Mittwoch, 9. Januar 1955
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 7 Drittes Blatt
Die Sa a r p l a k e t t e, die vom 6. bis 12. Januar im ganzen Reichsgebiet zugunsten des Saar- hilfswerks verkauft wird. Sie stellt die Verbundenheit des Deutschen Reiches mit dem Saarlands dar in zwei Gestalten, die unter dem Leitspruch „Treu um Treue" zusammenstehen.
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Saarbrückens Willkomm
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Zu Ehren der ausländischen Saardeutschen, die zur Abstimmung in ihr Mutterland zurückkehren, hat die Stadt Saarbrücken ihre Hauptstraßen festlich beleuchtet.
Horn, im Verlaufe meiner Besuche entwickelt, zeichnet sich die entomologische Wissenschaft durch zweierlei Tatsachen aus, die zunächst einmal Erwähnung verdienen. Zuerst dies, daß die sonst durch mancherlei Schwierigkeiten (z. B. Dcvisenfrage) gehemmten internationalen Beziehungen dort aüfs lebendigste vorhanden sind. Der erste nach
Das Wort Entomologie kommt aus dem Griechischen und bedeutet, in lateinischer Wortform „I n - s e k t e n k u n d e", in rein deutscher „Kerbtierkunde". Es ist also der Wissenschaftszweig, von dem die große Masse der Nichtfachleute am ehesten den Eindruck hat: da sitzen nun weltfremde Gelehrte an ihren Mikroskopen und Tabellen, zählen Füße, Fühler, Eier von Insekten, haben bis heute tatsächlich etwa 750 000 Arten von Insekten beschrieben und hoffen es bei dem Rest der auf 3 bis 4 Millionen geschätzten Jnsektenarten bzw. Rassen in absehbarer Zeit zu tun, aber für das wirkliche Leben und seine Erfordernisse haben sie keinen Sinn und keine Zeit.
Wer eine solche Auffassung vertritt, wird im Deutschen Entomologischen Institut aufs beste davon geheilt. Aber auch wer dieses Vorurteil nicht hatte, ist überaus angenehm überrascht und findet in diesem Institut eine Pflanzstätte eines zugleich echt wissenschaftlichen und volksverantwortlichen Geistes.
Wie mir der in der Entomologie der ganzen Erde bekannte Direktor des Instituts, Dr. Walther
Jm Zentrum -er deutschen Forschung
Das deutsche Entomologische Institut der Kaiser-Wilhelm-Gesettschast zur Förderung der Wiffenschasten.
Don Kans Kartmann.
eindringen und die Leitungen zerstören konnte. Hier ist eine Aufgabe für das Institut: es untersucht die Schäden, sucht den Störenfried festzustellen und weitere Schäden zu verhindern. Wie aber den Schädling finden, wenn man ihn unter 750 000 bereits beschriebenen Arten und womöglich noch bei den bisher noch unbeschriebenen suchen mutz?
Nun, manchmal sendet das deutsche Entomologische Institut ein bei Berlin gefangenes Insekt nach Philadelphia zur Bestimmung oder gar Neubeschrei- bung, ein anderes Mal nach Australien. Da es in Deutschland nur etwa 15 bezahlte Anstel- langen für systematische Jnsektenformer gibt, so ist „internationales Aushelfen" eben „Tagesbedarf"! Weder der Weltkrieg noch die Politik haben daran etwas geändert.
Nun aber werden die deutschen Volksgenossen
zum Mitkämpfen aufgerufen, und damit berühren wir die zweite der Tatsachen, durch die sich die entomologische Wissenschaft besonders auszeichnet: nirgends sind breiteste Laienkreise so sehr imstande mitzuarbeiten, wie hier, und sie tun es auch unermüdlich. Dutzende von Volksschullehrern und Kaufleuten, viele Offiziere, Pastoren, Künstler, Sammler, Förster, Landwirte aller Art helfen mit. Etwa ein Sechstel der Ernte an Getreide, Kartoffeln und Ob st wird durch Insekten vernichtet! Hier besteht also eine ganz qrotze Gefahr für die Volksernährung und den Aufbau einer Nation; es ist ein Glück, daß Hilfe da ist! Das entomologische Institut mit feinen Sammlungen, seinen Bücherschätzen, seinem Auskunftdienst, bei dem tausend Fäden zusammenlaufen, hilft und schafft mit die theoretisch-wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Anwendung dieser Wissenschaft auf die Praxis der Schädlingsbekämpfung. Dabei besteht die engste Arbeitsgemeinschaft mit der benachbarten Biologischen Reichsanstalt.
