stellung für ihre weiteren Operationen gewonnen. Die Danakil-Abteilung steht augenblicklich bei Az bi. Sobald sämtliche Truppen um Makalle konzentriert sind und der Nachschub gesichert ist, dürfte der Vormarsch in Richtung D e s s i e angetreten werden. Voraussichtlich wird der westliche Flügel dem Lauf des Flusses Takazze folgen, um dann westlich nach dem Tana-See vorzustoßen.
Die italienischen Blätter stellen die Einnahme von Makalle vom militärischen und moralischen Standpunkt aus in eine Reihe mit Adua und Adigrat, da es auch hier darum gegangen fei, eine Stellung wiederzuerkämpfen, mit der bittere Erinnerungen der italienischen Kolonialgeschichte verknüpft sind. Gorrahai in Ogaden ist ein äußerst wichtiger strategischer Punkt, da er alle Karawanenstraßen nach den verschiedenen Himmelsrichtungen sowie den Zugang zu den Hauptwasser st ellen beherrscht. Mit der Besetzung dieses Ortes würde für die italienischen Truppen die Gefahr vermieden, künftig Kämpfe in der ungesunden Tiefebene von Gorrahai zu führen. Die Einnahme von Gorrahai öffne den Weg nach Harrar. Man rechnet mit abessinischem Widerstand auf der Linie Gondar-Debra, Tabor-Socota, Amba- Alagi und Quorum.
Die römischen Besprechungen gehen weiter.
London, 9. Nov. (DNB. Funkspr.) Das Reu- tersche Büro wendet sich gegen eine Meldung, wonach ein englisch-italienisches Flottenabkommen abgeschlossen worden sei, und erklärt, diese Meldung müsse auf einem Mißoer st änd- n i s im Zusammenhang mit den Besprechungen der italienischen Flottensachoerständigen in London oder mit den Unterredungen zwischen Sir Eric Drummond und Mussolini in Rom beruhen. Es werde jedoch auf Grund des in den englisch-italienischen Besprechungen erzielten Fortschrittes voraussichtlich eine weitere Zusammenkunft zwischen Mussolini und dem britischen Botschafter in Rom am Samstag stattfinden. Man hoffe, daß dann ein weiterer Schritt zur Milderung der englisch-italienischen Spannung im Mittelmeer zustande komme. Ein endgültiger Beschluß sei jedoch noch nicht erzielt worden.
Deutsche kehren aus Abessinien heim.
Ein schwedischer Jnstruktionsoffizier berichtet.
An Bord der „Usambara", 8. Nov. (DNB.) Mit dem Dampfer „Usambara" der Woer- mann-Linie kehrte eine Gruppe von Deutschen, die in Abessinien ansässig waren, in die Heimat zurück. Ein Vertreter des DNB. hatte während der Fahrt von Cuxhaven nach Hamburg Gelegenheit, mit den Heimkehrern über ihre Eindrücke in Abessinien zu sprechen. Herr Elb ers arbeitete am Bau von Missionsgebäuden, auch im Inneren des Landes. Mit dem Ausbruch der Feindseligkeiten hörten jedoch die notwendigen Rohstofflieferungen, in der Hauptsache Holz, völlig auf, so daß man die Arbeiten e i n st e l l e n mußte. Er berichtet, daß noch viele Deutsche in Abessinien geblieben seien, die meisten hätten allerdings ihre Frauen und Kinder zurückgeschickt. In Addis Abeba und ebenso an der Eisenbahnlinie nach Dschibuti merke man vom Krieg nicht viel. Lediglich die einzige große Eisenbahnbrücke, die Hawasch-Brücke, sei stärker bewacht. Für die Europäer bestehe keine besondere Gefahr. Der Negus tue alles, um den Ausländern seinen Schutz angedeihen zu lassen.
