Einzelbild herunterladen

Nr. 265 Drittes Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Dienstag, (2. November (935

Verufserziehiing der Deutschen Arbeitsfront.

Don Diplom-Kaufmann Wilhelm Viertes.

diese zu kaufen. Aber auch in Notzeiten darf die durch systematische Schulung erreichte Leistung nicht unterschätzt werden, sind wir doch unter voller Aus­nutzung der genialen Erfindungskräfte der Technik und des wirtschaftlichen Lebens hierdurch in der

Vom Führer wurde der Deutschen Arbeitsfront die Sorge für die Berufserziehung übertragen. Wenn die Deutsche Arbeitsfront im Zuge der Aus­führung dieser Anordnung nun in allen Kreisen des ganzen Reiches Arbeitspläne aufstellt, die jedem Volksgenossen die Möglichkeit geben sollen, sich in seinem Berufe weiter auszubilden, so hat sie gleich­zeitig hiermit die Aufgabe zu erfüllen, durch die Be- rufserziehungsarbeit die eigenen Kräfte der Volks­genossen innerhalb des Arbeitslebens zu entfalten, zu richten und in den Dienst aller schaffenden Deut­schen zu stellen. Die Erfüllung dieser Aufgabe ge­schieht durch Neben und Anwenden. Die Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung der DAF. bat zusammen mit den Reichsbetriebsgemeinschaften die Aufgabe, Uebungs- und Studienmöglichkeiten für einen möglichst breiten Teil aller schaffenden Volksgenossen oorzubereiten und aufzubauen. Es ist klar, daß der Nationalsozialismus als Weltanschau­ung mit ganz bestimmten politischen, sozialen und ethischen Begriffen und Werten eine andere Er­ziehung und Bildung des deutschen Menschen vor- aussetzt, als der von ihm endgültig abgelöste Libe­ralismus aller Schattierungen. Wenn der Mar­xismus und Liberalismus in der Bildung und be­sonders in der Berufsbildung nur ein Werkzeug sah, dessen sich der einzelne nach seinem Belieben bedienen konnte, so sahen sich die Gewerkschaften und Verbände verpflichtet, ihren Mitgliedern Mög­lichkeiten der Entwicklung ihres Berufswissens und -könnens zu bieten, damit der einzelne daraus für sich Nutzen ziehe.Freie Bahn dem Tüchtigen" hieß dann nichts anderes alsTriumph des Strebertums und der stärkeren Ellenbogen."

Der- Nationalsozialismus hat an die Stelle des Individuums die Gemeinschaft des Volkes, die Na­tion gesetzt und diese in den Mittelpunkt des Den­kens gerückt. Wenn wir heute Erziehung und Be­rufserziehung treiben, dann nicht deshalb, um dem Strebertum des Einzelnen damit Vorschub zu lei­sten; Erziehung ist für uns eine Forderung aus Ren Gründen, zur Steigerung der Leistung samtnation. und des Einzelnen für die Na­tion. Es ist nicht mehr in das Belieben des Ein­zelnen gestellt, ob und aus welchen Gründen er sich einer Berufserziehung unterziehen will, um hieraus seinen entsprechenden Nutzen schlagen zu können, sondern die Nation hat den unbedingten Anspruch darauf, daß jeder, dem sie Arbeit und Brot gibt im Interesse der Gemeinschaft, feine Berufsleistung be­dingungslos entsprechend der in ihm wohnenden Kräfte in den Dienst der Volksgemeinschaft stellt. Es ist Pflicht jedes arbeitenden deutschen Menschen, nach besten Kräften an der Verbesserung seiner be­ruflichen Leistung zu arbeiten, um auch auf diesem Wege einen Teil seiner Dankesschuld der Nation, die ihm Arbeit und Brot gibt, gegenüber abzu­tragen.

