Ausgabe 
9.2.1935
 
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Deutsche"

olle für deutsches Erzeugnis.

Wiederaufbau der heimischen Schafzucht. - Steigerung und Verbesserung der Wollerzeugung. Vermehrter Verbrauch von Hammelfleisch.

gönn mir Dortragen über die verschiedenen Zweige des militärischen Könnens in dieser wichtigsten mi­litärischen Erziehungs-Anstalt Chiles.

In dem Plan, den sich die Regierung für die Neu-Organisation des Heeres ausgearbeitet hatte, spielte die Gründung der Kriegs-Akade- m i e eine große Rolle. 1887 wurde diese militärische Hochschule, berufen, General st absoffi- ziere auszubilden und diejenigen Offiziere vorzu­breiten, die später das Armee-Oberkom­mando bilden sollten, gegründet. Körner und Oberstleutnant Boonen Rivera waren die Seele der neuen Kriegs-Akademie. Boonen Rivera war eben aus Deutschland zurückge­kehrt, wo er ein mehrjähriges Kommando in der deutschen Armee erfolgreich beendet hatte. Diese bei­den hochgebildeten Stabsoffiziere begnügten sich aber nicht nur damit, als Lehrer in der Kriegsakademie zu arbeiten, sondern sie verfaßten gleichzeitig eine ganze Anzahl wertvoller Werke kriegsgeschichtlicher, taktischer und operativer Natur So wurde der Leit­faden für die deutsche Kriegsschule übersetzt und gleichzeitig das BuchTaktik" von Lettow-Dorbeck einem größeren chilenischen Leserkreis zugänglich ge­macht."

Mitten in diese wissenschaftliche Arbeit fiel 1891 der Konflikt zwischen dem damaligen Präsi­denten Balmaceda und dem Kongreß, der mit Körners Hilfe durch die siegreichen Gefechte von Concon und Placilla zugunsten des Kongresses entschieden wurde.Die neue, auf Grund des Sie­ges des Kongresses an die Spitze Chiles tretende Regierung ernannte Körner zum Oberkamman- dierenden der Armee. Dieser begann sofort mit der endgültigen Organisation, mit der Ausbil­dung der improvisierten Scharen des Parlaments- Heeres. Er berief das beste Element der Offiziere der alten Armee, von denen viele seine Schüler in der Escuela Militär und in der Kriegs-Akademie waren, und begann mit der Ausarbeitung der tak­tischen und verwaltungstechnischen Dienstvorschriften für die Truppe. Gleichzeitig schlug er dem neuen Präsidenten, dem Admiral M o n t t, die Verpflich­tung einer Anzahl junger deutscher Offi­ziere vor, die bestimmt sein sollten, ihn in der gewaltigen Arbeit der Ausbildung zu unterstützen, 1894 trafen in Chile 40 begeisterte deutsche In­strukteure ein. Ich will nur einige Namen nennen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind: Rogalla von Biber st ein und Hans von Below arbeiteten in der Escuela Militär, Her­mann, einer der beliebtesten deutschen Offiziere, die in Chile gedient haben, und der vorzeitig hier in Chile aestorben ist, dient« in der Unteroffizier­schule, Kellermeister v. der Lund und Bansa in der Kriegsakademie, Graf v. der Schulen­burg in der Artillerie. Bertling und v. Oven in der Infanterie, der bekannte Rennreiter Graf Königsrnarck, der Schöpfer der Reitkunst in Chile, und o. Bischofshausen in der Kaval­lerie, S i e p m a n n bei den Ingenieuren. Diesen jungen deutschen Offizieren dankt Chile die Ein- führung der deutschen Ausbildungsform in das Heer. Mit ihnen gelangten auch die deutschen Regle­ments zur Einführung, ihre praktische Anwendung wird die Regel. Die Offiziere lernen mit der Karte und im Gelände zu arbeiten, die Instruktion trennte sich in Einzelausbildung und Truppenaus­bildung-, taktische Uebungen, Schießübungen und Manöver fanden Eingang in das chilenische Heer. Alles das führte zu einer vollkommenen Verände­rung der bis dahin in der Armee gewohnten Metho­den und Ausbildungsformen.

