Nr. 8 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, lO.Zanuar 1955
Der Danziger Senalspräsident bei pilsudski
Aus der Provinzialhauptstadt
* Blumenkohl.
Gedenket der hungernden Vögel! Schützt die Tiere vor der Kälte!
Um den Weg zu kürzen, stiegen sie über bte auf dem Boden ausgebreiteten Warenlager der Hafner und Korbflechter, über Bündel von Besen, bemalte Truhen und die Blumenstände der sächsischen Bäuerinnen. Frischer Lackgeruch und die grellen Ausdünstungen von Nelken, Levkojen, Reseden und weißen Lilien schwammen in der Luft, die Sonne spie mit vollen Backen ihre Hitzestrahlen und schon kitzelte die Nase verlockend der geschwängerte Rauch von Wurststückchen und rätselhaften Fleischbissen, die für eilige Gäste unter freiem Himmel in Kohlenbecken schmorten.
Kaufen Sie, Euer Gnaden, kaufen Sie! Wieder zog ein Szekler Bauer sein Pferd am Zügel durch das Gedränge und schrie aus Leibeskräften. Don dem Dach seines Wagens schwankte die Waage über grünen Frühbirnen und rückwärts am Wagen machten sich Gassenbuben zu schaffen. Deshalb pfefferte der Bauer ab und zu mit der Peitsche nach rückwärts und traf, wenn er Glück hatte, ein nacktes Bein oder die krabbelnde Hand eines aufheulenden Schmutzfinken.
Georg Dietrich mußte stehen bleiben, es flimmerte ihm vor den Augen. Bor ihm drehte der Orgelmann was das Zeug hielt, und neben ihm stand eine Blinde mit einem weißen Kakadu aus
Oer Gauleiter und Reichsstatthalter dankt. Zum Weihnachtsfeste und Jahreswechsel sind mir Glückwünsche in so großer Zahl zugegangen, daß es mir unmöglich ist, jedem einzelnen persönlich meinen Dank auszusprechen.
Ich bitte, auf diesem Wege meinen Dank ent» gegenzunehmen.
In der Treue zum Führer wollen wir gemeinsam auch im Jahre 1935 zusammenstehen.
Sprenger.
Mitte und aufgeklebten Liebessprüchen. Als em Fuhrmann, der in seinem offenen Wagen blaue Fogarascher Zwiebeln an Strohseilen aufgereiht zur Schau fuhr, ihnen mit seiner Peitsche die nackten Arme paprizierte, da löste sich mit Zetern und Geschimpfe der Knäuel, und hinter dem Wagen konnten jetzt wieder die städtischen Herrschaften vorwarts- kommen, zusammen mit langbärtigen Popen, die ihre Zöpfe unter schwarzen Tellerhüten versteckt hatten, orthodoxen Nonnen mit Zylinderröhren, die mit einem schwarzen Tuch auf ihrem Kopfe befestigt waren, sächsischen Dorfnotaren und Richtern, behäbig und ernst, als gelte es auch hier eine Amtshandlung, mit wendigen Spitzbuben, die beharrlich eine Fährte verfolgten, einer Zigeunerfamilie mit Kupferkesseln auf dem Rücken und nackten Bengeln zur Seite, und mit keuchenden Hausfrauen und Gevatterinnen, gefolgt von ihren reschen Szekler Mägden in buntgestreiften Röcken und dem schwarzen offenen Leibchen. Auch rumänische Bauern waren aus ihren Gebirgsdörfern heruntergestiegen und trieben mit ihrem Hirtenstab gefesselte Kalber in der Menge, andere wieder stolzierten im Sonntagsstaat mit dem reinen Hemd über den weißen Filzhosen, dem schönen, rot und grün gestickten, breiten Ledergurt und dem bebänderten Filzhütchen. Ihre Frauen aber gafften mit den erhandelten ge- mpihten Kerzen in der Hand vor den Tischchen der Geldwechsler, Armenier, Türken und anderem Heidenvolk, das seine Buden just in diesen reißenden Strudeln aufgeschlagen hatte und seine großen Goldmünzen verführerisch aufklingen ließ.
