Nr. 8 Drittes Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 10. Zanuar 1935
Mit Kreuzer„Emden"durch -iehalbeWett
Im November 1934 lief der deutsche Schulkreuzer „Emden" zu einer fiebenmonatigen Auslandsreise aus. Wir werden in zwangloser Folae Berichte über diese Fahrt veröffentlichen, die aus der Feder des Leitenden Ingenieurs des Kreuzers, Korvettenkapitän (Jng.) W e - der, stammen.
I.
Ausfahrt.
An Bord Kreuzer „Emden", im Dezember 1934.
Unerhört kühn waren die Taten der ersten „Emden"! Noch heute horchen die Völker am Indischen Ozean auf, wenn sie vernehmen, daß ein deutscher Kreuzer dieses Namens kommt. Auf der ersten Weltreise 1926 bis 1928 wurden wir in allen Häfen der Sundainseln immer wieder von einer unübersehbaren Menschenmenge begrüßt; die Achtung vor dem Namen „Emden^ ist unverrückbar dieselbe geblieben. Und so ist es auch später unserem Schiff in allen indischen Häfen ergangen.
Die zweite „Emde n" hat in der Heimat während des Krieges gekämpft und sich große Verdienste um das Erringen der uneingeschränkten Seeherrschaft in der Ostsee erworben. Sie sank mit wehender Flagge in Scapa Flow.
Die dritte „Emden" wurde im Jahre 1925 in Dienst gestellt, sie ist also ein Nachkriegsbau. Das Schiff ist in erster Linie a l s Schulkreuzer gefahren und hat als solcher bereits vier Auslandsreisen hinter sich. Auf diesen Reisen haben die Besatzungen ihr Bestes zur Erfüllung der ihnen gestellten Aufgaben hergegeben und manchen Erfolg zu verzeichnen gehabt. Nach der vierten Reise und nach etwa einjähriger Verwendung in der Flotte wurde der Kreuzer 1933 aus dem Dienst gezogen, um durch einen Umbau als Schiff für den Auslandsdienst geeigneter gestaltet zu werden. Am 29. September 1934 wurde die dritte „Emden" zum zweiten Male in Dienst gestellt, um wieder als Schulkreuzer Verwendung zu finden. Als solcher sind seine Aufgaben: Ausbildung des Offiziernachwuchses und der gesamten Besatzung, Herstellung der Verbindung zwischen den im Auslande lebenden Deutschen mit der Heimat und Repräsentation des Deutschen Reiches im Auslande, lieber die außerordentliche Wichtigkeit dieser Aufgaben wird noch eingehend zu berichten sein. Am 10. November 1934 trat das Schiff seine neue Auslandsreise an. Sie soll uns nach den Kanarischen Inseln, in Häfen der südafrikanischen West- und Ostküste, nach den Seychellen und Indien, ins Mittelmeer und in das Schwarze Meer führen.--
„Beide Maschinen langsame Fahrt voraus!" Der Posten Maschinentelegraph auf der Brücke wiederholt den Befehl des Kommandanten und gibt ihn an beide Maschinen weiter. Im Maschinenleitstand wird der Düsentelegraph gelegt, die Maste in den Oelkesselräumen gehen mit den Lüftern hoch, Heizöldüsen werden angeworfen. Die wachhabenden Maschinisten öffnen die Manövrierventile der Turbinen, die Schiffsschrauben nehmen die Umdrehungen für das gegebene Kommando auf und langsam läuft der Kreuzer Emden aus der Südschleuse der 3 Einfahrt von Wilhelmshaven aus Von Pier und Mole winkt eine tausendköpfige Menge. Darunter sind Kameraden, Eltern und Geschwister, unsere Frauen und, Kinder: Gott mit euch und eurem stolzen Schiff, erfolgreiche Fahrt und glückliche Heimkehr!
