Ausgabe 
13.4.1935
 
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Nr. 88 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiaer für Oberhessen)

Somsfag, !3. April $955

Gießener Osterhasen für brave Kinder!

Ein interessanter Blick hinter die Kulissen der Osterhasen-Gießerei eines heimischen Handwerksbetriebs.

Nun prangen sie wie­der in den Läden, die Osterhasen, naturfarben, braun, silberig, vergol­det und rosenrot, und rufen das Entzücken der Kinderherzen wach. Da stehen jetzt die Kinder mit sehnsüchtigen Augen und pressen ihre Nasen an die Ladenscheiben, und manch eines von ihnen würde wohl auf die Frage der Eltern, ob es denn noch an den Osterhasen glaube, gern zu einem Verstandes­opfer bereit sein und gegen besseres Wissen seinen Glauben daran versichern, denn wenn man nicht an den Oster­hasen glaubt, kann er einem am Feiertag doch auch keine Eier legen oder sein Ebenbild aus

Schokolade oder Zucker ins Nest stellen. Ja, auch wir Erwachsenen sind selig beim Anblick all der Herr­lichkeiten in dem Gedenken an die schöne Zeit, als auch wir den Glauben an den Osterhasen noch be­saßen.

Die illustrierten Zeitschriften bringen Bilder aus Len Fabrikationsstätten der Osterhasen-Jndustrie. Nicht viele Leser werden wissen, daß wir in unserer Stadt Gießen noch eine Osterhasengießerei be­sitzen, die vom Vater auf den Sohn vererbt, echtes, traditionsgebundenes, handwerkliches Können ver­körpert. Es ist die Konditorei D ö l l in der Markt­straße. Herr Döll sen. kennt und betreibt die Her­stellung der roten Zuckerhasen seit 45 Jahren.

Das Gießen der Hasen als Handwerksbetrieb scheint aus Süddeutschland zu uns gekommen zu sein, wo sich die Zuckerhasen besonderer Beliebtheit erfreuen. Im Laden kann man immer wieder das Entzücken der aus Süddeutschland zugezogenen Hausfrauen erkennen, wenn sie die heimatlichen Osterhasen entdecken. Die frühere Konditorei Satt­ler, Seltersweg, war in den 70er und 80er Jahren als Herstellerin der Zuckerhasen besonders bekannt. Tin Teil des Bestandes an Gießformen dieser Firma wurde von Herrn Döll übernommen. Heute ist l»ie Konditorei Döll wohl die einzige Firma in Dießen, die Zuckerhasen für den Großoerkauf gießt.

Der derzeitige Inhaber der Firma, Herr Willi O ö l l, hat uns einen Rundgang durch seine Werk- tatt und einen Einblick in die Herstellungsweise ier roten Zuckerhasen gestattet. Es herrscht jetzt xerade Hochbetrieb, und alle verfügbaren Hände des Geschäftes müssen in dieser Zeit mitwirken.

Wir sind zunächst Zeuge, wie die Gießmasse be­reitet wird. In einem kupfernsn Schmelztiegel, der Nit einem langen hözernen Handgriff versehen ist, birb reiner Zucker getan, mit etwas Wasser ver­mengt und auf offenem Herdfeuer zum Schmelzen sebracht. Ein kleiner Zuschuß hygienisch einwand- freier Genuß-Purpurfarbe gibt der Mischung das egentümliche Rot. Die erforderlichen Mengen der i nzelnen Bestandteile werden nicht abgewogen, son- i?rn von dem Gutdünken der Erfahrung geregelt. Die überhaupt die ganze Hasengießerei wesentlich 6ache des Fingerspitzengefühls ist. Die Mischung vird bis zu dem Augenblick erhitzt, wo sie gieß-

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fertig geworden ist. Diesen zu erkennen, ist das Geheimnis des Fachmannes, denn die Schmelzmasse muß klar sein, sie darf in der Form nichtblumig" werden, wie der Fachausdruck lautet, das heißt fleckig.

