Ein kostbares Geschenk, und alles war wieder gut. Nach seinem Herzen fragte keine. Ob er sich freute, interessierte sie nicht.
Wieder stand vor seinen Augen jenes süße, helle Kindergesicht mit den lichtgrauen Augen, die von dunklen Wimpern umsäumt waren. Wie eine kleine Madonna sah das Mädchen aus. Merkwürdig, dieser Matrosenanzug! So hübsch er war, paßte er irgendwie nicht zu ihrer seinen Mädchenhaftigkeit.
Aber — was ging ihn ein fremdes, kleines Mädchen an? Ein Mannequin? Günter von Gersheim lächelte. Standesunterfchiede hatte er nie gemacht. Jeder Mensch war ihm gleich lieb, wenn er nur seine Pflicht tat. Doch wohin verirrten sich seine Gedanken? Er war immer ein Suchender gewesen und würde es bleiben. Das fühlten die Frauen alle, und deshalb klammerten sie sich an ihn. Doch er begehrte sie nicht.
„Günter, du bist heute wirklich ein richtiger Träumer. Jetzt sprichst du schon eine Ewigkeit kein Wort mit mir. Wo sind nur immer deine Gedanken?"
„Kleine Ria ..:!"
Wie aus weiter Ferne kamen die Worte aus Gersheims Munde, und feine Augen streiften das Gesicht der schönen Frau neben sich so, als sähe er sie 3um ersten Male. Wie fremd war sie seiner Seele geblieben!
Die Filmschauspielerin aber lächelte. Sie hörte das Kosewort und ahnte nicht, daß nur sein Mund es sprach, während sein Herz keinen Anteil daran hatte. Sie liebte den schönen, reichen Baron in ihrer leidenschaftlichen Art und konnte glühend eifersüchtig sein. Doch — hätte sie Günter von Gersheim auch geliebt, wenn er arm und ohne Titel gewesen wäre?
Auf der Bühne nahm die Modenschau ihren Fortgang. Gerlinde Steinbrück erschien soeben wiederein einem entzückenden, ganz einfachen Abendkleid. Sie sah bezaubernd darin aus, und Gersheims Blicke hingen wie gebannt an ihrer herrlichen Erscheinung.
Wie das Mädchen sich bewegte! So natürlich und edel. Keine Bewegung zuviel. Keine Ziererei. Nur die leuchtenden Augen hielt sie gesenkt. Kein Blick irrte hinunter in den Saal.
Die Moden wechselten. Andere kamen und gingen. Gersheim interessierte es nicht. Er wartete nur auf die eine...
Da kam sie wieder.
Doch in diesem Augenblick geschah etwas anderes. Alle Lampen im Saal wurden plötzlich eingeschaltet, und ein schmetterndes Trompetensignal verkündete zum Jubel aller:
„Preisverteilunq!"
Die mächtigen Flügeltüren öffneten sich, und mitten in den großen Saal herein schoben livrierte Diener den Hauptgewinn — ein Auto!
Der Beifallssturm kannte keine Grenzen. Ein Auto — ein ganz entzückender, rassiger, beigefarbener Sportzweisitzer.
Brieftaschen wurden heroorgezogen. Handtaschen aufgemacht. Ueberall raschelten und knitterten die Lose.
Wieder ein Trompetensignal. Der Leiter des Festausschusses nahm kurz das Wort:
„Meine verehrten Damen und Herren! Ich danke Ihnen recht herzlich für das rege Interesse, das Sie bei dem heutigen Loskauf zum Winterhilfswerk bewiesen haben. Wir haben es uns als besondere Ueberraschung ausgedacht, den Hauptpreis gleich an Ort und Stelle dem glücklichen Gewinner zu übergeben. Vielleicht ist er zufällig im Besitz des entsprechender Führerscheins. Dann kann er den Wagen gleich heimfahren. Zugelassen ist er bereits."