Mit der „Usambara" ist auch einer der schwedischen A u s b i l d u n g s o f f i z i e r e, Oberleutnant Nyblom, nach Europa zurückgekehrt, um Offizier der schwedischen Armee zu bleiben. Einige seiner schwedischen Kameraden seien in Addis Abeba geblieben. Er schätzt die Zahl der nach europäischen Richtlinien ausgebildeten abessinischen Soldaten auf 150 000 bis 200 000 Mann. Besonderer Nachdruck wurde der Ausbildung der Garde gewidmet. Ihre Stärke habe vor dem Kriege 4000
bis 5000 Mann betragen. Jetzt fei sie ganz bedeu- dend vergrößert worden. Die kaiserliche Garde, die nach europäischen Gesichtspunkten durchaus als wertvolle Truppe anzusprechen sei, sei bis jetzt noch nicht in den Kampf eingesetzt worden. Die Erfahrungen bei der Ausbildung der Truppen seien recht gut gewesen. Die Abessinier seien sehr intelligent und stellten sich in denkbar kürzester Zeit von ihren Donnerbüchsen auf die modernen Schußwaffen um. Die Ausbildung erstrecke sich nicht nur auf das führende Do.lk der Amhara, sondern auf alle Stämme. Die Ausrüstung der irregulären Truppen, die oft in Zügen von 30 000 Mann und mehr in der Hauptstadt einträfen, erfolge ebenfalls mit modernen Gewehren, soweit welche vorhanden seien.
Frau S o l t e k, die Gattin eines deutschen Innenarchitekten hat den Eindruck gewonnen, daß von einer inneren Uneinigkeit der abessinischen Stämme keine Rede sein könne, obwohl die Freundschaft zwischen den unterworfenen Stämmen und den Amharen nicht sehr groß sei. Das A u f - reten von Regenfällen zu dieser Jahres-
zeit sei ein merkwürdiges meteorologisches Ereignis, das seit einer Reihe von Jahren nicht mehr vorgekommen sei. D e rp fle a u n g s so r g e n bei den abessinischen Truppen geoe es nicht. Wenn nichts anderes da sei, genüge eine Handvoll gerösteter Kichererbsen. Auf der Eisenbahn nach Dschibuti sei die Zuggeschwindigkeit gegenüber früher wesentlich erhöht worden. Die Züge seien jetzt ständig überfüllt.
Abessinische Rüstungsaufträge in England/Belgien und der Tschechoslowakei.
London, 9. Nov. (DNB.-Funkspruch.) Reuter meldet, daß die abessinische Regierung einer bekannten britischen Rüstungsfirma große Aufträge auf Munition, sowie auf die modernsten Infanterie- und Maschinengewehre erteilt habe. Aufträge in gleicher Höhe seien in Belgien und der Tschechoslowakei untergebracht worden. In der Tschechoslowakei seien u. a. Feldartilleriestücke bestellt worden; einige der belgischen Waffenlieferungen seien bereits in Djibuti eingetroffen.
Oer Führer spricht zur alten Garde.
Oie Erinnerungsfeier im Bürgerbräukeller.
München, 8. Nov. (DNB.) Ein Abend der alten Kameradschaft im historischen Saal des Bürgerbräukellers hat den denkwürdigen Tag des 9. November 1923 erhebend eingeleitet. Da sitzen jene Männer, die vor Jahren in diesem Saale Zeugen eines Augenblicks von geschichtlicher Bedeutung waren, als Adolf Hitler zum erstenmal den Versuch machte, das deutsche Schicksal zu wenden. Durcheinander sitzen hohe und höchste Würdenträger des Staates, zahlreiche Angehörige des Führerkorps der Partei, eine Fülle von einfachen Männern, die noch heute so wie vor 12 Jahren an der gleichen Stelle ihre Pflicht tun. Sie alle tragen das höchste Ehrenzeichen des neuen Deutschland, den Blutorden. Zwischen den Trägern des Braunhemdes sitzen auch viele Männer im grauen Rock, die das gleiche Ehrenzeichen auf der Brust tragen und schon damals in den Reihen des Führers marschierten. Markante Gesichter sieht man unter der alten Garde. Männer und Namen, die mit dem 9. November und dem ersten Erhebungsversuch für immer verknüpft sind. Man sieht Obergruppenführer Göring, den Obersten SA.-Führer von 1923, Brigadeführer Berchtold, den ehemaligen Führer des Stoßtrupps Hitler, Reichsführer Himmler, der vor zwölf Jahren die Fahne trug, Christian Weber, Oberstleutnant K r i e b e l, den ehemaligen „Oberland"-Führer Dr. Weber, Standartenführer Maurice.
