Zeit mehrere Männer dieses Streumittel auch auf den Bürgersteigen ausbreiteten, hierauf wurde das Streumittel mit Wasser bespritzt und sodann von mehreren Männern mit Schrubbern auf der Straßendecke verrieben, damit die völlige Vermischung mit dem Kampfstoff vor sich gehen konnte. Nunmehr trat — im Ernstfälle muß allerdings eine Zeitspanne von etwa einer halben Stunde gewartet werden — der große Wasserwayen in Aktion, der sein Naß in reichlicher Weise aus die Straße warf, um damit den ganzen Streumittelvorrat samt allen schädlichen Stoffen fortzuspülen. Diese Spülarbeit, in deren Anschluß die Männer mit dem Besen die Straße gründlich fegen, dauert so lange, bis die Fahrbahn, der Bürgersteig und alle Fugen und Ritzen der Steindecke vollkommen ausgewaschen und ausgebürstet sind. Dann erst ist die Entgiftung vollzogen und die Straße wieder benutzungsfähig.
Im Anschluß an diese Uebung wurde die gleiche Arbeit noch an einem weiteren Objekt, an einer Wand der Haubachschen Scheuer an der Rodheimer Straße, gezeigt. Bei dieser Arbeit sollte dargetan werden, in welcher Weise die Aufgabe des Entgiftungstrupps an Bauobjekten durchgeführt werden muß. Man gewann hier, wie auch in der Krofdorfer Straße den Eindruck, daß
alle Mannschaften des Trupps in sorgfältiger Weise geschult sind und die technischen Einzelheiten ihres Dienstes vollkommen und klar beherrschen.
Angesichts dieser mit unbestreitbar vollem Erfolg durchgeführten Hebungen sprach denn auch Polizeidirektor Meusel dem Entgiftungstrupp seine volle Anerkennung aus, die ihren schönsten Niederschlag für die Männer darin fand, daß der Polizeidirektor den Trupp und seine Führer als Hifskräfte der Polizei im Rahmen des zivilen Luftschutzes verpflichtete und mit der Führung des Trupps die nachstehend genannten Volksgenossen beauftragte: Geilfuß als Zugführer, Emerich und ©inner als Truppführer. Bei diesem Sckluß der Hebungen, wie auch zu Beginn bei der Unterrichtung der geladenen Gäste wies Polizeidirektor Meusel in überzeugenden Worten auf
die große Wichtigkeit des zivilen Luftschutzes hin, der mit zu den vornehmsten Diensten für Volk und Vaterland gehört und dem sich die Volksgenossen in opferbereiter Mitarbeit zur Verfügung stellen müssen.
Freudig aufgenommene Sieg-Heil-Rufe auf unseren Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, den Bahnbrecher des deutschen Wiederaufstiegs, bildeten den Schluß der sehr interessanten und lehrreichen Hebung.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Martinstag.
Der kleine Bub meines Nachbars zeigte mir freudestrahlend einen „Märtesmann", den ihm seine Mutter aus der Stadt mitgebracht hatte. Vorsichtig hielt er die Lebkuchengestalt in der Hand und leckte von Zeit zu Zeit an der Rückseite, weil die Vorderseite mit einem großen Bild des heiligen Martin beklebt war. Es war sozusagen ein bißchen Vorgeschmack; oder hatte die Mutter gesagt, er solle den „Märtesmann" ja gut aufheben? Aber wir sind so gute Freunde, der Vierjährige und ich, daß er mich mit glänzenden Augen fragte: „Willst du auch einmal dran lecken?" Ich dankte lächelnd und sagte: „Der Martinsmann ist ganz allein für dich! Heb ihn nur noch ein bißchen auf!" Er nickte und lief weiter Wenn ihm seine Mutter nächstes Jahr wieder einen Lebkuchenmann mitbringt, dann wird ihm dieser Tag für alle Zeiten mit lieblichen Erinnerungen im Gedächtnis bleiben. Sobald er das Wort Martinstag hört, wird er an die süßen Lebkuchenmänner denken.
