Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Verantwortlich für Politik: Dr. Friedrich W. Lange, für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot für Den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck, verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. DA. IV. 35: 10688. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen.
Monatsbezugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis: 10 Pf. und Samstags 15 Pf* mit der Illustrierten 5 Pf. mehr.
Zur Zeit ist Preisliste Nr. 2 vom 2. Juli 1934 gültig.
neue Aufstieg eindeutig dokumentiert wird. Das Haus des Deutschen Handwerks wird auch rein äußerlich schon ein Sinnbild der werteschaffenden und künstlerischen Fähigkeiten darstellen.
Der diesjährige R e i ch s h a n d w e r k e r t a g wird in der Zeit vom 15. bis 17. Juni i n Frank- furt a. M. stattfinden. Die Durchführung hat die Reichsbetriebsgemeinschaft Handwerk in der Deutschen Arbeitsfront übernommen. Der Handwerkertag wird einen gewaltigen Aufmarsch von Handwerkern
bringen (man rechnet mit 250000). So werden 6000 Handwerkersänger zu einem Massenchor zu- sammengescklossen und deutsche Volkslieder zum Vortrag bringen. Auch die Junghandwerkerkapelle der Klingenthaler Musikinstrumentenmacher wird mit den in eiaenen Werkstätten hergestellten Instrumenten erscheinen. Im Ganzen ein großes deutsches Volk- und Handwerkerfest, das in eindrucksvoller Weife die wiedergewonnene Handwerksfreiheit und Gerechtsamkeit feiern soll. H.D.
Streifzüge im Mittelmeer.
Von Dr. Paul Rohrbachs.
v.
psychologisches aus Rom.
Rom, Mai 1935.
Was den Deutschen in Italien jetzt am meisten wundert, ist die vollkommene Umstellung wenn auch vielleicht nicht des Volksempfindens, so doch der von oben herab forcierten „öffentlichen Mei- n u n g" gegenüber den großen europäischen Fragen. Dor ein paar Jahren war Frankreich der Nationalfeind, der Italien um die Früchte seiner Teilnahme am Weltkrieg gebracht hatte. Bezeichnend war mir damals das Wort eines alten Generals, der im Krieg gegen die Oesterreicher und Deutschen mitgefochten hatte: Er habe seine Altersruhe verdient, aber wenn es gegen die Franzosen ginge, wäre es ihm eine Freude, noch mit ins Feld zu ziehen! Von der obersten Spitze bis in die breite Masse hinein stieß man auf das Empfinden, Italien werde von Frankreich, und nur von Frankreich, planmäßig am Ausstieg zur wirklichen Groß- macht gehindert. Jetzt herrscht in allem, was offizielle oder offiziell befohlene Meinungsäußerung ist, die heißeste Freundschaft gegenüber Frankreich.
Die wirkliche Volks st immung ist, wie die Verhältnisse liegen, nicht leicht zu ergründen. Sie will vor allen Dingen den Frieden. Die Einziehung der Jahresklasse von 1911 ist ausgesprochen unpopulär, ebenso wie der wahrscheinlich bevorstehende Krieg in Afrika. Offen gepflegt wird im Volke die Vorstellung, daß Deutschland den Frieden bedrohe. Bezeichnend dafür war mir eine kurze Unterhaltung mit einem Hotelangestellten. Er fragte, ob wohl Deutschland mit Rußland „zusammen- flehen" würde? Als ich das etwas erstaunt und ehr bestimmt verneinte, schlug der Mann mit einem ganz verzweifelten Ausdruck die Hände zusammen und wandte sich ab. Erst durch diesen Ausbruch wurde mir deutlich, was er gemeint hatte: Ob wir den Ostpakt mitunterschreiben würden! Die Leute werden gelehrt, die deutsche Weigerung gegenüber dem Ostpakt — alle Einzelheiten dieses schwierigen Problems werden natürlich übergangen — bedeute Feindschaft gegen den europäischen Frieden. Wenn von der Einberufung der Jahresklasse 1911 die Rede ist, so heißt es: Das geschieht nur darum, weil die Deutschen doch nicht mehr Soldaten haben dürfen, als wir! Wiederum wird die Unpopularität der Maßnahme auf Deutschland abgeschoben. Im persönlichen Verkehr widersprechen sich die Erfahrungen; man muß z. B. auf der Eisenbahn mit Unhöflichkeiten rechnen, sogar von Offizieren gegen Damen, aber ein anderes Mal bemüht sich eine einfache, freundliche italienische Familie, einige Brocken Deutsch, die sie von irgend woher in Erinnerung hat, so entgegenkommend wie möglich anzubringen.
