Dienstag, 10 Dezember 1955
185. Jahrgang
Nr. 288 Erstes Blatt
Eichener Anzeiger
Erscheint täglich, anher Sonntags und Feiertags
Hat England Abänderungen gewünscht?
in
Gestärkt durch das in seinem Wert bereits stark umstrittene Vertrauensvotum der Kammer hat der französische Regierungschef sich wieder seinen außenpolitischen Sorgen wid'men können. Sie sind, was den Abessinienkonflikt anbetrifft, inzwischen nicht geringer geworden. Mussolini hat vor der italienischen Kammer mit offenen Karten gespielt. Wenn die französische Presse in den letzten Tagen dem Duce freundlich zugeredet hatte, er solle endlich seine Bedingungen bekanntgeben, so war das nur aus der Hoffnung auf eine
Grund genug für Laval, sich seine unfreiwillige Hilfestellung wenigstens in anderer Hinsicht bezahlen zu lassen. So treibt alles auf eine Reuaufrol- lung der Frage zu, von der die englisch-französischen Verhandlungen im Oktober und November be-
„Morning Post" sagt, die aus Paris gemeldeten Bedingungen haben bei einem großen Teil der Parlamentsmitglieder beträchtliche Mißbilligung verursacht. Die Vorschläge werden in weiten Kreisen als ein am Völkerbund und an Abessinien begangener Verrat kritisiert. „Daily Telegraph" begnügt sich mit der Feststellung, daß das Parlament endgültige Nachrichten mit Sorge erwarte. Der liberale „News Chronicle" meldet, in parlamentarischen Kreisen sei ein Sturm der
W e st e n in der Weise, daß die Garantiemächte der angegriffenen Macht ihren Beistand sicherten und verbürgten. Das Spielen der Garantie hat also die Kläruna der Frage zur Voraussetzung: Wer ist der „Angreife r", und wer hat ihn zu bestimmen? Der Locarnopakt verlangt zu diesem Zweck einen Beschluß des Völkerbundsrates, eben um die Objektivität des Urteils zu gewährleisten. Kann aber von Objektivität noch die Rede sein, wenn die neue Praxis der Bestimmung des Angreifers nach dem Text des Bündnisvertrages den Entscheid bereits im Sinne bestimmter Interessen vorwegnehmen will? Im Bereich des Locarno-Abkommens darf eine Beistandspflicht Frankreichs unter keinen Umständen in Frage kommen, wenn nicht ein provozierter Angriff objektiv erwiesen ist. Insofern steht die Beistandsverpflichtung Frankreichs in Widerspruch mit seinen Verpflichtungen aus dem Locarno-Abkommen! Denn es gibt im Geltungsbereich von Locarno keine einseitige Festlegung von Eventualitäten; werden sie dennoch vorgenommen, so haben sie keinen bindenden und verpflichtenden Charakter.
Der Locarno-Vertrag ist ein lebenswichtiges Instrument für die Aufrechterhaltung des Friedens. Weil Deutschland ihn in seinem Sinn und Zweck erhalten wissen will, hat es. seine Stimme gegen den Russenpakt erheben müssen. Man hat in Frankreich aus den deutschen Einwänden die Absicht herauslesen wollen, die Frage des Regimes der entmilitarisierten Zone neu aufzuwerfen. Das war eine bewußte Entstellung. Es geht Deutschland in Wahrheit darum, eine unverschuldete Bedrohung seiner ungeschützten Westmarken auf dem Umweg über französisch - russische Beistandsoerpflichtungen zu verhindern. Viel eher ist die Frage berechtigt, ob nicht gerade umgekehrt jene Macht, die jetzt zum Abschluß des Bündnisses mit Moskau schreiten will, eine neue Situation im Locarnobereich schafft.
