Ausgabe 
10.7.1935
 
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Nr.I58 Erstes Blatt

185. Zahrgang

Mittwoch, 10. Zull 1955

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Eichener Anzeiger

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Zuspitzung im Abesfinienkonfliki.

Der erste Schlichtungsversuch gescheitert.

Die Verhandlungen in Scheveningen abgebrochen.

Haag, 9. Juli. (DNB.) Der italienisch-abessinische Schlichtungsausschuß hat beschlossen, seine Tagung auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Fer­ner wird bekanntgegeben, daß die Ausschußmitglie- der und die Derrteter der beiden Regierungen Sche­veningen wieder verlassen werden. Obwohl die Ver­lautbarung die Möglichkeit einer späteren Wieder­aufnahme des Schlichtungsverfahrens offen läßt, kann die Vertagung in Anbetracht der Umstände, unter denen sie erfolgt ist, doch nur so gedeutet werden, daß der Ausschuß die Unmöglichkeit erkannt hat, den ihm erteilten Auftrag durch- z u f ü h r e n. Das Schlichtungsverfahren muß dem­nach als gescheitert angesehen werden, so daß die Angelegenheit höchstwahrscheinlich an den Völkerbund zurückverwiesen werden wird.

Das Plädoyer des Vertreters der abessinischen Re­gierung, Prof. Jeze (Paris), mußte deshalb abge­brochen werden, weil die Italiener dagegen Ver­wahrung einlegten, daß Professor Jeze von der Voraussetzung ausging, daß Ual-Ual abessi­nisches Gebiet sei. Die italienischen Regie­rungsvertreter setzten sich zur Klärung des Zwi­schenfalls mit ihr er Regierung in Ver­bindung und erhielten darauf die entschiedene Weisung, keinesfalls eine Aussprache über Grenzfragen, namentlich über Ual-Ual, uz ul assen, da diese Fragen nach italienischer Auffassung nicht der Zuständigkeit der Schlichtungskommission unterlägen. Angesichts dieser Haltung der italienischen Regie­rung kam es innerhalb des Schlichtungsausschusses zu ernsten Meinungsverschiedenheiten, da die bei­den italienischen Mitglieder sich völlig der Ansicht ihrer Regierung anschlossen, während die beiden von Abessinien ernannten Mitglieder, der französi­sche Jurist Professor de la Pradelle - Paris und und der Amerikaner Professor Potter, die Auf­fassung vertraten, daß man auf diese Weise die Anwälte der Parteien in der Vertretung ihres Rechtsstandpunktes zu starken Beschränkungen ausfetze. Zum mindesten müsse dem Anwalt Abes­siniens Gelegenheit gegeben werden, die These sei­ner Regierung zu entwickeln. Die beiden letztge­nannten Ausschußmitglieder betonten ferner, daß der ttalienische Standpunkt auch im Wider­spruch zu den Grundsätzen des inter­nationalen Rechtes und zur Praxis der Schiedsverfahren stehe. Da über diese Punkte keine Einigung zu erzielen war, wünschten die beiden von der abessinischen Regierung ernannten Ausschußmitglieder von der in Genf vor­gesehenen Möglichkeit der Heranziehung eines fünften neutralen Beisitzers Gebrauch zu machen. Allerdings war diese Möglich­keit erst für den Fall in Aussicht genommen, daß der Ausschuß bis zum 25. Juli nicht zu einem Ein­vernehmen gelangen könne. Auf letztere Bestim­mung beriefen sich die beiden italienischen Mitglieder, sie legten dar, daß im fetzigen Zeitpunkt kein Grund zur Heranziehung eines fünften Schlichters bestehe. Unter diesen Umständen blieb nur der ergebnislose Abbruch der Verhand­lungen übrig.

Besorgnisse in London.

London, 10.Juli. (DRB. Funkspruch.)Daily Telegraph" glaubt zu wissen, daß die italienischen Befehlshaber in Afrika Mussolini mitgeteilt hätten, sie könnten einen erfolgreichen Angriff nicht mit weniger als 400 000 Mann durchführen. Mussolini habe dieser Schätzung zugestimmt. Die gegenwärtige Stärke der Streitkräfte in Erythräa und Jtalienisch-Somaliland betrage sicher nicht mehr als dieHälfte dieser Zahl. Daher könn­ten Meldungen von einer baldigen italienischen Of­fensive als unbegründet bezeichnet werden. Musso­lini wolle eine militärische Oberherrschaft in Abes­sinien nach dem Vorbild der französi­schen in Marokko errichten. Frankreich sei wahrscheinlich besorgter als Großbritannien wegen der Folgen dieses Planes.

