Das Nretbubenhaus.
23on Mario Hei! -e Brentani.
Es hatte drei Stockwerke und einen langen windschiefen Schornstein. Dach und Wände waren aus Wellpappe, das Bänkchen vor der Türe aus Zigarrenkistenholz. Eigentlich hat ein Landhaus nie drei Stockwerke, sondern nur eines oder zwei, oder es gibt überhaupt nur ein „Parterre" darin. Aber meine große Papierschere, mit der ich der störrischen Pappe zuleibe ging, war großzügig, und im übrigen war ich als Junge immer für das Extravagante.
Ich weiß es noch wie heute: In das erste Stockwerk mietet? sich Ulli ein, in das zweite Karl und in das dritte Heinerle. Das waren die aus Garnrollen und Plasteline, Bindfaden und Tusche gebastelten Miniaturnachbildungen meiner drei besten Freunde. Karl hatte der Wirklichkeit entsprechend, einen etwas zu dicken Kopf mit strohgelben Haaren darauf, Heinerlei war ein untersetzter schwarzhaariger Kerl, Ulli aber war normal gewachsen und hatte große himmelblaue Augen im hübschen schmalen Gesicht. Es gehörte allerdings etwas Phantasie dazu, um Begriffen wie „hübsch" und „normal" bei den Plasteline-Buben mit den Garnrollenrümpfen zu einiger Wirksamkeit zu verhelfen.
Ulli, Karl und Heinerle bekamen je eine fertige Einzimmerwohnung-Einrichtung und die dazugehörigen Alluminiumkochgeschirre. Denn die Küche hatte ich praktischerweise gleich im Wohnzimmer untergebracht. Es waren schöne Einheitsküchenherde, die mühevoll aus kleinen viereckigen Porzellanplättchen zusammengekleistert waren und im übrigen aus einer Streichholzschachtel bestanden.
Auch die Möbel des „Dreibubenhauses" waren in der Hauptsache aus Streichholzschachteln gefertigt, während die Gardinen, Tischdecken und Bettlaken aus buntbekleckstem Papier bestanden. Die Gewissenhaftigkeit des Chronisten läßt es nicht zu, einen besonderen Gegenstand zu verschweigen. Er war aus weißem Plasteline geformt und hatte einen schön geschwungenen Henkel.
Der Stolz des ganzen Häuschens aber war die Zentralheizung. Sie bestand aus einer blechernen Zigarettenschachtel mit anschließendem Blechrohr, das alle 'Etagen durchlief und war in dem „Kellergeschoß" des Hauses untergebracht. Die Blechschachtel wurde mit glimmender Holzkohle angefüllt und schickte stundenlang den schönsten Rauch zum Schornstein hinauf.
Als das Dreibubenhaus fertig war, gab ich ihm den Namen „Villa Mainlust". Denn meine Eltern wohnten in einer Straße am Main, die diesen
Namen trug. Ulli, Karl und Heinerle mit den Pausbacken kamen eines Nachmittags zum Richtfest, der Kaffee floß in Strömen, und die Kuchen wuchsen zu Bergen. Währenddessen saßen die Puppen Ulli, Karl und Heinerlei mit ihren steifen Beinen und eckigen Brustkasten, vor dem Hause auf der Bank, und der Schornstein rauchte, daß man das Beißen in den Augen bekam.
Nachdem das Dreibubenhaus zwei Stunden tapfer beraucht hatte, löschten wir die Heizung aus und stellten es in die Ecke. Die erste Sensation war vorbei, wir nahmen die Notgeldsammlungen hervor — es war Inflationszeit in Deutschland — und waren schon mitten im Tauschverkehr drin.
Zum zweiten Weihnachtsfeiertag war ich zu Hellmuth Bender, dem Jüngsten eines Professors unserer Penne, eingeladen. Er war kein Klassenkamerad von mir, besuchte überhaupt nicht unser Realgymnasium, sondern das Gymnasium, denn er sollte einmal Pfarrer werden und benötigte dazu das Griechische. Vorläufig war der junge Mann jedenfalls noch sehr weit vom Pfarramt entfernt, war ein leidenschaftlicher Lakritzenstangenlutscher und Quartaner wie ich. Was sollte ich dem verwöhnten Jungen schenken? Gewiß war sein Gabentisch überfüllt, und eine Kleinigkeit hätte nicht den richtigen Eindruck gemacht. Die Einwände meiner Mutter, es käme gar nicht auf den Eindruck, sondern auf den Geist des Schenkens an. lehnte ich rundweg ab, i ch mußte mit meinem Geschenk Eindruck machen, warum war ich als Bastler, Maler, Dichter und Plastelline-Bildhauer denn in der Klasse berühmt?!
