Ur. 107 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 9. Mai 1935
Zum Muttertag 1935!
Wir können unserem Volke nicht besser dienen, als daß wir Mütter heranbilden, die sich ihrer Verantwortung für die Zukunft ihrer Kinder bemüht sind, die vertraut sind mit den Pflichten der Hausfrau und Mutter als Hüterin der Familie im nationalsozialistischen Staat.
Zu dieser Arbeit benötigen wir Mittel!
Zur Beschaffung wird am 10. und 11. M a i eine Sammlung von der TlS.-Arauenschaft, dem Deutschen Frauenwerk und der RZ.-Volkswohl- fohrt durchgeführt.
Alle Mitglieder der NS.-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerkes beteiligen sich daran!
Die Deutsche Arbeitsfront.
TlGGemeinschast „Kraft durch Freude".
„Wissenschaft im Dienst für das deutsche Volk."
Ein Vortrag von allgemeinem Interesse:
„Neue Wege
der Verbrechensbekämpfung.
Am heutigen Donnerstag, abends 8 Uhr, hält in der Universität im Rahmen der Vortragsreihe „Wissenschaft im Dienst für das deutsche Volk" Prof. Gallas einen alle Volksgenossen interessierenden Vortrag über „Neue Wege der Verbrechensbekämpfung"
Am 1 Januar 1934 ist das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherheit und Besserung" vom 24. November 1933 in Kraft getreten. Dieses Gesetz stellt die deutsche Strafrechtspflege vor völlig neue Aufgaben und ist somit von der größten Bedeutung. Es ermöglicht durch Einführung der Sicherungsverwahrung,' der Entmannung und anderer neuer Mißnahmen die Unschädlichmachung des Berufs- und Gewohnheitsverbrechertums, an dem die bisherigen Bekämpfungsmittel fast wirkungslos abgeprallt waren. Es ist für jeden Volksgenossen von Interesse, die Wege kennen zu lernen, auf denen der nationalsozialistische Staat dieser ärgsten Feinde der Volksgemeinschaft Herr zu werden sucht Die Entstehungsgeschichte, die
Keine darf fehlen!
Jede muß ihre ganze Kraft einsehen, das werk zu fördern.
..Das Ziel der weiblichen Erziehung muh unverrückbar die kommende Mutter fein", ruft uns mahnend der Führer zu.
Frauen von Stadt und Land, beweist ihm Euere Treue.
heil Hitler! Gez.: 3. Vrinkhoff.
Gauamtsleiterin der VS.-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerkes.
Bedeutung und die seitherige Anwendung des neuen Gesetzes wird daher in den Mittelpunkt des Vortrages gestellt.
Volksgenossen, Arbeitskameraden, besucht die Vorträge an der Gießener Universität. Der Eintritt ist frei!
Nächster Vortrag, Donnerstag, 16. Mai: Prof. Reinwein über „Die Wichtigkeit der Erforschung und Bekämpfung einer Seuche"
Für die Fahrt nach Köln am kommenden Sonntag, 12. Mai, zum
Fuhball-Länderspiel Deutschland—Spanien sind noch Karten zu haben. Preis der Karte 6,70 RM. Darin ist enthalten: Fahrpreis nach Köln, Fahrt zum Stadion, Mittagessen, Eintrittspreis ins Stadion. Es sind noch etwa 70 Karten auf der Geschäftsstelle Gießen, Schanzenstraße 18, Zimmer Nr. 8, zu haben.
Fahrzeit: Abfahrt in Gießen 6.45 Uhr, Ankunft in Köln-Süd 9.41 Uhr; Abfahrt in Köln-Süd 19.00 Uhr, Ankunft in Gießen 22.14 Uhr
Die Deutsche Arbeitsfront. — NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", Kreis Gießen, Schanzenstr. 18, Zimmer Nr. 8, Rus Nr. 2919. Geschäftsstunden sind Montags bis Freitags von 11 bis 13 Uhr und 16 bis 18.30 Uhr. Samstags von 10 bis 13 Uhr.
Aus der Provinzialhauptstadl.
Die drei Azius.