Der Herr wurde von Lachen und Klatschen unterbrochen.
„Alle anderen Preise aber kommen auch noch in dieser Woche zur Verteilung. Also — nochmals meinen herzlichsten Dank. Es ist wirklich eine stattliche Summe auf diesem Wege zusammengekommen. Nun aber will ich Sie nicht länger zappeln lassen!"
Eine große Urne wurde gebracht und mitten auf die Bühne gestellt.
„Na, kommen Sie, Fräulein! Ziehen Sie das Glückslos! Frauenhände machen das zarter!"
Der Leiter des Festausschusses^ winkte Gerlinde zu, die ganz vergessen im Hintergrund der Bühne stand.
„Haben Sie auch ein Los?"
Ganz laut fragte er Gerlinde, während das Publikum im Saal sich über die Verwirrung des schönen Mannequins köstlich amüsierte.
Plötzlich aber brach ein nicht endenwollendes Gelächter los.
Gerlinde griff in den Brustausschnitt ihres Kleides und zog das Los hervor, das Gersheim ihr vorhin geschenkt hatte.
„Ach, wie reizend! Sieh doch! Köstlich!"
Unten schwirrten die Stimmen durcheinander. Ria Velten wollte sich ausschütten vor Lachen.
„Sie trägt das Los auf der Brust. Nicht möglich! — Günter, nicht möglich!"
Baron Günter von Gersheim aber fühlte in seinem Herzen einen tiefen Stich. Eine Wut hatte er mit einem Male auf all die lachenden Gesichter ringsumher, die sich auf Kosten des kleine Mannequins so amüsierten. Sah denn keiner, daß dem armen Mädchen da oben vor Scham die Tränen in den großen, lieben Kinderaugen standen?
„Na, mein schönes Fräulein! Nun weinen Sie nur nicht gleich. Immer tapfer!"
Der Leiter des Festausschusses versuchte Gerlinde zum Lächeln zu bringen.
„So, meine Herrschaften! Jetzt soll sich s zeigen, wen Fortuna liebt!"
Ein Diener brachte eine weiße Binde, und Gerlinde mußte mit verbundenen Augen in die hohe Urne greifen.
(Fortsetzung folgt!)
gab, nach Staufenberg. In der Burgwirtschaft kehren wir ein. Hier gedenken wir in Wort und Lied unserer Brüder an der Saar, steigen hinauf auf die obere Ruine, die eine weite, herrliche Rundsicht bietet. Bei anregender Unterhültung gehen die Stunden schnell vorüber. Auf dem Heimweg von Staufenberg zeigen uns die Lichter von Lollar die Richtung, doch immer wieder schweift der Blick zurück nach den erleuchteten Häusern von Staufenberg und nach dem langen, höchsten Lichterstreifen, der uns grüßt von der schönen Burg. Von Lollar bringt uns die Bahn nach Gießen.
Oie Beichsautobahn in Oberhessen.
pb. Butzbach, 10. Jan. „Kraftfahrbahn B a u a b t e i l u n g", diese Bezeichnung, die seit zwei Tagen auf einem Emailleschild am Eingang „Zum deutschen Haus" angebracht ist, besagt, daß seit Anfang dieses Monats sich hier die Bauab- teiluna der Reichsautobahnen für die Strecke Bad-Nauheim bis Gießen befindet. Die Abteilung ist vorerst mit einem Regierungsbaumeister. einem Verwaltungsbeamten und einem Techniker besetzt.
Dem Opfer am Sonntag der Saarabstinimung!
Der 1 3. I a n u a r ist ein Tag von ungeheurer Bedeutung auf dem Wege unseres Volkes aus der schweren Not und Wirrnis vergangener Jahre.
An uns Deutsche diesseits des Rheines ergeht die Mahnung, von herzen mitzuhetfen an der Verwirklichung der großen Endziele eines neuen Deutschlands durch deine Spende, die uns die einfache Mahlzeit des Lintopffonntags ermöglicht, während jenseits des Rheins unsere Volksgenossen eine alle Rechnung begleichen: Das Saarland kehrtheim zum Reich!