Auf der Galerie haben die Gäste Platz genommen, die Reichsleiter, Gauleiter, Obergruppenführer und Gruppenführer der SA., SS. und NSKK., die Gauarbeitsführer und die Obergebietsführer der Hitlerjugend. Dazu namhafte Vertreter der Wehrmacht und die Hinterbliebenen der 16 Gefallenen.
Einer der alten Kämpfer von 1923, Sturmbannführer Grimminger, trägt die Blutfahne in den Saal, die benetzt ist mit dem Mut der 16 Gefallenen von 1923. Der Führer, begleitet von drei Blutordensträgern, Julius Schreck, Julius Schaub und Ullrich Graf, der am 9. November an der Feldherrnhalle sich schützend vor Hitler warf, und aus zahlreichen Wunden blutend auf das Pflaster sank und seinem Stellvertreter Rudolf Heß trifft im Bürqerbräukeller ein. Hermann Göring und Christian Weber begrüßen ihn. In Vertretung des damaligen Führers des „Regiments München" Obergruppenführer Brückner, der noch an den Folgen einer Operation leidet, meldet Gruppenführer Helfer dem Führer das Regiment München, dessen ehemalige Kompanie- fübrer in der Halle angetreten sind.
Obergruppenführer Hermann Göring kündigt an, daß der Führer nun zu seinen alten Kämpfern sprechen wird. Als der Führer dann beginnt, war säst jeder Satz unterbrochen von Stürmen der Zustimmung und des Beifalls. Brausend hängt sich der Beifall an den letzten Satz, als der Führer geendet hat. Hell und ehern wie aus einem Munde
jauchzt dem Führer das Sieg-Heil seiner Getreuen entgegen. Dann erklingt, einem heiligen Gelöbnis gleich, das Lied der Deutschen und das Horst-Wefsel- Lied. Heilrufe und immer wieder Heilrufe huldigen dem Führer. Tausende von Armen strecken sich ihm entgegen. Der Führer drückt vielen alten ergrauten Kämpfern die Hand, ehe er den Saal verläßt, und in diesem Händedruck liegt noch einmal die Erinnerung an das Ringen um Deutschland. Die Kundgebung des Saales pflanzt sich fort auf die Straße. Stürmische Heilrufe, die den heißen Dank eines ganzen Volkes umschließen, folgen dem Führer auf seiner Fahrt durch das nächtliche München, durch die Hauptstadt der Bewegung.
0er Nachwuchs der Partei.
Ein Spalier lodernder Fackeln empfing den Reichsjugendführer Baldur von Schirach mit feinem Stabe, den Obergebietsführer Klein, die Gauführerin des BDM. Hilde Königsbauer an den Stufen des Löwenbräukellers, an dem sich um 19 Uhr Hitler-Jungen und Mädel aus dem ganzen Reich als Vertreter all der Jungen versammelt hatten, die am Jahrestag des 9. November 1923 von dem Stellvertreter des Führers in den Orden der Nationalsozialistischen Partei ausgenommen werden. Feldzeichen der HI. und des Jungvolks grüßten in dichter Fülle von den mit rotem Tuch geschmückten Wänden des Saales, dessen Stirnfront 16 Opferlichter auf schwarzem Grunde zierten, unter ihnen die Kampfrune, über ihnen in leuchtenden Lettern die Worte: „Und ihr habt doch gesiegt!" In den Vorderreihen des Saales schimmerten die weißen Blusen der 6000 BDM.- Mädel, hinter ihnen die braunen Reihen der 1200 Hitler-Jungen.
