Einzelbild herunterladen

ltt.161 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag. lZ.Zuli (935

.iwiniimw^saTggKnr^-.i mu ? «« <w»iw»hh , -<»nfTrrMWI1MBnfln:ilDM|^aMMg||^^||

Wehrgeist und Schule.

Die Deutsche Gesellschaft für Wehrpolitik und Wehrwissenschaften legt einen Bericht über die Beziehungen zwischen Schule und wehrgeistiger Erziehung im Ausland der Oeffentlichkeit vor, in der Ueberzeugung, daß die Grundhaltung.zu den Fragen der Landesverteidigung in der Jugend bereits durch die Schule geschaffen werden muß: Nicht auf dem Wege äußerlicher Soldaten- spielerei, sondern durch Weckung eines mit Verstand und Herz erfaßten Verantwortungs­bewußtseins gegenüber dem Vaterlande. Die­ser Bericht ist als Buch unter dem TitelWehr- Seist und Schule im Ausland" in der Hanseatischen lerlagsanstalt, Hamburg, erschienen. In der Ein­leitung dazu heißt es u. a.:

Die Erziehung der Jugend zum Staat ist von den verschiedenen Völkern auf verschiedenen Wegen versucht worden. Ausschlaggebend für die Art dieser Erziehung ist neben der geschichtlichen Tradition die heute im staatlichen Leben wirkende politische Denkungsart. Man wird die Mannigfaltig­keit dieser Erscheinungen bei der Betrachtung der Beziehungen des Schulwesens zur wehrgeistigen Erziehung immer im Auge behalten müssen. Sie wird besonders deutlich, wenn man von den ver­schiedenen Formen der politischen Gedankenwelt ausgeht, in deren Geist die Völker der Welt leben. Allgemein anerkannt ist die Scheidung der Staaten in autoritär und demokratisch re­gierte, ohne daß damit zugleich ein Werturteil verbunden wird. Hängt doch die Form des poli­tischen Lebens und die in ihr wirksamen politischen Ideologien nicht nur von den rassischen und geschichtlichen Eigentümlichkeiten, sondern ebenso stark auch von der geopoli­tischen Lage und dem politischen An­spruch der Nationen ab. Völker in einem gesicherten Lebensraum können sich das zeigt der heutige Zustand deutlich eine lockerere Staatsführung leisten als solche, die wie etwa Italien einen hohen politischen Anspruch im Kreise der anderen Mächte aufrechterhalten wollen, oder in denen wie bei Deutschland die Abwehr der Be­drohung ihres Lebensraumes jeder anderen Staats­aufgabe voransteht. Jene bedürfen auch keiner so ausgeprägten Stärkung des Wehrgeistes wie diese. Sa wird sich der weiteren Betrachtung der einzel­nen Staaten und der von ihnen gepflegten Bezie­hungen zwischen Schule und wehrgeistiger Erzie­hung ein oft unterschiedliches Bild ergeben.

Die Staaten mit straffer und autoritärer Füh­rung, in denen ein einheitlicher Aufbau der Nation äu einer den Staat tragenden Volksgemeinschaft ourchgeführt ist, haben auch die konsequente Erziehung der Jugend zur Wehr­haftigkeit als Grundlage ihrer Stärke erkannt. Die einheitliche Erziehungsarbeit hat in diesen Staa­ten ein diesem Zwecke unbedingt gehorsames Schul­wesen geschaffen. So wird in Italien in lang­sam aufbauender, nicht abreißender Arbeit an den Heranwachsenden Staatsbürgern die Voraussetzung dafür geschaffen, daß diese später allen Anforderun­gen der Landesverteidigung entsprechen, sich auf die alles umschließendetotale Mobilmachung" ein­stellen und als wehrfreudig und soldatisch erzogene Jungmannschaft in den aktiven Militärdienst ein­treten. Dieselbe Ausbildung, wenn auch mit einer anderen Ausrichtung, läßt die Sowjetunion ihren jungen proletarischen Bürgern angedeihen. Die politische Zielsetzung ist hier die Weltrevolution, für deren Beginn der Kampf in die fremden Staa­ten getragen werden soll. Man kann annehmen, daß die in den autoritär regierten Staaten er­folgte Durchgliederung des Schulwesens im Sinne einer tiefwirkenden wehrgeistigen Erziehung und die dadurch erzielte Weckung der Wehrfreudigkeit in der jungen Mannschaft diesen Staaten einen erheb­lichen Vorsprung vor jenen gibt, die heute noch in der Mehrzahl auf Grund liberal-demokratischer Anschauungen auf eine autoritäre Staatsform ver­zichten Doch sind auch in diesen Staaten lebendige Wechselwirkungen zwischen Schule und Wehrgeist vorhanden, wenn auch von der völkischen

