Nr. 236 vierter Blatt
Mittwoch, 9. Oktober |935
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Er fragte erstaunt: „Meine Mutter schrieb dir?" „Ja, sie hat mir geschrieben, und ihretwegen solltest du dich zusammenreißen, deine Haßgedanken in den Rhein werfen und lieber mit mir eine gute Flasche leeren."
Gerhard Diendorf sagte leise: „Mutter nimmt an, ich gräme mich nur um Wallys Tod, sie weiß ja nicht, daß Wally mich nie geheiratet hätte, daß sie, schon halb auf der Flucht mit einem anderen Manne, überfahren wurde." Er erhob sich wieder. „Ich will mich nur ein wenig zurechtmachen, Onkel Konrad, und dann führe mich irgendwohin, wo es behagliche Eckchen gibt."
Dem Himmel fei Dank, er scheint wieder leidlich normal! dachte Konrad Wilderling und nahm sich vor, gut auf Gerhard Diendorf aufzupassen. Er schlug vor, hinüber an das andere Ufer zu fahren. Schräg gegenüber diesem Städtchen lag ein anderes, in dem gab es eine Wirtschaft, die war berühmt am ganzen Rhein. Viel besucht war sie, dennoch gab es dort stille Zecherecken. Als beide Herren über den Ritterplatz gingen, schauten ihnen von einem der obersten Fenster des Eckhauses zwei hellbraune Mädchenaugen nach.
15. Kapitel.
Eine Aussprache.
Rach Tisch, als der Kaffee getrunken wurde, der hier gleich der Mahlzeit zu folgen pflegte, lächelte Johannes Hochwald feine Tochter an.
„Du, Mädel, ich habe mich sehr gefreut, daß der Amethystanhänger im Schaufenster fehlt. Wer hat ihn denn gekauft?"
Bettina dachte an Dr. Diendorf, und die Angst um Hans Syben bemächtigte sich ihrer wieder.
Sie gab Antwort: „Ein Fremder hat ihn ge» kauft als Mitbringsel, wie er sich ausdrückte." Sie lenkte zu dem hinüber, was ihr so wichtig war. „Gretel Syden hat heute vormittag einen Silberrahmen gekauft, doch soll etwas eingraviert wer- den. Vielleicht kannst du das nachher gleich tun, Vater, ich möchte nämlich, wenn ihr mich nicht braucht, den Rahmen diesen Nachmittag ins Waldschlößchen bringen."
„Natürlich werde ich die Arbeit sofort machen, Bettina", versprach der alte Goldschmied, und eine Stunde später konnte Bettina schon ihr Fahrrad besteigen. Heute reizte sie der weite Spaziergang nicht. Je schneller sie das Waldschlößchen erreichte, um so besser.
Hoffentlich traf sie Hans Syden zu Hause an und fand Gelegenheit, ihn kurze Zeit allein zu sprechen. Und ihr Wunsch schien die Kraft der Erfüllung in sich zu tragen, denn sie sah Hans Syden auf derselben Bank am Waldrande sitzen, wo sie ihn letzthin getroffen, als sie nach Hause gegangen. Er träumte vor sich hin, und Bettina gab mehrmals ein scharfes Glockenzeichen, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Sie mochte nicht plötzlich vor ihm stehen, ihn vielleicht erschrecken.
(Fortsetzung folgtI)
daß in
tfpoii
Nachdruck verboten!
12 Fortsetzung.
Verfügung gestellt.
