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185. Jahrgang

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Ur. 157 Erster Blatt 185. Jahrgang Dienstag, 9. Juli 1935

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infolge höherer Gewalt Lrmähtgte Grundpreise:

General-Anzeiger für Oberheffen MW

poftschecklonto: V V 1 < gen, Bader-, Unterrichts-u.

gtantfnrt am Main 1168s VnlL und Verlag: vrühl'sche Universilätz-Vuch. und Stetndruckerei «.Lange in Gießen. Schrisileitnng und Geschäftsstelle: Schulstratze 7 Mengenabschlüsse Staffel B

Wo steht Frankreich im Abessinienkonflikt?

Ernste Schwierigkeiten in Scheveningen

Der Bankrott des Keüoggpakts

1.

2.

a)

4.

in

Berlin, 8. 3uli. (DJIB.) Zum Aufbau der Kriegsmarine auf den im Flottenabkommen mit England festgelegten Stand von 35 v. f). des englischen Deplacements sind fol­gende Neubauten a u f Stapel gelegt oder werden im Laufe des Jahres 1935 auf Stapel gelegt werden:

Zwei Panzerschiffe von je 26 000 Ton­nen Wasserverdrängung mit 28-Zentimeter-Ge- fchühen, zwei Kreuzer von je 10000 Tonnen Was­serverdrängung mit 20-Zentimeter-Geschühen,

3. 16 Zerstörer von je 1625 Tonnen mit

12.7-Zentimeter-Geschühen (Stapellegung 1934 und 1935),

Amerikas Antwort auf die Anrufung des Kellogg-Paktes durch Abessinien ist in Addis Abeba übergeben. Sie weist, wie schon mitgeteilt, auf die in Gang befindliche Völkerbunds­aktion hin.Herold Tribüne" bemerkt, der Kellogg-

reich angeblich so viel gelegen ist. Allerdings nur, wenn Genf sich als gefügiger Arm des Pariser Willens verwenden läßt. Frankreich erkennt sehr wohl die Gefahr, in die es durch eine stillschweigende oder offene Duldung der ita­lienischen Ansprüche seine eigenen, stets überlaut verkündeten Grundsätze einer friedlichen und starken Dölkerbundspolitik bringt. Die aus einem unruhi­gen Gewissen geborenen Versuche, in aller Eile England die Verantwortung für das Funktio­nieren des Völkerbundes und für den vorauszu- sehenden Mißerfolg zuschieben zu wollen, sind we­der ein Zeugnis starker Position, noch einer ziel­sicheren außenpolitischen Linie.

20 Unterseeboote zu je 25 Tonnen. Das erste dieser U-Boote ist am 29. Juni in Dienst gestellt. Zwei weitere find zu wasser.

6 U-Boote zu je 500 Tonnen,

2 U-Boote zu je 750 Tonnen.

Bau des ersten Flugzeugträgers, die Pläne der 1936 und in den folgenden

Flammen geraten wird."

Oer Führer bei einer Krafiwagen transport bunq her Wehrmacht

geführt. Die Stimmung war sehr pessimistisch. Man erwägt die Möglichkeit, daß die Beratungen er­gebnislos abgebrochen werden müssen.

Avenol in London emnetroffen

London, 9. Juli. (DNB. Funkspruch.) Der Generalsekretär des Völkerbundes, Avenol, ist gestern abend in London eingetroffen und wird heute Vormittag mit dem Staatssekretär des Aeußern, Sir Samuel Hoare und dem Völker­bundsminister Eden Besprechungen haben. Am Donnerstag wird er den Premierminister B a l d - w i n aufsuchen.Daily Telegraph" rechnet mit der Möglichkeit, daß wegen des drohenden Zusammen­bruches der Arbeiten des italienisch-abessinischen Ver­söhnungsausschusses in Scheveningen die Einbe­rufung einer Sondersitzung des Völ­kerbundsrates am 25. Juli oder unmittelbar danach unbedingt notwendig werde.

