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großen Führers zog weitere rücksichtslose Be­drückungen der beklagten Bauern nach sich. Die letzten Reste der alten Freiheit schwanden nach dem Dreißigjährigen Kriege. Erst Friedrich der Große bahnte durch seine weitgehende Gesetzgebung die Befreiung von Bauer und Scholle an. Doch erst Freiherr vom Stein konnte am Martinstag 1811 die entehrende Leibeigenschaft aufheben. Sein Nach­folger Hardenberg verfälschte den großen Gedan­ken, und das ganze 19. Jahrhundert brachte keine wesentlichen Fortschritte in der Befreiung der Bauern.

Im zweiten Teile seines Vortrages ging der Redner auf fein eigenes Forschungsgebiet, die Blut­linienforschung in bäuerlichen Familien, näher ein. In seiner halbjährigen Tätigkeit hat er bis jetzt ungefähr hundert Bauernfamilien, hauptsächlich Oberhessens (Schlitzerland) erforscht. Den Haupt- wert seiner Arbeit legt er auf die rassische und erb» gesundheitliche Erfassung dieser Bauernsamilien. Diese Untersuchungen geben künftig die Haupt­grundlagen bei der Auslese der Siedlungsanwärter ab. Diplomlandwirt Metz führt diese Arbeit im Auftrage des hessischen Landesbauernführers Dr. Wagner durch. Sie ist vom Reichsbauernführer R. W. D a r r 6 anerkannt worden, und es steht au erwarten, daß diese Art einer planmäßigen Er­forschung unserer Bauernfamilien auf breitere Basis im Reich gestellt werden wird. An Hand von hervorragendem Bildmaterial und Ahnentafeln gab der Redner einen anschaulichen Bericht über sein Arbeitsfeld.

Letzter Appell der Gießener Saar­deutschen vor der Abstimmung.

Gestern abend versammelten sich die Mitglieder der Ortsgruppe Gießen des Bundes der Saarver­eine zur letzten Mitgliederversammlung vor der Saarabstimmung, vor der Reise in das Saargebiet. Der Leiter der Ortsgruppe, Polizeihauptwacht- meifter Thum, hieß die Teilnehmer willkommen und wies auf die Bedeutung der Abstimmung hin. Er führte u. a. aus: Vor zwei und drei Monaten habe die Parole für uns gelautet:Fertigmachen!" Nun trennten uns nur noch wenige Tage von der Abstimmung. Der kommende Sonntag «sei ein histo­rischer Tag. Wir alle freuten uns, mithelsen zu dür­fen an der Gestaltung der Geschichte des Saar­gebiets.

In feinen weiteren Ausführungen gab der Red­ner verschiedene technische Anweisungen. Die Pässe müßten in Ordnung sein und mit dem Stimmschein übereinstimmen. Am Samstagfrüh werde er auf dem Marktplatz noch einmal auffordern, die Pa­piere zu überprüfen. Mit verschiedenen Angaben über die Verpflegung während der Fahrt, über den Fahrplan und mit dem eindringlichen Hinweis, daß von der Gießener Ortsgruppe des Saarbundes niemand versagen dürfe, schloß der Redner seine Er­läuterungen. Ein Merkblatt, das verteilt worden war, wurde dem genauen Studium empfohlen. So­dann erfolgte die Ausgabe der Fahrtausweise. Mit einem dreifachenSieg-Heil!" auf die Saarheimat, das deutsche Vaterland und den Führer Adolf Hit­ler wurde der Abend geschlossen. Kameradschaftlich blieb man noch einige Zeit beisammen.

Gießener Wochenmarklpreise.

* Gießen, 10. Jan. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Molkereibutter, das Pfund 1,50 bis 1,55 Mark, Landbutter 1,42 Mark, Matte 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier (frische) 12 bis 13, (inländische Kühlhauseier) 10 bis 13, (ausländische) 10 bis 13, Wirsing, das Pfund 10, Weißkraut 8, Rotkraut 12, Gelbe Rüben 8 bis 10, Rote Rüben 8 bis 10, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 10 bis 12, Rosenkohl 20 bis 25, Feldsalat 70, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 20 bis 40, Schwarzwurzeln 22 bis 25, Kartoffeln 4 Pf., der Zentner 3,20 bis 3,40 Mk., Aepfel, das Pfund 10 dis 15 Pf., Honig 45 bis 50, junge Hähne 90Pf. dis 1 Mark, Suppenhühner 75 bis 85 Pf., Enten 80 bis 90, Tauben, das Stück 50 bis 60, Blumenkohl 20 bis 50, Salat 20, Endivien

10 bls 15, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 big 30 Pf.