Wenn der Marxismus und Liberalismus in der vergangenen, arbeitslosen,paradiesischen" Zeit ver­suchte, die tägliche Berufsarbeit dem deutschen Ar­beiter als einen Fluch, eine Strafe oder eine Aus­beutung vor Augen zu führen, so konnte dieser jüdischen Vorstellung von feiten des deutsch emp­findenden Arbeiters kein Verständnis entgegenge­bracht werden. Der deutsche Arbeiter hat die Arbeit noch nie lediglich als ein Mittel zum Leben aufge­faßt, sondern für ihn war Arbeit ein Bedürfnis und zugleich Entfaltung und Erfüllung des persön­lichen Lebens. Letztlich betrachtete er die Arbeit als Dienst an der ihn übergeordneten Gemeinschaft der Nation. Sehen wir so unsere Berufserziehung als politische Aufgabe an, so ist es notwendig, daß wir ihr voranstellen den alten, nordisch-deutschen Ar- beitsbegriff und die Begriffe von Arbeitsstolz und Arbeitsehre.

Wenn sich der Nationalsozialismus und in feiner Organisation die Deutsche Arbeitsfront der Berufs­erziehung widmet, fo ist die gestellte Aufgabe nicht

dadurch erfüllt, daß an der Beseitigung der Ar­beitslosigkeit oder der Behebung des gegenwärtigen Facharbeitermangels gearbeitet wird, sondern die Berufserziehung hat über diese Tagesaufgaben hin­aus, wie bereits gesagt, noch einen politischen Sinn. Würde die Berufserziehung bei der Erfüllung der gestellten Tagesaufgaben stehen bleiben, so mußten diese Maßnahmen nur als Gelegenheit- oder Ver­legenheitsmaßnahmen angesehen werden. In alle Gebiete des politischen Lebens muß die national­sozialistische Berufserziehung eingreifen und so ein Instrument der Menschenführung werden. Hat die kapitalistische Welt zusammen mit dem Bolschewis­mus gegen Deutschland einen Arbeits- und Wirt­schaftskrieg heraufbeschworen, so ergibt sich für die Berufserziehung, die uns als Mittel zur Leistungs­steigerung dient, eine wehrpolitische Aufgabe. Durch die Leistungssteigerung ist dafür zu sorgen, daß die deutsche Ware in der ganzen Welt als die beste anerkannt werden muß und so die Welt gezwungen wird auf Grund der Qualität der deutschen Ware

Lage, in Deutschland aus dem ihm gegebenen Raum solange es eben sein muß zu leben.

Wenn wir die Steigerung der deutschen Arbeits­leistung durch Berufserziehung als Steigerung der Lebenskraft der Nation erkannt haben, so muß der Stolz des schaffenden Deutschen auf seine Nation und ihre Leistung auch wachsen. Es wächst weiter im arbeitenden deutschen Menschen die Freude am Dasein und der Wille zur Zukunft.

Die Kreiswaltung der Deutschen Arbeitsfront in Gießen hat in den letzten Tagen ihren Arbeits­plan den Betriebsführern und Gefolgfchaftsmitglie- dem zugeleitet. Die einzelnen Betriebsgemeinschaften sehen die Durchführung einer Reihe von Lehrgän­gen, Vortragsreihen und Arbeitsgemeinschaften vor, die allen die Möglichkeit bieten, im Kreise beruflich gleich ausgerichteter Arbeitskameraden die berufliche Leistung zu steigern. Wenn wir diese Leistungs­steigerung von jedem einzelnen fordern und die Möglichkeit hierzu bieten, so erwartet die Arbeits­schule der DAF. Anmeldungen aus allen Kreisen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gemeindefeier der Markusgemeinde.

Wie alljährlich hielt die Markusgemeinde am Sonntag ihre Gemeindefeier in der Turnhalle ab, die aus allen Kreisen der Gemeinde stark besucht war. Zu unserer großen Freude konnten wir auch Gäste aus den Frauenhilfen unserer übrigen Gieße­ner Gemeinden sowie von Klein-Linden und Wieseck begrüßen.