Während der Zeit des Sportpalast-Lehrganges werden Wettspiele unserer Kernmannschaften und Schaulaufen unserer Olympia-Anwärter durchgeführt. Alle internationalen Wettspiele dieses Winters — man plant Kämpfe gegen Engländer, Franzosen und Holländer — werden nur durch die National- Mannschaft dzw. die Kernmannschaften bestritten werden. Möglicherweise wird man zwei Nationalmannschaften aufstellen, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Es darf nicht vergessen werden, daß wir in diesem Winter über nicht weniger als sieben Kampfplätze für die Eisspvrtler verfügen, und daß in der Folae die Anforderungen nach Kunstläufern und Eishockeyspielern nicht gering sein
in Berlin läßt dies bereits klar erkennen. Das Training der Olympia-Anwärter beginnt am Samstag, 19. Oktober, im Berliner Sportpalast und endet am 10. November. Dann wird die Eishockey-Nationalmannschaft endgültig zusammengestellt, um in Wettspielen gegen ausländische Gegner erprobt zu werden. Nach einer vierzehntägigen Pause wird, Mitte Januar, das Trainingslager in Garmisch-Partenkirchen bezogen. Der Stab der Lehrer besteht aus dem Kanadier H o f f i n g e r, den beiden Eishockey- Warten Sieg und Bischof, dem in Berlin studierenden Kanadier Brant und dem alten Kämpen Molander. Für das Kunstlauftraining, dessen Leitung in Händen des Hauptsportwartes Arthur V i e r e g g liegt, haben sich Meister Ernst Baier, Dr. Dannenberg sowie die Eislauflehrer Frau Metzner, Schönmetzler und M e r t s ch zur
gehört hatte. Wie tief mußte er im Netz feiner Gedanken gehängt haben, um nichts zu merken.
Seine'Augen suchten die Photographie. Die Hände Konrad Wilderlings hielten sie nicht mehr, auch auf dem Tisch lag sie nicht.
Er packte den alten Herrn am Arm.
„Hat sie das Bild mitgenommen?"
Der nickte ruhig. „Natürlich hat Bettina Hochwald es mitgenommen, und dazu besitzt sie ja ein Recht. Sie trägt einfach wieder zurück, was du dir drüben im Laden ihres Vaters widerrechtlich angeeignet."
Gerhard Diendorf griff nach feinem Hut.
„Ich werde mir das Bild wiederholen, mit Güte oder mit Gewalt werde ich es mir holen."
Konrad Wilderling stellte sich vor die Tür.
„Du darfst nicht so unbeherrscht losrennen, es käme nichts Gescheites dabei heraus." Er redete zu: „Sei vernünftig, lieber Junge, und überlege dir erst alles ganz gründlich. Du darfst doch nicht einfach anderen etwas wegnehmen, was dir nicht gehört, darfst es auch nicht fordern. Wo kämen wir denn hin, wenn solche Sitten allgemein würden."
Gerhard Diendorf erwiderte erregt: „Meine augenblickliche Auffassung über das, was ich tun darf, paßt sich nur der Auffassung des Originals des Bildes an. Wo kämen wir denn hin, wenn die Sitte, einem anderen die Braut dicht vor der Hochzeit abspenstig zu machen, allgemein würde."
Er hob die Rechte gegen einen unsichtbaren Gegner. „Ich will dem Schuft die Beleidigung heimzahlen." Er knirschte zwischen den Zähnen hervor: „Mein ganzes Leben hat er verpfuscht! O, wäre Wally lieber gestorben, ehe ihr der Mensch in den Weg lief."
Er wollte Konrad Wilderling beiseite schieben. „Laß mich gehen, Onkel Konrad, und laß mich meine Sache nach meinem Ermessen führen."
Der kleine Herr wehrte sich, hielt stand vor der Tür und versperrte sie. Tat, als wäre er auf seinem Platz eingerammt.
Er versuchte von neuem, den Erregten zu beruhigen.
„Jungchen, was man in solcher Stimmung, wie du jetzt hast, anstellt, kann nichts Gescheites werden. Wollen erst in Ruhe über alles reden. Du deutetest vorhin allerdings kurz an, um was es sich handelt, daß dir ein anderer deine Braut weggenommen und so weiter, aber erzähle mir das lieber ausführlich. Vielleicht kann ich dir irgendwie raten. Doch darfst du keine unschuldigen Menschen belästigen und stehlen, mein Jungchen, nein, das durftest du schon gar nicht."
Gerhard Diendorf sah ein, er konnte das Zimmer jetzt nicht verlassen, wenn er nicht rohe Gewalt anwenden wollte. Auch ebbte die wilde Erregung, die sich seiner bemächtigt, schon etwas ab. Ganz ohne Einfluß waren die Worte des alten Herrn also doch nicht geblieben.
