Aus der Provinzialhauptsiadt.
Ausbildung der Zungjäger.
Die Pressestelle des Kreisjägermeisters für den Kreis Gießen teilt uns mit:
Auf die Aufforderung zur Meldung zu einem Aus- bikdungskurs für Jungjäger haben sich genügend Interessenten gemeldet. Die Ausbildung theoretischer und praktischer Art wird in Kürze beginnen. Etwa noch ausstehende Meldungen müssen bis zum 15. September an den Kreisjägermeister, Stephan- straße 4, eingereicht sein. Die nächste Jägerprüfung findet im Frühjahr statt.
Autoschau auf Oswaldsgarten.
Auf der Fahrt von Rüsselsheim nach Dillenburg machte am Samstagnachmittag eine Auto-Kolonne der Opel-Werke für einige Stunden Station auf Oswaldsgarten in Gießen, um hier sehen zu lassen, welche Vielseitigkeit im Autobau der Opelwerke herrscht. Es waren 11 Fahrzeuge zur Schau gestellt; man sah dabei ein Transportauto für Metzgereizwecke, ferner Kastenwagen, Transportautos mit Ausladevorrichtung, Pritschenwagen, Kippwagen, ein Lastauto für Stabeisentransporte, Personenoutobusse für acht und für 28 Personen und einen mit allen technischen Errungenschaften der Neuzeit ausgestatteten Krankentransportwagen, der aus- schwenkbare und mechanich bewegbare Krankentransportbahren, Wascheinrichtung, Heizung, Frisch- luftzufuhr und andere moderne Einrichtungen der verschiedensten Art aufweist. Die Personenautobusse zeigten gleichfalls alle Einrichtungen des modernen Autobaues und berichteten von dem Bestreben, den Fahrgästen den Aufenthalt in diesem Wagen so angenehm wie nur möglich zu machen. Die interessante Schau fand die rege Aufmerksamkeit zahlreicher Volksgenossen, die sich eingehend mit der Besichtigung aller Fahrzeuge beschäftigten. Als Ganzes gesehen gewann man den Eindruck, daß bei dieser Schau der deutsche Automobilbau in überzeugender Weise seine hohe Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des Faches unter Beweis stellte.
Abschlußprüfung an der Heeresfach- fchule für Verwaltung und Wirtschaft.
Vom 3. bis 5. September fand in der Alten Klinik die diesjährige Abschlußprüfung I unter dem Vorsitz des Truppenunterrichtsleiters, Fachstudiendirektor B o u ch h o l tz , und am 6. September die Abschlußprüfung II unter dem Vorsitz des Wehr- kreisunterrichtsleiters, Oberfachschulrat Dr. M a d e e aus Kassel, statt. Dem Prüfungsausschuß gehörten an: der Wehrkreisunterrichtsleiter (oder dessen Stellvertreter) als Vorsitzender, der Leiter der Schule, die an der Prüfung beteiligten Fachlehrer, ein vom Standortältesten bestimmter Truppenoffizier und die Vertreter der Anstellungsbehörden. Nachstehende Behörden waren vertreten: Reichsfinanzverwaltung Darmstadt; Reichsbahndirektion Frankfurt a. M.; Reichspostdirektion, Abtlg. Darmstadt, Frankfurt a. M.; Hessische Landesregierung Darmstadt (für die Staatsbehörden); Oberste Schulbehörde Darmstadt (für alle Kommunalbehörden). Als Gast war ein Ortsgruppenvorstand des Reichstreubundes Gießen zugegen.
Der Abschlußprüfung I (Berechtigung zum Eintritt in den einfachen mittleren Bürodienst) unter- zogen sich 31 Unteroffiziere im 12. Dienstjahr und ein Versorgungsanwärter. Von den 32 Prüflingen bestanden 31.
Der Abschlußprüfung II (Berechtigung zum Eintritt in den gehobenen mittleren Beamtendienst) unterzogen sich 6 Prüflinge, die alle bestanden.
