Farb- grünben bedeuten. Es wird auch zweifellos sehr schwer sein, die britischen Dominions, die ent­schlossen sind, den britischen Charakter ihrer Län­der zu wahren, von der internationalen Notwendig­keit dieser Politik zu überzeugen. Man wird sich aber über den Widerstand dieser Länder, so selbst­verständlich er sein mag, Hinwegsetzen müssen, wenn man schwere internationale Komplikationen vermeiden will. Nichts könnte zerstörender für das britische Empire sein, als wenn übervölkerte Länder zu der Ueberzeugung kämen, das britische Reich gefiele sich in der Rolle desHundes am Freßnapf".

Line sinnige Widmung.

Es war bekannt, daß sich die seinerzeit berühmte Schauspielerin Friederike G o ß m a n n bei ihrem Auftreten der besonderen Wertschätzung der Hanno- verschen Königsfamilie zu erfreuen hatte. Als sie nun bald danach den berühmten^ Dirigenten Hans von Bülow bat,.ihr eine Widmung in ihr Album zu schreiben, wie das in dieser Zeit üblich war, trug der witzige Musiker die folgenden Worte ein: Mit den Welsen muß man heulen."

Ein Hund weckt mich.

Don Hans Friedrich Blunck.

Ich merke, noch im Halbschlaf, daß etwas un­erhört Unordentliches geschehen ist. Richtig, der Hund liLgt vor meinem Bett und das kommt da­von blitzschnell schießt es mir durch den Kops, daß ich Strohwitwer bin und mich heute nacht beim Heimkommen so sehr über bas gute Tier gefreut fjabe, daß ich es mit ins Schlafzimmer nahm ganz ausnahmsweise, hörst du, Bruddel! Mit der dringenden Vermahnung, mich nicht zu früh zu wecken.

Nichtig, der Hund liegt auf dem Bettvorleger. Unb er hat beutlich in Erinnerung, daß er mich nidjt wecken soll unb liegt obschon längst wach, ich merke es am Spiel ber Ohren als lautlose Wache vor meinem Bett, ben Kopf zur Tür gerich­tet, unter der ein Windzug Kaffee- und Brotgeruch hereinführen mag.

2Ibcr er weckt mich nicht; er ist vorzüglich er» Sogen und weiß, daß ich noch eine Weile ruhen will. Sem schwarz, und weißgeflecktes Drahthaar zuckt vor Unruhe, ber Kopf hebt sich zuweilen zu einem fürchterlichen lautlosen Gähnen welch ein Gebiß, ich begreife, baß man bamit einen Fuchs aus dem Bau holen kann! Aber Brudbel ist ber Diener eines Herrn, er bentt nicht daran, zu winseln ober jar, wie man es auf Silbern von schönen Schau» pielerinnen sieht, sich aufs Bett zu setzen. Er weiß, daß fein Herr Ruhe nötig hat und wartet ge­ziemend.

Es ist rührend, dieser Selbstüberwindung zuzu» sehen. Ich blinzele durch die schmalen Lider, aber K Meße sie blitzschnell, sobald er sehnsüchtig den Kopf mir zuwendet. Denn ich will doch noch eine Viertelstunde schlafen, obwohl der Tag grauend in den Fenstern steht. So höre unb sehe ich nicht, wie Brubdel einmal tief aufseufzt, wie er sich von einem rechten Halbbogen zu einem linken krümmt, wie er ben Kovf einmal auf ben einen, einmal auf den anberen Dorberlauf brückt, wie er ben kleinen Stummel der Rute unter einem freundlichen Ge­danken, der sicherlich mir und dem Aufstehen gilt, rasch siebenmal bewegt, um ihn wieder still zwischen die Beine zu klemmen, wie er ein Jucken nicht etwa mit einem lärmenden Kratzer beantwortet, sondern nur mit einem wütenden Schnappen ins eigene Fell fährt.

Sehr rücksichtsvoll ist Bruddel, sein Herr schläft. Aber auch die größte Ueberwindung hilft schließlich nicht dagegen: Er muß sich recken, nur eben ein einziges Mal ausrecken; man kann doch nicht ver­langen, daß die Knochen aneinanderwachsen? Und mit dem Recken kommt, ganz gegen seinen Willen, die Sucht, einmal tief aufzugähnen er erschrickt selbst, wedelt entschuldigend mit dem mir entgegen» gerichteten Schwanzstummel, zwölf, zwanzig Mal,

und wendet sich besorgt um, ob er mich auch ge­stört hat vielleicht in der geheimen Hoffnung, er hätte diesen gräßlichen Langschläfer wider Wil­len geweckt? Aber ich habe eilig die Augen wieder zuaekniffen und blase durch die Lippen wie in tiefstem Schlaf.