So war es ja früher auch. Mit welchen sehnsüchtigen Augen schauten wir aus, wenn unser Vater oder die Mutter auf den Martinsmarkt gingen! Denn wir wußten, daß uns bann ein „Märtesmann" mitgebracht wurde. Diese gebackenen Männer hatten damals freilich noch keine aufgeklebten Gesichter und Gewänder. Augen, Mund usw. waren mit einem weißen Zuckerguß gekennzeichnet.
Wir hätten deshalb diese Zuckermänner gleich aufessen können, wir hätten nicht nur an der Rückseite zu lecken brauchen Aber wir haben das nie getan, denn diese Süßigkeiten waren für uns Land- kinder eine große Seltenheit, die erst einmal richtig
betrachtet werden mußte Zunächst haben wir Geschwister unser Gebäck verglichen, ob auch eines so groß war wie das andere, denn gerade bei Kindern ist das Gerechtigkeitsgefühl sehr stark entwickelt. Gar zu leicht kommt bei ihnen der Gedanke auf, daß das andere mehr bekommen hätte, besonders wenn es sich um etwas Eßbares handelt.
Manchmal waren die Augen auf dem Martinsmann nicht ganz gleichmäßig, manchmal war die Nase etwas zu groß geraten. Das gab dann die merkwürdigsten Gesichter. Da zogen wir Vergleiche mit unfern Bekannten, und ich weiß noch sehr gut, daß ich einmal einen Martinsmann hatte, den ich längere Zeit aufbewahrte, nur weil er so aussah wie Onkel Heinrich.
Wenn der Novembersturm heult und die letzten Blätter von den Bäumen reißt, dann sitzt es sich gar behaglich im warmen Zimmer. Die Kinder
1. Absperrung übernimmt die SS. ab 20 Hhr auf dem "Dsroalbsgarten.
2. Abmarsch. Die (Slieberungen unb alle Abteilungen, bie geschlossen teilnehmen, marschieren so ab, baß sie 20.15 Hhr spätestens auf bem Os- malbsgarten eintreffen.
3. Sämtliche Politischen Leiter treten um 19.45 Hhr vor ber Kreisleitung, Lubwigstraße, an. Hier
spielen unb lauschen nur manchmal, wenn ber Winb gar zu viel Lärm macht. Ist ba ber Martinsmann nicht ein willkommener Bote, ber Freube unb Abwechslung ins Haus bringt? Können wir jetzt nicht bie alte ßegenbe vom heiligen Martin erzählen?
Wir Alten haben boch bie gebratene Martins- gans, bie ben Kindern aber sicher nicht so viel Genuß bereitet, wie ein gebackener Martinsmann.
R.
Dornotizen.
Tageskalenber für Samstag.
NSDAP., Ortsgruppe Gießen: 20.15 Hhr Feier- stunbe zum 9. November auf bem Dsroalbsgarten. — NSG. „Kraft burch Freube": 16.30 bis 17.30 Uhr Walblauf. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ein idealer Gatte".
Tageskalenber für Sonntag.
Stadttheater: 15 bis 17.15 Hhr „Holzappel"; 19 bis 22 Hhr „Vogelhänbler". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ein idealer Gatte" — Evang. Stadt- Mission: Jahresfest; Ansprachen um 15 unb 20.15 Uhr. — Heimatoereinigung Schiffenberg: 15 Hhr Familienzusammenkunft auf bem Schiffenberg. — Oberhessischer Kunstoerein, Turmhaus am Brand- platz: 11 bis 13 Hhr Ausstellung friesischer Maler ber Gegenwart, Kleintierplastik von Lily König.
Spielplan des Gießener Stabttheaters vom 10. bis 17. November.
