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Wandern und Reisen - Bäder und Sommerfrischen.

Eifel, karges, schönes Verglanb.

Von Josef Friedrich pertom'g

Im Kloster Himmerod waren die Mönche weltlichen Dingen verfallen. Da kam eines Tages der betrübte heilige Bernhard selber, um sie dem Himmel wiederzugewinnen. Er betete in einer ab­gelegenen Zelle. Die Düfte des Gartens wehten in den Raum, und unter dem Fenster begann eine Nachtigall zu singen. Und auf einmal war der Garten voll des Gesanges ihrer Schwestern. Da ge­schah es, daß der Heilige, betäubt von den Liedern, die Vesperglocke überhörte und erst von dem Chor­gesang der Mönche aus seinem selbstvergessenen Traume erweckt wurde. Jetzt wußte er, wer seine Mitbrüder verführte, und er beschwor durch das Fenster die Nachtigallen, den Klostergarten zu mei- den. Die erschreckten Vögel flogen zum Rhein nach Honnef, wo ein schattiger Wald ihre neue Heimat wurde.

Es ist wirklich so, als hätten an einem Tage alle Nachtigallen nicht nur Kloster Himmerod, sondern die ganze Eifel verlassen. In den dunklen Tannen­wälder singen die Vögel düsterer, aus dem lichten rheinischen Rebenlande kommt nur ein verwehtes Echo der fröhlichen Welt. Man sieht von der Hohen Acht tief in sie hinein, wenn der herbe Eifelwind die Luft reingeblasen hat, bis hin zumhilligen Köl­len", auf die Sieben Berge jenseits des Stromes, auf die lächelnden Moselberge und die dunklen bel­gischen Ardennen. Dann bragt man sich wohl, wie es denn einmal möglich war, daß sich Leute buch­stäblich schämten, aus der Eifel zu stammen; sie verleugneten ihre Hrkunst so hartnäckig, daß sich kein Geringerer als (Ernft Moritz Arndt in heili­gem Zorn über sie erboste. Fängt die Heimat nicht erst bei der Armut an? Domhafte Wälder, von Quellen durchspült, tiefe Fernen, vom Atem Gottes durchzogen, sonnige Hügel voll Frucht zu lieben, dazu gehört wenig, sie lieben sich von selber; aber dem nackten Stein 'zugetan zu sein, den ausgestor­benen Moorflächen, auf denen sich der Himmel nur in dem gebrochenen Auge morastiger Tümpel spie­gelt, Sturm und Schnee nicht zu verwünschen, wenn auf felsigeren Gehängen der Frühling schon den Weinstock erweckt hat, daß muhte der Mensch der Eifl, in eine halbe Wildnis ausgesetzt, erst allmäh­lich lernen.

