dem zwei Schülerinnen in reizenden und bunten Kostümen des fernen Ostens einluden.
Der Nikolausmarkt in seiner Gesamtheit war allen Besuchern ein schöner Beweis dafür, daß im Fröbelseminar die Schülerinnen mit allem Ernst und mit viel Verständnis für ihren zukünftigen Beruf vorbereitet werden. Sie bekommen sichtlich viele Anregungen mit auf den Weg, viele praktische Kenntnisse, die für ihre Arbeit wertvolles Rüstzeug darstellen.
Ungern schied man aus dem Haus an der Gartenstraße, in dem sicherlich allen Freunden des Seminars eine Stunde ungetrübter Freude beschieden war.
Kriegsgefangen
auf Samoa und Neu-Seeland.
Zweiter Vortrag von Professor Sessous in Annerod.
Nach dem mit starkem Beifall aufgenommenen ersten Lichtbildervortrag im Rahmen des Volks- bildungsamtes der Partei in Annerod über das Südsee-Paradies „Samoa", mußte sich der Direktor des Landwirtschaftlichen Institutes, Professor Dr. Sessous zu einer Fortsetzung bereiterklären. Dem Wunsche seiner aufmerksamen Zuhörer kam Professor Sessous am Samstagabend nach, und zwar mit einer interessanten Erzählung seiner „Erlebnisse in englischer Kriegsgefangenschaft auf Samoa und Neu-Seeland". Der Vortragende ergänzte seine ersten Ausführungen durch eine Anzahl schöner Lichtbilder. Er führte feine zahlreicken Zuhörer noch einmal in die märchenhafte Schönheit der Landschaft ein. Unter der Anleitung der Europäer hatten die sehr geschickten, aber nicht gerade fleißigen Eingeborenen an Wohlstand zuaenom- men. Anfangs 1914 war, so erzählte der Redner, Dr. Schultze-Everth zum Gouverneur von Samoa ernannt worden, und auf „S. M. S. Con- dor" unternahm der neue Gouverneur seine Antrittsreise um die Inseln. Noch im Juli 1914 fanden sich die Europäer zu einer gemeinsamen Kranz-Nie- derlegung zusammen, und dann brach der Krieg aus. Durch einen von einem deutschen Ingenieur erbauten Funkturm waren die Deutschen in die Lage versetzt, ständige Verbindungen mit der Umwelt aufrechtzuerhalten. Allgemein war man der Auffassung, daß dieser Krieg nur in Europa ausgetragen und entschieden würde. England und Frankreich aber hatten nichts eiligeres zu tun, als den Krieg auch in die Kolonien zu tragen. Das Verhältnis der Weißen auf Samoa blieb ein freund
schaftliches, wenn auch der Verkehr der Familien untereinander zwischen den Angehörigen der kriegführenden Nationen eingestellt wurde. Ende August kamen englische Kriegsschiffe, und der englische Kommandeur forderte die Uebergabe. Der Gouverneur erklärte sich nach Verhandlunden zur Uebergabe bereit, um das Leben der Weißen zu schonen und wurde dafür durch einen neuseeländischen Offizier in schmachvoller Weise verhaftet. Das ganze Benehmen des neuen Administrators lief dahin hinaus, den Gouverneur in den Augen der Schwarzen herabzusetzen. Wenige Tage nach der Verhaftung des Gouverneurs wurden auch alle übrigen Deutschen in die Gefangenschaft geholt. Auf der Nord-Insel von Neu-Seeland, der Auckland- Insel, wurden sie interniert und fanden hier das nerventötende, stumpfsinnige Dahinvegetieren aller Gefangenen. Nur durch intensive Arbeit an sich selbst, durch Selbststudium, Sprachenstudien, Sport, Fischerei, Gartenbau schufen sie sich Abwechselung. Eine große Ueberraschung bedeutete für die Gefangenen die Ankunft des Kommandanten des „Seeadlers", des Grafen L u ck n e r mit Kapitänleutnant Kircheiß, der dieser Tage auch in Gießen in der Hochschulgesellschaft gesprochen hatte. Graf Luckner bereitete eine Flucht vor, die aber fehlschlug, so daß er nach kurzer Zeit wieder ins Lager zurückgebracht wurde. Erst lange, nachdem der Krieg zu Ende war, schlug die Befreiungsstunde. Aus Erfahrungen und Erlebnissen aber entstand nur der eine Wunsch und Wille, daß Deutschland in der Erkenntnis dieses Schicksalsschlages ein einiges und starkes Volk werden und aus eigener Kraft sich zu alter Größe emporringen muß. Zu seiner Entwickelung aber braucht es Kolonien, die ihm die Rohstoffe liefern. Wir werden, so schloß der Redner, das Recht auf Kolonien nicht aufgeben. — Reicher Beifall belohnte Professor Sessous für seinen lehrreichen Vortrag.
