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Nr. 212 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheften)

Mittwoch. 11. September 1935

Aus dem Reiche der Krau.

Die Hausfrau In der Volkswirtschaft.

Bon Hilde Caesar-Weigel, Siabssachbearbeitenil im Reichsnährstand. Die Verordnung des Reichsministers für Ernäh­rung und Landwirtschaft D a r r 6 über die Preis­senkung der wichtigsten Lebensmittel rückt die Haus­wirtschaft in den Brennpunkt volkswirtschaftlicher Betrachtungen. Der weitaus größte Teil aller End­produkte unserer Wirtschaft geht in die mehr als 17,5 Millionen Haushalte des Deutschen Reiches, werden doch 80 v. H. aller Einkäufe von Frauen getätigt. Für diese Milliardenbeträge trägt die Hausfrau die volkswirtschaftliche Verantwortung.

Die deutsche Hausfrau muß sich die Lage ihres Volkes, seiner Wirtschaft klar vor Augen führen. Sie muß die Auswirkungen ihres Tun und Lassens auf die Gesamtwirtschaftslage erkennen und wissen, welche Einkäufe sie beispielsweise zu tätigen hat, um gleichzeitig für eine gesunde Ernährung ihrer Familie und eine gesunde Volkswirtschaft zu sorgen. Die Hausfrau weiß, daß sie bei ihren Einkäufen für Lebensmittel durch die Marktordnung des Reichsnährstandes vor Uebervorteilungen geschützt und die Ernährung der Ihren sicher­gestellt ist. Ohne diese Marktordnung, die spekula­tive Quertreibereien unverantwortlicher Dolksschäd- linge an den Pranger stellt, hätten wir heute wahr­scheinlich einen Schweinepreis, der 50 v. H. über den jetzigen Fleischpreisen liegt und einen vielleicht doppelt so hohen Butterpreis.

Die kaufende Hausfrau kann die Bestrebungen des Reichsnährstandes um den heimischen Markt unterstützen, wenn sie bei ihren Einkäufen vor allem die Erzeugnisse bevorzugt, die besonders reich am Markt sind. Ein Beispiel hierfür zeigt der Schweinemarkt. Wir haben im Augenblick meniger Schweinefleisch, dafür um so mehr Rind- und Ham­melfleisch. Hinzu kommen die vortrefflichen Konser­venFleisch im eigenen Saf t". Die Haus­frau wird also jetzt statt Schweinefleisch mehr Rind- und Hammelfleisch kaufen. Sie wird in eierknappen Zeiten, die es Jahr für Jahr gibt, Kühlhauseier verlangen. Das' war schon immer so, nur daß früher noch kein Stempelzwang für Kühlhauseier bestand. Die Preissteigerungen und die Knappheit von Kartoffeln, Obst und Gemüse waren durch un­günstige Witterung bedingt. Auch das Ausland zeigte dieselben Erscheinungen. Hier kann die Haus­frau durch Verwendung von Konserven und Dörrobst für einen guten Ausgleich sorgen. Die Erzeugerpreise für Kartoffeln sind im letzten Drittel des August gegenüber Monatsanfang bei einzelnen Sorten um 20 bis 30 v. H. gesenkt wor­den. Die Spätkartoffelpreise werden sogar bis zu 50 Pfennig je Zentner niedriger als im Vorjahr liegen. Die B r o t p r e i s e, die für die Ernährung eines Volkes am entscheidendsten sind, sind seit 1928 in allen Teilen des Reiches stark gesunken in den letzten Jahren sogar noch 5,6 Pfennig je Kilo­gramm im Reichsdurchschnitt. Da wir eine gute Getreideernte hatten, ist die Brotversorgung des Volkes, ebenso wie der Bedarf an Mehl, Butter, Milch und Zucker auf lange Sicht sichergestellt.