Der 10. November als Geburtstag Luthers gab der Feier ihren Inhalt. Sprechchöre der Gemeinde­jugend wiesen auf Luther und feine Tat am 31. Oktober 1517 hin. Lieder der Choraloereinigung der Stadtkirche unter Leitung von Organist Lehrer Simon zeigten etwas von dem kostbaren Schatz unserer alten Choräle und ließen den ernsten Weck­ruf der Reformationszeit erschallen, wobei beson­ders auch die neu hinzugekommenen Männerstim­men gut zur Geltung kamen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Ansprache von Pfarrer R e u s ch (Leihgestern): Der deutsche Luther". In packenden Worten wußte der Redner das echt deutsche Wesen des Reforma­tors aus feinen Worten und Taten in mannig­facher Hinsicht überaus anschaulich Larzustellen und zeigte zugleich, wie Luthers deutsche Art ihre Kraft und Zielrichtung in seinem Christusglauben hat, der sich auf das Wort Gottes in der Bibel gründet. Dem Hörer kam dabei immer wieder die große Gegenwartsbedeutung des Reformators zum Be­wußtsein. So fesselten die Ausführungen die große Versammlung vom ersten bis zum letzten Wort.

Ein Stück aus dem bekannten Herrigschen Luther­spiel (Luther und die Bilderstürmer) wurde von der männlichen Gemeindejugend ausgezeichnet dar­geboten, besonders war die feste, ihre Widersacher bezwingende Gestalt des Junker-Jörg-Luther vor­züglich dargestellt, aber auch in andere Einzelrollen hatten sich die Spieler gut eingefühlt, fo daß das Spiel die Erwachsenen und Kinder in gleicher Weise packte.

Musikalische Darbietungen eines guten Orchesters erfreuten und liehen keinen Leerlauf entstehen. Gemeinsam gesungene Lutherchoräle ließen immer wieder alle des großen Erbes unserer evangelischen Kirche bewußt werden und riefen aus zur Treue am Vermächtnis unserer Väter.

Tiefen Eindruck machte als etwas Besonderes die tiefgegründete Ansprache eines Mitglieds der Frauenhilfe, die auf die zentrale Art aller Ge­meindearbeit, religiöse Stärkung und Bereicherung hinwies und zur ernsthaften Beteiligung aller Ge­

meindeglieder im Dienst unserer Markusgemeinde und damit unseres Volkes aufrief.

Wie in den früheren Jahren hatte auch diesmal wieder die Frauenhilfe der Markusgemeinde die Feier gerüstet und für Kaffee und Kuchen gesorgt. Die weißgedeckten Tische mit ihrem Blumenschmuck gaben auch äußerlich der ganzen Veranstaltung den Charakter einer großen Familienfeier. Und nichts anderes sollte sie ja auch sein als eine Feierstunde der großen Familie der Markusgemeinde.

Allen Gemeindegliedern, die durch freundliche Spenden von Kuchen und sonstigen Gaben zu dieser Feier beigetragen haben, insbesondere den vielen Mitgliedern der Markussrauenhilfe, die in der Vor­bereitung und am Tag selbst freudig im Dienst der Gemeinde standen, möge auch hier noch der herz­liche Dank ausgesprochen sein. Es war ein Festtag! Möge die Gemeinde immer mehr zu einer Gemein­schaft werden, die auch im Alltag sich zusammen­gehörig weiß durch gemeinsamen Besitz großer Güter und ernste Verpflichtung aller füreinander im brüderlichen Dienst. Dann leistet sie an ihrem Teil ernsthafte Aufbauarbeit im Dienste unseres geliebten deutschen Volkes, wozu wir alle uns auf­gerufen wissen.

Vornoiüen.

Tageskalender für Dienstag.

NSG.Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.30 Uhr, ftöhliche Gymnastik und Spiele, nur für Frauen, in der alten Pestalozzischule; 20.30 bis 21.30 Uhr, Ski- Gymnastik und allgemeine Körperschule in der Schillerschule: 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr, Schwimmen im Volksbad; 21 bis 22 Uhr, Reiten, Reitschule Schömbs. Stadttheater: 20 bis 23 Uhr, Peer Gynt". Volksbildungsstätte (Volkshoch­schule): 20.15 Uhr, im Studentenhaus, Eröffnungs­abend. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Mut­ter der Kompanie". Gloria-Palast, Seltersweg: 20 Uhr, Eröffnungs- und FestoorstellungDie Pom­padour".