Ich fing eine neue Papparbeit an, einen Dampfer, bei dem ich meine Heizungs- und Rauchentwicklungsanlage vortrefflich zur Anwendung zu bringen gedachte. Aber als ich den Rumpf soweit fertig hatte, daß ich mit dem Aufbau beginnen konnte, fiel mir beiläufig ein, daß Pappe sich im Wasser aufzulösen pflegt, und es war leider zu befürchten, daß Hellmut das Schiff ins Wasser bringen würde. Ziemlich kleinlaut vertraute ich mein neues Kunstwerk dem Mülleimer an und begann eine neue Arbeit, aber ich hatte keinen rechten Mut mehr dazu, und die Zeit war auch schon viel zu kurz.
Ein verstohlener Blick in die Ecke des Kinder- zimmers, ein kurzer Kampf — dann wußte ich, daß ich Hellmut mein Wunderhaus schenken würde. Mit schwerem Herzen packte ich das anderthalb Meter hohe Sing ein und schleppte es am zweiten Feiertag durch die verschneiten Straßen zum Häuschen des Herrn Professors. Hellmut erwartete mich schon oben an der Treppe: „Hast du mir auch was mitgebracht?"
erscheinen lasten, die Konfirmation wie bisher am Sonntag nach O st e r n zu feiern, kann es bei diesem Termin verbleiben. Zur Einführung der mit diesen Bestimmungen übereinstimmenden Ordnung der Konfirmation genügt der Beschluß des Kirchenvorstandes unter Anzeige an den Landesbischof. Abweichungen von diesen Bestimmungen bedürfen der Genehmigung des Landesbischofs.
Konfii mationsunterricht und Hitlerjugend.
ELP. In einer Verfügung des Landesbischofs der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen heißt es: Es erscheint im kirchlichen Interesse dringend geboten, daß Konfirmanden für Jungvolklager, Julmvolkdienst an Sonntagen oder während der Konfirmandenstunden grundsätzlich nicht beurlaubt werden.
Oie Wohlfahrtspostkarle
der Deutschen Nothilfe zeigt diesmal das Brustbild eines SA. -Mannes als Sinnbild
Wertzeichen der Wohlfahrtspostkarte Gültig bfa 30. Itmf 1935
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deutscher Volksgemeinschaft. Diese Karte in Stahldruck mit eingedruckter 6 - Pfennig - Wohlfahrtsbriefmarke ist zum Verkaufspreis von 10 Pf. durch die NS.-Volkswohlfahrt, deren Kreisamtsleitungen, Ortsgruppen, Block- und Zellenwarte erhältlich: auch die übrigen Organisationen der freien Wohlfahrtspflege bringen sie zum Verkauf. Die Benutzung der Wolsahrtspostkarte bedeutet durchaus kein Opfer, in dem Motiv gibt es keine so gut gelungene amtliche Postkarte dieser Art.
Neue Bestimmungen der post über GeschästSpop.ere.
Bekanntlich dürfen Rechnungen oder deren Abschriften, Doppel usw. an andere Personen als den Schuldner des Rechnungsbetrages dann als Ge- schästspapiere durch die Post versandt werden, wenn sie aus früherer Zeit stammen und ihren ursprünglichen Zweck schon erfüllt haben. In Auslegung dieser Vorschrift ist jetzt vom Reichspost- ministerium bestimmt worden, daß die Versendung von Rechnungsabschriften, die schon ganz kurze Zeit nach der Ausstellung ihrer Ursprungsrechnung an dritte abgesandt werden, als Geschäftspapiere nicht zulässig ist. Zwischen dem Ausstellungstag der Ursprungsrechnung und dem Einlieferungs- tag der für einen Dritten bestimmten Abschrift muß vielmehr ein Zeitraum von mindestens 7 Tagen liegen. Dasselbe gilt für Ursprungsrechnuwgen, die vom Empfänger an einen Dritten weitergeschickt robben sollen.
