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Hr.185 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, sl). August 1935

Der Wald auf dem Weg durch das Sägewerk.

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Wir loben uns den Wald! Es braucht kaum ge­sagt zu werden, warum! Der Städter geht in freier Stunde erwartungsfroh hinaus, geht erfreut und wie neu belebt auf stillen Pfaden und kehrt beruhigt zurück. Der Bauer liebt den Wald auf seine einfache tiefe Weise, und der Forstmann sieht ihn wiederum mit anderen, nicht weniger liebevollen Augen. Mehr oder weniger bedeutet uns allen der Wald das feine Erlebnis für Geist, Seele und Körper.

Wie ganz anders ist es aber, wenn der Wald in die Stadt kommt! Da wandeln sich plötzlich die Be­griffe. Aus den Bezirken der Mystik wechseln die Gedanken plötzlich hinüber in das Helle Licht des Rationalen. Aus naturverbundener Hingegebenheit muß man sich zum Gedanken an den effektiven wirt­schaftlichen Nutzen entschließen. Aus der würzigen, von vielen kleinen und feinen Geräuschen und Ge- rächen erfüllten Luft im Walde muß man sich in die kühle, fachliche Atmosphäre nüchterner Zahlenwerte zwingen. Da wird auch ganz plötzlich der Wald zum volkswirtschaftlichen Faktor". Wenn man sich nun mit Leuten unterhält, für die es Be­ruf ist, sich mit dem Wald in wirtschaftlicher Be­ziehung zu beschäftigen das schließt nicht aus, daß sie ihn auch menschlich zu sehen vermögen dann hört man davon, daß wir in Deutschland gar nicht so viel Wald haben, wie manche sich eigentlich vor­stellen. Systematische Aufforstungen sollen deshalb dazu beitragen, bisher noch bestehende Abhängig­keiten zu mindern. Das ist aber Arbeit auf weite Sicht.

weder zu Bauholz oder zn Brettern zerschnitten. Langsam und automatisch wird der Stamm gegen die Sägeblätter geführt.

Die Balken werden, wenn sie nicht gerade mit der Eisenbahn nach dem holzarmen Westfalen die Reise antreten müssen, auf den Zimmerplatz gebracht, auf

hier viel überlieferte und viel bewährte ausgeklügelte Technik. Alle Balken für einen Dachstuhl oder für eine Turmhaube, wie sie erst kürzlich für die neue katholische Kirche in Gießen zu schaffen war, werden vorgearbeitet und soweit als möglich auf einem Richtboden" überprüft.

Das Holz, das für Bauten verwendet wird, bleibt im allgemeinen nicht allzu lange im Sägewerk. An­ders ist es mit dem Holz, das zu Brettern verarbei­tet wird und als Fußböden, Treppen oder Möbel­stücke Verwendung finden soll. Dieses Holz darf nicht mehrarbeiten". Um dies zu erreichen, ist eine lange, oft über Jahre gehende Lagerung notwendig, in deren Verlauf durch die Luft und insbesondere durch die Luftfeuchtigkeit die Gerbsäure ausgesogen werden soll. Das frische Holz klingt, wenn man mit den Fingerknöcheln dagegenschlägt, dumpf; das lange gelagerte Holz dagegen hat einen hellen Klang.

Für Sägewerke ergibt sich die Notwendigkeit, über große Zeiträume hinweg umfangreiche Lager ge­schnittenen Holzes der verschiedenen Sorten zu un­terhalten. Allerdings besteht eine Möglichkeit, dem Holz auch noch auf eine andere Art, als der des Lagerns, die Eigenart des In-fich-arbeitens zu neh­men. Das Verfahren wird jedoch nur dann ange­wandt, wenn rasche Lieferung verlangt wird und das entsprechende Holz nicht auf Lager liegt. Das Holz wird in diesem Falle richtiggehend ge­dämpft. In einer dichten Kammer wird es den Ein­wirkungen des Dampfes unterworfen.

Für die Holzbearbeitung gibt es naturgemäß schon im Sägewerk die verschiedenartigsten Maschinen. Die Kreissäge ist ja aus einem Sägewerk überhaupt nicht fortzudenken. Auf der Besäum-Säge werden die Bretter auf genau gleiche Breiten gebracht. Schließlich findet man in größeren Betrieben wie z. B. im Dampfsägewerk zu Lollar jene

aufbaut. Es könnte dann leicht fein, daß wir in schönste deutsche Landschaften geführt würden, in das Erzgebirge, in den Schwarzwald, in den Harz vielleicht, in stille Waldtäler oder auf windumbrauste Höhen ober vielleicht gar in die weltverlorenen Wälder Polens, der Tschechoslowakei, Rumäniens

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Der Weg des Waldes in die Stadt ist vielgestal­tig. Der Förster kennzeichnet den zu fällenden Baum, der Baum fällt unter Axt und Säge, er wird auf­gearbeitet. und der Stamm wird als Nutzholz aus dem Walde geschleppt und dem Sägewerk zugeführt. Häufig begegnen uns in den Außenbezirken der Stadt ober auf ber Lanbftraße bie Fuhrwerke mit ben langen Stämmen auf ihrem Weg vorn Walb in bas Sägewerk. Wenn bie Wagen um Kurven fahren müssen (manchmal ein problematisches Kapitel für Fuhrleute), bann benkt man gelegentlich an ben guten alten Witz von ber für ben Verkauf in Berlin bestimmten Munbbarmonika. Der Volksmunb pflegt häufig zu übertreiben.

