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Hr.289 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, Dezember (935

den

Nachdruck verboten!

7. Fortsetzung.

Jan) weroe meinen xuuueii nuiy V..., - . 7 , ---- .

faqte Mia ruhig.Das heißt, ins Hotel. Ich möchte Hoffentlich hielt Schulenburg wenigstens mal so ganz ohne Ziel und ohne Gebundenheit I Mund. Fortsetzung

reinen folgt.

Eine blendende Erscheinung, eine berauschende Frau! Günter bemühte sich, es sachlich festzustellen, aber ihr Anblick rief etwas in ihm wach, was ihn wie ein heißer Strom durchkreiste.

Sie wandten sich zum Gehen. Mia fragte nickt nach dem Wohin, sie überlieh sich Günters Führung. In dem instinktiven Gefühl, es sei nicht notwendig, daß man ihn mit der schönen Frau zusammen sah, schlug er einen von schlanken Pappeln eingesäumten Weg ein, der nach dem Walde hinübersührte.

französischen Kriegshafen Cherbourg, bei dem wir in der gleichen Weise in der Abenddämmerung ankern.

Nun hinaus: Ahoi! Ins offene Meer ohne Unterbrechung bis Neuyork. Ein rheinisches Win­zerfest hat die Schiffsleitung für Freitag abend vorgesehen; das muß man als Liebhaber von Wein und Rhein gesehen haben. Der Raum ist winzerlich geschmückt, jeder trägt eine papierne Behauptung auf und kleine reizende Römerchen an sich. Der Niersteiner schmeckt köstlich, die Musik spielt, daß für den, wer freien sollte, das Mädel am Rhein geboren sein muß. Aber das ist schwer. Es ist nur ein einziges Mädel aus Köln am Rhein dabei, die war schon halb seekrank und sang immer den variierten Schlager: Ich brauch nicht treu sein, nein, nein das brauch ich nicht". Ich schaue mich um und finde an unserem Tisch eine ganz inter­nationale Gesellschaft, Wiener, Süd- und Nord-

das dort nördlich in der Ferne liegt. Nun sind wir mitten in der herrlichen See, von deren Schönheit wir immer tiefer ersaßt werden. Es wird dunk­ler draußen, Gewölk, Nebel umfängt uns, das Schiff fährt mit halber Geschwindigkeit ca. 1520 Kilometer pro Stunde. Nach dem Kaffee bzw. 5-Uhr-Tee bei zarter Streichmusik gehe ich schwim­men und ziehe mich zur Hauptmahlzeit dunkel an. Die Reisegesellschaft (in unserer Touristenklasse ca. 150 Personen) ist sich anfänglich noch etwas fremd und beschnuppert sich vorsichtig. Meine Tischgenossin,

kleinen Tischchen aus der Mitte des Saales Stu­dien treiben. Nach dem Essen findet eine schone Kinovorstellung in der Gesellschaftshalle (mit Wag- nerschem und Derdischem Musikfilm) statt.

Freitag früh sind wir im Kanal, die englische Küste (Dover) ist sichtbar. Nach dem Frühstück gehen wir hoch auf Deck. Strahlende Sonne liegt über der See, die in aller Pracht glänzt. O Men­schenkind, wie kommst du dir in der Bewunderung dieser Schönheit, Schöpfung und Allmacht Gottes so klein und armselig vor, wie wirst du demütig und fromm im Anblick dieser Meerespracht.Die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag." Sicher und gut geleitet teilt unser Schiff die noch ruhige See. Wir ankern außerhalb der Hoheitsgrenze vor dem englischen Hafen Sou t h- ampton, der in der Ferne an der grünen wald- bewachsenen englischen Küste liegt. Ein feiner Ha- paadampfer legt bei uns an und wechselt Passa­giere, Post und Gepäck aus. Weiter geht's nach dem

Weiter Sprenger spricht in Gießen

Kundgebung in der Volkshalle am (Samstag,14.0e$ember, 20.15 llhr.

Wir laden alle Volksgenossen der Stadt und des Kreises Gießen ein, an dieser Kundgebung teilzunehmen.

DieGliederungenderPartei, SA. (Gießen und Umgebung), NSKK., SS., Hitler-Jugend, VDM., marschieren geschlossen, die Deutsche Arbeitsfront in Betrieben zur Kundgebung. Eintreffen spätestens 20.10 Uhr. Die Führer der Gliederungen wollen jetzt schon die nötigen Vorbereitungen treffen.