Die Abschlußprüfung I bestanden: Feldw. Bechtel, Feldw. Edmund Zecker, Feldw. Erich Becher, Feldw. Bohn, Untffz. Friedrich, Untffz. Fuchs, Untffz. Hardt, Feldw. Heid, Feldw. Heuser, Feldw. H o r n i v i u s , Feldw. Keller, Feldw. Klein, Feldw. Krämer, Untffz. K u n e r t, Feldw. Leis, Feldw. Lott, Untffz. Lücke, Feldw. Lützenkirchen, Feldw.
Maciejewicz, Feldw. Möbs, Oberfeldw. N e t t e l m a n n, Feldw. Rettig, Untffz. R t e • menfchneider, Feldw. Rottländ e r, F^ldw. Wilhelm Schmidt, Feldw. Seitz, Feldw. S o l - I er, Feldw. Stieler, Feldw. Uhl, Feldw. Weniger, Dersorgungsanwärter Schort.
Die Abschlußprüfung II bestanden: Feldw. Boden st ein, Oberfeldw. G ö l z, Untffz. Koch, Feldw. Rumpf, Feldw. Schirm, Untffz. Weihe.
Froher Samstagabend der Stenographen.
Die Ortsgruppe Gießen der Deutschen Steno- graphenschaft veranstaltete — wie man uns berichtet — am Samstag einen frohen Abend auf der Karlsruh, um bei dieser Gelegenheit die Sieger des Reichsleistungsschreibens anläßlich des Deutschen Stenographentages in Frankfurt a. M. zu ehren.
Ortsgruppenführer Graf gab in feiner Be- grüßungsansprache seiner Freude darüber Ausdruck, daß eine große Anzahl Mitglieder und Freunde der Einladung Folge geleistet haben. Weit über 200 Personen waren erschienen. Ein besonderer Willkommengruß galt den Mitgliedern der Ortsgruppe Wieseck. In seinen weiteren Ausführungen sagte er, daß in der Ortsgruppe neben ernstem Schaffen Geselligkeit und gute Unterhaltung gepflegt werden, um dadurch Geist und Gemüt zu erfrischen. Große Anstrengungen erforderte die Tagung in Frankfurt. Es war ein Erlebnis für alle, die daran teilnahmen. „Noch stehen wir unter dem gewaltigen Eindruck dieser Tagung. Sie hat der deutschen Oeffentlichkeit, ja man kann sagen der ganzen Welt in eindrucksvoller Weise Kenntnis verschafft von den Leistungen, die die deutschen Stenographen zu vollbringen imstande sind. Auch die Teilnehmer der Ortsgruppe Gießen haben Hervorragendes geleistet." Der Ortsgruppenführer beglückwünschte alle Preisträger zu ihrem Erfolg und dankte den Wettschreibern für ihre unermüdliche Arbeit, die allein zum Ziele führte. Mit dreifachem Schrift-Heil fand die Siegerehrung ihren würdigen Abschluß. Die übermittelten Grüße und Glückwünsche des Kreisgebietsführers K. H. Kuhl wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.
Der Ortsgrupvenführer richtete dann den Appell an alle Mitglieder, sich nicht damit zu begnügen, daß vor aller Oeffentlichkeit Breiten- und Spitzenleistungen gezeigt wurden, sondern die weitere Arbeit in den Vordergrund zu stellen: Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Gelegenheit zur Aus- und Weiterbildung in Kurzschrift und Maschinenschreiben sei in den jetzt begonnenen Kursen geboten.
Die freudigen Ereignisse auf stenographischem Gebiete ließen gleich zu Anfang eine gute Stimmung aufkommen, Die in einen frohen Samstagabend überleitete. Unser „Fritz" sorgte für tadellose Verbindung zwischen den Besuchern und den Mitwirkenden, die alle ihr bestes hergaben, um die Stimmung noch zu heben. Die Kapelle D a u - bertshäuser sorgte unermüdlich für gute Unter- Haltungs- und Tanzmusik. Herr F e u s e r brachte sehr gut Wiener und Rheinlieder zu Gehör. Die gesanglichen und musikalischen Darbietungen fanden reichen Beifall. Echte rheinische Stimmung, Tanz und heitere Vorträge ließen erst spät unb ungern an den Heimweg denken.
Vornotizen.
