Mr. 262 Erstes Blatt
185. Jahrgang
Keitag, 8. November 1955
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Ausblick
aus die englischen Wahlen.
Von unserem He.-Äerichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
London, November 1935.
9n vierzehn Tagen wählt England sein Unterhaus neu. Wer der Ansicht ist, daß diese Tatsache die Gemüter besonders stark erregt, oder meint, daß deswegen irgendwelche Spannungen besonderer Art festzustellen seien, erlebt eine Enttäuschung. Die Wahlen ändern das Aussehen des Landes fast gar nicht, und selbst in Gesprächen mit Politikern aller Kreise kommt kaum ein besonderes Interesse zum Vorschein. Abessinien und der Völkerbund, die Rüstungsfrage und auch das, was in Deutschland geschieht, werden mit viel größerer Anteilnahme verfolgt, als die Aussichten der verschiedenen Parteien im Wahlkampf. Nur der Presse bleibt es vorbehalten, sich fast ausschließlich dieser Frage zu widmen.
Das heißt natürlich nicht, daß etwa die einzelnen Kandidaten oder die Minister untätig sind. Im Gegenteil, Ministerpräsident Baldwin und der Führer der Oppositionellen Arbeiterpartei, A t l e e, sprechen fast täglich in verschiedenen Wahlkreisen, und die anderen Köpfe der Parteien sind nicht minder rührig. Aber die Tatsache, daß die Entscheidung in diesem Wahlkampf sehr stark bei den Persönlichkeiten liegt, die sich um den Sitz in einem bestimmten, von ihnen meist seit Fahrzehnten vertretenen Wahlkreis bemühen, verwischt die Fronten und läßt eine Generallinie nur verschwommen in Erscheinung treten. Zwischenfälle, die auf dem Kontinent jedem Wahlkampf ihr besonderes Gesicht zu geben pflegen, ereignen sich zudem kaum. Es gilt schon als aufsehenerregend, wenn ein Redner während seiner wohlstilisierten Rede von einem Zwischenrufer unterbrochen wird oder wenn am Schlüsse seiner Ausführungen eine verschwindende Minderheit zu pfeifen wagt, wie das Churchill neulich passierte, als sich in seine Versammlung einige Vertreter der Arbeiterjugend verirrt hatten.
Das liegt zweifellos nicht nur an der Wohlerzogenheit, die über alle Politik hier einen gewissen undurchsichtigen Schleier legt — es kann nämlich auch ganz anders zugehen —, sondern vor allem an der Frage st ellung dieser Machten, die so ungewöhnlich einfach ist, daß sich die Antwort beinahe von selbst versteht. Denn die Frage, auf die von der Bevölkerung geantwortet werden soll, ob sie nämlich der Politik der aegenwärtigen Regierung zustimmt, ist sehr einfach zu beantworten: Es gibt eigentlich keine Gegnerschaft gegen diese Politik. Das Land ist sich bis auf verschwindende Einzelgänger darüber einig, daß die Regierung das Rechte tut. Die Nörgeleien der Opposition beschränken sich auf den Vorwurf, daß die Regierung nicht aktiv genug sei, oder auf Verdächtigungen, daß die Regierung von ihrem — selbstverständlich auch von der Opposition für richtig befundenem — Wege abzuwei- ch e n gedächte; Anwürfe, die zu widerlegen nicht schwer sind. Ja, selbst die zweifellos auf weltanschaulichem Gebiete vorhandenen Gegensätzlichkeiten treten diesmal kaum in Erscheinung, da die Arbeiterpartei es nicht wagt, sich allzudeutlich zu einer sozialistischen Linie zu bekennen. Nach dem marxistischen Zusammenbruch von 1931 wäre das wohl auch kaum „ratsam": das Land hat von den wilden Theoretikern genug Schaden gehabt. Auch die Lohnfrage spielt keine Rolle. Die Löhne haben sich gebessert, nicht zuletzt dank der unbestreitbaren sozialen Gesinnung Baldwins, so daß als einziger Punkt des Vorwurfs das weitere Vorhandensein von rund zwei Millionen Arbeitslosen und der sogenannten „distressed areas" (Gebiete mit völliger Arbeitslosigkeit) verbleibt.