H a a g, 8. Juli. (DNB.) In den Beratungen des italienisch-abessinischen Schlichtungsausschusses haben sich Schwierigkeiten ergeben, die einen so ernstlichen Charakter zu tragen scheinen, daß die Fortsetzung der Arbeiten des Ausschusses i n F r a g e gestellt ist. Bestimmte Darlegungen des Vertreters der abessinischen Regierung, des französischen Juri­sten Prof. Gaston Jöze haben starke Meinungs­verschiedenheiten heroorgerufen. Nach Ansicht der italienischen Ausschußmitglieder brachte der Vertre­ter der abessinischen Regierung Tatsachen zur Sprache, für die der Ausschuß nicht zuständig sei. Das Plädoyer Prof. Jeze mußte unterbrochen werden, um dem Ausschuß auf Wunsch der italieni­schen Mitglieder Gelegenheit zu geben, diese Ange­legenheit zu klären. Die Meinungsverschiedenheiten sind noch nicht beigelegt. Vom- Palasthotel, dem Hauptquartier der italienischen Abordnung, wur­den zahlreiche TelephongesprächemitRom

Pakt sei einet jener evangelistischen Anwandlungen des amerikanischen Volkes entsprungen und einem widerstrebenden Europa aufgezwungen worden. Die demokratischeTimes" meint unter der Ueberschrift Kellogg-Pakt im Ostafrika-Grab beerdigt", daß Abessinien ebenso wie China erfahre, daß der Antikriegspakt keinerlei Wert ass nationales Verteidigungsmittel habe. Der Kellogg-Pakt sei das erste Opfer im Konflikt zwischen Italien und Abessinien. Die Amerikaner hätten der Welt den Kellogg-Pakt gegeben, um Frieden unter den Nationen zu bewahren, und der Kaiser von Abessinien scheine zu denken, daß er sich daher an uns wenden solle. Man habe ihm eine Antwort gesandt, die den Kaiser ungefähr an dem Punkte beließe, an dem er sich befunden habe, ehe. er seinen Appell an die große amerikanische Republik geschickt habe. Es sei jedochrührend" zu sehen, daß Washington den Abessiniern eine Note schicke, worin die Ueberzeugung ausgesprochen wird, daß Italien keinen Versuch unternehmen werde, Abessinien zu erobern, während gleich­zeitig die amerikanischen Bürger aufgefordert würden, Abessinien zu verlassen.

Zeichnet sich somit bereits die Linie der franzö­sischen Diplomatie für die nächsten Wochen ab, so jedoch auch die peinliche Frage, wie der von Frank­reich sonst bei jeder Gelegenheit zitierte Völker­bund einen Bruch seiner Satzungen durch einen großen Mitgliedsstaat und die tatsächliche Zustim­mung Frankreichs dazu sanktionieren könnte. War es nicht stets Frankreich, das in allen Abma­chungen und Verträgen automatische Sanktionen wirtschaftlicher und militärischer Art zu verankern versuchte? Heute aber versucht man, England den Antrag auf Anwendung der vorgesehenen Sank­tionen zuzuschieben und damit die Verantwortung für einen neuen Ohnmachtsanfall der Genfer Ein- richtung, an dessen kraftvoller Wirksamkeit Frank-

Grafenwöhr (Oberpfalz), 8. Juli. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler begab sich am 8. Juli nach Grafenwöhr, wo er der vom kommandierenden General des 4. Armeekorps, Gene­ralleutnant List, geleiteten Kraftwaqentransport- übung beiwohnte. Der Reichskriegsminister General­oberst v. Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres, General der Artillerie, Freiher von Fritsch, nahmen ebenfalls an der Uebung telL

Oie amerikanischen Missionare bleiben in Abessinien.