Im Sägewerk erfährt ber Baumstaum, ber bis zu biefer Station schon manche schmerzliche Prozebur

über sich hat ergehen lassen müssen, seine grünblichste ' Wanblung. Auf bem großen Lagerplatz bleiben bie Stämme nicht lange liegen. Zimmermann unb Schneidemeister sprechen halb über ben Zweck bes Stammes, teilen ihn auf bem Papier auf, legen bie Balkenlänge fest, bie ber Stamm hergeben soll, wenn er als Bauholz auszuwerten ist. Dann kreischt auch bald bie elektrische Stammsäge auf bem Platz unb teilt bie Stammlänge in so unb soviele Teile. In wenigen Minuten finb die dicksten Bäume durch­schnitten. Die Säge selbst stellt ein raffiniertes Werk­zeug bar. Auf motorisch betriebenen, rasch umlaufen­den Kettengliebern finb scharfe zahnartige Messer montiert, bie sehr energisch arbeiten. Kräftige Fäuste bringen das Holz bann auf einen Wagen unb zum Sägegatter. Durch biefe schweren Maschinen, In denen mehrere Sägeblätter in schnellem Wechsel auf unb ab geführt werben, erfährt ber Stamm feine entscheibenbe Veränberung: er wirb ent-

bem sich nunmehr bie Zimmerleute mit ihnen zu be­schäftigen haben. Girrtga von biefen Arbeitskamera- ben arbeiten heute roieber in der schönen alten Hand­werkskluft der Zimmerleute. Da wird das Winkel­maß angelegt, der Balken wird mit Schrägungen versehen, es werden Zapfen geschnitten und Löcher für die Dollen gebohrt, durch die die Balken unter­einander verbunden werden. Die Zimmerleute haben

kvmbinierte Maschine, in der die Bretter mchr nur auf beiden Seiten glatt behobelt, sondern auch (ins­besondere für Fußböden) mit Nut und Feder ver­sehen werden können; fix und fertig verläßt das Brett die Maschine.

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Wenn wir dem Wald in der Stadt begegnen, sei es im eigenen Zimmer ober im Schaufenster ir- genbeines Möbelgeschäftes, fei es vor bem Dach­stuhl eines neuerbauten Hauses, auf bem zum Richt­fest ein mit bunten Papierbänbern geschmücktes Tannenbäumchen steht, ober hält man, wie soeben ber Leser, bie Zeitung in ber Hanb, beren Papier ja auch ber Walb zur Urheimat hat, bann fällt es sicher schwer, in all bem ben Walb roiebererfennen zu wollen. Rastlos schaffenber menschlicher Geist voll­zog biese Wanblungen, zwang bie Natur so vollkom­men in seinen Dienst, baß es kaum mehr möglich ist, Ursprung unb Enbprobukt in ben Dingen um uns auf einen gleichen Nenner zu bringen.

Aber wie reizvoll wäre es, rornn wir einmal plötzlich unb wie von Ablersschwingen getragen überall in jenen Lanbschaften sein könnten, in benen bie Bäume heranwuchsen, bie jetzt bas Dach über unserem Kopfe tragen, bie ben Tisch hergaben, an bem wir schreiben, lesen, essen, trinken, ober bie ben Rohstoff lieferten, aus bem sich bas Zeitungspapier

Zu unseren Bildern:

Erste Reihe. Links: Blick über den Holz- Lagerplatz des Dampfsägewerks Nuhn in Lollar. Rechts: Arbeit an einer Bandsäge.

Zweite Reihe. Links: Mit der Motorsäge beim Zerschneiden eines Stammes. Rechts: Gemein­sam wird ein schwerer Stamm auf den Wagen ge­bracht.

Dritte Reihe. Links: An einem der großen Sägegatter. Rechts: An der Kreissäge.

Vierte Reihe. Links: Auf dem Zimmerplatz. Die Zimmerleute in ihrer originellen Zunfttracht. Rechts: Ein Zimmermann bei der Arbeit mit der elektrischen Bohrmaschine.

ober ber Ukraine. Vielleicht müßten wir gar Meere überqueren. v

Aber wozu in bie Ferne schweifen? Das Dampf­sägewerk Lollar, von bem hier einmal zum Beispiel bie Rebe ist, bezieht einen großen Teil ber jährlich verarbeiteten etwa 15 000 Festmeter Holzes aus bem Vogelsberg, unb zwar aus ben Forstbezirken Lau- terbach, Laubach unb Grünberg. Vielleicht auch aus bem Schiffenberger Walb ober von ben Walbbe- ftänben am Hangelstein ober am ßollarer Kopf. Dann fällt ber abgetriebene Baumstamm ja gerabezu auf ben Lagerplatz bes Dampfsägewerkes ...