Die Hausfrauen müßten auch noch mehr an die Haltbarmachung von Ob st und Gemüse in Zeiten größerer Marktanlieferungen im eigenen Haushalt als Wintervorrat denken. Wichtig ist auch die Ueberlegung, welche Art deutscher Erzeugnisse zu der betreffenden Jahreszeit gerade vorrätig sein kann. Deutschen Blumenkohl und Tomaten gibt es nicht im Februar, und im Juni sind deutsche Wein­trauben noch nicht reif. Die Hausfrau muß sich aus nationalpolitischen Gründen nach den gegebenen Verhältnissen richten, da sie durch unbedachten Ein­kauf das große Aufbauwerk der Arbeitsbeschaffung und die Erringung der Wehrireiheit erschwert. Unsere Gesamtwirtschaftslage wird bestimmend durch unsere D e o i s e n l a g e beeinflußt. Heute zwingt die Devisenlage der Reichsbank dazu, die Einfuhr von Lebensmitteln auf ein eben noch trag­bares Mindestmaß herabzudrücken. Die eingesvar- ten Devisen für Lebensmittel müssen vor allen Din­gen für die Einfuhr von Rohstoffen für die Indu­strie zur Verfügung stehen, damit der deutsche Ar­beiter und Handwerker Arbeit und Brot erhält.

Wir wissen, daß die Gesamtoersorgungslage unse­res Volkes durchaus sichergestellt ist. Etwaige Marktschwierigkeiten werden die Hausfrauen durch vernünftigen Einkauf auszugleichen wissen. Viel wenig machen ein Viel. Die deutsche Hausfrau wird beweisen, daß sie einen Nationalsozialismus der Tat lebt, daß sie durch bewußte sparsame Wirt­schaftsführung eine wertvolle Bundesgenossin ist am großen Ausbauwerk: Deutschland.

Wir ziehen um!

Praktische Winke für die Hausfrau.

Wir ziehen am 1. Oktober um. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Gewiß ist ein Umzug keine Annehmlichkeit, aber er ist auch keine Kata­strophe, braucht es nicht zu sein. Es gibt Haus­frauen, die schon vier Wochen vor dem Umzugs­tag anfangen zu packen; wie sie versichern, nur Dinge, dienie gebraucht" werden. Aber es zeigt sich meistens, daß sie doch noch benötigt werden. Im allgemeinen dürfte es genügen, mit den Vorbe­reitungen zehn bis vierzehn Tage vor dem Um­zugstag zu beginnen. Zu diesen Vorbereitungen ge­hört auch, daß man für die reibungslose U m st e l - lung in der Licht - und Gasoersdrgung bemüht ist. Es empfiehlt sich also, dem Elektrizitäts­werk, am besten schriftlich, mitzuteilen, daß man am soundsovielten auszieht und an dem Tag den Schluß­stand des Zählers aufgenommen haben will. Das gleiche gilt für den Gasmesser. Rechtzeitig verstän­dige man auch einen Installateur, der in Der neuen Wohnung die Beleuchtungskörper anzulegen, Steck­dosen usw. zu verlegen hat. Hat man hier rechtzeitig Vorsorge getroffen, .ist nicht zu befürchten, daß man den ersten Abend im neuen Heim im Dunkeln zu­bringen muß.

Einen Vorzug hat jeder Umzug: er ermöglicht eine Generalentlastung von alten Sa­chen, die man ohne ihn sei es aus falscher Sparsamkeit oder Sentimentalität weiter auf­bewahrt hätte. So wenig man Dinge mit echtem Pietätswert bei dieser Gelegenheit beseitigen wird, gewiß findet sich mancherlei, von dem man sich ohne falsche Sparsamkeit eskönnte" doch ein­mal gebraucht werden oder Sentimentalität tren­nen soll.

Wer wertvolles Porzellan, Glas, Kunstgegen­stände u. ä. besitzt, wird immer am besten fahren, wenn er sich die Hilfe eines geschulten Packers sichert, den der Unternehmer, dem man den Umzug anvertraut, nachweist. Ob nun der Packer oder ob man selber packt: gebraucht wird vor allem Zei­tungspapier und Holzwolle. Mit dem Sammeln dieser Materialien kann man in Rücksicht auf den Umzug nicht früh genug beginnen. Packt man selbst, ist zu beachten, daß jedes, auch das kleinste Stück Porzellan oder (3las,_ für sich selbst in Papier ein­gewickelt werden muß; Henkel, dünne Stiele, Ver­zierungen müssen besonders sorgfältig und falten­reich umwickelt werden. In größere Gefäße, Schüs­seln, Schalen und bergt packt man kleinere, papler- umwickelte Gegenstände und füllt Lücken mit Pa­pier ober Holzwolle aus.