Was außerhalb der Zeitungen, der offiziellen Literatur und der offiziellen Reden fehlt, ist das Gefühl des Gehobenseins, ja auch nur der durchschnittlichen materiellen Zufriedenheit. Es besteht eine dunkle Vorstellung von unwahrscheinlich hohen inneren Schulden, dazu Aerger über die vielen Abgaben und den gering gewordenen Ver- dienst. Die Regierung hat jahrelang durch öffentliche Arbeiten, viele davon sehr nützlicher und zu-
* Val. den letzten Bericht in Nr. 103 des „Gießener Anzeigers" vom 4. Mai 1935.
kunftsreicher Art, Geld unter die Leute gebracht, aber mit diesem Latein ist man nun ungefähr zu Ende. Wenn nicht völlig unabsehbare oder evident nutzlose Dinge in Angriff genommen werden sollen, so ist das, was es vernünftiger Weise zu tun gab, getan. Nur die Bonifica Integrale, die große Landesmelioration, geht weiter, aber es wird darüber geklagt, daß sie ein unglaubliches Geld kostet, daß die Direktoren ein fürstliches Leben führen, die Arbeiter aber schlecht behandelt und noch schlechter bezahlt werden.
Erst von diesen Voraussetzungen aus sind d i e afrikanischen Pläne richtig zu beurteilen. Man sträubt sich zunächst dagegen, sie in dem Sinne ernst zu nehmen, daß ein Kolonialfeldzua in großem Stil, eine wirkliche Unterwerfung Abessiniens unter das italienische Protektorat, beabsichtigt fein könnte. Wenn man eigene afrikanische Erfahrung hat, so weih man, was solch ein Krieg, auch wenn er schließlich zum Erfolg führt, an Geld- und Blutopfern kosten kann. In einem andern Gelände und gegenüber einem andern Gegner als in Abessinien, können jetzt allerdings in Afrika Flugzeuge wirksam gebraucht werden. Sie würden auch in Abessinien zuweilen nützen, aber um mit ihnen große Entscheidungen herbeizuführen, dazu ist das Land zu gebirgig, seine Bevölkerung zu zähe, zu tapfer und zu geschickt in der Benutzung des Geländes.
Trotzdem hört man es von Wissenden bestätigt: Der Krieg ist beschlossene Sache, er muß geführt werden, damit endlich ein starker äußerer Erfola aufgewiesen werden kann. Das würde vor- aussetzen, daß man sowohl mit Frankreich als auch mit England einig ist, daß weder von Paris noch von London aus Widerspruch gegen die Unterwerfung Abessiniens erhoben werden würde. Frankreich kann sich dazu als Entgelt für den Eintritt Italiens in das französische System und die italienische Verzichterklärung gegenüber Jugoslawien verstanden haben. Für England wäre es nur denkbar, wenn die Italiener versprochen haben, dem Tana-See und dem ganzen Quellgebiet der Zuflüsse, die der Blaue Nil aus Abessinien erhält, fernzubleiben. Diese Flüsse sind es, die dem Nil feinen fruchtbaren Schlamm zuführen.
Man sieht jetzt vielfach die Freiwilligen, die sich für Afrika gemeldet haben, frisch eingekleidet, den Tropenhelm auf dem Kopf, wie sie von der Meldung bei der Werbeftelle zurückkommen, und ihre Angehörigen noch einmal besuchen. Es beißt aber, daß außer Arbeitslosen und aberteuer- lustigen jungen Leuten, die keine Vorstellung von dem haben, was sie erwartet, kaum Meldungen vorliegen. In den Kinos wird zur Propaganda für Afrika Woche auf Woche immer derselbe einmal aufgenommene Film mit der Einschiffung von Tausenden begeisterter Freiwilliger gezeigt. Das Publikum läßt ihn uninteressiert vorübergehen. In den Buchhandlungen hängen Karten aus, auf denen zwischen Jtalienisch-Somaliland und Abessinien gar keine Grenze mehr gezeichnet ist, ein und dieselbe Kolorierung umgibt beide Gebiete, so als ob Abessinien schon italienisch wäre! Man könnte wirklich Angst für ein Volk haben, das nicht weiß, welch einem gefährlichen Abenteuer es sich nähert.