Diesen festen Schlaf überwacht Bruddel; er merkt, er hat zu viel Rücksicht genommen: Er gähnt also noch einmal vernehmlich, versucht, den schwarzen Fleck auf ber Stirn am oorberen Knie zu reiben, weist mir ben prächtigen bräunlichen Scheitel, der bis in ben Nacken läuft, schiebt bie schwarze Hemd­brust vor unb webelt noch einmal mahnend mit dem Schwanzstummel, an dessen äußerster Spitze ein teuflich buntes Büschel steht. Er scheint es selbst zum erstenmal zu sehen, beäugt es lange, hat wie­der eine Witterung, die seine Ruhe stört, unb tappt sich leise an Waschtisch unb Bettpfosten entlang, wobei er jebesmal eine Lunge voll Winb nimmt unb sie vernehmlich roieber ausbläst. Aber auch bie Pfosten hören auf, noch eine Nase unter ber Türspalte, ein leises Knurren über ben aufge­rollten Büschel des Bettvorlegers, ber ihm nicht ganz geheuer ist, bann wirst er sich mit einem Seufzer roieber auf bie gewärmte Stelle nieber. Aber er behält mich jetzt im Auge, er finbet alles Schlafen nach Hellwerben bumm unb blöde unb würbe bem Ausbruck geben, wenn es nicht just fein Herr wäre, ber sich so ärgerlich gehen läßt.

Wie soll er boch solche Gesinnung merken lassen? Ich merke beutlich, er besinnt sich auf einen Vor- roanb. Ein ferner Schritt auf ber Straße er knurrt, aber ich rühre mich nicht. Der Eimer am Waschtisch wird von allen Seiten unter Wind ge­nommen, bedrohlich wie ein Kantstein. Aber ich lasse mich nicht ängstigen. Ein heuchlerischer Kampf mit einer Motte, die sich, wie Bruddel vorgibt, bis unter die Fußmatte verfolgen läßt. Aber wozu bin ich Strohwitwer, wenn nicht einmal die Motten im gaus fliegen dürfen. Und schließlich ein Satz aus höchster Sorge um meine Sicherheit. War's wirklich em Schritt auf der Treppe ober war es nur knacken­des Holz? Brubbel knurrt unter ber Tür hinburch, er steht, vier Beine wie zum Kampf gestemmt^ bas gaar gesträubt, ben Nacken geschwollen, bie Rute fteilauf gestellt. Wartet, ringt einen Atem lang mit

Gewissen unb kläfft brei, viermal in bie ge­schlossenen Zähne.

, Ob ich nun endlich wach bin? Er wendet sich blitzjchnell, ich kneife rasch bie Liber zu, kann aber das Schmunzeln nicht lassen. Und Bruddel begreift, er langst vermutet hat: Sein Herr mogelt. Im nadjften Augenblick jault und jiept er, tanzt auf den fnnterbemcn, tut den verbotenen Sprung aufs Bett, ist gleich wieder drunten, jault, bellt, heult und tanzt wieder.

Bis man mit einem Ruck nachgibt, um weiterer Unordnung zu wehren, und mit beiden Seinen zu­gleich über die Settfante fährt.

Begegnung in der Steppe.

Kleine Geschichte von Friedrich Schnack.

In einem kleinen ©ingeborenenborf in Madagas­kar kannten mich alle weißen unb schwarzen Leute. Die Schwarzen hatten mir ben NamenVaha- zabiby" Vasabib gesprochen gegeben, und das hieß: der Mann, der kleine Tiere fängt. Meine kleinen Tiere waren Schmetterlinge, Käfer, Chamü» leone, Warane und Vogel, brave Lebewesen. Auf meinen Jagden unb Ausflügen verlor ich mich oft meilenweit von meiner Unterkunft entfernt in ber unendlich großen Steppe. Auf ihren Buschpfaden und in ihren GrasdÖrfern war ich nicht so gut be­kannt unb am wenigsten bei jenen Leuten, die aus großer Entfernung herkamen, um in Amphanihy auf ben Markt zu gehen, ober Freude und Ver­wandte aufzusuchen. Wiederholt fiel mir da auf, daß die Eingeborenen vor mir flüchteten. Ich brauchte bloß in der Entfernung aufzutauchen, als sie auch schon Fersengeld gaben. Niemals aber taten sie es, wenn sich in meiner Gesellschaft ein Einge­borener befand. Ich hielt die Leute aus ber Wild­nis für überaus scheu, kümmerte mich nicht weiter um ihr Verhalten und ließ sie laufen, wie sie mochten.