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die englische Hei­rat". Astoria-Lichtspiele, Seltersweg:Die bei­den Seehunde". Reichstreubund, 20.15 Uhr, Führerratssitzung imHessischen Hof".

Stadttheater Gießen. WegenberVor­bereitungen zu Boettischers DramaDer König", das am Sonntag, 13. Januar, aus Anlaß des Saar-Abstimmungstages erstmals aufgeführt wird, bleibt das Theater heute geschlossen.

Ga st vorträge bei der Universität Gießen. Am heutigen Donnerstag und am mor­gigen Freitag finden in der Neuen Aula, bzw. im Kunstwissenschaftlichen Institut der Universität aroei Gastoorträge des Prorektors der Deutschen Uni­versität in Prag, Professor Dr. Gerhard Gese - mann, statt. Das Thema für den Vortrag am heutigen Donnerstag lautet:Die Kulturräume Jugoslawiens", für Den morgigen Freitag:Was kann die europäische Epenforschung aus dem süd­slawischen Volksepos lernen?" Beide Vorträge dürften im Hinblick auf die jüngsten politischen Ereignisse in Südslawien besonderem Interesse be­gegnen. Auf die gestrige Anzeige sei nochmals hin- geroiefen.

** Ein Siebzigjähriger. Herr Wilhelm F ö r st e r, Löbershof 5, kann am heutigen Don­nerstag in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag feiern.

* Geschäftsjubiläum. Am heutigen Tage kann das Reformhaus, Kreuzplatz 5, auf fein 25- jähriges Bestehen zurückblicken. Das Geschäft wurde am 10. Januar 1910 gegründet und konnte in den langen Jahren seines Bestehens viel Arbeit im Dienste der Volksgesundheit leisten.

** Brennholz - Versteigerungen der Stadt Gießen finden am Montag, Mittwoch und Freitag nächster Woche statt. Näheres ist aus der heutigen Bekänntmachung der Bürgermeisterei ersichtlich.

** Das Fundsachen-Verzeichnis. Von der Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt: Das Verzeichnis über die im Monat Dezember 1934 gefundenen bzw. abgelieferten Gegenstände kann an der Anschlagtafel im Flur der Polizei­direktion, Landgraf-Philipp-Platz 1, eingesehen werden. Die Empfangsberechtigten werden aufge­fordert, ihre etwaigen Rechte innerhalb zwei Mo­naten beim Fundbüro während der Dienstftunden geltend zu machen.

** Vortragsabend des Kneippvereins Gießen. Man berichtet uns: Die vom Kneipp- verein im Saale des Bayerischen Hofes am Diens­tag anberaumte VeranstaltungWickel und Pak- fungen" erfreute sich eines guten Besuches. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, ein Be­weis, daß auch in Gießen den Lehren des großen Dolksarztes Sebastian Kneipp die Wertschätzung entgegengebracht wird, die sie im Interesse der Volksgesundheit und Ertüchtigung auch im Sinne des nationalsozialistischen Programms verdienen. Eingangs wurde darauf aufmerksam gemacht, daß der Kneippbund kein Geschäftsunternehmen ist, son­dern in völlig uneigennütziger Weise im Interesse der Volksgesundheit arbeitet. Durch die Satzungen des Bundes ist auch festgelegt, daß die Arbeit des Bundes nicht auf wirtschaftlichen Gewinn gerichtet ist. Den leicht verständlichen Ausführungen des Vor­tragenden wurde aufmerksam zugehört. Großer Bei­fall dankte dem Redner. Im zweiten Teil des Vor­trages wurden praktische Anwendungen gezeigt, die gerade zur Winterszeit der Kneippsache noch viele Freunde werben dürften, da sie leicht ausführbar int) und niemals schaden können. Aus der 23er- ammlung heraus wurde der Wunsch geäußert, daß olche lehrreichen Veranstaltungen wiederholt werden möchten. Eine große Anzahl Personen erklärte ihre Mitgliedschaft zur hiesigen Ortsgruppe.

