Ausgabe 
9.3.1935
 
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Nr. 58 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 9. März 1935

Oer Weg vom Ton zum Baustein.

Neber die Förderbahn zum Kollergang. Ln pressen und tausend Hitzegraden.

Die Kettenförderbahn.

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Auf dem Lagerplatz.

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Nundgang durch einen Industriebetrieb der Gießener Bauwirtschast.

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Blick in eine der Tongruben.

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Ein Teil des Werkes, von der Grube aus gesehen.

Eine wichtige Schlüsselstellung im Wirtschaftsleben nimmt bekanntlich das Baugewerbe ein. Die Bedeu­tung dieser Position haben wir im negativen Sinne vor einigen Jahren und in positiver Hinsicht seit der Machtübernahme durch den Führer und Volks- kanzler Adolf Hitler zur Genüge gesehen; früher ging es mit dem zunehmenden Stillstand des Bau­gewerbes auch mit zahlreichen anderen Industrien immer mehr bergab, feit zwei Jahren ist an die Stelle jenes Niederganges mit dem kräftigen Wie­deraufleben der Bautätigkeit auch eine erheblich vermehrte Beschäftigung in den verwandten Ge­werbezweigen zu verzeichnen. Aeußere Merkmale dieses Aufschwungs sind u. a. die starken Baumate­rialtransporte, die auf Lastautos und auf Pferde­gespannen unsere Straßen passieren, um den Män­nern der Wasserwaage und der Maurerkelle, den Zimmerern usw. immer neuen Stoff für ihre Arbeit zuzuführen. Den reichen Segen dieser Wirtschafts­belebung des Baugewerbes und der anhängenden Betriebszweige verspürt aber auch die Gesamtheit unseres Volkes, so daß wir alle miteinander guten Grund haben, uns über diese Aufwärtsentwicklung zu freuen.

Die Erzeugnisse aus der heimatlichen Erde im engeren Sinne des Heimatgedankens stehen bei der Bautätigkeit an hervorragender Stelle. Es handelt sich dabei in erster Linie um einen der Grundstoffe, den B a ck st e i n und die verschiedenartigen weiteren Produkte der Z i e g e l st e i n i n d u st r i e. lieber deren Entstehung in der modernen Fabrikations­weise wissen nur wenige Volksgenossen Bescheid, denn die hier und da in einer Feldgemarkung noch wahrnehmbare Backsteinbrennerei kann man heut­zutage als technisch überholt ansehen. Einen inter­essanten Einblick in den Arbeitsgang der neuzeit­lichen Ziegelsteinherstellung bot uns dieser Tage die Leitung der Gailschen Tonwerke in Gre-

Der fertig geformte Stein erhält den Glasurüberzug.

ßen, in deren großem Betriebsgebäude am Schif- fenberger Wald, beiderseits der Bahnlinie Gießen Lich, der neuzeitliche maschinelle Betrieb der Ziegel­steinindustrie, daneben für Spezialerzeugnisse auch noch die handwerkliche Herstellungsweise als Quali­tätsarbeit im Gange ist.

Wenn man die Entstehung des Ziegelsteins ver­folgen will, muß man zunächst einen Blick in die große Tongrube werfen, die unmittelbar bei dem umfangreichen Betriebsgebäude am Rande des Waldes den hauptsächlichsten Rohstoff für die Her­stellung der gebrannten Steine, den Ton, liefert. In der Grube sind im Tagebau auf langgestreckten Absätzen des Erdreichs die Arbeiter mit dem Ab­bau der sowohl in den Farben, als auch im Fett­gehalt verschiedenartig beschaffenen Tonarten beschäf­tigt. Der Ton wird mit Hacken losgelöst und beim Abbau gleich einer ersten Sortierung nach Qualität unterzogen. Von den Abbaustellen 'aus wird das Produkt in der langen und breiten, stellenweise etwa 15 Meter tiefen Grube auf einer Förderbahn bis zu einer Sammelstelle gefahren, von wo aus der Transport mit der langgestreckten, bis zum vierten Stockwerk des hochgelegenen Betriebsgebäu­des hinaufführenden Kettenbahn auf Wagen, die an einer Kette in ständigem Kreislauf (bergauf beladen mit Ton, bergab leer) verkehren, zur ersten Vcrarbeitungsstation im sog. Kollergang erfolgt.