Solche Liebe läßt sich lernen. Auch nach dem wil­den Brausen des Sturms, dem die Hochflächen eine glatte Bahn sind, kann man Heimweh haben, nach Regenschauern, nach' dem Rauch von Nebeln, wenn sie lange ausbleiben. Und wer es einmal gewohnt ist, Frühjahrsfröste zu erwarten, die ein kaum Er­grüntes zu einer trübseligen Oede niederbrennen, wer auf den Höhen, die bis gegen sechshundert Me­ter hinaufreichen, eine rechte Sehnsucht nach dem Schnee hat, weil Haus und Acker nun dafür bereitet sind, wer nach, sommerlichen Gewittern Pflanzen auf dem Feld erfrieren, Früchte verderben sah, den leidet es nicht mehr so leicht unter einer wärmeren Sonne, Es kommt nicht selten vor, daß Männer der Eifel aus der lauen Luft einer glücklicheren Gegend auf die rauhen Höhen zurückwandern, wo ihre Frei­heit arm, aber wahrhaft männlich ist. Denn dort müssen sie still und einsam sein, in stetem Kampfe mit der kümmerlichen, sich trotzig versagenden Erde. Sie haben keine Weile zum leichten Getändel des Herzens, kaum zum Gesang. Lieder und Lächeln sind nicht einmal das Geschenk ihres Feiertages. Gehören sie nicht der ehrwürdigen Arbeit, dann gehören sie Gott. Es ist ein ernster unerbittlicher Gott, den sie verehren, auch auf seiner Stirn liegen die Falten der Sorge. Er muß es von ihnen fordern, daß sie ir­dische Mühsal nicht scheuen, wenn sie wünschen, ihn anzubeten. Sie gehen auf ihren häufig unglaub­lich weiten Kirchwegen an Kreuzen vorbei, die sie selbst aus Holz und Lavastein aufrichteten, auf daß die Einöde tröstlicher sei. Und der düstere Eifelgott lohnt es ihnen, indem er ihnen die Kraft verleiht, in der Enge zu dauern, und den Frieden des Her­zens, ohne den die Einsamkeit ein tödlicher Wurm wird. So wissen sie kaum, wie ungewöhnlich arm ihr Jahr an Festen ist, und empfinden es nicht bit- ter, daß auf ihren Hügeln keine Trauben wachsen. Wie könnte man es auch fordern von einem Berg­lande, dessen einer Teil nicht umsonst die Schnee- Eifel heißt.

Wein hat der Boden niemals geschenkt, Erz hat er einmal gegeben. Es war ein patriarchalischer Eisenbau; kleine Hütten schmolzen das Erz, kleine Hammer schlugen das Roheisen, und das Holz für die Oefen wuchs rundum im Walde. Aber Ofen um Ofen erlosch, Hammer nach Hammer verstummte, Knappen, Hütten- und Hammerleute wanderten fort und überließen die Eifel dem Bauer. Er hat sich wie das überall im Waldland so ging, den Säqler geholt. Und jetzt treiben die Eifelwässer nur noch die Rader der Gatter. Die Bauernarmut mußte voll­ständig werden, auch die kleinen Städte ließen das Land im Stich. Es hat einen tieferen, wehmütigen Sinn, wenn in dem ehemaligen Tuchmacherstädt-

. nschau, in dem fast jedes Haus ein Schlößchen ist, weil die Baumeister für reiche Her­ren bauen durften, ein Gasthaus, das für viel mehr Menschen Raum schuf, als heute bei den besten Ge- legenheiten darin Platz nehmen, noch jetzt Zur al­ten Herrlichkeit" genannt ist.

Die alte Herrlichkeit liegt tot auch in Ruinen von Burgen und Dörfern. Nicht nur die liebe Zeit auch die lieben Franzosen haben hier heroben brav ge­haust. Man bewahrt ihnen an manchen Orten eine finstere, verbissene Erinnerung. Man will Stellen auf der einschichtigen Hochfläche wissen, wo sich die Eifelbauern über Nachzügler und Versprengte her­gemacht haben. Ein einzelner Baum immer wie­der steht irgendwo einer wie ein geheimnisvolles Zeichen ist ein Hohn auf die Leere. Es blüht zur Versöhnung wohl der Ginster um ihn, Goldbrokat der Landschaft, im Herbst leuchtet die Erika, im Frühling der Schlehdorn, jedes auf seine Weise, und der Zwergwacholder steht als ein dichtes Gebüsch, als triebe der Boden dunkelgrüne Blasen empor. Und daß ein heiterer Klang in dieser Molltonart nicht fehle, blühen Anemonen, Narzissen und Mohn.