Nach dem Verlassen der Schleuse geht der Kreuzer auf eine höhere Fahrtstufe, bald verschwinden die Türme von Wilhelmshaven Noch auf der Jade wird „Alle Mann achteraus" gepfiffen Die Besatzung tritt auf der Schanze an. Der Kommandant gibt das Telegramm des Führers zum Auslaufen bekannt: „Dem Kreuzer Emden wünsche
ich für feine Auslandsreise glückliche Fahrt und erwarte von der Besatzung treueste Pflichterfüllung zur Ehre Deutschlands und seiner Flagge."
Eine siebentägige Seefahrt liegt nun vor uns, die uns nach Santa Cruz de la Palma — gelegen auf der westlichsten der kanarichen Inseln — bringen soll. Am 11. November, mittags, parieren wir die Linie Dover — Calais. Deutlich sieht man den Hasen von Dover und die Kreidefelsen der Küste im Sonnenschein liegen. Mit Wochenanfang setzt in allen Teilen des Schiffes der Dienst in vollem Umfang ein. Für die ganze Reife ist ein Aus - bildungsplan aufgestellt worden, der lückenlos durchgeführt werden muß. Bereits im Februar beabsichtigt der Kommandant eine D i v i f i o ii s - Besichtigung abzunehmen, bei der Rückkehr erwartet uns eine Gefechtsbesichtigung vor dem Inspekteur des Bildungswesens der Marine, und im Anschluß daran haben die Kadetten ihre Fähnrichsprüfung bei der Marineschule in Mürwik abzulegen. Derjenige, der schon einmal in tropischen Gewässern gefahren ist, weiß, daß bei der
Ein Mitglied unserer Berliner Redaktion hat an dem Skikursus des Skilehrers L u • b e r auf den Hängen der Marmolata in den Dolomiten teilgenömmen, bei dem, wie gemeldet, vier Mitglieder durch eine Lawine ums Leben kamen. Die junge Dame berichtet nachstehend über die Erlebnisse kurz vor dem verhängnisvollen Unglück.
Kameraden in San pellegrino.
Wir waren Kameraden, wir vom Skikurs in San Pellegrino.
Als wir an jenem ersten Abend des 23. Dezember in Bozen zusammentrafen, hatte bislang kaum einer etwas vom anderen gewußt. Aus allen Gauen Deutschlands, aus dem Lärm der großen Städte, aus der ruhelosen Geschäftigkeit des Alltags führte uns unser Weg hinauf in die einsame Bergwelt der Dolomiten. In kurzer Fe-' rienzeit Erholung und Entspannung von vergangener Arbeit zu suchen, neue Kraft zu schöpfen für zukünftiges Schaffen, das war das 3jeL um desset- willen wir kamen, die Gemeinsamkeit, die uns einte.
Skifahrer sind nicht sentimental Aber nicht immer sollte alles so harmonisch verlausen, wie es jeder wohl im stillen erhoffte, wie es sonst wohl unter „Zünftigen" üblich ist. Alle dreizehn empfanden es einige sprachen es aus: es fehlte der rechte Zusammenhalt jene enge freundschaftliche Verbundenheit, die das Leben auf der Skihütte so mitreißend schwungvoll gestaltet Woran es lag? Niemand wußte es. Und niemand wußte, niemand ahnte auch nur, daß das Schicksal schon sprungbereit stand Vier aus unserem Kreis hat es gepackt, hat junge, zukunftsfrohe Menschen s ä h aus dem Leben gerissen ausgeloscht mit einer einzigen übermächtigen Geste Vier aus unserem Kreis — und jeder von uns die übrigbfieben, hätte so gut wie sie an ihrer Stelle stehen, statt ihrer den weißen Tod erleiden können
Wir waren dreizehn...
Unvergeßlich jene nächtliche Auffahrt zur Höhe, nach Moena, der kleinen Tirolerstabt. In atemraubendem Tempo, über unerhört kühne, schier endlos sich windende Serpentinen braust der Motor bergan, mitten hinein in den Winter. Schnee? Aus dem Weg ist nicht viel zu entdecken. Aber über uns, weit in der Hohe, wissen wir ihn.
uns bevorstehenden Arbeit noch mancher Schweißtropfen verloren gehen muß.