Um das Können und das Wissen der chilenischen Offiziere noch weiter zu heben, entschloß sich schon in jenen Zeiten die chilenische Regierung, eine große Anzahl ihrer Offiziere nach Europa zu schicken, damit sie in den Heeren der Großmächte weiter ausgebildet würden. Das führte dazu, daß bis zum Ausbruch des Weltkrieges ungefähr 3 0 0 ch i - lenische Offiziere durch die Armee Deutschlands, die in jeder Beziehung als Modell bevorzugt wurde, gegangen waren Ein großer Prozentsatz bei einem Offizierkorps von nur 1000 Köpfen.

1906 machte das chilenische Heer einen neuen großen Schritt nach vorwärts durch die Rückkehr einer größeren Anzahl in Deutschland besonders durchgebildeter chilenischer Stabsoffiziere, unter denen sich Männer wie Pinto Concha, Berguno und Jorg« Barc« b«sonders auszeichneten. Diesen

Die Texttirohstoffe, die vornehmlich zur Be­kleidung dienen, müssen zu einem hohen Teil aus dem Auslände bezogen werden. Dies war bei der Schafwolle früher nicht der Fall. Deutschland besaß um die Mitte der oorigen Jahrhunderts rund 28 Millionen Schafe, die nicht nur den Wollbedarf der eigenen Textil-Industrie decken konnten, sondern es auch ermöglichten, nicht unbe­trächtliche Wollmengen zu exportieren. Dieses Bild hat sich grundlegend geändert. Die deutsche Schaf­haltung befand sich in den letzten Jahrzehnten i m ständigen Rückgang, so daß am Anfahg des Jahres 1934 nur noch rund 3,4 Millionen Schafe in Deutschland gehalten wurden. In der Zeit von der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur Jetzt­zeit hat die deutsche Textil-Industrie außerordent­lich zugenommen und sich zur zweitgrößten Indu- striearuppe Deutschlands emporgearbeitet. Daraus ist ohne weiteres das starke Mißverhältnis zwischen dem ständig steigenden Rohstoffbedarf dieser Textil-Industrie und dem immer kleiner werdenden Wollanfall aus heimischer Erzeugung zu erkennen. Deutschland erzeugt daher zur Zeit nur noch 7 bis 8 v. H. des Woll- bedarfs der Industrie im eigenen Lande, ist also nahezu ganz von Der Wolleinfuhr abhängig.

Die nach der Errichtung des Dritten Reiches ein­setzende neue Agrarpolitik hat die Mißverhältnisse sofort erkannt, die durch die so außerordentlich starke Abhängigkeit in der Rohstoffversorgung vom Auslande liegen. Es wurden daher Wege gesucht und gefunden, die deutsche Schafhaltung organisch wiederaufzubauen und damit die deutsche Wollerzeugung wieder in Bahnen zu lenken, die zu einer erheblich vermehrten Rohstoff­erzeugung im eigenen Lande zu führen haben.

Es ergibt sich nun die Frage, ob es im Rahmen der landwirtschaftlichen Betriebe Deutschlands mög­lich ist, die Schafhaltung wiedereinzuführen und schon bestehende Herden beträchtlich zu vergrößern. Dies muß unbedingt bejaht werden. Das Schaf ist wie bereits erwähnt ein Tier, das keine Ansprüche an besonders hochwertiges Futter stellt und zum großen Teil als Verwerter sonst verlorengehender Futtermittel an­zusehen ist. Es ist also ohne weiteres möglich, daß zunächst einmal die vielen kleinen und mitt­leren bäuerlichen Betriebe, die wir in Deutschland haben, wieder wie in Väterszeiten zur Schafhaltung zurückkehren. Wenn jeder Bauernhof wieder 2 bis 3 Schafe aufnehmen würde, was ohne weiteres möglich wäre, so würde dies allein schon den deutschen Schafbestand schlagartig verdoppeln. Es bestehen daneben aber auch weitere Möglichkeiten, im mittleren und im Großbetrieb Schafherden wieder neu zu er­richten, da die Futtergrundlage ohne weiteres ge­geben ist und da auch heute noch in Deutschland neben den landwirtschaftlich genutzten Flächen weite Oedländereien und sonstiges schwer nutzbares Land zur Verfügung stehen, das' besonders für die Schafhaltung geeignet ist. Es ist also für die nächsten Jahre mit einer sich langsam