London, 9. Juli (DNB. Funkspruch).Daily Telegraph" meldet aus Addis Abeba, die dortigen amerikanischen Missionare hätten erklärt, daß sie ihre Arbeit in den Krankenhäusern unter kei­nen Umständen aufgeben würden, wie ernst auch der italienisch - abessinische Streit sich gestalten sollte. Sie würden einer Weisung der amerikanischen Gesandschast, das Land zu verlassen, nicht Folge leisten. Der amerikanische Ge­schäftsträger habe bisher eine solche Weisung nicht erteilt, obwohl seine Regierung ihn dazu ermächtigt habe. Die abessinische Regierung habe bereits alle notwendigen Schritte zum Schutze des Lebens und Eigentums der Ausländer in Erwägung gezogen.

b) c)

Der ebenso

gramm andere Nationen veranlassen sollte, ihre Flotte entsprechend zu vergrößern, würde Großbritannien gezwungen sein, durch beson­dere Neubauten das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Abgesehen von der Tonnage der künftigen Kriegsschiffe seien die bri­tische und die amerikanische Baupolitik in vollem Einklang miteinander. Die Zusammenzie­hung des größten Teiles der amerikanischen Kriegsflotte im Stillen Ozean rufe in Eng­land kein Unbehagen hervor, sondern werde a l s Gewähr gegen einen Krieg angesehen. Somit werde das amerikanischeVinson-Pro- gramm", dessen Ziel es sei, daß jedes Kriegsschiff jeder Kategorie sich innerhalb der Altersgrenze be­finden müsse, britischerseits mit Gleichmut betrachtet.

Für die britischen Baupläne würden für die Zeit nach Ablauf der Verträge, d. h. nach dem 31. Dezember 1936, folgende drei Aenderun- g e n in Betracht gezogen:

1. Vergrößerung der Kreuzerflotte von 50 auf 60 Fahrzeuge;

2. Energischer Ausbau der U-Boot-Ab- wehr st reitkräfte;

3. Beträchtliche Vergrößerung der Ma­rineluftwaffe. Alle Schlachtschiffe und Kreu­zer würden je 2 Flugzeuge erhalten.

Anfang August werde eine Neuverteilung der G r o ß k'a m p f s ch i s f e der britischen Hei­mat- und Mittelmeerflotte vorgenommen werden. Die Mittelmeerflotte wird dann 5 Schlacht­schiffe der gleichen Klasse sowie 3 Schlachtkreuzer umfassen und die Heimatflotte 7 Schlachtschiffe. Sobald Schiffe verfügbar sind, wird die Heimat­flotte durch ein weiteres Kreuzer- Geschwader verstärkt werden. Die Reorga­nisation der Mittelmeerflotte und besonders die Verlegung der Schlachtkreuzer nach Malta bildet die b e ft e Antwort auf Meldun­gen in der Festlandspresse, nach denen Großbri­tannien die beinahe völlige Zurückziehung jei'ner Seestreitkräste aus dem Mittelmeer ins Auge gefaßt haben soll.

Erlebnis nndGesialtung

23 on Helmut Streiter.

IndieDie aus den Gruben und Zechen werden kommen und Denkmäler des Erlebens hinstellen, an denen der Geist der Menschheit in Flammen geraten wird!" Wie eine Fanfare klingt dieser Satz, den einmal Hör st Drehler-Andreß prägte, über unsere Zeit hinweg. Ein sieghafter Optimis­mus, ein felsenfester Glaube an die Erneue­rung unseres Lebens findet hier eine prophetische Formulierung:Die aus den Zechen und Gruben werden kommen!"