Am 12. hatten wir den Leuchtturm von 2 u e s - s a n t an der Nordwestspitze Frankreichs erreicht, der wegen seines schwarzweißen Anstrichs von den Seefahrern der „Preußische Grenadier" genannt wird. Während das Wetter bisher recht gut war, setzt beim Einlaufen in hie Biskaya stärker Seegang ein, der das Absperren einzelner Teile des Oberoecks wegen Lebensgefahr zeitweilig erforderlich macht. Aber allmählich wachsen auch den jungen Männern Seebeine, so daß die Fahrt ohne jede Storung fortgesetzt werden kann. Am 13. wird bas Kap Finestere an der Nordspitze Spaniens gesichtet. Weiter passieren wir am kommenden Tage das aus der Seekriegsgeschichte bekannte Kap Vincent. Hier kämpfte 1680 die Flotte des Großen Kurfürsten gegen eine Uebermacht von zwölf spanischen Linienschiffen, und 1797 begann hier in der Schlacht zwischen den Spaniern und Engländern der ruhmreiche Aufstieg des englischen Admirals Nelson. Schließlich kommt am 16. November das Ziel unseres ersten Seetörns, die Insel L a P a l m a, in Sicht. Wir gehen in die Leeseite der Insel, um unser Schiff klar zu machen und zu säubern für das morgige Einlaufen.
Dort oben ragen gespenstische Schatten, droht lauernd die himmelsMrmenbe Wucht der Dolomiten.
Müde, verfroren langen wir an. Moena. Dann, in der Gaststube, sitzen wir uns gegenüber. Kritische Blicke fliegen hin und her. Namen, Herkunftsorte werden genannt: Godesberg, Jena, Berlin Sie heißen? Doris Gnodt, ganz recht, Heimat: Marienwerder. Und der dort drüben? Kommt aus Hannover Theodor Gottschalk, stud. med. in München.
Irgendwer von uns wirft die Frage auf: Wieviel Leutchen sind wir denn überhaupt? Es wird gezählt Die Reihe um. Elf! Und auf dem Paß von San Pellegrino warten noch zwei. Elf und zwei? Macht dreizehn. Natürlich, die Unglückszahl. Man lacht Ein böses Omen? Ach was, im Skikursus ist man nicht abergläubisch! Und überhaupt: „Der L u b e r , der Skilehrer, zählt ja nicht mit. .
San Pellegrino. Berge, Sonne und Schnee, Schnee, Schnee — —
Längst sind die Bretter hervorgeholt. Es wird fleißig geübt Am Hang, im Gelände. Der Suber leitet unseren Kursus, der Luber kommandiert. Kein durchgedrücktes Knie, keine verkrampfte „Flosse" entgeht seinen Augen. Er nimmt seine Schüler scharf heran. „Das nennen Sie Hocke?! — Hocke!?! — Stemmen! Endlich mal ’runter mit der Faust!" Ja, alles, was recht ist, der Luber versteht sein Fach Pflugschar. Stemmbogen, Christiania, eines nach dem anderen — langsam wird es geschafft. Muß geschafft werden Denn Pflugschar, Stemmbogen, Christiania muß jeder können, wer Touren fahren will Touren? lieber den Uebungshängen schweift der Blick in die Ferne. Schroff strebende Felswand blinkt im Norden: d i e Marmolata grüßt, lockt, lockt
Wer will mit auf die Ramona?
lieber Donnerstag, Freitag geht es hinauf! Wer kommt mit auf die Marmolata? Für alle ist es zu schwer Nur die guten Läufer wählt der Luber aus Fräulein Gnodt? Selbstverständlich. „Sie auch!" der junge Gottschalk strahlt. „Und Sie. Fräulein Fritz, sind gleichfalls dabei!" Sie ist .gestern erst angenommen, aus Thüringen, ist „gute Klasse", wie man hört, kämpfte sogar schon um Meisterschaften. Im übrigen: sehr sportlich und sehr fesch Die Marmolata wird ihr bestimmt keine Schwierigkeiten machen. Aber wider Erwarten
Lauernder Tod in der Marmolata.