Empörung entstanden. Es heiße, daß der Friedensplan auch auf der Kabinettssitzung scharf b e- anstandet worden sei. Auch sei die Ansicht der Minister geteilt. Im sozialistischen „Daily Herald" wird erklärt, eine gründlichere Niederlage habe es niemals gegeben. Vielleicht würden d i e anderen Völkerbunds st aaten die Lage retten und England und Frankreich zur Zurückziehung ihres Planes zwingen.
Auch bei den Konservativen ein ungünstiger Eindruck.
London, 10. Dez. (DNB. Funkspr.) Die Pariser Meldungen über den angeblichen englisch- französischen Friedensplan, der sehr weitgehende Abtretungen abessinischen Gebietes an Italien vorsehen soll, haben in den Wandelgängen des Unterhaltes ei n e n h o ch st peinlichen Eindruck gemacht, der sich keineswegs auf die Kreise der Opposition beschränkt. Angesichts des Fehlens amtlicher Mitteilungen werden diese Berichte aber als nicht zuverlässig betrachtet. Es wird vielmehr die bestimmte Erwartung ausgedrückt, daß die Einzelheiten des Planes keineswegs so weitgehende Zugeständnisse an Italien enthalten, wie französischerseits behauptet wird.
Der sozialistische Abgeordnete Hugh D a l t o n wird heute im Unterhaus den stellvertretenden Außenminister Eden um eine eingehende Erklärung über den in Paris aufgestellten englisch-französischen Friedensplan ersuchen. Die Berichte aus Paris über den Inhalt der Vereinbarungen haben aber auch bei den konservativen Parlamentsmitgliedern größte Ueberraschung und Unruhe verursacht. So schreibt der Parlamentsmitarbeiter der „Times": Den Ministern waren die aus Paris gemeldeten Einzelheiten des Abkommens Laval-Hoare bekannt. Die Regierung beschloß trotzdem keine Erklärung abzugeben.. Die Unterhaus-Mitglieder haben daraus den Schluß gezogen, daß die Berichte zum mindesten im wesentlichen zutreffend sein müssen. Bei der Mehrzahl der Negierungsanhänger im Unterhaus ist, wie festgestellt werden muß, ein sehr u n g ü n- tigerEindruck entstanden. Man war der Ansicht, daß die Vorschläge, falls sie auch nur annähernd richtig wiedergegeben seien, weit über das hinausgingen, was das Unterhaus zu billigen er- ucht worden fei.
Sicherheit »der Bedrohung?
Don Or. Hans von Malottki.
maß dieser Gefahr wird allerdings erst deutlich unter Berücksichtigung der Konsequenzen, die der jetzt vor der Ratifizierung stehende russisch-französische Pakt in sich birgt, Konsequenzen, wie sie in dieser weitgehenden Form keine andere zwischenstaatliche Abmachung der Nachkriegszei auszulösen im-
Meinungsverschiedenheiten in London.
Das Unterhaus über die angeblich sehr weitgehenden Zugeständnisse der Regierung in dem pariser Friedensplan peinlich überrascht.
falls ohne weiteres zur Aktion zu schreien. Es wird also der Artikel der Völkerbundsatzung, dessen Sinn und Zweck die unparteiische und einwandfreie Bestimmung des Angreifers ist, benutzt, um unter Berufung auf seine Lücke die Entscheidung über den Angreifer in das freie Belieben der beiden interessierten Mächte zu setzen. Aus einer als Sicherung gedachten Völkerbundsvorschrift wird also die Möglichkeit für ein kriegerisches Vorgehen abgeleitet, sofern nur die beiden Mächte sich über den Angreifer „einig" sind. Praktisch wird damit der kombinierte Wille dieser beiden Mächte zum alleim- qen Richter über Europa gemacht; trotz des äußerlichen Bestandes der Genfer Kollektivorganisation wird das Schicksal Europas dem Funktionieren eines Militärbündnisses überantwortet. _ ....
