Nr. 210 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)Montag, 9. September 1955
Familienlag der Matthäusgemeinde
Wenn ein« große schauspielerische Leistung
uns
Schein und Sein.
Dom Schaffen des Schauspielers
Sprechstunden der Redaktion.
11J0 bis 12.30 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstagnach- mittag geschloffen.
einandersetzung mit der Dichtung suchen müssen. Wie jeder Künstler kennt auch der Schauspieler den Kampf mit dem Stoff, und sein Werk kann nur gelingen, wenn er sich diesem Kampf nicht entzieht, sondern ihn zu irgendeiner Zeit mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit führt und dabei Sieger bleibt. kb.
Bor rund hundert Jahren betrug die Regelge- i schwindigkeit der damals aufkommenden Eisen- < bahnen etwa 16 Kilometer in b er i Stunde. Sie erhöhte sich stetig, bis dann Kraft- waaen und Flugzeug ihre neuen Schrittmacher i wurden. Welche großen technischen Leistungen aller I Art zu vollbringen waren, bis an die Einführung । der neuzeitlichen Geschwindigkeiten gedacht werden ! konnte, wird dabei oft übersehen, weil es im Ver- ; lauf weniger Jahre geschah. In Verbindung , mit dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsgrade eines Landes sind als bedeutungsvoll dafür z. B. zu nennen: genügende Dichte des Verkehrsnetzes und Länge der Strecken, die Zughäufigkeit und Güte des Oberbaus und der Brückenbauten, die Gleiszahl, die Zuggewichte, die Stärke der Antriebskraft und deren Art, der Kur- venhalbmesser, die Stärke der Steigungen und die Bremsfähigkeit der Züge, die Ausbildung des Sicherheitsdienstes, die Aufenthaltsdauer und die Betriebsmittelausstattung, die Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit des ganzen Betriebes und nicht zuletzt die Durchbildung und Zuverlässigkeit des Personals. Jedes dieser wahllos aneinander gereihten Stichworte enthält ein Programm für sich, in dem eine Unsumme von Arbeit und langjährigen Versuchen, von Erfahrung und Erziehung beschlossen liegt.
Geschwindigkeiten über 12 0 km/st sind zur Zeit auf der Erde nur in USA. und in Deutschland regelmäßig eingeführt. Sie haben also die schnellsten Züge. Die mit der Stromlinien-Dampf- lokomotive in Probefahrten bei uns erzielte Höchstgeschwindigkeit von 175 km/st muß hier vorläufig außer Ansatz bleiben, dagegen nicht die regelmäßig gefahrene von 160 km/st des „Fliegenden Hamburger s". Die Reichsbahn legt weniger Gewicht auf einzelne Höchstleistungen in ihrem Betriebe, als auf eine allgemeine Beschleunigung aller Zugarten, also der Schnell-, Personen- und Güterzüge. Wenn sie am 15. Mai v. I. einige wichtige Schnellzugstrecken mit 120 km/st ausgebaut hat, so traten an demselben Tage dieses Jahres 14 neue Verbindungen mit hoher Geschwindigkeit in Kraft, unter denen einige als kD-Züge geltende Schnelltriebwagen sich auszeichnen, die z. B. auf der Strecke Berlin-Zoo—Hannover 132,5 km/st, auf der Strecke Leipzig—Berlin (Anhalter Bahnhof) 129,8 km/st Reisegeschwindigkeit haben. Bei dem verhältnismäßig kleinräumigen Deutschland haben solche Geschwindigkeiten natürlich eine viel einschneidendere Bedeutung als in weiträumigen Ländern mit sehr langen Eisenbahnstrecken.
Wenn auch in den Vereinigten Staaten in einem Falle eine Höchstgeschwindigkeit von 192 km/st erreicht und eine stromlinienförmige Schnell- zuglokomotioe mit Leistungen bis zu 180 km/st entwickelt worden ist, so liegen die Durchschnittsge- schwindigkeiten im allgemeinen doch bisher nicht sehr weit über 100 km/st." bleuere Probefahrten ergeben allerdings schon weit höhere Zahlen. Ein Dreiwagenschnellzug leistete 145 km/st und die schnellsten Eilgüterzüge haben wie in Deutschland 80 bis 90 km st. Das sind Geschwindigkeiten, die in den meisten anderen Ländern nur selten erreicht werden.