Dem Schicksal entronnen, weil der Urlaub zu Ende war. — Eine Berlinerin erzählt vom verunglückten Ekckurs.
Albert Schweitzer, 60 Jahre alt.
Der weltbekannte evangelische Theologe, Philo« soph, Arzt und Musiker Professor D. Dr. 211 b e r t Schweitzer begeht am 14. Januar seinen 6 0. Geburtstag. Seit vielen Jahren lebt Professor Alb. Schweitzer als Missionsarzt auf der von ihm angelegten Station ßambarene in Afrika, um für den Gedanken der Menschlichkeit und für die Erfüllung der Kulturpflicht an den Eingeborenen in praktischer Hilfstätigkeit zu wirken.
scheint dem kleinen Fräulein der Vorschlag des Lehrers nicht recht zu passen: „Woher wissen Sie überhaupt, daß ich genug für eine solche Tour kann? Sie haben mich ja noch gar nicht richtig laufen gesehen." Der Luber lacht: „Doch, doch. Sie machen's schon!" und die Kleine schweigt ergeben. Später seufzt sie: „Die Marmolata? Ich hab' eigentlich gar keine Lust. Nein, nein, i ch möchte nicht mit —" Und bann geht sie doch— um nie mehr wiederzukehren.
Silvesterabend Letzte Stenden des alten Jahres Hier in der klaren Bergluft ist es gut, die Brücke aus dem Vergangenen ins Zukünftige zu schlagen. Es wird geplaudert, gesungen, gescherzt, aber die rechte Stimmung will nicht kommen. Vielleicht ist drüben mehr los als hier? Drüben liegt das Hospiz; ein Skikurs italienischer Studenten ist dort untergebracht. Die temperamentvollen Burschen freuen sich wie Kinder — man tanzt, man lacht, Gläser klingen. Die kleine Fritz geht ganz aus sich heraus, sie sieht aus wie das blüyende Leben. „Kann man die Gläser eigentlich auch — zerschlagen?" — Noch ehe die Frage ganz ausgesprochen, klirren die Scherben am Boden. Scherben bringen Glück! Die hitzige junge Dame ist plötzlich ganz still, sie sieht merkwürdig nachdenklich aus.
Im Dämmern des Morgens gehen wir zur Ruhe. Nur für mich lohnt es kaum mehr, sich in dieser Nacht schlafen zu legen. Vor Tagesanbruch noch wird der Schlitten ins Tal hinabgehen, mit dem d i s Heimfahrt beginnt. Vor Tagesanbruch noch gehört — für mich — die Welt von San Pellegrino der Vergangenheit an. Die anderen haben es gut. Die anderen können noch bleiben Aber i ch m u ß nach Haufe, die Arbeit ruft. Schon war die Zeit hier oben. Nur kurz, viel zu kurz
Es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen. Hände werden gedrückt: Alles Gute! Ski-Heil! Auf Wiedersehen! Und dann, ein wenig neidvvll noch: „Diel Spaß auf der Marmolata!"
Viel Spaß auf der Marmolata ...
Eine Zeitungsmeldung.
Ein Zeitungsblatt fällt mir in die Hand. Zwei-, dreimal lesen meine Augen die Worte, ohne den Sinn zu erfassen: Skikursus von Lawine verschüttet — verunglückt im Marmolatagebiet. Vier Tote--die Namen--: Skilehrer
Kampf in her Winternacht.
Von S Philipp
Ein grauer Winterabend. Grimmige Kälte.
Krächzend schweben dunkle Krähen über die schlafende Heide. Meisen zirpen leise in den Aesten der Kiefern. Ein Buntspecht streicht im Wellenflug lachend dahin.