Oer Reichsjugendführer
erklärte in einer kurzen Ansprache: Aus der großen Zeit des Kampfes um die Macht habe die Bewegung gelernt, daß sie nur von den Schaffenden des Volkes getragen werde und daß sie nur stark sei in sich selbst. Die Jungen sollten sich keiner Selbsttäuschung hingeben darüber, daß die Mächte, die einst gegen die nationalsozialistische Bewegung standen, nun wirklich überwunden seien. Niemand in der Welt werde uns helfen, wenn wir uns nicht selbst zu helfen bereit seien. Auch die kommenden Jahre werden uns nur schenken, was wir erarbeitet und erkämpft haben. Jeder von euch wird mit der ganzen Kraft des Glaubens und des Bekenntnisses sick einsetzen müssen. Und wenn große Stürme über unser Volk hereinbrechen, dann werdet ihr die Fahne mit der gleichen Liebe und Treue verteidigen und behaupten müssen wie die Männer vom 9. November. Das ist die Lehre des Opfers von der Feldherrnhalle. Ihr müßt noch Großes leisten, wenn Deutschland wirklich die nächsten Jahrtausende über
dauern soll. Morgen schreitet euch ein Mann voran, der schon einmal den Männern des 9. November vorangegangen ist. Schaut aus ihn, seid in der Zu» fünft die Träger seines politischen Willens: Unser Führer Adolf Hitler — Siegheil!
Das adagio cantabile von Beethoven schloß den ersten Teil des Abends der Jugend, die im vollen Bewußtsein der Ehre, die ihr als Nachwuchs der nationalsozialistischen Bewegung durch die Heran- ziehung zu den erhabenen Feiern des 8. und 9. November zuteil wird, den Worten des Reichsjugend. führers gefolgt war.
Die politischen Leiter hören die Znhrerrede.
Taufende von politischen Leitern und Dienstgraden der Gliederungen versammelten sich am Freitagabend im Z i r k u s g e b ä u d e, um die Uebertragung der Rede des Führers aus dem Bürgerbräukeller mit anzuhören. Das Gebäude erstrahlte im Licht der Schein- werfer und Pylonen, die der grünverkleideten Front des Baues mit seiner Flaggengala ein feierliches Aussehen verlieh. Durch das weite Portal leuchtete durch die Reihen des Ehrenspaliers den in mustergültiger Ordnung einziehenden Formationen das mächtige Hoheitszeichen des Reiches auf der Tribüne entgegen. An den Wänden prangte das flammende Rot, mit dem die Eingänge verklebet waren, und das Grün der tannenumwullllenen und blumen- geschmückten Säulen des gewaltigen Zirkusrundes gab dem ganzen einen feierlichen und würdigen An- blick. Auf der Bühne und zu ihren beiden Seiten haben die Fahnenabordnungen bereits Aufstellung genommen, und in kurzer Zeit haben sich die Ränge bis zum letzten Platz gefüllt, als Gauleiter Wagner eintritt.
Der Gauleiter ließ die Ereignisse des 9. Novembers vorüberziehen und sagte zum Schluß: Wenn am Königsplatz unsere Toten vom 9. November 1923 die „Ewige Wache" bezogen haben werden, dann werden wir vor aller Oeffentlichkeit beschwören, daß diese Toten nicht gestorben sind, sondern daß sie in uns auferstanden sind und in uns leben, solange wir selbst leben, und daß sie in unserer Jugend leben, solange es deutsche Jugend gibt. Die Geschehnisse dieser Tage werden in der Tradition der Partei weiterleben und sie werden in die Seele des Volkes gepflanzt werden auch für die kommenden Geschlechter. Ewig ist unser Deutschland und ewig ist die nationalsozialistische Weltanschauung. Ewig ist das Werk Adolf Hitlers!
In tiefer Ergriffenheit folgten dann die Führer der Partei aus dem Reich der Uebertragung der Feier aus dem Bürgerbräukeller. Der Beifall, der den Führer dort wiederholt in seiner Rede unter- brach, hallte auch hier wider und bildeten den begeisternden Ausdruck für die Einheit zwischen Führer und Partei.
Ehrenunterstützungen für die Schwerbeschädigten der Partei.