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** Einheitliche Weihnachsferien in Hessen. Die Weihnachtsferien in Hessen beginnen einheitlich für die Volks- und höheren Schulen in Stadt und Land am Montag, 23. Dezember, und dauern bis Montag, 6. Januar 1936, einschließlich.
♦* Die Bekämpfung der Schnakenplage betrifft eine Bekanntmachung des städtischen Hoch- und Tiefbauamtes im heutigen Anzeigenteil. Es fei besonders darauf aufmerksam gemacht.
General von Lettow-Vorbeck in Gießen.
Ein denkwürdiger Vortrag im Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschast.
Die Abteilung Gießen des Frauenbundes der Deutschen Koolonialgesellschaft hatte am gestrigen Montagabend die große Freude und Ehre, den Führer der deutschen Streitkräfte in Deutsch-Ostafrika während der Weltkriegsjahre, General von Lettow-Vorbeck, zu einem Vortrag in ihrer Mitte weilen zu sehen. Daß die Ankündigung dieses Vortragenden einen sehr starken Besuch erwarten ließ, war von vornherein anzune^men, es war daher auch kein Wunder, daß die Neue Aula der Universität überfüllt war, die Besucher bis in den Vorraum hinaus dichtgedrängt standen, um nur ja dem General lauschen zu können, und daß sehr viele wieder umkehren mußten, weil eben nicht das geringste Plätzchen mehr zu erlangen war.
Die große Verehrung, die dem von der Liebe seines Volkes getragenen General auch in unserer Stadt entgegengebracht wird, bekundete sich bei seinem Erscheinen in der Aula in einem starken Beifallssturm, für den der General mit dem deutschen Gruß dankte. Nach dem Gesang eines Fahnenliedes durch eine Mädelgruppe vom BDM. sprach
$rou Hummel
als Leiterin der Gießener Abteilung des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft ein herzliches Gruhwort an den General. Sie betonte dabei, Lettow-Vorbeck sei für uns Deutsche kein bloßer Name mehr, sondern er sei für unser Volk zum Begriff geworden. Dieser Begriff umschließe Mut, Tapferkeit, Einsatzbereitschaft, höchste Pflichterfüllung. Lettow-Vorbeck sei der Mann, der fern der Heimat auf deutschem Boden jenseits des Meeres viele Jahre mit äußerster Kraft gegen eine vielfache Uebermacht von Feinden gekämpft habe. (Beifall.) Das deutsche Volk blicke zu ihm in Liebe und Perehrung auf. Sein heldenhaftes Beispiel habe mitgehol - f en zur jetzigen deu tschen Wiederge
burt. Denn er habe uns gezeigt, was Deutschland leisten könne, wenn es sich voll einsetze für eine Sache. Er solle uns und unseren Kindern immer ein Beispiel sein, dann sei die Zukunft Deutschlands gesichert. Wie Lettow-Vorbeck, so müsse auch jeder einzelne von uns dauernd sein persönliches Opfer bringen können und sich persönlich für die großeSacheDeutsch- lands einsetzen. Das könne uns nicht schwer fallen, wenn wir an die Opfer des Weltkrieges und des Ringens der Bewegung denken würden. Lettow-Vorbeck solle uns Vorbild sein, dann würden wir nie müde werden, sondern immer weiterstreben und unsere Pflicht für Deutschland erfüllen. (Beifall.)