Eine Art von Kolonie ist hinter den Kulissen für die italienische Politik auch O e st e r r e i ch. Die Oesterreicher müssen Italienisch in ihren Schulen
Das Stahlband über den Kleinen Belt.
Oie dänischen Landesteile Jütland und Fünen wieder fest verbunden.
Von unserem —dt.-Äerichterstatter.
Kopenhagen, 9. Mai 1935.
Die Brücke über den Kleinen Belt ist zum Empfang gerüstet und geschmückt. Mit Zufahrtsdämmen, mächtig emporstrebenden Bogen- bauten über dem Uferland und einer riesigen Bahnhofsanlage für die Verteilung des Binnenverkehrs in Fredericia hat sie weit über 40 Millionen Kronen gekostet. In vielen Monaten ist der zugleich gigantische und formvollendet schöne Bau Meter um Meter aus' dänischer und deutscher Zusammenarbeit über den Strom gewachsen. Noch dröhnen die Hämmer, um hier und da einen Nagel einzuschlagen; noch wird am Fußsteig gearbeitet, der am Rande entlangläuft, außerhalb des 25 Meter hohen gekreuzten Eifengitters, das Schienenftränge und Autowege schützt. Am 14. Mai aber wird dieses neue Wunderwerk der Technik fertig dastehen. Dann wird das letzte schmale Band fallen, das Festland und Inselwelt noch trennt. Dann werden Blitzzüge das Land und die Städte Jütlands schneller mit der Hauptstadt verbinden, werden die Entfernungen zwischen Kopenhagen und den Hauptstädten des Kontinents und London um entscheidende Stunden verkürzt fein, werden Schlafwagen durch das Reich über Hamburg bis zum Oerefund und nach Oslo verkehren.
Einmal find Fünen und Jütland eins gewesen. Gletscher waren von Skandinaviens eisgepanzerten Bergen bis an den Westrand Jütlands oorgefto- ßen. Beim Zurückweichen haben sie ihre Runen tief in das Land eingegraben. Zu den Fjorden der jütländischen und schleswigschen Ostküste, die damals entstanden, muß auch der Kleine Belt gerechnet werden. Jetzt hat die Technik über- brückt, was Naturkräfte vor Tausenden von Jahren geschieden haben. Mit gewaltigen Bogen — fünf auf der Seite Jütlands und drei auf der Fünens — fetzt die Brücke schon weit drinnen im Lande an. Jeder dieser Bogen überragt mit einer Höhe von über 30 Meter ein großes Geschäftshaus.
Die neue Bahnlinie verbindet nun in nordsüdlicher Richtung — nicht umgekehrt, weil der Belt hier eine Schleife macht — Snoghoj auf der Festlandseite mit dem Bahnnetz bei Middelf art auf Fünen. Der glänzende stählerne Oberbau ruht auf vier gewaltigen Hellen Zementblöcken. Der Beschauer vom Strom aus erkennt erst unmittelbar vor der Brücke die gewaltigen Ausmaße; aus der Ferne gesehen erweckt diese Zusammenballung von Stahl und Eisen dey Eindruck einer zierlichen Linie, die auf zarten Stützen über das Wasser läuft und sich in die Landschaft einfügt, als ob sie dort hingehöre und immer in ihr gewesen sei. Alle Zweifler im Lande sind verstummt; der ästethische Eindruck übertrifft die stolzesten Erwartungen. So hatten sich die Zeichner der Pläne die Brücke gedacht und gewünscht. Verkehrtes Unterfangen, zu fragen, wem das größexe Verdienst gebühre, Dänemark ober Deutschland. Es ist ein gemeinsames, Länder und Völker verbindendes Werk erstanden.