Die palucca tanzt!

Aus dem Büro des Gießener Stadttheaters wird uns geschrieben: Unter diesem Motto steht das Gast­spiel der großen Tanzkünstlerin Palucca, die auf Einladung der Intendanz im Stadttheater Gießen am Montag, 18. November, ein einmaliges Tanzgastspiel gibt. Dieses Gastspiel dürfte gerade für Gießen von um so größerer Bedeutung fein, als diese Tänzerin kurz nach ihren sensationellen Erfolgen bei den deutschen Tanzfestspielen in Berlin

Rundstücke.

Cine Kindheitserinnerung von Hermann Claudius.

Peter Arp trug frühmorgens für den Bäcker Tel- schopp die Rundstücke aus. Ich hatte das nicht nö­tig. So wenig mein alter Vater durch mühselige Botengänge verdienen mochte, niemals war das Wort gefallen, daß der älteste Junge hinzuverdie- nen sollte. Und ich war auch sogar etwas stolz dar­auf. Aber Peter Arp wußte soviel Wunderbares von seinen Morgengängen zu erzählen! Wir saßen im Abendschummern hinter der hohen Holzplanke am Ende unserer Terrasse in jenem Grenzgraben, der dort vom Katersteg hier in krausen Windungen Hamburg und Preußen voneinander schied. Und Peter Arp verteilte. Er sah uns dabei nicht an, sondern hielt den Kopf weit in den Nacken gelegt und blinzelte in die Ferne, als ob feine Geschichten dort anspaziert kämen. Wir vier, fünf Jungs aber ließen fein Auge von ihm. Wir hockten eng bei­sammen. Und wenn die Geschichte am gruseligsten wurde, durchschauerte es uns alle miteinander. Ge­nug mich packte die unbändige Lust, auch zu er­leben. Und eines guten Morgens wischte ich vor Tau und Tag aus der Tür und schloß mich Peter Arp zum Brotaustragen an.

Es mag gegen Ende September gewesen sein. Der Himmel lag grau über den grauen Häusern. Alle Fenster waren noch blind. Nur hier und dort ein seltenes Licht, das geheimnisvoll leuchtete. Die Ter­rasse widerhallte von unseren kurzen Schritten.

Beim Haus Nr. 3 war das Licht heller. Die Tür- glocke gellte hart in die Morgenstille. Wir standen vor der Tonbank in dem engen Brotladen. Es duf­tete nach frischem Brot, daß mir das Wasser im Munde zusammenrann. Bäcker Telschopp trat durch die Hintertür. Groß und breit stand er da. Sein mächtiger Oberkörper war nackt. Die blaue Hose hielt er mit einem Lederriemen um die Hüften geschnürt. Einen Augenblick glaste er uns aus Srauen müden Augen an, dann brummte er etwas Unverständliches in feinen überhängenden Bart und zählte mit plumpen Würfen die Rundstücke in einen leeren Korb, den Peter Arp inzwischen vom Bord genommen und auf die Tonbank gestellt hatte. Ich sah, wie Peter Arp eifrig mitzählte. Und richtig: am Ende war es ein Rundstück zu wenig sagte Peter Arp wenigstens und ließ nicht locker, bis Vater Tel­schopp ihm knurrend noch ein Überzähliges Rund­stück in den Korb nachwarf.