Von erneutem, langanhaltendem starken Beifall begrüßt, betrat nunmehr
General von Lettow-Vorbeck
das Rednerpult. Sein etwa VAftünbiger Vortrag wurde von der großen Zuhörerschaft mit starker Spannung angehört und fesselte in der Tat so gewaltig, daß man es geradezu bedauerte, als der General nach etwa IVz Stunden seine überaus anschaulichen und aufschlußreichen Darlegungen schloß; man hätte ihm mit dem gleichen starken Interesse gut und gern noch eine Stunde uno vielleicht sogar noch länger zugehört, denn sein Vortrag war für die Hörer ein einzigartiges, köstliches Erleben.
Zunächst streifte er, nach kurzen und herzlichen Dankesworten für den warmen Empfang, die jetzigen Kämpfe in Abessinien, ohne aber irgendwelche Prophezeihungen zu bieten, sondern nur auf einzelne Analogien zwischen dem abessinischen Feldzug und den Erlebnissen in Deutsch-Ostafrika während des Weltkrieges hinzuweisen. Er warnte vor übereilten Schlußfolgerungen und schärfte mit wenigen Worten den Blick seiner Zuhörer für manche Gesichtspunkte, die bei der Beurteilung dieser
Wirsing, das Pfund 8 bis 12, Weißkraut 6 bis 8, Rotkraut 10 bis 12, Gelbe Rüben 8 bis 12, Rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 18, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 10 bis 15, Rosenkohl 20 bis 30, Feldsalat 80 bis 90, Tomaten 40 bis 50, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Kartoffeln, das Pfund 4 Pf., der Zentner 3,20 bis 3,40 Mk., Aepfel, das Pfund 10 bis 30 Pf., der Zentner 10 bis 30 Mk., Birnen, das Pfund 20 bis 25 Pf., Nüsse 45 bis 55, Zwetschenhonig 40 bis 45, Suppenhühner 80 Pf., Gänse 1 bis 1,10 Mk., Enten 1,10 M., Blumenkohl, das Stück 10 bis 50 Pf., Salat 8 bis 10, Endivien 5 bis 12, Oberkohlrabi 8 bis 10, Lauch 5 bis 12, Rettich 5 bis 10, Sellerie 5 bis 25 Pf.
Nikolaus-Markt des Iröbel-Seniinars.
Das Gießener Fröbelseminar hatte am vergangenen Samstag zwei lustige und festliche Tage. Das Haus an der Ecke Gartenstraße und Nahrungsberg war während der Nachmittabsstunden von einem quicklebendigen Leben erfüllt, von Weihnachtsoorfreude, es war erfüllt von Farbe und Lärm, wie sie eben ein „Markt" mit sich bringt, und außerdem war das Haus durchzogen von Lebkuchen- und Plätzchenduft und vom feinen Geruch der Tannen.
Die Schülerinnen des Seminars, die dort bekanntlich zu Kindergärtnerinnen und zu Kinderpflegerinnen herangebildet werden, hatten ihren Nikolausmarkt unter der Initiative unseres heimischen Künstlers Bourcarde mit großer Liebe und ebenso vielem Eifer vorbereitet. Tagelang wurden Plätzchen und Lebkuchen gebacken, wurden Budenschilder auf Packpapier gemalt, auf Rahmen aufgezogen, wurden aus billigen Materialien allerlei wunderhübsche Geschenke als Gewinne ange- fertigt und vieles andere mehr. Wieder andere probierten Märchen- und Schattenspiele und übten Musik.
Am Samstagmittag war dann alles hinlänglich vorbereitet und man erwartete den Ansturm der kleinen und großen Gäste. Zahlreich fanden sie sich denn auch ein. Der aroße Bekanntenkreis, der dem Seminar freundschaftlich verbunden ist, kam, sah und staunte. Bald herrschte in allen Räumen ein richtiges Marktleben. Die Kinder machten große Augen ob all der Herrlichkeiten, die sich boten, aber auch die Erwachsenen hatten Anlaß überrascht zu sein über die Fülle der schöpferischen Ideen, die für diesen Nikolausmarkt aufgeboten und verwirklicht worden war. Alles hatten die Mädels selbst gemacht und dabei eine beachtliche handwerkliche Geschicklichkeit an den Tag gelegt.