Fast fünfzig Jahre hat der Plan dieser Brücke dänische Ingenieure und Verkehrsfachleute beschäftigt. Ein Gesetz aus dem Jahre 1924 gab dem Minister für öffentliche Arbeiten endlich die not
einführen, in Oesterreich werden mit italienischen Geldern, italienischen Pionieren und Ingenieuren Straßen gebaut, und gewisse Flugplätze sind zum Teil mit italienischen Militärfliegern besetzt. Triest bekommt einen österreichischen Freihafenbezirk, Ungarn dasselbe in Fiume, mit eigenen Zollämtern. Mit Genugtuung wird verzeichnet, daß in österreichischen Kurorten die deutschen Waren verschwinden und durch italienische Artikel ersetzt werden. Auch das soll eine psychologische Hilfe sein — aber es ist keine gute, und vor allem keine ehrliche.
wendige Handhabe, doch sprachen vorerst noch viele berufene und unberufene Instanzen hinein. 1927 wurde im dänischen Reichstag die entscheidende Vorlage angenommen; nun konnte die Staatsbahn zur Lösung der sich selbst gestellten Aufgabe schreiten. Generaldirektor Knudsen übertrug, nachdem die grundlegenden Zeichnungen von Professor Anker E n g e l u n d fertiggefteUt waren, die Ausführung der Tiefbauarbeiten der dänischen Firma Monverg & Thorsen in Kopenhagen und der deutschen Firma Grün & Bilfinger in Mannheim. Der Oberbau wurde Krupp in R h e i n h a u s e n und Louis Eilers in Hannover anvertraut. Daneben erhielten eine Reih» dänischer Firmen Lieferungsaufträge. Vertragsmäßig mußte auch ein Drittel der Stahlkonstruk- tionen im Lande hergestellt werden.
Ein paar Maße zwischendurch, um die Größe der geleisteten Arbeit in das rechte Licht zu rücken! Das Stahlband von Land zu Land mißt 825 Meter, die gesamte Anlage rund 1200. Der Fußgänger über die Brücke blickt weit ins Land und auf den Strom; der schießt 33 Meter unter ihm pfeilschnell dahin. 30 Meter ist der Belt hier tief und zehn weitere Meter sind die Strompfeiler in den Grund des Fjords hineinversenkt.
Zu den aufgezählten 73 Metern kommt der Oberbau mit nicht weniger als 25. Die gesamte Höhe beträgt also fast 100 Meter. 50 000 Tons wiegt jeder einzelne Pfeiler im Strom; 13 000 Tons Stahl sind verarbeitet worden. Es war ein besonders widerstandsfähiger Stahl, den die Firma Krupp hier zum ersten Male als Baustoff verwendet hat. Die Schwierigkeiten der Aufgabe haben neben den Arbeiten unter Wasser in der Montage des Stahl- gerüfts auf den Spitzen der Zementpfeiler gelegen.
Genug der Statistik und Historie! Am 14. Mai wird Dänemarks König im Kreise der Spitzen von Regierung und Verwaltung die Brücke über den Kleinen Belt feierlich e i n w e i h e n. Salutschüsse der Flotte und Radioübertragungen sollen feine Handlung dem ganzen Lande verkünden. Der Ausländer kann sich nur schwer eine Vorstellung davon machen, wie sehr dieser Tag im Empfinden des Volkes und in der Geschichte Dänemarks, nicht nur der seines Verkehrs, einen Markstein bedeuten wird. Muß doch dieser Brückenschlag — aus dessen eisernen Resten ein Odins-Turm bei Odense auf Fünen errichtet worden ist, dessen gleichzeitig geplante Inbetriebnahme leider eine Verzögerung erlitten hat — eingereiht werden in das Gesamtstreben des dänischen Volkes, sein Jnselreich mit allen lof« kenden Schönheiten dem Festland immer enger und schneller zu verbinden. Dieses feste Land liegt freilich nicht nur in Jütland, dem mit Geschick und Schicksalen durchtränkten Boden bis ©tagen hinauf, sondern auch südlich der Belte und jenseits der Ostsee. Die Länder des skandinavischen Nordens sind kulturell und wirtschaftlich, nicht zuletzt aber auch persönlich und durch Geschlechterfolgen mit ihrem Nachbarn im Süden verbunden. Diese alten Bande des Blutes und der gemeinsamen Geschichte lassen sich nicht verleugnen. Darum hat Deutschland auch ein inneres Recht, die Feierstunde Dänemarks auf der neuen Brücke hoch über dem Kleinen Belt am 14. Mai mitzuerleben.