Das Entomologische Institut reicht also ganz besonders weit in das alltägliche Leben des Volkes hinein. Eine neuere Arbeit des Instituts stammt von einem Maschinenschlosser aus Siemens st adt , und in der sorgfältigen Arbeit an den Objekten, die soviel Aufmerksamkeit und Ernst erfordert, wächst etwas von jener Volksgemeinschaft, die uns als Ideal vorschwebt: daß jeder an feinem Platze mitarbeitet, um das große Ganze zu schützen vor Gefahr und Zerstörung, uns in unferem Kampfe um die Existenz zu stärken, uns materiell vom Auslande unabhängiger 3U machen und zugleich die Weltgeltung deutfcher Wissenschaft zu fördern.
Eine der wesentlichen Aufgaben des Instituts sind also die theoretischen Vorarbeiten für S ch ä d- lingsbekämpfung. Stets neue Feinde tauchen auf. Jetzt ist es die S a n - I o f e - Schildlaus, von der die größte Gefahr droht, und zwar vorwiegend für Obstkulturen. Diese Laus wurde 1870 in Kalifornien eingeschleppt; wahrscheinlich ist China ihre Heimat. Dann wanderte sie weiter, 1928 wird sie zum ersten Male in Europa gesichtet, und zwar in Ungarn. Dann kam sie nach Oesterreich und nach drei anderen europäischen Ländern. Und nun lauert sie vor den Toren Deutschlands. Die deutschen Zollbeamten erhalten Anweisungen, alles einge- führte Obst und Gemüse auf die Schildlaus hin zu untersuchen und sich in Zweifelsfällen an die Biologische Reichsanstalt zu wenden, die ihren diesbe- । züglichen Sachbearbeiter im Deutschen Entomologi- : scheu Institut sitzen hat. Man sieht hier übrigens, zu । welchen positiven volksaufbauenden Aufgaben un- i serc Zollbeamten herangezogen werden.
Die San-Joss-Sckildlaus ist insbesondere deshalb ; so gefährlich, weil sie sich sehr stark und schnell ver- t mehrt. Man bat errechnet, daß sie sich in Nord- t amerika, wo sie vier Generationen im Jahre hat, i von einem Exemplar auf über drei Milliar - - den, davon die Hälfte Weibchen, innerhalb des l einen Jahres vermehrt. Die Laus verbringt ihr t ganzes Leben, ausgenommen die erste Zeit des
logie war ein Entomologenkongreß. Er fand Zürich 1925 statt. 30 Länder waren mit 290 Teilnehmern vertreten. Die deutsche Teilnehmerzahl wurde nur durch England übertroffen, während die Franzofen und Belgier wegen der Teilnahme der Deutschen weggeblieben waren. Auf dem gleichzeitig in Genf stattfindenden internationalen Kongreß für Gefchichte der Medizin waren die Deutschen nicht einmal zugelassen! Der 650 Seiten fassende Bericht der Züricher Tagung wurde damals Herrn Direktor Horn zur Drucklegung in Deutschland übergeben! Dasselbe gilt für die Drucklegung des folgenden internationalen Entomologen-Kongresses (1928 in USA.). Dr. Horn zeigt mir die ausgezeichnete Bibliothek des Instituts, die größte des Kontinents; dort findet sich neben vielen Tausenden von Bänden und Prachtwerken, auch aus den früheren Zeiten der Entomologie, die Zeitschriftenliteratur der Welt (über 400 laufend eingehende Zeitschriften!), die chinesische und japanische eingeschlossen. Ein etwa 2500 Seiten dicker Band mit vielen Bildern liegt auf dem Tisch. Er ist kürzlich aus Japan gekommen, er würde hier 250 bis 300 Mark kosten; dort, bei den ungemein niedrigen Preifen und Löhnen, kostet er nur 20 Mark.