Der Schnellzug Moskau—Wladiwostok durchmißt die etwa 9300 km lange Strecke in r u nd neun Tagen mit einem Durchschnit do n 42 km/st. Man sieht hier einen gewaltigen, nicht von ungefähr herrührenden Abstand gegen die vorgenannten Zahlen, und man wird an der Entwicklung des russischen Eisenbahnwesens deutlich immer den Stand seiner Gesamtentwicklung feststellen können! Lehrreich ist auch der Vergleich des Simplon-Orient- Expreßzuges mit dem Taürusexpreß. Denn während jener europäische Schnellzug die 3000 Kilometer betragende Strecke Paris—Istanbul in 49 Stunden 45 'Minuten, also mit 50 Kilometer in der Stunde zurücklegt, braucht der Taurusexpreß jenseits des Bosporus von Haidar-Pascha bis Teheran auf der
Internationale EisenbahngeschwinWeiten
Deutschlands Leistungen sind bahnbrechend und vorbildlich.
gewirkt und wird nach Ausführung der weitere» für die Geschwindigkeitssteigerung auf der Schiene bestehenden Pläne im Zusammenhang mit dem Aus» bau der Reichsautabahnen das erste Lane der Erde sein, dessen Gesamtverkehrsnetz auch tu dieser Hinsicht die einheitlichste und sicherste Durch« bildung aufweist, wenn es sich auch nicht zu bemühen braucht, einzelne Spitzenleistungen zu erzielen, wie sie für weiträumige Länder auf den Langstrecken eine unabweisbare Notwendigkeit werden dürften. Sm.
digkeiten vorzunehmen. Erwähnenswert ist hier des Beispiels halber, daß in Französisch-Aequatorial- Afrika, das auch unser altes Kamerun umfaßt, neben dem Eisenbahnbau ein Kraftwagen-Straßennetz von 12 000 Kilometer Länge ausgebaut ist mit dem Zweck des Zubringerdienftes an die Bahnlinien. Es ist für solche in der Entwicklung begriffenen Neuländer eine sehr wirksame und verhältnismäßig billige Art der aufschließenden Durchdringung.
Deutschland hat bei der Einführung der Neuzeit- lichen hohen Geschwindigkeiten bahnbrechend
Herr I ö ck e l, sprach dann allen Mitwirkenden herzlichen Dank aus und gedachte dabei des Mannes, der durch sein selbstloses Wirken für das ganze deutsche Volk auch diese schöne Feier erst ermöglicht habe, des Führers und Reichskanzlers Adolf Hit- l e r. Dem Führer galten die dreimaligen, freudigen Sieg-Heil-Rufe, denen der Gesang des Horst-Wessel- Liedes folgte.
Mit gemeinsamem Choralgesang und nochmaligem Spiel des Posaunenchors fand der Familientag seinen Abschluß.
Zeitschristen.