ist die Organisation der chilenischen Arme«, so wie sie in großen Linien heute noch besteht, zu ver­danken. Unter ihrer Leitung entstand der Gene- ralstab der Armee, der seinem Vorbild, dem deutschen Generalstab, nachgebildet wurde: in die Divisionen wurden Brigaden eingefügt; die Ausbildungsvorschriften wurden vervollständigt und eine entsprechende Verwaltungsorgonisatton ge­schaffen.

Gleichzeitig damit wurden in Deutschland General­stabsoffiziere verpflichtet, die als Berater im Gene­ralstab der Armee, im Kriegsministerium und als Lehrer auf der Kriegsakademie Verwendung finden sollten. Die Namen dieser, von Hartrott, Mohs, von Kiesling, Haenlein, werden ewig lebendig bleiben in den Reihen des Heeres als diejenigen der wirklichen Schöpfer des Hohen Kom­mandos in der weitgehendsten Bedeutung dieses

aufbauenden, größer werdenden Schafhaltung zu rechnen, wodurch bereits der Prozentanteil der Eigenerzeugung an Wolle am Gesamtbedarf der deutschen Textil-Industrie nicht unwesentlich gehoben werden kann. Daneben besteht aber auch eine weitere Möglichkeit, die deutsche Wollerzeugung zu steigern.

Es ist durch züchterische Maßnahmen ohne wei­teres eine gewisse Steigerung der Woll­leistung und damit der Wollerzeugung jedes ein­zelnen Tieres zu erreichen, d. h., es können die z. Z. in Deutschland gehaltenen Schafe auch ohne eine wesentliche zahlenmäßige Vermehrung mehr Wolle liefern, wenn jeweils nur die leistungs- fähigsten Tiere vermehrt und die schlechten Wollträger beizeiten ausgemerzt werden.

Aber nicht nur an der Vermehrung der Woll­erzeugung, sondern auch an der Verbesserung derselben muß in den nächsten Jahren gearbeitet werden. Die in Deutschland erzeugte Wolle ist an sich qualitativ hochwertig. Nur ist noch anzustteben, daß möglichst qualitativ einheitliche Woll­mengen angeliefert werden, da diese eine hohe tech­nische Verwendungsmöglichkeit besitzen. Auch dieses Ziel der Vereinheitlichung der deutschen Woll­erzeugung ist durch entsprechende züchterische Maß­nahmen ohne weiteres zu erreichen. Der zu ver­mehrende Schafbestand Deutschlands bringt natur­gemäß auch einen größeren Anfall von S ch a f f l e i s ch mit sich. Es wird der Mitarbeit aller deutschen Volksgenossen bedürfen, um für dieses Fleisch den nötigen Absatz zu finden. Jrn Gegensatz zum Ausland, vor allem zu Frank­reich und England, ist der Verbrauch an Hammel­und Schaffleisch in Deutschland zur Zeit sehr ge­ring, was wohl teilweise mit daraus zurückzufüh­ren ist, daß die Möglichkeiten der Zubereitung des sehr schmackhaften und gesunden Schaffleisches vieler­orts nicht bekannt sind.

