Ausgabe 
10.9.1935
 
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Nr. 211 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 10. September 1935

Oer Versicherungsschutz des Jägers

Darmstadt erfolgte.

Die Kreisringleitung.

im Ausland eingeholt werden muß und auch bei Auslandsreisen rein fachlichen, nichtdienstlichen Cha­rakters die amtlichen Vertretungen des Reiches über die Anwesenheit amtlicher Persönlichkeiten unter­richtet werden sollen, liegt es im Interesse einer rechtzeitigen Entscheidung, daß derartige Anträge so frühzeitig wie irgend möglich gestellt werden. Dies gilt in besonderem Maße für Reisen in die Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken und in überseeische Länder. Anträge sind mir nur auf dem Dienstwege mit einer gutachtlichen Aeußerung des Dienststellenleiters vorzulegen.

Seltener Vogelbesuch in Gießen.

Aus unserem Leserkreis wird uns berichtet: In diesen Tagen hat man auf dem Gelände der Eis­bahn Gelegenheit, zwei für unsere Gegend seltene Vögel beobachten zu können und zwar den an den Meeresküsten heimischen Alpen st randläufer und den zu den Wasserläufern gehörigen Rot­schenkel.

Landwehrvereinigung 116.

Am Samstag hielt die Vereinigung der Ange­hörigen des ehemaligen Landwehr-Jnfanterie-Regi- ments 116 imWürttemberger Hof" ihre dies­jährige D i t r y - F e i e r ab. Vor 21 Jahren, am 8. September 1914, erhielt so schreibt man uns unser Regiment durch sein Eingreifen in die Marne­schlacht die Feuertaufe. Drei Tage lang kämpfte bei Vitry-le-Fran^ais die hessische Landwehrbrigade (L.-J.-R. 116 und L.-J.-R. 118) gegen überlegenen Feind und errang, trotzdem sie damals noch nicht mit Maschinengewehren ausgestattet war, große Erfolge, verlor allerdings auch über ein Sechstel ihres Bestandes durch Tod und Verwundung. Der Tag von Vitry wird von der Gießener Landwehr­vereinigung seit ihrem Bestehen (1920) als ein Tag des stolzen Gedenkens an die Gefallenen begangen.

Kamerad Wilhelm B o p f, der bewährte, un­ermüdliche, langjährige Führer derGießener Land­wehr", begrüßte die zahlreich erschienenen Kamera­den, größtenteils Mitkämpfer von Vitry, und ge­dachte der vielen Toten des Regiments in der

Aus der Provinzialhauptstadt.

Oie Drachen steigen.

Die Getreidefelder stehen leer. Hier und da läßt der Landmann den Pfug über den Acker yehen, um ihn für die neue Saat herzurichten. Jetzt ist für die Buben wieder die schöne Zeit des Drachensteigens gekommen.

Beim Brombeerpflücken sahen mir dieser Tage den ersten Drachen am blauen Spätsommerhimmel stehen. Einige Buben standen auf der Wiese und hielten die lange Schnur. Hoch oben in der Luft schaukelte leise der große Drachen. Bald erhob sich nicht weit von ihm entfernt ein zweiter, kleinerer, der auch in der Form zierlicher war. Zunächst schwankte er ganz verdächtig, manchmal flieg er seitwärts, manchmal schien es, als ob er wieder zur Erde wollte, dann aber machte er einen Sprung und schoß stolz in die Höhe.

Wie große Vögel lagen die Drachen in der son­nendurchfluteten Luft. Ein wundervolles Bild! Drunten im Tal kahle Stoppelfelder und abge­mähte Wiesen, nur das Grün der Rüben leuchtete noch in alter Kraft. Sonst sah man überall den scheidenden Sommer. Einzelne weiße Fäden wur­den schon durch die Luft getrieben ...

Droben am wolkenlosen Himmel lagen die stolzen Drachen...