Die angeschloffenen Verbände, wie VS.-Veamtenbund, NSLB., RS.-Aerztebund, VS.-Frauenschaft, VS.-Studentenbund, werden auf gefordert, dafür zu sorgen, daß ihre Mitglieder an der Kundgebung teilnehmen.

Folgende Fahnengruppen nehmen an dem Fahneneinmarsch teil und sind spätestens um 20.10 Uhr in folgender Reihenfolge vor der Volkshalle angetreten: SA., NSKK., Gießener Ortsgruppen, Ortsgruppen Alten-Vufeck, Annerod, Bersrod, Ettingshausen, Grohen-Vuseck, Großen-Linden, Grünberg, Heuchelheim, Hungen, Klein-Linden, Lang-Göns, Lich, Lollar, Mainzlar, Ober-Bessingen, Saasen, Stein­bach, Trais-Horloff, Watzenborn-Steinberg, Wieseck, NSBO. (Arbeitsfront) in Uniform, Hitler-Jugend, Jungvolk, SS.

Sämtliche politischen Leiter der Gießener Ortsgruppen und der obengenannten Ortsgruppen nehmen geschlossen an der Kundgebung teil und treten um 19.30 Uhr an der Kreisleitung an. hier treten auch die obengenannten Fahnen um dieselbe Zeit an.

Oessnung der Volkshalle um 19.30 Uhr.

Die Volkshalle ist geheizt. Eintritt frei.

Kreisleitung Gießen der NSDAP.

Nicht müde werden, Annelies!

Vornan von Bernhard Lanzer.

Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Berlag, Berlin.

ich helfe im verstärkten Orchester mit und mache dankbaren Gästen begreiflich, was wir unter rhei­nischer Fröhlichkeit verstehen. Die Uhr wird um Mitternacht wieder um eine Stunde zurückgestellt, um den Zeitunterscheid zwischen europäischer und amerikanischer Zeit auszugleichen. Also Steward! Trinke mer noch ne Flasche Wein!

findet ein stimmungsvoller Gottesdienst an Bord statt, der Geistliche spricht schöne, ernste Worte, die Kapelle spielt nachher auf Deck passende Choräle. Mittags und abends in der Gesellschaftshalle ernste Konzerte. Oft kommt einem die Fahrt wie ein Traum vor, wenn man so sinnend bei einer Tasse Tee, im eleganten Gesellschaftssaal, bei zarter Mu­sik auf dem unermeßlichen Ozean sich schwimmen fühlt. Ja dieses Schwimmgefühl wird leider immer stärker. Alles Schöne und Hohe auf der Welt muß mit Leid und Opfer erkauft werden. Nichts ist voll­kommen, auch keine Seereise. Biele unserer Fahrt­genossen hatten schon darüber einen Leidartikel ge­schrieben, mein Visavis war schon ein paar Tage nicht bei Tisch. Ein dolce far niente auf der Salz- flut treibt sonderbare Blüten. Den einen macht sie stark, den Starken schwach, dem einen raubt sie den Appetit, um den anderen doppelt damit zu beglücken. Dieser packt das 2- bis Zfache seines ländlichen Durchschnittsquantums ein, jener packt nur aus. O teure Seekrankheit! Jeder muß dich mal gekostet haben, damit er weiß, wie gut es ihm sonst im Leben geht. Immer stärker bläst und heult der Wind, haushoch werden die Wellen, der mächtige Koloß des Schiffes schwankt, nur schwer kann man sich aufrecht- und geradehalten, immer größer wird die Zahl der Opfer. Aber unvergleichlich herrlich und grandios ist solch ein Blick vom Heck oder Bug des Schiffes in die aufgewühlte Flut.Und Stürme brausen um die Wette vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer, und bilden wütend eine Kette, der tiefsten Wirkung ringsumher" (Faust).

Gegen die Seekrankheit ist noch kein Kraut ge­wachsen, so wenig wie gegen die Liebe oder das see­lische Leid. Jeder muß sehen, wie er damit allein fertig wird. Mir helfen Schlafmittel, Pfefferminztee und Schleimsuppe und nach 3 Tagen bin ich wieder in Ordnung. Wir kommen auch aus dem Golf­strom heraus auf die amerikanische Seite, die Luft wird kälter, die See wieder ruhig. Der Kommandant des Schiffes, (Kapitän Wagner, ein hervorragender Seemann und feiner Mensch) meint, in 1V2 Tagen find wir Nebelfreiheit vor­ausgesetzt dort. Die See wird wohl ruhig blei­ben. Ich werde dem Kapitän vorgestellt, er, rote alle anderen mitfahrenden Deutschen, beneiden mich um die schöne dankbare Mission, die ich erfüllen soll, unsere Brüder drüben im Kampf um ihr Deutschtum zu stärken und ihnen Grüße und Glück­wünsche aus der Heimat zu bringen. Ihr Kampf ist, wie ich von einem netten erfahrenen Hamburger Pg., der mir freundlichsten Rat gibt, höre, nicht leicht. Ich freue mich schon herzlich auf das Wieder- sehen mit unseren Schottener Freunden.