Der Generalsekretär des Völkerbundes Ave not habe den Wunsch geäußert, daß die Großmächte alles tun sollten, um ein Einvernehmen zu erzielen, bevor die Frage vor den Völ- k e r b u n d komme. Er sei sich der Gefahr einer Zerstörung des ganzen Völkerbunds­systems durch eine unbesonnene oder übereilte Handlung durchaus bewußt. In London werde er­klärt, aufdenZusammenbruchderSchlich- tungsverhandlungen in Scheveningen ollte nicht zu viel Gewicht gelegt werden. Zunächst ei beabsichtigt gewesen, den Völkerbund für ) e n 2 7. I u l i e i n z u b e r u f e n, um ein Schiedsgericht zu ernennen. Die ursprüng­lichen Zwischenfälle hätten aber viel von ihrer Wich­tigkeit verloren, denn die jetzige Streitfrage reiche viel weiter. Spätestens würde der Dölkerbunds- rat allerdings am 25. August zusammenzutreten ha­ben, falls keine Vereinbarung erreicht sei.

Reuter meldet aus Rom: Es bestehe in gewissen italienischen Kreisen der Wunsch, die Operatio­nen noch vor dem 2 5. August zu begin­nen, d. h. bevor der italienisch-abessinische Streit vor den Völkerbund kommt, so daß der Völkerbund vor eine vollendete Tatsache gestellt würde. Jedoch seien zwei weitere Armee-Divisionen

und zwei Divisionen von Schwarzhemden noch nicht nach Abessinien in Marsch gesetzt worden, und es sei unwahrscheinlich, daß Italien den Feldzug gegen das annähernd eine Million Mann starke abessi­nische Heer eröffnen werde, ohne mindestens 250000 in seinen Kolonien zu haben. Voraussichtlich werde Italien mindestens bis Ende August warten, falls es nicht durch eine drohende Stellungnahme des Völkerbundes schon vorher zum Vorgehen gezwungen werde.

Frankreich betont erneut seine Neutralität

Paris, 10. Juli. (DRV. Funkspruch.) Mit der Verschärfung des italienisch-abessinischen Streitfalles, wie sie sich seit der Unterbrechung der Haager Schiedsverhandlungen ergibt, geht in der französi­schen Presse ein Steigen derNeutralitäts- tendenz Hand in Hand. Man bedauert die er­höhte Spannung und gibt zu, daß die Regelung des Streitfalles in immer weitere Ferne rückte, vermeidet es aber sorgfältig, zu sehr auf das Mittel des Völkerbundes hinzuweisen, weil man be­fürchtet, daß es sich als untauglich Heraus­stellen werde, und daß Frankreich dann in eine un­angenehme moralische Lage kommen könnte

DerMatin" schreibt, die abessinische Regierung dürfte jetzt eine neue Eingabe an den Völ­kerbundsrat machen. Aber wenn sich Italien weigere, vor dem Völkerbundsrat zu erscheinen, dann stehe das Schicksal des Völkerbun­des s e l b st auf dem Spiel. Frankreich könne jetzt nicht mehr viel unternehmen. Es sei nahezu sicher, daß Frankreich in dieser Angelegenheit künftig eine streng neutrale Haltung einnehmen werde.

Excelsior" spricht von einer bedauerlichen aber nicht unvorhergesehenen Entscheidung. Im vorlie­genden Falle handele es sich um eine verfehlte Prozedur. Es fei zu befürchten, daß die Fort­setzung der Verhandlungen den Streitfall noch" verschärfen und dabei London, Paris und Rom von Genf gar nicht zu reden immer mehr in Verlegenheit bringen würde. Die unnachgiebige Haltung der abessinischen Regierung, die die rechtlichen Grundsätze der Völker­bundssatzung, die auf den kolonialen Ge­danken unanwendbar sei, bis zum letzten ausnutzen wolle, erlaube kaum Hoffnungen auf ver­nünftige und durchführbare Vergleichslösungen. Es sei zu bezweifeln, ob es klug fei, den Streitfall vor eine außerordentliche Völkerbundsratssitzung zu bringen, zu der eine der beiden Mächte vielleicht gar nicht erscheinen würde.