Bildnis der Mutier.
Zum Muttertag am 12. Mai.
Auf den blauen Bergen der dunklen Kinderzeit, nach welchen wir uns ewig wenden und umblicken, stehen die Mütter, die uns von da herab bas Leben gewiesen." So hat Jean Paul die Liebe zur Mutter gedeutet, deren Antlitz wir nie vergessen können, so viele Jahre auch verstrichen sind, seit es zum letzten Mal feine Liebe über uns ausstrahlte. Es ist das erste Gesicht, das der Mensch wahrnimmt, wenn es sich zärtlich über das Kind hinneigt. Großäugig betrachtet das kleine Geschöpf das Wunder dieses Antlitzes und nimmt es in seine Seele auf, wie der Bergsee die alten Bäume, die sich über seinen Spiegel neigen, bis in seine verborgensten Tiefen hinabblicken läßt, die sonst nur dem Sonnenstrahl erschlossen sind. Auch das erste Wiedererkennen gilt diesem Mutterantlitz, bis ein Lächeln schließlich den Bund zwischen Kind und Mutter für immer besiegelt.
Ist es da verwunderlich, daß Künstler immer wieder ihre höchste Kraft daran wenden, dies Bild in ihrem Herzen auch in ihr Werk zu bannen! Das Bildnis des größten deutschen Malers, des Albrecht Dürer, der feine Mutter zwei Monate vor ihrem Tode zeichnete, ist eines der wunder- famften Zeugnisse der Schöpferkraft, die sich dankbar wieder an ihren Ursprung wendet. Ein ganzes Menschenleben blickt aus dem kargen stillen Gesicht, Jahr um Jahr mit Freud und Leid ist darin durch des Meisters Hand festgehalten, all jenes schmerzliche Geschehen, das er vier Tage nach ihrem Tod in Erinnerung an sie in die Familienchronik eintrug: „lieber der Mutter Tod hab ich solchen Schmerz gehabt, daß ich es gar nicht aussprechen kann. Gott sei ihr gnädig! ... Diese meine fromme Mutter hat achtzehn Kinder geboren und erzogen, hat oft die Pestilenz gehabt und viele andere schwere Krankheiten, hat große Armut gelitten, Verspottung, Verachtung, höhnische Worte, Schrecken und große Widerwärtigkeit. Und doch ist sie nie rachgierig gewesen. Ich habe sie mit allen Ehren nach meinem Vermögen begraben lassen." Ein kostbareres Ehrenmahl aber ist jenes schlichte Blatt, das ihr Antlitz trägt, mit eigener Hand hat er darauf geschrieben: „Das ist Albrecht Dürers Mutter, die war alt dreiundsechzig Jahre".
Neben diese Frau im schlichten Kopftuch tritt eine andere Künstlermutter, deren Züge von ihrem Sohn immer wieder dargestellt wurden: Rembrandts Mutter. Unter den vielen Bildern, die der Meister von ihr schuf, ist jenes von besonderer Innerlichkeit, das sie im dunklen Gewand zeigt, die liebevollen Hände übereinandergelegt. Das Licht, dem dieser große Zauberer jederzeit zu leuchten befahl,
läßt ihr Angesicht so lebenswirklich erscheinen, daß man glaubt, Rembrandts Mutter leibhaftig gegenüber zu stehen. Es ist ein Antlitz von stiller Hoheit und gerechter Güte, das ein tiefes Wissen aus Erlebnis und Erfahrung vom irdischen Dasein verrät. Wie seltsam ist es, sich vorzustellen, daß sie dem Sohn in solch innerer Ruhe und Nachdenklichkeit gegenüber saß, in großer Geduld keine Frage an ihn wendend, sondern seinem Lebensweg nachsinnend, der jenes kleine Geschöpf, das sie einst unter ihrem Herzen trug, zu dem großen weltberühmten Künstler hinführte.