Ein grotesker Zustand! Wie kann von Erhöhung der Sicherheit, von Ergänzung und Ausbau des Völkerbundspakts die Rede fein, wenn das Spielen der Beistandsverpflichtungen abhängig gemacht wird von der ins Belieben der beiden Bündnispartner gesetzten Entscheidung über den „Angreu-r ? Welche Möglichkeiten sich hi-r eröffnen wenn nur erst das Interesse vorhanden ist, gegebenenfalls einen „An- oriff" als Vorwand für d i e Erfüllung der B e i st ° n d s p f l i ch t zu konstruieren, liegt auf der Hand. Schon an sich und °hne die Sub,ek- tioieruna, die der Ruffenpakt in die Bestimmung des Angreifers hineinträgt, handelt es sich um em ebenso schwerwiegendes wie heikles Thema. Im Abessinienkonflikt z. B. nahmen bekanntlich b e i d e Parteien das Recht des Angegriffen für sich m Anspruch. Schon im sozusagen normalen Verfahren und bei allseitigem Willen zur Objektivität ist also dis gerechte und objektive Urteilfmdung mehr als schwierig. Wie kann aber überhaupt noch die Möglichkeit zur Objektivität vorhanden sein, wenn lediglich der interessierten Deutung Tür und Tor geöffnet
Zustimmung des Kabinetts.
Eden fährt am Mittwoch nach Genf.
London, 10. Dez. (DNB.) Das englische Kabinett soll am Montagabend beschlossen haben, den in Paris von Laval und Hoare ausgearbeiteten Friedensvermittlungsvorschlag zu unterstütze n. Die Vorschläge, die die Grundlage einer freundschaftlichen Vereinbarung bilden sollen, müssen jetzt der itali enischenund der abessinischen Regierung zur Erwägung und dem Völkerbund zur Entscheidung unterbreitet werden. Es wird davon gesprochen, daß der Achtzehner-Ausschuß des Völkerbundes vielleicht schon am Mittwoch, d. h. einen Tag früher als vorgesehen, zusammentreten werde, um zu erwägen, ob diese neue Bemühung um eine friedliche Regelung einen Aufschub weiterer Sühnemaßnahmen rechtfertige. In den Wandelhallen des Unterhauses waren Gerüchte im Umlauf, daß der Völkerbundsmini st er Eden zurückgetreten sei. Diese Gerüchte werden von maßgebender Seite für unzutreffend erklärt. Eden, der während des Urlaubs Hoares stellvertretender Außenminister ist, wird seine Regierung im Achtzehner-Ausschuß vertreten.
London, 10. Dez. (DNB. Funkspruch.) Nach einer Reuter-Meldung aus Paris soll das britische Kabinett den von Hoare und Laval vereinbarten Friedensplan im wesentlichen gebilligt, aber gewisse A b-ä n d e r u n g e n von Einzelheiten vorgeschlagen haben. Man habe die lieber» zeugung, daß diese kleinen Meinungsverschiedenheiten beseitigt werden können, falls dies nicht schon geschehen sei. Mussolini werde daher am Dienstag iMi den französisch-britischen Vorschlägen KeniMnis erhalten. Der brittsche Außenminister Sir Samuel Hoare sei von den Ansichten seiner Kobinettskollegen vor seiner Besprechung nut Laval genau unterrichtet gewesen; er hatte also niemals seine Zustimmung zu einer Vereinbarung gegeben, die im Widerspruch zur Politik seiner Kollegen gestanden hätte.