Was der Volksmund in den Wetterregeln den drei Azius, nämlich den Eisheiligen Pankraz-, Ser- vaz und Bonifazius (12., 13. und 14. Mai) alles angedichtet hat, das geht, offen gestanden, auf keine Ochsenhaut. Auch die „kalte Sophia" (15. Mai) steht bei Gärtnern und Winzern in keinem guten Ansehen, indes, sie kann manchmal auch recht lieb, d. h. besser als ihr Ruf sein, was von ihren drei Kalendervorgängern nicht immer behauptet wird.
„Pankraz und Servaz sind Weinmörder, spricht allüberall der Volksmund — Das ist zweifellos eine schwere Anklage
„Pankraz und Servaz stehlen wie der Spatz", — das ist gewiß auch kein Kompliment.
„Was Pankraz läßt unversehrt, wird oft von Urban (25 Mai) noch zerstört." — Das heißt doch wohl, was der Pankraz gelegentlich versäumt, holt Urban (wohl auch noch so ein heimlicher Eiskomplize?) ein paar Tage später nach
„Pankraz, Servaz und auch der Bonifaz, schaffen Frost und Eis gern Platz." — Nein, sie schaffen dem Frost nicht Platz, sondern sie bringen das Eis mit, — aber nicht um den Maiwein zu kühlen.
„Die drei Herrn Azius tun Gärtnern, Winzern und Weibern viel Verdruß." — Ja, und das Aergerliche ist: man hat keine Handhabe, um gegen das schändliche Treiben dieser drei Schlingel vor- zugehen?
„Vor Servaz kein Sommer, nach Servaz kein Frost." — Das heißt, der Servaz steht auf der Grenze zwischen Winter und Sommer; seine Abdachseite hängt voller Eiszapfen, während ihm vorne schon dicke Schweißperlen in den langen Bart kollern.
So sind die drei Azius offenbar dazu geschaffen, die Menschen nicht zum ungestörten Genuß von Lenzeswonne und Frühlingshoffen gelangen zu lassen. Mögen sie heuer glimpflich mit uns umspringen!
Aus parteiamtlichenBekanntmacbunaen
In einem Zellenabend der Zelle I (Liebigstraße), der am Samstag, 11 Mai, 20 30 Uhr, im Hotel Kobel stattfindet, wird Studien-Referendar Szczech über das Thema „Unsere Heimat in vorgeschichtlicher Zeit" sprechen. Das Erscheinen sämtlicher Parteigenossen ist Pflicht.
AG.-Lehrerbund, ließen.
Fachschaft höhere Schule.
Fachgruppe Mathematik und Naturwissenschaften.
Donnerstag, 17 Mai, 16 Uhr, im Realgymnasium (Physitsaal)
Studienrat Dr. H e u s s e l: Das Abhörverfahren. (Der Feind hört mit.)
Studienrat Fischer: Das Lichtmeßverfahren.
Deutsche Arbeitsfront.
Ortsgruppe Giehen-Ost, Licher Straße 17.
Zahlstunden und Markenabgabe an die Block- walter finden nur noch jeden Donnerstag in der Zeit von 19 bis 21 Uhr statt.
Für sonstige Angelegenheiten, Unterstützung usw., nur noch jeden Freitag in der Zeit von 19 bis 21 Uhr.
Montags fallen die Sprech- und Zahlstunden aus.
Am Samstag, 11 Mai, findet im Cafe Leib eine Amtswalter-Versammlung statt. Die Zellenwalter haben dafür zu sorgen, daß alle Block- und Be- triebsgemeinschastswalter erscheinen. Die Stärkemeldungen sind von den Zellenwaltern an Kamerad Römer abzugeben. Entschuldigungen sind ausgeschlossen. Zeitpunkt der Versammlung: 20 Uhr.
Ebenso haben die Zellenwalter wegen Kassierungs- fragen am Donnerstag, 9. Mai, 20 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Licher Straße 17, zu erscheinen.
Befuqnis des Treuhänders der Arbeit.