Daß die Liberalen in dieser grundsätzlichen Auseinandersetzung so gut wie überhaupt keine Rolle spielen, Ist selbstverständlich; der sterbende Liberalismus des Parlaments beruht, soweit er überhaupt noch existiert, auf den Ueberbleibseln einer vergangenen Zeit, wie z. B. auf der rein persönlichen Bedeutung Lloyd Georges, der sich für diesen Wahlkampf mit einigen seiner alten Kampfge- nosien wieder zusammengefunden hat. Eine grundsätzliche oder gar zukunftsträchtige Wertung dieser Splitter und Sonderlinge ist aber nicht möglich.
Charakteristisch für diese Wahlen ist auch das Fehlen des persönlichen Elements. Wenn es bei früheren Wahlen Köpfe ganz besonderer Prägung gab, die durch ihre Eigenwilligkeit, ihren Sinn für Humor oder durch besondere Rednerbegabung hervorstachen, so fehlen sie diesmal fast ganz. Leute wie Churchill, Austen Chamberlain und Lloyd George sind zwar noch immer die „Kanonen" des Wahlkampfes; wie abgeklärt, wie wohlbekannt wirkt das alles, was sie sagen! Wenn nicht Namen und Ereignisse der Gegenwart in ihren Reden behandelt würden, könnte man manchmal meinen, man höre Reden aus der Zeit der Jahrhundertwende. Junge Kräfte, die sich neben ihnen bemerkbar machen könnten, gibt es kaum. Selbst Eden wirkt eher sachlich, kühl und abgeklärt, wie überhaupt das Hauptmerkmal der jüngeren Generation eine gewisse unauffällige Nüchternheit zu sein scheint, im Gegensatz zu der romantischen und genialen Art, die einst die älteren Politiker in ihrer Jugend ausgezeichnet hat.
Wenn man Baldwin Glauben schenken will und seiner Erklärung, daß er den Zeitpunkt der Wahlen möglichst so habe legen wollen, daß keine Störung des gewöhnlichen Lebens erfolge, so muß man also anerkennen, daß das sehr weitgehend geglückt ist: die Wahlen erwecken den Eindruck, daß allesbeimAlten geblieben ist und daß es auch so bleiben soll. Das ist eine politische Leistung, de-
* Deutschland hält an strikter Neutralität fest.
Keine Beteiligung an Sanktionen. — Keine Waffenausfuhr an die kriegführenden Länder. Kein deutscher Schritt in Genf.
Berlin, 7. Jloo. (DNB.) Ausländische Zeitungen haben Nachrichten über eine Demarche des deutschen Konsuls in Genf bei einem hohen Völkerbundsbeamten gebracht. Diese Nachrichten sind unzutreffend. Eine solche Demarche hat nicht stattgefunden. Der deutsche Standpunkt in bezug auf Deutschlands Neutralität und Nichtbeteiligung an den Sanktionen ist bekannt und hat sich in keiner weise geändert. Sollte sich eine die eigenen inneren deutschen wirtfchaftsinteressen bedrohende außergewöhnliche Ausfuhr st eigerung bestimmter Rohstoffe oder Lebensmittel bemerkbar machen, wird die Reichsregierung dies durch geeignete wahnahmen verhindern. Alle gegenteiligen Behauptungen der ausländischen Presse sind unzutreffend. Im übrigen hat die Reichsregierung sofort nach Beginn des italienisch-abessinischen Konflikts — also längst vor den bekannten wahnahmen des Völkerbundes — die Ausfuhr von Kriegsgerät und wunition nach beiden Staaten verboten.
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Die „Deutsche diplomatisch-politische Correspon- denz" schreibt dazu u. a.: In merkwürdigem Gegensatz zu der einwandfreien neutralen Haltung, die Deutschland gegenüber dem italienisch-abessinischen Konflikt eingenommen hat, ist die deutsche Politik in diesem Punkt im Ausland vielfach das Objekt eines Rätselratens, ja sogar von Verdächtigungen gewesen, die ebenso überflüssig wie unverständlich waren. Denn seit Beginn dieses Deutschland nicht berührenden und von ihm nicht zu verantwortenden Streitfalles hat die deutsche Politik in ihrer Logik und Untadeligkeit absolut klar dagestanden, und gegenüber dieser aller Welt bekannten, wohltuenden Klarheit der deutschen Politik war es deshalb ganz gewiß nicht angebracht, dahinter ein Fragezeichen zu setzen. .