In den wälzenden Strom hinter dem Zwiebelwagen hatte der rüstige Gastwirt sich mit seiner Begleitung hineingekeilt und führte sie nun als Sturmbock zu den sächsischen Gemüsefrauen, die, auf Fußschemeln gekauert, sich vor Sonnenstich und Hitzschlag mit so ungeheuerlichen Strohhüten schützten, als ob sie in Mexiko säßen. Was es da nicht alles zu sehen, zu kosten und zu kaufen gab! Herrschaften durften ohne weiteres aus dem am Boden aufgeschütteten Berg von schwarz-roten und blauen Eierfrüchten diejenigen herausbuddeln, die ihnen beliebten, durften mit ihren Fingern in den Töpfen den süßen Rahm'kosten ober ben schön geschichteten Spargel unb Karfiol* burcheinanber werfen; nur verbächtige Kunben würben mit bem langen Holzlöffel auf bie Finger geklopft unb bas strolchende Gesinbel bekam faule Krautftrunken an ben Kopf geworfen. Aus ben mit Latten verschlagenen Laben , zog bcr Fabrikherr höchst eigenhänbig bie sich sper- renberi, mörberisch quteEfenben Ferkel unb slügel-
„Ordentliche" und „Unordentliche".
Es gibt Menschen, bie haben bie Orbnungswut. Die hängen in wilbfremben Wohnungen bie Bilder an ben Wänden gerade, die bücken sich nach jedem Fädchen und stellen, wenn sie aufstehen, den Stuhl sorgsam wieder an seine alte Stelle.
In der eigenen Umgebung werden sie zu hemmungslosen Pedanten.' Wenn sie in ihr Zimmer treten, müssen sie ein klar geordnetes Feld vor sich sehen. Auf ihrem Arbeitstisch haben , alle Gegenstände einen ganz bestimmten Platz, von dem sie
Der Danziger Senatspräsident Greiser (Zweiter von rechts) hat in Begleitung des Witt- schaftssenators Huth (links) einen Staatsbesuch abgestattet, bei dem er auch von Marschall Pilsudski (Zweiter von links) im Schloß Belvedere empfangen wurde. Zwischen Pilsudski unb Geiser ber polnische Außenminister B e ck.
Solange diese Unordnung nicht zum Ballast wird, mögen die „Ordentlichen" ihre Mitmenschen von der anderen Sorte nur gewähren lassen. Vielleicht ist -das Leben der „Unordentlichen" reicher als ihr eigenes. Vielleicht... Zum Trost sei aber den „Ordentlichen" gesagt, daß auch die „Unordentlichen" ab und zu einmal bie Aufräumewut bekommen unb alles herunterfegen in ben Papierkorb ober es gar sogleich verbrennen. Allerbings, lange hält biefer Eifer nicht an, benn Orbnung machen ist bekanntlich tausenbmal leichter als Orbnung halten ...
Eine falsche Nase.
Viele Monate lang ruhte sie in ber großen Mottenkiste, warm zugepackt, neben elf großen unb fünfundzwanzig kleinen Illusionen. Es ist ihre Art, dort von ihrer Vergangenheit zu träumen, von ben Wohltaten, bie sie ben Leuten, bie sie einmal aufsetzten, erwiesen hat. Denn sie ist eine lange Nase, unb wenn man sie einem anberen gegenüber macht, bann fühlt sich ber Besitzer gleich viel besser. Ueber- mütig, frei, losgelöst fühlt er sich, so, wie man sich eben mir in wenigen Wochen von zweiunbfünfzig fühlen kann.
Wenn aber bie Faschingszeit herangekommen ist, bann geschieht es, baß sie aus ihrem Verschluß herausgeholt wirb. Sie wirb aufgeweckt, abgestaubt, von allen Seiten betrachtet, ob sie von ihrer Farbe — es ist sozusagen Ehrensache, baß sie rot ist wie eine Tomate ober ber Monb in ber heißen Sommernacht —. etwas verloren hat. Hält bie Gummi- schnur, die rückwärts an ihr herunterbaumelt, auch noch fest? Paßt sie noch auf ihr alteingesessenes Profil? Die falsche Nase reibt sich die Augen, als sie sich nach so langet Zeit zum erstenmal wieder im Spiegel sieht. Sie sitzt! Und dann kommt der große Augenblick. Dann geht sie gemeinsam mit ihrem Besitzer aus. Der führt sie an ihrer Gummi- schuur spazieren, wie man einen Hund an der Seine führt. Auf dem Rückweg mach sich diese Parallele mit dem Hund bestätigen, denn es kann vorkommen, daß der Mann mit der falschen Nase
ebenso treu an jeder zweiten Laterne Haltmacht.
