Donnerstag, 9. Mai 1935
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Ur. 107 Drittes Blatt
M Kreuzer „Emden" um die halbe Welt
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. und anderen zeitgemäßen Aufgaben der Technik.
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Nachdruck verboten!
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und der oben sitzende Photograph die Hände für Ausnahmen frei haben will. Aber es geht alles glatt vonstatten.
Die Pyramidenvon Gizeh — es sind drei große und einige kleinere — machen auch auf den Menschen des technischen Zeitalters einen gewaltigen Eindruck. 10 000 Mann sollen 30 Jahre hindurch jeweilig während der dreimonatigen Ueberschwem- mungszeit des Nils an der Fertigstellung der Cheopspyramide gearbeitet haben. Auch von der anderen Seite des Flusses und selbst von Assuan holte man einen sehr großen Teil der etwa 2 300 000 Steine herbei, deren seder einen Inhalt von über einem Kubikmeter besitzt. In den steil aufsteigenden Gängen zur Schatz- und Grabkammer im Innern der Pyramide ist das Gedränge sehr groß, trotzdem wir zwei Gruppen unter Führung zweier deutscher Archäologen gebildet haben. Einem der Beduinen, die hier als Führer tätig sind, scheint das Gedränge nicht zu behagen. „Eins, zwei, drei", zählt er auf deutsch ab, „meine Gruppe, Platz für meine Gruppe" und ein zufriedenes Lächeln geht über sein Gesicht, als die bezeichneten drei Seemänner ihm folgen; die Chance für ein Backschisch ist gestiegen. Draußen ist es nicht anders. Als ich aus dem Eingang zum Innern der Pyramide, in Schweiß gebadet, heraus komme und die Stufen hinabzusteigen beginne, ruft ein Dragoman hinter mir her: ,,Mann, Mann, komm hoch, komm hoch!" Seine deutschen Sprachstudien scheinen noch nicht sehr weit gediehen zu sein, sonst würde er wissen, daß man im Auslande jeden Deutschen grundsätzlich mit „Herr Doktor" oder „Herr Baron" anspricht. Der Mann zeigt nach oben, er will mich auf die Spitze der Pyramide führen. Beim Blick nach oben sehe ich, wie die munteren Blaujacken die Steigung im Sturm nehmen, sie bemühen sich anscheinend, eine Pyramidenbesteigungsrekordzeit aufzustellen.
Bon der Spitze der 137 Meter hohen Cheopspyramide hat man einen selten schönen Rundblick über das Delta, das Niltal, die Stadt und d i e
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Wüste. Der Aufstieg hat sich trotz des leichten Muskelkaters am nächsten Tage gelohnt. Wie mit dem Messer abgeschnitten trennt sich das grüne, fruchtbare Tal mit den darin eingestreuten Palmenwäldern von der gelben Wüste ab. Dort, wohin die Nilwasser in der Ueberschwemmungszeit kommen, wuchern die Pflanzen, dann aber hört kraß jede Vegetation auf. Nicht aber die Schönheit! Die Wüste hat ihr eigenes Gepräge, weit dehnt sie sich von Hügeln und Bergrücken durchzogen aus. Es klingt zunächst für uns sonderbar, wenn unsere Landsleute erzählen, daß sie ihr Wochenende in der Wüste verbringen. Aber man versteht es, sobald man das Wohltuende dieser unendlichen Weite und Einsamkeit einmal erlebt hat. Nichts wächst dort und doch lebt die Wüste, wir spüren es einige Stunden später, als wir vom Baktaschi- Kloster über sie hinwegsehen und auf das unbeschreibliche Farbenspiel der untergehenden Sonne blicken.