Er ließ sich in einem der würdigen Samtsessel nieder. „Gut, Onkel Konrad, ich werde dir alles zusam
menhängend erzählen, aber erst später, jetzt ist es mir nicht möglich. Ich bin ja ganz verdattert und durcheinander." Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Sie hat mich belogen und betrogen, und ich habe sie geliebt, über alles geliebt, aber der Mensch auf dem Bilde trägt die Schuld, daß alles so böse und traurig enden mußte. Glaube nur, mit Hilfe des Bildes hätte ich ihn rasch gefunden, der mir nun vielleicht für immer entgeht. Ich hatte ja schon damit gerechnet, darauf verzichten zu müssen, je Abrechnung mit ihm zu hatten, bis mir heute der Zufall seine Photographie vor die Augen brachte." Seine Erregung wuchs wieder. „Zufall!" wiederholte er. „Nein, Zufall war es nicht. Ein Schicksalswink war es, daß ich hier im fremden Städtchen in einem Laden, in dem ich für meine Mutter ein Mitbringsel kaufte, das Bild fand. Den Mann sah ich einmal, nur einmal im Leben, aber die verhaßten Züge haben sich in mein Gedächtnis eingegraben für immer. Doch seinen Namen brauche ich, feinen Namen!" Er sprang auf. „Ich muß das Bild wieder holen. Ich werde mit dem Besitzer des Lädchens sprechen, er muß mit die gewünschte Auskunft geben, die mir feine Tochter verweigert."
Er bat: „Entschuldige mich eine Viertelstunde, Onkel Konrad, oder begleite mich. Du kannst mir beistehen, du kennst ja hier im Ort jeden."
„Fängst du schon wieder an mit der Verdrehtheit!" schatt der alte Musiker ärgerlich. „Das Bild wirst du sicherlich nicht wieder erhalten. Bettina Hochwald erklärte vorhin, es wäre für einen Rahmen bestimmt, den eine Kundin bei ihnen im Geschäft kaufte. Mit welchem Recht sollte man dir denn das Bild ausliefern?"
„Wenn es nicht anders geht, werde ich es mir mit Gewalt holen oder durch die Polizei", trumpfte Dr. Diendorf auf.
„Mein lieber Junge, du glaubst ja selbst nicht, daß du auf solche Weise etwas erreichen wirst. Nur Aerger würdest du haben. Werde doch endlich etwas ruhiger. Setze dich vor allem wieder und denke auch an deine arme Mutter, die sich deinetwegen sehr sorgt." Er drückte den Jüngeren wieder auf den Stuhl zurück. „Deine Mutter hat mir nämlich geschrieben. Sie bat mich, dich etwas aufzuheitern, und nun läßt du mich gar nicht dazu kommen, nützest mich als ’ne Art Krankenwärter aus." Er neigte sich leicht über ihn. „Bist töricht, mein lieber Junge. Dor allem laß dir eins sagen, Alles muß überlegt werden, sonst fügt man sich selbst größeren Schaden zu, als dem anderen. Weil du mich gerade zur Mittagszeit um meinen Besuch gebeten hast, nahm ich übrigens an, mit einer Einladung zum Essen rechnen zu dürfen, und jetzt scheinst du gar nichts davon zu ahnen, daß meine Wirtin mir nichts kocht, weil ich hoffte, du würdest mich einladen."
Er sagte es drollig vorwurfsvoll, und um Gerhard Diendorfs Mund geisterte flüchtig der Schatten eines Lächelns.
werden.
Erfreulicherweise werden sich Japans Eissportler, die am 17. Januar in Berlin eintreffen, noch vor Beginn der Winter-Olympiade für eine Deutschland-Reise zur Verfügung stellen und an mehreren Orten Wettspiele austragen und Schaulaufen vorführen.
Rechnet man zu all den zahllosen Veranstaltungen, die in diesem Winter in ganz Deutschland geboten werden, noch die Europa-Meisterschaften im Kunstlaufen für Männer, Frauen und Paare (24. bis 26. Januar im Berliner Sportpalast) und stellt man in Rechnung, daß unsere Olympia-Gäste sowohl vor als auch nach den Tagen von Garmisch-Partenkirchen den Wunsch haben, noch hier oder dort in Deutschland zu starten, so wird man erkennen, daß wir vor einer großen Eissportzeit, der größten, die wir bisher erlebten, stehen.
Oie besten Geräteturner des Gaues Hessen in Gießen.