^Die Haltung Deutschlands in dieser kritischen Stunde ergibt sich folgerichtig aus seiner völkerrechtlichen Sonderlage ebenso wie aus den Grundsätzen der deutschen Friedenspolitik und der pflichtgemäßen Verantwortung gegenüber dem eigenen Volke. Daß Deutschland keine Veranlassung hat, sich dem in Genf beschlossenen Verfahren anzuschließen, ist nur die Konsequenz aus seiner Nichtzugehörigkeit zu dem Genfer Gremium. In Uebereinstimmung mit den Grundsätzen seiner Friedenspolitik ' muß Deutschland andererseits aber auch alles a b - lehnen, was es in Widerspruch zu seinem unbedingten Friedenswillen bringen und zur Erschwerung der Situation beitragen könnte. Aus diesen Erwägungen heraus lehnt Deutschland für seinen Teiel auch die Rolle des Kriegsgewinnlers als unvereinbar mit einer verantwortungsbewußten und von der Sorge um den Frieden bestimmten Politik ab. Es kann andererseits aber auch nicht zulassen, das Opfer mittelbarer oder unmittelbarer Rückwirkungen zu werden, mit denen es nichts zu tun hat und die außerhalb seiner Verantwortung liegen.
Wie die Vereinigten Staaten von Amerika aus ihrer völkerrechtlichen, politischen und geographischen Sonderlage und gemäß ihren Grundsätzen vom Wesen der zwischenstaatlichen Politik die Konsequenz für ihr Verhalten gezogen haben, so hat auch Deutschland die individuelle Position eingenommen, die ihm im Hinblick auf seine besondere rechtliche, politische und geographische Lage zukommt und die seiner Friedenspolitik entspricht. Diese Friedenspolitik ist bestrebt, alles zu vermeiden, was zu Störungen inner- halb der zwischenstaatlichen Verhältnisse führen oder zur Ausdehnung bereits bestehender Konflikte beitragen könnte. Daß Deutschland darauf bedacht sein muß,
seine normale Wirtschaftsbetätigung nach allen Seiten aufrechtzuerhalten und andererseits den eigenen Bedarf an Verbrauchsgütern ficherzu stellen, ist ein Bestreben, daß diesen Grundsätzen keinerlei Abbruch tut und mit Rücksicht auf die Sicherstellung der deutschen Lebensedürfnisse und Lebensnotwendigkeiten unumgänglich ist. Die deutsche Politik muß diesem Punkt um so sorgfältigere Aufmerksamkeit widmen, als die mittelbare Auswirkung der Sanktionsmaßnahmen bereits zu einer Verknappung lebenswichtiger Bedarfsgüter im zwischenstaatlichen Handel geführt hat und der deutschen Staatsführung die Sicherstellung der Versorgung des deutschen Binnenmarktes zur Pflicht macht.
Deutschland hat in dem gegenwärtigen Streitfall von Anfang an eine strikt unbeteiligte Haltung eingenommen und fühlt sich in jeder Weise außerhalb eines Konfliktes, an dem es weder verantwortlich ist noch irgendeine Verantwortung übernommen hat. Indem Deutschland im Interesse des allgemeinen Friedens darüber wacht, nicht das Objekt oder gar Opfer irgendwelcher Maßnahmen zu werden, indem es zu feinem Teil alles vermeidet, was nur Verschärfung der Lags beitragen könnte, befindet es sich in voller lieber* einftimmung mit den Grundsätzen einer verantwortungsbewußten Politik und leistet damit in kritischer Zeit den ihm möglichen Beitrag zur Gewähr' leistung des allgemeinen Friedens.
Italien wirb niemals vergessen.
Zu energischer Abwehr der angedrohten Sanktionen bereit.