Sonntag, 10. November, 15 bis 17.15 Hhr, geschlossene Vorstellung für bie NS.-Gemeinschaft „Kraft burch Freube": „Holzappel", ein luftiges Volksstück von H. A. Weber; Spielleitung: Der Jn- tenbant. Kein Kartenverkauf. 19 Hhr Wieberholung
treten auch bie Fahnen ber Ortsgruppen ber Deutschen Arbeitsfront an.
4. Betriebe, bie geschlossen teilnehmen, müssen ebenfalls spätestens 20.15 Uhr auf bem Oswalds- garten eingetroffen fein.
Gez.: Schmelz, Kreispropaganbaleiter.
bes großen Schlagers „Der Vogelhändler" in ber völligen Neuinszenierung ber Münchner Fassung. Musikalische Leitung: Paul Walter; Spielleitung: Paul Wrebe; Tänze: Tery Schultheis. Enbe gegen 22 Hhr. — Montag, 11. November, fällt bie Vorstellung ber NS.-Kulturgemeinbe Ring Deutsche Bühne „Cosi fan tutte“ wegen Erkrankung im Personal aus. Die Karten behalten ihre Gültigkeit für eine anbere musikalische Vorstellung, bie noch bekanntgegeben wirb. — Dienstag, 12. November, von 20 bis 23 Hhr zum erstenmal in ber Neu- einftubierung „Peer Gynt", bramatisches Gebicht von Henrik Ibsen. Hans von Spallart hat feiner Bearbeitung unb Inszenierung bie Hebersetzung von Dietrich Eckart zugrunbe gelegt. Die musikalische Untermalung gibt bie Musik von Edward Grieg. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Die
Feierstunde zum 9. November
am Samstag/ dem 9. November, 20,15 tftjr, auf dem Oswaldsgarten
Es nehmen teil:
Sämtliche Politischen Leiter aus Gießen, die vier Gießener Ortsgruppen, sämtliche Gliederungen und angeschlossenen Verbände der NSDAP.
Alle Volksgenossen unserer Stadt werden aufgefordert, an dieser Feierstunde teilzunehmen und werden hiermit eingeladen. Die Mitglieder der Wehrmacht, die Reichs- und Staatsbehörden, der Arbeitsdienst werden hiermit eingeladen.
Die Fahnen der Ortsgruppen und der Gliederungen sammeln sich um 20.15 Uhr auf dem Oswaldsgarten an der Neustadt.
Feierfolge:
1. Fahneneinmarsch, Begleitung dazu Landsknechttrommeln des Zungvolks.
2. Fahnenspruch, gesprochen von einem hitlerjungen.
3. Ieiermusik, gespielt von dem Musikzug der SA.-Standarte 116: „Ieiermusik zum 9. November" von Erich Lauer.
4. Totenehrung, Sprecher: Obersturmbannführer Pg. Bender.
5. Feieransprache.
6. Fahnenspruch, Sprechchor der Hitler-Zugend.
7. llebersührung der Hitler-Zugend, hierzu spricht Unterbannführer Schneider.
8. Sieg-Heil auf den Führer und Horst-Dessel-Lied.
9. Großer Zapfenstreich, gespielt von dem Musikzug der SA.-Slandarle 116.
Sonderveranstaltungen einzelner Ortsgruppen oder Gliederungen müssen während dieser Feier ausfallen. Ende gegen 2130 Uhr.
heil Hitler!
Schmelz, kreispropagandaleiler.
Aufmarschplan rum 9. November.