Italien will Die Regenzeit abwarten.

Hom wünscht Verständigung mit England.

Rom, 9. Juli. (DNB.) Gerüchte über eine in allernächster Zeit bevorstehende Eröffnung der militärischen Maßnahmen Ita­liens in Ostafrika werden von maßgeben­der Seite entschieden in Abrede gestellt. Die Behandlung des italienisch-abessinischen Streit­falles zeige keine neuen Anzeichen, die plötzliche Entscheidungen solcher Art erwarten lassen, gan^ abgesehen davon, daß die Regenzeit nicht vor September zu Ende gehe und Italien daran liege, die in Gang befindlichen Vorbe­reitungen für ein etwa notwendig werdendes militärisches Vorgehen weiter auszubauen.

Giornale d'Jtalia" meint, keine europäische Re­gierung könne ernstlich anerkennen, daß im Inter­esse eines Abessinien, das die politischen und mo­ralischen Grundsätze des Paktes verletze und Skla­verei treibe, das Leben des Völkerbundes aufs Spiel gesetzt werden dürfe. Alle hätten begriffen, daß der Völkerbund in gar keinem direkten Zusammenhang mit dem Streitfall stehe, son­dern nur die Verteidigung und Entwicklung aus­schließlich englischer Interessen maskieren soll. Italien stehe in der abessinischen Frage nicht Völkerbundsgrundsätzen, sondern einem heftigen Ausbruch des englischen Imperialismus gegenüber. England besitze bereits die halbe Welt. Es müsse jetzt endlich anerkennen, daß auch Ita­lien mit feiner arbeitsamen und zivilisierten Be­völkerung einen Platz an der Sonne brauche. Die Frage des T s a n a s e e s brauche keinen Zankapfel zwischen England und Italien zu bilden, da Italien gar keinen Anspruch auf diese Gewässer er­hebe und auch nicht im geringsten an ihre Aus­nützung für Eritrea denke. In Afrika müsse die Zusammenarbeit der Großmächte gesucht und verwirklicht werden. Wenn in Europa eine Einheitsfront gesucht werde, so müsse sie auch für Afrika gebildet werden. England dürfe nicht die in Strefe erreichte Einmütigkeit zerstören und den Zusammenbruch der europäischen Solidarität herbeiführen.Giornale d'Jtalia" sucht sogar die Erinnerung an die Kriegsge- meinschaft zwischen Italien und England wach­zurufen, und warnt die Engländer vor der Mög­lichkeit, sich durch die Verletzung der Lebensrechte anderer Völker Freundschaften zu verscherzen. Die Probleme Englands seien so groß, daß es zu ihrer Lösung die freundschaftliche Neutralität oder die Unterstützung anderer Länder stets notwendig haben könnte

Viele sremoe Staatsangehörige verlassen Abessinien.

London, 10. Juli. (DNB. Funkspruch.) Der Korrespondent desDaily Expreß" in Addis Abeba meldet: Am Dienstagnachmittag fuhr ein mit bri­tischen, amerikanischen und italieni­schen Männern, Frauen und Kindern dicht be­setzter Eisenbahnzug von der Hauptstadt ab. Sie verlassen das Land wegen der drohenden Kriegs­gefahr. In drei Wagen befanden sich kleine Mäd­chen, die.italienische Väter und abessi­nische Mütter haben; sie standen unter der Obhut römisch-katholischer Nonnen. Sie kommen aus einem Stift in Addis Abeba. Die Zweigstellen der Schule im Innern des Landes find angewiesen worden, die Zöglinge nach Addis Abeba zu schicken, wo sie unter den Schutz d e r italienischen Gesandtschaft gestellt werden. Auf die Frage, warum Italien der Sicher­heit dieser Kinder gemischten Blutes soviel Wich­tigkeit beimesse, erwiderte ein italienischer Beamter: Sie sind die künftigen Mütter einer neuen und edleren Generation, die das bisherige Abessinien bewohnen

Ferner berichtet der Korrespondent: Die meisten ausländischenFirmenin Addis Abeba geben keinen Kredit mehr und infolgedessen ist das

G e s ch ä f t s l e b e n vollkommen lahmge­legt. Ein abessinischer Beamter erklärte, man er­warte jeden Augenblick einen italienischen Angriff. Abessinien werde lieber bis zum letzten Mann kämpfen, als sich ergeben. Abessinien sei gezwun­gen, die starken italienischen Truppenzusammen­ziehungen an den Grenzen mit eigenen Trup­penzusammenziehungen zu beantworten.