„Daily Telegraph" meldet aus Paris, die Vorschläge umfaßten eine mäßige Berichtigung der italienisch - abessinischen Grenze und 6ie Bildung einer mit Vorrechten ausgestatte- ten Gesellschaft zur Entwicklung einiger fruchtbarer Gebiete Abessiniens nördlich von Kenya bis zum Rudolf-See. Mit Rücksicht auf den bestimmten Wunsch Lavals und Hoares müßten die genauen Einzelheiten des Friedensplanes der Oeffentlichkeit noch vorenthalten werden, doch könne gesagt werden, daß die in Aussicht genommenen Grenzberichtigungen nicht sehr weitgehend seien. Es treffe schwerlich zu, daß die vermittelnden Regierungen die Abtretung der ganzen Provinz Tigre an Italien vorschlagen würden. Einer solchen Bedingung würde der Negus wahrscheinlich nur unter dem Druck bewaffneter Intervention zustimmen. Anderseits sei durchaus anerkannt worden, daß ein Teil von Tigre bereits von der italienischen Armee besetzt worden sei und daß keine Streitkräfte zur Verfügung ständen, mit deren Hilfe sie wieder hinausgetrieben werden könnten.
In amtlichen Kreisen habe am Montag vor allem größte Befriedigung darüber geherrscht, daß die britische und die französische Politik für die künftige Behandlung aller europäischen Fragen wieder vereinigt worden sei. Frankreich habe England die Zusicherung gegeben, daß im Falle eines italienischen Angriffs auf England französische Hilfe unverzüglich verfügbar sein werde. Ebenso sei erklärt worden, daß Frankreich die Anwendung einer Oelsperre gegen Italien unterstützen werde, falls Mussolini die jetzige Gelegenheit zu einer Vereinbarung a b l e h n e.
Paris in gespannter Erwartung.
Paris, 10. Dez. (DNB. Funkspr.) Der „Pe- tit Parisien" schreibt, daß Eden selbst durch einen Telephonanruf am Montagabend das französische Außenministerium über die Entscheidung des englischen Kabinetts verständigt habe, lieber die Einzelheiten der englischen Kabinettssitzung haben auch die gewiegtesten Sonderberichterstatter der Pariser Presse augenscheinlich wenig erfahren können, da die Londoner amtlichen Kreise strengstes Stillschweigen bewahren. „Oeuvre" meldet aus London, daß Eden und Neville Chamberlain den Pariser Plan zwar nicht nötig nach ihrem Geschmack gefunden hätten, trotzdem seien die Aenderungen, die Peterson mit nach Paris bringe, nur Formsache.
„Jour" hat den Eindruck, daß Rom zu Verhandlungen geneigt scheine. Man frage sich außerdem in Rom, ob nicht der Vatikan eine schätzenswerte Mitarbeit leisten könne. Der Papst könne aus Anlaß des Weihnachtsfestes einen Waffenstillstand, eine Art (Bottesfrieben, herbeiführen. Dann werde der Völkerbund sich einer Lage gegenüberfinden, die ihm gestatte, über eine Einigung zu verhandeln.
„Italien wird seine Interessen dis znm äußersten verteidigen/
Rom, 9. Dez. (DNB.) Der feierlichen Eröffnungssitzung des Senats wohnten der Kronprinz und weitere Mitglieder des Königshauses bei. Senatspräsident Federzoni begrüßte sie mit dem Hinweis, die Welt möge wissen, daß das italienische Volk mit seinem Königshaus unlösbar verbunden sei. Ebenso starken Beifall fand Federzoni für seine an Mussolini gerichteten Begrüßungsworte, in denen er das grenzenlose Vertrauen des italienischen Volkes zu Mussolini und seiner Politik zum Ausdruck brachte. Großadmiral Thaon de Revel wies unter stürmischem Beifall darauf hin, daß er im Krieg die italienische Flotte in „brüderlicher Zusammenarbeit" mit den Flotten Frankreichs und Englands befehligt habe und es niemals für möglich gehalten hätte, daß die englische Flotte im Mittelmeer gegen Italien zusammengezogen werde und daß zwischen Frankreich und England gegen Italien gerichtete Abmachungen Zustandekommen könnten. Italien werde die Sache seiner Ehre und seiner Zukunft nicht aufgeben.