Die Viehzählung im Dezember des vergangenen Jahres hat gezeigt, daß die schon getroffenen Maß­nahmen, durch die vor allen Dingen für die deutsche Wolle ein für lange Zeiten hin garantierter Fest­preis gezahlt wird, nicht unbeträchtliche Erfolge erzielt haben. Die ständig zurückgegangene deutsche Schafhaltung hat erstmalig im Januar 1934 ihren Stillstand erreicht; es konnte sogar eine kleine Vermehrung gemeldet werden. Die vom Reichs- bauernführer Darre auf allen Gebieten der land­wirtschaftlichen Rohstofferzeugung in Gang gesetzte Werbung zur vermehrten Erzeugung hat auch auf die Werbung zur Vermehrung der deutschen Schafhaltung übergegriffen. Es steht zu erwarten, daß die in jedem einzelnen Bauerndorf und jedem einzelnen deutschen Bauern gegebenen Anregungen wesentlich dazu beitragen, dem ge­steckten Ziel in kürzester Zeit nahezukommen. Die­ses Ziel einer gesteigerten Wollerzeugung in volks­wirtschaftlichem Interesse und mit Rücksicht auf eine ununterbrochene Arbeitsmöglichkeit für Zehn­tausende deutscher Volksgenossen ist bei weiterem Einsatz aller Kräfte in absehbarer Zeit sehr wohl zu erreichen.

Wortes. Eine der größten Leistungen des General­stabes war auch die Einführung der all­gemeinen Wehrpflicht im Jahre 1900.

1900 verließ General Körner, weil er die Altersgrenze erreicht hatte, den aktiven Dienst, nach- dem er ein Dierteljahrhundert sich der Aufgabe ge- widmet hatte, eine moderne chilenische Armee zu schaffen. Die Regierung ernannte ihn, um sich seine Dienste so lange als möglich zu erhalten, zum Präsidenten der in Deutschland unterhaltenen Artillerie - Prüfungskommission. Die Kommission entschied sich damals für das Kruppsch« Material und stattete die chile­nische Armee mit dem ausgezeichneten Material aus, das heute in der chilenischen Feldartillerie trotz der vielen vergangenen Jahre noch im Gebrauch ist.

Die Reste des 1920 in Deutschland verstorbenen Generals Körner kamen nach Chile und sind

hier unter einem Denkmal begraben, das ihm die Regierung im Allgemeinen Friedhof setzen ließ und das die Aufschrift trägt:Si vis pacem para bellum". (Wenn du den Frieden willst, bereite dich für den Krieg vor.) Ferner tragen zwei schöne Straßen Santiagos seinen Namen."

General Novoa berichtet dann weiter über sei­nen eigenen Aufenthalt in Deutsch» land als chilenischer Militär-Attachö bei der Ge» sandtschaft in Berlin, wo erZeuge war der kame­radschaftlichen Freundschaft, mit der die chilenischen Offiziere in Deutschland immer und überall auf- Senommen wurden." Er fährt fort:General b a n e 3 wollte als Kriegsminister zuerst und bann als Präsident der Republik die Ausbildung der Armee auf die größtmöglichste Höhe bringen und gedachte dies besonders durch den Ausbau der Waffenschulen, der Kriegs-Akademie und des Gene- ralstabes zu erreichen. So wurde zunächst der schon früher in Chile gewesene deutsche Generalstabsoffi­zier Hans von Kiesling als Berater in den Generalstab berufen. Dieser war im Jahre 1924 nach Chile zurückgekehrt und hatte sich gerade für Chile wertvolle Kriegserfahrungen an der Westfront, ferner als Divisions-Kommandeur in Palästina er­worben. Später wurde u. a. auch Oberst Hans von Knauer berufen, ein ebenso ausgezeichneter Kenner der Geodäsie wie Generalstabsoffizier. Auch der Schöpfer der kartographischen Landesaufnahme in Chile war ein deutscher Offizier, Felix Dei­ner!, der 1894 als Adjutant Körners nach Chile kam und der hier nach mehr als dreißig Dienst­jahren als aktiver Oberst in Santiago verstorben ist. von Kiesling und von Knauer dienen heute noch als chilenische Generale im, Heere, ebenso wie der Generalstäbler Oberst Max K a l b f u s."

Der Verfasser weist schließlich auch auf den Besuch hin, den 1929 der damalige Chef der deut­schen Heeresleitung, Generaloberst Wilhelm Heye, der chilenischen Armee gelegentlich der gro­ßen Manöver von Linares abgestattet hat. Dieser Besuch, meint General Novoa, und die freundliche Aufnahme, die der Gegenbesuch des Generals D i a z , des damaligen chilenischen Oberkommandie­renden, in Deutschland gefunden hat, haben beide dazu beigetragen, die Beziehungen zwischen den beiden Armeen zu vertiefen.