Trotz all der offenen und versteckten Aneignungsgelüste Frankreichs wird an diesem Tage eine politische, wirtschaftliche und völkische Utopie durch den zähen Opferwillen der Saardeutschen mit unserer Beharrlichkeit niedergekämpft und weggewischt von der großen Karte des Weltgeschehens. Die Worte, die uns ein Saardeutscher im Namen seiner Mitkämpfer, deren Lohn bisher schier unerträgliche Schikane und Verfolgung war, zurief, werden zu
ehernen Buchstaben in dem Buch der deutschen Geschichte:
„Heiliges Deutschland, Herz der Welt,
Ewige Mutter und ewiger Held,
Deutschland, das Sturm und Flamme gebar:
Du bleibst die Heimat des Volks an der Saar!"
Neben den opferbereiten Volksgenossen an der Saar, die an diesem Sonntag zum letztenmal unter das Joch der Fremdherrschaft gezwungen werden, stehen wir, von denen im Verhältnis zu der Größe des Opfers der Saardeutfchen nur eine kaum nennbare Einschränkung des gewöhnlichen Tageslaufes gefordert wird.
Darum beweist gerade an diesem Tage durch eure Gabe zum Eintopfsonnlag, daß ihr die Bedeutung unserer Zeit erkannt habt und bereit seid, euch einzureihen in die große Schar der tätig Opferbereiten, beseelt von der Notwendigkeit eures, wenn auch noch so kleinen, aus freudigem herzen gebrachten Opfers.
Die
Kuliurräume Jugoslawiens
Gastvortrag an der Universität.
In der Neuen Aula der Universität fand sich am gestrigen Donnerstagabend eine stattliche Zuhörerschaft ein, um den Vortrag des Prorektors der Prager Universität, Professor Dr. Gerhard G e s e - mann über „Die Kulturräume Jugoslawiens" zu hören. Seine Magnifizenz der Rektor der Universität, Professor Dr. Pfähler, begrüßte die Teilnehmer des Abends und hieß ganz besonders den Redner willkommen.
Professor Or. Gefemann
begann sofort mit-feinem Vortrag, der eine Fülle starker Eindrücke vermittelte. Der Redner schilderte, zunächst das Land in der nach dem Weltkrieg geschaffenen Form, erläuterte • kurz feine geographische Lage und beschäftigte sich dann eingehend mit den verschiedenen Kulturräumen, die in Jugoslawien anzutreffen find. Der Balkan habe, so führte er u. a. aus, nicht weniger d^nn fünf verschiedene Kulturräume aufzuweisen. Man mußte, so führte er u. a. aus, in Europa weite Strecken überspringen, wollte man verschiedene Kulturkreise antreffen. In Jugoslawien seien die verschiedensten Kulturerscheinungen aber nicht nebeneinander, ja, ineinander anzutreffen. Man unterscheide eine byzantinische, eine patriarchalische, eine kanonische, eine türkische und eine mitteleuropäische Kulturzone.
Besonders hervorzuheben sei aber, daß wie ein starker Schlagschatten deutsche kulturelle Erscheinungen bis nach Konstantinopel hinab fest- zustellen seien. Der Redner sprach davon, daß ' es die Möglichkeit gebe, bei einer Wanderung durch Jugoslawien an jedem Abend in einem anderen deutschen Bauernhaus übernachten zu können.
In seinen'weiteren, speziell gehaltenen, Ausführungen beschäftigte sich der Vortragende zunächst mit den Erscheinungen der byzantinischen Kultur,
die natürlich nicht mehr in ihrer höchsten Vollendung anzutreffen sei, sondern nur deren Nachfolger, eine merkwürdige kleinbürgerliche Kleinstadtkultur. Die byzantinische Kultur sei als die älteste Kulturerschci- nung im Lande anzusprcchen. Sie sei türkisch übertüncht, aber nicht von Türken getragen, sondern von Balkanromanen, die als Griechen in Erscheinung träten. Der Vortragende gab eine interessante Schilderung der Lebensform in diesen Städten.