Eigenart der geschichtlichen Tradition und den mili­tärischen Notwendigkeiten verschieden stark beein­flußt.

Eine besondere Stellung unter den demokratisch regierten Staaten nehmen die in Versailles ge­schaffenen Nationalitätenstaaten, vor allem Polen und die Tschechoslowakei, ein. In ihnen ist die demokratische Form der politischen Willensbil­dung gestört durch das Vorhandensein verschiede­ner Nationalitäten, von denen aber die Staats­nation allein den Anspruch auf politische Gewalt erhebt. Die Minderheiten sollen wohl Pflichten, aber keine Rechte gegenüber dem Staat besitzen und werden, auch von der Durchdringung mit na­tionalem Wehrethos bewußt ausgeschaltet. Die gleichmäßig alle Staatsbürger umfassende Schule scheidet deshalb oftmals als Trager der wehrgeisti­gen Erziehung aus und neben sie tritt die besonders von den Wehrorganisationen der Staatsnation ge­tragene wehrpolitische Arbeit.

Zu den Nationalitätenstaaten rechnet auch die Schweiz, nur daß hier die Angehörigen der ver­schiedenen Pölker durch eine lange Geschichte zu einem einheitlichen Staatsvolk zusammengewachsen sind und daher die den in Versailles geschaffenen Staaten innewohnenden Spannungen fehlen. In der Schweiz ist die jahrhundertealte freiheitliche Tradition stets in enger Verbindung mit dem Willen zur Selbstbehauptung und Wehrhaftigkeit lebendig gewesen. Aber gemäß den demokratischen Anschauungen über das Wesen des Staates und seinen Anforderungen an den Bürger nimmt die Schweiz auf das Schulwesen wenig bestimmenden Einfluß. Außer in der Pflege der Geschichte, be­sonders der Erinnerungen an die kriegerischen Ta­ten der Väter, findet die wehrgeistige Erziehung im schweizerischen Schulwesen wenig Raum. Doch wird dieser Mangel ausgeglichen durch das Streben des wehrfreudigen Teiles der Jugend selbst, das sich in den Kadettenkorps und anderen Jugendorgani­sationen sowie in der von der Armee unterstützten freiwilligen Vorbereitung auf den Wehrdienst be­kundet.

Noch stärker unter dem Einfluß pazifistisch­humanitärer Ideen und in demokratischer Freiheit steht das Schulwesen der angelsächsischen Welt. Auch hier liegt deshalb der wichtigste Teil der wehrgeistigen Jugenderziehung außerhalb der Schule und wird vor allem von der aus privater Initiative entspringenden Pfadfinderorganisation geleistet, die am meisten den soldatischen Neigungen der Jugend entgegenkommt. Eine Besonderheit der angelsächsischen Länder ist die unmittelbar enge Verbindung zwischen der Wehrmacht und dem Schulwesen dadurch, daß die dort bestehenden freiwilligen Milizen ihren Bedarf an Reserve­offizieren schon durch die militärische Ausbildung von Schülern höherer Lehranstalten und Studen­ten zu gewinnen suchen. Wenn auch der rein zahlenmäßige Anteil an dieser Ausbildung nicht übermäßig hoch ist, so liegt doch darin die Mög­lichkeit einer intensiven wehrgeistigen Einfluß­nahme auf das Schulwesen, die sich auch schon, be­sonders in den Vereinigten Staaten, als ein be­wußtes Gegengewicht gegen den dort an den Schu­len um sich greifenden Pazifismus bemerkbar, macht.