Doch Aeolus, der göttliche Beherrscher der Winde, schien dem Gott Bachus gram. Anfänglich leise, dann immer fester blies er die Backen auf und setzte die Wellen in Bewegung. Eine praktische Vor­führung auf Deck zeigt uns, wie auch für die Sicher­heit' der Passagiere gesorgt ist. Für jeden Mitfah­rer liegt eine Schwimmweste unter dem Kopfkissen bereit, bie in stärkster Seenot angezogen wird. In den Rettungsbooten ist Platz für jeden Einzelnen. In Gefahr sammelt sich alles auf Deck. Wir kom­men in den G 0 l f st r 0 m. Wasser und Lufttempe­ratur steigen auf zirka 18 bis 19 Grad, es wird schwül und immer stürmischer. Am Totensonntag gekommen Hoffentlich ist es nichts Ernstliches. Schade nur, daß ,Goldfasan' um feine Chancen kommt. Ein prachtvoller Kerl, der Gaul. Ich weiß nun nicht hast du besonderes Interesse am Ren­nen? Ich für meinen Teil verzichte nun gern; ich bin ja nur wegen,Goldfasan' gekommen. Das heißt, zum Rennen. Wollen wir nicht lieber einen ver­nünftigen Spaziergang machen? Wir haben uns ja so lange nicht gesehen, und ich möchte doch gern ein bißchen mit dir plaudern, da wir uns nun einmal getroffen haben. Wie denkst du darüber?"

Günter fand im Augenblick keine Antwort. Ein Spaziergang? Mit ihm? War sie ohne ihren Mann

Ist denn dein Mann nicht mit hier?" forschte er. Mia sah geradeaus, während sie langsam weiter- g",Ach so freilich, du kannst es nicht wissen: Ich bin Witwe. Seit einem reichlichen halben Jahre."

Besuch beim Scholieuer Männerchor in Aeuyork

Oie Reise über das Weltmeer von Hamburg nach Neuyork.

Von Bürgermeister Erwin Menget, Schotten.

Günter spürte plötzlich eine seltsame Leere in sich. Er schwieg, während das Wort noch in ihm nach­hallte. Witwe also war sie wieder da, wo sie vor vier oder fünf Jahren gewesen war. Uebermäßige Trauer schien sie nicht zu empfinden. Oder verbarg sie ihre Empfindungen nur?

Da blieb Mia plötzlich stehen. Unwillkürlich ver­hielt auch er den Schritt. Sie stand unmittelbar vor ihm, ihr Blick umspannte förmlich den seinen. Wie ein grenzenloser, dunkler und dennoch lodernder Abgrund tat dieser Blick sich vor ihm auf. Abgründe locken und ziehen mit magischer Gewalt. Günter hatte das Gefühl, als ob er langsam, aber unauf­haltsam in eine bodenlose Tiefe hineinglitte.

Da sanken Mias Augenlider plötzlich herab. Die schweren, dunklen Wimpern verhüllten den Blick, löschten ihn aus. Ihr Gesicht war unbewegt und undurchdringlich; sie wandte sich wieder zum Gehen.

Günter setzte sich gleichfalls wieder in Bewegung, es geschah mechanisch. Noch immer stand er unter der Gewalt dieses Blicks, dieses dunklen Brandes, den er nicht verstand und nicht verstehen wollte. Annelies ...!, dachte er, Annelies ...! Der Name mar wie ein ferner Klang, der übertönt wurde von einem unbegreiflichen, beklemmenden Wühlen tief da drinnen. Warum war Annelies nicht hier?

Ich werde meinen Wagen nach Haufe schicken".

war denn das? Was, zum Teufel, war denn nur i los? Mia war b-a, ja doch aber war denn das < etwas Erschütterndes? War es überhaupt etwas Wichtiges?

Da stand sie auch schon vor ihm. Er sah nur un­deutlich ein schönes, ruhiges Gesicht. Sie streckte ihm nachlässig die Hand entgegen:

Guten Tag, Günter! Nett, daß du da bist!