Da raschelt's im erstarrten Fallaub der Jungbirken. Trapp, trapp, trapp: Lapuz, der Karnickelrammler, hockt auf dem Weg, regungslos wie ein Götzenbild.
Unter den dichten Zweigen einer kleinen Kiefer in der Schonung bewegt sich ein roter Klumpen. Der Fuchs erhebt sich, blinzelt mit schiefen Sehern und gähnt. Macht einen Katzenbuckel, streckt die Vorderläufe und die Hinterläufe, schwingt ein paar mal die buschige Lunte und reißt noch einmal den Fang weit auf, daß die Kiefer mit der langen Reihe blitzender Zähne einer halbkreisförmigen Säge gleichen...
Nun schnürt er auf seinem vertrauten Paß bis an den Rand der Schonung. Der Wind weht ihm hier eine feine Witterung zu. Drüben sitzt noch das Karnickel... Doch ehe der Fuchs eine Wendung macht, hat ihn der wachsame Rammler eräugt, und blitzschnell verschwindet seine weiße Blume wippend in der schützenden Dickung.
Reineke hat sich auf einen alten Baumstubben gesetzt, in der Mitte einer B oße. Wie em kluges Hündchen hält er den Kopf schief. Er denkt nad). Sein knurrender Magen verlangt nach Fraß. Und jeden Tag gibt’s nicht frischen Hasen i n,
als die Flinten krachten. Da hatte sich der r-chs schleunigst aus dem Staube gemacht, denn er wußte Bescheid Erst in tiefer Nacht fuhr er aus feinem sicheren Bau. Schnürte ins Feld, fanbbie Spu eines Hasen. Die roch nach frischem Blut! Nach einer kurzen Hatz griff er den todkranken Löffels mann. Sein gellendes Stegen scholl durch den stillen Wald. War bas ein Schmaus! Er langte für mehrere läge. Aber heute? Bei dem stemhart gefrorenen Boden? Da findet em Fuchs nicht einmal eine Alltagskost, magere Mäuse...
Wie ein Schatten gleitet Reineke eilig über Die Bloße, durch die nächsten Dickungen hindurch ms an den Waldrand. Hier sichert er lange und gründlich, dann taucht er im Nebel der weiten Felder unter.
Im Dorf sind alle Lichter erloschen. Hunde blaffen. Auf dem Kirchturm treiben die Käuze ihren nächtlichen Spuk — hiii hihihi! Der schrille Ruf bringt durch Mark und Bein.
Der Mond hat die Wolken gesprengt. Sie jagen in Fetzen wie abenteuerliche Gestalten am Himmel vorüber. Und die Pappeln am zerfurchten Feldweg rascheln mit ihren erfrorenen Blättern. Lange Schatten werfen die hohen Bäume quer über die vereisten Fahrrinnen.
Ein dunkler geschmeidiger Körper gleitet lautlos den Weg entlang. Zwei glühende Augen funkeln. Silbern glänzt das schwarze Haar im Mondlicht. Mauz, der verwilderte Kater, geht auf die Jagd. Wehe dem Kleinwild, den schlafenden Vögeln!
Es ist ein traurige Geschichte um den schwarzen Kater: die Menschen sind schuld an seinem Räuberleben. Sie ließen schon seine Mutter verwahrlosen. Pferde, Kühe, Schweine, Hühner, auch den Hofhund ließ der Bauer niemals hungern — nur die Miez, die sollte fasten, denn satte Katzen fangen keine Mäuse, sagte er. Und so streifte die Katze durch das Feld," burd) den Walb unb jagte auf Mäuse unb Singvögel. Dann gebar sie eines Tages an einem verschwiegenen Ort fünf blinbe hilflose Junge. Sie säugte bie Kleinen unb verbarg sie vor ben ' Menschen.' Die Kätzchen wuchsen heran unb wimmerten hungrig nach Fraß. Da würbe aus ber harmlosen Miez eine kleine, verschlagene Bestie. Sie griff, was sie in Felb, Wald unb Wiesen erwischen konnte, vom Jungvogel bis zum frischgesetzten Rehkitz. Ihre Jungen mußten boch satt werben Im Herbst ereilte sie bas Schicksal, da würgte sie ber Hunb bes Jägers. Vier junge Kätzchen gingen nacheinander an Hunger ein. Nur Mauz, bas Katerchen, stärker und kräftiger als feine Geschwister, bas kam burd) ben Winter.