Um diese beiden großen Meister schließt sich der Kreis unzähliger Bildner des Mutterantlibes. Es gibt kaum einen Künstler, der sich diese Aufgabe nicht einmal gestellt und alle Kräfte daran gewendet hat, sie mit höchstem künstlerischen Vermögen xu erfüllen. Es müßte ein wunderbares Erlebnis fein, allen diesen Bildnissen einmal vereint zu begegnen, ob sie nun der Hand Chodowieckis oder Menzels, von Feuerbach oder Hans Thoma flammen. Vor dieses Schwarzwaldmalers Mutter verweilen wir in stiller Andacht. Es ist eine schlichte Bauersfrau, aus deren Angesicht nicht ein einziges Menschenleben blickt, sondern in dem sich eine ganze Reihe von Geschlechtern zusammenfügt, die sich durch die Kraft der Aehnlichkeit mit jenem verbinden, der als echter Bauernbub feine größte Vollendung in der Kunst dort erreichte, wo er das Bild feiner Heimat und die Gesichter ihrer Menschen schuf.
Das ist das letzte Geheimnis hinter diesen Mut- terbildnissen der Künstler, daß sie in ihnen sich selber zeichnen und zugleich jene heraufbeschwören, die ihre Vorfahren waren. Es ist eine Zuneigung zum eigenen Ursprung in der Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens, das nie einen Menschen ganz auf sich stellt, sondern ihm im Irdischen ein tiefes Verwandtfein gewährt, das ihm im Antlitz der Mutter am stärksten bewußt wird.
Kuckuck im Kastanienwald.
Von Hermann Hesse.
Im Mai und dann wieder im Spätherbst, zur Zeit der großen Klarheit, hat unsere südliche Berglandschaft ihre schönsten Tage. Den ganzen Sommer hindurch sind alle die hundert Hügel und die niedrigeren Berge hier mit Wald bedeckt, das ganze Land ist unendlich grün, und wenn nicht überall die farbigen, blank heroorleuchtenden Dörfer dazwischen lägen, so wäre es für einen Maler oft geradezu langweilig. Jetzt dagegen, wo aller Wald noch licht und durchsichtig ist, wo die letzten wilden Kirschbäume verblühen und die ersten Akazien zu blühen anfangen, jetzt ist der südliche Wald ent
zückend mit seinem brennend-frischen, ins Rötliche spielenden Grün, das noch so dünn und schwebend ist und noch den Himmel und die Sterne und die fernen Gebirge überall hereinblicken läßt. Und auf diesen Gebirgen liegt überall noch Schnee in phantastischen, zackigen Figuren, Schnee, der erst im Juni vergeht. '
König des Waldes ist um diese Zeit der Kuckuck. Ueberall in den stillen, einsamen Tälern, auf den sonnigen Waldkuppen, in den faltigen Schluchten, hört man seine tiefe, volle Stimme werben. Sein Ruf bedeutet Frühling, fein Lied singt Unsterblichkeit, nicht umsonst ist er der Vogel, den man um die Zahl der Lebensjahre fragt. Warm und tief klingt seine Stimme durch die Wälder, eine Altstimme, sinnlich aber auch mütterlich, sie klingt hier im Süden nicht anders, als sie einst zu meinen Kinderzeiten im Schwarzwald und im Rheintal geklungen hat, nicht anders, als sie einst in den Jahren am Bodensee klang, wo meine Söhne als Kinder sie zum erftenmale hörten, in jenen wunderlichen, scheinbar friedlichen Jahren vor dem Kriege, wo es mir eigentlich so gut hätte gehen müssen und wo ich doch unter dem Druck alles Kommenden stand bis zum Verzweifeln. Die Kuckucksstimme ist die gleiche geblieben, wie die Sonne, wie der Wald, wie das Grün der jungen Blätter, und das Weiß und Violett der ziehenden Maiwolken. Jahr um Jahr ruft der Kuckuck, und niemand weiß, ob es noch der vom vorigen Jahre sei, und was aus allen den Kuckucken geworden ist, die wir als Kinder, als Knaben, als Jünglinge, einst gehört haben. Diese holde, tiefe Stimme klang uns einst wie Verheißung und Zukunft, wie Liebeswerben, wie Sturmruf dem Glück entgegen, und klingt uns jetzt tief und fern wie Vergangenheit; und dem Kuckuck gilt es gleich, ob wir es noch seien, den^n er seine Mahnung zuruft, oder schon unsere Kinder und Enkel, ob er uns mit seinem Schrei in der Wiege weckt oder ob er über unfern Gräbern singt. Selten nur bekommt man ihn zu sehen, den scheuen Bruder, schon darum ist er mir lieb. Er zeigt sich nicht leicht, er will für sich bleiben. Für die allermeisten Menschen ist der Kuckuck zeitlebens nichts anderes als diese schöne, lockende Stimme im Grünen; gehört hat ihn jeder viel tausendmal, gesehen aber haben die meisten ihn nie. Ich habe gestern ein ganzes Rudel von Zwölfjährigen Schulbuben gefragt, ob sie den Kuckuck schon gesehen hätten, und bloß ein einziger sagte Ja.