Neu ist ferner, daß bei den als Geschäftspapiere zugelassenen Schriftstücken und Urkunden im Jn- landsverkehr durch ein im Druchsachenverkehr zu- gelassenes Vervielfältigungsverfahren Angaben jeder Art angebracht werden können. Bei der Versendung von Rechnungen als Geschäftspapiere sind z. B. mit Stempel hergestellte Bemerkungen, wie „Rest folgt", nicht als persönliche Mitteilungen zu beanstanden, wenn die Sendungen sonst den Bestimmungen für Geschäftspapiere entsprechen.
Vornotizen.
— Tageskalender für Freitag. Cafe Leib: 20 Uhr Abschiedskundgebung für die Abstimmungsberechtigten des Kreises Gießen. — Von 3 bis 3.35 Uhr (Nacht von Freitag auf Samstag) Aufenthalt der Saar-Sonderzüge 1, 2, 3 am Bahnhof Gießen. — 8.40 Uhr (Samstagmorgen) Abfahrt der Abstimmungsberechtigten des Kreises Gießen im
Veranflaltungen
in Gießen anläßlich der Saarabstimmung
Freitag, 11. Januar, um 20 Uhr im Cafe Leib:
Abschiedskundgebung für die 80 Abstimmungsberechtigten des Kreises Gießen. Wir bitten sämtliche Abstimmungsberechtigten, zu erscheinen. Es spricht Pg. K l o st e r m a n n. Es wirken mit die SA.-Kapelle und der Großsche Wännerchor. Die Führer sämtlicher Gliederungen der Bewegung, die Spitzen der Behörden und der Stadt bitten wir zu erscheinen. Alle Volksgenossen sind eingeladen. Die politischen Leiter der Gießener Ortsgruppen sind um 20 Uhr vor dem Lase Leib in Uniform angetreten. Wit Fahnen.
Samstag, 12. Januar,
von 3.00 bis 3.35 Uhr (Nacht ton Freitag auf Samstag):
Aufenthalt der Saar-Sonderzüge 1, 2, 3 am Bahnhof Gießen. Auf dem Bahnsteig: die SA.-Kapelle, zwei SA.-Ehrenstürme, die politischen Leiter der Ortsgruppen Ost und Nord. Die Führer der Partei und ihrer Gliederungen, die Vertreter der Behörden und der Stadt bitten wir, nach Wöglichkeit zu erscheinen.
Samstag, 12. Januar, 8.40 Uhr (moroenS):
Abfahrt der Abstimmungsberechtigten des Kreises Gießen im Sonderzug. 7.30 Uhr Treffpunkt aller Abstimmungsberechtigten am Marktplatz. Von dort Marsch mit der SA.-Kapelle zum Bahnhof um 7.30 (punkt) durch Seltersweg, Liebigstrahe. Um 7.30 Uhr treten ferner nach Vereinbarung mit den Führern der Gliederungen die SA.- und SS.-Männer, soweit sie beruflich frei sind, (SAR.), die gesamte HI. (HI., 323., BDM., 3M.) an. Der Unterricht füllt nach Vereinbarung mit den örtlichen Schulleitern bis 9 Uhr aus. Die Führer der Partei, die Vertreter der Behörden und der Stadt find ebenfalls anwesend. Die Schüler, die nicht in der HI. sind, und die auswärtigen bilden Spalier auf dem Wege zum Bahnhof.
Sonnig, 13. Januar:
Singen des Sängerkreifes in der Stadt zum Zeichen der Verbundenheit mit den Volksgenossen an der Saar.
Beginn: 17 Uhr am Selterstor, dann am Reustädter Tor, Walltor, Stadttheater, Kreuzptah. Dort brennt die Grubenlampe, die die Saarsänger, die im vorigen Jahr beim Sängerkreis Gießen zu Gast waren, den Gießener Sängern überreicht hatten, wahrend des ganzen Abstimmungstages.
Montag, 14. Januar:
23.30 Uhr: Ankunft der Abstimmungsberechtigten des Kreises Gießen im Sonderzug.
Um 23 Uhr sind sämtliche Gliederungen am Bahnhofsplah angetreten. Die SS. übernimmt den Ordnungsdienst. Zwei SA.-Stürme, die SA.-Kapelle, die Führer der Partei, die Vertreter der Behörden und der Stadt auf dem Bahnsteig 1.