Sie haben lange, lange gewartet, dieaus den Zechen und Gruben", daß das Signal einer neuen Zeit aufklang. Jetzt ist diese Zeit da, die Zeit des Erlebens! Der Strahl der Freude leuchtet hinein in die Werkhallen, in die Kontore, in die Bergwerke, in die Schreibmaschinen­säle. Die Arbeit, vorher nur als Fron, als Zwang, als Ausbeutung, als Unterdrückung emp­funden oder propagiert, erscheint heute als höch­stes sittliches Bekenntnis zur Nation. Der Arbeiter steigt auf zum Repräsentanten der Volksgemeinschaft: Was der Mensch für die Gemein­schaft wert ist, das ist er durch seine Arbeit. Als Arbeiter sieht der neue deutsche Mensch die Welt. Aus dem Geiste der Arbeit erlebt er sie neu. Und das Volk wartet darauf mit Sehnsucht, mit stürmischer, fordernder Sehnsucht, daß sich das neue Erleben in Werken des Geistes ver-. dichtet zum Bekenntnis, zum künstlerisch ge­formten und gebändigten Stil.

Die Natur ändert sich nicht. Sie ist ewig. Die Tatsachen der Liebe, der Treue, der Tapferkeit, des Mutes, der Ehre und der Gerechtigkeitsie ändern sich nicht. Auch sie sind ewig. Sie liegen festver- anfert in der menschlichen Seele. Nur die E in­st e l l u n g zu diesen ewigen Wahrheiten, Tatsachen und Ideen ist Veränderungen unterworfen. Nur die Arten des Erlebens wechseln. Das ist der Sinn und die Bedeutung aller Umbrüche.

Die aus den Zechen und Gruben" streben ans Licht des Tages. Sie treten ein in eine fremde Welt. Und sie erleben diese Welt. Ihre Kraft, hundertfach erprobt in Generationen, die ihre Sehn­sucht vererbten vom Vater auf den Sohn, trifft jetzt auf ein erschütterndes, aufwühlendes Erlebnis: die Freude. Da liegt ein Bergsee. In diesem See kann man baden. Man kann die Fische schwimmen sehen. Dunkel spiegeln sich die Wälder. Rot glüht der Berg. Das ist eine Situation, die hundert­fach bekannt ist. Aber: jetzt wird ein Arbeitskame­rad aus dem Kohlenschacht in diese Situation hin- eingestellt. In den Augen eines Häuers, eines För­dermannes sieht das anders aus als aus der Per­spektive eines Vergnügungsreisenden. Darauf kommt es an.

In einem Auserwählten von den vielen Volksge­nossen, die als arbeitertümliche Menschen sich heute ehrfurchtsvoll den Wundern der Natur nähern, wird dieses Erlebnis zum Gedicht. Aber in diesem Gedicht schwingt der Rhythmus des Bergwerks, des Zeichensaals oder des Kantors mit. Und der Rhythmus der schaffenden Gemein­schaft!

So kommen wir zur neuen Kunst! So kom­men wir zu denDenkmälern des Erlebens" im neuen Geiste und in der neuen Form. Wird es nun begreiflich, was diese IdeeKraft durch Freud e", aus der heraus solche Erlebnisse erst möglich wurden, nicht für den Handarbeiter das ist viel zu eng gesehen!. sondern für den A r - beiter überhaupt bedeutet? Wird es nun be- areiflich, daß ohne die Möglichkeit, das Leben in feinen tausend Variationen kennenzulernen, eine neue Lebensform des ganzen Volkes gar nicht denk­bar wäre?

Die gesamte kulturschöpferische Arbeit, die aus dem Geiste der nationalsozialistischen IdeeKraft durch Freude" geleistet wird, ist gleichbedeutend mit einer Bereitung des Bodens, auf dem das Gebäude einer neuen deutschen Kultur sich erheben wird. Hier werden dem schassenden Men­schen die erlebnismäßigen Voraussetzungen zu einer höheren Form der geistigen Betätigung gegeben. Landschaft und Heimat in ihrer Vielseitigkeit und Mannigfaltigkeit sowie die künstlerischen und kul­turellen Formen, die sich bisher entwickelten, werden ihm Zum inneren Besitz, zur inneren Selbst­verständlichkeit. Und, was das Entscheidende ist, der schaffende Mensch wird diese Erscheinungen nach neuen Gesichtspunkten werten. Dabei wird sich vie­les, auf das wir heute noch glauben nicht verzich­ten zu können, als nebensächlich erweisen. Ander­seits werden neue Gesichtspunkte auftauchen, an die niemand dachte.