Eine Ausnahmestellung unter den demokratisch regierten «Staaten nimmt Frankreich ein. Hier ist die demokratische Willensbildung des Volkes seit der Französischen Revolution mit einer straffen und zentralistischen Form des politischen Lebens verbunden worden und auch das Schulwesen ganz in den Dienst des Staates gestellt. Wie es bei dem wehrfreudigen Charakter der Nation und ihrer lebendigen kriegerischen Tradition selbstverständ­lich erscheint, ist auch die staatsbürgerliche Erzie­hung durch die Schule davon erfüllt, daß die Wehr­haftigkeit als ein Grundsatz des politischen Lebens von allen Angehörigen der Nation anerkannt und mit vollem Einsatz 'durchgeführt wird. Der ganze Aufbau des von starkem nationalen Selbstbewußt­sein getragenen französischen Schulwesens ist für die wehrgeistige Erziehung vorbildlich und erfüllt auch heute, ohne von pazifistischen Neigungen an­kränkelt zu sein, die ihm gesetzte Aufgabe, der

Nation gute, wehrfreudige und von der besonderen historischen Aufgabe ihres Vaterlandes durchdrun­gene Bürger zu erziehen.

Am deutlichsten läßt sich die Bedeutung des Ein­baues der wehrgeistigen Erziehung in das Schul­wesen an dem Beispiele unseres eigenen Vater­landes beobachten und ermessen. Die Wandlung der Staatsanschauung, die in Deutschland durch die nationalsozialistische Revolution hervorgerufen wurde, hat die bei uns um sich gegriffene pazifi­stische Ideologie beseitigt und der Anschauung wie­der Geltung verschafft, daß der Wille zur Selbst­behauptung und die Kraft der Wehrhaftigkeit die tragenden Pfeiler der völkischen und staatlichen Existenz sind. Es war in Deutschland wohl nur die schwere physische und psychische Erschöpfung nach dem Weltkriege, die das Hereinfluten des west­europäischen humanitär-optimistischen Gedanken- autes hervorrief. Es war der Wunsch, in Zukunft solchen Katastrophen wie dem Weltkrieg zu ent­gehen, der dem Glauben Boden schaffte, daß durch internationale Verträge und überstaatliche Organi­sationen wie dem Völkerbund der allgemeine Friede garantiert und eine Abrüstung nicht nur der Waffen, sondern auch der Geister herbeigeführt

werden könnte. Die politische Entwicklung des ver­gangenen Jahrzehnts hat das deutsche Volk von diesem Glauben geheilt: Die Ideologien von Ver­sailles und Genf haben der harten Wirklichkeit des Völkerlebens nicht standgehalten. Der Völ­kerbund wurde zum Instrument der Machtpolitik und zu einem Werkzeug unserer früheren Gegner zur Niederhaltung Deutschlands. Die internatio­nalen Verhandlungen brachten keine Abrüstung der Geister und der Waffen und führten statt zu einer Entspannung nur zur Verstärkung der Gegensätze, deren ein unsinniges Friedensdiktat so viele her- oorgebracht hatte. Da deutsche Volk hat aus die- sem Zusammenhang des liberalistischen Optimismus die Folgerung mit aller Entschiedenheit ge- zogen, als es sich in der nationalen Erhebung auf sich besann und zu seiner eigenen Kraft als' der Grundlage seiner politischen Stellung zurückfand. Die Regierung Adolf Hitlers hat die Notwendig­keiten der besonders bedrohten Lage Deutschlands erkannt und darauf den Willen gelenkt, das deutsche Volk in seiner Struktur, seiner Kraft und seiner geistigen Haltung auf den Zustand der dauernden und wachsten Wehrbereitschaft einzustellen.

Stippvisite in Südosteuropa.