— „D a s I n n e r e Reich." Zeitschrift für Dichtung, Kunst und deutsches Leben. Preis pro Heft 1,80 Mk., vierteljhrlich 4,80 Mk. Verlag Albert Lan- aen/Georg Müller. — Dem Septemberheft der von P. Alverdes und K. B. von Mechow betreuten Zeitschrift kommt deshalb besondere Bedeutung zu, weil es eine stattliche Anzahl wertvoller Beiträge enthält, in denen erneut der schöpferische Reichtum der gesamtdeutschen Dichtung sich kundtut. Ein bis auf den heutigen Tag fortwirkendes Beispiel dafür ist Adalbert Stifters Aufsatz „lieber Stand und $ßürDe des Schriftstellers", der als eines der schönsten Zeugnisse unseres geistigen Erbes lebendigen Anteil hat an der Erneuerung unseres deutschen Geisteslebens. In diesem Zusammenhang ver- dient auch Albrecht Fabris „Brief über Adalbert Stifters Nachsommer" lobende Erwähnung. Etwas von dem unvergänglichen Geiste Stifters lebt auch in dem jungen Oesterreicher Franz Turnier, der zum ersten Male mit einer größeren Prosa-Arbeit hervortritt. Seine Erzählung „Das Tal von Lausa und Duron" — von ßebeflt und Tod eines jungen Menschenkindes handelnd — verrät eine ungewöhn- liche Reife. K. B. von Mechow hat in einem eigenen Aufsatz auf das Werk dieses fast noch unbe- kannten Dichters hingewiesen. Unter den übrigen Beiträgen sei vor allem aufmerksam gemacht auf die Erzählung „Die Heimat in Böhmen" von Bruno Brehm und „Herr, bist Du's?" von Joachim von der Goltz, auf die sorgfältige Auswahl fein empfundener Gedichte von Ludwig Friedrich Bar- thel, Kilian Kerst, Rudolf Kreutzer, Horst Lang« und Georg von der Dring, des weiteren auf den prächtigen Aufsatz Oberst Kraffts über „Gottlieb Graf von Haeseler" und endlich auf den durch vor» züglich gelungene Bildwiedergaben illustrierten Aufsatz „Das Gesicht einer Landschaft" von dem Innviertler Maler Josef Karl Nerud. Nach der kritischen Seite hin erfährt das Heft eine ergänzend« Abrundung durch die von Paul Alverdes und Han§ Weigert angestellten Betrachtungen über einige grundlegende tunst- und sprachwissenschaftliche Werk« unserer Zeit.
Die Angehörigen der Matthäusgemeinde waren auf den gestrigen Sonntagnachmittag zu dem alljährlichen Gemeindetag, veranstaltet von der Männer- und Frauenvereinigung der Matthäusgemeinde, auf den Schiffenberg eingeladen. In überaus großer Zahl waren die Männer und Frauen fowie die Kinder der Gemeinde dem Rufe ihres Gemeindepfarrers und des Führers der Männer- und Frauenvereini- gung gefolgt. Zu Fuß, mit mehreren Autobussen der Reichspost, mit der Bahn und mit Sommerwagen strebten die Besucher dem Schiffenberg zu, wo sich auf dem weiten Platze vor der ehemaligen Kapelle eine, sehr stattliche Gemeinde versammelte.
Der Posaunenchor von Lang-Göns unter Leitung von Herrn Boller eröffnete den Familientag mit feierlicher Musik, der ein gemeinsamer Ge- sang der Gemeinde im Wechsel mit dem Frauenchor unter Leitung des Stadtorganisten Simon folgte. Hierauf entbot der Gemeindepfarrer Propst Knodt seinen und des Führers der Männer- und Frauenvereinigung herzlichen Gruß, ferner sprach er allen Helfern bei der Vorbereitung und der Durchführung des Gemeindetages aufrichtigen Dank aus. Er wies weiter darauf hin, daß man zum ersten Male den Gemeindetag auf dem Schiffenberg veranstalte und damit ein gewisses Wagnis übernommen habe, aber der starke Besuch und die ausgezeichnete Stimmung zeugten dafür, daß dieses Wagnis in vollem Ausmaß geglückt sei. Sodann stellte Propst Knodt den Sinn des Gemeindetages in Beziehung zu der altehrwürdigen Stätte des Schiffenbergs, um dann noch seiner besonderen Freude darüber Ausdruck zu geben, daß es ihm bei dieser Veranstaltung möglich sei, als neuer Pfarrer der Matthäusgemeinde zum ersten Male einem großen Kreise der Gemeinde bekannt zu werden.
Im Anschluß an einen Choralgesana des Frauenchors hielt Studienrat Reinhardt eine Ansprache, in der er an Hand eines Wortes aus dem 26. Psalm und eines Wortes aus dem 2. Korintherbrief die Frage „Warum haben wir unsere Kirche lieb?" beantwortete. Genau so wie jeder wahre deutsche Mann und jede deutsche Frau unser deut- sches Vaterland von ganzem Herzen lieb haben, genau so liebe jeder evangelische Mann und jede evangelische Frau die evangelische Kirche. Sie lieben die Kirche als die Kirche des Glaubens, als die Kirche des Wortes Jesu Christi, als die Kirche des. Kampfes für dieses Wort, als die Kirche des Friedens und als die Kirche unseres deutschen Volkes. Das evangelische Volk bete, rede und arbeite für feine evangelische Kirche, um ihrer Herrlichkeit willen, erfüllt von der Zuversicht des evangelischen Glaubens. Gemeindegesang und ein Chor des Lang-Gönser Posaunenchors bildeten den Abschluß des ersten Teils der Veranstaltung.