Wenn die Eberesche ihre Korallen für den Nebel reifen läßt, dann ist die Zeit der Maare gekommen. Unter einer ungetrübten Sonne sind sie runde Kra­terseen, Dinge der Wissenschaft, ein merkwürdiges Nichts, wie Augen ohne Wimpern, ohne Brauen. Unter Wolken aber werden sie plötzlich ein Unnenn­bares, Blick einer bodenlosen Traurigkeit. Durch ihre verschleierte Linse bricht der Strahl eines Schmerzes, den tief unten das Herz der Erde leidet. Dann ist jedes der Maare eine Klage, dann brauchte von ihnen keines Totenmaar zu heißen und an einer Friedhofmauer zu beginnen. Kein Totenacker im schweigenden Gebirge, Ein Kirchdorf am Meere, so

melancholisch die ohnehin feierlich-trauritze Urstille dort auch werden mag, kommt der Begräbnisstätte am Totenmaar gleich. Es ist ein wunderbares Ge­storbensein unter erwachsenen, schattenden Bäumen; um diese Kirche, die aus einem Gedicht getragen scheint, könnten lauter Erbbegräbnisse von Dichtern und Leuten liegen, denen es nicht gleichgültig ist, wo sie dem Jüngsten Tag entgegenschlafen: und es ruhen doch nur Dörfler hier, Eifelbauern und ihr Gesinde, denen die Erde allein schon genügt, die sich über ihrem Grabe keinen Vorzug wünschten und nicht wußten, daß sie in einen der schönsten Friedhöfe gebettet sein würden, zu dem man sie im Bauernwagen hin­auffuhr. Diellicht werden hier einzelne Trauergäste, aus der Mauerpforte tretend, die letzten Tränen aus den Augen wischend, des riesenhaften Gewölbes auf dem gezahnten Horizont gewahr, den immer wieder kleine, vulkanische Kegel überhöhen; diese Sicht unter der tiefen Kuppel auf sanft rinnende Linien, aus denen jene spitzen Gipfel emporzuckest und niedersinken, auf den seltsam gezackten Wipfel­strich der Wälder, das ist die Eifelheimat, von der Höhe besehen, dem am Friedhoftor Stehenden son­derbar entzogen.

Es wird freilich aus einer Stadt stammen, wer die unerhört aufgetane Ferne in solchem Bewußt­sein an sich reißt. Die Bauern schauen nur in die Höhe, wenn sie Regen riechen und Wind wittern. Aus dem Friedhof treten sie, den Kopf gesenkt hal­tend. Man gewöhnt sich daran, wenn alles, was

zum Dasein gehört, so unaufhörlich in die Erde hin­einweist, die Jahre, die Kraft des Leibes, Hoffnung und Banguis, das Haus. Sein Strohdach reicht oft bis zum Boden. Und die Wetterhecken an der Ost- und Nordseite wachsen nicht in den Himmel, son­dern in den Sturm, in die Wolken hinein. Ihr An­blick fröstelt, wie der hoch aufgestellte Kragen eines Mantels. Sie sind ein Trotz gegen die Absage der Sonne. Sieht man das jämmerlich zerzauste Laub so einer Hecke, hört man, wie der Wind sie anrennt, dann könnte man glauben, daß noch heute der Ur­stier auf den Eifelhöfen schreit und der Wolf bis in den Lichtschein der Häuser streift. Es ist nur natür­lich, daß sich Matronen, Frauen und Mädchen in den Hausspinnereien mit den holden Gewalten von Legende und Sage rüsten, wenn an den Fenstern die bösen der ewigen Feindschaft rütteln.

Ein höchstes Lob bleibt noch zu sagen übrig: auch hier sind Mensch und Natur eins, er ist nur' ein Stück in ihr. Viele Aeußerungen seines Lebens hul­digen ihren Mächten. Das Jahr endet mit den Martinsfeuern im November. Hinter ihnen, die von den Hügeln und Bergen herab noch einmal den Glanz der gestorbenen Sommersonne nachtäuschen möchten, liegen Winternacht und Schnee. Ein Drei­klang mit schwermütiger Seele bleibt über den Hochflächen: von den verstreuten Höfen klappern die Dreschflegel: der Wind saust durch seine weit- aefpannten Tonleitern und feierlich liegen auf die­sem Winde die eintönigen Gesänge der Glocken.