Nach der Besichtigung der Pyramiden habe ich das Glück, von einem deutschen Richter zu einer
Fahrt durch Kairo eingeladen zu werden. Er ist ein besonderer Kenner der Stadt. Zunächst führt der Weg zu der ältesten Moschee Kairos, Ibn Tulun, die mit einem großen und einem kleinen Minarett geschmückt ist. Um den über 8000 Quadratmeter großen Hof, in dessen Mitte der Brunnen für rituelle Waschungen steht, ziehen sich, bis zu fünf Reihen nebeneinander, Säulengänge entlang. Mein Führer erklärte die Unterschiede der Bauart der Moscheen während der einzelnen Bauperioden. Weiter geht die Fahrt vorbei an der Zitadelle, in der ägyptisches und englisches Militär liegt und über der die ägyptische und englische Flagge wehen, hin zum B a k t a s ch i - K l o st e r, dem Kloster eines türkischen Derwischordens. Wir werden von einem der Klosterbrüder begrüßt und man gewährt uns gern Einlaß. Ein kleines Paradies haben sich hier die Derwische auf dem nackten Felsen des Mokat- tamgebirges geschaffen, und prachtvoll ist der Blick, den wir von dort aus über die Zitadelle hinweg auf die Stadt und darüber hinaus auf das Land haben. Wir ziehen uns Ueberschuhe an und betreten die Felsengrotte — wahrscheinlich ein noch vom Pyramidenbau herrührender Steinbruch — in der die Derwische zur letzten Ruhe bestattet werden, auch das Grab des Stifters des Ordens sehen wir. Auf dem Rückweg zur Stadt blicken wir noch einmal zurück auf die auf den Mokattam-Höhen gelegene G i j u s ch i - M o s ch e e, die sich der Emir el-Gijusch dort hoch oben im Jahre 1085 erbaute, um auch noch im Tode seine im Tale in sieben Mausoleen begrabenen Lieblingsfrauen sehen zu können. Dieser Winkel von Kairo ist vielleicht das Schönste von all dem Schönen, was. die Stadt in Hülle und Fülle aufzuweisen hat. Nach der Besichtigung einer weiteren Moschee fahren wir durch die Stadt, durch das Europäer- und Araberviertel. Kairo ist Residenz und Großstadt in unserem Sinne, wenn man nebenher auch die Ruhe des Orients empfindet.
Am Abend finden wir uns alle zusammen mit unseren deutschen Landsleuten, die wir zu einem Teil schon im Laufe des Tages kennengelernt haben. Die deutsche Kolonie hat sich seit 1921. nachdem sie während der Kriegszeit schwer gelitten hatte, langsam neu gebildet. Es sind etwa fünfhundert Reichsdeutsche, die in Kairo leben, die deutsche Sprache wird jedoch unter Hinzuzählen der Oesterreicher, Schweizer und solcher Aegypter, die in Deutschland über eine gewisse Zeit gelebt haben, von rund 2000 Menschen hier gesprochen. In Kairo
Messungen besitzen, bei denen die Schallentwicklung größer ist. Nach der Reichs-Straßenverkehrs-Ord- nung darf aber das Fahrtgeräusch in einer bestimmten Entfernung und bei 40-Kilometer-Stun- dengeschwindigkeit bei vollbelastetem Motor 8 5 Phon nicht über st eigen.