Die chilenische Armee ist stolz darauf, sich als Spiegelbild der deutschen Armee betrachten zu dürfen!" Es ist kein Unberufener, der so urteilt, sondern ein altgedienter und hochverdienter Soldat. General Guillermo Novoa gehört einer der vor­nehmsten und edelsten Familien Chiles an. Einer seiner nächsten Verwandten war der chilenische Außenminister Jovino Novoa, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts den ersten Handels­vertrag zwischen Preußen und Chile schloß. Der jetzige Oberkommandierende des chile­nischen Heeres, General Oscar Novoa, der übri­gens auch zwei Jahre nach Deutschland kommandiert war, zählt zu der gleichen Familie.

Deutschland hat heute noch viele Feinde. Daß es aber auch aufrichtige Freunde hat, dafür sind die Ausführungen des Generals Novoa im Westküften-Beobachter" ein sprechendes Zeugnis. Chile hat in den schweren Jahren des Weltkrieges sich für die deutsche Mitarbeit am Aufbau feiner Armee dankbar erwiesen Es ist weder den Lockun- gen noch den Drohungen der Alliierten erlegen, son­dern hat feine Neutralität kraftvoll und mit Ausdauer gewahrt. Auch heute ist Chile einer der besten und ehrlichsten Freunde Deutschlands, was gerade wieder bei dem Besuch des KreuzersKarlsruhe" äugen- und sinn­fällig in Erscheinung trat.

Daten für den 9. ftebrimr.

1789: Franz lauer (Babelsberger, Begründer der deutschen Kurzschriften München'geboren (aefforb-m 1849); 1834: der Dichter Felix Dahn in Hamburg geboren (gestorben 1912); 1875- der Reichs- Minister für Post und Verkehr, Frhr. von Eltz- Rübenach, in Wahn im Rheinland geboren;

Daten für den 10. Februar.

1850: der Generaloberst Alexander von ßinfingen in Hildesheim geboren; 1'901: der Hygieniker Max von Pettenkofer in München gestorben (ge­boren 1818); 1923: der Physiker Wilhelm Konrad Röntgen m München gestorben (geboren 1845);

Geschichten von derKleinen Exzellenz". Zum 30 Todestage Menzels am 9 Februar.

Adolph von Menzel, der wie kaum ein zwei­ter dem Geist der preußisch-deutschen Geschichte ein« unvergängliche malerische Deutung gegeben hat, war nicht nur einer der größten Künstler seines Jahr­hunderts, er war auch einer der klügsten Menschen und ein« eigenartige Persönlichkeit, um die sich schon zu Lebzeiten eine ganzer Kranz von Anekdoten rankte. Diek l e i n e E x z e l l e n z", wie Menzel in feinem Alter als stadtbekannte Berliner Persönlich­keit allgemein genannt wurde, liebte es, eine stache­lige Hüll« zur Schau zu tragen und di« innere Weichheit und Güte, die so oft im Leben enttäuscht worden war, hinter bärbeißiger Brummigkeit zu verstecken. Wenn ein Besucher kam, der ihm nicht paßte, so pflegte er zu sagen: ,^Hier ist nichts zu sehen, ich bin keine Menagerie." Aber wie viele haben doch, wen sie in dem Hinterhaus« der Sigis- mundstraße die vier Treppen bis zu seinem Atelier emporgeklettert waren, freundlichen Einlaß und einen hilfsbereiten Berater gefunden. Den (Eintritt fuchte er allerdings auf alle Weise zu erschweren, hauptsächlich durch Zettel, auf denen etwa zu lesen stand:Man bittet, nicht zu klingeln" oderBin nicht zu Hause". Don einem merkwürdigen An­schlag dieser Art wird uns aus seinem letzten Le­bensjahr berichtet. Ein paar Tage vor der letzten Feier seines Geburtstags schickte Pvof. H. sein Dienstmädchen zu ihm, um ihn für Freitag zum Abendessen bitten zu lassen. Das Mädchen kümmerte sich nicht um die an der Tür hängenden Zettel, son- dem klingelte heftig und richtete, als Menzel er­schien, seinen Auftrag aus. Statt jeder Antwort wies Menzel stumm auf den einen Zettel an der Tür und verschwand Die Magd aber las staunend die Worte:Freitag bin i'ch krank. Menzel", und berichtete das getreulich zu Hause. Woher kam diese Prophezeiung? Menzel wußte, daß er am Donnerstag, seinem Geburtstag, beim Essen und Trinken zuviel des Guten tun würde und hatte sich deshalb schon vorher für Freitag allen Besuchern gegenüberkrank gemeldet"