Diese falsche Nase ist, falls sie es selbst noch nicht weiß, trotz allem ein Symbol. Man kann sie schnell aufsetzen, man kann sie noch schneller wieder abnehmen. Sie ist eben falsch — und das macht ihren eigentlichen Wert aus. Eine echte Nase ist etwas fürs Leben. Sie vermag ihren Besitzer eben deshalb nicht zu interessieren. Gerade, gebogen, rundlich, spitz, ist und bleibt sie etwas vollkommen Alltägliches. Sie verträgt sich nicht mit jenem Ausnahmezustand, der während der Karnevalszeit ausgerufen ist.
Manchen Menschen ergeht es so mit ihrer festlichen Laune. Nicht alle sind in der beneidenswerten Lage, stets in Hundertprozentiber Heiterkeit ihren Pfad zu wandeln. Nicht alle sind wie die Kinder. Um so mehr müssen sie es werden — wenn auch nur auf Zeit, auf Widerruf, mit Hilfe einer Einrichtung, bie man aufsetzen unb abnehmen kann...
An alle Gaststätten.
Die Eintopfspenden für bie Eintopfsammlung am nächsten Sonntag sinb bis Montag, 14. Januar, auf ber Geschäftsstelle bes KEV., Weibengasse 6, abzurechnen. Fehlenbe Quittungsblocks können vorher bort in Empfang genommen werben.
Kreisführung bes WHW.
7iSD., Ortsgruppe Gießeu-Tiord.
Die nächste Pfundsammlung wirb am Montag, 14. Januar, durchgeführt. Wir bitten bie Hausfrauen, bie Spenden ab 9 Uhr vormittags bereitzuftellen und Inhalt, sowie Gewicht durch Aufschrift kenntlich zu machen. Jede Spende wird quittiert.
Verfahrens sind schon häufig Personen, die aus Versehen aus solchen Flaschen getrunken haben, schwer erkrankt oder gestorben. Ebenso wie es Gift- Händlern verboten ist. Gifte in Trink- oder Kochgefäßen oder in solchen Flaschen oder Krügen abzuziehen, deren Form oder Bezeichnung die Gefahr einer Verwechslung des Inhalts mit Nahrungsoder Genußmitteln herbeizuführen geeignet ist, muß auch demjenigen, der giftige Flüssigkeiten im Besitz hat, um sie im Haushalt ober Gewerbe zu ver- roenben, schon im Hinblick auf feine zivil- unb strafrechtliche Verantwortlichkeit bringenb empfohlen werben, bie gleiche Vorsicht bei ihrer Aufbewahrung obwalten zu lassen.
Oie Verleihung der Ehrenkreuze
In ber Stabt Gießen sinb bei ber zustän- bigen Polizeibirektion Gießen runb 3000 Anträge auf Verleihung bes Ehrenkreuzes für Frontkämpfer eingegangen. Bisher würben runb 2500 dieser Ehrenkreuze an die Antragsteller verliehen, die restlichen rund 500 werden zur Ausgabe kommen, sobald die Papiere der einzelnen Antragsteller vollständig und ordnungsgemäß vorliegen bzw. bie in ben letzten Tagen noch eingereichten Anträge abgeschlossen bearbeitet sinb. Die Verleihung bes Ehrenkreuzes für Eltern unb Witwen von Frontkämpfern ist von runb 500 Per- fönen beantragt worben. Diese Ehrenkreuze sinb in ben letzten Tagen bei ber Polizeibirektion zum Teil eingetroffen, bie Ausgabe wirb voraussichtlich Enbs nächster Woche erfolgen können. Das Ehren- kreuz für Kriegsteilnehmer haben rund 1000 Personen beantragt. Diese Ehrenkreuze sind bis jetzt noch nicht eingetroffen, so baß bie Verleihung erst später erfolgen kann.