Eines Tages kam ein Geograph der Regierung in die Gegend, mit der Absicht, einige Flußläufe zu kartographieren. Ich lernte ihn noch am Abend kennen. Er wußte viel von den Eigentümlichkeiten des Landes, den Sitten, Gebräuchen unb Vor­stellungen der Eingeborenen zu erzählen. Ich brachte die Rede auf meine Wahrnehmung. Das Benehmen der Eingeborenen fei mir unerklärlich unb käme mir spaßhaft vor.

Es ist weder bas eine, noch das andere", sagte der Geograph.Die Leute halten Sie für einen Pangafalu, einen Hexer."

Was hab ich denn an mir, daß sie auf eine solche Meinung verfallen?"

Ein Pangafalu ist ein Europäer, der als Ein­zelgänger, mit allerlei Sachen bepackt, wie Sie mit Ihrem Rucksack, das Land durchstreift um Her­zen einzusammeln," erklärte ber Geograph.

Herzen?"

Der Hexer macht, nach dem Aberglauben der Leute, Medizin aus den Herzen, Kraftbrühe, Zau­berpulver. Und das für die Eingeborenen Furcht­bare an ihm ist, daß er aus großer Entfernung Menschen zu töten vermag, die er dann ihrer Herzen beraubt."

Einen netten Ruhm hab ich mir da erworben", meinte ich, von dieser Eröffnung unangenehm be­rührt.Und da soll mir künftig wohl dabei sein?"

Furcht ist überflüssig", erroirberte der Geograph. Im Gegenteil es kann Ihnen nur angenehm sein, daß bie abergläubige Furcht ber Eingeborenen Sie gleichsam beschützt ein Pangafalu ist unangreif­

bar kann er doch jenen aus der Entfernung ver­nichten. Auch ich bin ein Hexer", setzte er lachend hinzu, und schon an bie dreißig Jahre. Solang lebe ich nämlich in Madagaskar. Nie ist mir durch bie Eingeborenen etwas widerfahren. Ich bin weit be­kannt mit dieser mir angehängten Eigenschaft, im Süden bei den Mahafay ebensogut, wie im Nor­den bei den Sakalaven, bie mich Maintymolala nen­nen, weil ist durch ben langen Tropenaufenthalt so schwarz im Gesicht geworden bin,wie bie über bem Herb in den Hütten verrußten Spinnweben". Eines Abenbs", erzählte er weiter,ich lebte da­mals vor dem Kriege in Tananarivo auf bem Hoch, lanb, wurde mir für meineHexerarbeit" eine schauerliche Ware zum Kauf angeboten. Ein Einge­borener hatte sich heimlich zu mir geschlichen, mit einem schweren, zugenähten Bastkorb. Ohne ein Wort zu sagen, legte er ihn auf den Fußboden; er getraute sich nicht, wie es den Anschein hatte, sein Anliegen vorzubringen. Es war wohl die Furcht, die ihm ben Mund verschloß. Ich war doch ein Hexer. Was bringst du da? fragte ich ihn. Vahaza, sagte er stammelnd, du bist ein berühmter Pangafalu, und ich weiß, daß du Herzen sammelst. Ehe ich noch ein Wort entgegnet hatte schnitt er den Bastfaden durch und öffnete den Korb. In Blättern eingeroidelt hielt er mir vier menschliche Herzen hin. Sie waren noch ganz frisch. Damals war ich noch nicht so erfahren und abgekühlt wie heute. Ich hab den Kerl mit seinen blutigen Herzen zum Teufel gejagt ..."

So ber Hexer-Geograph.

Daß bie Hexerlegende über mich sogar bis in die einsamsten Winkel der Steppe oorgebrungen war, merkte ich, als ich einige Tage später ben Geo­graphen, ber eine Vermessung vorzunehmen hatte, ein Stück nordwärts begleitete und allein den Rück­weg nahm. Ich ging zum Flüßchen Fcmafa, einem Nebenfluß des größeren Steppenlaufs Sakatovo, um hier ein paar Aufnahmen zu machen. Am gegenüberliegenden Ufer gewahrte ich einen Mann, der gemeinsam mit feiner Frau sein Maniokafeld bearbeitete. Der Mann hackte die Erde auf, er häu­felte, und bie Frau schnitt Stengel ab. Auf einer Felsenplatte stellte ich das Stativ auf. Der Mann härte wie bie Mechanik bes Stativs einschnappte, wandte sich blitzschnell nach der Ursache des ihm unbekannten Geräusches und starrte mit erschrocke- nen Augen auf mich. Dann rief er seiner Frau das WortPangafalu!" zu, und nun rannten sie beide, Messer und Hacke liegen lassend, so schnell sie nur konnten, davon, als rissen sie vor einem Steuer­einnehmer aus.

Bleibt doch, ihr Narren!" rief ich ihnen zu.

Sie aber, die denHexer" so unvermutet vor sich gesehen hatten, fegten durch die Büsche und brachten ihre Herzen in Sicherheit.