Das Problem, dem sich die Technik hier gegenübergestellt sieht, besteht darin, die Auspuffgeräusche des Kraftfahrzeuges verlustfrei abzudämpfen. Es ist ein Irrtum des Kraftradfahrers, wenn er glaubt, durch Entfernen der Auspufftöpfe noch einige Kilometer mehr aus seiner Maschine herausholen zu können. Er hat nur darauf zu achten, daß die Töpfe in Ordnung gehalten und gesäubert werden. Außerdem muß er sich einige dumme Angewohnheiten wieder abgewöhnen, die die Aus- vuffanlage willkürlich verändern und dadurch verschlechtern. Wer häufig für den Zündstrom bei Vollgas die Kurzschließeinrichtung unbegründet benutzt, darf sich nicht wundern, wenn er sich im
Stadt sind in einen deutschen Verein zufammenge- faßt, der mehrere Gruppen umschließt. Auch ein deutsches archäologisches Institut, dessen Leiter gleichzeitig einen Lehrstuhl als ordentlicher Professor für Aegyptologie an der hiesigen Universität inne hat, befindet sich in Kairo. Ebenso hat Aegyptens Hauptstadt eine deutsche Kirche und Schule, die räumlich nahe beieinander liegen. In der Schule, in der man einige Räume als Vereinsräume eingerichtet hat, empfangen uns unsere Landsleute. Der Platz im Gebäude reicht nicht aus, und man hat infolgedessen auf dem Schulhof ein riesiges Zelt aus Kelimteppichen aufgebaut. Solche Zelte sehen wir des öfteren auch am nächsten Tage in der Stadt, es ist anscheinend üblich, sie für besondere Festlichkeiten zu errichten. Das farbenfrohe Bild gibt uns allen sofort auch eins frohe Stimmung. Wir sitzen zusammen mit unseren Gastgebern, erzählen und fragen nach diesem und jenem und es ist schon recht spät, als wir auf die Uhr sehen. Ein Teil scheint keine Uhr bei sich gehabt zu haben, jedenfalls wollen wir es zu ihren Gunsten annehmen, denn sonst wären sie wohl nicht etwa zum Wecken in ihrem Wigwam gelandet.
Am folgenden Tag ist zunächst ein Besuch des ägyptischen Museums vorgesehen. Jahrtausende der Geschichte des ewigen Stromlan- des ziehen hier an uns vorbei, und staunend stehen wir vor den steinernen Denkmälern, die Zeugen dieser Geschichte sind. Dann fahren wir hinaus zu den Ruinen Alt-Kairos upd dem Stadtviertel der Kopten, das innerhalb der teilweise noch erhaltenen Mauern der Römerfeste Babylon liegt. Durch zwei Meter breite Gassen, die wie ausgestorben daliegen. Dann aber tritt hier und da eine Frau aus einer Türe und deutet auf das auf ihr rechtes inneres Handgelenk gezeichnetes Kreuz. Sie will uns zeigen, daß sie C h r i st i n ist. Auch die Kopten- kirche besuchen wir, wo sich die Krypta befindet, in der Maria bei ihrer Flucht nach Aegnpten einen Monat mit dem Christuskinde gelebt haben soll. Weiter gelangen wir auf unserem Wege zur Sul- tan-Hason-Moschee.
In Alexandrien hatte unterdessen die Zeit auch kaum ausgereicht für das Programm, das die Deutschen für die Besatzung vorgenommen hatten. Ein Ausflug nach Aboukir und die Einweihung eines neuen ^Bootshauses des Deutschen Svortvereins hatte stattaefunden, Sport war getrieben. Filme waren vorqeführt worden usw. Wie im Fluge waren auch hier die Tage vergangen.
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1.95
Irenes Augen weiteten sich vor Staunen, blieb stehen.
„Welch seltenes Bild, Sie mit Ihrer Frau mahlin zu sehen, Herr Morland!" sagte
galant.
Sie lächelte geschmeichelt.
Freds Blick suchte Liane. In dem Kreis dieser meist jungen, hübschen und eleganten Frauen wirkte sie wie ein kleines Mädchen. Sie war sicher ebenso hübsch wie die meisten; ihr feines Gesicht aber zeigte einen fast leidenden Ausdruck, auch schien sie ihm unvorteilhaft gekleidet. Das dunkle Kleid machte sie noch schmächtiger und durchscheinender.
„Hast du Kopfschmerzen, Liane?" fragte er sie, als er zufällig ihren Blick auffing.
„Nein!" log Liane. Aber sie stand bereitwillig auf, als er sie aufforderte, nach Hause zu gehen.
„Kleinchen muß zu Bett!" spottete Irene, als ihre Hand verabschiedend in der der Freundin lag. „Seien Sie nur recht fürsorglich zu Liane, Herr Morland."
„Ich werde mir alle Mühe geben! erwiderte Fred mit verbindlichem Lächeln.
Aeußerlich wurde das Leben des jungen Paares seit diesem Tage anders.