Es ist ein echtes Raubtier aus ihm geworben. Das Blut seiner Vorfahren, bie einst als Wilbkatzen im Lanb häuften, ist in ihm erwacht Aus bem Sohn der Miez hat sich ein kleiner Panther mit allen Instinkten eines gefährlichen Raubtiers entwickelt. Der Kater haust in einem verlassenen Kar- nirfelhau irgendwo in ber Heibe. Nachts schleicht er auf Samtsohlen burchs Revier und überfällt, was er bewältigen kann. Wo feine nabelscharfen Krallen zupacken, ba gibt es kein Entrinnen. Wie viele Junahasen, Rebhühner, Karnickel unb Fasanen, von unzähligen Singvögeln ganz zu schweigen, hat Mauz, ber Kater, im Laufe ber Jahre gerissen.
*
Am Orabenranb, wo bie Kopfweiben ihre schlanken Zweige zum Himmel strecken, hockt ber Fuchs. Das ist wieder einmal schief gegangen! Die Enten hier waren auf ber Hut. Fast wäre er kopfüber ins Wasser gefallen, als er mit dem Vorderlaus nach dem flatternden Erpel schlug. Mit äußerster Vorsicht war er an die eisfreie Stelle geschlichen, 1 aber die hellhörigen Enten waren rechtzeitig bavon-
gestrichen. Den Fuchs quält ber Hunger. Lautlos trabt er weiter. Da strömt ihm plötzlich eine warme Witterung entgegen. Sie kommt aus den Wiesen. Der Fuchs nimmt Wind und duckt sich platt auf den Boden. Seine Lefzen zucken, die Luser spielen, seine Rutenspitze krümmt sich. Er lauert. Die Witterung wird wärmer. Der Fuchs erstarrt. — Ganz nah vor ihm schleicht ber Kater im Monblickt vorbei. Stutzt unb brückt sich schnell an bie Erde. So stehen sich zwei Tobfeinbe gegenüber. Der Stärkere greift an. Ein Hechtsatz, unb ber Fuchs fällt über den Kater her. Doch der ist flink und kämpft um sein Leben. Fauchend schlägt er mit den Brauten nach seinem Gegner, springt wie ein Gummiball zur Seite und krümmt den Buckel. Der Fuchs umkreist ihn, versucht ben mütenb fauchenden Kater von hinten zu packen. Der dreht sich um feine eigene Achse unb läßt ben ©egnei* nicht aus ben Augen. Da macht ber behenbe Fuchs fpringenb eine halbe Wendung, ber Kater schlägt mit ben Krallen in feine Keulen, ber Fuchs schnappt zu unb beißt ihm mit einem furchtbaren Biß bas Fußgelenk burd). Der Kater wälzt sich auf bem Rücken unb wehrt sich verzweifelt, kratzenb und beißend um sich schlagend. Der Fuchs hat ihn schon an der Gurgel, ein kurzes Röcheln, und der Kampf ist entschieden.
Mit bem schweren, schwarzen Kater im Fang schnürt der Fuchs zur nächsten Felbschonung. Als er satt ist, leckt er sich ben Fang unb bie Vorher- teufe, bann verscharrt er bie Ueberrefte seiner Mahlzeit in einem Karnickelloch.
Reineke als Felbpolizist?
Oie Kriegs-Odyffee eines Deutschamerikaners.