Draußen auf dem Flur brach Peter Arp es so­fort auseinander und reichte mir grinfend die

Hälfte. Ich kam mir leibhaftig wie ein Verbrecher vor. Aber der Duft stieg mir fo lieblich in die Nase, daß ich hineinbiß.Das ist doch Betrug" sagte ich draußen.Zu Hause krieg ich keins", antwortete Peter Arp und war schon halb über das Pflaster nach Haus Nr. 8. Die Tür fiel schnell hinter ihm zu. Ich blieb draußen zurück. Der Himmel über den Dächern war jetzt bunt geworden. Eine langgestreckte Wolke sah aus wie ein Ungeheuer mit rotem Bauch und schwarzem Rücken. Jetzt öffnete es das Maul, als wollte es die aufgehende Sonne gleich wieder verschlingen. Da war Peter Arp wieder da, und ich hakte hurtig meinen linken Arm in seinen Korb und half mit tragen. So kam ich hausein, hausaus, treppauf, treppab. Gespenstisch leuchteten die weißen Brotbeutel. Hier und dort mußte Peter Arp wecken. Er trommelte so lange gegen die Tür, bis jemand von drinnen Antwort gab. Es war immer eine ärgerliche Antwort.Macht nix", sagte Peter Arp, die am meisten schimpfen, geben das beste Trink­geld." Als wir aus dem Haus Nr. 9 herauskamen, rorkelte ein großer, ungeschlachter Kerl die Fliesen­reihe daher. Der eingebeulte Hut saß ihm schief auf dem Kopf. Die rechte Schulter und der rechte Aermel hatten irgendwo eine weiße Kalkwand ge­streift.Der dune Dullbart", sagte Peter Arp und lief mit feinem Korb hart gegen ihn an. Dullbart, der immer betrunkene Tischlermeister von Haus Nr. 11 er war es wirklich blieb stehen, wollte sich nach dem Anrempler umsehen, schwankte und sackte wie ein Kloß in den Rinnstein. Peter Arp nahm den weggetrudelten Hut auf und wippte ihn lachend auf den eisernen Stiefel, der vor Haus Nr. 5 die Schusterei von Ian Jessen anzeigte.

Nun mußten wir über die Eimsbütteler Chaussee nach der Millionenterrasse. Die Häuserreihe war nicht lang, aber vier Stockwerke hoch und alles Kun­den. Als lütter Junge war ich hier einmal von einem großen Köter gebissen worden. Seitdem hatte die Millionenterrasse etwas Schreckhaftes für mich. Jedenfalls blieb ich unten norm Hauseinang stehen, drei Stufen hoch, und fah durch das hohe Eisengit­ter in den Park hinunter. Hier waren die Eichen und Rüstern noch schön grün, während die Stra­ßenlinden schon gelb zu werden anfingen. Und hin­ter den Eichen und Rüstern und bunten Ahorn­bäumen war unser Obstgarten. Die Leute waren meistens verreist. Und der alte Kutscher nicht wach­sam genug Oder er dachte: laß sie man! Also klet­terten wir abends heimlich über und stopften uns schnell die Taschen voll Fallobst. Daß genug Fall­obst da war, dafür sorgten wir höchsteigenhändig selbst. Ich hatte das Manöver bisher nur einmal mitgemacht und hatte auch nur einen Apfel ergat­tert. Und als ich hineinbiß, war er sauer gewesen.

Das Eisengitter kam mir wie ein Gefängnis­gitter vor. Als ich Peter Arp das einmal sagte, sah er mich mit ernsten Augen an und meinte:11 n - s e r Gefängnis; darum müssen wir auch über­klettern".

Hinter mir klappte die Tür. Peter Arp war wie­der da. Und nun half es nichts, ich mußte mit- laufcn, die letzten Kunden zu bedienen.

Als wir wieder über die Chaussee zurückwvllten, kam vom Heußhvf her ein lautes Lärmen mit vie­lem Ha! und Ho! Und ehe wir's uns noch recht versahen, staken wir mit unserem großen Brotkorb mit in einer Ochsenherde, die von Ochsentreibern nach der Rinderhalle auf dem Heiligengeistfeld ge­trieben wurde. Die Tiere waren aufgeregt und schnoben. Mich ergriff eine große Angst. Aber Peter Arp zog mich heil hindurch. Im allerletzten Augen­blick nur rannte ein großer Ochse gegen unfern Korb, daß die letzten Rundstücke herausflogen und im Dreck lagen.