Eins ist jedenfalls heute schon gewonnen: Jeder deutsche Arbeitsmensch ist in die Lage versetzt, E r - (ebniffe zu sammeln, sei es auf denKraft- durch-Freude"-Reisen, auf dem Sportplatz, in den Werkscharen, sei es in Theatern, Konzerten oder Gemäldegalerien. Der Weg zum Erleb.nis ist frei. Die Gestalter und künstlerischen Verdichter dieser Erlebnisse werden kommen. Und sie werdenDenk­mäler hinstellen, an denen der Geist der Menschen

Jahren nach dem Grundfah der qualitativen Gleich­berechtigung auf Stapel zu legenden weiteren Schlachtschiffe werden vorbereitet.

Englands Jliarinepolltik.

Keine Rivalität im Flottenbau mitAmerika.

London, 9. Juli. (DNB. Funkspruch.) Jrn Daily Telegraph" wird über die künftige britische Flottenbaupolitik ausgeführt, daß Großbritannien unter keinen Umständen b i e Vereinig­ten Staaten als Konkurrenten betrag t e n werde. Welche Höhe bas amerikanische Bau­programm nach Ablauf ber Verträge auch erreichen werbe, es werde keine britischeAntwort" darauf geben. Nur wenn das amerikanische Pro-

Gchiffsneubauten der Kriegsmarine

Oie praktische Durchführung des Londoner Ilottenabkommens.

Unbehagen in Paris.

Von unserem Roe.-Berichierfkaiier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Paris, 7. Juli 1935.

lieber bas sonst so heitere, selbstzufriedene und selbstsichere Frankreich hat sich seit einigen Wochen cjne Stimmung bes Unbehagens ge­legt, die allmählich auch dem letzten Bürger und Zeitunasleser fühlbar geworden ist. Wohin sein durch Die Leitartikel einer regierungsbeeinflußten oder oppositionellen Presse gelenkter Blick schweift: er sieht nur Schwierigkeiten finanzieller, währungspolitischer, innerpolitischer und außen­politischer Natur.

Das ist ein eigenartiger Zustand für den Fran­zosen, der seit 1918 gewohnt war, sein reiches und starkes Land außenpolitisch an der Spitze der Na­tionen und wirtschaftlich im goldgeschützten Wind­schatten der Krise zu sehen. Die Ereignisse der letzten Wochen aber haben die Erkenntnis däm­mern lassen, daß weder die Goldbarren in den Kellern der Bank von Frankreich, weder das kunst­volle Bündnis- und Paktsystem der französischen Diplomatie, weder die im Halbdunkel abgeschlossenen militärischen Absprachen, noch das phrasenreiche Berufen auf die Heiligkeit von Verträgen, die längst auch von anderen als nicht mehr. unbedingt an­wendbar erkannt sind, einen Beharrungszustand zu sichern vermögen, sofern der Anschluß an die weltpolitische Entwicklung ver­lorengeht.

Frankreich sieht sich heute außenpolitisch ein- oeftanben ober nicht eingestanden vor einem Trümmerfeld der verpaßten Gelegen­heiten. Es hat dem Lebenswillen, dem natür­lichen Sicherheitsbedürfnis und dem adäquaten Recht auf nationale Ehre feines östlichen Nach­barn nicht Rechnung tragen wollen und erntet dafür in diesem Sommer die Früchte seiner diploma­tischen Distelsaat. Laval muß die unerfreuliche Ernte in die Scheuern bringen, für die Barthou das Feld bestellt hat.