Fred sorgte dafür, daß es ihr an Abwechslung nicht fehlte'. Er begann fast jede Stunde ihres Tages einzuteilen, bestimmte ihre Kleidung, wünschte sie heiter und fröhlich zu sehen, machte Besuche mit ihr und knüpfte überall Verkehr an.
Sie wurden allgemein mit offenen Armen auf- aenommen. Nachdem man sich erst ein wenig verwundert, daß das junge Paar plötzlich Derkehv suchte, fand man bald nichts natürlicher, als daß
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rüsten. Lianes Wangen wurden rot, und ihre Augen verloren den müden Blick.
Sie war wirklich zufriedenzustellen!, dachte Fred. Wie kam sie nur auf die unglückliche Idee, sich das Auto zu kaufen?
Gerade als sie die Gallusanlagen erreicht hatten, trafen sie Kurt Lechner mit seiner Frau.
Der Motorradfahrer Md die „MMmwoche".
Bei den Kraftwagen, besonders bei den Personenkraftwagen, ist die Technik im Kampf gegen £ e n Lärm verhältnismäßig schnell zu Ergebnissen gekommen. Teilweise rollen die Kraftwagen so geräuschlos an, daß man sie kaum noch hört. Die Motorräder sind dagegen, wie die vorjährige Berliner Fahrtgeräuschmessung ergab, noch zu 83 v. H. nicht ausreichend gedämpft, wenn es daneben auch schon Krafträder gibt, die es an Gleichmäßigkeit und Lautlosigkeit des Auspuffgeräusches mit den Personenkraftwagen aufnehmen können. Dies find aber meist die teuren Krafträder, die zur Schalldämpfung die kostspieligen „g e - räuschlosen" Auspufftöpfe benutzen, während die kleinen billigen Krafträder meistens Auspufftöpfe einfachster Art und mit kleinsten Ab-
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sich diese Ehe endlich besser anließ. Die kleine Liane war ihm gegenüber zwar noch reichlich schüchtern und unbeholfen, er aber hatte neben seiner höflichen Aufmerksamkeit eine fast väterlich besorgte Fürsorge für sie, die man ihm kaum zugetraut hätte.
Liane hätte mit ihrem Leben nun ganz zufrieden fein können, wenn sie nicht deutlich die Beweggründe gefühlt hätte, die Fred zu feinem veränderten Benehmen veranlaßten. Er will, daß ich gut aussehe! dachte sie zuweilen mit leiser Bitterkeit. Als seine • Frau darf ich nicht schlecht aussehen. Ich soll fröhlich sein, lieber unsere Ehe soll nicht mehr gesprochen werden. Er Glaubt, ich leide noch immer unter dem Urteil der Menschen. Don meiner Liebe will er nichts wissen. Er lehnt sie noch immer ab, will, daß auch ich sie vergesse.
Sie gesundete nicht an den vielen Abenden, die sie außerhalb des Hauses verbrachten. Sie war viel glücklicher, wenn sie allein ober nur mit Ernst Schröder zu Hause waren.
Wie schön war es, wenn Ernst sich ans Klavier setzte, wenn er seine meist schwermütigen Fantasien dem Instrument entlockte, oder wenn er mit seiner vollen warmen Baritonstimme sang. Zuweilen begleitete ihn auch Fred. Sie mochten früher oft am Klavier gesessen haben. Ganz mühelos spielten sie sich wieder zusammen ein.
Sie war betroffen, als Fred ihr einen Tag vor Weihnachten den Tod einer entfernten Verwandten meldete, deren Beerdigung er notgedrungen bewohnen mußte. Da er zu dieser Reise das Auto benutzte, glaubte sie ganz fest an eine Notlüge von seiner Seite, um da das Fest feiern zu können, wo er auch sonst feine Feiertage verlebte.
Fred hatte Frau Widemann von seiner Reise mitgeteilt, sie gebeten, sich feiner Frau anzunehmen. Liane konnte nun nicht anders, als die Tage bei der Tante zu verbringen. Das ganze Widemannfche Haus war voller Menschen. Liane wäre am liebsten weggegangen. Frau Widemann aber hätte ihr das gewaltig übelgenommen, und Fred hätte ihr Vorwürfe gemacht.