Im zweiten Teile des Nachmittags erfreute der Posaunenchor Lang-Göns wiederum durch vortreffliche Darbietungen, ebenso der Frauenchor mit seinen schönen Gesängen. Kinder aus der Kinderkirche bereiteten mit Reigentänzen usw. viel Freude, ferner wurden gemeinsam schöne alte Volkslieder gesungen. Der Schisfenberg-Wirt L y n ck e r hatte für guten Kaffee und Kuchen gesorgt und auch andere Erfrischungen zur Verfügung der Gäste gestellt. Die Kinder der Gemeinde wurden, wie immer bei dem Gememdetag, durch die Verteilung von Brezeln erfreut und ihnen damit der Höhepunkt des Festes bereitet.
Der Führer der Männer- und Frauenvereinigung,
deren Linien.
Infolge einer in Frankreich bestehenden Vorschrift dürfen hier die Züge aller Bahnen nicht mit einer größeren Geschwindigkeit fahren als 120 km/st, so daß die neuerdings erzielten Leistungen sich im allgemeinen um 100 Stundenkilometer bewegen, wenn auch eine Reihe von Strecken mit Schnelltriebwagen und Dampflokomotiven darüber hinausraat und einige wenige bis 114 km/st erreichen. Die Fahrt Berlin—Paris zeigt eine Reifegeschwindigkeit von 83 km/st, Paris—Warschau 73 km/st, dagegen haben die Strecken Paris—Rom und Paris—Bukarest eine Reisegeschwindigkeit zwischen 60 bis 70 km/st. Jedoch sind auch in Frankreich Versuchsfahrten mit weit höheren Schnelligkeiten, in einem Fall bis zu 190 km/st, erreicht worden, so daß auch hier mit einer Umstellung gerechnet werden dürfte.
In England, Oesterreich, Italien, Schweden, Norwegen, Belgien und den Niederlanden sind besonders durch Triebwagen und Anlage elektrischer Bahnen ebenfalls die Bahnschnelligkeiten allgemein wesentlich gesteigert worden. Hier kommen allerdings meistens ja kürzere Strecken und nur wenige lange in Betracht.
Der japanische „Asia-Expreh" der südmandschurischen Eisenbahn befährt die 700 Kilometer lange Strecke Dairen—Hsinking mit einer Höchstgeschwindigkeit von 110 km/st und einer Reisegeschwindigkeit von 83 km/st. Er gibt also, als einziger Zug seiner Art in den nicht zu Nordamerika und Europa gehörenden Festländern den deutlichen Beweis für den hohen Entwicklungsstand Japans, weil allein durch die Tatsache seines Bestehens die Erfüllung aller der vorher erwähnten Voraussetzungen ange- zeigt wird. Bei ihm ist bemerkenswert, daß nicht nur die Lokomotive, sondern auch die Wagen Stromlinienform erhalten haben. (Nebenbei bemerkt, kostet die Fahrt für die 700 Kilometer erster Klasse etwa 26, dritter Klasse etwa 12 Mark, auch ein Beweis für die billige Arbeit der japanischen Industrie!) In Japan selbst wird die Strecke Tokio—Kobe (rund 600 Kilometer) mit 67 km/st Reisegeschwindigkeit durchmessen: die Stromlinienform dürste aber bald auch hier höhere Leistungen gestatten.
Auf Java erreicht der schnellste Zug 75 km/st Durchschnittsfahrt, während in Südafrika die neuen Reisegeschwindigkeiten sich zwischen 35 und 57 km/st bewegen. Der früher größere Unterschied zwischen Berg- und Talfahrt ist stark vermindert. Neuseelands schnellster Zug hat eine Reisegeschwindigkeit von 47 km/st. In Marokko fährt ein elektrisch betriebener Zug 70 km/st und in Argentinien entwickelt der schnellste 56 km/st.