(DAF.) Nach dem Gesetz vom 19. Mai 1933 ist der Treuhänder der Arbeit sowohl zu einer Ergänzung als auch zu einer authentischen Auslegung des
Tarifvertrages befugt Diese Befugnis erstreckt sich jedoch nur auf die Regelung der Arbeitsbedingungen, die durch den Tarifvertrag zulässig war, d. h. was die Einstufung der Gefolgschaft anbelangt, nur die typische Einordnung der im Betrieb vorkommenden Beschäftigungsarten in den Tarif. Die Entscheidung über die Einstufung bestimmter Einzelpersonen bleibt, weil dies in das Gebiet der Anwendung des Tarifvertrages fällt, den Arbeitsgerichten überlassen
Zahlen Sie Ihren richtigen DAI Beitrag?
DAF. Es wird darauf hingewiesen, daß die der DAF. zu machenden persönlichen Angaben genau so gewissenhaft zu erfolgen haben, wie jeder Behörde gegenüber. Die Deutsche Arbeitsfront hat als Bindeglied des Staates die Aufgabe, den einzelnen Volksgenossen zu einem sich der Gesamtheit verantwortlich fühlenden Staatsbürger heranzubilden. Es ist darum als ein Mangel an Gemeinschaftsgeist anzusehen, wenn Volksgenossen bezüglich ihres Gehalts unrichtige Angaben machen, um dadurch ihren Beitrag zur Deutschen Arbeitsfront herabzusetzen.
Zukünftig wird die DAF. alle Mitglieder aus- fchließen, die hiergegen verstoßen. Die daraus ent
stehenden wirtschaftlichen Folgen hat sich dann jeder selbst zuzuschreiben.
Veranlassung zu diesem Hinweis gibt eine Mitteilung der Kassenverwaltung, wonach solche Fälle meist bei Behörden- und Büroangestellten festzustellen sind, während bei den Arbeitern der Faust mehr Ehrlichkeit zu finden ist.
Tagung des NSLB. Gießen Land
Der Bezirksverein des NSLB. Gießen-Land hielt am gestrigen Mittwoch eine Tagung mit den Arbeitsgemeinschaften „Volksschule" im Hotel Köhler ab. Der Vorsitzende Dr Reidt (Heuchelheim) begrüßte die Teilnehmer und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch im neuen Schuljahr durch die Arbeit der Mitglieder Ersprießliches geleistet werde. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen hielt Lehrer Merz (Leihgestern) einen sehr interessanten Vortrag über das Thema „R a s s e n p o l i t i s ch e Fragen im Erdkundeunterri cht" Er ging dabei von den einzelnen deutschen Stämmen aus, zeigte ihre Eigenarten, ihre Vorzüge und Fehler, um sodann über die eigentlichen Rassen zu sprechen. Das Kind solle im Erdkundeunterricht von der Heimat ausgehend zunächst feinen Gau kennenlernen, bann aber fein deutsches Vaterland. Weiterhin solle es lernen, über die Grenzen zu schauen nach den deutschen Brüdern und Schwestern im
Bengt Berg.
Scherl-Bildmaterndlpn«t
Der berühmte schwedische Forscher und Tierschrift- steller Bengt Berg wurde, wie bereits gemeldet, auf Grund seiner wissenschaftlichen und literarischen Arbeit von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet.
Auslande. Daß aber auch geographische Grundbegriffe und wichtige Namen das Gerüst des ganzen Erdkundeunterrichts bilden, wurde besonders erwähnt. Es fei dies das Einmaleins des Unterrichts in der Erdkunde. Aber erst durch die Erkenntnis der Raffenzugehörigkeit, zu Blut und Boden, lerne das deutsche Kind sein Vaterland über alles lieben. Der Vortrag wurde sehr beifällig ausgenommen, und der Vorsitzende dankte in warmen Worten. Nach einer kurzen Pause ging Dr. Reidt auf einige Fragen näher em. Es folgten darauf weitere Mitteilungen und eine Aussprache über die Fibelfrage. Die Versammlung, an die sich noch eine Besprechung der Lehrer, die zur Zeit mit dem Zusammentragen der Flurnamen in den Gemeinden beschäftigt sind, anschloß, wurde in der üblichen Weise geschlossen.
Folgenschwerer VerkehrSunfatt.