Da kam ein stärkerer Windstoß und brachte den kleinen Drachen aus dem Gleichgewicht oder hatte der Junge unten zu heftig gezogen? Er machte noch allerlei Versuche, um den Drachen in der Höhe zu halten. Vergeblich. Er trudelte ab und landete in einem Kartoffelacker. Da konnten auch wir uns nicht mehr halten und liefen hinzu. Da mußten wir dabei sein.

Dem Drachen war nichts geschehen. Vielleicht saß der Schwanz nicht an der richtigen Stelle? Vielleicht war er zu leicht? Wir redeten zusammen mit den Buben, die ihrfachmännisches" Urteil abgaben.

Der Drache war sehr schön bemalt. Eine auf- aehende Sonne mit einem Lindwurm, dem die feurige Glut nur so aus dem Rachen schoß, waren darauf gemalt. Aha, die Buben hatten die Sage von Siegfried gelesen. Der kleine Besitzer erzählte, daß er alles selbst gemacht hätte.

Nachdem die Sache mit dem Schwanz in Ord­nung gebracht worden war, nahm ihn ein anderer Junge, lief einige Meter ins Feld hinein, ließ dann die Schnur locker und lang, und der Wind hob den Drachen wieder in die Höhe. Er stieg und stieg und stand bald über dem ersten Drachen, der immer noch in stolzer Ruhe am Himmel stand.

Ach, wer doch das könnte, nur ein einziges Mal!" Standen diese Verse nicht in unserm Lese- buch? Sie kamen mir plötzlich in den Sinn...

Deutsche Beteiligung

an internationalen Veranstaltungen.

Die Landesregierung Abteilung II hat allen Unterstellten Behörden den nachstehenden Erlaß zur Kenntnis gebracht:

Der Herr Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung macht in einem Erlaß vom 12. August 1935 darauf auf­merksam, daß seinem Amtsbereich unterstehende Per­sönlichkeiten, die zu Vorträgen oder Veranstaltungen im Ausland aufgefordert worden sind oder an aus­ländischen internationalen Kongressen und Veran­staltungen ähnlicher Art teilnehmen wollen, vom Ausland oder von internationalen Einrichtungen an

öffentlichen Dienst angesehen, ein Ruhen der 93er- sorgungsgebührnisse tritt also aus Anlaß des Be­zuges von Uebungsgeld usw. nicht ein. Auf die Weitergewährung eines Ruhegehaltes, das einem Offizier nach zehnjähriger Dienstzeit auf Lebenszeit zuerkannt worden ist, einschließlich etwaiger Kriegs­beschädigten-, Verstümmelungszulagen, hat die Er­nennung zum Offizier des Beurlaubtenstandes gleich­falls keinen Einfluß. Das zeitlich begrenzte Ruhe­gehalt, das beim Ausscheiden nach weniger als zehnjähriger Dienstzeit gewährt worden ist, fallt jebod) weg, wenn und solange die uneingeschränkte Dienstfähigkeit wieder hergestellt ist. Der auf Grund des Wehrmachtoersorgunggesetzes erworbene An­spruch auf Ruhegehalt oder Uebergangsgebührnisse bleibt allen in den Beurlaubtenstand übergeführten Soldaten erhalten.

Der rund 20 Zentimeter große Alpen strand- l ä u f e r, mit fast weißer Unter- und graubrauner Oberseite als Winterkleid (das Hochzeitskleid ist noch durch einen tiefschwarzen Bauchschild geschmückt), brütet an den deutschen Meeresküsten regelmäßig. Zur Zugzeit im Herbstmonat (September) erscheint er auch im Binnenlands auf kurzrasigen Wiesen und Weiden mit Tümpeln, deren Schlammränder von seinem weichfühligen Schnabel fleißig auf Nahrung untersucht werden. Das tut er auch eifrig an den Tümpeln und kleinen Teichen der Eisbahn. Erkennt­lich ist der zierlich trippelnde Vogel an seinem eleganten und schneidigen Fluge. Die sichelförmigen Flügel werden in langen Zwischenpausen scharf be­wegt und nach ausgeführtem Schlag dem Körper sehr nahe gehalten. Die ersten Schwungfedern liegen dem Körper dann fast parallel. Nimmt man dieses Flugbild einmal aufmerksam auf, so ergibt sich ein gutes Kriterium zum Ansprechen dieser Art. Der Ge­sang des Alpenstrandläufers ist, wie der der Strand­läufer überhaupt, ein angenehmes Pfeifen, das wäh­rend des Fliegens etwas schärfer klingt als zur

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Rheinfahrt am Sonntag, 15. September.