Nie wurde mir so klar wie hier, mit welcher ungeheuren Energie die internationale Wissenschaft ein s a st unübersehbares Gebiet meistert wie hier. Ein Beispiel für viele: seit einigen Jahren oon aufs leoenuiyiie uuiyuiiucn jmu. nuu, haben in Baden Käfer Luftkabel der Tele-
dem Weltkriege wieder einberufene internationale g r a p b e n I e 11 u n g e n angenagt und zum Kongreß innerhalb des gesamten Gebietes der Zoo- Teil die Bleimäntel durchbohrt, so daß Feuchtigkeit
Larvenlebens nach der Geburt, unter einem Schild, der sie ganz bedeckt.
Die „angewandte Entomologie" — so nennt man diesen Zweig der Arbeit — gewinnt immer größere Bedeutung. Sind doch vor allem ihre Grundfragen noch nicht gelöst, besonders die 6er plötzlichen raschen Vermehrung von Insekten, z. B. Heuschrecken (man denke an die ägyptischen Plagen), Nonne und vielen anderen Arten. Wie Direktor Horn entwickelt, ist die heute häufige Anschauung, daß man aus Feuchtigkeit und Wärme allein gewissermaßen „mathematisch" ein solches plötzliches Ansteigen, wie es immer wieder die Völker in der Geschichte erschreckt hat, errechnen könne, eine sehr einseitige Behauptung; vielmehr müsse man noch viele andere genaue Untersuchungen über die biologische Seite des Themas z. B. Statistik der Eier und ihrer Schlupffähigkeit, ihrer Parasiten, über Nahrung, Licht, „Konstitution" und dergleichen anstellen.
Wie sehr die Entomologie die Geschichte mit erklären hilft, dafür ist das klassische Beispiel Aegypten und seine berühmten biblischen zehn Plagen. Von diesen betreffen drei die Infekten: Stechmücken, Ungeziefer und Heuschrecken werden genannt. Und der Wissenschaftler fügte hinzu: ein Drittel also alles durch die Natur zu jenen Zeiten dem Menschen zugefügte Unheil kam auf Rechnung von Insekten, und wir Entomologen sind berufen, soweit es in unseren Kräften steht, die künftigen Hüter der Menschheit gegen diese Plagen zu sein. Man denke sich nur einmal phantastijche Bilder aus: daß sich die Insekten zu immer größeren Feinden der Menschen und Völker entwickeln, indem sie immer zahlreicher, zäher und gefräßiger werden. Deshalb dürfen wir dankbar sein, daß man auf der Hut ist und alle Tatsachen zusammenträgt, die uns auf diesem Gebiete weiterbringen.
Wie stark auch der wirtschaftliche Schaden ist, dafür noch ein Beispiel: nicht nur die vernichteten Ernten sprechen eine deutliche Sprache, sondern auch die für die Insektenbekämpfung aufgewendeten Mittel: in 29 Jahren hat man in USA allein für Entomologen und ihr Wirken 1,885 Milliarden Dollar ausgegeben. Dabei war ein starker Widerstand der Farmer zu brechen, die zuerst die Notwendigkeit dieser Maßnahmen nicht einsahen. Jetzt aber ist der Durchbruch erfolgt, allein etwa 1000 beamtete „angewandte" Entomo-
Nachdruck oerbotenl
3. Sortierung
Was sott ich denn mit einem Auto?
ROMAN VON KÄTHE METZNER.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Hall» (S.).
Auf der Chaiselongue lag die Mutter, aber sie schlief nicht, wie die Mädchen vermuteten. Ihre Augen richteten sich suchend auf Gerlinde, und ein tiefer Atemzug hob die schmale Brust.