Von unserem hs.-Sonderberichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Die Deutsche Lufthansa hat seit einigen Monaten zwischen Berlin und Athen einen regelmäßigen Dienst eingerichtet. In 11 Stun­den 55 Minuten wird die Strecke sechsmal wö­chentlich in beiden Richtungen beflogen. Gegen­über den schnellsten bisherigen Derkehrsmöglich- keiten bedeutet das eine Verminderung der Ver­kehrsdauer auf mindestens ein Viertel der bisherigen Zeit. Die starke Benutzung der modernen Maschinen, die die Lufthansa hier in ihren Dienst gestellt hat, beweist allein das Verkehrsbedürfnis, und wir möchten hoffen, daß es gelingt, die längste europäische Kontinentalstrecke aufrechtzuerhalten. Die Leistung kann hier im europäischen Sinne wie im Interesse der beflogenen Länder allein entschei­dend sein. Und das Werk spricht für sich selbst.

Das Reiseprogramm ließ kurze Stippvisi­ten in Budapest, Sofia und Athen zu. Der Aufenthalt dauerte in allen drei Städten kaum mehr als 24 Stunden. Die folgenden Einzelporträts der Hauptstädte von Griechenland, Bulgarien und Ungarn können deshalb nicht entfernt Anspruch auf letzte Gültigkeit erheben. Sie sollen den Versuch darstellen, Gesehenes und innere Eindrücke wieder­zugeben und charakteristische Züge im Gesamtbild, die dem Besucher auffielen, festzuhalten.

Athen.

Der Militärflughafen T a t o i liegt eine halbe Autostunde vom Zentrum der griechischen Haupt­stadt entfernt. Vor der Landung sahen wir aus der Höhe in der weiten attischen Ebene einige steile Hügel aufragen. Uns allen klopfte das Herz vor Erregung, als wir die Akropolis zu erkennen glaubten. Zunächst aber nahm uns nach der Lan­dung die engste Umgebung gefangen, die den Augen auch das Ziel unserer Sehnsucht: den klassi­schen Burgfelsen Athens, verbarg. Weinäcker, Oel- bäume und Agaven kennzeichnen die Landschaft an den Hängen der Berge, die die Ebene um uns be­grenzen; dort wachsen Thymian und Ginster. In der Sonne des sinkenden Abends zeichnen sich die Konturen des Landes immer deutlicher, wir sehen d i e griechische Landschaft so, wie die klassischen Bilder Prellers uns die Bezirke der homerischen Zeit geschildert haben.

Hinter einer ländlichen Traverne passieren wir ein schmales, tief eingeschnittenes Tal. Es ist der Nymphenhain, wie unser Begleiter sagt. Und nun wächst über dem letzten platten Hügel vor der Stadt die Akropolis mit dem rötlich schirn-

dernden Parthenon empor das Land um uns belebt sich mit den visionären Vorstellungen vom alten Hellas, die uns einst vom Schulkatheder herab ein begeisterter Lehrer in Herzen und Sinne pflanzte. Aus diesen Bezirken unserer Seele kommt nun ein geheimnisvolles Wissen um Dinge, die uns erwarten, kommen unbeschwerte Freude und Heiter­keit, die Voraussetzung für das Eindringen in die Weihestätten des antiken Griechenland sind.

Einstweilen freilich nimmt uns eine m o - derne Stadt von südlichem Tempera­ment auf, in der der Straßenlärm womöglich noch lauter ist als irgendwo in deutschen Großstädten. Noch bis vor kaum mehr als zehn Jahren lagerte sich Athen eng geschlossen um die Akropolis. Da­mals, kurz nach dem Kriege, hatte die Stadt etwa 250 000 Einwohner. Seitdem hat sie vor allem durch die Aufnahme und Ansiedlung der kleinasia­tischen Flüchtlinge einen außerordentlichen Be­völkerungszuwachs erfahren. Der heutige Stadt­bezirk reicht beinahe bis an die Grenzen des klas­sischen Attika; rund eine Million Men­schen leben in dem modernen Athen, das völlig mit dem Piräus zusammengewachsen ist. In den Vororten des Stadtrandes haben Handwerk und Gewerbefleiß ihre Heimat. Die kleinafiatischen Tep­pichweber und Silberfchmiede verpflanzten nach dem unglücklichen Ausgang des griechisch-türkischen Krieges ihre Kunst und ihr Können hierher. Ihre Erzeugnisse sind seitdem für das moderne Griechen­land in der Außenhandelsbilanz ein wichtiger Aktiv- Posten geworden. Ein Volk von 4,5 Millionen Menschen hat nach dem Friedensschluß mit der Türkei rund 1,5 Millionen Artgenossen aufnehmen und eingliedern müssen. Das ist eine Leistung, de­ren Größe besonders sinnfällig in Athen wird. Trotz ihres südländischen Charakters machen die Straßen­züge einen sehr sauberen und gepflegten Eindruck. Das gilt nicht nur von den Stadtteilen, in denen mustergültige Museumsanlagen und andere öffent­liche Gebäude geschaffen worden sind.