Eines der schönsten Ereignisse im Leben des Meisters war wohl der Besuch der berühmten Schauspielerin Eleonore Düse in seinem Atelier, die damals in Berlin ihre ersten großen Triumphe feierte. Die große Tragödin war von der Macht, die von den Werken des kleinen Mannes ausging, jo hingerissen, daß sie sich in einer edlen Aufwallung

ihres Gefühles plötzlich niederbeugte, die verrun­zelt« Hand des Greises ergriff und mehrmals leiden­schaftlich an die Lippen führte. Das geschah mit so plötzlicher Unwiderstehlichkeit und mit einer so hin­reißenden Bewegung, daß Menzel es ruhig geschehen ließ und in seiner Verlegenheit kein Wort heraus­brachte. Als die große Schauspielerin aber gegan­gen war, wollte ihm der Vorfall nicht aus dem Sinn; er schüttelt« immer wieder den Kopf und sagte schließlich nachdenklich:Etwas war dabei

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doch nicht richttg. Eigentlich hätte ich ihr doch wohl die Hand küssen müssen."

Zahllos sind die Geschichten, di« von dem uner­müdlichen Eifer des Schaffens berichten, der in die­sem kleinen Körper mit Riesenmacht wirkte. Da hören wir, wie er, müde im Chausseegraben sitzend, seinen verstaubten Stiefel mit der umgekrempelten Hose zeichnet, wie er das kaltgewordene Stück Eier­kuchen, das er auf dem Teller hat liegen lassen, ab- konterfeit und wie er 1871 beinahe den Einzug der Sieger über dem Abzeichnen eines Mäuschen ver­säumt hätte. Anton o. Werner erzählt, daß er in

den Sitzungen der Akademie der Künste bei langen Beratungen ausrief:Lassen Sie mich zufrieden. Ich verstehe nichts davon und höre auch nichts, denn das Studium des Tintenfasses da vor mir beschäf­tigt mich weit mehr als alles, was Sie sagen." Ihm war das schärfste Auge und die sicherste Hand zu­teil geworden, mochte er nun mit der Linken den Bleistift oder mit der Rechten den Pinsel führen, zugleich befaß er eine fast wissenschaftliche Kuhle der Beobachtung. Als ihn einmal Otto Hach oor einem Blatt mit einem schönen Frauengesicht fragte:Exzellenz habe doch wohl auch einmal ein Herz für die Frauen gehabt?", da wehrte er mit feinen feinen, nervös zuckenden Fingern ab:Nein, nein, Herz nicht, nur Auge!" Und Meyerheim gegenüber klagte er einmal, daß man von ihm verlange, er solle jede Dame, die in sein Atelier komme, wie eine Art höheres Wesen behandeln. Ich verstehe das nicht", fuhr er fort und richtete an öen Freund die Frage:Sehen Sie denn ein weibliches Krokodil mit anderen Augen an als ein männliches?".