Aus ben Orten bes Kreises Gießen kommen runb 7000 Personen in Betracht, bie auf bie Der- leihung bes Ehrenkreuzes für Frontkämpfer Anspruch erheben können; bie bisher für bie Orte bes Kreises Gießen beim hiesigen Kreisamt eingetroffenen 500 Ehrenkreuze für Frontkämpfer sinb bereits ausgegeben worben. Für bis Verleihung bes Ehren kreuzes für Eltern unb Witwen von Frontkämpfern kommen runb 2000 Personen in Betracht, für bie Verleihung bes Ehrenkreuzes an Kriegsteil ri e h m e r runb 1500 Personen. Bis jetzt find beim Kreisamt Gießen, bas für bie Verleihung biefer Ehrenzeichen für bas Gebiet bes Kreises Gießen zustänbig ist, runb 7000 Anträge ein« gegangen.
Vortrag in der landwirtschaftlichen Fachschaft.
Im Rahmen ber Fachschaftsarbeit im Winter- : femefter 1934/35 hatte bie lanbwirtschaftliche Fach- , schäft unserer Universität unter Beteiligung ber Diplomlanbwirte bes Bezirkes Gießen Pg. Dipl.- ; Lanbwirt Metz aus Wiesbaben zu einem Vortrag । über „Blutlinienforschung in bäuerlichen Familien' - verpflichtet. Der Redner gab zunächst einen geschicht- i lichen Ueberblick von bem Daseinskampf unserer ■ bäuerlichen Ahnen im Laufe ber Jahrhunberte. Er > zeigte, wie bas beutsche Freibauerntum immer mehr = seine Unabhängigkeit verlor unb Bebrückungen > mannigfacher Art zu erbulben hatte, unb wie biesg - schließlich zu ben Bauernkriegen führten. Der un- i glückliche Ausgang bieses Aufstanbes mangels eines
ihrer Schulter, ber für zwei Heller jebermann mit bem Schnabel aus ben brei Fächern ihres Kästchens eine Prophezeiung zog: einen feschen Korporal mit Bilb ober ben Haupttreffer ober eine Reiss nach Amerika. Sie ließ auf ihrem Blechteller bas Kupfergelb erklingen, aber ber Fabrikherr sah über sie hinweg auf bie mit befsarabischen Teppichen ausgeschlagene Bube, in ber ein Hänbler seinen Gabentisch aufgestellt hatte: Kämme unb Spiegel« chen, feibene Tüchlein unb Heiligenbilber, Wetzsteine Taschenmesser, Glasperlen, Korallenschnüre, Kruzifixe, Briefpapier unb Hosenträger, Porzellanvasen, Manschettenknöpfe, Schnürsenkel unb noch viele anbere schöne Sachen sang er, auf seinem Stuhle stehenb, wie ein Helbentenor mitsamt ben Preisen schmetternb hinaus unb blies bann zur Abwechslung einen forschen Marsch auf feiner Mund- harmonika. Jebe Vorstellung künbigte er mit einem Schuß aus einer Krachpistole an.
Georg Dietrich nickte, ber Mann verstaub sein Hanbwerk. „Wir können gehn", sagte er zu seinem Begleiter.
Eine neue Sternkarte.
Eine gründlich verbesserte Korte bes Universums, bie Tausende von neuen Milchstraßen-Systemen zu ben bereits verzeichneten hinzufügt, ist von bem bc» kannten amerikanischen Astronomen ber Harvard- Universität Professor Harlow Shapley der Akademie der Wissenschaften von Cleveland vorgelegt worden. Durch die Sternphotographien, die von ber Bloemfontein-Sternwarte ber Harvard-Universität ausgenommen wurden, fonnten die leeren Räume der Sternkarten durch viele „Ueber-Riesen-Sterne" ausgefüllt werden, von denen keiner weniger als bas Zwanzigtausendfache der Helligkeit unserer Sonne besitzen, die meisten von ihnen aber bas Dreißig- tausendfache Shapley teilt mit. baß eine Sternzählung, bie sich über ein Drittel des Himmelsraumes erstreckt, eine Ziffer von mehr als 125 000 Milchstraßen ergab, non denen jede ein Universum für sich wie unser Milchstraßen-Snst-'m darstellt. Jedes dieser Systeme umfaßt etwa 30 000 Millionen Sterne. Dabei zeigte sich, daß unsere Milchstraße außer- ordentlich klein ist. Gegenwärtig ist es uns nur möglich, Sterne dis zur 18. Größe zu photographieren. Wenn bas neue 200zöllige Fernrohr, das gegenwärtig für bas Kalifornische Technologische Institut hergestellt wird, vollendet ist, bann wird man in der Lage sein, Sterne bis zur 22. Größe zu photogra- phieren, und bie Grenzen der Ersorschungsmöglich- feiten werden bamit auf das Vierundsechzigfache ausgedehnt,
An die Mitglieder der Deutschen Angestelltenschaft.