Wäsche und Bücher, bie ja beibe besonbers schwer finb, packt man in kleinere Kisten, bie die Ziehmänner schleppen können. An Schließkörben ist barauf zu achtens baß bie Henkel in Drbnung finb. Küchengeräte kann man in offenen Körben finb Kisten verwahren, es genügt, wenn man sie kreuz unb quer mit Schnur überbinbet. Sehr wichtig ist bie Aufbewahrung von Schlüsseln, da- mit man im neuen Heim Schränke unb Schübe schnell öffnen kann. Jeber Schlüssel sollte ein Schild- chen tragen, bas anzeigt, zu welchem Möbelstück er

PRAKTISCHE VORSCHLÄGE

gehört. Mit Decken, Betten, Kissen füllt man am besten bie Schränke, beren Türen allerbings gut schließen müssen.

Ein Verzeichnis, in welchem Behälter die Dinge untergebracht sind, die man in der neuen Behau­sung zuerst braucht, also Betten, Bettwäsche, Hand­tücher, Frühstücksgeschirr, hilft sehr, die ersten Un­bequemlichkeiten überwinden. Am besten ist es, man numeriert die Kisten durch einen aufgeklebten Zettel und verzeichnet in seiner Liste diese Nummer und den Inhalt der Kiste.

Eine wichtige Vorbereitung, die zur reibungs­losen Abwicklung der Einrichtung in den neuen Räumen verhilft, ist eine in verkleinerten Maß­stäben angefertigte Skizze der Räume und der unterzubringenden Möbelstücke. Mit Hilfe klei­ner Papptäfelchen, die jeweils einem Möbelstück entsprechen, läßt sich vor dem Umzug schon genau der Standort aller Möbel festlegen. Die Umzugsleute, die ja in den letzten und ersten Quar­talstagen meist sehr überlastet sind, danken der Hausfrau, die genau weiß, wohin die einzelnen Stücke zu stellen finb, sehr für biefe Umsicht, unb bie Familie fühlt sich in ben neuen Räumen gleich heimischer, wenn jedes Stück am richtigen Platz steht, statt baß erst hin- unb hergetragen werben muß. Gerabe beim Umzug hat sich bas Organi­sationstalent ber Hausfrau zu bewähren. S. H.

wir tragen?

INS ERES MODEZEICHNERS

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Aus ßinbener Samt ist bas Herbstkleib mit ber bazu gehörigen Jacke. Das Kleib aus beige­farbenem Samt ist sehr einfach in feiner Schnittform, bas Vorberteil ber Bluse unb ber Gürtel finb reich gezogen, ber halblange Raglan­ärmel bilbet über bem Ellenbogen eine Tüte. Rock unb Bluse finb getrennt gearbeitet, so baß ber Rock auch mit einer beliebigen Seibenbluse zur

Jacke getragen werden kann. Er ist leicht glockig in vier Bahnen geschnitten. Der Gürtel ist der Bluse angearbeitet, er wird im Rücken, ebenso wie die Bluse selbst, geknüpft.

Die Jacke zeigt als Kragen und als Stulpen maronenbraunen Persianer, der Gürtel ist farblich zum Pelze passendes Kalbleder. Die angeschnittenen Aufschläge schließen hoch am Halse. H.

Brombeeren und Preiselbeeren.