Das waren gerade die Rundstücke für die Spät­aufsteher in unserer Terrasse. Was nun? Wir zogen zu Bäcker Telschopp zurück. Und ehe ich wußte, was los war, hörte ich Peter Arp dem Bäckermeister ein lang und zwei breit eine vollkommene Geschichte von einem Brotdieb erzählen, der uns von Haus zu Haus heimlich nachgestellt habe, dem wir aber immer entwischt wären, bis er zuallerletzt uns doch den Korb von hinten weggerissen hätte. Aber Rund­stücke hätte er trotzdem nicht bekommen. Denn er, Peter Arp, habe den Korb schnell umgekehrt. Und alle Rundstücke seien in den Matsch gerollt. Bäcker Telschopp stand groß hinter seiner Tonbank, den mächtigen nackten Oberkörper zurückgelehnt gegen die Bordwand. Der Lederriemen schnürte wieder die blaue Hose.

Mit seinen großen grauen Augen sah er meinen Freund an. Als ich aber meinte, er würde den Lügner entlarven und ihm eine herunterhauen denn er zog seine Arme langsam gegen die Hüften da geschah es, daß Bäcker Telschopp sich vor­beugte und laut zu lachen anfing, derart zu lachen und zu prüften, daß ihm der Robbenbart stoßweise hochwippte und ihm die Feiste seines Wanstes über den Lederriemen quoll

Ich stand sprachlos. Aber Peter Arp lachte mit, lachte noch lauter als der Bäcker selber. Und keiner von beiden merkte, daß ich ohne Lachen dabeistand.

Danach warf Bäcker Telschopp die Rundstücke, die sein tapferer Austräger verlangte, ohne ein wei­teres Wort in den Korb.

Es war wieder eins übrig. Aber diesmal steckte es Peter Arp allein in die Tafche.

in Gießen einen ihrer ersten Tanzabende gibt. Es gibt wohl kaum ein Theater von Rang und Be» Deutung, das die Tänzerin Palucca nicht zu einem Gastabend verpflichtet hätte. Auch bei dem Pro« gramm des Tanzabends in unserem Theater ent­faltet diese geborene Tänzerin den ganzen Reich­tum ihrer Anmut. Wenn man den Weg dieser Frau verfolgt, so kann man sich dem einstimmigen Urteil der deutschen und internationalen Presse nicht verschließen, daß die Tanzabende der Palucca einen Siegeszug durch Deutschland und die gesamte Welt bedeuten. Wenn die Tanzkunst als solche durch Können und Künstlertum dieser Frau solche (Er­folge zeitigt, dann müssen wir stolz darauf fein, diese Künstlerin zu den Unfern zählen zu können. Wer könnte besser unsere Kraft für den Alltags­kampf steigern und stärken als Palucca mit ihren Tänzen, daraus rein und leuchtend die Freude an Dasein und Welt bricht. Palucca tanzen zu sehen, wird vielen ein Erlebnis sein. Um allen den Besuch dieses Abends zu ermöglichen, hat die Intendanz trotz der vielfachen Mühen beim Zustandekommen dieses Gastspiels denkbar kleine Preise angesetzt. Das Gastspiel ist außer Abonnement und dauert von 20 bis 22 Uhr.

Stadttheater Gießen.

Heute, von 20 bis 23 Uhr, zum erstenmal dis NeueinstudierungPeer Gynt", dramatisches Ge­dicht von Henrik Ibsen. Musik von Edward Grieg. Die Uebersetzung von Dietrich Eckart hat Hans von Spallart feiner Bearbeitung und Insze­nierung zugrundegelegt. Musikalische Leitung Ernst Bräuer. 7. Dienstag-Abonnement.

NSDAP. Ortsgruppe Gieheu-Ost.

Freitag, 15. November, abends 8.30 Uhr, im Cafe Leib Kundgebung. Es spricht: Pg. Jean B u 11 m a n n , Kreisleiter z. b. 23.

Wir laben hierzu alle Volksgenossen herzlichst ein! Für Parteigenossen und Mitglieder der Gliederun­gen ist die Teilnahme selbstverständliche Pflicht! Ein­tritt frei!