Berlin, 8. Nov. (DNB.) Der Führer hat zum 9. November folgende Verfügung erlassen: „In dem opferwilligen Kamps unserer Bewegung haben viele Nationalsozialisten schwerste körperliche Schädigungen davongetragen. Ihnen für diesen Einsatz im Dienste der nationalsozialistischen Idee zu danken, ist eine Ehrenausgabe der NSD7l^. — Ich bestimme daher unter dem 9. November 19’5:
1. Für die Schwerbeschädigten der Partei, die b-i ihrer freiwilligen Pflichterfüllung im Kampfe um das Dritte Reich einen dauernden, schweren, die Erwerbstätigkeit für immer einschränkenden körperlichen Schaden davongetragen haben, wird Radio • Photo
o3 D
■ Hmi « Se,tersweg 67 OSMIESÄ Telephon 3170
Die Fahnen.
Von Zranz Echauwecker.
Kurz nach dem Kriegsende wurden die Fahnen eines alten Regiments, das wie alle dem Schicksal der Auflösung verfallen war, einem neuen Unter« kunftsort zugeführt. Zu diesem Zwecke mußten sie durch einige Straßen der großen Stadt, in der das Regiment seit Jahrhunderten gestanden hatte, hin- durchgetragen werden.
Die Ueberführung der Fahnen war der letzte Dienst, den die Soldaten erweisen konnten. Die drei Fahnen, flankiert von drei Offizieren und gefolgt von einer Kompanie, zusammengestellt aus allen Kompanien des Regiments, traten ihren letzten Weg an.
Es war ein Heller Wintertag, ein Tag von jener kristallenen Reinheit, wie sie sonniger Kälte eigen zu sein pflegt. Die fernsten Dinge waren klar und kalt nahe; das fernste Geräusch war weitab, aber es war dicht und rein.
Das Gerücht von dem Fahnenmarsch mußte sich auf eine geheimnisvolle Weise durch die Stadt verbreitet haben, obwohl der Befehl im Geheimen gegeben worden war; denn kaum war die Kompanie eine Straße weit gekommen, da waren die Bürgersteige links und rechts von Menschen erfüllt, die schweigend auf den stummen Vorbeimarsch der flatternden Symbole einer ehemals großen Macht starrten.
Ich selbst befand mich eingekeilt in einen Hausen von Menschen, der in Gesicht, Blick, Gebärde und Wort dem zuzugehören schien, das man gemeinhin „Janhagel" nennt. Es fielen ununterbrochen die beleidigendsten, die hohnvollsten Aeußerungen über Soldatentum, Krieg, Preußen, Deutschland. Wohin ich sah, wurde ich breites Grinsen, wütenden Haß, maßlose Erbitterung gewahr. Ich merkte es an all dem: es nähert sich etwas, das so groß und stark ist, daß es das Innerste aufrührt und es zutage bringt. Und ich sah: hier wallte die Grundsuppe der Ehrfurchtslosigkeit und Gemeinheit und stieg hoch, um überzulaufen ...
Einige Kerle bückten sich und hebelten mit ihren Stöcken Steine aus dem Pflaster, andere probierten mit zwei in den Mund gesteckten Fingern gellende Pfiste. Jeder bereitete sich auf feine Manier für den Empfang der Fahnen vor.
Plötzlich wurde fern an der Straßenecke die Spitze eines kleinen Zuges sichtbar. Mit einem Schlage standen dort drei Fahnen im Wind.
3m gleichen Augenblick begann neben mir ein Gemurr, das sich im Nu zu lauten Rufen steigerte. Ein Hagel von unflätigen Beschimpfungen prasselte
durch einen Schwall von Gelächter. Die Leute schienen durch eine Epilepsie von Haß und Wut überfallen zu sein.
Indessen kamen die Fahnen langsam und stetig heran. Hinter ihnen kroch der kleine graue Zug der Soldaten. Die vereinzelten Beschimpfungen und Schreie fteiaerten sich zu einem geschlossenen Lärm, und das Lachen zerschmolz zu einem einzigen Gejohl..