Rom, 7. Nov. (DNB.) Das halbamtliche „Gior- nale d'Jtalia" erklärt, daß die den Sühnemaßnah- men zugrunde liegende kalte Berechnung darauf abgestellt fei, Italien auszuhungern und ihm die Eroberung jener Kolonialgebiete unmöglich zu machen, die ihm von seinen Kriegsverbündeten England und Frankreich bei den Friedensoerhandlungen verweigert worden seien. Mit der gleichen kalten Ueberlegung bereite Italien die notwendigen Abwehrmaßnahmen vor, die ausnahmslos mit dem 18. November zur Anwendung kommen.
Man habe in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten versucht, Italien zur Mäßigung und Staffelung seiner Gegenmaßnahmen zu veranlassen. Diese Versuche könnten gut gemeint sein; sie gingen von dem klaren Wunsch aus, heftige Zusammenstöße zu vermeiden, die vom wirtschaftlichen leicht auf das politische Gebiet über- greisen könnten. Das Ergebnis solcher Methoden könnte aber für Italien nur gefährlich sein. Ohne die Sachlage selbst zu ändern, würden sie nur die Manöver des Gegners erleichtern, die Kräfte Italiens verzetteln und Italien selbst unerbittlich in das Räderwerk der Sanktionen hineinziehen.
Zu diesem gefährlichen Spiel gebe sich Italien nicht her.
Eine der friedlichen Absichten der von den sogenannten befreundeten Regierungen in Genf ausgeheckten Sühnemaßnahmen erstrebe die Schließung vieler industrieller Betriebe, um die Arbeitermassen Italiens arbeitslos zu machen und auf die Straße zu fetzen. Man wolle also sich der Armut Italiens bedienen, um seine Bevölkerung in den Hunger z u treiben. Von diesem ungeheuren Schandfleck werde sich die Geschichte der europäischen Kultur niemals wieder reinwaschen können, und Italien werde niemals den von seinen früheren Waffengenossen kalt ausgedachten Mordanschlag vergessen. Die gegen die italieyischen Arbeiter getroffenen Sühnemaßnahmen werden jedoch in der einmütigen Geschlossenheit der ganzen Nation ihre Antwort erhalten. Das in Genf auf- gerichtete Terrorregime könne Italien weder erschrecken noch in die Knie zwingen. Was aber auch in Europa und in der Welt daraus entstehen möge, d i e Verantwortung dafür werde bei denen liegen, die die S ü h n e m a ß n a h m e n in so blinder Wut organisiert haben.
Die italienischen Operationen gegen Kakalle.
Rom, 7. Nov. (DNB.) Nach den Frontberichten der römischen Spätabendblätter schreitet das Einkreisungsmanöver, das feit Tagen gegen Makalle von Osten, Norden und Westen her im Gange ist, planmäßig fort. Obwohl es v o n neuem regnet, wird in den Frontberichten übereinstimmend die Ansicht vertreten, daß es nur noch eine Frage von Stunden sei, bis die
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ersten größeren italienischen Truppenoerbände in Makalle einziehen. Die Einkreisung dieser Stadt sei schon soweit durchgeführt, daß den abessinischen Truppen nur noch d er Ausweg nach Süden in der Richtung auf Amba Alagi offen stehe, wo anscheinend starke abessinische Truppen- verbände zusammengezogen seien.
Nach einem Funkspruch des Kriegsberichterstatters des DNB. aus Asmara darf man trotz der Aufmerksamkeit, die sich auf den Abschnitt bei Makalle konzentriert hat, keineswegs die übrigen Abschnitte der Nordfront aus dem Auge lassen. Das Manöver des Korps Maraviqna, das jetzt westlich von A k f u m zu der Besetzung der Ortschaft Selaklakas geführt hat, wird als der Beginn eines Umgeyungsverfuches der Tembien-Hochebene, die östlich des Ta* kazze-Fluffes liegt, und der Semien-Hoch- ebene westlich des Takazze gewertet. Es handelt sich offenbar um die Herstellung einer unmittelbaren Fühlung dieses Frontabschnittes mit dem Westabschnitt am Setit - Fluß. Auch die Täigkeit, die die italienischen Truppen während der letzten Tage am Setit-Fluß entwickelt haben, deutet stark darauf hin. Einzelheiten fehlen allerdings. Aber verschiedene Anzeichen find dafür vorhanden, daß südlich des Setit eine Säuberungsund Vormarschaktion im Zuge beginnen soll. Eine solche Aktion gerade innerhalb dieses Frontabschnittes hat allerdings sehr ihre Gefahren. Einmal ist
ren Wirkung auf den soliden Engländer nicht zu unterschätzen ist. Nach der Unruhe und den betrüblichen Experimenten der ßabourregierung sind es gerade die Stetigkeit, die Tradition, die Beharrlichkeit — kurz das „Britisch-Konservative", die man im Lande schätzt. Und die Regierung ist zweifellos darauf bedacht, das auszunützen. Daß sie es vermieden hat, innerpolitifche Fragen zum Gegenstand des Wahlftreites zu machen, kommt ihr sehr zugute. Die große Maste des englischen Volkes liebt eine ruhige Politik, die keine Sensationen und Aufregungen kennt. Man hält die Regierung Baldwin für einen Erfolg, und es kann als sicher gelten, daß das in den Wahlergebnissen auch zum Ausdruck kommen wird. Man findet jedenfalls niemanden, der daran zweifeln würde, daß die konservative Mehrheit im wesentlichen erhalten bleibt.