Mussolini erklärte, der Senat zeige, daß er a u f der Höhe der Aufgaben stehe, die der
wird? Es hieße ja geradezu, Anspruch auf Anerkennung politisch-diplomatischer Unfehlbarkeit erheben, wenn die Notwendigkeit von Maßnahmen Dritter gegenüber allein von der eigenen Interpretation abhängig gemacht wird. Ist etwa gar Herr Laval der Ansicht, daß der bolschewistische Bündnispartner besonders geeignet für die objektive Behandlung solcher heiklen Probleme und Situationen ist? Welch ein bestürzender Widersinn, welche unbegreifliche Verblendung! Ausgerechnet der Staat, der mittels der Komintern sich in anhaltendem Angriff auf die Kulturwelt befindet, soll zum Richter über d i e Angriffsbestim- m u n g eingesetzt werden! Der Zerstörer jeder Dölkerrechtegerneinschast als Wächter über das Völkerrecht!
Hier enthüllt sich die europäische Situation, trotz aller Kollektivitätsphrasen, eindeutig als Z u - st and absoluter Bedrohung. Der Russen- pakt, weit entfernt, ein Defensivbündnis lediglich zur Erhöhung der allgemeinen Sicherheit zu sein, unterminiert und zerstört jede wahre Sicherheit, und die französische Politik beginnt nichts geringeres, als dem Bolschewismus ein weiteres willkommenes Offensivinstrument in die Hände zu spielen. Dieses Vorgehen ist um so gefährlicher, als nun gar noch Dritten zugemutet wird, jede etwaige Angreiferbestimmung der beiden Bündnispartner als bindend und verpflichtend anzuerkennen und sich ihrem subjektiven Urteil zu fügen. Es wird also nicht nur die Bestimmung des Angreifers der unparteiischen und einwandfreien Feststellung entzogen, sondern obendrein noch verlangt, daß diese Entscheidung akzeptiert wird.
Falls also im Osten ein Konflikt mit Sowjetrußland ausbrechen und Deutschland als „Angreifer" bezeichnet würde, sollte Frankreich im Westen marschieren. Der Einbruch in das Locarno- Abkommen liegt auf der Hand. Der Grundgedanke von Locarno öar Friedenssicherung im
Sinnesänderung des italienischen Regierungschefs erklärlich. Denn diese Bedingungen sind ja feit Beginn des Konfliktes fast die einzig b e - kannte Größe gewesen. Daß sie auch heute noch in vollem Umfange gelten, diese neuerliche entschiedene Versicherung scheint trotz aller Stimmungsmache nicht nur der sachliche Kern der Kammerrede, sondern auch symptomatisch für den schier ausweglosen Stand der Dinge zu sein, — auch der Laval- schen Schlichtungsbemühungen. Und unter diesen Umständen ist die volle lieberein ft immun g Englands und Frankreichs, in deren Zeichen der Pariser Besuch Sir Samuel Hoares stand, für Herrn Laval weit weniger angenehm als für die zielstrebige englische Politik. Der Kollektivitätsapparat, bisher Domäne der Franzosen, spielt ***** diesem Falle zugunsten der britischen Macht.
and genug für Laval, sich seine unfreiwillige
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer
Beilagen: Die Illustrierte A A A >▲ A A A A AÄ WH AA A A A A^_ A AA bi-.8st.Uhr des Vormittag,
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STG General-Anzeiger für Oberhe en MWW
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8tan«u°rt Main 11686 Druck uttb Verlag: vriihl'fche llniverfitätsvuch- und Steindruckerei R. Lange in Stehen. Schrifileitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7 Meng-natffchtüff-Staffel 3
reite einen Vorgeschmack gaben: d i e automatische Hilfe Englands, falls Frankreich sich auf dem Kontinent „bedroht fühlt".
lieber diesen Fragenkomplex liegt bis heute ein merkwürdiges Dämmerlicht. Wird die englische Politik sich auf den gefährlichen Weg einseitiger Abreden für gewisse, nur zu bekannte „Eventualfälle" begeben? Wird sie ihre bisher eifersüchtig gehütete Urteils- und Handlungsfreiheit aufgeben, — noch dazu dort, wo ihr diese Freiheit der Entscheidung durch ihre Eigenschaft als Bürge von Locarno zur Pflicht gemacht ist?