„Lindchen, kommst du endlich, mein Kind? Ick; habe — nur etwas — Angst um dich gehabt.. /, sagte die Mutter leise.
„Angst? Um mich?" Gerlinde schossen beim Anblick des lieben, bleichen Gesichts der Mutter die Tränen in die Augen. „Aber Muttchen, du brauchst doch keine Angst um mich zu haben. Ich bin doch kein kleines Kind mehr. Ich weiß doch immer, was ich tue, und paß doch unterwegs auch auf!"
Gerttnde überstürzte sich. Sie war nur froh, die Mutter teilnahrnsfähig zu finden und streichelte unablässig die feinen, schmalen Hande. Um sie also hatte die Gute sich Sorgen gemacht. Ach, und ^ab^a'_ bann kann ich drüben wohl weiterüben!" unterbrach Gisela und wollte sich zum Gehen wem den. „Du bist ja jetzt bei der Mutter. Ich muß doch jede Minute nützen, wenn ich vorwärts kommen
Aber Gerlinde schüttelte heftig den Kops, so daß die Schwester unwillkürlich ftefyenbneb
„Ach, wart' nur mal, Gift ... Ich hab euch ja so etwas Herrliches zu sagen. Ich hab mich ja so gefreut. Muttchen, nicht wahr em bißchen Freude kann doch deinem Herzen nicht schaden? Denkt nur ..ich habe ... eine Stellung gefunden. Sie öffnete mit zitterigen Fingern die kleine Handta che und zog den Vertrag heraus. „Monatlich emhun- dertdreißig Mark Gehalt!" ..
Gisela starrte die Schwester an rote einen Geist.
„Menschenskind, Küken ... Das ist ,a kaum zu glauben. Läuft sowas überhaupt auf dem Groboden herum? Wir hast du denn das gemacht. Gisela hatte sich mit elegantem Schwung auf Die Sofalehne gesetzt und wartete ungeduldig aus Gerlindes Antwort. r., , „
Aber auch die Mutter richtete sich gespannt auf. Sollte das möglich fein? Sollten Not und Sarge endlich einmal ein Ende haben? Aber wer sollte denn eine Anfängerin mit einem so hohen Gehalt einstellen? _ ...
Und Gerlinde erzählte. Alles. Ste vergaß nichts. Nur einmal stockte sie und schwieg sekundenlang.
„Und dann fragte mich Fräulein Scholz — das ist die erste Direktrice — nach meinem Namen, und
da ... und da ..." Doch das Mädchen hätte in diesem Augenblick nicht sagen können, warum es zum ersten Male der Mutter gegenüber nicht restlos wahrhaftig war und die kleine Begebenheit mit der Scholz unterschlug. Irgend etwas in ihr schien ihr zu sagen, daß da ein Körnchen Wahrheit sein müsse; aber eine unerklärliche Scheu zwang sie, der Mutter die Worte der Direktrice zu verschweigen. Vielleicht ahnte Gerlinde in ihrer Seele, daß sie der geliebten Mutter damit unendlich weh getan hätte.
Und so erzählte sie fröhlich weiter, nachdem sie diesen schwierigen Punkt überwunden hatte.
Mit keinem Wort hatten Mutter und Schwester Gerlinde unterbrochen. Nun — da sie etwas erschöpft endete, zog die Mutter den blonden Mädchenkopf ganz nahe an sich heran und strich ihr zärtlich über das weiche Haar.
Modehaus Merkur ... Eine versunkene Welt erhob sich vor den Blicken der gealterten Frau. Sie sah sich, wie sie vor Jahrzehnten gewesen war, die schöne vergötterte Tochter des schwerreichen Grafen den Nyssen. Wie oft hatte das gräfliche Gespann vor dem vornehmen Geschäftshause gehalten! Wie hatte das Personal geknickst und sich bald übertan mit Verbeugungen. „Gnädigste Komtesse ... wie gnädigste Komtesse es wünschen ..." Und die hohen Schränke hatten alles hergeben müssen, was Schneiderkunst an Schönem und Kostbarem ersonnen.