Der lurngau XII Hessen nahm am letzten Wochenende mit einem richtungweisenden Lehrgang die Schulung für die Winterarbeit auf. In Gießen trafen sich aus allen Teilen des Gaues die besten Geräteturner unter Leitung von Gauoberturnwart Paul (Gießen) und ©aumännerturnroart Dahms (Bad Wildungen) zu einer gründlichen, anstrengenden Schulung, für die als bewährte Lehrkräfte Ginnroell (Bad-Nauheim), Karl Reuter (Gießen), Wedekind (Kassel) und A. Fink (Marburg) gewonnen worden waren. Mit rund 40 Teilnehmern war der Kunstturnlehrgang sehr gut beschickt. Durch die Anwesenheit von Adolf Fink (Marburg), der bekanntlich der Olympia-Kernmannschaft der DT. angehört, erhielten die Gießener Arbeitstage eine besondere Note. Durch ihn war die Verbindung mit der Kernmannschaft hergestellt, und die Art, wie er feine Erfahrungen beim letzthin in Leipzig stattgefundenen Olympia-Lehrgang theoretisch und praktisch an die Turnbrüder weitergab, sicherte ihm den Dank aller Lehrgangsteilnehmer, die ohne Ausnahme nach Gießen gekommen waren, um etwas zu lernen und mit viel Eifer bei der Sache waren. Die Schulungsarbeit wandte sich vorwiegend den Pflichtübungen zu, die die Meisterklasfe
Staatsidee, für die der Staat das Primäre ist, hat die Frage des Volkes nicht die Bedeutung wie für eine Idee, deren Ausgangspunkt allein das Volk ist. Für einen, der sich Selbstzweck ist, kann es gleichgültig sein, ob innerhalb seiner Grenzen Volkstum und Rasse sich vermischen und damit aufheben. Ein solcher Staat hat ideen- und naturgemäß gar fein Organ dafür, daß etwa eine Viertelmillion Menschen deutschen Blutes gewaltsam ihrer Sprache und ihrer Eigenart beraubt werden. Ein solcher Staat muß, kraft dem Gesetz, nach dem er angetreten ist, im Imperialismus ausmünden. Für uns Nationalsozialisten ist der Staat die Form und das Gefäß des Volkes. Anders beim Faschismus, dessen tiefster Denker, Gentile, einmal gesagt hat: „Der Staat ist nicht nur Fassade, sondern das Haus selbst, erbaut und bewohnt von der Freude und dem Schmerz der Arbeit und belebt vom gesamten Dasein des menschlichen Geistes". Und der Duce hat bei der Zehnjahresfeier des Marsches auf Rom den Weg zum Imperialismus klar umriffen, als er erklärte: „Der faschistische Staat ist Wille zu Macht und Herrschaft. Die römische Ueberlieferung ist ihm eine Idee des Antriebes. In der Lehre des Faschismus bedeutet das Reich, das Imperium, nicht nur Land, Soldaten oder Handel, sondern Geist. Wenn jedes Jahrhundert seine Anzeichen hat, so sprechen tausend Anzeichen dafür, daß die Lehre des gegenwärtigen Jahrhunderts der Faschismus ist."
Aber diese faschistische Idee vorn Staat als Selbstzweck und als Selbsterfüllung ist unlöslich verknüpft mit der Lehre der S t a a 15 r a i f o n. Das bedeutet, daß die tiefsten Antriebe faschistischer Politik nicht auf die Stimme des Blutes ober der Raffe hören, auch nicht auf die Stimme des Geistes, die ja von Blut und Raffe untrennbar ist, sondern vornehmlich auf die kühle und rechnende Stimme der Ration, des Verstandes. Sehr viel stärker, als sich der Faschismus selbst eingestehen will, ist er jenem Staatsdenken verbunden, das an die Stelle blutmäßiger und natürlicher Bindung das setzt, was wir gemeinhin als Vernunft dezeich-
Ungefehen kam Bettina unten auf dem Platze an. Oh, wie ihr das Herz schlug! Sie eilte über den Platz, betrat das Haus ihres Vaters durch den Sei- tenemgang und huschte hinauf .in ihr Stübchen. Sie wollte zuerst das Bild in Sicherheit bringen, ihr war es, als müßte Dr. Diendorf ihr folgen, um des Bildes wieder habhaft zu werden, wenn auch mit Gewalt. . ~L . s.