Veranstaltungen in Gießen anläßlich der Saarabstimmung

Freitag, 11. Januar,

von 3.45 bis 3.56 Uhr (Nacht von Donnerstag auf Freitag):

Aufenthalt des Saar-Sonderzuges 9 in Gießen. Auf dem Bahnsteig: Die SA.-Kapelle. zwei SA.-Ehrenstürme. die politischen Leiter der Gießener Ortsgruppen Süd und Mitte.

Freitag, 11. Januar, um 20 Uhr im Gafe Leib:

Abfchiedskundgebung für die 80 Abstimmungsberechtigten des Kreises Gießen. Dir bitten sämtliche Abstimmungsberechtigten, zu erscheinen. Es spricht Pg. K l o st e r m a n n. Es wirken mit die SA.-Kapelle und der Grohsche Männerchor. Die Führer sämtlicher Gliederungen der Bewegung, die Spitzen der Behörden und der Stadt bitten wir zu erscheinen. Alle Volks­genossen sind eingeladen. Die politischen Leiter der Gießener Ortsgruppen sind um 20 Uhr vor dem Lass Leib in Uniform angetreten. Mit Fahnen.

Samstag, 12. Januar,

von 3.00 bis 3.35 Llhr (Nacht von Freitag auf Samstag):

Aufenthalt der Saar-Sonderzüge 1, 2, 3 am Bahnhof Gießen. Auf dem Bahnsteig: die SA.-Kapelle, zwei SA.-Ehrenstürme, die politischen Leiter der Ortsgruppen Ost und Nord. Die Führer der Partei und ihrer Gliederungen, die Vertreter der Behörden und der Stadt bitten wir, nach Möglichkeit zu erscheinen.

Samstag, 12. Januar, 8.40 Uhr (morgens):

Abfahrt der Abstimmungsberechtigten des Kreises Giehssn im Sonderzug. 7.30 Uhr Treff­punkt aller Abstimmungsberechtigten am Marktplatz. Von dort Marsch mit der SA.-Kapelle zum Bahnhof um 7.30 (punkt) durch Seltersweg, Liebigslrahe. Um 7.30 Uhr treten ferner nach Vereinbarung mit den Führern der Gliederungen die SA.- und SS.-Männer, soweit sie beruflich frei sind, (SAR.), die gesamte HI. (HI.. 3V., BDM., 3M.) an. Der Unterricht fällt nach Vereinbarung mit den örtlichen Schulleitern bis 9 Uhr aus. Die Führer der Partei, die Vertreter der Behörden und der Stadt sind ebenfalls anwesend. Die Schüler, die nicht in der H3. sind, und die auswärtigen bilden Spalier auf dem Wege zum Bahnhof.

Sonntag, 13. Januar:

Singen des Sängerkreises in der Stadt zum Zeichen der Verbundenheit mit den Volks­genossen an der Saar.

Beginn: 17 Uhr am Sellerstor, dann am Neustadter Tor, Walltor, Stadttheaker, Kreuzplah. Dort brennt die Grubenlampe, die die Saarsänger, die im vorigen Jahr beim Sängerkreis Gießen zu Gast waren, den Gießener Sängern überreicht hatten, während des ganzen Ab- stimmungstages.

Montag, 14. Januar:

23.30 Uhr: Ankunft der Abstimmungsberechtigten des Kreises Gießen im Sonderzug.

Um 23 Uhr sind sämtliche Gliederungen am Bahnhofsplah angetrelen. Die SS. über­nimmt den Ordnungsdienst. Zwei SA.-Stürme, die SA.-Kapelle, die Führer der Partei, die Vertreter der Behörden und der Stadt auf dem Bahnsteig 1.

Schmelz, Kreispropagandaleiter.

Ortsgruppe Gießen des Bundes der Saarvereine.

Leiter: Polizeihauptwachtmeister Thum, Reuen Baue 4, II.

Sämtliche Anfragen von Abstimmungsberechtigten sind an die Saarobleute zu richten, die zu jeder Auskunft und Unterstützung gerne bereitstehen.