Eine Mussolini-Rede vom Feldgeschütz.

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Der italienische Ministerpräsident Mussolini hielt, auf einem Feldgeschütz stehend, zu den nach Ostafrika abgehenden italienischen Schwarzhemden in Neapel eine Rede, die feine Entschlossenheit betonte, die Pläne in Ostafrika bis zum Ende durchzuführen. (Weltbild-M.)

Italien fordert Äölkerbundsauftrag für Ostafrika.

Mailand, 10. Juli. (DNB. Funkspruch.) Die norditalienischen Blätter schieben die Schuld für die Einstellung der Arbeiten des italienisch abessinischen Schlichtungsausschusses ausschließlich den Vertre­tern Abessiniens zu, die ihren Aufgabenkreis über­schritten hätten, da sich der Ausschuß lediglich mit der Prüfung des Ueberfalls von Ual-Ual zu befaßen gehabt habe. Durch die Behauptung des abessini­schen Vertreters, daß Ual-Ual auf abessini­schem Gebiet liege, habe Abessinien eine Ob­struktion betrieben, die das Weiterarbeiten des Ausschusses verhindere.Stampa" meint, die Schwierigkeiten, die der Ausschuß gefunden habe, müßten als Richtschnur für den Völker­bund dienen. Man müsse Italien unter Anwen­dung des Artikels 19 über die Revision der Ver­träge die Mission anoertrauen, dorthin Zivilisation und Ordnung zu bringen, wo noch Barbarei und Sklaverei herrschten.

21 Tote beim Untergang eines italienischen Dampfers.

Aus unbekannten Gründen sank der italienische GetreidedampferAtilio" innerhalb von dreieinhalb Minuten, sechs Seemeilen von der nordafrikanischen Küste entfernt. An Bord befanden sich 16 Mann Besatzung und 14 Passagiere. Man beklagt 21 Ertrunkene.

Unsere Flotte und die anderen.

Es war oorauszusehen, daß die französische Presse die Verkündung des deutschen Flotten­bauprogramms für 1935 zum Anlaß nehmen würde, um einerseits die deutschen Absichten zu verdächtigen und andererseits für die französische Marinepolitik völlig freie Hand zu einer neuen riesigen Flottenvermehrung fordern würde. Gegen­über diesen aufgeregten Ausführungen ist es nütz­lich, ganz ruhig und objektiv die Einzelheiten des deutschen Bauprogramms zu würdigen und sie in Vergleich zu bringen mit der quantitativen und qualitativen Flottenstärke der übrigen Seemächte. Man wird dann leicht sehen, daß für die anderen Staaten auch nicht der gering st e Grund zur Beunruhigung vorhanden ist.

Der Aufbau unserer Flotte ist so bemessen, daß er den Erfordernissen des Schutzes unserer Küsten und unserer Handelsschiffe ganz und gar gerecht wird, aber darüber hinaus wird keine einzige Tonne gebaut, die etwa die be­rechtigten Interessen fremder Nationen beeinträch­tigen oder das vorhandene Gleichgewicht auf den Meeren zerstören könnte. Im Gegenteil, die Ausfüllung des rüstungspolitischen Leerraumes in der Ostsee und Nordsee, der für mögliche imperialistische Absichten anderer Mächte stets ein Anreiz zur kriegerischen Unternehmung gegen die schwache deutsche Küste sein mußte, ist eine der hervorragendsten Beiträge zum Frieden, die das nationalsozialistische Deutschland bisher geliefert hat. Es handelt sich bei der deutschen Flottenrüstung nicht um eine B e - drohung des Gleichgewichtes, sondern um seine Herstellung, nicht um eine Ver­letzung irgendwelcher Vertragsrechte, sondern um die Verwirklichung des Rechtes, das uns selbst der Versailler Vertrag mit seiner AbEstungsverpflich- tung für die Siegermächte indirekt zugesprochen hat. Die neue deutsche Flotte wird also ihre de­fensive Ackfgabe vollkommen erfüllen, sie wird einem etwaigen Angreifer von vornherein die Lust nehmen, in die deutsche Sphäre einzudringen, und somit eine beachtliche Wirkung vorbeugender Friedenssicherung ausüben. Eine offensive Auf­gabe aber ist der deutschen Kriegsflotte nicht zu­gedacht. Alle dahingehenden Unterstellungen ge­hören in das Reich der Fabel. Der reine Verteidi­gungscharakter unserer Flotte geht einerseits aus der quantitativen Beschränkung ihres Umfanges auf 35 v. H. der britischen Flotte hervor, andererseits aus dem Tempo ihres Aufbaues und der Tonnage- Beschränkung in den einzelnen Schiffsgattungen. Die Aufstellung und Durchführung des deutschen Flottenaufbaues läßt damit alle Möglichkeiten zur Erzielung eines internationalen Rüstungs-Begren- zungsabkommens zur See offen.