Sobald die Kettenbahnwagen mit ihrer Ladung oben vor dem Kollergang angelangt sind, löst sich der Wagen automatisch von der Führungskette ab, sein Inhalt wird durch Umstürzen der Kipplore auf einen Beschicker geworfen und dann der Wagen wieder in den Leerlauf bergab eingeschaltet. Vom Beschicker aus wird der Ton auf einem Förderband dem Ko Hergang zugeführt, den man ungefähr mit dem Behälter einer Kaffeemühle vergleichen < kann. In diesem runden Bebälter wird der Ton, | der hier in genau bestimm­ter Zusammensetzung mit Sand gemischt wird, durch ein Doppel - System von

schweren Kollerwalzen zerkleinert und durch den durchlöcherten Boden des Kollergangs auf einen Sammelteller hinab gedrückt zu einem Walzwerk, von dem aus die Masse zu dem Tonschneider gelangt. Hier tritt nun eine Zweiteilung im Ar­beitsvorgang ein, je nachdem ob der mit Sand ge- mischte Ton zu Kkinkersteinen, oder zu anderen, hochwertigeren Erzeugnissen der Ziegelsteinindu­strie verarbeitet werden soll. Der Tonstrang kommt ähnlich wie der Vorgang der Wurstherstellung mit einer Wurstmaschine in langgestreckter ge­formter Masse aus der Ziegelpresse heraus und wird dann durch eine maschinelle Schneidvor- richtung in das Format der Ziegelsteine geschnitten. Dabei wird jeder geformte Stein von Arbeitern in einen Gerüstrahmen gelegt, der in etwa zehn über­einander angeordneten Etagen eine große Menge dieser Steine aufnehmen kann. Diese hochbeladenen Rahmen werden, nachdem sie durch einen Aufzug nach der einen Stock höher gelegenen Etage der Trockenkammern befördert worden sind, durch wenige Griffe der Arbeiter als Ganzes maschinell gehoben und bis zu einer der Trockenkam- mern gefahren, deren jede bis zu 3600 Steine Zum Trocknen aufnehmen kann. In triefen Trocken­kammern verbleiben die Steine etwa sechs Tbge, bis sie durch die Zirkulation von Warmluft soweit getrocknet sind, daß sie zum Brennen in den Ring­ofen eingesetzt werden können.

Neben den Trockenkammern ist aber noch ein Trockenofen vorhanden, der aus drei Tunneln von je 54 Meter Länge besteht. Der geformte nasse Stein, der durch den Trockenofen zum Trocknen durchbefördert werden soll, wird auf Etagenwagen, deren jeder etwa 120 Steine faßt, in einen der lang­gestreckten Tunnels hineingefahren, den er in einem Transportweg von etwa zwei Tagen Dauer pas­siert. bis er am anderen Ende des Ofens bei einer Temperatur von etwa 100 Grad Wärme wieder ans Tageslicht kommt. In diesem Trockenofen wird I

Trocknungsprozeß gleichfalls durch Zirkulation von Warmluft unter zusätzlicher Heizung etwa des letzten Viertels des 54 Bieter langen Tunnels vor» genommen. Als dritte Trocknungsmöglichkeit be­stehen noch die gewöhnlichen Trockengerüste, auf denen der Stein etwa zehn Tage lang liegen muß, bis er soweit getrocknet ist, daß er ebenfalls in den Ringofen wandern kann.

Das im Trockenofen in zwei Tagen, oder in den Trockenkammern in sechs Tagen, oder auf den Trockengerüsten in zehn Tagen getrocknete Ziegel- stemmaterial erfährt seine Vollendung durch den Brand im Ringofen. Dieser Ofen stellt ein gro­ßes Gewölbe dar, das sich inmitten des Betriebs­gebäudes in einem langgestreckten Rechteck befindet und in eine Anzahl sog. Kammern untergeteilt ist, deren jeweiliger Zugang von außen her vor dem Brennen der Steine mit einer dicken Abschlußmauer fest verschlossen wird. In diesem Ringofen brennt das Feuer ständig in einer ganzen Reihe von Kam­mern, die bis zur Decke des Gewölbes voll getrock­neter Steine fitzen. Hier wird das Feuer bis zu 1300 Grad gesteigert, die Unterhaltung des Bran­des erfolgt mittels kleiner Kohlenzufuhrschächte von der Decke des Ringofens aus, wobei in genau zu beachtenden Zeiten immer wieder kleine Mengen bester Nußkohle zugeführt werden müssen, um durch ausreichende Erhaltung der Hitzegrade dem Stein die erforderliche Festigkeit durch den Brand zu geben. Wer durch diesen kleinen Kohlenzufuhrschacht in eine solche brennende Kammer des Ofens hinein­blickt, sieht dort bei dem tagelang währenden Höchst­stand des Feuers geradezu in Weißglut hinein, die durch ein sinnreiches Kontrollverfahren ständig ge­nau reguliert werden kann. Von den Kammern des Ofens ist natürlich immer nur ein Teil in vollem Brand, während die übrigen entweder nach der Fertigstellung der gebrannten Steine ausgeräumt.

Maschinengeformte Steine werden vollendet.

Automatisches Adjchneiden gg der Ziegelpresse,

Die gchttmtea Steias kommen bi deg Trockerrotss.

ÜM Ävmnotss.