Mehr als die deutsche Rüstungsanglei- ch u n g bekümmert die Franzosen ein mögliches Ausbrechen Englands aus einer Front, die man für Jahrzehnte durch Verträge und Abkom­men, durch angeblich gemeinsame außenpolitische Interessen und durch das sentimentale Berufen auf eine Waffenbrüderschaft gesichert glaubte, ohne daran zu denken, daß auch ein Weltkrieg in der Geschichte der Jahrhunderte nur eine Episode bedeuten kann, wenn der englische Waffengefährte vorher 400 Jahre lang in anderer Front zu finden war. Das deutsch-englische Flottenabkommen hätte Frankreich belehren können, daß eine gesunde nationale Rea 1 po 1 itik der Friedensaufgabe besser zu die­nen vermag, als eine nebelhafte, komplizierte und gefährliche Politik einer in verschlungenen Beistands­pakten sich ausdrückenden Vielheitsideologie, die letz­ten Endes nur dazu bestimmt fein sollte, im Stillen die französische Vorherrschaft .auf dem Kontinent dauerhaft zu untermauern. Hinter dem schlecht ver­hehlten Unmut über einebritische Eigenmächtig­keit" verbirgt sich eine vielleicht nicht ganz unberech­tigte Angst, daß die Politik von Versailles über­haupt praktisch vor chrem wohlverdienten Bankrott steht.

Selbstverständlich ist die französische Regierung nicht willens, angesichts des Druckes auf ihre außenpolitischen Absichten die Hände in den Schoß zu legen. Zwar hat man berinneren Sorgen genug, zwar weiß man, daß bas außenpolitische Ansehen des Kabinetts nicht das stärkste ist, aber die französische Diplomatie verdiente ihren Namen nicht, wenn sie nicht versuchen würde, sich durch einen wohlüberlegten Hebelzug aus der verrannten Situation herauszuheben. Der Punkt, wo man den Hebe! anzusetzen für richtig hält, ist Abessinie n. Als vor wenigen Tagen der englische Völkerbunds- minifter Eden in Rom mit Mussolini über eine Jnteressenabgrenzuna mit dem Ziel auf friedliche Beilegung des ostafrikanischen Streitfalls verhan­delte, zeigte Paris sich verschnupft, daß England es nicht für notwendig gehalten habe, die fran­zösische Regierung vorher über den Vorschlag der Errichtung eines abessinischen Hafens in Britisch- Somali in Kenntnis zu setzen, weil durch eine zweite Eisenbahnlinie von Addis Abeba nach der Küste der französische Hafen von Dschibuti wirt­schaftlich stark in Mitleidenschaft gezogen würde. Heute beginnt man bereits, sich dieses Vorschlags zu freuen, nachdem er dank Italiens weiter ge­richteten Ansprüchen keine Aussicht auf Verwirk­lichung hat, sich aber diplomatisch gegen England ebensosehr auszuwerten lassen scheint, wie ein an­geblich im Archiv des Völkerbundes schlummernder englisch-italienischer Briefwechsel über eine zu pla­nende Aufteilung der abessinischen Einflußsphären. Der Quai d'Orsay hat mit sanfter Hand nachge­holfen, sich dieses Briefwechsels zu erinnern, um Großbritanniens moralischen Rückhalt zu schmälern, wenn es die Innehaltung der Völkerbundsverpflich- tungen von Italien verlangen sollte. Kein Zweifel, daß Frankreich innerlich in der Abessinienfrage auf der Seite Italiens steht, dessen politische Freund­schaft und militärische Machtmittel man sich um so mehr sichern möchte, nachdem die französisch-britische Freundschaft immerhin eine gewisse Belastung er­fahren hat. Paris möchte im Abessinienstreitfall hinter den Kulissen die Rolle eines Schiedsrichters spielen, nachdem kaum die 1 Vorwürfe in der französischen Presse verklungen sind, daß England wieder zu seinem Dorkriegs­grundsatz des Gleichgewichts der Kräfte zurückkehren wolle. 11