Ein Kriegsgefangener, ber bis zum Jahre 1924 nichts vom Weltkrieg wußte, ist vor kurzem nach seinem Vaterlanb, ben Vereinigten Staaten, zurückgekehrt unb sucht sich bort ein neues Leben aufzubauen. Dieses Opfer bes Krieges ist Theobor Göbel, ein Deutschamerikaner, ber im Jahre 1914 mit seinem Vater nach Ostpreußen gekommen war, um bas nahe an ber russischen Grenze ge» legene Heimatborf seiner Eltern zu besuchen. Die Bauern sprachen zwar von einem drohenden Kriege, aber ber Knabe achtete nicht weiter darauf, bis er an einem ber ersten Tage bes August, als er mit zwei Freunben außerhalb des Dorfes spazieren ging, von Soldaten in seltsamer Uniform aufgegriffen wurde. Die Soldaten packten ihn unb stopften ihn mit anberen Dorfbewohnern in einen Wag
gon. Gäbel erklärte zwar immer wieder, daß er amerikanischer Bürger sei, aber die Russen, die ihn gefangengenommen hatten, verstanden kein Wort. Sieben Tage lag er mit den anderen Gefangenen in einem Güterwagen auf Stroh, und schließlich wurde er in einem Gefangenenlager ausgelaben. Es war ein Land, in dem nur drei Monate Sommer und neun Monate Winter herrschte, und mit Tausenden von Mänern verbrachte er nun in Sibirien viele lange Jahre. Niemand verstand hier Englisch und seine Beschwerden auf Deutsch wurden nicht beachtet. Gäbel schrieb viele Briefe, die aber alle von bem aufsichtführenden Offizier bes Lagers vernichtet würben. Seine Nahrung war immer bie gleiche: schwarzes Brot, Gerstensuppe, Haferbrei, Mohrrüben, Zwiebeln. Schließlich würbe er nach Moskau gebracht unb erfuhr hier, baß er zehn Jahre in Sibirien gewesen war. Man schrieb 1924, unb ba er nie etwas Genaues über bie Vorgänge in ber Außenwelt erfahren hatte, so würbe er erst jetzt darüber aufgeklärt, daß schon vor sechs Jahren der Weltkrieg, der so tief in sein Leben eingegriffen hatte, zu Ende gegangen war. Nach weiteren sieben Jahren verließ Gäbel Moskau und wanderte nach Nordwesten, wobei er sich durchschlug, so gut es ging. Im Januar bes vergangenen Jahres war er in Riga, fand hier Arbeit an Borb eines französischen Schiffes unb gelangte mit biefem in einen französischen Hafen. Hier sah er ein Gebäube, an bem eine amerikanische Fahne flatterte, bie erste, bie er erblickte, seit er bie Vereinigten Staaten verlassen hatte. Er trat in bas Gebäube unb würbe von einem mitleibigen Konsul empfangen, ber seine Geschichte zu Protokoll nahm. Ein Kabelgramm mel« bete sein Schicksal nach Washington; man stellte seine Personalien fest, fanb auch bie Eintragung über ben Paß, ben er 1914 für feine Reife nach Deutschlanb erhalten hatte. Nach Monaten bes Wartens erhielt er bie Einreiseerlaubnis und das Geld zur Ueberfahrt. In Neuyork nahm man sich bes so lange verschollenen Mitbürgers an, unb er hat jetzt einen kleinen Posten in einem Hotel zu Minceola auf Lang Jslanb. Göbels Streben geht nun bahin, feine Mutter ausfindig zu machen. Er glaubt, baß fein Vater unb seine Brüder getötet würben. Er hat bie Straße in Neuyork besucht, in der er geboren wurde unb feine Jugenb verbrachte, aber alles hat sich hier so oeränbert, baß er fein Geburtshaus nicht roieberfinben kann. Auch lebt hier niemand mehr, der sich der Familie erinnert
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Wilhelm Richter, ao. Professor für Chirurgie an der Universität Berlin, ist zum Ordinarius ernannt worben.