Bon Lieselotte Wint.er

Zu den schönsten und gesündesten Früchten des Herbstes gehören die Brombeeren. Allerbings muß man warten, bis sie wirklich reif unb schwarz finb. Die zu früh geernteten finb nicht süß unb haben auch nicht ben bezaubernben Wohlgeschmack, ben bie vollreife Brombeere besitzt. Gute Brombeeren, ab= gewaschen unb mit ein wenig Zucker überstreut, sind ein köstlicher Nachtisch. Man kann sie auch mit ein wenig Wasser weich schmoren, bann nach Geschmack süßen unb mit etwas Kartoffelmehl binben. Vor­züglich ist Brombeersaft, ben man aufbewah­ren kann, um ihn bann im Winter zu Süßspeisen, Soßen und Suppen zu verwenden. Man bereitet ihn am besten, indem man fünf Pfund Brombeeren in einen irdenen Topf schüttet und diesen im Wasser- bade vier Stunden stehen läßt, während man nach und nach den sich bildenden Saft abfüllt. Dann wer­ben bie Beeren in ein Tuch geschüttet, bamit ber letzte Saft heraustropft aber nicht ausbrücken! In Ve Liter Wasser stißt man 375 Gramm Zucker aufkvchen, schäumt ihn ab, gießt ben Saft hinein, kocht ihn mit bem Zucker auf, schäumt abermals ab unb gibt ben Saft in trockene Fläschchen, bie man zukorkt unb versiegelt. Die abgetropften Früchte untermischt man mit andern Früchten und verkocht sie zu Marmelade.

Eine Brombeer-Kaltschale ist auch nicht zu verachten. Man kann entweder nur den Saft, ober auch hie ganzen Früchte verwenben. Auf ein halbes Pfunb Früchte kann man l'/< Liter Wasser geben. Man kocht bie Früchte gut aus unb süßt bie Suppe nach Geschmack. Dann binbet man sie mit ein wenig Kartoffelmehl, bas man in Wasser glatt gerührt hatte; man rechnet immer 20 Gramm auf ein Liter Suppe. Die Suppe wird kalt gestellt und mit Zwieback zu Tisch gegeben.

Zur Bereitung solcher Kaltschalen eignen sich auch andere Herbstfrüchte besonders gut, wie zum Bei­spiel die sehr schmackhaften Holunderbeeren,

die meist den besonderen Vorzug haben, baß sie bil­lig finb wenn man sie nicht gar selber pflücken kann. Man bereitet bie Holunberbeeren genau wie Brombeeren, b. h. man entstielt sie zunächst unb bringt sie bann in Wasser zum Kochen, bann gibt man sie auf ein Sieb zum Abtropsen. Die abge- tropften Holunberbeeren kann man nicht verwen­ben. Der Saft wirb gesüßt und mit Kartoffelmehl gebunden. Als Kaltschale oder als Fruchtsoße zu Milchreis oder Griesflammeri ausgezeichnet. Auch eineRote Grütze" kann man daraus Herstellen, in­dem man auf ein Liter Sait drei Eßlöffel Kar­toffelmehl nimmt. Dazu eine Vanillensoße.

Preiselbeeren geben ebenfalls einen köst­lichen Saft, was nicht allen Hausfrauen bekannt ist. Eine Saftsoße aus Preiselbeeren oder eine Rote Grütze schmeckt noch besser, als wenn diese Sachen aus Johannisbeeren hergestellt werden, und die Farbe ist wunderbar rot. Sehr angenehm ist bei ben Preiselbeeren, baß man ben Wintervorrat ohne Zucker einmachen kann. Man verliest bie Preisel­beeren gut, wäscht sie unb läßt sie abtropfen. Dann übergießt man sie mit kochenbem Wasser, bas man zehn Minuten barauf stehen läßt. Dann kocht man bie Beeren mit bem Saft auf, nimmt sie vom Feuer unb läßt sie erkalten, roäbrenb man sie öfter um­rührt. Man füllt sie in Gläser unb Töpfe. Der Saft muß über ben Beeren stehen. Man binbet bie Ge­fäße mit Pergamentpapier zu. Vor bem Gebrauch süßt man bie Beeren mit Streuzucker. Noch besser ist, sie mit etwas Zucker burchzuschmoren. Auch aus diesen eingemachten Preiselbeeren kann man sowohl ein Preiseibeerkompott Herstellen, als auch Saft- soßen ober Rote Grütze.