Die DAF. teilt mit: Laut Verfügung von Dr. Ley hörte die Deutsche Angestelltenschaft am 31. Dezember 1934 als selbständige Organisation auf zu bestehen. Alle Mitglieder der ehemaligen Deutschen Angestelltenschaft sind ab 1. Januar 1935 Einzelmitglieder der Deutschen Arbeitsfront. Die Beiträge werden, soweit es sich um Betriebsgemeinschaften von mindestens zehn Mann handelt, im Betrieb durch die Lohnbüros kassiert und an die für den Betrieb zuständige Verwaltungsstelle abge- fübrt. Bei Mitgliedern der Deutschen Angestelltenschaft, bie einem derartigen Betrieb nicht angehören, mürben die Beiträge in ihren Wohnungen kassiert. Diese Mitglieder wenden sich, soweit sie im Rahmen der Umorganisation noch nicht erfaßt sind, an die zuständige DAF.-Ortsgruppe bzw. Verwaltungsstelle.
Wichtig für Lungenkranke.
Die Sprechstunden der Fürsorgestelle für Lungenkranke in der Medizinischen Poliklinik finden für die Besucher aus den Landgemeinden des Kreises Gießen nicht mehr Montags, sondern jeden Dienstag von 16 bis 17 Uhr statt.
Lungenkranke und Krankheitsgefährdete, die in ärztlicher Behandlung sind, bedürfen einer Ueber- weifung ihres Arztes in die ßungenfürforgefteUe. Unbemittelte werden unentgeltlich beraten.
Vorsicht bei der Aufbewahrung giftiger Flüssigkeiten.
Die Polizeidirektion Gießen teilt uns mit: Vielfach werden sowohl im Haushalt, als im Gewerbebetrieb Gefäße, die zur Aufbewahrung von Nah- rungs- und Genußmitteln bestimmt sind, wie Wein-, Bier- und Mineralwasserflaschen, zur A u f b e w a h- r un g giftiger Flüssigkeiten benutzt, bie im Haushalt oder im Gewerbebetrieb Verwendung finden sollen (z. B. Salzsäure, Salpetersäure, Karbolsäure, Lysol, Salmiakgeist, Sublimatlosung und dergleichen), ohne daß Vorkehrungen getroffen werben, durch die der Gefahr einer Verwechslung des giftigen Inhaltes der Gefäße mit einem Nahrungsoder Genußmiftel vorgebeugt wird. Infolge dieses auf Unkenntnis und Unachtsamkeit, auf Gleich- gültigfeit oder Rücksichtslosigkeit zurückzuführenden
Markttag in Kronstadt.
Don Adolf Mefchendörfer. <
Freitag ist der Wochenmarktstag in Kronstadt, ■ am Samstag hält man die Hochzeiten.
Der Fabrikherr Dietrich rückte mit dem Gastwirt ber „Goldenen Krone" aus, um sich zu überzeugen, was für feine Gäste eingetauft werde. Drei Dienstboten und Christian folgten mit großen Körben.
Rings um das altdeutsche Rathaus war über Nacht eine Zeltstadt entstanden, und schon seit dem Morgengrauen hatten Verkäufer und Käufer aus allen Dörfern der Umgebung die Straßen und Plätze überschwemmt. Bis auf den stillen Fischmarkt drang das Gesumm und Getöse der wühlenden Menschenmassen, die dies verpestete Viertel nut seinem abscheulichen Gestank abseits liegen ließen.