Die Gäste, die zu diesem Nikolausmarkt erschienen waren, wußten bei der Fülle dessen, was geboten wurde, gar nicht, wohin sie sich zuerst wenden sollten. Hier lockte „Leckerleins Waffelbäckerei", in der man zum Tee sofort die frischgebackenen heißen Waffeln direkt aus dem Eisen nehmen konnte, dort pries der Zauberer „Buru- baba" in einem phantastischen Kostüm feine Künste an, lockte die Marktbesucher vor seine Bühne und überraschte sie mit rätselhaften Tricks; wenige Schritte weiter fiel man in das Märchentheater, in dem mit schönen Figuren Schattenspiele aufgeführt wurden. Für die Allerkleinsten der Gäste war zu vorübergehender Belustigung eine Stube hergerichtet worden, in der sie Karussell sichren konnten.
Sehr lustig war die Schießbude, die von den Kindern, wie auch von würdigen Familienvätern aleichermaßen gerne aufgesucht wurde. Mit einer Armbrust, die in jedes Jungen Brust die heißesten Wünsche wachgerufen haben mag, wurde nach Blechdosen geschossen. Bei soundso vielen Treffern gab es Preise in Gestalt von Orden Oder Nickelsmännern. Eine der jungen Damen des Seminars bewies besondere Fertigkeit: sie schoß mit einer Hand wie ein Wildwestboy nach dem Ziel.
In wieder einem anderen Zimmer war alf das aufgebaut roorben, was die Mädchen an Weihnachtsbackwerk geschaffen hatten und dabei bewiesen, daß sie es ausgezeichnet verstanden, nicht nur gutes, sondern auch schönes Backwerk herzustellen. Aus Lebkuchen, Plätzchen, buntem Zucker und mit einem großen Aufwand von Phantasie waren viele Lebkuchenhäuschen in den verschiedensten Größen und Formen gebaut worden, die das Entzücken aller Kinder und ihrer Mütter bildeten. Noch auf viele andere Weise war für Unterhaltung gesorgt. Hier erklang die Ziehharmonika und dort rief man zur nächsten Märchenvorstellung auf, hier konnte man seine Geschicklichkeit im Ballwerfen beweisen und dort im Kugelspiel, bei dem in bestimmte Tore zu treffen war. Schließlich machte auch das chinesische Fadenspiel großen Spaß, zu
Nicht müde werden, Annelies!
Vornan von Bernhard Lanzer.
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Günter hatte also die Freiheit, zu tun, was er für richtig hielt, aber er war keineswegs davon befriedigt. Es wäre ihm lieber gewesen Annelies hätte darauf bestanden, daß er gleichfalls zu Haufe blieb. So aber erhob sich immer wieder die Frage: Gehen oder nicht gehen? Aber gab es denn eigentlich überhaupt einen Zweifel? War er am Vormittag nicht fest entschlossen gewesen, dem Rennen fernzubleiben.
Die Frau Senator blieb auch am Nachmittag im Bett, man trennte sich daher am Abend verhältnismäßig früh. Günter begab sich sofort auf fein Zimmer. In heftigen Zügen rauchend, ging er mit weit ausholenden Schritten im Dunkeln auf und ab. Das Fenster stand weit offen. Die leisen Klänge einer Konzertkapelle wehten herein. Wenn die Musik schwieg, hörte man schwaches Stimmengewirr, zuweilen von dem flackernden Ton eines verhaltenen Lachens unterbrochen.
Günter trat an das Fenster. Drüben, etwas seitlich, lag die Hotelterrasse. Sie war dicht besetzt; man sah die Gestalten der Gäste wie ferne, bewegte Miniaturen. Farbiges Licht zog feine abgegrenzten Kreise unter bunten Sonnenschirmen. Lorbeerbäume und blühende Pflanzen hoben sich wie schweigende, gemalte Schatten von dem erhellten Grunde ab.
Mit gefurchter Stirn ließ Günter den Blick wieder abgleiten, hinauf zu den zahllosen Fenstern der Hotelzimmer und wieder hinab zu den schmalen, balkonähnlichen Austritten vor den Fenstern des ersten Stockwerks. Wo mochte Mia wohnen? Einsamkeit drückte sie gewiß nicht, der war sie immer aus dem Wege gegangen. Zu oft. Der Mensch soll nicht jeder Stunde ausweichen, die sich mit ihm auseinandersetzen will. Sicher saß Mia jetzt dort unter den fröhlichen Menschen auf der Terrasse. Oder im Caf6. Oder im Weinrestaurant. Vielleicht sammelte
sie auch in der Hotelhalle ihre Bewunderer um sich. Sie konnte ja nicht leben ohne einen Schwarm von Verehrern. Wenn sie noch so war wie früher ...