Vorstellung gilt zugleich als 7. Vorstellung int Dienstag-Abonnement. — Mittwoch, 13. November, von 19.30 bis 21.45 Hhr, Erstaufführung bes rei» zenben Lustspiels „Der Mann mit ben grauen Schläfen", von Leo Lenz. Die Spielleitung liegt in ben Händen von Hans von Spallart. Diese Vorstellung gilt zugleich als 7. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. — Freitag, 15. November, von 20 bis 22 Uhr, bie „Komöbie ber Irrungen" von Shakespeare. „Die beste Aufführung, bie Gießen bisher erlebt hat!" Spielleitung: Der Jntenbant. — Samstag, 16. November, von 20 bis 22.15 Uhr, als Vorstellung ber NS.-Kulturgemeinbe Ring Deutsche Bühne, ber große Urauffüfjrungserfolg „Holzappel", ein luftiges Dolksstück von H. A. Weber. Spielleitung: Der Jntenbant. Freier Kartenverkauf an ber Abendkasse. — Sonntag, 17. November, von 19 bis 22 Uhr ber große Schlager „Der Vogelhänbler", Operette von Karl Zeller. In ber völlig neuen Inszenierung ber Münchner Fassung. Leitung ber Operettenaufführung haben: Walter, Wrebe, Schultheis.
Zahressesl der Evangelischen Stadtmission.
Im heutigen Anzeigenteil wirb zu biefer Veranstaltung am morgigen Sonntag in Gießen ein» geloben. Näheres in ber Anzeige.«
Hetdenaedenlfeier oer GA -Landwehr.
Der SA. - Sturm 1/L116 gestaltete seinen Sturmabenb am gestrigen Freitag im ersten Teile zu einer einbrucksvollen Scbcnrfeier zu Ehren ber am 9. November 1923 vor ber Felbherrnhalle in München gefallenen Kameraben ber Bewegung bes Führers.
SA.-Kamerab Stintzing hielt eine Ansprache über bie Bebeutung bes 9. November. Er wies zunächst auf ben schmachvollen Verrat unb marxistischen Dolchstoß gegen bie beutsche Front im Abwehrkriege am 9. November 1918 hin, lenkte bie aiufmerffaKtfeit ber Sturmfameraben auf bie furchtbaren Folgen jenes Hoch- unb ßanbesoerrats unter jüdisch-marxistischer Führung, unb erinnerte hierauf an bie große Tragik bes reinsten unb edel» ften Wollens ber Männer, bie am 9. November 1 9 2 3 in München auf bem Marsche zur Felbherrnhalle für ein neues, sauberes, auf besten sittlichen Grunblagen unb auf bem Funbament ber nationalen Ehre aufgebautes Deutschland marschierten unb babei burch ben Verrat ber Kahr-Regierung ben Tob burch bie Kugeln deutscher Brüber fanben. Das Blutopfer biefer Männer für bas Dritte Reich Adolf Hitlers bebeutet für bas ganze beutsche Volk eine heilige Verpflichtung, bie für unser Volk bin» benb ist in alle Ewigkeit. Das Anbeuten an biefe Vorkämpfer unb ersten Gefallenen ber Bewegung wirb insbesondre in ber SA. für alle Zeit kbenbig bleiben. Der Führer selbst hat biesen Männern bas schönste Erinnerungsmai gegeben in seinem Buche „Mein Kamps", in bem er bie Namen biefer 16 Märtyrer nennt unb sie bamit in bie beutsche Geschichte so einreiht.
Der Führer bes Sturmes 1/L116, Truppführer Kurt Richter, ließ ben packenben Worten bes Kameraben Stintzing noch einen ebenso markigen Appell folgen, ber ben Sturmfameraben bas hehre Dorbilb ber Gefallenen vor ber Felbherrnhalle ein- bringlich als mahnenbes Beispiel für bie Pflichterfüllung im Dienste bes Führers im rechten SA.- Geiste vor Augen stellte unb babei bie unlösliche verpflichtend Gemeinschaft zwischen bem Führer unb seinen SA.-Männern betonte.
Zum Gebenken an bie gefallenen Kameraben bes 9. November 1923 ließ ber Sturmführer ben Sturm stillstehen, babei sang ber Sturm gemeinsam bas Kamps- unb Gebenklieb ber Bewegung „In München find viele gefallen".