Die Fahnen näherten sich ohne Zögern gleichmäßig. Ich konnte die Gesichter der Fahnenträger und der Offiziere erkennen. Es waren die Gesichter der Front. Es waren muskulöse, derbe, kantige, hagere Gesichter, versteinte Kinnbacken, entfleischte Wangenknochen, harte Stirnen mit Falten wie Risse.
Das Gejohle wurde zum Getobe. Jemand neben mir hob einen schweren Stein auf.
Die Fahnen waren nur noch hundert Meter entfernt. Der Fahnenträger biß die Zähne zusammen. Der Offizier rechts blickte aus schmalen Augen zu dem rasenden Haufen hinüber. Es war ein Blick von äußerster Kälte und Leere.
Die Soldaten schritten fast langsam, aber es machte den Eindruck, als sei keine Macht der Welt imstande, ihre Bewegung aufzuhalten. Sie schienen sich unter einem zwingenden Gesetz vorwärtszubewegen. Ihr Marsch machte einen unbeteiligten Eindruck. Es war kein größerer Gegensatz denkbar als dieser schweigende Marsch und das wilde Chaos der Raserei, auf das er losging, und das ihn erwartete.
Im nächsten Augenblick mußte ein Unglück geschehen, ein Totschlag, ein Straßenkampf.
Die Fahnen waren auf zwanzig Meter heran, auf zehn Meter, auf zwei. Sie schwebten feierlich über der grauen Kolonne und ihrem unberührten Schritt.
Ich wandte mich zu dem Mann, der den Pflasterstein erhoben hielt. Ich stierte den Mann neben mir an, der unaufhörlich gellende Pfiffe ausstieß. Ich stemmte mich gegen den schnauzbärtigen Alten, der seit Minuten eintönig denselben Fluch heroor- stieß.
Der schwere Schritt der Truppe hallte. Die Fahnen standen neben mir, sie flatterten alle drei, vom Winde gezogen, über unseren Köpfen. Die Soldaten marschierten vorbei. Es war nichts zu vernehmen, weder Musik, noch Geschrei, noch Gepseif, nur der schwere Schritt des Marsches. Dazwischen war nur ein einziges sonderbar durchdringendes Geräusch vernehmbar: das Rascheln und Knistern des seidenen Tuches der Fahnen.
Unter dem allgemeinen Schweigen der Menge wurden die drei Fahnen vorbeigetragen. Viele hatten die Hüte abgenommen. Die drei Männer
neben mir starrten dem Zuge mit finsterem Schweigen nach. Der Pflasterstein polterte auf die Erde.
„Na ... ja..." sagte der schnauzbärtige Alte und schlug mit der Hand durch die Luft.
Der Mann mit dem Stein zuckte die Achseln, während der dritte den Atem scharf von sich stieß.
Aus dem Hintergrund würgte eine Stimme: „Wenn diese verdammten Lappen nich wären...!"
Dann verschwanden die Fahnen, und die Menge zerstreute sich.
Heroische Anekdote.
Von Oskar Bischoff.
Man schrieb den 5. Januar 1813. Von allen Türmen der Stadt Petersburg läuteten die Glocken die Abendbetstunde ein.
Freiherr vorn Stein und Ernst Moritz Arndt bestiegen den Schlitten, der sie nach Westen bringen sollte. Sorglich wickelten sie sich in die dicken Wolldecken; ein schneidend kalter Wind pfiff durch die Straßen und trieb den Schnee vor sich her, daß man nur zehn Schritte weit sehen konnte, die kleinen, zotttgen Pferde legten sich mächttg in die Zugstränge, daß der Schlitten knirschte und über die menschenleeren, verschneiten Sttaßen flog. Bald war die Ebene erreicht.