Nein, es hatte keinen Sinn, ihr ausweichen zu wollen, und das Rennen war gewissermaßen neutraler Boden, auf dem man sich traf. Man sollte also wirklich gehen. Unter den Augen so vieler anderer Menschen wurde der Begegnung das Peinliche und Unsichere genommen. Man konnte sich höflich, aber gemessen guten Tag sagen, nach dem Ergehen fragen, und war keinen Anspielungen auf vergangene Zeiten ausgesetzt, zumal wenn Mias Mann mit zugegen sein würde. Damit würde die Angelegenheit erledigt sein.
Günter brannte sich eine neue Zigarette an. Erledigt? Es war in gewisser Beziehung vielleicht gar nicht so ungefährlich, Mia wieder zu begegnen. Man wußte ja nicht, was sie vor hatte. So ohne jede Absicht suchte sie eine Begegnung wohl kaum, denn eigentlich mußte es ihr noch peinlicher sein als ihm. Und dann — man hatte doch einmal lichterloh für sie gebrannt! Die Tatsache war nicht aus der Welt zu schaffen.
Aber trogdem — ober vielmehr gerade deswegen — würde es gut fein, ihr noch einmal gegen» überzutreten. Man mußte doch einmal wissen, daß man wirklich mit dieser Erinnerung fertig war. Und man mußte es ihr ganz unmißverständlich zeigen. Wenn man nicht gehen würde, so war das ja nur ein Hinausschieben, denn einmal würde es ja doch kommen, da Mia nun einmal hier war und in unmittelbarer Nähe Wohnung genommen hatte. Es war mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß man sich in Kürze einmal in den Weg lief, ohne daß man Gelegenheit hatte, auszuweichen. Dann traf es einen vielleicht unverhofft. Und wenn Mia es sich wirklich vorgenommen hatte, würde sie bestimmt eine Gelegenheit suchen. „Auf Wiederhören!" hatte sie gesagt — das sollte natürlich heißen: „Auf Wiedersehen!" Es war also wirklich am zweckmäßigsten, das unvermeidliche Zusammentreffen in die gewissermaßen schützende Oefsent- lichkeit des Rennplatzes zu verlegen.
Gut wäre es gewesen, wenn Annelies hätte mit» gehen können. Es wäre so etwas wie eine kleine Genugtuung gewesen, wenn man sie Mia als seine Verlobte hätte vorstellen können, und ihre Gegen
wart würde auch einen nicht zu unterschätzenden Rückhalt geboten haben. Vor allen Dingen aber hätte Mia sich durch den Augenschein davon überzeugen können, daß das Vergangene endgültig ausgelöscht und begraben war. Nun, man würde auch so mit ihr fertig werden.
3. Kapitel.
Flimmernd, wie eine weißliche Wolke, lag das strahlende Licht der Nachmittagssonne über dem Rennplatz. Man mußte die Hand über die Augen legen, wenn man das satte, fast fleckenlose Blau des Himmels wahrnehmen wollte. Tausende von Besuchern füllten den riesigen Platz; die hohen, langgestreckten Tribünen waren bis zum letzten Platz ausverkauft. Reglos hingen die bunten Wimpel in der unbewegten Lust, schneidige Marschmusik dröhnte von den Lautsprechern herab.