5n großen Bottichen schwammen da die Donaufische und der Besitzer holte ab und zu einen ber auschnellenden Burschen heraus, platschte ihn auf sein Tischchen und zerhackte dem Leblosen mit der Art Stück für Stück das Rückgrat. Kopf und Schwanzstück fielen in einen Kubel, und das weiße, fette Fleisch bot sich dem Liebhaber roie gepreßte ^Gekeilt und gestoßen wandelten die Käufer hierauf die Kornzeile entlang, vorüber an den aufrecht stehenden Säcken mit Korn und Mms Hulsenfruch- ten, Sonnenblumenkernen und Hanfsamen un hielten bei den Kartoffelsäcken, beratschlagten und wählten; denn es ist wahrlich nicht alles em i, ob man zum Braten oder Salat rosa oder gelbe, hart Kipfelerdäpfel oder mehlige Schneeflocken erhalt, die wie Kastanien schmecken.
Sie bogen ab zu den Käsezelten unter dem Rathaus. Da standen hinter ihren Tischchen die mala- chischen Frauen, dick und fettig wie ihre Kas^ib^. der Brinza-Schaskäse und der fuße Orda ln mächtigen Rindsblasen, von denen sie miteinem'kleinen, drahtbespannten Bogen Stücke heruntersabelten. Sie scheuchten die Fliegen, schneuzten sich 'N lhre Schurzen und riefen die Herrschaften nicht nur an, sondern packten sie am Rockärmel und priesen ihren Kaschkaval, die in der Fichtenrinde duftenden goldgelben Stangen, die dicke Sauermilch, die glanz ' schwarzen Oliven, ihre Flaschen mit dem dickflüssigen Oel — Gott, Gott, die Menschen wissen nicht, was 0^Be! den Kuchenzelten war kein Durchkommen; Scharen von gaffenden Dienstmagden stemmten im) hier gegen den Strom und bewunderten die schmucken Kuchenhusaren zu Pferd und die gewaltigen Kuchercherzeu mit blitzenden Spiegelchen m oer
sich bei strengem Befehl nicht rühren dürfen. Möglichst soll überhaupt nichts daliegen. Sie brauchen 3ur Arbeit Ruhe, Ordnung und Sammlung.
Und dann gibt es die Leute, die sich von den Utensilien des Tages nicht trennen mögen, die sich durch stumme Gefährten gern an schöne Stunden erinnern lassen und darum in Handtasche und Brieftasche immer etwas Unnützes mit sich herumschlep- pen. Die auf dem Tisch und im Schubfach die herrlichste Unordnung haben und sich glücklich dabei fühlen. Die mit zärtlichem Blick einmal über alle lieb gewordenen Gegenstände Hinwegstreichen, ehe sie zu arbeiten anfangen. Ja, sie brauchen diese Umgebung, diese vollgepackten Tische, diese angefüllten Schubladen. Sie holen sich Anregung und Kraft fü’r ihr Schaffen aus dem Anblick jener beseelten toten Dinge, wenn sie auch noch so oft suchen und wühlen müssen, um etwas Wichtiges zu finden. ____________
s ein schlagenden Truthähne und befühlte ihren Bauch und Rücken, während der Gastwirt wieder zwei Körbe mit Gemüse, Eiern und gelben Butterstücken belud, die in große Krautblätter eingeschlagen waren. Jetzt konnte man weiter Vordringen zu dem Stand für Pilze und Beeren.
Am hohen Sockel der Stadtpfarrkirche hockten am Boden in einer Reihe wie an der Klagemauer, die kurze Pfeife zwischen den blitzenden Zähnen, die Zigeunerinnen und winselten und beschworen: „Kauft, lieber Herr, kauft!" Alte Hexen mit verrunzelter Haut und wirren Haarsträhnen klapperten mit ihrem Sack geschnitzter Holzlöffel und junge Hexen mit brennenden Augen, bekleidet nur mit einem löcherigen Hemd und einem rotseidenen Tüchlein auf den pechschwarzen Zöpfen, ließen am Halse die Goldmünzen aller Habsburger baumeln und schichteten mit der freien Hand immer wieder die Hügelchen ihrer öligen, glatten Rechter, der Bitterschwämme, Steinpilze und Täublinge oder schüttelten ihre Holzkannen mit Himbeeren und Erdbeeren, die noch vor ein paar Stunden im feuchten Gestrüpp des Hochwaldes gestanden hatten. Die Preise schwankten wie das Schilf im Wind, und wegen zwei Hellern war die ganze Horde bereit, in Geheul und Gotteslästerungen auszubrechen. Mit ihren Gaben wurde die letzte Dienstmagd beladen und dann der Rückzug angetreten.
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