i Es ist offensichtlich, daß Herr Laval an England dasselbe Ansinnen stellt, das i m russisch - französischen Beistandspakt bereits bedrohliche Wirklichkeit geworden ist: jene kollektive Sicherheit preiszugeben, die die französische Politik zwar stets im Munde führt, die aber in der Praxis gerade von der Seite dieses ihres eifrigsten Verfechters unterminiert wird. Don den allgemeinen Gefahren, die Frankreich mit der „Rückkehr Moskaus nach Europa" für die europäische Staatenwelt heraufbeschworen, von der besonderen Struktur des Bolschewismus als Partner, ist kürzlich schon die Rede gewesen. Das ganze Aus
stande ist. i
Die wahlberechtigten und wohlerwogenen deut- । sehen Bedenken gegen diesen Pakt sind in Frank- ; reich bisher immer mit dem Hinweis auf feinen ; Einbau in Öen Völkerbundspakt abgetan worden. Aus dieser seiner Vereinbarung mit der Genfer Satzung, so hieß es, ergebe sich am schlagendsten nicht nur sein friedlicher, sondern auch fein frieden- und sicherheitsfördernder Charakter; denn er fülle eine .Lücke" dieser Genfer Satzung aus und sei ebendeshalb ein besonders wertvolles Sicherheitsinstrument. Nicht nur in Frankreich, sondern leider auch in England ist es deshalb üblich, die deutschen Einwände als Ausdruck einer verdächtigen, unfriedlichen Gesinnung hinzustellen und Deutschland mangelnden europäischen Gememschafts- bewußtseins oder dunkler Absichten zu zeihen. Welche eine — absichtliche und unabsichtliche — Verkennung der Situation! Sollte das diplomatische und juristische Raffinement, das dtesen Pakt zweifellos kennzeichnet, allein daran fajulö fein? Eine Entschuldigung für diejenigen, die sich noch ehrlich um die Fundierung der Kollektwltats- idee und nicht um Möglichkeiten ihres Mißbrauches — bemühen, wäre das sicherlich nicht. Denn entscheidend ist nicht die Geschicklichkeit, die die formale Uebereinftimmung zwischen Vertragstext und Dölkerbundssatzung raffiniert zu wahren verstand. Entscheidend ist vielmehr, daß Paris und Moskau die Möglichkeit haben, sich gegebenenfalls über -en Völkerbund, und gerade unter Ausnützung der einschlägigen Paragraphen des Dölker- bundspaktes, hinwegzusetzen. Entscheidend ist, daß Bestimmungen der Genfer Satzung, die den Zweck haben, Zusammenstöße zu verhindern, mißbraucht werden, um sie durch Berufung auf ihren eigenen Text gerade unwirksa m zu machen und damit also Zusammenstöße und Konflikte erst eigentlich zu erleichtern und zu ermöglichen.
Die Handhabe bietet das Kernstück des Russenpaktes, die dort getroffenen Vorkehrungen zur Best i m m u n g d e s Angreifers. Der Volker- bundspakt verlangt bekanntlich einen e i n (t i m m i - a e n Beschluß des Rates, der sich darüber ausspricht, wer in einem Konfliktefall der Angreifer ist. E r st dann besteht für die Mitgliedsstaaten bie Pflicht, gegen den Paktbrecher vorzugehen. Der Russenpakt nun zielt auf die berühmte Lucke in der Satzung ab, d. h auf den Fall, daß die Mitgliedsstaaten im Falle der Ni ch tei nstimm. g- teil gemäß her Satzung, freiejandhtnsicht. lirfi ihres Verhaltens gewinnen. Für diesen Fall sind die beiden Paktpartner entschlossen, gegebenen-