Die schnell hereinbrechende Dunkelheit läßt einen Abendbesuch auf der Akropolis nicht mehr zu. Das Hotelfenfter aber gibt in einer heißen und schlaf­losen Nacht den Blick auf das Parthenon frei. Das Bild ist mit Worten schwer zu schildern: Vor dem blau-schwarzen Himmel, aus dem Tausende von Sternen funkeln, steht das Heiligtum der jungfräu­lichen Göttin Athene, und es ist, als ob die Säulen, T j RASIERCREME

C IA ma°ht das Rasieren zum Genuß.

K Große, langreichende Tube 50 Pf

Aus der Stadt in die Stille.

Von Wilhelm von Scholz.

Ich bin wieder einmal aus der Stadt in die Stille geflüchtet. Es ist in meinem Horoskop vor- aezeichnet, daß mein Leben wie ein Pendel zwi­schen zwei Polen hin und her schwingt: einem starken tätigen Verhältnis zur Oeffentlichkeit als Teilnehmender und Beteiligter, mit m den Strudel Gerissener und aus der anderen Seite stillster menschenferner innerer Versenkung. Die meisten Planeten auf der einen Seite im sogenanntenHause der öffentlichen Wirksamkeit" ober in Beziehung zu ihm und ihm gegenüber Saturn, der geheim­nisvolle, allein als Grundmacht meines Daseins.

Der Astrolog, der die Sternstellung meiner Ge­burtsstunde so erläuterte, meinte damit vielleicht nur geistige Polaritäten in meinem Wesen. Mir aber ist besonders bemerkenswert, wie sich in Der äußeren Wirklichkeit meines Lebens immer wieder ganz rhythmisch dieser Wechsel von Tatigsem im großen Getriebe mit der Flucht inWald und Höhle" vollzieht.

Aeußere Gründe die ja wahrscheinlich tn kei­nem Leben nur äußere Gründe sind oder das einmal plötzliche, ein andermal allmählich gewordene Widerstreben der Uebersättigung zwingen mich, meine Daseinsform zu ändern aus der großen Stadt dem Verkehr mit vielen Menschen, von an­strengenden Vortragsreisen in die Stille zu gehen, mich im Wald, im Gebirge, in einer kleinen Pen­sion einem Albergo, einem Gasthaus, wo gerade keine Saison sein darf, verborgen einzunisten, um mich selbst wiederzufinden. Wenn solche Einsamkeit in irgendeiner größeren Arbeit oder einer Erkennt­nis ober einem Lebensentschluß ihre Frucht getra­gen hat, entläßt sie mich plötzlich ober verstoßt Mich.

Dieses Gesetz ber Auskehr unb Einkehr, bas ge­wiß alle erfahren haben, bas aber in mir, glaube ich besonbers zwanghaft waltet, hat in meinem bisherigen Leben häufige Wechsel bes Wohnsitzes, ja bes Wohnlanbes mit sich gebracht, mich auch wie­der bankbar am Orte zurückkommen lassen, von de- nen ich geflüchtet war unb bie meinem getauschten Geist nicht lange vorher, wenn gerabe ber Pendel zum anbcren Pol hinschwang, unerträglich schienen. Es bebingt ben Mangel an Stete, bie ber orbenb ljche Bürger in seinem Dasein verlangen kann, bie leiber bem meinen ..fehlt.

Ich bin machtlos bagegen unb am machtlosesten, wenn ich mich kurz vor bem notwenbigen Ruck­

schwung bes Penbels in meiner Lage besonbers wohl fühle, wenn ich im gewohnt Geworbenen blei­ben möchte unb ben Wechsel scheue, ihm mit allen Kräften wiberstrebe. Ich kann Zeugen bafür auf­stellen, wie es mich bann immer mit Schabernack bes Geschehens so lange stößt, bis ich ben Wink verstehe unb weiche sofort verschwinben Aerger unb Mißgeschick. Ich habe noch jebesmal erkannt, baß es hohe Zeit gewesen war, der Pendelschwin- gung meines Wesens eingebent zu sein.