Am zweiten Feiertag war auch Irene geladen. Sie kam, wie schon immer, elegant, verwöhnt und hatte sich nun schon so an den liebenswürdig-herablassenden Ton gegen Liane gewöhnt, daß es immer schien, sie spräche mit jemand weit unter ihr Stehenden.
„Du bist wieder allein? Merkwürdig, dieser plötzliche Todesfall in der Familie deines Mannes!" warf sie hin.
„Warum merkwürdig?"
„Ja, glaubst du wirklich an den Todesfall? Hast du dir noch nie Gedanken gemacht über feine sonntäglichen Ausflüge?"
„Woher willst du davon wissen?" fragte Liane betroffen.
(Fortsetzung folgt!)
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Allmählich vergrößerte sich der Kreis, andere Bekannte des Ehepaares Lechner kamen hinzu. Die Herren saßen zusammen. Mit Kurt Lechner konnte man schwer über etwas anderes reden als über das Geschäft. Er kam auch jetzt sofort auf dieses Thema zu sprechen.
„Ich habe eine Neuheit für Sie, Herr Morland! Sie wird Ihnen gefallen. Bei genügender Abnahme werde ich sie Ihnen reservieren."
„Sie wissen, daß ich für Neuheiten immer zu haben bin", antwortete Fred, „und möchte Sie nur bitten, sich bald definitiv an mich zu wenden, damit ich sie für die kommende Saison noch verwenden kann."
Kurt versicherte, sehr bald Muster vorzulegen. Er begann, umständlich Art und Farbe des neuen Leders zu beschreiben. Fred hörte zuerst etwas interesselos zu. Er war gewohnt, daß Kurt Lechner seine Ware stets in allen Tonarten anpries, wurde aber bald aufmerksamer, da es sich wirklich um eine Neuheit zu handeln schien, die das Ansehen lohnte.
Irene brachte ihren Mann endlich wieder auf andere Gedanken.
„Daß du immer und immer wieder an das leidige Geschäft denken mußt", klagte sie.
„Sie haben ganz recht, gnädige Frau. Im Beisein so vieler schöner Frauen sollte man wirklich nicht an das Geschäft denken!" erwiderte Fred
befindet sich der Sitz der Landesgruppe des König- Aegypten der NSDAP., die Deutschen der
spottend.
„Ja, denken Sie, gnädige Frau, meine Frau hat Ausgehgelüste bekommen."
„Die Sie als gehorsamer Ehemann selbstverständlich erfüllen müssen."
„Wir sind immer Sklaven der Frau!" gab er lachend zurück. „Es wird auch wahrhaftig Zeit, daß Liane einmal Wünsche äußert."
„So anspruchslos war sie doch sonst nicht!" lachte Irene.
„Wo soll es denn hingehen?" erkundigte sich Liane.
„Wir sind auf der Suche nach einem Kino. Nirgends gibt es etwas Richtiges."
„Bei meiner Frau ist es nicht leicht, das Richtige zu finden!" warf Kurt neckend in die Unterhaltung ein. „Sie geht in der Woche nur viermal ins Kino, die anderen Abende ist sie bestimmt im Theater oder in Gesellschaft."
„Uebertreibe doch nicht so!" wehrte Irene ab.
„Dürfen wir uns anschließen?" fragte Fred. „Vielleicht können wir helfen, das Geeignete zu finden."
„Ach, gehen wir lieber ins .Rumpelmayer'! Dort läßt es sich besser plaudern!" meinte Irene.
Ihre Begleiter waren damit zufrieden. So traten sie in das Kaffeehaus.
„Sie schulden uns immer noch einen Besuch, Herr Morland!" sagte Irene, als sie sich gesetzt hätten.
„Es tut mir sehr leib, gnädige Frau, daß Sie mich gleich daran erinnern müssen. Selbstverständlich werden wir's nachholen."
„Reichlich spät. Aber ich weiß ja, daß Ihre Sonntage immer sehr stark in Anspruch genommen sind."