Dann hörte man von der patriarchalischen Kultur, der Kulturform des Landvolks. Patriarchalisch bedeute hier aber nicht das, was man bei uns im allgemeinen darunter verstehe, sondern es bedeute die stete Forderung zur höchsten psychischen und physischen Leistung, insbesondere der Leistung im Wettkampf. Bestimmend sei immer das Gesetz, den anderen zu übertreffen. Diese ausgeprägte geistige und äußere Haltung forme starke Charaktere. Im Zusammenhang damit stellte der Redner auch die Unterschiede zwischen a l t st ä n d i s ch und kolonisatorisch heraus.
Die Familie, die Sippe, die Stämme seien in den südslawischen Ländern im Laufe der Jahrhunderte, immer wieder bedeutsam gewesen. Die Stämme, an sich machtvolle Einheiten, befanden sich aber auch immer in gespanntem Verhältnis zum Staat. Stamm und Staat schlossen sich durch ihre spezifische Eigenarten jeweils aus. Die Stämme aber, auch wenn sie durch den Staat aufgelöst erschienen, fanden sich immer wieder zusammen. Besonders schweren Standpunkt habe der Staat immer mit den großen Viehzüchtern gehabt, die Wanderer und Kämpfer zugleich feien. Das Verhältnis zwischen Staat und Stämmen charakterisierte der Vortragende näher in der Anleitung aus der Geschichte. Der bäuerliche Mensch in Jugoslawien sei jahr- hunderlang von den Feudalherren und von den Städtern unterdrückt und geknechtet gewesen und sei es noch. Dieser völkisch unterdrückte Mensch würde
aber sofort, wenn er Bewegungsfreiheit bekäme, gegen feine Unterdrückung vorstoßen. Der Grieche, der „Levantiner" sei schon hinausgedrängt worden.
Kurz hörte man dann von einer kanonischen, einer bürgerlichen Kultur, getragen von Bürgern, die nach dem Norden zogen, in dem Raume von Belgrad bis nach Budapest vorstießen, sich sehr schnell der europäischen Kultur anpaßten und insbesondere unter deutschem Einfluß standen, so daß eine deutsch zu nennende Kulturzone entstand. Hineingesprengt in diese Kulturkreise sei eine türkische Kultur, in der sich ein letzter, wahrer Feudalismus erhalten habe. Allerdings feien die Träger dieser Kultur wiederum nicht etwa Türken, sondern mohammedanisierte Serben. Im weiteren Verlauf des Vortrags hörte man dann noch von den Städten an der dalmatischen Küste, von Zara, Nagusa, Spalato und Sarona, die als romanischbyzantinische Stadtgemeinden, die in der Geschichte die Verkörperung der klassischen Bürgerfreiheit darstellten. Schließlich hörte man noch in knapper Charakterisierung von der Geisteshaltung der Menschen in der europäischen Zone.
Zusammenfassend sprach der Redner davon, daß der südslawische Mensch durch die Romantik (insbesondere durch die deutschen Ro
mantiker) zum Bewußtsein seiner Nationalität gekommen und zum politischen Menschen geworden sei. Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen seien nicht die Auseinandersetzungen der Völker und Stämme an sich, sondern die Angelegenheit einzelner Parteien, die lediglich die Namen der Völker trügen.