Saarobleute sind:

1. Oberarzt Dr. Rau h, Gießen, Universitäts- Augenklinik,

2. Verwaltungs-Oberinspektor Hentschel, ©fe- feen, Welckerstrafee 12,

3. Gerichtsreferendar Koch, Glefeen, hitlerwall 51.

Geldwechselstube für Saar-Abstimmungsberechtigte.

Das Reichsbahnverkehrsamt Gießen teilt uns folgendes mit:

Für den Gießener Saar-Sonderzug Sab 15 richtet die Deutsche Verkehrskredit-Bank die Bank der Reichsbahn in einem Schalter der Fahr­kartenausgabe Gießen eine Geldwech -

gegen spröde Haut

Was soll ich denn mit einem Auto?

ROMAN VON KÄTHE METZNER.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).

4 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Seine Augen sahen andere Frauen, lebensfroh, schön gekleidet, gepflegt. Sein Künstlerauge war entzückt. Der ewige Leidenszug um den Mund seiner Frau, die immer traurigen, fragenden Augen fingen an, ihn zu quälen, und er begann sich einzureden, daß das alles an feinen Mißerfol­gen schuld sei.

Ich bin noch jung. Ich brauche noch Liebe ... ich brauche Leben. Ich muß mich anregen. Woher soll ich sonst schaffen können?" schrie er seine Frau einmal an.

Da erkannte sie zum ersten Male sein wahres Gesicht. Sie sah den Menschen, wie er war, und von dieser Stunde an zerbrach in ihr auch der Glaube an sein wahres Künstlertum. Denn sie wußte mit einem Male, daß ein Mensch, der so sprach, nur Mittelmäßiges leisten könne.

Und bald darauf kam es zum Bruch für immer.

Waldemar Steinbrück liebte eine andere Frau. Er sah, wie Klara von Nyssen litt, wie sie ihn noch immer liebte, wie ihre Augen um eine kleine Lieb­kosung bettelten; aber zu sehr schon war er den Lockungen seiner Welt verfallen. Er konnte nicht mehr zurück.

Dort lockte noch einmal junges Liebesglück buntes, lachendes Leben. Bei feiner Frau hockte die Sorge, die Not, die ihn wie mit eisernen Gewichten herunterzog in den grauen Alltag.

Die Frau, die er liebte, war blütenjung und reich. Nur fort! Heraus aus der Enge, in der er zu ersticken drohte!

Und eines Tages kam er nicht mehr nach Hause. Aus Paris kam ein langer Brief. Unendlich viel Entschuldigungen ... viel Erklärungen. Warum? Weshalb? Ein hoher Barscheck lag bei. Er wolle immer sorgen und Geld schicken, schrieb Waldemar Steinbrück.

Gerlindes Mutter zuckte plötzlich zusammen, daß das junge Mädchen sie erschreckt anftarrte.

Geld ... Geld!" schrie es in ihrem Herzen. Geld bot er mir für meine Liebe. Und ich ... ich habe ihm alles geopfert!"

Doch Gerlinde ahnte nichts von dem, was in der Mutter vorging.

Plötzlich ging die Tür auf, und Gisela steckte den Kopf herein.

Na ihr brütet ja noch immer hier?"

Als jedoch Gerlinde und die Mutter erschreckt auffuhren, schaltete sie, einer jähen Eingebung fol­

gend, das elektrische Licht ein, als wolle sie gewalt­sam alles in Helligkeit tauchen und alle dunklen Schatten bannen.

Ihr beiden! Anstatt euch zu freuen, sitzt ihr hier herum mit Trauermienen. Das versteh' ich nicht." Gisela war neben die Chaiselongue getreten und zog die Schwester etwas gewaltsam empor.

Ach, Küken nicht wahr, heute spendierst du mir mal ein paar Zigaretten zur Feier des Tages?"

Aber Gisa, du sollst dir doch das Rauchen nicht angewöhnen! Das ist doch nichts für eine Frau. Und dann, es schadet doch so sehr der Lunge!" Frau Steinbrücks Stimme war leise, und ein ge­linder Vorwurf klang darin.