Gestern gegen 21.15 Uhr ereignete sich auf der Straße an der Waldschenke, unweit von Großen- Linden, ein schwerer Verkehrsunfall. Der Bergmann Karl Eichhorn aus Leihgestern, der sich zusammen mit seinem Schwager auf dem Wege zur Arbeitsstätte befand (beide führten ihre beleuchteten Fahrräder neben sich), wurde plötzlich von dem Motorradfahrer Karl F a u ft aus Rodheim a. d. B., der aus der Richtung von Großen-Linden kam, von hinten her angefahren. Eichhorn stürzte und erlitt eine Kopfverletzung, die glücklicherweise nur leichter Natur ist. Der Motorradfahrer fuhr noch etwa 20 Meter weiter, stürzte aber bann ebenfalls unb kam so heftig zu Fall, baß er einen Schäbelbruch erlitt unb bewußtlos liegen blieb. Die sofort herbeigerufene Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz Gießen brachte beibe Verunglückte in bie Chirurgische Klinik. Der Motor- rabfahrer liegt schwer barnieber unb war bisher nicht vernehmungsfähig. Die polizeilichen Ermittlungen finb im Gange.
CREME: 15 Pf.-RM 1.00 / OL: 35 P1.-RM 1.20
NIVEA;
Gießener Giadiiheater.
Giacomo Puccini: „Madame Butterfly".
Wenn Puccinis „Butterfly" innerhalb eines Jahrzehnts zum britten Male auf ber Gießener Bühne erscheint, so erklärt sich bas einmal aus ber unableugbaren Beliebtheit biejer Oper, zum anbern aber gehört sie zu jenen Werken, bie sich ohne An- forberungen eines übergroßen Apparates in Szene fetzen lassen.
Zwei gegensätzliche Welten: nüchternes Ameri- kanertum unb eine im wunschvollen Traumhaften lebenbe naive Frauenseele eines fernentrückten, da- her aber für ben phacktasievoll eingestellten Be- fchauer um so reizvolleren Laubes. Dieses exotische Milieu hat ber Oper von Anfang an bas Interesse der Hörer geweckt. Dann aber hält sich bie Hand- lunq frei von Sensationslust; bas Empfinben von Mensch zu Menschen tritt in seiner ethischen Auswirkung in ben Vorbergrunb. lieber bas typisierte Theatergeschehen hinaus rollt sich bas Schicksal eines Menschen vor uns ab; wir erleben bie Charakterentwicklung eines an sich primitiven, aber tn seinem Innern unverfälschten menschlichen Wesens, bas burch bie Verkettung roibriger Umstande zu helbischem Maß auswächst; weil feine Ehre befleckt würbe, gibt es sein bamit wertlos geworbenes Leben dahin.
Indem die Geisha Cho-Cho-San, Butterfly g^ nannt, das Recht der abendländischen Welt für sich beansprucht und ihre Vereinigung mit Linkerton nicht nur als Scheinehe, sondern als einen rechtmäßigen Bund mit allen daraus resultierenden Verpflichtungen ansieht, verkennt sie ihre nach Stamrnesbrauch rechtlose Stellung als Geisha. Daß sie dem Linkerton durch die Liebe näher gekommen ist, bestärkt sie in der Täuschung, sich ihm als ebenbürtig zu betrachten. Sie muß an der Doppeldeutigkeit dieser Auffassung zerbrechen
Die gleichen Textdichter, bie bas Libretto für die Oper „La Boheme" bearbeitet hatten, schufen nach dem „Butterfly"-Drama von DavibB e l a s c o, der Puccini in London kennengelernt hatte, ein stimmungsvolles Opernbuch, das die eigenartige märchenhaft-idyllische japanische Sphäre bildhaft werden ließ. Eine Zusammendrängung des Stoffes in zwei Akte, nach dem Vorschläge Puccinis, hatte den Erfolg ber Erstaufführung ber „Butterfly" so beeinträchtigt, baß bie italienische Presse von einem „Fiasko des Maestro Puccini" zu sprechen wagte. Die Verteilung auf drei Akte gab dem Werke erst ben verbienten Erfolg.