Eine feine Ergänzung fand der Vortrag zunächst durch die Wiedergabe einiger Schallplatten. So horte man ein slowenisches, bann ein mazedonisches, schließlich ein bosnisches Lied, die durch ihre ungeheuren Unterschiede die großen kulturellen Verschiedenheiten in diesem Lande klar werden ließen. In einer Reihe charakteristischer Lichtbilder wurden ferner die Unterschiede im Baustil und in der Landschaft veranschaulicht, schließlich aber zeigte der Redner noch die verschiedenen Menschentypen, in denen viel Sribstbewußtsein, viel Stolz und starke Eigenart vereinigt erschien. Zum Abschluß betonte der Redner, daß es angebracht sei, dem Lande Jugoslawien, das sich der deutschen Aufmerksamkeit fast aufdränge, zu eigenem Nutzen mehr Interesse entgegenzubringen, als es bisher der Fall gewesen I fei. Der Vortrag wurde mit größter Aufmerksamkeit verfolgt und fand anhaltenden Beifall.
Bericht der Gießener Kriminalpolizei.
Die Kriminalpolizei st elle Gießen teilt uns mit:
Betrüger als Aufkäufer von außer Kurs gefetzten Geldscheinen.
Ende 1934 hat der Albert Fliege aus Bernburg von Aschersleben aus unter der Firma „Deutsche Notgeldoerwertung Aschersleben" in Tageszeitungen inseriert, daß er außer Kurs gesetzte Geldscheine der Vorkriegs- und der Inflationszeit an- fanfe. Er bot bis zu 50 Mark. Vorbedingung war, daß die Interessenten 0,65 RM. einzahlen mußten, roo|ür ihnen eine Einkaufsliste zugesandt wurde, die in Massen hergestellt und nur wenige Pfennige wert ist. Der größte Teil der Einzahler hat diese Liste überhaupt nicht bekommen. Dem Schwindler war es nur um die eingezahlten Beträge zu tun. Die Kriminalpolizeistelle Gießen bittet um Mitteilung, ob hier ebenfalls Personen von dem Schwindler geschädigt wurden.
Diebstähle.
In der letzten Zeit wurden hier neun Fahrräder der Marken Adler, Presto, Wanderer, Bismarck, Brennabor, B. G. C., Torpedo gestohlen. In der Licher Straße wurde aus einem unverschlossenen Schuppen ein fast neues braunes Sielgeschirr lPferdebrustqeschirr mit RückenriemerO und am Freitag, 4. Januar, etwa gegen 19.45 Uhr in dem Schalterraum der Hauptpost Gießen eine Aktentasche mit Inhalt entwendet.
Sichergestellte Fahrräder.
Bei der Polizeidirektion Gießen wurden in der letzten Zeit zwei Herrenfahrräder Marke Adler, zwei ältere Herrenfahrräder ohne Markenbezeichnung, ein Herrenfahrrad Marke Opel und zwei Damenfahrräder'Marke Bauer und Presto sichergestellt. Außerdem wurde eine Fahrradlampe mit elektrischer Batteriebeleuchtung sichergestellt, die angeblich von einem Fahrrad, das im Hose der Verbrauchergenossenschaft in der Schanzenstraße 16 aufgestellt war, entwendet wurde. Personen, die Eigentumsrechte geltend machen können, werden ersucht, bei der Kriminalposizeistelle vorzusprechen.
Einbrecher und Fahrraddiebe feslgenommen.
In der Nacht zum 1.1.1935 wurden Hermann Hilker, geboren am 7.1.1913 zu Croppenstädt, und Alfred L i st, geboren am 6. 4.1903 zu Hamburg, beide auf Wanderschaft, wegen dringenden Verdachts des Einbruchsdiebstahls festgenommen. Eine Zivilperson sah in jener Nacht zwei junge Leute sich in verdächtiger Weise in der Johannes-
straße Herumtreiben. Von der Anlage aus beobachtet" die Person die Leute kurze Zeit und konnte feststellen, daß beide über das Tor in das Anwesen des Evangelischen Schwesternhauses einstiegen. Diese Wahrnehmung teilte die Person sofort von dem Schwesternhaus aus telephonisch der Kriminalpolizeistelle mit. Bei dem Eintreffen der Polizeibeamten hatten die Einbrecher bereits das Anwesen nach der Maigasse zu verlassen. Auf Grund der Beschreibung konnten die Beiden noch in dec Nacht im Obdachlosenasyl festgenommen werden. Sie bestritten auf das entschiedenste, trotz Gegenüberstellung mit dem Zeugen, in dem Anwesen gewesen zu sein. In ihrem Besitze befanden sich
Gedenket der hungernden Vögel! Schuht die Tiere vor der Kälte!