Wie leises, dumpfes Rauschen klangen die Stimmen der Tausende auf. Alle Sprachen schwirrten durcheinander; der „Große Preis" hatte ein internationales Publikum anghlockt. Man unterhielt sich über die neuesten Ereignisse der Weltpolitik, über Börsen- und Toilettenfragen, oder man flirtete. Die Aussichten der für den Start genannten Pferde wurden lebhaft erörtert. Ab und zu hörte man den Namen „Goldfasan". Offenbar war über den Neuling etwas durchgesickern Die Programme raschelten. „Baron de Costas ^Goldfasan" las man. „Reiter: der Besitzer." \
Günter war schon zeitig gekommen. In lässiger Haltung ließ er den Blick über die dichtbesetzten Tribünen hinschweifen. Es war ganz und gar unmöglich, Mia herauszufinden — selbstverständlich. Gs war aber auch nicht anzunehmen, daß man sie unter der Menge zu suchen hatte. Sie war gewohnt, im Vordergrund des allgemeinen Interesses zu stehen, und würde die Bekanntschaft mit Costa wahrscheinlich dazu benutzen, ihre Person gebührend herauszustellen. Man hatte sie vermutlich auf dem Sattelplatz zu suchen. Schulenberg, der Unentwegte, der bei keinem Rennen fehlen durfte, war sicher auch da; man brauchte sich nur an ihn zu halten, um dorchin zu gelangen und die Sache möglichst unauffällig zu gestalten.
2Iuf dem Sattelplatz herrschte verhaltene Erregung. Etwas davon teilte sich auch Günter mit, wenn er sich auch den Anschein der Ruhe und Gleich- gulttgkett gab. Undeutlich gewahrte er ein paar
Kämpfe kn Betracht ztt ziehen sind. U. 6. totes et dabei auf die wichtigen Faktoren der Unerfchlossen- heit des Kampfplatzes, des Klimas, der Tropenkrant» Heiken, der Verpflegung und des Nachschubs hin, die selbst für die stärkste Armee von größter Bedeutung fein werden.
Sodann wandte er sich der Schilderung der wichtigsten Vorgänge der Kriegführung in Deutsch-Ostafrika während des Weltkrieges zu. Er widerlegte zunächst die weit verbreitete Ansicht, als habe es sich bei dieser Kriegführung nur um die Verteidigung der Kolonie gehandelt, mit der Erklärung, daß keine Rede davon fein könne, diese Verteidigung als K r i e g s z i e l der militärischen Operationen in Deutsch-Ostafrika anzusehen. Man sei sich damals schon in Ost-Afrika darüber klar aewesen, daß über das Schicksal der Kolonie nur auf den europäischen Schlachtfeldern entschieden werden würde.
Als wahres Kriegsziel der Deutschen in Deutsch- Ostafrika zeigte er die Bindung einer zahlenmäßig möglichst großen feindlichen Truppenmacht an die deutschen Streitkräfte der Kolonie, um auf diese Weise möglichst viele überseeische Truppen der damaligen Feindbund- mächte in Afrika festzulegen und so von den europäischen Fronten zur Entlastung der dort schwer ringenden deutschen Kameraden sernzu- halten.
Auf diesem Wege hätten die deutschen Kämpfer in Deutsch-Ostafrika ihren Beitrag zur Erringung des deutschen Sieges leisten wollen. Mit dankbarer Würdigung des gewaltigen Opfermutes unserer deutschen Brüder und Schwestern in Deutsch-Ost- afrika betonte der Vortragende in diesem Zusammenhänge, daß das gesamte Deutschtum der Kolonie, trotz einiger Zweifel hier und da zu Anfang, sich schnell und immer mehr für die große deutsche Sache zur Verfügung gestellt hat und in vollstem Ausmaß unter Preisgabe alles Besitzes und aller Errungenschaften feiner Arbeit alles hergab für den Erfolg des gemeinsamen großen Mühens. Um den Zweck und das Ziel des militärischen Einsatzes, nämlich die Bindung einer großen feindlichen Truppenmacht, zu erreichen, mußte d i e deutsche Truppe den Feind immer wieder anpatfen und ihn mit aller Kraft bedrängen, auch durch den Einmarsch in sein eigenes Gebiet. Im weiteren Verlaufe seines Vortrages konnte der Redner an Hand von einigen Zahlen, die wir weiter unten vermerken, nachweifen, daß das Ziel der deutschen Truppen erreicht wurde.
Außerordentlich fesselnd war sodann die eingehende Schilderung der Verhältnisse hinter der Kampffront der deutschen Streitkräfte. Es wurde dabei erwähnt, daß die Kolonie Deutsch-Ost- afrika doppelt so groß ist wie das ganze Deutsche Reich, aber zu jener Zeit nur 8 Millionen Bewohner hatte. Don dieser Grundlage ausgehend berichtete der General über die vielfachen Schwierigkeiten bei der Sicherstellung der Ernährung der kämpfenden Truppe, über die starken wirtschaftlichen Umstellungen auf dem Gebiete des landwirtschaftlichen Anbaues, über die ungeheuren Schwierigkeiten des Verkehrswesens und des Nachrichtendienstes, da eben
auf allen Gebieten die wichtigsten Voraus- fehungen für die Kriegführung fehlten und überall nur mit den Eingeborenen gearbeitet werden muhte, die der deutschen Sprache unkundig waren.