— Tageskalender für Montag: NSG. „Kraft durch Freude", 18 bis 20 Uhr, Tennis auf den städtischen Tennisplätzen am Sckützenhaus, 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs, Brandplatz. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Lockspitzel Asew". — 20 Uhr im Hotel Bayrischer Hof, Bahnhofstraße, Vortrag von Rich. Züchter „Zerrüttete Nerven und ihr 2lufbau" mit Kochkunst-Vorführung.
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** Vom Bezirk Oberheffen der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Herrn
Hugo Baumann, (Retzen, Seltersweg 87, wurde nach erfolgreich abgelegter Prüfung die goldene Nadel mit Urkunde für den Lehrfchem von der Hauptgeschäftsstelle der DLRG. Berlin überreicht.
** D i e Hilfskasfenbeiträae der SA., SS., NSKK. und Marine-SA. im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Ost für das letzte Vier- teljahr 1935 müssen am heutigen Montag und am morgigen Dienstag jeweils von 20 bis 22 Uhr in der „Germania", Kaiserallee, bezahlt werden.
** Die Förderung des Seidenbaues ist eine der Maßnahmen, die der Reichsnährstand im Rahmen der Erzeugungsschlacht durchführt. Da Seidenbau ein Familienbetrieb ist, sind es in erster Linie Siedler und sonstige Landeigentümer, die ihn betreiben, oder jetzt dazu aufgefordert werden. Die Voraussetzung ist das Vorhandensein von Maulbeeren, die als Hecke, in welcher Form sie wenig Fläche beanspruchen, und in Plantagenform angelegt werden. 500 bis 1000 Maulbeeren werden für den wirtschaftlich betriebenen Seidenbau als Grundlage benötigt. Bei Dollertrag der Maul-
beeken etwa 8 Jahr« ttäch der Anvstanzung, fft ttfl Reinertrag von 150 bis 200 Mark zu erzielen. In der Zwischenzeit werden kleinere Zuchten durchge- führt unb das Land durch Zwischenkulturen genutzt. Die Reichsorganisation, die Reichsfachgruppe Sei- denbauer, Celle, Im Französischen Garten, erte.lt den Interessenten Auskunft. Kennwort Gießen tft bdber We °nzug°b°n Sieh- heutige Anzeige.
** Verkehrsunfall. Am gestrigen Sonntaa- mittag prallte an der Ecke RodheimerStraße-Schut- zenftraße ein Radfahrer von hier mit einem In Richtung Heuchelheim fahrenden Auto zusammen. Der Radfahrer erlitt dabei Kopfverletzungen und mußte von der Sanitätskolonne der Klinik zugefuhrt werden. , ., „ . „ , .
** Unfall bei der Arbeit. Bel Sauarbeiten in unserer Stadt stürzte am Samstag em 20 Jahre alter Hilfsarbeiter aus Dauernheim so unglücklich ab, daß er mit Kopfverletzungen und inneren Verletzungen in die Klinik gebracht werden mußte.
Die Herbstübungen des Ins.-Regis. Gießen.
Oie llebung am 6. September.
Das Infanterie-Regiment Gießen Hütt seine diesjährigen Herbstübungen vom 6. bis 10. September m der Gegend von Braunschweig ab. lieber die Hebung am 6. September wird uns folgendes berichtet:
Rot verteidigt die Aller zwischen Belsdorf und Weferlingen. Blau greift von Osten an. Hinter dem Südflügel von Blau steht hinter dem Wiesengelände westlich Hakenstedt das I. R. 36 zur Sicherung der Südflanke und als Divisions-Reserve. 8.30 Uhr erhält das Regiment den Befehl, über Ummendorf den Heid-Berg und Hoch-Berg (südwestlich Sommerschenburg) anzugreifen. Ein Gelingen des Angriffs mußte die gesamte rote Verteidigung an der Aller zu Fall bringen.
Rot hatte auf die Nachricht von Ansammlungen bei Hakenstedt das bei Twölfte-Mühle (2,5 Kilometer ostwärts Harbke) als Reserve eintreffende III./J. R. 115 zum Schutze der Südflanke nach Hoch- Berg und Heid-Berg vorgezogen.
Um beide Berge muß also der Kampf entbrennen. I. R. 36 ist dargestellt durch I., II. und -V./J. R. Gießen. Das Regiment ist verstärkt durch eine Abteilung Artillerie Fulda. Heute wird I. R. 36 geführt von Oberstleutnant Schmidt (Kommandeur II./J. R. Gießen). Rot (III./ I. R. 115) wird dargestellt durch III./J. R. Gießen unter Führung von Major Kuhn.