Schmelz, Kreispropagandaleiter.
Sonderzug; 7.30 Uhr Treffpunkt aller Abstimmungsberechtigten am Marktplatz, von dort Marsch mit der SA.-Kapelle zum Bahnhof. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die englische Heirat". — Astoria- Lichtspiele, Seltersweg: „Die beiden Seehunde". — 17.15 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Hörfal Vortrag „Was kann die europäische Epenforschung aus dem südslawischen Volksepos lernen?"
♦* Wichtig für Kriegsopfer. Der Leiter des Derforgungsamts Gießen teilt uns mit: Nach Durchführung der Bauarbeiten beim Dersorgungs- amt Gießen finden die Sprechstunden nunmehr wieder, wie bisher, täglich von 8 bis 12 Uhr vormittags statt.
** Sammeltage des VDA. Der Reichsund preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat genehmigt, daß für den Volksbund für das Deutschtum im Ausland zur Durchführung feiner Hilfsaktion für die deutschen Volksgenossen im Auslande am Samstag, 26. Jan., und Sonntag, 9. März, gesammelt werden darf. Es ist weiter genehmigt worden, daß für diese Samm- l"na von jeder Schul" etwa 20 bis 30 Schüler und Schülerinnen dem VDA. zur Verfügung gestellt werden, die an den beiden Sammeltagen vom Unterricht zu befreien sind. Wegen Befreiung der Jugendlichen, die am Staatsjugendtag teilzunehmen haben, hat sich die Bundesleitung des VDA. mit dem Reichs'i'al'ndführer in Verbindung gesetzt.
** Skisportfahrt der R e i ch s p o st. Der Vogelsberg hat endlich die'langersehnte Schneedecke.
Abfahrt bis Breungeshain ist möglich. Am kommenden Sonntag fährt zum ersten Male ein Postauto ins Vogelsberger Schneegebiet. Aus die heutige Anzeige sei verwiesen.
** Unfall. Gestern abend verunglückte der Schlosserlehrling Alfred Schilling von Lollar in der Turnhalle der Pestalozzischule beim Turnen. Er erlitt eine Oberschenkel-Austugelung und mußte durch die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in die Klinik gebracht werden.
** Oeffentliche Gewinnverlofung. Das Städtische Gas- und Wasserwerk lädt in unferm heutigen Anzeigenteil zur Teilnahme an der öffentlichen Gewinnverlosung am 24. Januar im Cafe Leib ein. Näheres in der heutigen Anzeige.
** VHC. Gießen. Man berichtet uns: Nach der Ruhe der Feiertage ist die Freude auf die erste Wanderung im neuen Jahre groß. Dem entspricht gewöhnlich eine starke Beteiligung, so auch diesmal. lieber die Lahnbrücke wanderten wir am vorigen Sonntag meist mit den schwarzen Punkten, teilweise auf schlüpfrigen Feldwegen, nach dem Wettenberg. Herrlich ist die Sicht von diesem Basalthügel auf unsere Stadt, auf Lahn- und Lumdatal, sowie die umliegenden Höhen, vor allem aber auch auf den Gleiberg, der von den Baumspitzen des dazwischenliegenden Waldes umrahmt emporragt. Weiter gehen wir dann an den Sportplätzen von Launsbach vorbei, später guer durch den Wald an der alten Schanze vorüber, die durch den Schutz des Waldes noch wohlerhalten ist, lassen den Homberg links liegen und wandern darauf auf der
Ortsgruppe Gießen des Bundes der Gaarvereine.
Leiter: potizeihauptwachtmeister Thum, Reuen Bäue 4, II.
Sämtliche Anfragen von Abstimmungsberechtigten find an die Saarobleute zu richten, die zu jeder Auskunft und Unterstützung gerne bereitstehen.
Saarobleute find:
1. Oberarzt Dr. Rau h, Gießen, Universitäts- Augenklinik,
2. Verwaltungs-Oberinspektor Hentschel, Gießen, Welckerstraße 12,
3. Gerichtsreferendar koch, Gießen, hitlerwall 51.
Der Fahrplan des Gießener Gonderzuges.