Anschließenb folgte ber Sturmabenb in feinem üblichen bienstlichen Verlauf.
Deutsche Arbeitsfront.
Ortsgruppe Gießen-Ost.
Am Mittwoch, 13. November, abenbs 8 Hhr pünktlich, findet in ber „Germania", Kaiserallee, ein Appell sämtlicher DAF.-Walter ber Ortsgruppe Gießen-Ost statt. Mit sofortiger Wirkung beginnt bie Mitgliedsbuch-Hmschreibung unb bamit bie Einziehung ber Mitgliebsbücher. Bei bem Appell werben bie genauen Richtlinien über ben Einzug ber Bücher bekanntgegeben. U. a. werben auch bie Türplaketten ausgegeben. Es ist bringenb er« forderlich, baß jeber DAF. - Wa11er an bie-
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Vornan von Frank $. Braun.
7. Fortsetzung Nachbruck verboten!
Nydegger hatte ein Gefühl für bie Minute. Er fragte nichts. Er bachte: sie hat mir alles gesagt. Ja, gewiß, es ist Entsetzliches unb Häßliches. Aber es betrifft nicht ihre Person. Es geschah ihr, sie mußte es erleben, boch bei ihr ist ba keine Schuld.
„Ich aber..." unb ber Gebaute riß ab. Er spürte, er würbe nicht jetzt sprechen können, wie sie es getan hatte. Wenn mein ©ruber, mein Vater einen Wechsel gefälscht hätte, ich vermöchte Ilia in dieser Stunde alles zu gestehen. Aber, daß ich selber es tat, das kann und darf ich ihr nicht sagen.
Er stützte den Kopf auf unb starrte zu Boben. Im Augenblick war er mehr mit sich beschäftigt, als mit ihrer Geschichte. Schulb, lieber Himmel, ich war neunzehn Jahre, Basilius war zehn Jahre älter als ich. Ich vertraute ihm unb er riet mir Böses. Es bleibt meine Schulb, gewiß, aber ist sie nicht halb abgebüßt?
Wie habe ich gelitten unter diesem Basilius, ber mein Mitwisser war, mein böses Gewissen. Unb wie hat er mich benützt! Wahrscheinlich hat er mich auch jetzt nur eine Weile vergessen, weil er mich nicht brauchte. Ich werbe meines Lebens erst froh, wenn er tot ist. Ich fühle bas.
Vielleicht soll es eine Versuchung fein, aber bann versucht mich bie Hölle vergebens. Ich werbe niemals bie Hanb gegen Basilius erheben. Aber vielleicht bin ich bvch ein schlechter Mensch. Ich bete zuweilen zu Gott, baß er ben Alp von mir nehmen soll. Das aber wirb nur sein, wenn Basilius nicht mehr auf ber Erbe ist. Also warte ich auf eines Menschen Tob; bas ist etwas sehr Böses.
Ilia sah ihn an. „Was benkst bu so angestrengt?"
„Wieviel Haß auf ber Welt ist", sagte er, „starker unb feiger Haß."
Er merkte, es war nicht klug, so zu reben. Ilia mußte eine Erklärung fordern. Er überlegte schon sein Ausweichen, ba tarnen Schritte auf bem Kiesweg heran unb die stille Nachmittagsstunde auf der Bank im Park erfuhr eine jähe Unterbrechung.
Es war wie im Kino. Die Szene erfuhr ihre dramatische Steigerung durch das Auftauchen eines Dritten. Der junge Mann, der herankam, war ihnen beiben gut bekannt. Paul Scherbeck hörte
Staatswissenschaften. Er war ein netter, blonber Berliner, mit bem sie oft zusammensaßen.
„Dachte ich es boch", rief Scherbeck, „baß ihr auf eurer Lieblingsbank sitzen würbet."