Lebensmittel-pfundpäckchen-Samm- lung in der Ortsgruppe Gießen-Ost. Die Sammlung für November wird Dienstag,

12. und Mittwoch, 13. November von der NS.- Frauenschaft durchgeführt. Es wird gebeten, die Pfundpäckchen bereit zu halten und den Inhalt der Päckchen außen sichtbar anzugeben.

NSV., Ortsgruppe Mitte.

Vetr. pfunbfammlung.

Am Mittwoch, 13. November, werden die Spen­den (Pfundfammlung) dur die NS-Frauenschaft eingefammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen und die Mitgliedskarten zur Quittungsein- Zeichnung bereitzuhalten. Die Pfundsammlung er­streckt sich während der Dauer des WHW. wieder auf alle Volksgenossen.

NSV., Ortsgruppe Gießeu-Nord.

Vetr.: Lebensmittelopferring.

Mittwoch, 13. d. M., findet die Einziehung des Lebensmittelopferringes für den Monat November statt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Spen­den bereitzuhalten und den Inhalt auf die Um­hüllungen zu schreiben.

1*3/1

ausgiebig ^und Zahnpflegen^ nachhaltig erfrischend

Blücher.

Cin deutsches Soldatenbildnis von Wilhelm Schäfer.

Als die Erhebung des preußischen Volkes Blücher ins Feld rief, war der Feldmarfchall schon ein Greis, aber fein Name warf Mut in die Menge.

Blücher allein hatte nach Jena und Auerstädt den Säbel in der Faust behalten; aus flüchtigem Volk raffte er noch ein Heer mit dem Rest feiner Reiter, sich über See mit englischen Schiffen nach Danzig zu schlagen.

Er kämpfte sich durch bis nach Lübeck, er brachte die Wut der Franzosen und unermeßliches Leid über die Reichsstadt und wurde trotzdem gefangen; aber der tollkühne Ritt hob feinen Ruhm aus der Schande.

Wo eine Hoffnung war, je aus der Knechtschaft zu kommen, wurde sein Name genannt; als sein weißer Schnauzbart in Breslau erkannt war, hatte der kommende Krieg seinen Meister gefunden.

Den Marschall Vorwärts hießen die Russen zuerst den fröhlichen Alten, der nie ein bänglicher Zauderer war, der jeglichen Stier bei den Hörnern packte und für den schwankenden Mut der Verbündeten den zornigen Treiber oorstellte.

Denn es ging nicht so rasch in den Feldzug, wie die preußischen Herzen erhofften; immer noch war der Korse Meister im Feld, immer noch wußte der Kaiser neue Heere zu raffen.

Bei Lützen und Bautzen wurde die preußische Landwehr zweimal geschlagen, und Scharnhorst, iyr Schöpfer, sank in die blutige Mahd: schon fingen die Federn ihr Kritzelwerk an, schon schien den Schwachen der Feldzug verloren.

Aber der Waffenstillstand wurde fein Friede, und als der Kampf im Sommer neu brannte, war die Habsburger Hofburg dem Bund beigetreten.

Da endlich gelang es dem zornigen Marschall, das Wasser auf feine Mühlen zu bringen; an der Katz- bach schlug er die erste siegreiche Schlacht über dis stolzen Franzosen, und nun blieb das Glück seiner Landwehr günstig bis sie bei Möckern Sieger wurde.

Der Marschall Blücher blieb der zornige Treiber, und eher ruhte sein Ungestüm nicht, bis die Fürsten und Federn seinem Säbel den Weg nach Frank­reich freigaben.

Er war kein Meister der langen Berechnung, und er liebte die hohe Strategie nicht; ein Haudegen nur von Gneisenau, seinem Feldherrn, mit Umsicht geleitet ritt tollkühn ins Feld: aber den fröh­lichen Schnauzbart liebten die Jungen und Alten, weil er aus uraltem Holz germanischer Reiter- und Kriegslust geschnitzt war.