Der S o n der zu g Rr. 15, der von Gießen am Samstag, 12. Januar, abfährt, die Abstimmungsberechtigten aus dem Lahntat aufnimmt und Wontag,14. Januar, zurückgeleitet wird, hat folgenden Fahrplan:
Hinfahrt
Rückfahrt
am!2. Januar: am 14. Januar:
8.47 ab Gießen
an 23.30
9.04 „ Wetzlar
ab 23.15
9.16 „ Braunfels
„ 23.00
9.2$ „ Stockhausen
„ 22.53
9.34 „ Weitburg
„ 22.43
10.05 „ Limburg usw.
„ 22.04
11.19 „ Koblenz (Hbf.) usw.
„ 20.33
13.42 Trier (Hbf.)
„ 18.26
14.54 „ Wettlach
„ 17.12
15.06 „ Werzig
„ 17.01
15.16 „ Beckingen
„ 16.50
15.25 „ Dillingen
.. 16.41
15.33 „ S crrlouis
„ 16.33
15.43 „ Bous
„ 16.22
15.53 „ Völklingen
„ 16.14
16.09 „ S^arbr.-Burb.
„ 16.02
16.14 an Saarbrücken (Hbf.)
„ 15.56
16.21 ab Saarbrücken (Hbf.)
an 15.49
16.31 „ Dudweiler
ab 15.42
16.41 „ Sulzbach
„ 1536
16.54 „ Friedrichstal
„ 15.30
17.07 an Reunkirchen
ab 15.13
Die Aussteigebahnhöfe im Saargebiet sind gesperrt gesetzt.
Vor allem fei auch an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, daß keiner ohne seinen Abstimmungsausweis und gültigen pah zur Abstimmung zugelassen wird! Es darf keiner auch nur eine dieser unerläßlichen Urkunden vergessen, da sonst feine Stimme verloren ist!
Höhe nach Wißmar. Es ist ein richtiger Vorfrühlingstag. Leichte Wolken ziehen am Himmel, zarte Gänseblümchen schauen aus dem Gras. Während der längeren Mittagsrast in Wißmar rieselt leichter Regen herunter, der jedoch bald wieder aufhört. Trotzdem empfiehlt es sich, eine feste Straße zu gehen, und so wandern wird denn diese nach Ruttershausen zu. Rechts, jenseits der Lahn, die vorübergehend nahe an der Straße vorbeifließt, erhebt sich der Lollarer Kopf, es rauchen die Schlote der Main-Weser-Hütte in Lollar; links ragt aus den weiten Waldungen zwischen Wißmar und Salzböden der kahle Altenberg hervor. An den geschützten Hängen leuchten die goldgelben Lämmchen des Haselstrauchs und die silberglänzenden Knospen der Salweide. Friedlich grast eine Schafherde auf den Wiesen, die ihr in diesem Winter ununterbrochen Nahrung gaben. Von Ruttershausen gehen wir über die Lahnbrücke durch Kirchberg, dem die alte, auf einem Hügel erbaute Kirche den Namen
Ich konnte es kaum erwarten, die Hülle von meinem Wunderhause entfernen zu können. Hellmuts Augen traten wie kleine Murmeln aus dem Kopfe. Der große Augenblick kam, das Dreibubenhaus stand blitzblank unterm Weihnachtsbaum. Nur der Schornstein mußte zurechtgerückt werden; der Transport hatte ihn etwas in Mitleidenschaft gezogen.
Der erste Teil des Abends wurde durch die praktische Demonstration des Dreibubenhauses durch mich eingenommen, dann beteiligte sich auch der Herr Professor an dem Spiel, klopfte mir auf die Schulter und versicherte, ich gäbe später gewiß einen guten Physiker ab, deny die Tatsache, daß ich die Luftlöcher im Z'entralherd nicht vergessen hätte, zeuge von gewissen Kenntnissen und Talenten. Schließlich spielte nur noch der Herr Professor mit dem Hause. Hellmut und ich hatten längst die Lakritzen- und Marzipanmagazine unterm Weihnachtsbaum gestürmt und liehen nicht eher von dem Vernichtungsfeldzuge ab, als wir mit käsigen Gesichtern in einer Ecke hockten und uns gegenseitig vorlogen, wir fühlten uns außerordentlich fidel.