Er kam heran unb schwenkte ein Papier in ber Hanb. „Ich wollte bich abholen, Nybegger, ba sagte mir beine Wirtin, bu seiest mit Fräulein Filimon in ben Englischen Garten gegangen. Sie fragte, ob ich dich zu finden wisse, unb als ich bas bejahte, gab sie mir bies Telegramm für bich mit."
Robert Nybegger nahm erschrocken das gefaltete Papier. „Ein Telegramm..." sagte er ratlos.
„Mach es immerhin mal auf", witzelte Scherbeck, „vielleicht hast bu bas große Los gewonnen. Die Leute benachrichtigen immer per Telegraph."
Nybegger riß bas Papier auseinander. Er überflog bie wenigen Worte. Seine Lippen bewegten sich, als lese er halblaut mit, aber er brachte keinen Ton heraus.
Scherbeck schwenkte sofort um. Dies Gesicht bes Kommilitonen rebete eine deutliche Sprache. „Verzeih", sagte er, ,choch nichts Unangenehmes?"
Ilia sah ihren Freunb prüfenb an. Er spürte ben Blick, er vernahm Scherbecks Frage. Sie kannten sich alle brei gut, es war klar, baß er eine Antwort geben muhte.
„Mein Vater ist erkrankt", log er. „Ich muß noch heute abenb reisen."
„Oh", machte Scherbeck verlegen, „bas bebauere ich " Sein bummer Spaß tat ihm leib.
Ilia erhob sich entschlossen. „Komm", sagte sie, „laß uns keine Zeit verlieren. Der Zug nach Zürich geht gegen 7 Uhr, wenn ich mich recht erinnere."
Nybegger ftanb auf. Er knitterte bas Telegramm zusammen unb preßte es in bie geballte Faust, bann ließ er es fallen. Es blieb auf ber Bank liegen.
Sie gingen einige Schritte nebeneinander. Die Pause ward drückend. Da entschloß er sich zu einer weiteren Erklärung. „Ich fahre nicht nach Hause, Ilia. Ich muß nach Hamburg reisen. Vater war gerade unterwegs. Er ist in Hamburg erkrankt."
Sie sah ihn an. Er senkte den Blick und sie verstand: etwas stimmte hier nicht. Er hatte ihr erzählt, sein Vater sei ein Schweizer Militär. Was tat ein Schweizer Offizier in Hamburg?
Einen Augenblick war sie unschlüssig, dann sagte sie: „Geht bitte voraus, ich habe meine Handschuhe liegen lassen. Nein, bitte, geht nur voraus."
Sie lief schon zurück, ehe Scherbeck oder Nybegger
sich zu dem Kavalierdiensl hätten entschließen können.
Auf der Bank fand sie das zusammengeknüllte Papier und glättete es. Dann las sie: „Unbedingt mit Nachtzug kommen Hamburg Hauptbahnhof, Basil."
Der Schreck fuhr ihr so stark in die Glieder, daß sie fast auf die Bank gesunken wäre.
Basil! Das war ja ber verfluchte Name! Basil Basilius hieß ber Mürber ihrer Eltern!
Sie riß sich zusammen. Unmöglich konnte sie hier langer verweilen. Das Telegramm nahm sie an sich, bann ging sie ben beiben jungen Männern nach.
Ihr Herz war zerrissen vom Wiberstreit ber Empfinbungen. Basilius ftanb mit Nybegger in Derbinbung. Galt bas ihr, überwachte Nybegger sie im Auftrage Basilius'? Unb gerabe eben hatte fie biefem Nybegger sich anvertraut! Sie biß bie Aähne zusammen. War alles Verrat auf biefer
Nybegger hatte ihr von Liebe gesprochen. Konnte ein Mensch so lügen? Sie glaubte es nicht, wollte es nicht glauben. Was aber war es bann, was Basilius unb Nybegger verbanb? Unb ganz zutiefst war eine Befriedigung da: ich habe eine Spur. Basilius ist nicht unauffindbar. Er soll sich sehr in acht nehmen.