„Das Schönste ist nicht gut genug für meine Tochter!" hatte Graf Nyssen oft gesagt. Er war in das einzige Kind, das ihm der Himmel geschenkt hatte, maßlos vernarrt, und keine Macht der Welt konnte ihn von dem Standpunkt abbringen, daß ein schönes Bild einen ebenso schönen Rahmen haben müsse.
Und nun? Frau Steinbrück suchte sich mühsam zurück in die Gegenwart. Und nun sollte ihr Kind, ihre Gerlinde, dort als Mannequin sein? Das Herz preßte sich ihr zusammen vor Schmerz Aber sie mußte schweigen, durfte sich nichts merken lassen. Die Kinder wußten ja nichts, gar nicht von der Vergangenheit. Sie wußten nur, daß der Vater tot war und die Mutter von einem kleinen Vermögen sie alle erhalten hatte, das aber vor fast einem Jahre durch den Zusammenbruch einer Bank verlorengegangen war, so daß sie nun vollkommen vor Dem Nichts standen.
„Küken, da gratulier’ ich dir aber! Das ist ja großartig. Weißt du, das ist doch ganz was anderes als Klapperschlange. Puh, im Büro sitzen und den ganzen Tag uninteressante Post tippen. Ich denke mir das grauenhaft. Aber so ... Was denkst du, was du da für Chancen haben kannst? Es ist schon manche Filmgröße auf diese Weise entdeckt worden." Gisela redete sich in Eifer.
Die Mutter aber drängte mit aller Kraft die Tränen zurück und versuchte, ihre tiefe Erschütterung zu verbergen.
„Und du, Muttchen?" Gerlinde hob strahlend den Kopf und schaute in die Augen der Mutter.
„Aber Mutti, du weinst ja?"
Doch die Mutter hatte sich schon wieder vollkommen in der Gewalt.
„Nicht doch, Lindekind! Ich freu' mich nur. Es sind Freudentränen, daß nun Not und Sorge ein Ende haben sollen. Ich kann es noch gar nicht fassen. Freilich ... vielleicht wäre es mir lieber gewesen, wenn du Klapperschlange geworden wärest, wie Gisa sich ausdrückt. Ich möchte gern, daß mein Kind nicht unerfüllbare Wünsche bekommt, wenn es all die schönen Kleider und Kostbarkeiten sieht."
„Aber Mutter, so kannst wirklich nur du sprechen — laß sie doch Wünfche bekommen! Ich hab' auch Wünsche. Wir sind doch jung. Wir wollen uns die Welt erst mal erobern. Sieh doch, ich hab' es auch durchgesetzt daß ich tanzen lernen kann und nicht ins Büro gehen muß. Ach, ich muß es schaffen Ich muß noch einmal heraus aus unseren ärmlichen Verhältnissen. Manchmal träume ich, daß ich ganz allein tanze auf einer großen Bühne, un8 wenn ich fertig bin, bann umjubeln die Menschen mich und überschütten mich mit Beifall und Blumen ..."
„Gisa ... Wollte Gott, daß deine Träume sich erfüllen; aber vergiß nicht, der Weg einer Tänzerin ist schwer, und wenn erst die innere Reinheit verloren ist, dann kannst du auch nichts Großes mehr schaffen. Ich habe, als ich jung war, die größten Tänzerinnen unserer Zeit gesehen und einige auch persönlich kennengelernt. Aber ich muß sagen, daß ich von all denen den Eindruck hatte, es waren ganz reine, starke Menschen, die ihre Kunst aus den lautersten Quellen schöpften. Sie waren so bescheiden, daß ihnen der tosende Beifall oft zuviel und manchmal fast peinlich war, so daß sie schnell flüchteten."
Gerlinde drückte im stummen Verstehen die Hand der Mutter, während in Gisela sich irgend etwas gegen die Worte sträubte.