Sie schloß sich ein, ließ sich auf einen Stuhl nieder, und es kam ihr erst jetzt richtig zum Bewußtsein, obwohl es ihr gelungen, Dr. Diendorf die Photographie abzujagen, bestand für Hans Syden noch weiter Gefahr. .,
Das, was ihr Hans Syden anvertraut um ihre Lide, die er gespürt, zu ersticken, ergab, jujammeu mit dem, was sie nun dazu erfahren, das Resultat: Dr. Diendorf suchte voll Haß den Mann, der ihm die Braut genommen, der indirekt die Schuld an ihrem Tode trug. ... ,
Ihre Ahnung hatte sie also nicht getauscht.
Ein winziger Zufall konnte nun Hans Syden mit Dr. Diendorf zusammenführen, und dann wurde ein Unglück geschehen. Sie zitterte bei bem Gebanken, unb ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie mutzte vorbeugen, um etwas Schreckliches zu verhinbern.
Es würbe ihr schwer, Hans Syben wieber gegenüberzutreten, nach bem, was er ihr angetan.
Aber was blieb ihr weiter übrig. Sie bangte doch zu sehr um ihn.
Sie nahm bas Bilb unb betrachtete bas herbe stolze Männergesicht mit inbrünstiger Aufmerksamkeit, unb ba wußte sie plötzlich, alles, was ihr Stolz auch bagegen vorbrachte, sie liebte Hans Syben boch n0©ie verschloß bas Bilb in ihrem kleinen Schreibtisch unb faßte ihren Entschluß. Noch heute mußte sie Hans Syben sprechen. Sie wollte nachbenken, auf welche Weise es geschehen konnte. .
Hoffentlich tauchte Dr. Diendorf nicht noch bet ihren Ettern auf, hoffentlich gelang es ihrem guten alten Lehrer unb Freunb, mit ihm soweit fertig zu werben, baß ihre Person aus bem Spiele blieb
Sie war sicher, nun er für sie bie Unwahrheit gesagt, konnte sie sich barauf verlassen, er hielt zu ihr burch bick unb dünn. *
Nachbem Bettina leise bas Hotelzimmer verlassen, wanbte Gerharb Dienborf ben Kopf unb sah bas blonbe Mäbchen nicht mehr, erkannte, sie war heimlich gegangen. Er faßte es nicht, daß er feinen Laut
Eäsars Erbe.
Wenn man in ben letzten Wochen unb Monaten die Presse aufmerksam gelesen hat, so kann man sich nicht ganz bes Einbrucks erwehren, baß ber gesamte italienisch-abessinische Konflikt, hinter bem bie historische Auseinanbersetzung zwischen bem jungen faschistischen Italienunb bem alten Beherrscher bes Mittelmeeres E n g l a n b ruht, allzu sehr nach rein taktischen Gesichtspunkten unb Erwägungen beurteilt unb behanbett würbe. Bei ber auslänbischen Presse ist bas nicht weiter verwunberlich. Die Siegermächte des Weltkrieges, zu denen Italien geschichtlich gesehen trotz manchem territorialen Gewinn nicht gehört, sind von der ungeheuren Dynamik, die durch den Weltkrieg über die Welt heraufbeschworen wurde, nicht erfaßt worden. Ihr Staatsdenken und damit ihre Politik sind statisch geblieben. Für sie sind die Völker und Staaten Figuren in einem groß- angelegten Schachspiel, die man nach Belieben und gemäß der eigenen Macht verschieben kann. Inner- politisch völlig noch im Liberalismus wurzelnd, sehen sie nicht, daß ber italienisch-abessinische Konflikt nicht nur ein Kampf um koloniale Sieblungs- unb Rohstoffgebiete ist, nicht nur ein Ringen um bie Vorherrschaft im Mittelmeer, fonbern eben auch ein Kamps ber Prinzipien.