3m alten Gasthaus wohnen...

Don Wolf v. Niebelschüh

Wanderfahrten.

Bieber helfholz Hohensolms Aßlar.

Wir fahren bis Bieber, durchwandern das anmutige Biebertal bis zur Obermühle, vor der wir rechts die Pappelallee weitergehen, um bei einer alsbaldigen Gabelung den Weg zur Linken einzuschlagen, worauf wir auf die vom Dünsberg kommenden schwarzen Punkte stoßen. An dieser Stelle hübscher Rückblick auf die reizvoll gelegene Obermühle. Wir gehen über einen Steg, überqueren das Dünsbachtal und kommen zum bewaldeten Eberstein mit hübschen Felspartien. Im Walde weitergehend kommen wir der ehemaligen Ober­försterei Strupbach gegenüber auf einen brei­ten Waldweg, der in die Höhe führt und auf einem freien Gelände endet. Hier bietet sich ein pracht­voller Blick auf Königsberg und tun darauf auf den Dünsberg und den Jsselscheid. Auf einem Feld­weg überschreiten wir das Gelände und gelangen zum bewaldeten H e l f h o l z. Auf schattigen, ein­samen Pfaden kommen wir an der Philippstanne vorbei, wo wir das rote H des Hessischen Renn- wegs kreuzen, und erreichen nach zweistündiger Wanderung das hochgelegene Hohensolms, wo unser Zeichen endigt. Nunmehr folgen wir weißen liegenden Kreuzen, die uns in weiteren zwei Stun­den, zuerst gemeinsam mit schwarzen Dreiecken, später gelben Dreiecken durch einen großen Wald­distrikt führen, der auf dem Segelflugplatz oberhalb Aßlar zu Ende ist. Hier bietet sich wieder ein schöner Blick über das Dilltal mit Greifenstein und biß in unsere Gegend. Bald darauf erreichen wir auch unser Endziel, das zu unseren Füßen liegende Aßlar.

Schon ist es Nacht geworden, Lampen schaukeln unter dem letzten, leiseren Wind, im Tor, und wer wanderte, denkt nun daran, daß er wird nächtigen müssen. Aber nein, er hat es sich anders vorge­nommen, noch ist es nicht Nacht, die Stadt nicht mehr fern. Somit will er weiterwandern, aber er bleibt stehen, weil es schön ist an diesem Ort, denn durch ein Gehäuse fällt kurioser Lampenschein auf das Pflaster, ein freundliches Licht, das im Pendel- gang der Laterne wohl auch plötzlich die Hauswand hinauflauft, ganz schnell, ganz eilig ... und schon wieder fort ist.

Das Haus ist sehr alt, ein Wirtshaus mit breitem Einlaß und spitzig-hohem Giebel, geschnitzt bis ganz dort hinauf, wo die Dämmerung auf dem Dache sitzt. Hier ist es gut wohnen, denkt der junge Mensch. Mit sanftmütiger Miene ladet ein heral­disches Tier zum Nähertreten ein.

Kommen Sie nur, sagt die Wirtin, ein resolutes, obzwar noch junges Geschöpf, geht voran in ihrer hellen Schürze und klirrt mit den großmächtigen Schlüsseln. Er geht hinter der schönen Person ein­her über das dunkle Holz der Dielen und Treppen, welches gebeizt ist, und wundert sich über den sorgsamen Glanz, der über einem so alten Hause liegt. Fast schwarz sind die Balken, aber die Tünche der Wände und Decken strahlend weiß; rot und vertieft glüht im Gebälk die Zahl 1 + 5 + 0 + 9. 6o haben sie es hier.