Wir veranstalten am Sonntag, 15. September, die letzte Rheinfahrt. Für diese Fahrt sind noch Plätze frei. Die Anmeldungen müssen bis Mittwoch, 11. September, erledigt werden. Fahrpreis mit Dampferfahrt und Mittagessen 5,50 Mark. Zeit der Abfahrt wird noch bekanntgegeben.

Eportkurse »Kraft durch Freude".

heute folgende Kurse:

Von 18.30 bis 20 Uhr, Allgem. Körperschule auf dem Universitätssportplatz. Von 21 bis 22 Uhr, Reiten in der Reitschule Schömbs.

Achtung! Reue KdI.-Schwimmkurfe!

Das SportamtKraft durch Freude" hat einen weiteren Schwimmabend eingerichtet, an dem zwei Kurse stattfinden.

Für Frauen und Männer gemein­sam: Freitags von 20.30 bis 21.30 im Volksbad.

Nur für Frauen! Freitags von 21.30 bis 22.15 Uhr. Dieser Kursus, der nur den Frauen Vor­behalten ist, wird von einer Schwimmlehrerin ge­leitet.

Lernt Schwimmen mitKraft durch Freude".

Laudschastöbund Volkstum und Heimat

Die fälligen Beiträge für das laufende Geschäfts­jahr müssen möglichst bald auf das Konto 19 858, .Postscheckamt Frankfurt a. M., eingezahlt werden. Direkte Ueberweisungen aus das Konto 44 066 müssen dem Kreisgeschäftsführer, Herrn Dem, Gießen, Wartweg 72, mitgeteilt werden, damit eine ordnungsmäßige Abrechnung erfolgen kann.

Die Beiträge fürDer junge Heimatfreund" müssen ebenfalls umgehend auf Konto 19 858 ein­gezahlt werden, auch wenn die Bestellung direkt in

sie ergangene Einladung nur mit seiner Genehmi­gung annehmen und Auslandsreisen, die aus dienst­licher Veranlassung erfolgen oder in Beziehung zu der dienstlichen Stellung stehen, nur mit seiner Zu­stimmung durchführen dürfen. Er behält sich die alleinige Entscheidung in allen Fällen dieser Art vor.

Ich'gebe Ihnen hiervon Kenntnis und beauftrage Sie, die Ihnen unterstellten Beamten usw. entspre­chend zu benachrichtigen. Sämtliche Anträge, die Ihnen vorgelegt werden, sind mir zur Weitergabe an den Herrn Reichserziehungsminister unverzüglich vorzulegen. Da aus außenpolitischen Gründen in -----

vielen Hüllen die vorherige Stellungnahme des Aus- Paarungszeit, wärtigen Amtes oder der amtlichen Vertretungen Der 28 Zentimeter große Rotschenkel, nut

Die deutsche Jägerschaft hat durch die national­sozialistische Gesetzgebung eine Ordnung erhalten, insbesondere durch das Reichsjagdgesetz vom 3. Juli 1934, die sich im laufenden Jahre zum ersten Male voll auswirkt. Durch diese umfassende Regelung wurde auch die gesetzliche Voraussetzung für den Jagd Haftpflicht - Versicherungsschutz geschaffen.

Um über die Ausführungsbestimmunyen der Ver­ordnung vom 27. März 1935 zum Reichsjagdgesetz vom 3. Juli 1934 völlige Klarheit zu schaffen, wurde vom Reichsjägermeister nach Fühlungnahme mit dem Verband der privaten Unfall- und Haftpflicht­versicherer und im Einvernehmen mit dem Ver­band der öffentlichen Unfall- und Hastpflichtversiche­rungsanstalten eine Anordnung getroffen, die sich auf das Verfahren des nachzuweisenden Versicherungsschutzes bezieht und es nach einem einheitlichen Schema regelt. Die danach aus- aestellte einmalige Bestätigung des Versicherers gilt für die ganze Lausdauer der Versicherung.