Die wenigen Stichproben geben eine ungefähre Vorstellung auf gedrängtem Raum von dem augenblicklichen Stand der internationalen Eisenbahngeschwindigkeiten, die vor dem Kriege in Deutschland bis 90, in England und Frankreich bis 99 und in USA. bis 111 km/st im Höchstmaße erreichten, während fast alle anderen Staaten erst in weitem Abstand folgten.
Es ist wohl nur ein Augenblicksbild, das wir festhielten, denn nirgendwo ruht der uralte Drang nach Schnelligkeitserhöhung der Beför- berung von Menschen und Gütern, und schon regt Beispiel und Erfahrung der alten Eifenbahnländer auch die anderen Länder an, soweit Bedürfnis, , Geldmittel und die andern Voraussetzungen aus- • reichen, eine Umstellung ihrer Eisenbahngeschw'm-
nur wer selbst ergriffen ist, vermag zu ergreifen! Diderot aber hat in seinem berühmten „Parador über die Schauspieler" jeden „fühlenden Mimen' für einen Stümper erklärt. Wo liegt angesichts dieser verschiedenartigen Erklärungen die richtige Deutung? Sicherlich allein im Wesen jedes einzelnen Schauspielers. Während bei dem einen Darsteller eine gedankliche Erfassung der Rolle vorwiegt, gibt es Spieler, die sich über ihrer Rolle ganz vergessen, und es ist» müßig, die eine Art der Auffassung und Darstellung über die andere zu erheben. Beide haben auf den weltbedeutenden Brettern schon große Siege über Geist und Herz der Zuschauer davongetragen.
Eine Reihe von Beobachtungen und Aeußerungen zeigt uns, daß es in der Geschichte der Bühnentunst Darsteller gegeben hat, die sich schon viele Stunden vor der Aufführung in ihre Rolle hineinlebten. Wandelte der Schauspieler Fleck am Morgen eines Tages, an dem er abends den Lear oder Macbeth zu spielen hatte, durch die Straßen von Berlin, lag etwas so Königliches in seiner Haltung, daß sich die Leute zuflüsterten: „Der Fleck ist schon Monarch vom Kopf bis zur Zehe!" Nach Beendigung der Vorstellung war der sonst so sanfte und gutmütige Mann oft noch so in Raserei, daß er sich zu Gewalttätigkeiten hinreißen ließ. Don D e v r i e n t wird erzählt, daß er manchmal den König Lear nicht zu Ende spielen konnte, weil ihm der Schmerz, der ihn dabei erfüllte, fast das Herz zu zerreißen drohte. Einmal fiel er beim Todeskampf auf der Bühne in Ohnmacht, und als er wieder zu Bewußtsein kam, sagte er verwundert zu den Umstehenden: „Ich dachte, ich sei gestorben". Die D u s e sprach von einem nachtwandlerischen Gefühl, das sie auf der Bühne ergreife. Andere große Schauspieler leugnen dagegen jedes Gefühl beim Spiel und sehen in ihm das Zeichen des Dilettantentums. So meinte Coquelin, als Anfänger fei er einmal vor Rührung ohnmächtig geworden, aber das sei eine „Jugendeselei" gewesen, und jetzt würde er sich schämen, wenn ihm so etwas geschehe. Und S a l v i n e behauptete, er könne jeden Augenblick jede Szene spielen, ohne das geringste zu empfinden. „Ich habe ja alles früher einmal durch- lebt, als ich die Rolle studierte; damals vollkommen, bis zum körperlichen Schmerz. Aber seitdem ich sie beherrsche, kümmere ich mich darum„ nicht mehr, seitdem habe ich alles am Schnürchen."