Das ist nun das Zimmer. Gefällt's Ihnen?" Da der Gast ganz Seligkeit ist, erzählt ihm die Wirtin von der Vergangenheit und den Vorfahren, die das Haus gebaut haben, und richtet derweil das Bett. Dann aber begehrt der Gast zu essen, und sie gehen wieder über die Diele, sie in die Küche, er hinaus vor das Tor, in den milden Abendrauch hinein, um noch eben die Gassen zu betrachten, den Mondschein, den schnellen, glucksenden Fluß.

Später, nach der ländlich nahrhaften Mahlzeit, geht er zur Ruh, einen Leuchter in der Hand, den ihm die Wirtin nebst einem Gute-Nacht-Wunsch gab; und die Tür muß nicht verriegelt werden in einem solchen Hause. Am offenen Fenster stehend, träumt er noch ein wenig, indes ein Regen herniedergeht auf die atmende, seufzende Erde, und dqs rührende Licht der Kerze sich zitternd bis zum Wimpfel des nahen Baumes wagt. Dann wird sie vollends ge­löscht, und die nachtschwarze Finsternis bricht in das Zimmer herein.

So entschläft er unter dem tiefen Duft des gro­ben Leinens, im leisen Hauch der sommerlichen Lüfte, noch im Traum bewegt von den einfältigen Lauten der Natur: dem Rieseln des ruhigen Re­gens, dem fernen Klagelaut eines sehnsüchtig heu­lenden Hundes, den Schritten eines späten Nacht­wandlers, der hallend über das Pflaster geht. Im Fenster aber rauscht der Baum, verworren wispernd dunkle Geschichten erzählend.

Halligsahrt.

Don Hermann Otto Danbel.

und voll-

Nur im

Südfall ist eine der kleineren Halligen kommen ungeschützt gegen das Meer.

Oppenheim ruft zum Weinlesefest.

Zur gleichen Zeit, da in der Pfalz die ersten reifen Trauben gefunden wurden, ruft Oppen- beim am Rhein als erster der deutschen Wein­orte zu seinem diesjährigen W e i n l e s e f e st auf. Cs roirö am 29. September stattfinden und seinen Höhepunkt in einem Küfer fest finden, bei dem der Küferzunft im Rahmen eines FestspielsEin Küfertag in Oppenheim anno 1354" oenOppenheimer Küferstreich " auf- fuhren werden. '

Sommer wird es bewohnt. Jährlich bröckelt die See mehr von der niedrigen Halligkante ab, so daß die Insel eines Tages ganz verschwunden sein wird.

Inmitten von Südfall erhebt sich ein kleiner, künstlicher Hügel, die Warft, mit dem Haus. Es ist kein altes Hallighaus mehr, denn die Häuser und Bewohner von Südfall wurden bei der großen Flut von 1825 vom Meere verschlungen. Draußen im Watt, vor der heutigen Insel, kann man bei Ebbe noch durch's Wasser zu den Resten ihres Brunnens gelangen.

Priele, Wasserrinnen, die mit metertiefem Schlamme gefüllt sind und bei Flut bis zum Rande unter Wasser stehen, ziehen sich quer durch die Hallig hindurch. Wenn man sie überschreiten will, versinkt man unrettbar.

Weiter noch draußen im Meere, der Westkante der Insel vorgelagert, wird das, was von dem sagenhaften Rungholt übrig blieb, ooa den stillen Fluten überspült. Rungholt war zwar nicht, wie in der Sage, eine große Stadt, aber doch ein Marsch­dorf mit 1000 Einwohnern, bis es in einer Sturm­nacht 1362 unterging. Es ist ein eigenes Gefühl, bei Ebbe im klaren Wasser die Fundamente von Feldmauern zu erkennen, oder den Wegen nach­zugehen, die im tieferen Wasser sich verlieren. Wenn man die paar Steine, die noch da sind, vom Tang befreit, krabbeln Taschenkrebse hervor und graben sich geschwind im Schlick ein, um sich dort von neuem zu verstecken.