zwei fast neue Markenfahrräder, die sie in Hamburg bzw. Berlin gekauft haben wollten. Da diese Angaben unglaubwürdig erschienen, wurden beide dem Amtsgericht Gießen zugeführt und wegen Verdachts des schweren Hausfriedensbruches unter Haftbefehl gestellt. Im Laufe der Ermittlungen legten die beiden dahingehend Geständnisse ab, die Fahrräder in Scllzderhelden bei Göttingen entwendet und in das Evangelische Schwesternhaus in Gießen einen Einbruch geplant zu haben. Außerdem gaben sie zu, am Sonntag, 30.12.1934, gegen 17 Uhr in einem kleinen Dorf in der Nähe von Marburg aus einem Kolonialwarengeschäft 100 Zigaretten gestohlen zu haben.
Ende Dezember 1934 wurde in Gießen der auf Wanderschaft befindliche Erich Ronsdorf, geboren am 27. 8.1907 zu Barmen, wegen Verdachts des Fahrraddiebftahls festgenommen. Er hatte ein fast neues Herrenfahrrad, Marke „Diskus", im Besitz. Ronsdorf gab nach einigem Vorhalt zu, das Rad in der Nähe von Fritzlar gestohlen zu haben. Die Feststellungen ergaben jedoch, daß das Rad am 19.12.1934 vor der Kreisleitung der NSDAP, in Bad-Wildungen entwendet wurde. Ronsdorf kam in Untersuchungshaft.
Was sott ich denn mit einem Auto?
ROMAN VON KÄTHE METZNER.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
5 . Fortletzung. Nachdruck verboten!
„Sie machte so traurige Augen", wagte Gerlinde noch zu sagen, aber darauf ging die schwarze Lotte nicht ein. In ihrem Sinn spukte schon etwas anderes.
„Großartig ist das mit den Losen, Lindekind. Paß auf, da kann ich dir gleich unseren Schwarm Gersheim zeigen."
Aber so schnell ging das nicht. Hier und da wurden die 'Mädchen angehalten. Die Lose wurden ihnen nur so aus der Hand gerissen.
Doch Lotte war zäh. Sie hatte sich geschickt zu dem Platz durchgekämpft, wo Baron Gersheim mit feiner Dame saß.
„Wollen Sie mir nicht ein Los abtaufen, Herr Baron?"
Lotte machte eine übermütige Verbeugung, wahrend Gerlinde fast erstarrte über soviel Kühnheit.
Die elegante Dame neben Gersheim beachtete die jungen Mädchen kaum. Ihr Blick schien einfach über sie hinwegzusehen.
Gersheim aber lächelte.
„Woher kennen Sie mich denn, mein Kind?
„Wir sind doch Mannequins im Modehaus Merkur, wo der Herr Baron mit dem gnädigen Fraulein öfters gekauft haben", erwiderte Lotte fchlag- fertig.
„So? Und Sie wollen mir absolut ein Glückslos verkaufen, obgleich ich schon zwanzig Lose gekauft habe?"
Wieder lächelte er.
Lotte war selig. , ,
„Ja, Herr Baron! Das Glückslos ist aber unter den zwanzig nicht dabei. Das haben wir allem nicht wahr, Lindekind?"
Gerlinde stand dabei und lächelte verwirrt.
„Na, dann ziehen Sie mal ein Los für Mich, wandte sich Gersheim an Gerlinde.