Die Kompanien haben bis zur Einnahme der Ausgangslage einen Marsch von mehreren Stunden zurücklegen müssen. Das bedeutet zum Teil Abrücken um 4 Uhr. Das fällt dem Soldaten besonders schwer, wenn er es so gut gehabt hat wie in Druxberge, Niederdodeleben, Eichenbarleben, Dra- kenstedt, Bornstedt, Groß-Rodensleben, Dreileben,
Nordgermersleben, Uhrsleben, Hakenstedt, Ochtmersleben und Wellen, wo das Regiment vom 4. September ab im Quartier gelegen hat. Trotz der frühen Stunde ließ sich ein großer Teil der Bevölkerung es nicht nehmen, ihren Soldaten, sei es nun Einquartierung oder Tänzer vom Manöverball, zum Antreten zu bringen.
Der Gefechtsauftrag des I. R. 36 bedingte zunächst eine Verschiebung der Truppe aus dem wegelosen und brückenlosen Seelschen-Zruch in die Gegend um Ummendorf. Hierbei mußte das deckungslose Höhengelände des Weinberg so überquert werden, daß die roten Maschinengewehre und die rote Artillerie dem Regiment möglichst wenig Schaden zufügen konnten. Gleichzeitig setzte Gefechtsaufklärung ein und suchte die genaue Aufstellung von Rot festzustellen.
13.30 Uhr konnte endlich der Angriff aus der Linie Waldstücke ostwärts Heideberg—Nordrand— Badeleben gegen Hoch- und Heideberg losbrechen. Dem ungleichen Kampf zwischen den drei Bataillonen des I. R. 36 auf der einen Seite und dem einen Bataillon (III./J. R. 115) auf der anderen Seite wurde gegen 14.30 Uhr durch „Das Ganze Halt" ein Ende gefetzt.
Nach der Krittk und der anschließenden Schieds- richterbefprechung für die Hebung am 7. September versammelte sich das Offiziers-Korps am Denkmal des Marschalls Grafen Neidhardt von Gneifenau zu einer kurzen Gedenkfeier für den großen Soldaten des Befreiungskrieges. Der Kommandeur des I. R. Gießen wies in kurzer Ansprache auf die Bedeutung des Feldmarfchalls hin und legte unter den Klängen des Pariser Einzugsmarsches einen Kranz am Denkmal nieder.
Oie Gedenkrede am Grade Gneisenans.
Die Rede des Kommandeurs des Infanterie- Regiments Gießen am Grabe des FeUnnarfchalls Graf von Gneisenau bei der Gedenkfeier am 6. September lautete wie folgt:
„In Gneisenau, in keinem anderen, hat Napoleon seinen liebermirtber gefunden." So lautet das Urteil des Grafen Schliess en. Und so steht er allezeit vor uns als der Befreier Preußen-Deutschlands, der durch die Gewalt seiner Persönlichkeit, seinen unerschütterlichen, unbeugsamen Mut selbst im größten Unglück und in tiefster Schmach durch sein geniales Feldherrntum Taten vollbrachte, wie sie einzig in der Geschichte eines Volkes dastehen. Ein wahrer Feldherr, wenn er auch nicht den Feld- herrnstab führen durfte. Ein ganzer Mann, der voller Selbstverleugnung und Pflicktgefühl hinter seinem „Fürsten" zurücktrat, obwohl er sich seines Wertes voll bewußt war.
Nach dem Zusammenbruch 1806 ging er mit einzigartigem Idealismus an feine neue Aufgabe, die Befreiung Preußens, heran. Die glänzende Verteidigung Kolbergs machte seinen Namen berühmt. In der Reorganisattonskommission war er durch seinen freien Gedankenreichtum und feine scharfe Krittk der beste Gehilfe Scharnhorsts. Wirk- am arbeitete er an den Stein-Harden berg- chen Reformen mit. Endlich schlug die Befreiungstunde, 1813 als Korpschef Blüchers nahm er ruhmreichen Anteil an der Schlacht von Bautzen. Als Gouverneur von Schlesien organisierte er die Schlesische Landwehr. Der erfolgreiche Feldzug in Schlesien und die Schlacht an der Katzbach als Generalstabschef Blüchers zeigten feine Führereigenschaften im hellsten Lichte. Meisterhaft gelang ihm nach dem Gefecht bei Wartenburg die Vereinigung der Armeen westlich Leipzig im Rücken Napoleons.