Die kleine Hallig liegt da wie ein Schlachtfeld, auf dem der Mensch den Kampf mit der Natur aufgegeben hat. Noch aber halten es die Tiere als letzte Wächter besetzt. Wie eine weiße Wolke umflattern Hunderte und Aberhunderte von Möven die Insel. Andere sitzen als weiße Flecken auf den graugelben Muschelbänken. An manchen Stellen liegen die Nester mit den braunen schwarzgepunk­teten Möveneiern dicht nebeneinander. Wie gellen­des Lachen klingt der Schrei der Möven, wenn sie aufgeschreckt hochflattern und unsere Köpfe um­kreisen. Er mischt sich mit dem vielstimmigen Geblök der Schafe, die das niedrige Halliggras abweiden. Grenzenlose, melancholische Einsamkeit liegt über Hallig und Watt.

Als wir zurückfahren, steht über der graublauen See im Westen ein gelblicher Lichtstreifen. Ein paar leichte Regentropfen fallen. Ein unendlicher Abend­friede ruht auf dem Watt. Zwei Fischerboote, eng aneinandergekoppelt, fahren dem Hafen zu. Das eine läßt den Motor knattern, das andere hat ein Segel gesetzt. Wie ein Schiff, das sich entfernt und immer kleiner wird, sitzt die Warft von Südfall dem Horizont auf.

Der kleine DampferBrake" steuert durch den schmalen Seekanal von Husum dem Wattenmeere zu. Er fährt hindurch zwischen den Birkenbüscheln, die die schmale Fahrrinne auf beiden Seiten be­zeichnen und die jetzt bei Flut nur wenig aus dem Wasser herausragen. Bei der roten Leuchtboje am Ausgange des Kanals wendet er sicb dem offenen Wasser zu.

Bleigrau liegt das Meer. Wie ein Strich zieht sich die Küste am niedrigen Horizont entlang. Ein paar Baumkugeln und ab und zu ein Kirchturm, eine Windmühle. Die dunkelgraue Landlinie zur Linken, in weiterer Ferne ist die Halbinsel Eiderstedt, zur Rechten die grüne, nähere, die Küste der Insel Nordstrand. Man fährt dahin wie auf einem großen Fluß. Auf der Unterelbe ist das Bild manchmal ähnlich. Die Natur ist in einer ruhelosen, lautlosen Verwandlung. Unaufhörlich wechseln die Farbtöne der Luft und des Wassers. Einzelne Fischerboote mit aufgezogenen Segeln begegnen uns und ziehen stumm und langsam ihres Weges. Ein großes, stilles Warten ist über den weiten Wassern. Alles Licht und jeder Laut wird von ihnen verschluckt. Die Ebbe hat begonnen.

Ohne daß wir es zuerst merken, liegt der Damp­fer auf einmal still. Die Besatzung bemüht sich, das Boot zu Wasser zu bringen. Es geht nicht sehr schnell, und wir haben Zeit, uns für das Watten­laufen varzubereiten. Schuhe und Strümpfe werden ausgezogen, die Hosen yochgekrempelt. Die Damen ziehen es vor, im Badeanzug den Weg zu machen. Das Boot setzt uns am Rande der Fahrrinne ab. Eine unendliche Fläche von Sand, Schlick und Wassertümpeln liegt vor uns. Ganz in der Ferne, ein paar Kilometer weit, am Rande unserer Welt, hebt sich die Warft der Hallig Südfall flach gegen den Horizont. Vor ihr liegt ein Segelboot, das uns der Kapitän als Richtungspunkt angibt.

Langsam waten wir darauf zu. Manchmal kommt eine Mulde mit etwas tieferem Wasser. Eine grau­blaue Wolkenbank hängt über dem graugelben, schimmernden Watt. Langgedehnt blöken Schafe von der fernen Hallig herüber. Austernfischer sitzen aus dem Sande und suchen nach Beute. Vereinzelte Möven flattern über unseren Köpfen. Quallen liegen wie lebloses Gallert in Vertiefungen des Bodens. Flecken von braunem Tang und grünem Seegras 'in® über den grauen Schlick gekleckst. Ueberall tritt man auf die zusammengerollten kleinen Schlamm- bundel der Koderwürmer. Langsam fällt das Wasser immer mehr. Das Watt wird lebendig und beainnt ZU garen und zu quirlen.