Wenn je eine Oper, so hat gerabe bie „Butterfly" bie ganze Liebe seines Schöpfers erfahren. In ber langwierigen Genefungszeit nach einem schweren Autounfall war bie Arbeit an biefem Werk bas Mittel gewesen, bie physischen Schmerzen zu betäuben. Puccini, ber, wie er selbst einmal sagte, „die kleinen Dinge liebte", konnte hier Saiten voll Innigkeit anschlagen, und das rührende Schicksal der Butterfly rief den stärksten Gefühlsimpuls in ihm wach. Eine Fülle von Poesie ist über die Partitur ausgegoffen, und selbst m der kleinsten Szene weiß er durch den originellen Blickpunkt, den er ihr durch die Musik gibt, zu fesseln.
Die Gestalt der Butterfly ersteht erst durch die Musik zu völliger Lebensnähe. Ihre Charakterentwicklung wird erst völlig greifbar durch die der Musik möglichen seelischen Einblicke. Die beiden sich gegenüber stehenden Anschauungen erhalten die ihnen zukommende Charakterisierung; so wendet sich z. B. nach der trefflichen Ausmalung der Umwelt der Geisha die Musik des ersten Aktes in dem großen Liebesduett mit dem Erwachen allgemein menschlicher Regungen abendländisch-musikalischen Ausdrucksmitteln zu. Die ostasiatische Sphäre bezeichnet Puccini durch besondere harmonische und melodische Mittel (Ganztonleiter); dazu kommt japanisches musikalisches Originalgut, das er mit erstaunlicher Ge- schicklichkeit seinem Melos organisch einzuschmelzen vermochte. Wenn im zweiten und dritten Akt das Sehnen und unermüdliche Warten Butterflys musikalischen Ausdruck gewinnt, so lassen sich Anklänge an Wagners „Tristan" nicht verleugnen; anderseits laßt uns diese Tatsache aber erkennen, wie lehr Puccini diesem Wagnerschen Werk innerlich verbunden war —
Die diesmalige Aufführung in Gießen — Spielleitung: Paul Wrede — wurde ausschließlich von den eigenen Kräften des Theaters bestritten; sie wahrte ein abgewogenes Ebenmaß zwischen dem Szenischen, dem Spiel und dem Herauswachsen des Musikalischen.
Im Mittelpunkt des Interesses stand Maria Perry als Butterfly Liebevoll nahm sie sich der Stimmungsgebundenheit der einzelnen Episoden an. Das Fühlen des erwachenden Weibes schwang sich im Liebesduett in breitem Bogen aus, weit gespannt in einer von hohem Affekt gefüllten Kantilene. All die Momente des Sehnens, des Hoffens und Erwartens ließ sie aus tiefstem Innern.miterleben; in der Erwartungsarie des zweiten Aktes großem Ausmaß zustrebend. Rührend schlicht in der Wiegenliedszene, wuchs sie in dem Konflikt zwischen Enttäuschung, Mutterliebe und Ehre zu höchstem
dramatischen Format aus; die erschütternde Größe des Schicksalserlebens restlos bekräftigend. Eine Leistung, die nun alle die auf Maria Perry gesetzten Hoffnungen endlich voll erfüllte.
Als getreue Vertraute von liebevoller Sorgsamkeit und der inneren Ergebenheit, Leid und Freud der Herrin zu teilen, gab Therese Steinkamp die Suzuki; auch im Klang der Stimme die mitschwingende Innerlichkeit bezeugend.
Für die Partie des Linkerton erschien das stimmliche Material Heinz Weisers angemessen und zu größten durchschlagenden Akzenten fähig. Nur wäre zu wünschen, daß er in der Zukunft auch den mittleren dynamischen Graden ein gründliches Studium zuwende. Die dramatischen Bindungen standen bei ihm für die Durchführung feiner Rolle im Vordergründe. Der gestrige Eindruck läßt für die Zukunft Heinz Weisers weitgehende Erwartungen zu.
Dem Konsul Sharpleß verlieh Karl Tank Züge gewinnender Väterlichkeit und mitfühlender Anteilnahme am Wohl und Wehe Butterflys; in gesanglicher Hinsicht stieg er sichtlich im zweiten und dritten Akt. Eine Jntrigantennatur mit teuflischer Echtheit stellte Heinrich Hub mit dem Goro hin, indem er jeden Zug bei angemessenem gesanglichen Können sinngemäß darstellerisch ausnützte. Ein jeder der Träger auch der kleineren Rollen setzte sein bestes Können gewissenhaft ein, um dem Ganzen zu dienen.