Die Mutter sah Gisela an und sah tief in die Augen ihres Kindes, doch ihr Gesicht wurde unendlich traurig. Das Mädchen wich den Augen der Mutter aus. Da wußte Frau Steinbrück, 8aß ihr Kind einmal oon ihr gehen würde, wie fein Vater von ihnen gegangen war. Giselas Blut hatte den starken leidenschaftlichen Rhythmus wie das ihres Vaters. Sie setzte sich über alles hinweg, wenn es galt, ein Ziel zu erreichen ... und würde nicht einsehen wollen, daß hinter diesem scheinbaren Ziel der Abgrund liegen mußte, in den auch der Vater gestürzt war.
Frau Steinbrück aber sprach weiter.
„Nicht Tänzerinnen allein betreffen diese Worte, meine lieben Kinder! Nein — alle großen Menschen, alle wirklichen Könner sind bescheidene, demütige Menschenkinder; denn sie fühlen nur zu tief, daß all ihr Können nur Gottes unendliche Gnade
ist, und daß sie ein Nichts sind, wenn diese Gnade ihnen versagt bleibt."
Gerlinde schloß die Worte der Mutter tief in ihre Seele, aber Gisela schien ein böser Dämon im Nacken zu sitzen. Sie machte sich gewaltsam stark und lachte übermütig:
„Ach, Mutti, sei mir nicht böse; aber deine Ermahnungen klingen manchmal tatsächlich ein bißchen stark an die Tage an, wo der Großvater die Großmutter nahm. Um mich braucht ihr nicht bange zu sein, ihr beiden kleinen ängstlichen Häschen — ich finde schon meinen Weg. Und wenn ich keine große Tänzerin werde, dann werde ich eben Revuegirl. Die Hauptsache ist, daß mein Beruf mir Spaß macht, und 8aß ich mein Geld ehrlich verdiene." Sie sprang oon der Sofalehne herunter, machte ein paar graziöse Bewegungen, und mit einem: „Jetzt muß ich aber weiterüben!", war sie schon zur Tür hinaus.
Gerlinde aber kuschelte sich eng an die Mutter. Sie fühlte den Schmerz der Mutter mit und atmete tief auf.
„Muttchen, um mich brauchst du doch wirklich nicht in Sorge zu sein. Ob ich dort schöne Kleider trage ober nicht — deine kleine Linde bleibt sich immer gleich. Sie gehören mir. nicht, und ich habe danach keine Sehnsucht. So kann mir das nichts anhaben. Das muß man nur als Beruf auffassen."
Frau Steinbrück lächelte. Wie ernsthaft ihr Mädel sprach! Ja — sie vergaß immer wieder: die Kinder waren schon erwachsen.
Jahre waren vergangen, graue, schwere Jahre. Aus der schönen Komtesse Nyssen war eine früh gealterte Frau geworden. Der Vater, der adelsstolze Graf Nyssen, hatte es nicht überwunden, daß die einzige Tochter gegen feinen Willen den armen Bildhauer heiraten wollte und geheiratet hatte. Sein Herz hatte sich versteint gegen sein Kind, so daß er ihr damals die Tür gewiesen hatte, als sie mit ihrer Bitte kam.
So hatte es für die arme Frau fein Zurück mehr gegeben. Sie war dem Manne, den sie mit allen Fasern ihres Herzens liebte, gefolgt in fein kleines, bescheidenes Künstlerheim, das sie glücklich und hell machen wollte mit der Sonne ihrer reichen Liebe.
Doch es war anders gekommen. Waldemar Steinbrück hatte nur die schöne, elegante Komtesse von Nyssen geliebt, die Tochter des schwerreichen Grafen, nickst aber den kleinen, liebesehnsüchtigen Menschen Klara.
Die ersten Jahre waren noch gut. Da half das Bewußtsein, dem Grafen Nyssen gegenüber Sieger geblieben zu fein, sich selbst zu täuschen. Dock al- beruflich Mißerfolg auf Mißerfolg kam, als durch die Kinder die Sorge ums tägliche Leben größer wurde, schwand auch der letzte Nimbus, mit dem Steinbrück seine so schwer errungene Frau noch umkleidet hatte.
(Fortsetzung folgt!)