Aber auch in Deutschlanb, so scheint es uns, hat man allzu kritisch scharfsinnige Rechnung barüber angestellt, ob Italien wirtschaftlich, finanziell unb militärisch überhaupt in ber Lage ist, einen mehrjährigen Eroberungskrieg in Abessinien burchzu- hatten. Man hat abzuschatzen versucht, welche Gewinn- und Verlustchancen Italien gegenüber England im Mittelmeer besitzt. Man hat, durch bie staatische Auffassung ber westlichen Siegermächte leicht hypnotisiert, bie Augen auf Gibraltar, Malta unb Suez gerichtet, anstatt sich auch einmal zu fragen, welche tieferen Beweggrünbe benn Mussolini veranlaßt haben könnten, einen Konflikt heraufzubeschwören, ber zwangsläufig zu einer gefährlichen Isolierung Italiens unb bamit seines ureigenen Lebenswerkes führen muß.
Die Welt ist in ber Hast unb in der Eile der Nachkriegszeit, in der Fülle der Ereignisse, mit der sie mehr oder weniger fertig werden mußte, kurzatmig und kurzsichtig geworden. Und zu dieser Kurzatmigkeit und Kurzsichtigkeit hat sich ein seltsamer Fatalismus gesellt, der alles andere als europäisch ist, sondern in vielen Zügen buddhistischen Auisassungen ähnelt. So wie der göttliche Buddha in tiefsinniger aber unfruchtbarer Betrachtung seines Nabels versunken ist, so ist Europa in der Anschauung der Genfer Liga erstarrt. Genf, das ist ber Nabel einer unschöpferischen unb nichts als bie bequeme Ruhe suchenben Welt, ber nichts mehr fürchtet, als bie Kräfte, bie sich biesem völker- bunblichen Bubbhismus nicht einorbnen wollen.
Der Faschismus ist keine neue Spielregel, ist keine neue Auffassung, nach beren Paragraphen ein Volk von 40 Millionen einmal anbers regiert werben soll, als es sonst geschieht. Der Faschismus ist eine 3 b e e, ift bie Lehre von ber Allmacht unb von ber Allgegenwärtigkeit bes Staates. So wie ber Nationalsozialismus tief i m V^> l k wurzelt unb alle feine Kräfte immer wieder aufs Neue aus dieser Verwurzelung im Volk zieht, so ruht die faschistische Idee im Staat. So wie der Nationalsozialismus zu seinen Propheten und Vorläufern Männer zählt wie Herder, Fichte und Arndt — um nur einige zu nennen —, Männer also, für die das Volk stets das Primäre gegenüber dem Staat waren, so zählt der Faschismus zu seinen geistigen Darkämpfern Machiaoelli, Hobes und Hegel. Und gerade aus der Gegensätzlichkeit der geistigen Herkunft beider Ideen erklärt sich manches, wenn'nicht sehr vieles sogar, für die heutige politische Gegensätzlichkeit zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien. Für eine
Beginn des eigentlichen Turniers in verschiedenen deutschen Städten» adgehalten werden sollen. Zu diesem Zweck würden die gemeldeten Länder in zwei Gruppen eingcteilt. Die eine Gruppe würde acht Mannschaften umfassen, die auf Grund ihrer Spielstärke ohne weiteres am Olympia-Turnier teilnahmeberechtigt sind. Die zweite Gruppe mit ber restlichen, beliebig großen Anzahl von Länber- Vertretungen müßte bie Ausscheibungsspiele um bie übrigen acht Plätze bes Berliner Turniers erlebigen.
Beim Berliner Turnier selbst, bas am 3. August auf verschiebenen Vereinsplätzen ber Reichshaupt- ftabt seinen Anfang nimmt, wirb bie Vorrunbe „gesetzt" werben, womit nach Möglichkeit vermieben werben soll, baß zwei „Favoriten" schon in ber ersten Runbe aufeinanber treffen. Bei ber Zwischen- runbe werben bie Paarungen ber acht Treffen bann allerbings burch bas Los ermittelt. Ebenso wirb mit ber'Vorschlußrunbe verfahren.
Falls roiber Erwarten weniger als 16 Melbun- gen eingehen sollten, so wirb vor bem 30. Juni 1936 bekanntgegeben, welches Austragungssystem zur Anwenbung gelangt.
Das Programm der Eissportler für den Olympia-Wmter.