Dieses Schema enthält außer der Bescheinigung über das Bestehen der Haftpflichtversicherung An­gaben über die Höhe der Deckungssummen, die für Personenschaden 150 000 Mark und für Sachschaden 15 000 Mark betragen. Die Versicherung erstreckt sich nicht nur auf die Ausübung b e r Jagd, sondern auch auf den Besitz und den Ge­brauch von Waffen und Munition außerhalb der Jagd auch bei der Teilnahme an den gesetzlich vorgeschriebenen Uebungs-, Pflicht- und Preisschiehen.

Die von den Versicherungsverbänden im Einver­nehmen mit dem Reichsjägermeister festgesetzten Prämien für die Haftpflichtversicherung von

einer Flugbreite von einem halben Meter, ist sofort an seinen roten langen Beinen erkenntlich, auf denen er sehr vorsichtig und gravitätisch an den Rändern von Sumpfwiesen schreitet. Hier sucht er nach kleinen Würmern und Insektenlarven; gelegent­lich verspeist er auch Kaulquappen. Im Fluge hält er, wie das auch der Alpenstrandläufer tut, die sichelförmig gebogenen Flügel dem Körper nach aus­geführten Schlag parallel. Die grauen Flügel mit weißen Spitzen leuchten hell auf, wenn der Vogel in geschickten Wendungen und reißendem Sturzflug auf die Wasseroberfläche schießt, um sich dann plötzlich abzufangen.

Der Vogelfreund sollte nicht versäumen, diese schönen und fluggewandten Vögel zu beobachten.

Oie Wiedersehensfeier der 76. Veserve-Oivision in Gießen. Wie bereits berichtet, ruft die 76. Reserve-Division ihre Angehörigen zu einer Wiedersxhensfeier am 28. und 29. September nach Gießen auf. Gießen wurde gewählt, weil es günstig zu den Gebieten liegt, in denen die Angehörigen der Division woh­nen. Aber noch ein anderer Gedanke hat zur Wahl von Gießen geführt: Es ist die erste Zusammenkunft nach der Wiederherstellung der Wehrhoheit Deutsch­lands. Das Gießener Regiment, das auf die Pflege einer engen Verbindung mit den Angehörigen des alten Heeres immer schon großen Wert gelegt hat, wird auch diesmal zum Gelingen der Wiedersehens­feier beitragen. Der Festausschuß läßt daher noch­mals an alle Angehörigen der 76. Reserve-Division den Ruf ergehen, sich vollzählig an dieser Wieder­sehensfeier 'zu beteiligen. Meldung an Kamerad Fischer, Gießen, Neuen Säue 29.

Versorgungsgebührniffe während der Veserveübung.

Wenn jemand eine Hebung im Beurlaubtenstande ablegt, so werden ihm die Versorgungsgebührnisse weiter gezahlt, die ihm nach dem Reichsversorgungs- yesetz zustehen. Wird ein Uebungsgeld oder sonstige ähnliche Bezüge gewährt, so werden diese Bezüge nicht als Einkommen aus einer Verwendung im

Jägern betragen: für Jäger, Jagdpächter und Jagd­veranstalter ohne Hund oder mit einem Hund 12,90 Mark, für jeden weiteren Jagdhund 6 Mark.

Eine wesentliche Vergünstigung besteht für Förster, Forstbeamte, Hilfsjäger und Feldhüter. Diese beruflich dem Jägerstande angehörende Gruppe hat eine Prämie von nur 9 Mark zu leisten, wobei Jagdhunde ohne Rücksicht auf deren Zahl einge­schlossen sind.