Hell fiel das Licht auf die beiden Mädchengestal­ten vor ihr. Eine war so schlank und hochgewach­sen wie die andere. Und auch die Gesichter schienen im ersten Moment von verblüffender Ähnlichkeit. Doch das Mutterauge sah tiefer. Es sah, wie in Giselas Augen Sehnsucht nach der Welt da draußen glühte, während Gerlindes Blicke sanft und ohne Begehren waren.

Muttchen hat zwar recht: Gisela, du sollst nicht rauchen; aber heute ..." Gerlinde nestelte an ihrer kleinen Börse und fand zwei Zehnpfennigstücke.

Ach, Herzlinde, du bist doch meine allerbeste Schwester!" Gisela umarmte Gerlinde stürmisch.

Sie wußte nicht, daß in diesem Augenblick die Mutter wieder Vergleiche zog. So zärtlich und stür­misch in seinen Liebkosungen war auch Waldemar Steinbrück gewesen, wenn alles nach seinen Wün­schen ging.

Warum ihr nur heute alle diese quälende danken kamen? Warum fühlte sie die Berg heil heute so besonders stark?

Die Kinder... Ach, wenn Gisela, die so sehr nach Glück und Reichtum strebte, gewußt hätte, daß der Großvater, Graf Nyssen, noch lebte und ein schwer­reicher Mann war!

Wie leicht konnten es die Mädchen haben, und wie schwer hatten sie es!

Frau Klara Steinbrück erwog zum ersten Male den Gedanken, ob sie nicht doch noch einmal den Vater bitten solle. Nicht für sich ... für die beiden Kinder. Aber sie sah keinen Weg.

3. Kapitel.

Die große Modenschau der führenden Berliner Modehäuser war selbst für die Hauptstadt ein Er­eignis, bei dem kaum eine Dame der großen Ge­sellschaft fehlte.

Auto auf Auto fuhr am Zentralpalast vor. Ach, die vielen bekannten Gesichter, die man hier sehen konnte, von der Leinwand her allen so wohlver- traut! Alles hatte sich zusammengefunden.

Durch den prächtigenRoten Saal" schwirrte Sprechen und Lachen. Die Stimmung war dies­mal besonders gespannt. Diese Modenschau stand unter Dem KennwortDeutsche Kleidung". Die Modekünstler hatten nicht gewetteifert, raffinierte

Höchstleistungen herauszubringen; sie wollten nicht versuchen, Pariser Geschmack nachzuahmen nein, deutsche Kleidung aus deutschen Stoffen sollte ge­zeigt werden.

In den Ankleideräumen hinter der Bühne fieber­ten die kleinen Mannequins. Friseure arbeiteten schnell und geschickt. Unzählige Perücken lagen be­reit und ... sollte so etwa die moderne deutsche Kleidung aussehen? Das waren ja Trachten aus der Ritterzeit. Nein natürlich nicht! Es war nur geplant, einen kurzen, charakteristischen Ueberblick über die Entwicklung der Mode zu geben, um so alle Uebertriebenheiten und Geschmacksverirrungen am besten hervorzuheben und schlichter, ansprechen­der Kleidung gegenüberzustellen.

Eine Luft zum Zerschneiden lag in den Räumen. So ein Gemisch von Wärme, Puder und Schminke, das irgendwie erregend war.

Halt, halt! Sie braucht jetzt keine Perücke!" Der Ft.seurmeister hielt die Hand seiner Gehilfin fest, die eben Gerlinde Steinbrück eine Perücke über den Blondkopf ziehen wollte.

Schon war er neben Gerlinde, scheitelte ihr herr­liches, silberblondes Haar und flocht es in zwei Zöpfe, die ihr lang auf die Brust fielen.

So da ist das schönste Ritterfräulein fertig!" lachte er zufrieden.Dieses echte Haar wirkt schö­ner als jede Perücke."

Und wirklich: Gerlinde sah in der mattgrauen, altertümlichen Tracht aus wie aus dem Rahmen eines Bildes gestiegen.

Aber es war keine Zeit zu langen Betrachtun­gen. Schon klangen abgerissene Akkorde der Musik herauf. Dann ertönte Das Zeichen, und die große Modenschau nahm ihren Anfang.

Lange schon waren die Trachten vorbei; man be­fand sich schon mitten drin in den neuesten Schöp­fungen Der MoDe. Für Die Mannequins gab es keine Sekunde Ruhe. An ... aus ... Frisch zurecht­machen, frisch frisieren unD Dann roieDer hinaus! EnDlich war Die erste Pause. Der Vorhang senkte sich.