Sehr schmackhaft finb eingemachte Prei­selbeeren mit Aepfeln. Auf brei Pfunb Preisel­beeren nimmt man brei Pfunb geschälte Apfelstück­chen. Vier Pfunb Zucker werben in etwas Wasser aufgekocht und abgeschäumt, bann gibt man Aepfel unb Preiselbeeren hinein unb kocht sie, bis bie Aepfel weich finb. Die Masse muß bann gerührt werben, bis sie kalt ift

Deutsche Frauen in Brasilien.

Bon Maria Kahle.

Unb biefe Art, bie burch bie Arbeit atmet, Die heute schafft unb morgen boch nicht ruht. Die Neues wirkt unb Altes flickt unb bessert. Seht, biefe Art bie liegt im beutschen Blut.

Die forgenb sich im Haus an allen Enben

Mit Waschen, Kochen, Scheuern, Plätten plackt Unb nebenbei mit Heinzelmännchenhänben Den Christbaum schmückt unb Pfefferkuchen backt.

Es ist bie Art ber beutschen Sieblerfrau in Bra­silien, bie hier ber feinsinnige Dichter unb Schul­birektor von Santa Cruz, ber Bismarcksänger Otto Meyer schilbert. Sie leben noch ganz aus ben Kräften bäuerlichen Volkstums, diese demütig tapferen Kolonistenfrauen. Das große Werk, das ihre Männer im letzten Jahrhundert in Brasilien geschaffen haben, ist undenkbar ohne den Anteil der Frau, die im Urwald dem Manne Arbeitskame­radin in jedem Sinne wurde und, wir dürfen es wohl sagen, die größte Last als Frau und Mutter auf ihren Schultern und auf ihrer Seele trug. Heber das Wirken in der Familie hinaus leisten diese Frauen opferbereit soziale Arbeit, vor allem in Öen Frauenvereinen, die den Kirchengemeinden angeschlossen sind. Durch Sammlungen unb Feste bringen sie bie nötigen (Selber für Kirche und Schule auf. Allerdings ist ein ganz bewußtes völ­kisches Streben und Zielsetzen bei der Mehrheit der Kvlvnistenfrauen selten; das erklärt sich aus den Verhältnissen und aus der Lage der Frau im Siedlungsland.

In den Neusiedlungen wird die Frau vom frühen Morgen bis zum Abend ganz in Anspruch genom­men oft über ihre Kräfte hinaus von ber germürbenben Arbeit auf bem Felbe, beim Vieh, am Backofen, in ber Küche. Es bleibt kaum Zeit zum Nähen unb zur Pflege ber Kinber, es gibt fast nie Feiertage voll geistigen Ausruhens. Die Win­terruhe bes beutschen Bauern fehlt in Brasilien, wo immer die Arbeit auf den Feldern ruft.

Und doch bringt gerade bas neue eingewanderte Deutschtum tn die eingesessenen Kolonistengemein­den neuen Antrieb. Die Neu-Einwanderer tragen noch ein lebendiges Deutschland in ihrer Vorstel­lungswelt, ihre Erinnerungen sind erfüllt von den Jugendeindrücken aus der alten Heimat. Aus die­sen Erinnerungen und aus dem Gefühl des Heim­wehs, das sie nie verläßt, wächst ihr festes Halten an der deutschen Sprache (von geringen Ausnah­men abgesehen), an den überlieferten Sitten, ihre Liebe zum deutschen Lied, in dem das Gemüt ihres Volkstums webt unb klingt. Es fehlt ihnen zur Pflege biefes Erbgutesnur Zeit!" Denn sie ha­sten vorwärts, tragen gebulbig alle Entbehrungen um bes einen Zieles willen:Unsere Kinber sol­len es einmal besser haben!" Immer roieber be­gegnete mir biefer Ausspruch; sie verschenken sich völlig an bie Zukunft, bie neue Heimat ihrer Kinber.