Hier wurde also der Vorgang des Einswerdens mit den Gestalten der Dichtung in die Zeit des Rollenstudiums vorverlegt, und es ist anzunehmen, daß auch die anderen Leugner jeder Mitempfindung mit den dargestellten Menschen eine geistige Mus-
gefangen nimmt, so zweifeln wir nicht daran, daß der Schauspieler die Leidenschaften des Wesens, das er verkörpert, in ihrer ganzen Tiefe empfindet. Demgegenüber aber steht Die Meinung etwa eines Riccoboni, zu der sich auch Lessing bekannte, es sei ein Unding, daß der Komödiant, der genau wisse, baß alles nur Schein sei, wirkliche Empfindungen haben solle. Muß er, der mit Sicherheit und Disziplin die Gestalten des Dichters darstellen soll, nicht gelassen über der Dichtung stehen? Ebenso bestimmt aber fordern andere Betrachter der Schauspielkunst, wie Sainte Albine, daß eine „glückliche Raserei" eine unerläßliche Bedingung der Schauspielkunst sei; nur wer selbst gerührt ist, vermag zu rühren,
Gendarm und vertrieb sie. Aber sie kehrten bald mit vollen Flaschen zurück. Eine Bank aber ließen sie immer frei, und zwar für das Kirschenfräulein, das mit blauen Lippen hinter seinen Körben saß und auf Käufer wartete. Sie trug einen breiten Sonnenhut, strickte und aß Kirschen.
Am Sonntag kamen die Bremer Segelboote, und bann gab es eine Regatta. Der Sommer war so lang wie eine halbe Ewigkeit, und vielleicht war sogar die Sonne damals stärker und mächtiger.
Rechts vom Telegraphen aber — du siehst die helleren Bäume, es sind Kastanien — liegt Wilkens Garten. Dort habe ich mit drei Jahren meinen ersten Rausch bekommen. Ein Freund meines Vaters, der mit uns am Tisch saß, spendierte für mich ein kleines Glas Bier. Ich soll mein Bett in schlechter Haltung erreicht haben, erzählt meine Mutter.
Sodann erschien eines Tages in diesem Garten jener Kapitän aus Köln, der auf langen Röhren übers Wasser laufen konnte und der Stadt seine Kunst zeigte. Unser Kapellmeister Drohle, des ihm gleichtun wollte und sich die Röhren unter die Füße schnallen ließ, fiel mit seinem schwarzem Gehrock ins Wasser und wurde pudelnaß herausgezogen.
Das ist meine geliebte Kaje. Links vom Telegraphen liegt eine Rasenfläche. Dort auf der grünen Fläche kannst du einen grauen Fleck erkennen. Es ist das Denkmal für die Gefallenen unserer Stadt. An ihm wirst du die vielen Namen junger Menschen lesen, die ich als Knabe gekannt habe, als sie Kinder waren.
nur 200 Kilometer längeren Strecke 129 Stunden 45 Minuten, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß die kurze Schlußstrecke bis Teheran mit Kraftwagen zurückgelegt werden muß. Immerhin wird auch hier die we st europäische Ueber- legenheit sehr deutlich. Allgemein wird bei langen Strecken schon infolge der meist häufigen Aufenthalte die Reisegeschwindigkeit im Verhältnis zur Höchstgeschwindigkeit viel geringer als auf kür-
Oie Heimat hinter dem Schilf.
Von Georg von der Dring.
Das Weserufer ist schön Ueberall wächst Schilf. Ein schmaler Damm führt hindurch. Man geht wie durch einen Wald mit glasharten Blättern, die im Wind rascheln. Dann endet der Schilfwald, und sogleich erblickst du meine Heimat. Auch der Fluß, der breit und spiegelblank vorüberstreicht, gehört zu ihr, zu dieser Stadt, die hinter ihm am Ufer liegt. Die schöne Sommersonne bescheint sie wie in meiner Jugendzeit. Die Sonne hat sich nicht verändert, aber meine Stadt und ich, wir sind in manchem anders geworden.
Ueberschau das ganze Ufer! Die Stadt ist Hein, aber sie dehnt sich weit nach links und nach ^rechts aus. Die vielen dunklen Bäume, die du stehst, sind Ulmen. Am linken Ende der Stadt liegt unter den Ulmen ein weißes Haus, das Helgenhaus Dort bauten meine Vorfahren ihre Briggs und Barken für deutsche und für nordische Rechnung. Der Helgen ist zerfallen. .
Genau in der Mitte ragt der Backsteinturm der Kirche über den Ulmen auf. Mein Großonkel hat ihn gebaut. Der Turm hat eine dicke graue Krone. Manchmal denke ich, wie diese Krone dem Onkel in den Kopf gekommen sein mag.