„Nicht mehr als andere Tage!" sagte Fred kühl und sah die schöne, strahlende Irene prüfend an. War das das Mädchen, das er einmal in einer warmen Sommernacht geküßt hatte? Sie war auffallend gekleidet, der Silberfuchs lag breit auf ihren Schultern, der Hut faß fehr kokett auf dcn braunen Haaren; um den Hals, an den Händen glitzerten die Brillanten. Bin ich schuld an der Veränderung?, fragte sich Fred. Vielleicht! Aber ich habe ihr nie Hoffnung gemacht und hätte sie wohl auch kaum lieben können... — •
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„Ich kann doch nicht überall allein hingehen!" schluchzte Liane.
Er blieb vor ihr stehen, runzelte kühl die Stirn.
„Warum nicht? Erst recht kannst du jetzt überall allein hingehen. Als Frau kannst du dir weit größere Freiheiten erlauben. Eine Frau gewinnt immer an Freiheit, wenn sie verheiratet ist. Den meisten ist die Ehe überhaupt nur der Weg zur Freiheit."
„Davon weiß ich allerdings nicht!" brach es auf- schluchzend aus Liane hervor. Unfähig, länger seine Worte zu ertragen, wollte sie aus dem Zimmer flüchten, doch sie sank kraftlos wieder auf hm Stuhl zurück. Wie immer, wenn jetzt die Tränen kamen, konnte sie sich nicht beruhigen, ihr ganzer Körper zitterte und bebte wie in einem Wem- krampf.
Jetzt merkte auch Fred, daß er zu weit gegangen war. Das Mädel mußte man wirklich mit Glacehandschuhen anfassen. Zorn wollte sich regen, aber er bezwang sich und sagte einlenkend:
„Nimm das Leben nicht so tragisch, Liane. Es lohnt nicht. Aber wenn du Wünsche nach einem Verkehr gehabt hast, hättest du dich längst an mich wenden sollen. Du hättest mich nie unzugänglich für deine Wünsche gefunden. Nun aber beruhige dich endlich."
Liane aber konnte sich nicht fassen. Sie zitterte noch immer am ganzen Körper.
Er stand betroffen, etwas ratlos vor ihr. Sie wir wirklich überzart, kränklich. Man durfte ihre Kraft nicht an dem Maßstab anderer messen.
„Es wird Zeit, daß du ein neues Leben beginnst", nahm er endlich das Wort. „Wie können dir deine Nerven so jeden Dienst versagen. Komm, geht in dein Zimmer; lege dich noch eine, Weile nieder, bis du dich ganz beruhigt hast . . ."
Am nächsten Abend schon fragte Fred nach ihren Wünschen. Ob sie fortgehen wollte und wohin.
Liane war so glücklich über die plötzliche Wendung, daß sie ganz wunschlos war. Ihr lag nichts daran, auszugehen. Aber nach dem Abendessen sagte Fred:
„Mache dich fertig, Liane. Wir bummeln ganz einfach mal durch die Straßen und sehen, wohin wir kommen."
Wie lange war Liane nicht mehr mit freudig glänzenden Augen von einem Schaufenster zum anderen geeilt! Ganz festlich kam ihr die Kaiserstraße mit ihren hell beleuchteten Fenstern vor.
Der Abend war kalt, der Winter begann sich zu
sind. Schon vor dem Kriege war das Deutschtum in Alexandrien stark vertreten und in Vereinen zusammengefaßt. Nach der Machtübernahme traten diese einer alles umfassenden Organisation, der „Gemeinschaft der deutschen Vereine in Alexandrien" bei. Die Stadt zählte vor dem Kriege etwa 1000 Reichsdeutsche, jetzt find es rund 500. Auch das deutsche Schulwesen steht in großer Blüte, eine Volksschule, eine im Ausbau befindliche Realschule, eine höhere katholische Mädchenschule und ein Kindergarten sorgen hier für die Erhaltung und Verbreitung deutschen Wesens.