Diese Kinber haben aber gegenüber ber neuen wie ber alten Heimat eine anbere Haltung als ihre Eltern. Brasilien wirb mächtig in ihrem Leben, vor allem bort, wo sie nicht in geschlossenen beutschen Sieblungen, fonbern eingesprengt unter frembnationalen Nachbarn aufwachsen. Sie sind getreueste Staatsbürger, führen babei aber bie kul­turelle Trabition ihres Mutterlanbes weiter, halten fest an beutscher Sprache unb beutschem Lieb. Aber bei ben beutsch-brasilianischen Frauen, die schon im Lande geboren sind, ist in ben kleinen Kolonien bie Schulbildung nicht ausreichend In biesen Schulen finb fast ausschließlich Laienlehrer tätig; bie Kinber besuchen sie nur zwei bis brei Jahre, höchstens vier Jahre, kommen unpünktlich, werden von den Eltern bei wichtigen Erntearbeiten zu Haus behalten... sie lernen Lesen und Schrei­ben, heute quch die Landessprache, etwas Geogra­phie und Rechnen, daneben haben sie Religions­unterricht. Für deutsche Geschichte oder gar für deutsche Dichter, für deutsche Volkskunde bleibt in den kleinen Kolonieschulen kein Raum. So wissen diese Frauen nicht viel von Deutschland und von ihrem Volke, in den nächsten Geschlechterfolgen rückt Deutschland noch mehr in bie Ferne, weil baheim keiner mehr aus eigener Anschauung von ber alten Heimat unb ihren Märchen unb Volks­sagen erzählen kann. Ein iunges Mäbchen aus der Kolonie, das zum ersten Male die Hauptstadt des Staates Rio Grande do Sui, Porto Allegre, kennen gelernt hatte, fragte, ganz benommen von den un­gewohnten Eindrücken in der Stadt:Ist Deutsch­land wohl so groß wie Porto Allegre?"

Es fehlt an Fortbildungsmöglichkeiten für bie schulentlassene Kolonistenjugenb, vor allem an Schu­lungsgelegenheiten für bie unbemittelten Siebter- kinber. Bei einer rechten Auslese in jeber Kolonie könnte ein Führernachwuchs herangebilbet werben, an bem es heute bitter mangelt. Die Schulung ber Mäbchen ist von ebenso großer Wichtigkeit, fast noch bebeutungsootter, als bie ber Jungens. Bewußt- roerben ber Werte bes eingeborenen Volkstums, Stolz auf bie Zugehörigkeit zum beutschen Kultur­kreis, Verbunbenheitsgefühl mit bem Muttervolke, bas alles muß bei d"n einzelnen erweckt werben. Der Familien- unb Sippenforschung muß breiter Raum geschaffen werben. Auch ba ist bei ben Frauen anzuknüpfen; wenn sie über ben Heimats­ort, aus dem die Vorfahren kamen, über die Ge­schichte der Abwanderung, über etwa noch lebende Verwandte näheres erfahren, Bilder von der Stammheimat, vielleicht aar vom fiaus ober Hof ber Ahnen sehen, bann erwacht bas Zugehörigkeits­gefühl bem Gesamtvolke unb ber Gesamtheit ge­genüber besonbers stark aus Neuerleben ber per­sönlichen Binbungen an einen Zweig bes großen alten Dolksbaumes. Die vierte unb fünfte Ge­schlechterfolge weiß heute fast nichts von Ahnen- kunbe.

Da bie Masse ber beutschen Siebter in ben Hei­neren Kolonien lebt unb bort nur bie sehr ein­fachen Kolonieschuten zur Verfügung hat, liegen bie Aufgaben vor allem bort. Gesunbe unb be­gabte Jugenb lebt tn diesen mit Kindern reich ge­segneten deutschen Siedlungen; hier könnten Män­ner herangebilöet werden, die treue Bürger ihre» Staates, gute Söhne ihres brasilianischen Vater­landes, aber auch selbstbewußte Erben ihrer deut­schen Kultur unb wahrhaft beutsche Volksgenosse^ wären, und Frauen, bie ihrer S-nbung als Hü­terinnen des biologischen unfr geistigen Volksgutes bewußt, in Haus und Gemeinde bie drasilien-beutfche Ueberlieferung pflegen lernten, die der Losung folgt: staatstreu und volkstreu!