Zu jedem komm! einmal das Glück.
vornan von Ellen Kulm.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 15 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Es war ihm gestern abend wohl ober übel die Aufgabe zugefallen, Shirley Preston Gesellschaft au leisten. Und er hatte nicht eben große Lust dazu gehabt. Aber er mußte sich gestehen, daß sie eine recht unterhaltende und scharmante Gesellschafterin war. In der letzten Zeit hatte sie recht ernst gewirkt. Aber an dem Abend, da sie mit ihm allein war, war sie plötzlich wieder ganz die Alte, übermütig, sprudelnd, voll unsinniger, aber amüsanter Einfälle.
Er hatte mit ihr getanzt, und als er auf die Uhr sah, hatte er mit Befremden festgestellt, daß es schon nach Mitternacht war.
Shirley Preston wollte gern noch bleiben. Aber er war aufgebrochen und yatte sich höflich und bestimmt von ihr verabschiedet. Er wußte, daß diese Frau leicht zu erobern war für ihn, daß er nur zuzugreifen brauchte. Gerade deswegen brach er das Zusammensein ab.
Als junger Student wäre er ihren Lockungen bestimmt erlegen. Damals konnte er noch nicht fein heißes Blut zügeln. Aber der Freitod eines feiner Kollegen, der im Zusammenhang zu den Beziehungen zu einer leichtsinnigen Frau der Gesellschaft stand, öffnete ihm die Augen. Von diesem Tage an wurde er ein anderer Mensch.
Und nun hatte er ja auch noch Pflichten gegen Monika! Wenn er auch noch nicht offiziell ihr Jawort hatte. Es konnte doch nicht mehr lange dauern, daß er sich erklärte.
Er stand lange nachdenklich in seinem Zimmer am Fenster und dachte darüber nach, warum er cs eigentlich nicht schon längst getan hatte. Monika war ein so lieber, entzückender Mensch, und eine andere Frau würde er ja doch niemals wählen. Es hatte keinen Sinn, noch länger damit zu zögern. Gleich morgen würde er Gelegenheit nehmen, mit ihr zu sprechen. Dieses ganz unbegründete Zögern, das doch sonst eigentlich seiner energischen Natur fremd war, mußte ein Ende nehmen.
Während er die Zigarette ausdrückte, glitt ein Lächeln über sein Gesicht. Nun ia, er war fünfunddreißig Jahre alt. Da hatte der Mensch wohl schon etwas vom Junggesellen an sich. Und wenn er noch so fest entschlossen war, seine Freiheit auf» Augeben, es war doch ganz hübsch, noch ein paar Tage damit zu warten. Jetzt aber Schluß damit!
Während er nun Monika gegenübersaß, überlegte er, wie er den Nachmittag mit ihr allein verbringen konnte.
Draußen war ein schöner, fast sommerlich warmer Tag. Er wandte sich Monika zu, ohne Shirley weiter zu beachten.
„Sie wollten doch gern noch einmal nach Tutzing hinaus, Fräulein von Jnnemann? Wie wäre es heute nachmittag? Frau Klinke gibt Ihnen be- timmt Urlaub, wenn wir beide darum bitten."
Shirley schmollte.
„Ach, wie schade, daß Sie nur einen Zweisitzer haben, Herr von Gerling. Ich kenne den Starnberger See noch gar nicht. Aber konnten wir denn nicht mit dem Auto der Klinkes fahren? Alle zu- ammen? Das wäre doch viel luftiger?"
„Ich kann leider nicht über das Auto von Frau Klinke verfügen, Frau Preston. Vielleicht können Sie sie auch zu einem Ausflug veranlassen. Wir könnten ja dann später irgendwo Zusammentreffen."
Shirley biß sich hastig auf die Lippen. Das war eine deutliche Absage. Sie stand ihm also doch nahe, diese Monika! Und dabei hatte Shirley Preston bestimmt gedacht, daß sie Herrn von Gerling au einem Flirt erobern könnte nach dem gestrigen Abend.