Weiter rechts liegt der Hafen mit der Schleuse und dem Pier. Dort werden die Getreidedampfer gelöscht. Als Knabe stieg ich auf die Dampfer und versuchte mit den Seeleuten englisch zu sprechen. Sie schenkten mir Hartbrot und rieten mir, es vor den Zollbeamten gut zu verstecken. Manchmal waren alle meine Taschen voll Hartbrot, auch im Futter steckte etwas. Damals gab es Ueberfluß an Brot, sogar auf Schiffen.
Schau! Jetzt gleitet der weiße Dampfer, der von Bremen kommt, heran. Er wird anlegen. Schon schlagen seine Schaufelräder rückwärts. Jetzt liegt er fest. Die Reisenden steigen aus, gehen über die Brücke und betreten die Kaje.
Unsere Kaje ist wohl 200 Meter lang. An ihrem rechten Ufer erhebt sich ein roter Turm, das ist der Telegraph". Napoleon hat ihn erbauen lassen. Jetzt"ist er unser Gefängnis. Vor dem Telegraphen gibt es eine Stelle, wo man mit dem Rundnetz fischen fann; meist fängt man Breetzem Mitten im Kundnetz hängt -in Fl->schball-n als Koder.
fiter auf der Safe stehen die höchsten Ulmen. Darunter gibt es Ruhebänke. In meiner Jugend waren sie immer von Bummlern besetzt, die dort ihren Rausch ausschliefen. Manchmal erschien der
Vorbereitungen der Gesangvereine zu den Erntedankfeiern.
SDK. Wie in den Vorjahren, so werden auch bei der kommenden Erntedankfeier die deutschen Gesangvereine in weitgehendem Maße mitwirken. Don eigenen Feiern wird im allgemeinen abgesehen, doch werden sich Die Vereine überall in Stadt uii) Land den Behörden und der Partei für die große Gemeinfchaftsveranstaltung zur Verfügung stellen. Die Literatur für das chorische Singen beim Erntedankfest hat im Laufe der letzten Zeit eine wesentliche Bereicherung erfahren, so daß den Chören Erntelieder in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Die Führung des Deutschen Sängerbundes hat außerdem vor wenigen Tagen in Gemeinschaft mit Dem Reichsverband der Gemischten Chöre ein neues Liedblatt Der Reihe „Singendes Volk" herausgegeben. Das sich „Bauer und Ernte" betitelt. Es enthält sieben Lieber und Kanons, Die alle auf Die Arbeit des Bauern Bezug haben und zum Erntedankfest vorzüglich geeignet find. Es handelt sich hier nicht um Chore, Die „vorgetragen" werden, sondern um Lieder, Die gemeinsam mit Den Hörern erarbeitet werden. Gerade das Erntedankfest ist so recht zum Singen geeignet; es ist Die Zeit, ein fegen- und freudebringendes Lieb anzustimmen. Dabei sollen auch unsere Gesangvereine nicht zurückstehen. Sie sollen zeigen, daß sie ihrer Aufgabe gewachsen find, Keimzellen eines Volksliedes zu fein, das dem Gemeinsamkeitserlebnis unseres erntefeiernben Volkes einen echten und seiner würdigen Klang gibt. Das ßieDblatt enthält in Der Hauptsache neue wenig bekannte Lieder von zeitgenössischen Komponisten, die den Volkston besonders gut treffen. Wir nennen: „Du starke Deutsche Bauernschaft" von Gerhard Schwarz, „Zur guten Nacht" von Hans Sang, „Erntesegen" von Hans Dietrich, „Wir sind die Männer vom Bauernstand" von K. v. Hertzberg, „Neues Brot" von Edgar Rabsch und „Erde, die uns Dies gebracht" von H. Fr. Micheelsen. Als Lied aus früherer Zeit ist Die volkstümliche Weise von Joh. Abr. P. Schulz „Wenn kühl der Morgen atmet" ausgenommen. Im vorigen Jahr hat der DSV. ebenfalls ein Erntelied blatt „Erntedank" herausgegeben, das eine große Verbreitung gefunden hat. Es ist zu erwarten, daß auch in Diesem Jahre die Lieder des neuen Blattes zahlreich zur Verwendung kommen. Die Blätter, Die zur Verteilung an das Publikum zum Mitsinaen sind, können durch Die Geschäftsstelle Des Deutschen Sängerbundes, Berlin W 35, bezogen werden.