Als ob nichts gewesen wäre! Als ob man sich erst gestern gesehen hätte! Sie schien weit davon ent­fernt, das Peinliche der Situation zu empfinden. Aber es war gut so, es erleichterte die Sache we­sentlich. Man brauchte sich nur auf das gleiche Ver­holten, auf die gleiche Ruhe und Selbstverständ­lichkeit einzustellen so, wie man es sich gedacht hatte. Dann war alles in Ordnung.

Günter fühlte den seltsamen Druck mit einem Male von sich weichen und atmete befreit auf. Wie einfach die Sache doch war! Wie leicht und selbstver­ständlich alles ging! Man hatte eine Frau vor sich, die einem von früher bekannt, im übrigen aber ziemlich fremd mar. Danach konnte man sich rich­ten- ie felbft bediente sich ja eines entsprechenden Verhaltens. Gott sei Dank! Anscheinend war sie allein hier. Wo war ihr Mann?

Mia Rechberg wandte sich schon wieder zur Seite.

Ich suche Costa. Kennst du Costa? Hast du ihn

9e@ünter wurde der Antwort enthoben. Dom Laut­sprecher dröhnte es herab:

P Achtung! Achtung! Wir müssen leider eine Ver­änderung im Programm bekanntgeben. .Goldfasan der aussichtsreiche Drenahnge, wird nicht starten. Der Besitzer und Reiter, Baron de Costa, ist gestern ^end plötzlich erkrankt. Achtung! Achtung! Der Sffiieb,er9,nbrtanbetC Stimmenrauschen aus, voll Spannung. Erregung und auch Enttäuschung über . ^^Bahn^fteU" klang es über den Sattelplatz. Em

,-blanker Brauner tänzelte mit gespitzten Ohren ' heran Dos Feld war bereit.

! h Ma und Günter wandten sich um. den Sattelplatz

> Darum "also!" sagte Mia. ohne b-m-rkenswert- Enttäuschung zu zeigen.Costa hatte auch tm Can-

: UN ntä Hotel Zimmer bestellt, Er wollte heute oor- > mittag mit den. Flugzeug emtresfen und ,st mcht

Aber das das wäre eine Feigheit gewesen, eine unzweifelhafte, ganz jämmerliche Feigheit! Gab es dies Wort für einen Menschen der Gunter Sarto­rius hieß und dessen rechter Vater em aufrechter Mann und tollkühner Reiter gewesen war. Lächer­lich, dieser bloße Gedanke!

Günter hob das Kinn. Sein Gesicht mit der lencht geschwungenen Nase und der hohen, freien Stirn zeichnete sich schars in dem gleißenden LA ab. Er wußte nicht, daß er seinem Vater nie ähnlicher war °%er Schatten*zu seinen Fußen glitt langsam zur Seite. Ein Helles Kleid streifte von rechts her fern Blickfeld. Mit langsamen Schritten ging Mia vor über Diskret, aber mit bewundernden Blicken mu­sterten die Herren, bei denen Günter stand, die üppige, aber geschmeidige Gestalt. Sie nahm keine Notiz davon. Ihr Blick ging in die Runde, off^bar suchte sie jemanden. Costa!, dachte Gunter.Gold­fasan" war nicht da, also würde auch Costa mchl da sein. Aber Mia war da ...

Jetzt blieb sie stehen. Sie wandte sich um. Ihr Blick glitt gleichgültig und uninter^si-rt über die Gruvve bin, blieb dann aber auf Gunters Gesicht haften, forschend und prüfend. Plötzlich erhellte em W derfckein des Erkennens ihre von leisem Miß- mut überschatteten Züge. Langsam lässig und em bitzchen hoheitsvoll kam sie heran. Da hatte Gunter sich schon in Bewegung gesetzt, um ihr em paar ^D^e^Lautsp^recher ^brüllten. Stimmenrauschen wogte über den Platz Die Sonne flimmerte w-° ein Meer °°nÄn 62raE

schwanen Stand man "irkUch mitten darin? Gün- fühlte "etwa/Fremdes. Beklemmendes in sich. Was

eine feine Dresdener Dame, die ihren Mann, der nationale Gesellschaft, Wiener, Süd- und Nord- ein großes Werk im Auftrag feiner deutschen Firma deutsche, Schweizer, Holländer, Dänen, Neuyorker drüben ausführt, besuchen will, und ich können vom > und andere; wir verstehen uns doch ausgezeichnet,