Kurz vor dem Strande der Hallig sind anae- schwemmte Muschelschalen gehäuft. Unser weißer Dampfer ruht am Horizont scheinbar auf dem foanöc. (Eine kleine Rauchwolke steigt aus seinem

HuUigen sind kleine Marschinseln, die noch in geschichtlicher Zeit mit dem Festlande zusammen- ^ngen. Ungeheure Sturmfluten haben sie dann von der Küste abgetrennt Heute sind die größeren Halligen meist emgedeicht und verlieren dadurch immer mehr ihren besonderen Charakter. Denn sie roer!?eu "icht mehr Überflutet, wie es früher häufig geschah.

Reisewinke.

Nach elfjähriger Verbannung..

Denstillen Herd", den Richard Wagner durch den Ritter Walter von Stolzing in denMeister­singer von Nürnberg" so eindringlich preist, hat er selbst erst spät gefunden. Ohne innere Ruhe, ohne äußeres Beharren mußte Richard Wagner wan­dern, reifen, flüchten. Als Richard Wagner, der wegen feiner Verwicklung in die Stürme des Jah­res 1848 verbannt wurde, während feines Pariser Aufenthaltes im Jahre 1860 amnestiert wurde, nach Deutschland zurückkehrte, kam er nach Bad S o - den am Taunus: ..... hier fand ich Minna".

75 Jahre, ein Dreivierteljahrhundert ist es her, feit am 12. und 13. August 1860 Richard Wagner auf der Amnestie-Heimreise von Paris über Köln in Bad Soden Station machte. An einem Sonn­tagnachmittag traf Richard Wagner in Bad Soden ein. Minna Wagner, geb. Planer, hatte im Hause Saxonia" Wohnung genommen. Wagner quar­tierte sich im Nachbarhause ein. Die Kurkapelle brachte dem berühmten Gast ein Ständchen. Wag­ner dankte mit dem Hinweis,er sei kein Freund von Ovationen, aber diese sei ihm um so wertvoller, als sie die erste Begrüßung bilde, die ihm bei der Rückkehr ins Vaterland nach elfjähriger Verban­nung gebracht werde". Wagner, derdunkle Klei­dung und als Kopfbedeckung ein dunkelgrünes Sammetbarett" trug, verließ Montag wieder Bad Soden am Taunus. In seiner Autobiographie sagt er:Ick verweilte zwei Tage hier, welche ich dazu verwendete, der armen Frau ( Minna Wagner ) begreiflich zu machen, daß sie sich in Dresden niederzulassen habe. Sie begleitete mich noch nach Frankfurt, wo ich, um mich zunächst nach Weimar zu wenden, von ihr Abschied nahm. Nach Ansicht des Direktors des Eisenacher Richard - Wagner- Museums dürfte Richard Wagner nach derver­unglückten" Pariser Tannhäuser-Aufführung noch­mals, zwischen dem 1. und 4. August 1861, in Bad Soden am Taunus gewesen sein. Am 10. Aug. 1902 wurde in Bad Soden am Hause Haupt­straße 28, eine Erinnerungstafel an die erste Nacht, die Richard Wagner nach elfjähriger Verbannung aus dem Vaterlockde auf deutschem Boden verbrachte, angebracht. Aus Anlaß der 75. Wiederkehr dieses historischen Tages wird von der Bad- und Kurverwaltung Bad Soden am Tau­nus der 12. und 13. August in einem besonderen Veranstaltungsprogramm als Richard-Wag- ner-Gedenken gefeiert werden.

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