Welcher Art Winke bas finb? Je nun: ich über­schwemme aus Unvorsicht bie Wohnung, ich werbe von immer mehr unbehaglichen Leuten besucht unb belästigt, meine Briefe kommen nicht mehr richtig unb pünktlich bei mir an; in ber Nähe ber abge­legenen Pension, in bie ich mich zur Arbeit zurück­gezogen habe, wirb plötzlich eine Bohrmaschine auf­gefahren, wochenlang sollen Tag unb Nacht für ben Bau einer Autostraße Felsen gesprengt werben! Kurz Aerger aller Art, in immer rascherer Folge, macht mich aufmerksam, baß ich mich roieber einmal bem Gewohnten entreißen soll.

Dabei wirb mir ber Wechsel aus ber Stille zum Lärm unb Getriebe verhältnismäßig leicht, wie wahrscheinlich allen, bie Aehnliches erleben. Die Ge­schäftigkeit ber großen Stabt, bie mit ber Oeffent­lichkeit zusammenhängenben Aufgaben, Vorträge ober was sonst, nehmen ben Menschen in ihre Ge­walt, ihren Rhythmus, stellen unabweisbare Forbe- rungen, bie erfüllt werben müssen, die kein langes Stimmungsschwanken zulassen.

Anders, schwerer, voller Widerstände ist der um­gekehrte Uebergang, aus der Stadt in die Stille. Die Stille stellt zwar auch sofort ihre Aufgabe, aber eine, die zugleich drängend und doch zugleich so unbestimmt ist, daß man sich lange Zeit nicht einmal klar wird über sie während man immer mehr darunter leidet, daß man noch nicht anfangen konnte, sie zu erfüllen.

Die geräuschvolle Unruhe verhallt. Die Eintei­lung der Tage und Stunden von außen, durch viel­fältig zu Tuendes, fällt fort. Die Kette ber Abhal­tungen, bie uns nicht zum Ringen mit irgenbeiner stlbftgesetzten Aufgabe kommen lassen, zerreißt. Die willkommene Wanb von äußerer Beschäftigung, bie uns vor uns selber zu verbergen pflegte, schwinbet man steht plötzlich allein gegenüber ben Gewal­ten unb Wesenheiten, von bereu Dasein man nichts mehr wußte mögen sie Walb, Ferne, See, Berg, Himmel ober wie immer heißen bie aber alle Schweigen finb. So tief man sich in bies Schweigen versenken, sich ihm hingeben kann es lenkt nicht ad.

es beschäftigt nicht flüchtig, es täuscht uns nicht über uns unb bie Stunben hinweg. Es wartet man weiß nicht worauf; aber bie Gebulb in biefem War­ten zeugt in uns Ungebulb, es zu verstehen unb zu erfüllen.

Nach bem ersten Glück bes Entronnenseins, bes Umruhigtfeins kommt Unbehagen auf. Mübigkeit unb Schlaf forbern plötzlich unbegrenzte Rechte. Jebe Stunbe, selbst wenn sie anbers gebraucht würbe, gewährt zuerst auch Schlaf; ba steigt benn wohl in der Tiefe unb unsichtbar langsam ber hin­abgebrückte innere Quell, ber später ben Schlaf weg­spülen wirb. Es ist, als ob viel Schlaf nachzuholen fei, ber im Lärm ber Stabt versäumt wurde; als ob der überwach gewesene Mensch nur durch ben noch schulbigen Schlaf zum neuen inneren Wachen gelangen könne.

Man sagt, baß ber Klimawechsel, bie veränderte Luft zunächst sehr müde und hungrig mache. Ich glaube aber: auch der Hunger, der mich wie die Schlafmüdigkeit überfällt, wenn ich in die Einsam­keit komme, ist fast metaphysisch; er will Leib und Seele des Einzelmenschen stärken, ber jetzt, gesättigt unb ausgeschlafen, aus sich bas Leben schaffen soll, bas ihn bisher als Stabt mit einem Berufs- unb Bekanntenkreise, mit Autos, Elektrischen, mit Thea­ter unb Kino, mit Reizen unb Anregungen trug unb beschäftigte.