Die nach den allgemeinen Rechtsgrundsätzen von der Versicherung ausgeschlossene Haftpflicht aus vorsätzlicher Beschädigung oder Tötung fremder Hunde und Katzen, die im Jagd­revier betroffen werden, kann gegen Zahlung eines Zuschlages von 2,50 Mark insoweit eingeschlossen werden, als die Beschädigung oder Tötung nicht bewußt widerrechtlich erfolgt.

Die Versicherung erstreckt sich entsprechend dem Lauf des Jagdjahres auf die Zeit vom 1. April bis 31. M ä r z. Für die im Laufe eines Jahres beantragten Versicherungen ist grundsätzlich die volle Jahresprämie zu leisten.

Für T a g e s j a g d s ch e i n e, die für die Dauer von fünf aufeinanderfolgenden Tagen gelten, ist unter Ausschließung der Hundehaltung eine Prämie von 2 Mark einschließlich Versicherungssteuer fest­gesetzt.

Der Jagdhaftpflicht-Versicherungsschutz ist damit durch das sachdienliche Zusammenwirken zwischen Staat und Versicherungen in einer Weise geordnet worden, die den Interessen der deutschen Jäger­schaft entspricht. Der bevorstehende Beginn der Herbstjagdzeit läßt es geboten erscheinen, auf diese Regelung erneut hinzuweisen.

Gartenriesen.

Von Peter Bauer.

Als der Schrebergärtner die mandelgroßen Sa­menkerne an der Sonnenseite des Komposthügels einbettete, wußte er, warum er ihnen einen beson­deren Platz gab. Der Kürbis ist eine Kraftnatur von hemmungslosem Ausbreitungsdrang, der kein fremdes Recht auf Raum anerkennt und rücksichts­los errafft und erobert, solange sein wild wuchern­des Wachstum nicht eingedämmt wird.

Als die herzförmigen Blätter handgroß und die kriechenden Stengel fingerdick geworden waren, konnte sie nichts mehr an der völligen Besetzung des Hügels hindern. Die gelben Blüten leuchteten über der ganzen Oberfläche sieghaft auf und boten den Bienen in ihren geräumigen Bechern vom Ueberfluß ihrer verschwenderisch gebrauten Safte. Oft tummelten sich zwei, drei Zecher zusammen in einem honigtriefenden Trichter. Dafür mußten sie sich einstauben lassen, als seien sie in Goldmehl gefallen und wurden in die nächsten Narbenblüten gelockt, die ihnen die ersehnte Liebesgabe säuberlich aus dem Wams bürsteten. Und während erbsen­große Früchte zu Walnußdicke anschwollen, ver­doppelten und verdreifachten die Blätter ihren Um= fang, und die Strünke schoben sich weiter über den Boden fort, bereit ihre spiraliaen und federstarken Ranken wie Anker auszuwerfen und sich festzu­winden, wo immer sich, eine Gelegenheit dazu bot. Jeder Unkrautstengel, jeder Stein mußte sich die Umklammerung gefallen lassen, wenn sie dem im­mer mächtiger werdenden Geflecht als Stützpunkte dienen konnten. Als die Spitzen der Stengel, die wie im Wettlauf dem Zaun zustrebten, das Lager- nitter erreicht hatten, zwängten sich einige ohne Aufenthalt durch, die andern, deren stracke Blätter sich sperrten, bäumten sich auf und begannen das Hindernis zu überklettern. Das alles schien spiele­risch leicht 3U geschehen. Denn nirgends löste diese Kraftvergeudung einen Rückschlag auf das Wachs­tum der Früchte aus. Die schwollen unaufhaltsam und prangten prall wie riesige Ostereier in den grünen Nestern des Geflechts. Bald hatten sie die Größe von Kindsköpfen und Fußbällen erreicht und noch immer nahmen sie zu an strotzender Fülle und Gestrasstheit, zumal der Gartner den Eilmarsch der Ausbrecher jäh unterbrach, indem er die Triebe ab­schnitt.

Aber einer der gelben Kolosse liegt nun vor dem Zaun wie ein vergessenes Riesenspielzeug, das jeden L«M»rgehenden anlacht und zum Mitnehmen lockt.