Am nächsten Morgen, Donnerstag früh 8.45 Uhr, fährt der Sonberzug im Hamburger Hauptbahnhof ab, der uns über Buxtehude, Stade nach Bremer­haven bringt. Da liegen schon zwei Riesen-Ozean­dampfer am Kai, die bekannte stolzeBreme n", der gewaltige Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd, und daneben kleiner im Ausmaß dieN e ro Y 0 r k", das Schiff der Hapag, dem ich mich anver­trauen soll. Eine Devisenkontrolle hat nochmals stattgefunden, Pässe, Schiffspapiere werden kontrol­liert, man gebt an Bord, sichert sich einen ange­nehmen Platz im Speisesaal und sucht seine Kabine auf, wo ich mein in Schotten aufgegebenes Ge­päck roieberfinbe. Ja, so ein moberner Dampfer unserer großen Schiffahrtsgesellschaften ist ein Mei­sterwerk menschlichen Ersinbungsgeistes unb eine glänzenbe Kombination alles mobernen technischen Fortschrittes. Ein schwimmendes Hotel erster Klasse mit allem Komfort und wundervoller Behaglichkeit. In Einzelheiten einzugehen, führt hier zu weit. Länge des Schiffes ca. 250 Meter, Breite 30 Me­ter, Tiefe ca 25 Meter. Rund 23 000 Register Ton­nage, eingeteilt in drei Klassen: 1. Klasse, Touristen­klasse und 3. Klasse. Großer Gesellschafts- und Tanz­saal, Schreib- und Rauchsalon, Musikzimmer mit herrlichem Jbachslügel, den ich oft spiele, Speisesaal, Turnsaal, wundervolles Schwimmbad neben den Einzelbädern, große Promenadendecks zum Spazie­rengehen unb Lieben, auf bem Oberbeck Veranba, gemütliche Kabinen. Kurzum, für bie Behaglichkeit ist in jeber erbenklichen Weife gesorgt. Ich habe ben herrlichen Dampfer kaum näher anschauen kön­nen ba bläst ein Kavalleriesignal schon zum Früh­stück. Das Essen ist über alles Lob erhaben, bie reichhaltige Speisekarte, aus ber man sich was unb soviel man will, aussuchen kann, trägt ben ver­wöhntesten Ansprüchen Rechnung. Wir sitzen noch im Speisesaal, da beginnt oben die Schiffskapelle (15 Mann Blasmusik):Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt".

Langsam löst sich dieNew York" vom Kai, leb­haftes Tücherwinken,Ade, du mein lieb Heimat­land!" Weserabwärts gehts, bald ist die Nord- f e e mit ihren vorgelagerten Inseln erreicht. Tau­sende von Möwen in ihrem eleganten Flug umflat­tern das Schiff, folgen uns noch tagelang und ver­suchen, einen Brocken Nahrung vom Schiff zu er­haschen.Kleine Möwe, flieg' nach Helgoland... ,

Tiefes Dunkel liegt am Abfahrtstag, 19. Novem­ber, frühmorgens über dem Städtchen Schotten, vom Himmel riefeln zarte Abschiedstränen, immer weiter entführt mich das Bähnlein in die Ferne. Der treue August Konrad drückt mir in Hun­gen zum Abschied nochmals die Hand, so sehr hat ihn die Anhänglichkeit der Deutsch-Amerikaner an die alte Heimat und die Besuchsreise bewegt. Der Aufenthalt in Gießen verfliegt im Kreise alter Bekannter tm Nu, schon eilt der Hamburger Schnell­zug mit mir gen Norden. Marburg, Kassel, der Weser blitzende Wellen bei Münden tauchen aus, später grüßt der Harz aus der Ferne, dann nimmt die Lüneburger Heide mich auf. Gedanken an Her­mann Löns' Waidmanns- und Liebesfreud und -Leid, die er dort erlebte, werden wach. Der Zug Überfährt bie Elbe, schon wirb bas Lichtermeer von Hamburg am Himmel sichtbar, bann ist ber Zug im Hauptbahnhof angelangt. Hier steht weit­hin kenntlich ein Vertreter ber Hapag, ber mir Hotel-, Gepäck-, Devisen- unb Zollfrage regeln hilft. Im Nu finb all biefe Punkte anftanbslos georbnet, man sucht fein Hotel auf unb kann sich später bas Leben unb Treiben ber Weltstabt Hamburg be­schauen.