Es war zu erwarten, baß ber fommenbe Olympia-Winter bem beutschen Eissport einen ganz be- sonbers starken 2luftrieb geben würde, und das Ergebnis der Fachwarte-Tagung ber Eissportler
neu und was im Tiefsten das Erde Roms ist, an bem Europa zu tragen hat. Es ist kein Zufall, baß in ber faschistischen Staatslehre z. B. Thomas von Aquino eine bebeutenbe Rolle spielt. Denn Thomas von Aquino war es ja gerabe, ber ben stark mit germanischen Elementen burchsetzten Katholizismus bes Mittelalters romanifierte, bas heißt rationalisierte. Unb weil die faschistische Staatslehre eine Staatslehre ber Vernunft ist, deshalb wirb sie auch nie vergessen, welche Grenzen ihr in ber praktischen Politik gezogen finb. Es ist baher kaum denkbar, daß sich das heutige Italien aus imperialistischem Ueberschwang in ein Abenteuer einlassen wird, dessen Ausgang es nicht übersieht. Das bedeutet aber nicht, daß es in der großen Linie von dem Ziel ablassen wird, das es sich gesetzt hat.
Die liberaliftischen und demokratischen Widersacher des Faschismus haben ein dumpfes Gefühl dafür, welche ungeheure Kraft in einem Staat steckt, der in sich etwas völlig Neues und Gegensätzliches verkörpert. Sie haben auch erkannt, daß eine Idee, bie infolge des von ihr oertünbeten staatlichen Jntegralismus im Imperialismus ausmünben muß, such einen cäsarifchen Charakter annehmen muß. Der Schöpfer des römischen Imperiums war Cäsar. Mit ber Eroberung Galliens legte Cäsar ben Grundstein zum römischen Weltreich. Soll der faschistische Imperialismus mehr sein als nur eine Forderung, so hat er eine Eroberung zu vollziehen, die von gleichem Gewicht und gleicher Bedeutung ist wie die Eroberung Galliens durch Julius Cäsar. Hier liegt der tiefste Grund für die Ziele, die das faschistische Italien in Abessinien verfolgt. Ob es möglich sein wird, einige hunderttausend Italiener in Abessinien anzusiedeln oder nicht, ist demgegenüber völlig gleichgültig. Aber zwischen der Forderung unb ber Verwirklichung liegt bie Auseinanbersetzung mit dem angelsächsischen Imperialismus, einem Imperialismus, der auf völlig anderen Grundlagen beruht, der, geschichtlich gesehen, kein Imperialismus des Staates, sondern ein I m - perialismus der Rasse ist.
WUMMel
Vornan von Anny von panhnys Urheberrechtsschutz Aufwärts-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68.
Das Olympische Fußball-Turnier.
Maßnahmen der FIFA für die Austragung. — 16 Länder-Mannschaften werden in Berlin erwartet.
Ueberaus wichtige Beschlüsse über die Durchführung des Olyrnpia-Fußball-Turnieres 1936 in Berlin wurden auf der Vorstandssitzung der FIFA am Wochenende in Paris gefaßt. Der Fußball-Wettverband rechtfertigte zunäch t gegenüber Pressemeldungen feine Haltung, wonach er feine offizielle Zustimmung zur Teilnahme am Olympischen Turnier bereits im Januarheft seines Organs „World- Football" veröffentlicht habe. Der Entschluß, den angeschlossenen National-Verbänden die Ermächtigung zur Teilnahme zu geben, war auf dem Kongreß 1934 in Rom vorbereitet unb in der Sitzung im letzten November sanktioniert worben. Im diesjährigen Septemberheft mürbe lebiglich noch einmal an ben Beschluß erinnert.
Mit ber Durchführung bes Berliner Turniers würben wieber bie FIFA-Müglieber Dr. Baumens (Deutschlanb) unb I. Lotfy (Hollanb) betraut, bie schon das Olympische Fußball-Turnier 1928 in Amsterbam leiteten.
Da bie generellen Melbungen ber ßänber an bas IOC. bis zum 20. Juni 1936 erfolgen müssen, hat bie FIFA ben enbgültigen Melbeschluß für bas Olympische Turnier auf ben 18. Juni 1936 festgesetzt. Für ben Fall, baß mehr als 16 Melbungen eingehen, finb Ausscheibungsspiele geplant, bie vor