Doch da mischte sich Monika in das Gespräch:
„Wir müssen den Ausflug verschieben, Herr von Gerling. Ich habe heute eine Freundin — eine Bekannte von mir — zu mir eingeladen. Für den Nachmittag. Und ich habe mir gedacht, daß auch Sie und Johnie Klinke uns Gesellschaft leisten. Sie hat so wenig vom Leben, das arme Ding! Und sie tanzt so gern, Herr von Gerling."
„Ich wußte gar nicht, daß Sie Bekannte in München haben, Fräulein von Jnnemann?"
Shirley Preston hatte Monikas leichte Befangenheit wohl bemerkt.
Monika errötete.
„Ach, es ist eigentlich ein merkwürdiger Zufall! Ich wußte es selbst nicht, Frau Preston. Aber bitte, Sie werden doch wohl auch bei uns bleiben. Es ist so ein furchtbar nettes, liebes Ding..."
Monika konnte ihr Herzklopfen kaum verbergen. Sollte Sie sich nicht doch Frau Klinke anoertrauen? Aber sie wußte, daß Frau Klinke auf Evi von Tanner schlecht zu sprechen war. Und doch war Mo- nika überzeugt, daß man Evi von Tanner unrecht tat. Sie war bestimmt kein berechnender Mensch! Und außerdem ließ Frau Klinke die Jugend jetzt, besonders am Nachmittag, fast immer allein. Es war also mehr als wahrscheinlich, daß sie auch heute nicht kommen würde.
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Evi von Tanner erwachte mit dem Gefühl, daß ihr der heutige Tag etwas Besonderes bringen müßte. Als Kind hatte sie das öfter gehabt, an ihrem Geburtstag oder am Weihnachtstag. Aber heute war keiner dieser Tage, und Evi hatte auch schon langst in dem grauen Alltagsleben verlernt, von irgendeinem Tage etwas Besonderes zu erwarten.
Sie mußte sich erst ordentlich besinnen, was es war.
Ach ja, sie war eingeladen, zu dem lieben, jungen Mädchen, das ihr so gut gefiel!
Das mußte sie doch gleich einmal Muttchen erzählen! Aber als sie sich zu dem Lager der Mutter wandte, erkannte sie sofort, daß es der Mutter nicht besser ging.
„Ach, Muttchen, wieder Schmerzen?"
„Leider, Evchen! Das Pulver hat mir wohl Schlaf gebracht, aber die Schmerzen im Kopf sind nicht besser geworden. Du muht die Vorhänge herunterlassen. Jeder Lichtstrahl und jedes Wort tun mir so weh."
„Ach, Muttchen, da werde ich doch einen Arzt holen. — Nein, das mußt du mir erlauben. Ich hätte sonst keinen Augenblick Ruhe am Abend."
Im Nachbarhaus wohnte ein junger Arzt. Als Evi bei ihm anläutete, erfuhr sie jedoch, daß er am Vormittag in einer Klinik arbeitete. So ließ Evi ihre Adresse da und bat, der Herr Doktor möchte nach seiner Rückkehr zu ihnen kommen. Es sei ja nur im Nachbarhaus!
Den Vormittag über ging Evi nicht vom Bett der Mutter. Sie war immer gleich so verängstigt, wenn Frau von Tanner krank war. Sie hatte ja auch nichts auf der Welt als ihre Mutter. Und ihr liebebedürftiges Herz krampfte sich zusammen, wenn sie daran dachte, daß sie einmal ganz allein in der weiten, grausamen, kalten Welt Zurückbleiben müßte. Nein, da würde sie lieber auch sterben!
Gleich am frühen Nachmittag kam der Arzt. Er untersuchte Frau von Tanner gründlich und machte ein beruhigtes Gesicht.
„Es ist eine kleine Grippe. Da die Patientin zart ist, so muß sie sehr geschont werden. Absolute Ruhe und Stille und keine Aufregung; aber sonst ist es ganz unbedenklich, kleines Fräulein. Sie können sich Darauf verlassen. Sie geben jetzt Ihrer Mutter ein Schlafpulver, und dann soll sie den ganzen Nachmittag ruhig schlafen. Das wird sie auch. Und Sie gehen ein bißchen spazieren. Sie sind ja ganz blaß."