Am anbern Morgen finb auf bem Hapagbüro rasch alle Papiere in Drbnung gebracht. Ich zahle eine gewisse Summe auf ein Bankaccrebitiv ein. Aufs Schiff unb ins Auslanb barf man nicht mehr als 10, Mark Hartgelb (keinerlei Papiergelb) mitnehmen. An Borb zahlt man mittels Anweisung (Papiernotgelb), bie man vom Zahlmeister bes Schiffes auf Grunb seiner eingezahlten Summe umgerechnet erhält. Nun habe ich einen Tag Zeit unb kann mir alle Sehenswürbigkeiten Hamburgs ansehen.

umherstreifen, wohin einen ber Weg gerabe führt. Du hast boch Zeit?"

Ja! Allerbings zum Abenbessen möchte ich zu Hause sein ...", riß Günter sich zusammen. Ihm entging ber Zug von (eifern Spott, ber um ihre Lippen zuckte.Du hast beinen eigenen Wagen mit?" fuhr er fort.

Ja! Unb ben Chauffeur bazu. Ich bin jetzt eine reiche Frau." .

Ein eigener Ton klang burch ihre Stimme. Wie Spott war es roieber; aber es schwang noch etwas barin mit. Günter wußte nur nicht, was es war; er hatte noch zu sehr mit sich selbst zu tun.

Sie bogen nach bem Parkplatz ab. Ein leiser Luftzug wehte burch bas Sonnenflimmern. Nicht etwa kühl; aber Günter empfanb ihn wie eine Wohltat. Mia trat an einen ber Wagen heran, ber ben Reichtum seiner Besitzerin beutlich verriet, und sah sich nach ihrem Chauffeur um. Der Mann stand mit einigen Kollegen zusammen und kam dienst­eifrig herbeigestürzt, als er Mia bemerkte.

Sie können den Wagen ins Hotel zurückbringen'/ ordnete sie an.Wenn Sie mich zum Abend irgend­wo abholen sollen, rufe ich an!"

Sie wandte sich Günter wieder zu. Er kam erst jetzt dazu, sie richtig zu betrachten. Eine blendende Erscheinung, hatte der Mann vorhin gesagt es war keine Uebertreibung. Sie war noch schöner ge­worden als damals. Die köstliche Reife der jungen Frau hob noch den verwirrenden Reiz ihres herr­lichen Wuchses und ihrer abgerundeten Bewegungen. Die Augen waren von einem unwahrscheinlichen Blau und wirkten ganz dunkel durch die große Iris und die schweren, schwarzen Wimpern. Der Mund lockte wie eine Granatblüte. Unter dem schmalen Hut quoll das kurze, glänzend schwarze Haar hervor.

Zunächst war aber auch hier auf dem Schiff noch­mals Freude in Gestalt eines echten Bockbierfestes, bei dem man in München und an sonstigen trunk­frohen Orten last not least im gout Schölte ja allerhand Erfahrung gesammelt hat, die einem jetzt zugute kommt. Schöne, echt deutsche Lieder werden gesuttgen, das schwarzbraune Bier ist geraten und schmeckt stets nach mehr. Die Kapelle spielt lustige Weisen. So sorgt die Schiffsleitung stets für Ab­wechslung und Unterhaltung ihrer Gäste, die keinen Moment Langeweile empfinden. Eine Reihe von Spielen (großer Tennisplatz sogar) auf Deck, Tisch­tennis u. a. stehen zur Verfügung. Eine auserlesene Bücherei sorgt für Lektüre. Verkaufsstände, Blu­menladen, Buchhandlung, Post, Wäscherei, Arzt, kurzum alles für die Fahrgäste Erdenkliche ist vor­handen, sogar eine eigene Druckerei, die täglich eine Bordzeitung mit den neuesten Nachrichten heraus­gibt. Mir wird bereitwilligst das ganze Schiff von oben bis unten gezeigt, unb ich komme nicht aus einer grenzenlosen Bewunderung all dieser Sauber­keit, Sicherheit, Feinheit und Ordnung heraus. Beim Steuermann oben stehe ich, bereitwilligst er- klären die Offiziere die fabelhaften Sicherheitsvor- richtungen, die Feuer- und Rauchmeldeanlagen. 132mal, so gibt der Zeiger an, drehen sich die Riesenschiffsschrauben in der Minute. 1927 ist der Dampfer auf der Werft von Blohm und Voß er­baut worden. Im Treppenaufgang hängt eine große Plakette zur Erinnerung an die Rettung von 16 schiffbrüchigen Norwegern durch einen Offizier und 10 Mann der Besatzung im Herbst vergange-

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