Ohne Zweifel gehört ein zweitägiger Besuch der Hauptstadt Aegyptens mit zu den größten Erlebnissen unserer Reise. Zwei Tage sind dafür angesetzt, eine Zeit, die bei weitern nicht reicht, um alle Sehenswürdigkeiten Kairos bewundern, geschweige denn, sich in sie vertiefen zu können. Aber die vorzügliche Organisation eines deutschen Unternehmens und nicht zuletzt die Aufopferungsfreudigkeit unserer Landsleute machen wirklich sehr Vieles möglich. Im Laufe des Vormittags des 4. April bringt uns der Zug in mehreren Sonderwagen van Alexandrien nach Kairo. Die Fahrt führt durch das Nildelta. Weit breitet sich die Ebene zu beiden Seiten des Bahndammes aus. überall von Kanälen durchzogen. Hunderte von Nilbarken liegen oder fahren auf ihnen, beladen mit dem Gold Aegyptens, mit feiner Baumwolle. Häufig sieht man die charakteristischen Schöpfräder, die das Wasser aus den Kanälen auf das Flachland fördern. Man hat über Jahrtausende diese Bewässerungsart beibehalten. Auf den Stationen, bei denen wir halten, steigen Händler mit Apfelsinen ein und unter lautem Geschrei bieten sie ihre Ware an; der Zug hat sich schon lange in Bewegung gesetzt und dabei bereits eine beträchtliche Geschwindigkeit ausgenommen. Aber das stört den Händler nicht, geschickt springt er vom fahrenden Zuge ab, dreht sich um, winkt und lacht, anscheinend hat er ein gutes Geschäft gemacht, obgleich wir seine Preise gewaltig drückten. Man versteht eben zu handeln im Orient!
Mittags kommen wir in Kairo an, wo wir von einigen Deutschen — darunter Herren der Gesandtschaft — herzlich begrüßt und anschließend auf drei Hotels verteilt werden. Kaum ist das Mittag-
* Vgl. den letzten Bericht in Nr. 92 des „Gießener Anzeiger" vom 18. April._____________________
VIII.
3n Alexandrien und Kairo.
Don Korvettenkapitän (3ng.) Weber.')
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! An Bord des Kreuzer „Emden", Mitte April 1935.
Am 2. April werfen wir östlich von Rosette Anker, um unser Schiff nach dem langen Seetörn zu überholen. Am nächsten Tage laufen wir in Alexandrien ein.
Der erste Abend bringt uns mit der deutschen Kolonie Alexandriens zusammen. Als wir die mit Flaggen geschmückten Räume des Windsor- Hotels betreten, glauben wir uns nach Hause versetzt und Gäste eines deutschen Abends der NSDAP, zu sein, denn überall sieht man Braunhemden. Das ganze Bild vom Deutschtum Aegyptens, das sich uns hier und auch später in Kairo bietet, ist ein außerordentlich erfreuliches. UeberaU steht ein fester Zusammenschluß und ein offenes Bekenntnis zum deutschen Vaterlande im Vordergründe. Kein Wunder also, wenn wir uns schon nach kurzen Minuten sehr nahegekommen sind und fröhlich zusammen- sitzen. Bei dieser Gelegenheit lernen wir auch d i e Eltern des Reichsmini st ers Rudolf Heß kennen, die später des öfteren unsere (Säfte
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Roman von Charlotte prenzel.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).
essen beendet, geht es mit Autobussen nach Gizeh zu der dort liegenden Pyramidengruppe hinaus. Man kann heute bequem bis zum Fuße der Cheopspyramide fahren, aber wir wollen die Gelegenheit, auf einem Kamel zu reiten, nicht verpaffen. Deshalb wird vorher Halt gemacht und die Besteigung der Wüstenschiffe beginnt. Lachen, Rufen und Gestikulieren hort und sieht man überall. Das ist so das Rechte für den Seemann. Der eine oder andere sieht mit gemischten Gefühlen in die Tiefe, und thront doch ziemlich hoch oben und etwas wacklig ist die ganze Angelegenheit auch. Vor allem dann, wenn die Tiere im Trab laufen
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