Es ist bekannt, daß die Engländer bei den Lon- donner Flottenverhandlungen den deutschen Ver­tretern gegenüber ihren Wunsch auf eine weitest­gehende Begrenzung der einzelnen Schiffsgrößen ausgedrückt haben und daß die Deutschen dieser Absicht grundsätzlich z u st i m m - t e n. Allerdings haben die deutschen Delegierten gleichzeitig darauf hingewiefen, daß für die künftige Größe der deutschen Kriegsschiffe nicht allein dieser gemeinsame deutsch-englische Wunsch maßgebend sein könne, sondern daß auch die Schiffs- stärke anderer Nationen, etwa Frank­reichs, für die Gestaltung des deutschen Baupro­gramms in Betracht gezogen werden müsse. Aus dieser Berechnung erklärt sich Tempo und Ausmaß der deutschen Flottenrüstung sowie die Stärke und Größe der einzelnen Schiffskategorien.

Ein Blick auf die deutschen Zahlen zeigt sofort, daß Deutschland nicht daran denkt, eineAn­griffsflotte" zu bauen, sondern daß sich die Zah­len sämtlich unterhalb der Maximalgrenzen halten. Während beispielsweise die neu vorgesehenen deut­schen Panzerschiffe 26 000 Tonnen Wasserverdrän­gung mit 28-Zentimeter-Geschützen haben werden, hat das größte englische Schiff 46 200 Tonnen und 38-Zentimeter-Geschütze. Das französische SchlachtschiffDunquerque" ist immer noch um 500 Tonnen größer als die geplanten deutschen Neubauten, verfügt aber über erheblich schwe­rere Artillerie, nämlich über 33-Zentimeter- Geschütze. Um einen Anhalt für den Gefechtswert dieses französischen Schiffes zu geben, sei hier nur darauf hingewiesen, daß es insgesamt über 64.Ge­schütze und 6 Torpedorohre verfügt, also so etwas wie eine schwimmende Festung darstellt. Auch die vier großen Linienschiffe Italiens verfügen über schwerere Artillerie als es die in dem neuen Bauplan genannten deutschen Schiffe haben werden; diese Italiener führen als schwerste Waffe 30-Zentimeter-Geschütze.

Ebenso erreichen die vorgesehenen deutschen Kreuzer von 10 000 Tonnen mit ihren 20-Zen- timeter-Geschützen nicht ganz die Maximalgrenze von 20,3 Zentimeter, die im Jahre 1930 in London festgesetzt wurde. Von Schiffen dieser letzteren Art stehen zurzeit im ganzen 59 bei den Seemächten im Dienst, darunter in England 18, in Frankreich und Italien je 7 Kreuzer, und haben neben dem Auf­klärungszweck vor allem dieAufgabe desH andels- schütz es. Deutschland verfügte bisher nur über 5 kleine Kreuzer; ein sechster ist im Bau. Wenn man bedenkt, welche wichtige Aufgabe gerade die Kreuzer in Friedenszeiten haben, die die Flagge des Reiches überall im Auslande zu zeigen und die Verbindung der Ausländsdeutschen mit dem Vater­land aufrecht zu erhalten haben, so wird die Ver­stärkung unseres Kreuzerbestandes auch unter die­sem Gesichtspunkt aufs wärmste begrüßt.

Auch die Torpedowaffe war bisher für Deutschland völlig unzureichend verfügbar. Wir be­saßen bisher nur acht Zerstörer von je 800 Tonnen; dazu kam noch eine geringe Anzahl kleinerer Tor-