Jetzt konnten sich auch die Mannequins etwas Erholung gönnen. Auch für sie gab es Erfrischun­gen: kleine Kuchen, feine Brätchen.

Die fünf Mannequins vom Modehaus Merkur und ihre jüngste Kollegin Gerlinde Steinbrück saßen in ihrer kleinen Kabine und aßen mit enormem Appetit die leckeren Sachen.

Plötzlich stürmte die schwarze Lotte davon. Doch schon nach wenigen Minuten kam sie aufgeregt zu­rück.

Ja, Kinder, Baron Gersheim ist auch unten mit seiner fabelhaften Freundin. Ach, was sag' ich fabelhaft? Sie sieht auch nicht viel anders aus als ich. Wenn ich mich so anziehen könnte... Aber wir dürfen ja all den Staat nur mal ein paar Minuten hin und her schleifen. Dann heißt's: runter damit!"

Baron Gersheim?" Die große blonde Erna ver­drehte fast die Augen.Sagt, was ihr wollt, ich finde den Mann himmlisch. Aber ... ich wittere da ein Geheimnis. Glücklich ist der mit all seinem Reichtum nicht. Ich hab' ihn ja zufällig neulich be­dient, als er seiner Freundin Ria das Abendkleid aussuchen hals. Ach, half... Er guckte immer wo­anders hin, während er gelangweilt: >Ja, ja ent­zückend, reizend!' wiederholte. Seine Augen sind so schwermütig."

Die anderen stimmten bei. Nur Gerlindes große graue Kinderaugen waren weit und erstaunt. Wie konnte man für einen Mann schwärmen? Das waren .ihr alles fremde Begriffe.

Ach, Herzlinde, jetzt siehst du wieder aus, als wärest du vom Himmel eben heruntergefallen!" lachte die schwarze Lotte.Aber du wirst schon noch dahinter kommen. Erna hat recht. Gersheim muß man lieben, ob man will oder nicht. Aber ... aus uns kleinen Mädels macht der sich nichts. Uns guckt er nicht mal an, und wenn wir wirklich hübsch sind, wo doch die größten Künstlerinnen ihn um­schmeicheln."

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Fräulein Scholz trat mit hochrotem Gesicht herein.

Ach, Kinder, Gott sei Dank, daß bis jetzt alles so gellappt hat! Sie haben übrigens fabelhaft vor­geführt, Fräulein Steinbrück! Die Chefs waren sehr zufrieden!" wandte sie sich an Gerlinde, die tief errötete.

Aber das wollte ich nicht sagen. Ihr habt eure Sache alle schön gemacht, Kinder! Nein etwas anderes! Unten werden während der Pause Lose verkauft. Der Chef fragt, ob von euch ein paar mithelsen möchten. Die Losverteiler, die da sind, reichen nicht aus. Es ist Massenandrang. Alles zu­gunsten des Winterhilfswerks."

Lose verkaufen?" Die Mädchen sprangen wie elektrisiert auf.Ja, ja ... das macht doch Spaß!"

Sie mochten nicht, Fräulein Steinbrück?"

Ich weiß nicht, wie man das macht."

Ach, sie ist goldig. Komm, mein Süßes, wir gehen zusammen! Ich werd' dir's schon zeigen."

Ihr geht in weißen Matrosenanzügen, damit man euch schnell erkennt."

Bald standen sechs entzückende junge Matrosen da, von denen drei die Sammelbüchse trugen, wäh­rend die anderen drei in einem Behälter die Lose verwahrten.

Ich geh' mit Gerlinde." Die schwarze Lotte schob die blonde Erna beiseite.Geh, mein Herzchen, such Dir eine andere. Du mußt doch zugeben, blond und blond ist'nichts. Aber schwarz und blond, das wirkt. Man muß immer an die Wirkung denken."

Sekundenlang stand die große blonde Erna ver­dutzt da; aber Lotte hatte Gerlinde schon fortge­zogen.

Mal sehen, wer das Rennen macht! Wir wollen die meisten verkaufen!" Damit stürmte sie über­mütig davon. (Fortsetzung folgt.)