Wie eine Wunderkugel aus einem Märchen. Die Menschen beginnen erst jetzt die Kraft und Un- bändiakeit des Kürbis zu ahnen, der in feiner Ueberfchwenglichkeit die tropische Abstammung nicht verleugnen kann.

Ein kleines Mädchen geriet darob in Tränen, als es sich märchengläubig und mit großen Augen nach dem goldenen Ball bückte und den unüber­windlichen Widerstand empfand, da es ihn mit zu- packenden Händen halten und zu sich heben wollte.

»Lockspitzel Asew."

Ein paar Takte der Marseillaise und der russischen Zarenhymne deuten zu Beginn dieses Films musi­kalisch die gegnerischen Fronten an, die sich da in einem erbitterten Krieg im Dunkel gegenüberstehen: die Handlung spielt vor etwa drei Jahrzehnten im alten, kaiserlichen Rußland, in Petersburg vor allem, wo in der Zentrale der berüchtigten Ochrana" die Fäden eines über das ganze riesige Land sorgfältig ausgebreiteten und vielfältig ver­zweigten Polizeisystems zusammenlaufen, und wo, anderseits, das Exekutivkomitee der revolutionären, antizaristischen Bewegung geheim und unermüdlich seine Aktionen vorbereitet. Zwischen beiden Fron­ten und in beiden Lagern zugleich erscheint die unheimliche und abenteuerliche Doppelexistenz eines Mannes, der unter verschiedenen Namen bald hier, bald dort auftaucht und eine Zeitlang über eine unbegrenzte und fast unangreifbare Macht ver­fügt. Das Urbild dieser Filmgestalt soll übrigens, wie man im Programmheft erfahren kann, nach seiner Entlarvung und nach langen Irrfahrten durch aller Herren Länder 1910 in Berlin einen Unterschlupf gefunden haben:Als Alexanver Neu- maier bezog er eine Wohnung in Wilmersdorf und richtete feiner Geliebten dort ein Korsettgeschäft ein, das er mit einer geradezu bewunderungswürdigen Umsicht und Geschicklichkeit leitete. Niemand hätte in ihm den gefährlichen Polizeispitzel wiedererkannt, der als Revolutionär Attentate inszenierte, um sie gleichzeitig wieder an die Ochrana weiter zu leiten." Dem Regisseur Phil. Jutzi ist es gelungen, nicht nur die in der Fabel liegenden dramatischen Spannungsmomente überzeugend und nachdrücklich herauszuarbeiten; er erfaßt auch Umwelt und Schauplätze sicher und stilgerecht und schafft, vor allem durch die geschickte Einflechtung russischer Ge­sänge und Tänze, die eigentümliche Atmosphäre der längst verschollenen Welt des alten kaiserlichen Ruß­land. In der Titelrolle sieht man Fritz Rasp; man kennt ihn aus ähnlichen Aufgaben und von ähn­

lichen Schauplätzen her (am besten in denBrü­dern Karamasoff"). Er gibt der wahrhaft unheim­lichen und abstoßenden Erscheinung dieses Mannes einen beklemmend realistischen Umriß. Die T s ch e- ch o w a besticht diesmal durch ein sehr verhaltenes Spiel und durch den schwermütig-sanften Gesang eines russischen Wiegenliedes, während Hilde von Stolz (bekannt ausMaskerade") die pikante und elegante Chansonette Nelly gibt, in Aufmachung und Vortragsstil übrigens merklich von Marlene Dietrich beeinflußt. Von den übrigen heben sich Ellen Frank, Liebeneiner und Schür en - b e r g mit persönlich gefärbten Leistungen ab.

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Im reichhaltigen Beiprogramm bringt das Licht­spielhaus schöne Aufnahmen aus Sanssouci, einen Kabarett-Kurzfilm, die neue Wochenschau und je einen Vorspann zu zwei großen Spielfilmen: Die Heilige und ihr Narr" undDer Graf von Monte Christo".r

Ein Film von deutscher Arbeit.