Trotz aller dieser Schwierigkeiten war die Versorgung der Truppe mit Feldfrüchten bald gesichert, aber die Transportfrage bereitete weiterhin die größten Schwierigkeiten, zu deren Ueberwindung immer wieder neue Maßnahmen getroffen werden mußten. Man hörte weiter, daß für die Verpflegung der Truppe das Land durch die Jagd, aber auch die günstigeren klimatischen Verhältnisse im Norden, im Gebiet des Kilimandscharo, von großem Vorteil und von wesentlicher Bedeutung waren, jedoch in zunehmendem Maße die Sorgen um die Munition sich verstärkten. Der Vorttagende machte ferner mit den vielfachen Behelfsmitteln bekannt, die zur Versorgung der Truppe angewandt wurden, wobei auch die Selbstherstellung von Bier, Rum, Whisky und Kognak erwähnt wurde. Es darf natürlich niemand glauben, daß die Truppe ein geruhsames Dasein geführt und ihre Kraft lediglich zur Lösung der Verpflegungsschwierigkeiten ' gebraucht hätte. Es waren vielmehr ständig Kämpfe, vielfach auch heftige, zu bestehen, um die feindlichen Streitkräfte unablässig zu binden, aber auch von dem Boden der deutschen Kolonie fernzuhalten. Wie
eilige Stallburschen, einen bekannten Trainer. Während er sich auf dem Platz umsah, wurde er aus einer Gruppe sachverständig debattierender Herren heraus angerufen. Er wandte sich um. Es war Schulenburg. Man begrüßte sich und nahm die Unterhaltung wieder auf. Günter hörte, daß „Goldfasan" nicht zum Start erschienen fei, die Gründe dafür waren unbekannt.
Plötzlich trat eine Unterbrechung in der Unterhaltung ein. Hinter Günters Rücken schien etwas vorzugehen, was das Interesse der Herren, bei denen er stand, wachrief.
„Donnerwetter — ist das ein rassiges Geschöpf!" ließ Schulenburg sich anerkennend vernehmen.
„Eine blendende Erscheinung!" stimmte ihm einer der anderen zu. „Wer mag das fein?"
„Die schöne Mia!" gab ein Dritter Auskunft. Ich habe sie im vergangenen Jahre in Baden-Baden gesehen. Leider ist sie stark verheiratet. Was sie aber durchaus nicht hindert, sich von der Männerwelt anschwärmen zu lassen. Ihr Mann ..."
Er verstummte — ein Zeichen, daß Mia Rech- berg näherkam. Günter rührte sich nicht, aber er spürte plötzlich einen Druck in den Schläfen. Er stand mit dem Rücken gegen die Sonne, und doch flimmerte vor feinen Augen das Licht wie von unzähligen, durcheinanderwirbelnden Wellen. Er senkte den Blick zu Boden. Da schob sich auf dem Rasen etwas Dunkles heran, wurde größer, länger — ein Schatten.
Günter hatte das seltsame Gefühl, als ob feine Schultern mit einem Male unglaublich schwer würden.
Jetzt ...!, dachte er. Jetzt ... ! Als erwartete er von rückwärts her einen Angriff.
Es dauerte nur Sekunden, dann hatte er diese merkwürdige Empfindung übewunden. Nun ja, das war Mia — Mia kam — was war schon dabei! Man hatte es ja erwartet, hatte es gewollt. Man würde sich jetzt einfach umdrehen und ihr guten Tag sagen, wie man eben einen bekannten Menschen begrüßt, der einem innerlich nicht sonderlich nahesteht. Oder — wenn man wollte — man konnte auch, den richtigen Augenblick abpassend, sich unauffällig zur Seite drehen und wieder verschwinden, ohne von ihr bemerkt und erkannt zu werden.
i (Fortsetzung fotgii)