2Us sie bie Männer erreichte, vermochte sie zu lächeln.
„Waren bie Handschuhe noch ba?"
„Ja, banke", sie nickte Scherbeck, ber gefragt hatte, zu unb sah bann Nybegger an. Da bemerkte fie besten Blick. Er sah auf ihre Hänbe. Sie hatte gar keine Hanbschuhe bei sich.
Sein Gesicht war leichenblaß. Nervös suchte er in seinen Taschen. „Das Telegramm — habe ich wohl — verloren?" stotterte er.
Ilia nahm es aus ihrer Tasche und gab es ihm. „®s lag auch dort auf ber Bank", sagte fie. „Ich dachte mir, daß bu es vermissen würdest, und bann, fein Inhalt ist ja wohl nicht für jeden bestimmt."
„Ja", sagte er sinnlos, „baute", unb er war stockheiser.
„Nun, nun", beschwichtigte ihn ber ahnungslose Scherbeck, „vielleicht ist es gar nicht so schlimm mit beinern alten Herrn, Nybegger. Solche Depeschen werben meist in ber ersten Verwirrung abgeschickt. Wer telegraphierte benn, beine Mutter?"
3Ita sah ben Freund an. Auch sie mußte seine Antwort interessieren.
Nybegger schüttelte ben Kopf. „Sein Begleiter bepeschierte. Er erwartet mich morgen mittag im Hauptbahnhof in Hamburg."
Ilia roanbte ben Blick zur Seite. Was war hier Wahrheit? Kannte auch ber Vater Nybegger biesen Basilius, würbe ber Fall immer undurchsichtiger? Aber sie glaubte bas nicht. Im übrigen würde sie sich rasch genaues Wissen holen. Ihr Plan war gefaßt.
Sowie sie den Namen Basilius gelesen hatte, war ihr klar gewesen, daß sie nach Hamburg reifen müsse. Nybegger sollte baoon nichts ahnen. Sie wußte bei allem guten Glauben im Moment nicht, wer er war. Es würbe sich erweisen, ob sie für iyn sein konnte ober gegen ihn stehen mußte. Don ihrem großen Ziel ber Rache konnte auch Robert Nybegger, fanb er sich auf ihrem Wege, sie nicht abbringen.
Sie fuhren beibe im selben Nachtzug nach Hamburg.
Nybegger verließ nicht ein einziges Mal fein Abteil. Ilia Filimon hatte es leicht, unbemerkt von ihm zu bleiben.
In Hamburg empfing am anbern Mittag ben Stubenten ein Mann, den sie nicht kannte.
Der Kopf saß auf einem sehr hageren Hals. Von nun an wurde sie Alwin Jabusch wiedererkennen, auch wenn sie den Namen noch nicht wußte.
Die beiden sahen sich nicht um. Sie hatten keine leise Ahnung, daß sie verfolgt wurden.
5. Kapitel.
Konsul Bassenbera hatte einige Gäste an der Abendtafel. Doktor Franz Farrenkorn war da, der kleine Bankier Bilsa und Justus Pagel mit seinem Freund Basilius. Die Freundschaft der beiden schien jedoch nicht weit her zu sein. Pagel wich Basilius aus, wo es ihm gelang.
Der Sekretär Zerny flüsterte dem Konsul zu: bringt Justus Pagel diesen Mann mit, Herr Konsul?"
Bassenberg, solche vertrauliche Bemerkung aus dem Munde dieses Mannes, den er überaus schätzte, nicht zurückweisend, zuckte die Achseln. „Ein Ge- schaftsfreund, glaube ich. Pagel war froh, als ich ihm sagte, er solle ihn mitbringen. Ihnen gefällt er nicht? Ich mag diesen Basilius ganz gerne. Ein interessanter Plauderer."
„Die gnädige Frau mag ihn offensichtlich gar mcht.
» <Fortsetzung folgt!)