Dann geht es an das Eingießen tn die bereit- stehenden Formen. Diefe sind aus Eisen oder reinem Zinn und sehr schwer. Sie sind auch nicht billig, so daß der in Jahrzehnten erworbene Formen­bestand schon ein kleines Kapital darstellt. Die meisten sind in zwei Hälften auseinanderklappbar, manche sind aus mehreren Teilen (bis zu fünf haben wir gezählt) zusammengesetzt. Für die klei- neren Hasen gibt es Serienformen, in denen bis zu 10 Häschen gleichzeitig gegossen werden können. Die Formen, besonders die größeren, werden für die Zeit des Gusses durch einen Bindfaden zusam­mengehalten. Alle Formen sind unten offen, denn von hier wird die Schmelzmasse eingefüllt. Der innere Teil der Form wird vor dem Eingießen mit geruchlosem, feinstem Formenöl angepinselt, um das Loslösen der Hasen nach dem fertigen Guß leichter zu ermöglichen. Das Eingießen selbst ist eine schnelle und brenzlige Angelegenheit. Der Schmelztiegel wird in eine Drahtseilschlinge ge­hängt, damit er leichter zu handhaben ist. Die wegen der Hitze behandschuhte linke Hand hält die Form, die von unten zunächst ganz mit Schmelz­masse ausgefüllt wird. Die Form wird dann sofort wieder umgekippt, und die nicht an den Wänden haften bleibende Schmelzmasse fließt ab, andern­falls würde der Hase massiv werden. So wird er hohl und ist daher im Preisse billiger zu liefern. Auch seine Knusperigkeit verdankt er seiner Hohlheit. Die ganz kleinen Häschen werden auch massiv her­gestellt. Der Gießvorgang selbst erfordert besondere Geschicklichkeit, da es schnell zu handeln gilt, ehe die Masse wieder erkaltet. Auch muß der Gießende ein Gefühl dafür haben, wieviel Masse er wieder aus der Form auskippen darf, um die Wände des Hasen nicht zu dünn werden zu lassen. Gespannteste Aufmerksamkeit ist notwendig, damit von der glühendheißen Gießmasse nichts an die Finger gerät, sonst würden starke Brandwunden die Folge sein. Die Masse verbleibt nur kurze Zeit in der Form, die dann auseinandergeklappt wird und den Hasen herausnehmen läßt. Freilich gelingt nicht jeder Guß. Gelegentlich muß eine zu dünne Stelle nachgegossen werden; andere Hasen haften zu stark in der Form und zerbröckeln beim Versuch des Herausnehmens. So gibt es beim Gießen viel Ab­fall und Bruch, der als reiner Zucker ja wieder verwertet werden kann, aber zu einem nochmaligen Schmelzen für Hasenmasse ist er nicht brauchbar. Wir durften sogar ein Stückchen lutschen und uns von dem reinen Schmelzzuckergeschmack überzeugen.

Nun werden die Hasen reihenweise nach der Größe aufgesetzt und stehen zum Verkauf bereit. Zierliche Frauenhand legt den größeren ein schmuckes Halsband mit Glöckchen an, wie wir es im Bilde- sehen. Der Großverkauf geschieht nach Gewicht, der Preis des einzelnen Hasen im Laden richtet sich nach seiner Größe. Da stehen sie in ihrem frischen kristallklaren Glanz, lecker und schmuck anzusehen in den verschiedensten Abarten, tanzende, springende, laufende, singende, wie es in einer alten Anpreisung heißt, sitzende, Männchen machende, ja sogar musizierende, denn wenn die nötige Muße gerade da ist, werden ganze Musik­kapellen gegossen. Freilich lohnt die Mühe heute oft nicht mehr, seitdem in den großen Schokolade­fabriken die Osterhasen am laufenden Band

Im Laden stehen Hunderte von Zuckerhasen in allen Größen und Formen zum Verkauf. Die Wahl fällt schwer.

Der Zucker wird geschmolzen.

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Beim Gießen der Osterhasen.

Die Formen werden geölt. Der gegossene Hase löst sich dann leichter.

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jirte Mädchenhände binden den Hasen Seidenbänder und Schellen um.

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Vorsichtig wird der fertige Hase aus der zweigeteilten Gußform gehoben.

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Aufnahmen: Neuner. Gießener Anzeiger)

Auf Biskuiteier werden mit süßer Masse Hajengestalten gemalt.

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hergestellt werden. So begnügt man sich heute mit der Herstellung einfacherer Formen.

Erfreulich ist es aber, daß ein so echtes Hand- merkliches Können sich bis in unsere schnellebige Zeit halten konnte und hoffentlich auch noch recht lange halten wird. Die Zahl der von der Firma Döll im Laufe der Jahrzehnte gegossenen Hasen dürfte in die Hunderttausende gehen. Die kleineren Formen werden als Schmuck'für den Gästetisch gern gekauft. Die roten Zuckerhasen warten da­rauf, Freude zu bereiten und dann verzehrt zu werden.

Wir wünschen jedem braven Kinde im grünen, reichbesetzten Osterhasennest einen dieser anmuti­gen, leuchtend roten, echten Gießener Osterhasen.

Dr. Hans R o l o f f.

Das Osserhäschen

Schaut, was sitzt denn dort im Gras? Stille, still! der Has', der Has'!

Guckt mit seinem langen Ohr Aus dem grünen Nest hervor;

Hupft mit seinem schnellen Bein lieber Stock und über Stein!

Kommt, ihr Kinderlein, und schaut. Wie das Nest er hat gebaut!

Ei, wie schön von Gras und Heu, Und wie lind von Moos und Spreu!

Laßt nur schauen, was im Nest Liegt so kugelrund und fest!

Eier, blau und grün und scheckig, Eier, rot und gelb und fleckig,

Und ein Kuchen liegt im Moos Wie ein runder Tisch so groß.

Häslein in dem grünen Wald, Bin dir gut und dank dir halt.

Häslein mit dem langen Ohr, Dank dir tausendmal davor.

Häslein mit dem schnellen Bein Sollst recht schön bedanket sein.

Nächste Ostern bringt die Mutter Wieder dir ein gutes Futter,

Daß du möchtest unsertwegen

Wieder so viel Eier legen. (Güll.) (AusMein Osterbuch", Thienemanns Verlag, ' Stuttgart.)