Allerdings gibt es auch Zweifler, die diese Ansicht nicht ganz teilen oder die es doch zumindest für wahrscheinlich halten, daß die Konservativen etwas von ihrer Mehrheit verlieren. Diese Voraussage wird damit begründet, daß die letzte Mehrheit der Konservativen zu überwältigend gewesen sei und daß nach dem Gesetz des Pendels dieses nunmehr zurückschlagen müsse. Auch habe die Arbeiterpartei viel von dem verlorenen Boden zu
rückgewonnen, besonders, in den großen Industriegebieten, auf denen die Arbeitslosigkeit noch immer so sehr laste. Diese Meinung stützt sich aber viel eher darauf, daß die Regierung nicht mehr die gleiche Anziehungskraft aus übt, wie bei den Katastrophenwahlen des Jahres 1931, als etwa auf der Ansicht, daß die Arbeiterpartei große Chancen habe. Wie soll das bei dieser marxistisch geführten Partei auch der Fall sein, die weder ein Programm noch einen Führer hat, und die der Regierung kaum ernstlich vorwerfen kann, sie habe versagt?
So sicher man also bezüglich des Ausganges der englischen Wahlen sein kann, so wenig sollte man andererseits die Bedeutung dieses Ereignisses unterschätzen. Denn eine Bestätigung des jetzigen Kurses der englischen Regierungspolitik heißt ja, daß die nächsten vier Jahre hindurch die Konservativen wieder regieren werden, und zwar ungehemmter und zielklarer als das bisher der Fall war. Das für das Ausland Wesentliche dieser anscheinend so ohne Erregung und Aufsehen verlaufenden Wahl ist eben, daß es b i e Außenpolitik ist, die man zum Richtpunkt für das Urteil über die Regierung gemacht hat. Eine Bestätigung der Regierung heißt deshalb auch, daß ganz England die letzten außenpolitischen Aktionen
billigt und die Fortführung dieser Politik für wünschenswert hält. Wobei man sich klar darüber sein muß, daß kleinere Erfolge der Opposition, wenn sie zu verzeichnen sein sollten, nicht etwa heißen, daß diese Außenpolitik nicht gebilligt wird, sondern daß man sich nicht für völkerbundsfreundlich und vermittelnd genug hält!
Alexandrien soll nicht englischer Flottenstützpunkt werden.
London, 7. Nov. (DNB.) Das englische Auswärtige Amt hat der ägyptischen Regierung bestimmte Versicherungen abgegeben. In einer in Kairo hierüber veröffentlichten amtlichen Mitteilung heißt es, daß England niemals daran gedacht habe, sich die gegenwärtigen Umstände zunutze zu machen, um den Status Aegyptens zu modifizieren, und insbesondere niemals mit dem Gedanken gespielt habe, in Alexandrien einen Flottenstützpunkt zu errichten. Sobald der italienisch-abessinische Streitfall erledigt sei, würden sämtliche britischen Kriegsschiffe von Alexandrien zurückgezogen werde». Das Foreign Dffjce habe ferner erklärt, daß dis britische Regierung die Haltung Aegyvtens in der gegenwärtigen Lage zu schätzen wisse.