Ich aber habe ihn oft gesehen, den scheuen Bruder, meinen frohen Waldvetter, von dem so entzückend frische und heimatlose Geschichten erzählt werden. Unsichtbar, beherrscht er doch mehr als zwei Monate lang den ganzen Wald. Ein tönender, herausfordernder Herold der Liebe, hält er von Ehe, Heim und Kinderzucht bekanntlich wenig. Rufe weiter, Bruder, du gehörst zu meinen Lieblingstteren.
Ich stehe ja mit allen Tieren gut, obwohl ich selber zu den Raubtieren gehöre, ich komme mit allen freundlich aus, ich kenne sehr viele, habe an vielen meine Freude, auch an seltenen, scheuen und wenig gekannten. Und so ist es mir dieser Tage auch einmal wieder geglückt, den Kuckuck zu belauschen, und nicht ihn allein, sondern ihn und sie, ein Liebespaar. Ich sah sie vorn Grund eines Tobels aus, in dem ich Maiblumen pflückte, und ich stand eine gute Weile still wie ein verdorrter Baum, sie merkten mich nicht, sie waren zu verliebt. Spielend jagten sie sich in den hohen Wipfeln (es stehen dort auf feuchtem Grunde zwischen den Kastanien auch schlanke Eschen), auf und ab in jubelnden Girlanden ging ihr froher, geschmeidiger Spielflug, langgestreckt sausten die großen, dunklen Vögel von Baum zu Baum, in immer überaschenden, plötzlichen, jähen Wendungen, plötzlich senkrecht zur Erde, plötzlich wie Raketen in die Wipfel, und alle Augenblicke saßen sie ab, kürzer als eine Sekunde, und stießen scharf und erregt ihren Schrei hervor.
Nicht in jedem Jahr meines Lebens habe ich den Kuckuck zu Gesicht bekommen, alles in allem vielleicht zwanzigmal, und nun wird er mir nicht mehr allzu oft begegnen, die Beine find nicht mehr die eines Jünglings, und die Augen haben sehr nachgelassen, bald wird der Kuckuck nur noch meinen Söhnen und Enkeln fingen. Höret ihm gut zu, ihr Enkel, er weiß viel, lernet von ihm! Lernet von ihm den kühnen, freudebebenden Frühlings- und Liebesflug, den werbenden, sieghaften Lockruf, das schweigende Wanderleben.
Bald schon wird es Sommer fein. Bald schon wird der Wald dicht und tiefgrün zusammenwachsen, und in den Lichtungen wird das dünne, zarte Waldgras hochschießen, und nachts wird man die Eulen rufen hören — und auch die Eule ist ein Vogel, vor dem ich große Hochachtung habe, nicht minder als vor dem Kuckuck. Auch sie ist scheu und selten sichtbar und versteht so weich und traumhaft lautlos zu fliegen wie eine Wolke, außerdem ist sie ein Raubvogel mit scharfem, festem Fang und Schnabel und gescheiter als viele andere Tiere, von Menschen gar nicht zu reden. Bald wird es Sommer (ein, neue Tone werden den Wald erfüllen, neue Düfte, neue Farben, und was heute grün und klein und keimend aus dem Boden tastet, wird bann schon hart und alt und braun geworden sein. Auch der Kuckuck wird alsdann verstummen, auch er. Sein Ruf wird seltener werden und wird dann etwas heiser und zögernd klingen und dann ausbleiben, man merkt es zuerst gar nicht, aber eines Tages merkt man: er ist weg, er ist verstummt, es ist wieder etwas zu Ende und kommt erst in einem Jahre wieder für den, der dann hier stehen und Augen und Ohren auftun wird. Nur die Sonne scheint weiter und die Sterne nach alten Regeln.