Nach einer Weile sagte der Kutscher, das man das „Leichenfeld des Krieges", die große Sttahe, die das fliehende französische Heer gezogen war, erreicht habe. Schwere Bauernschlitten, mit zwei, oft auch nur mit einem mageren Pferde bespannt, begegneten den Reisenden. Kranke und marode, gefangene Deutsche, denen Qual, Hunger und Entbehrung unauslöschbar tiefe Runen in das bleiche Antlitz gegraben hatte, hockten zusammengekauert in den Fahrzeugen, die zerfetzten und schmutzigen Decken krampfhaft über die vor Kälte zitternden Knie gezogen. Hinter jedem Schlitten stampften im Schnee, die noch gehen konnten, von einigen Dutzend berittenen Kosaken mit kurzen Peitschen getrieben. Mit derben Flüchen knallten die Lederriemen auf die Köpfe und Rücken der Todeskandidaten, wenn der Zug ins Stocken kam oder es nicht nach den ungezählten Wünschen der rohen Führer ging. Hohläugig und frierend stapften die Unglücklichen, die den Tod in allen ihren Zügen trugen, über das Leichenfeld oder wanden sich zähneklappernd in den Decken. Aus diesen jungen Leuten, die noch nicht einmal die nötige Kraft und Energie hatten, sich aufrecht zu erhalten und zu jedem Schritt wie lahme Gäule gezwungen werden mußten, sollte die Deutsche Legion rekrutiert werden.
Hiep, an dieser Todeskarawane, die der Tod nach Norden führte, sahen die beiden deutschen Männer den ganzen Jammer des deutschen Schicksals und die Blutschuld deutscher Fürsten leibhaftig vor Augen. Wie Schatten zogen die Todgeweihten vorüber; lange, für die beiden Reisenden eine Ewigkeit, denen durch das Schauen dieser Begegnung die Augen und die Herzen wund waren, weil sie nicht helfen konnten.
Endlich war das Ziel: Pleskow am Peipussee, erreicht. Müde stiegen. Stein und Arndt aus dem Schlitten und sahen mit windheißen Augen einander an: jeder war bleich, mit einem Ausdruck elenden Entsetzens in den Zügen. Das Leichenfeld des Krieges, auf dem der Tod vagabundierte und vor wenigen Stunden eine Schar deutscher Brüder in die Starre führte, war ein unerträglicher und doch unvergeßlicher Anblick.
Beim Abendessen erfuhr Stein, daß Chasot, der General dieser „Deutschen Legion", am Typhus tödlich erkrankt darniederliege. Der Freiherr legte das Messer aus der Hand und befahl, daß man ihn an das Sterbelager des Tapferen bringe Mit unruhiger Kühle tat man, wie befohlen. In einem auf freiem Feld erbauten Barackenlager waren die Typhuskranken untergebracht. Stein und feine Begleiter betraten die Hütte, in der der General auf hen Tod wartete. Scheu und vorsichtig blieben die Begleiter einige Schritte von dem Sterbelager ent- fernt stehen, während Stein ohne Zögern mit gro- feen Schritten ganz nahe an den Sterbenden heran- ging und ihm frei in die fiebrigen Augen sah. Ein starres, maskenhaftes Lächeln lag um die Mund- romfel des Generals. Einer aus der abseitsstehenden ©ruppe warnte den Freiherrn, den Sterbenden zu berühren. Eine Weile war Schweigen in dem engen Raum; nur das röchelnde Atmen des (Ster- benöen schnitt in die beunruhigende Stille. Dann nef Stein mit erhöhter Stimme voll Unerschrocken» heit: Ei was, Lebensgefahr! Wir stehen immer zwischen Leben und Tod, aber auf diesem Felde ftebt man doppelt dazwischen!" -r- Bückte sich und küßte den Sterbenden auf die verkalkende Stirn.
Hochschulnachnckten.
Die Vertretung des durch die Entpflichtung von Prof. Dr. Paul Ä r n d t an der Universität Frankfurt freigewordenen Lehrstuhls für wirtschaftliche Staatswissenschaften wurde für das WS. 1935/36 dem Dr. rer. pol. E. Egner in Leipzig übertragen.
Professor Dr. Kurt G o e r 11 l e r, Ordinarius füf Anatomie an der Universität Hamburg, ist zum 1. November in gleicher Eigenschaft an die Universität Heidelberg berufen worben.