Da schaute das Mädchen auf, und Gersheim hatte das Gefühl, als durchzucke ihn im selben Augenblick ein elektrischer Schlag. Zwei Augen von so nntnC)erz sanier Schönheit und kindlicher Reinheit schauten ihn an, daß er den Blick endlich gewaltsam abwenden mußte. Aber er konnte es nicht verhindern, daß seine Augen über das schimmernde Haar glitten, daß sie das feine Oval des Gesichts kosten und den süßen, knospenhaften Mund. ..
Ah!, sie ist mir doch vorhin schon so eigentümlich aufgefallen!, wußte er mit einem Male
Der Modenschau hatte er wenig Beachtung geschenkt, nur unter den Vorführdamen war ihm dieses junge Mädchen aufgefallen, dessen Erscheinung irgendwie von den anderen abgestochen hatte. Und jedesmal hatte er sich unbewußt gefreut, wenn sie wieder an der Reihe war. Doch bann hatte er nicht weiter daran gedacht. Seine Freundin Ria neben ihm verstand es schon, ihn in ihrer lebhaften Art nicht zum Nachdenken kommen zu lassen.
Gerlinde aber wünschte sich im selben Augenblick, daß die Erde sie verschlingen möchte. In ihrem Innern tobte ein Aufruhr. Was war mit diesem Manne? Hatten die Kolleginnen recht? Verzauberten seine Blicke alle Frauenherzen?
Mit zitternden Händen griff sie ein Los und hielt es ihm hin, ohne aufzusehen.
„Lassen Sie, bitte. Ich habe schon so viele. Darf ich Ihnen dieses Los schenken?" klang eine dunkle, schöne Männerstimme neben Gerlinde.
Da schaute sie wie unter der Macht eines fremden Willens auf. Eine heiße Glutwelle jagte jetzt über ihre Wangen. Dann stammelte sie:
„Danke!"
„Nichts zu danken! Ich wünsche Ihnen viel Glück, kleines Fräulein!" '
„Aber Günter, ich verstehe nicht, wie du dich mit diesen Mädels so anbiedern kannst. Ich kenne das bisher nicht an* dir. Ich kann dir aber sagen, daß ich mich mehr als unangenehm berührt gefühlt habe."
Ria Veltens dunkle Augen sprühten vor Zorn.
„Aber Ria! Nun sei doch bitte nicht kindlich! Das ist wirklich unangebrachte Eifersucht."
„Eifersucht? Wie kommst du daraus? Habe ich nötig, auf solch ein Mädel eifersüchtig zu sein?! Was ist nur mit dir?! Zielst du heute darauf hin, mich zu kränken?"
Ria redete sich immer mehr in Zorn.
„Bitte, brechen wir dieses Thema ab! Ich habe weder die Absicht, dich zu kränken, noch sonst etwas. Ich habe aber die Absicht, dir den entzückenden Pelzmantel zu schenken, der vorhin vorgeführt wurde, und der oir so gefiel."
Nur wie ein schwacher Blitz schoß es Ria durch den Kopf, daß diesen Mantel ja auch jenes blonde Mädchen vorgeführt hatte. Aber dann tauchte das alles unter, und auf ihrem Gesicht zeigte sich wieder strahlende Sonne.
„Nicht böse sein, Günter! Ich bin jetzt manchmal ein bißchen nervös, aber wir hatten in den letzten Tagen ein bißchen zuviel Aufnahmen. Der große Film soll unbedingt schnellstens herausgebracht werden."
„Ist schon gut, Riachen. Wenn du dich nur freust." Baron Günter von Gersheims Mund lächelte, aber in seinen seltsamen Augen war wieder jene tiefe Schwermut, die vorhin beim Anblick des jungen, fremden Mädchens zum ersten Male feit langer Zeit etwas gewichen war. Ja, so waren die Frauen, mit denen er Umgang hatte. So waren sie alle.