Evi schüttelte mit dem Kopfe.
„Aber ich muß doch bei Muttchen bleiben!"
Doch da kam die Hauswirtin, die den Doktor kannte, aus ihrer Küche. Sie hatte das Gespräch mit angehört. Sie war eine gutmütige Frau, die ihre beiden stillen, bescheidenen Mieterinnen gern hatte.
„Gehen Sie nur ruhig, Fräulein Evi!" sagte sie. „Ich gebe schon auf die Frau Mutter acht. Ich werde heute den ganzen Nachmittag plätten, da lasse ich die Tür angelehnt und höre sofort, wenn Frau von Tanner etwas braucht. Sie müsien doch auch an die ßuft gehen, wo Sie doch am Abend frisch sein müssen. Denken Sie nur, wenn Sie ganz miesepetrig hinkommen, jo werden Sie am Ende noch gekündigt."
Evi zuckte zusammen. Die Frau hatte rechk. Wenn sie den ganzen Tag im verdunkelten Zimmer saß, dann war sie am Abend so trübe gestimmt, daß sie wohl kaum ihre Schlager fing?n konnte Und wenn ihr gekündigt wurde, so lagen sie und Muttchen auf der Straße, denn jetzt war gerade die schlechteste Zeit für neues Engagement- suchen.
Und außerdem hatte sie doch ihre neue Freundin eingeladen. So konnte sie doch auf eine Stunde hingehen. Allerdings, bevor sie auf trat, mußte si» unbedingt noch einmal nach Muttchen jcyauen.
„Gut! Ich werde gehen, Herr Doktor! Aber tft es denn auch ganz bestimmt nicht gefährlich?"
„Nein! Für diesmal nicht! Und die schweren Kopfschmerzen, an denen Ihre Frau Mutter so häufig leidet, sind ja wohl auch mehr nervöser Natur. Aber es wäre ~ut für Ihre Mutter, wenn sie nicht in der Stadt leben müßte. Mit so angegriffenen Nerven sollte man in vollständiger Ruhs auf dem Lande leben."
lieber Evis Gesicht zog ein schwerer Schatten.
„Ick weiß es, Herr Doktor! Mein Muttchen haßt Die Stadt. Ihr einziger Wunsch ist es, draußen leben zu können. Dort würde ich noch einmal gefunden können, sagt sie immer." Evis Lippen zuckten schmerzlich. „Aber es geht doch nicht, Herr Doktor! Ich muß doch verdienen, damit wir leben können."
„Nun, kommt Zeit, kommt Rat, kleines Fräulein! — Immer den Kopf oben behalten! Vorläufig handelt es sich bei Ihrer Frau Mutter um keine ernste Gefahr. Und nun folgen Sie brav und gehen Sie selbst fleißig an die frische Luft, damit Sie uns nicht auch krank werden!"
10. Kapitel.
Monika faß vor vier Uhr schon in der Halle und wartete auf ihren Gast.
Nur Gerlino war bei ihr. Frau Shirley Preston pflegte nie vor fünf Uhr zu erscheinen, und Johnie Klinke war noch in einer Vorlesung, hatte aber versprochen, spätestens um halb sechs Uhr zurück zu sein. Er war ganz ahnungslos, und Monika hatte ein schlechtes Gewissen. Wenigstens etwas wollte sie es sich erleichtern!
Gerling fragte ein wenig verdrießlich:
„Haben Sie denn Ihre Bekannte so gern, daß Sie ihr diesen schönen Tag lieber opfern, statt mit mir an den See zu fahren?"
Monika antwortete, ihrem Vorsatz getreu:
„Ich kenne sie noch gar nicht lange; aber sie ist so ein armes Ding, und sie hat sich so über die Einladung gefreut. Und außerdem habe ich noch einen kleinen Plan, den ich aber noch für mich behalten will."
„Nun, in Ihre Geheimnisse will ich mich nickt drängen, Fräulein von Jnnemann! Aber 6tt konnten mir doch etwas über die Dame, die wir erwarten, sagen!"
(Fortsetzung folgt!)