Vom Schöpfertum des neuen Deutschland, von dem Millfonenheer der deutschen Arbeiter und ihrer täglichen Pflichterfüllung für die Volksgemeinschaft kündet der Film der Reichspropagandaleitung Hände am Werk" (Das Hohe Lied der Ar­beit), der im Ufa-Palast am Zoo in Berlin zum ersten Mal vorgeführt wurde. Eine ungemein schwie­rige Arbeit ist in neuartiger Form hier gelöst wor­den. Bild, Musik und Wort sind in vorbildlicher Weise miteinander verbunden. Bilder, die den schaf­fenden deutschen Menschen, den Arbeiter, Bauern und Handwerker in treuer Pflichterfüllung zeigen. Wohl zum ersten Mal ist es gelungen zu zeigen, wie der Bergmann in schwerer und gefahrvoller Arbeit die Kohle der Erde entreißt. In den großen Fabriken, den Lokomotivwerkstätten, den Labora­torien usw. regen sich Tausende von Händen. Der Bauer sorgt für das tägliche Brot. Der Arbeitsdienst macht die jungen Menschen wieder vertraut mit dem deutschen Boden. Klassenhaß und Kastengeist sind verschwunden. Aller Hände Arbeit leitet der Glaube an die deutsche Zukunft. Wir sehen auch das große Gemeinschaftswerk der Reichsautobahnen, und wir erleben den Nationalen Feiertag des deutschen Volkes, an dem der Führer zu dem Millionenheer der deutschen Arbeiter spricht. Die Herstellungs­leitung lag bei Eberhard Fangauf, Bild und Gestaltung bei Walter Frentz. Ottoheinz Jahn schrieb die Begleitworte und Walter Gronostay ine Musik zu dem Fllni.

Wilhelm Vaabes Frack.

Der Dichter Wilhelm Raabe war sehr bescheiden und blieb am liebsten allen lärmenden Veranstal­tungen fern. Den Freunden gelang es nur mit größter Mühe, ihn zur Teilnahme an einem Fest zu bewegen, das zu Raabes siebzigsten Geburtstag ver­anstaltet wurde. Besondere Schwierigkeiten aber hatte Justizrat Engelbrecht, den Jubilar davon zu überzeugen, daß er sich zu diesem festlichen Akt, bei dem hervorragende Persönlichkeiten aus allen Ländern anwesend sein würden, einen neuen Frack bauen lassen müsse. Wilhelm Raabe sperrte sich so lange er konnte, fand diese Aufwendung gänzlich überflüssig und gab nur auf wiederholtes Drängen nach. Die Feier, die sich in dem schönen alten Rat­haus von Braunschweig abspielte, war erhebend und verlief zu allseitiger Zufriedenheit. Als man später im kleinen Kreise der vertrauten Freunde in einer kleinen Weinstube zusammensaß und noch einmal alle Einzelheiten der denkwürdigen Veranstaltung besprach, wußte jeder etwas besonderes zu rühmen. Der alte Raabe lächelte nur spitzbübisch vor sich hin und sagte schließlich leise:Und es war doch mein alter Frack".

Hochschulnachrichten.

Der Herr Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat den ordentlichen Professor Dr. Karl Bilfinger an der Universität Halle mit Wirkung vom 1. Oktober 1935 auf die ordentliche Professur für öffentliches Recht an der Universität Heidelberg berufen.

Der Direktor des Vieh- und Schlachthofes in Dresden, Dr. Kurt Schmidt, ist als ordent­licher Professor in die Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig berufen worden.

Professor Dr. Ferdinand W e i n h a n d l, Extra­ordinarius für Philosophie und Psychologie an der Universität Kiel, ist zum ordentlichen Professor in Kiel ernannt worden.

Professor Dr. Hermann L e u ch s , Extraordina- rius für anorganische Chemie an der Universität Berlin, ist zum ordentlichen Professor in Berlin ernannt worden.

Professor Dr. Fritz N e u b e r t, Ordinarius für romanische Philologie an der Universität Bres­lau, erhielt einen Ruf an die Universität Frei­burg i. B. z