Die sorgsame Abstimmung und der Bewegungsausgleich im Spiel (das Erscheinen der Geishas, die Hochzeitszeremonien u. a. m.) verstärkten den geschlossenen Eindruck der Vorstellung, wie die Bühnenbilder (Karl Löffler) in ihrer farbigen Pracht und reichen Ausstattung das Auge erfreuten. Ganz besonders aber erschloß die Beleuchtung (Ludwig Keim) den Stimmungsgehalt der Szene und gab damit der strömenden Lyrik Puccinis den Untergrund.
Wohlausgeglichene Chöre (Anton R ä d l e r) voll im Einklang mit der Handlung schwingend (Schluß des zweiten Aktes) erwiesen sich ebenso wichtig für das Erstehen des Werkes, wie das Orchester unter Fritz Cujes sicherer Führung mit bestem Bemühen und Gelingen an allen Pulten für die Klangwerdung der Oper einfetzte, impulsiv und temperamentgebunden die dramatischen Akzente unterstreichend, wie im Erschließen der klanglichen Reize der Partitur fein nachgebend.
Dem allseitigen Wollen dankte ein stürmischer Beifall des leider nicht voll besetzten Hauses.
Dr. H.
Zeitschriften.
— Das neue Heft des inneren Reiches" (Verlag Albert Langen/Georg Müller, München) wird eröffnet mit einem Brief des frühverstorbenen Philosophen Heinrich von Stein. Stein war Freund und Schüler Wagners und Nietzsches und schreibt hier Gedanken nieder, die gerade heute nach der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht von Bedeutung sind. Unter den dichterischen Beiträgen ist an erster Stelle zu nennen eine handlungsreiche Erzählung Friedrich Grieses „Die Wagenburg", spielend zur Franzosenzeit vor hundert Jahren und getragen von jener bäuerlich-patriarchalischen Frömmigkeit, die den Grundzug des Gneseschen Schaffens bildet. Eine kurze Erzählung „Die Grenze" von dem Steiermärker I. F. Per- konig kündet vom stillen Kampf der Grenzdeutschen. Mit Gedichten sind Adolf v. Hatzfeld, Emil Barth und Heinrich Zillich vertreten Im Aufsatzteil behandelt Horst Lange den kurz vorm Kriege dahingerafften Dichter Georg Heym, von dem dieses Heft überdies ein bisher unveröffentlichtes Dramen* Fragment „Atalanta" veröffentlicht. Ei» großer Aufsatz von U. Christoffel über „Die romantische Landschaftsmalerei", stellt, unterstützt von einer Reihe von Bildwiedergaben, die deutsche Sonderart dieser Malerei heraus.'
— Ein für die Erkenntnis der tiefen Wirkungen des Volkstums auf geistige und künstlerische Ausdrucksformen wertvolles Heft bietet die „D e u t fche Zeitschrift" (Verlag Callwey, München) in ihrer April-Mai-Ausgabe In erster Linie ist hier der Aufsatz „Volk und Volkstum in evangelischer Sicht" von Gerhard May zu nennen, der bewußt werden läßt, daß die evangelische Kirche der Reformationszeit ganz und gär auf die Wirklichkeit des Volkes ausgerichtet ist, daß „der eigentlichen Intention der lutherischen Reformation die Volksund Volkstumkirche entspricht" In dem Aufsatz „Die deutschrömische Kunst des 19. Jahrhunderts bringt Ulrich Christoffel von neuem in Erinnerung, daß' die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts in Rom ihre Anfänge erlebt und dort ihre Heimat gefunden hat, daß sich aber gerade hier in Rom gegen alles Römische und Italienische eine von mittelalterlicher Idealität erfüllte deutsche Charakterkunst herausbilden konnte, die vor dem Forum der Welt um die höchsten Ziele der Kunst kämpfte. Weiter sind zu erwähnen eine begeisterte Darstellung Würzburgs, seiner natürlichen und künstlerischen Schätze von Josef Hofmiller und ein umfangreicher Literaturbericht über „Volk und Volkstum" von Joses Dünninger.