Für mich beginnt bie Schwere ber Stille immer erst nach ber Schlafwelle, bie über mich kommt, unb bem Hunger auf bie oeränberte Nahrung. Dann erst fühle ich, wie tief in ben Brunnen ber Seele ber Quellftanb gesunken war, fühle mich.noch im­mer nur matt vom Pulsschlag ber Erbe, ber Welt burchblutet unb beshalb kraftlos, verloren, fast tau­melig ber ich mir, im mich ftützenben ©ebränge, fest, sicher, klar, zielbewuht vorkam.

Dann heißt es: bie Ungebulb fänftigen unb bas tätige Warten lernen; bas Warten, bas sich nicht mit müßiger Beschäftigung ablenken lassen will unb besten Tun sich boch allem Zwingenben, bas kommen könnte, frei hält. Es heißt, ben Unmut be­wältigen unb wieder nur mit leiser Beschwichti­gung, die es nicht hindert, daß das Zurückkehren des 'Menschen in sich, bas frühere Zeitbie Rück­kehr bes Dämons in ben Menschen" genannt ha­ben würbe, sich vollziehe, baß ber Winb bie Flut in ben Brunnen bes Innen roieber hochsauge unb plötzlich bem großen Schweigen bes Draußen aus bem Schweigen ber Seele Antwort wird.

Neuverpflichtungen des Stadttheaters.

Die Jntenbanz bes Gießener Stabtthea- ters hat, wie uns vom Dramaturgischen Büro mitgeteilt wirb, roieber wertvolle Neuverpflich- tun gen für ben fommenben Winter abgeschlossen. Es würben verpflichtet Friebel F o r n a l l a z vom Stabttheater Schaffhausen als Soubrette für Oper unb Operette an Stelle von Frl. Salzmann unb Inge Birkmann vom Schauspielhaus Bremen als Sentimentale unb jugenbliche Helbin an Stelle von Frl. Wielanber, bie an bas Stabttheater Altona geht.

Zeitschriften.

Im Juli-Heft ber ZeitschriftM utter und Kind" (Verlag Staude, Berlin W 30) liest man u. a. folgende Beiträge:Die Mutter am Krankenbett, die Pflege des keuchhuftenkranken Kindes".Un­serem Kinde einwandfreie Fußbekleidung".Be­wegung und Entspannung, gesundheitliche Ratschläge für das Ferienleben".Zu Hause ist das Kind an­ders".Die Behandlung der Kühlschränke in der warmen Jahreszeit". ,^Der Garten als Kinder­stube" u. a. m. DerFragedienst" bringt der Mut­ter Interessantes auf den verschiedensten Gebieten, und die netten Anregungen fürPraktische Kinder­wäsche" werden ihr willkommen sein. Der Bezugs­preis beträgt 1,30 Mark vierteljährlich.

H^chschuknackrichten.

Von den amtlichen Verpflichtungen wurden ent­bunden die ordentlichen Professoren Dr. Ernst K o h l s ch ü 11 e r an der Universität Berlin (Geo­däsie und Geophysik) und Dr. Ernst Hecht an der Universität Göttingen (englische Philologie).

Der Stabsarzt und Leiter der Pathologisch-ana­tomischen Abteilung der Militärärztlichen Akademie in Berlin, Dr. Paul S ch ü r m a n ii, ist zum ordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Universität Berlin ernannt worden.

Der nichtbeamtete außerordentliche Professor für Anatomie Dr. Wilhelm Blvtevogel in H a m - bürg ist zum ordentlichen Professor in der medi­zinischen Fakultät der Universität Breslau er­nannt worden.

Der bisherige ordentliche Professor für Paläon­tologie unb Paläobiologie an ber Universität Wien, Dr Othenio Abel, ist zum ord-ntlichen P-ofestor in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Faiul- tät der Universität Göttingen ernannt worden.