Als das Weihnachtsfest vorüber war, machte es Hellmut wie ich: wir fetzten uns auf die Hofen und ochsten ordentlich, um zu Ostern keine unangenehme Ueberraschung zu erleben. Wir waren ausgesprochene „Quartalsarbeiter". So sah ich Hellmut erst wieder, als wir die Osterversetzung glücklich unter Dach und Fach gebracht hatten. Meine erste Frage galt dem Wunderhause. Ich hatte lange nichts mehr basteln können und wollte gerne wissen, ob der Kamerad noch ebenso begeistert damit spielte, wie damals, zu Weihnachten.
„Och, das Haus meinst du", fag*» Hellmut gedehnt, und mir schwante etwas, „ja, weiht du, das hat Papa gebraucht."
„So", sagte ich und freute mich, daß der Herr Professor noch immer so viel Gefallen an dem Spiele fände, „was macht denn dein Vater damit?"
„Jetzt macht er nichts mehr damit, er hat schon was damit gemacht.." — „Na, was denn?"
„Pappeinlegesohlen!" sagt Hellmut. „Schön warm — im Winter — Wellpappe besonders gut dafür geeignet — Vati hat aus der dünneren Pappe welche bekommen — jetzt kann ich auch Schuhe von Horst tragen, die waren mir eigentlich noch viel zu groß —"
Ich drehte mich um und ging in der entgegengesetzten Richtung davon. Ich sah im Geiste den alten Herrn wie ein böses Ungeheuer meinem Wunderhaus zu Leibe gehen und dachte über die Vergänglichkeit aller irdischen Werte nach...
Oer größte Hohlspiegel der Welt.
Zur Herstellung eines riesenhaften Spiegeltelesko- pes, mit dem Momentaufnahmen des Mondes und Aufnahmen der Spiralnebel gemacht werden sollen, wird zur Zeit in Pasadena in Südkalifornien für die Mount-Wilson-Sternwarte ein Hohlspiegel von fünf Meter Durchmesser gegossen. Der Guß des scheibenförmigen Glasblocks, aus dem der Hohlspiegel herausgeschliffen werden soll, hat ferne Vorbilder und stellt ein einzigartiges Experiment dar. Vor allem mußte zunächst das Borsilikatglas vor der Gefahr der Blasenbildung während des Gusses geschützt werden, was man durch ein Schmelzen der Glasmasse im Ofen und ihrer Ueberführung in flüssigem Zustand nach der Gußform bewerkstelligte. Diese Gußform mußte jedoch genügend Druckfestigkeit besitzen und zudem hitzebeständig sein, um die Temperatur geschmolzenen Glases aushalten zu können. Da eine zu schnelle Abkühlung des Glases leicht schädliche Spannung herbeiführen konnte, mußte für eine Wärmeisolierung Sorge getragen werden, und zugleich beachtet werden, daß die Gußform selbst porös war. All diese Fragen wurden, wie Dr. A. G r a b e r in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau" mitteitt, befriedigend gelöst. „Da sich bei der Beförderung des geschmolzenen Glases vom Schmelzofen nach der Gußform die Bildung von Luftblasen nicht vermeiden läßt, mußte dafür gesorgt werden, daß während des Gusses und auch nachher solche Blasen wieder entfernt werden konnten. Zu diesem Zweck wurde über der Gußform ein Aufbau angebracht, dessen Unterfante die Oberfante der Form gerade berührte, so daß ein geschlossener Ofen entstand, der durch zahlreiche Gasbrenner auf eine Temperatur von 1350 Grad erhitzt werden konnte. Auf diese Weise liehen.sich während und auch nach der Füllung durch entsprechende Erhitzung alle aufgestiegenen Luftblasen entfernen." Mit eisernen Gießkellen von einem Fassungsvermögen von 350 Kilogramm wurde das geschmolzene Glas auf Laufschienen vom Ofen zur Gußform gefahren, die mit Temperaturreglern versehen ist. Die Abkühlung des Glasblockes muß nämlich so langsam vor sich gehen, daß feine inneren Spannungen entstehen können. Fünfzig Tage lang blieb der Glasblock in einer Temperatur von 500 Grad Celsius, um dann alle dreißig Stunden um ein Grad abgekühlt zu werden. Für die Abkühlung des Glasblockes sind im ganzen anderthalb Jahre vorgesehen. Da alle diese Vorsichtsmaßregeln einen Fehler in der Herstellung nicht unmöglich machen, wird nunmehr ein zweiter Glasblock hergestellt; der bestgelungene Guß wird alsdann zur Verarbeitung verwendet werden.