2^mrcü,r?ie geschmeichelt fühlten, wenn er sich in Gesellschaften, in Denen auch sein Bleistift nie ruhte, zeichnete, konnten bittere Enttäuschungen er­leben. So blickte er einstmals viel nach einer ele­ganten Frau und warf hastige Striche aufs Papier. Als man ihm aber Dann neugierig über Die Schul- Ar sah, war es Die Rückseite, Die ihn gefesselt hatte. Gin andermal in Kissingen hatte er sich über einen Herrn und eine Dame geärgert, Di« ihn anstarrten. Er zog sein Skizz«nbuch und begann eifrig zu zeich­nen, wobei er ab unD zu Di« Dame ins Auge faßte Darauf trat Der Herr auf ihn zu und sagte roütenD: Die Dame läßt es sich verbitten, von Ihnen ge- zeichnet zu werden." Menzel aber hielt ihm voll Seelenruhe sein Skizzenbuch hin, worauf sich Der andere verwirrt zurückzog. Was er da erblickt hatte GansCinC musterhaft ausgeführte wohlgenährte

Menzel, der Unermüdliche, besaß eine unbarm­herzige Selbstkritik und hat oft Meisterwerke un- Dollenöet gelassen, weil er sich nicht mehr imstande suhlte, Die letzte Hand Daran zu legen. So erging es mm mit seinem wundervollen Leuthen-Bild, an Dem Der leere Fleck in Der Mitte, Der die Gestalt Fried­richs enthalten sollte, nie ausgefüllt worden ist Er hat sich oft deswegen mit seinem Alter und Dem Nachlassen seiner Augen entschuldigt, aber der Wahrheit kam wohl ein Bekenntnis am nächsten Das er dem amerikanischen Botschafter Andrew White machte.Es ist die Beratung Friedrichs mit seinen Generälen unmittelbar vor Der furcht­baren Schlacht", sagte er.und Männer sehen nicht

so aus unmittelbar vor einem Kampf, in Dem die ganze Eristenz ihres Daterlandes auf Dem Spiele steht." Aus einem anderen Grunde vollendete er [ein herrliches Bild, das die Bestattung Der März- Gefallenen darstellte, nicht.Niemals werde ich dieses Bild zu Ende malen", erklärte er einem Be- suchenEs stellt Die Bestattung Der beim Aufstand am 18. März 1848 Gefallenen dar. Bis ich an diese leere Stelle hier kam, glaubte ich an das, was ich malt«. Als ich jedoch so weit war, sagte ich mir: -Es hat keinen Zweck. Deutschlands Einigkeit wird nicht aus Straßenkämpfen hervorgehen! Und daher werde ich dieses Bild nie vollenden." C. K.

Zeitschriften.

In zwei Aufsätzen des Februarheftes der Zeitwende" (Wichern-Verlag, Berlin-Span- bau) sprechen Walter Künneth überPaulus, ein Apostel für unsere Zeit" und Helmuth Schreiner überDas Ende des Mythus". Neben diesen tief in die geistige Diskussion der Gegenwart eingrei­fenden Aufsätzen enthält das Heft'noch eine bunte Fülle von Beiträgen, die alle irgendwie das Zeit­geschehen berühren. Reizvoll ist es z. B., sich durch Eugen Kalkschmidt zeigen zu lassen, mit welcher Meisterschaft Bismarck auf dem Instrument Der öffentlichen Meinung zu spielen verstand, während im Blick auf die kirchliche Lage in Deutschland Das lebenDige BilD sehr lehrreich ist, Das Johannes Schattenmann von DenKirchenproblemen in Ame­rika", Den Vorzügen wie Gefahren Des amerikani­schen Freikirchenwesens zeichnet. In DerUmschau"' wirD von Oskar Söhngen Die Problematik Des Evangelischen GottesDienstes im RunDfunk" behan­delt unD Die heute so wichtige FrageStaat und Erziehung" berührt, während Die abschließenden Randbemerkungen" gepflegte Bücherhinweise aus den verschiedensten Lebensgebieten enthalten. Alles in allem ein gegenwartsnahes, in mannigfacher Weife anregendes Heft der bekannten evangelischen Monatsschrift.

Sochschulnachrichten.

Der Ordinarius der Alten Geschichte an der Universität Marburg, Professor Dr. Anton von Bremer ft ein, ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Der besonders auf dem Gebiete Der klassischen Altertumskunde tätig gewesene Gelehrte war ordentliches Mitglied Des deutschen und öster­reichischen archäologischen Jnstttuts; von 1906 bis 1912 war er Sekretär des österreichischen archäolo­gischen Instituts in Athen.