mitmachen wollten. Die Provinzialdirekttvn Ober- Hessen hatte auf Veranlassung von Kreisdirektor Kloster mann für die sämtlichen Arbeiter, Be- amte und Angestellte ihrer Betriebe diesen Aus° Sug veranstaltet, um denselben mit ihren nächsten ngehörigen einen Tag der Freude und Erholung tat gemeinsamen Beisammensein zu ermöglichen.
Lus allen Teilen Oberhessens waren die Teilnehmer gekommen, manche mußten schon morgens um 3 und um 4 Uhr aus den Federn, um recht- zeitig in Gießen zu sein. Pünktlich verließ der Sonderzug Gießen. Bald herrschte fröhliche Stimmung im Zuge, die auch dadurch nicht getrübt werden konnte, daß der Zug in Großen-Linden auf einem Nebengleis längere Zeit stehen mußte, um einige D-Züge an sich vorbei zu lassen. Die Fahrt ging über Frankfurt und Darmstadt an der Bergstraße vorbei, die mit ihren herrlichen Luftkurorten ein reizendes Bild bot, über Heidelberg nach Hirschhorn.
Eine Musikapelle war dort zum Empfang aufgestellt und spielte beim Eintreffen des Sonder- zuges lustige Weisen. In bunter Reihe marschierten die Teilnehmer unter Vorantritt der Musikkapelle zum Marktplatz des Städtchens. Dort löste sich der Zug auf, und die Teilnehmer gingen in eines der 14 Lokale des Ortes, das für jeben einzelnen bereits auf seiner Essenkarte vorausbestimmt war, zum Mittagessen.
Kreisdirektor Klo st ermann besuchte in käme- rodschastlicher Weise die einzelnen Gruppen in ihren Lokalen. Dannach konnte jeder bis zur Abfahrt des Zuges 6.30 Uhr seine Freizeit gestalten wie es ihm beliebte.
Hauptsächlich wurde diese Zeit dazu benutzt, um das idyllisch gelegene Städtchen mit seinem romantischen Schloß zu besichtigen. Außerdem war reichlich Gelegenheit geboten, auf dem Neckar Dampferfahrten zu unternehmen.
In schönen altertümlichen Gaschäusern saß man dann den Rest der Zeit beisammen, um sich bei Wein oder Bier zu unterhalten. Für die tranzfteudige Jugend spielte die Stadtkapelle, nachdem sie mittags bereits Platzkonzerte am Marktplatz gegeben hatte. Aber auch die Aelteren wurden wieder jung und tanzten mit den Jüngsten eifrig um die Wette.
Unter solcher Kurzweile verging die Zett nur all xu schnell. Ungern schied man von dem im Abendsonnenschein liegenden Städtchen. Kreisdirektor Klo st ermann begleitete die Tettnehmer zum Bahnhof. Dort spielte die Stadtkapelle Abschiedsweisen und pünkllich verlies der Zug Hirschhorn, um die Teilnehmer nach Gießen zurückzubringen.
Dankbar gedachte jeder im Stillen des Führers, der durch fein Werk .Kraft durch Freude" es ihm ermöglicht hat, ein herrliches Fleckchen des deutschen Vaterlandes kennen zu lernen.
Olympia 1936 eine nationale Aufgabe.
Lin Derbeabeud in der Turnhalle.
Der Olympiade - Werbeabend in Gießen fand wiederum leider sehr spärlichen Besuch. Diesem Abend soll nun eine weitere größere Veranstaltung Ende August folgen. Vor den Vertretern des Heeres, der SA. und den Turn- und Sportvereinen sprach zunächst der Assistent am Institut für Leibesübungen der Universität Dr. Lotz, der einen ent- wicklungsgeschichllichen Ueberblick über die olympischen Spiele gab. Im Jahre 1936 soll nun, so führte er u. a. aus, Deutschland Ausrichter der Olympiade sein. So bietet sich eine gute Gelegenheit all den Nationen, durch ihre Sportabgesandten einen Einblick in die wahren Verhältnisse in unserem Vaterland zu bieten. Die Vorarbeiten für die Olympiade 1936 haben eine hohe propagandistische, aber auch eine ebenso starke wirtschaftliche Bedeutung. Einmal kann Deutschland durch die Werbung für den Besuch dieser Olympiade schon weite Kreise der Weltöffentlichkeit vorbereiten, und schließlich werden mit den Sportabgesandten auch die zahlreichen Besucher der Olympiade Gelegenheit haben, Deutschland kennenzulernen.
Die wirtschaftliche Bedeutung ergibt sich bereits aus der Errichtung des olympischen Dorfes in der
märkischen Heide bei Berlin mit einem riesigen Stadion, an dem fieberhaft gearbeitet wird. Daran schließt sich an der Besuch zur Zeit der Spovt- Veranstaltung durch die Fremden, denen günstige Gelegenheit geboten wird, sich Deutschland anzusehen.
Für jeden Deutschen ist es darum ernste Pflicht, diese größte Sportveranstattung der Welt, die nur alle vier Jahre einmal abgehalten wird, nach besten Kräften zu unterstützen.
Anschließend an die Ansprache zeigte Herr H o r e y s e ck drei Schmalfilme über die Entstehung des Olympia-Dorfes, der auch der Führer großes Interesse entgegenbringt, ferner über leichtathletische Leistungen auf der letzten Olympiade, die in Amerika stattfand, sowie schwimmsportliche Darbietungen aus der letzten Zeit.
Gießener Blumenschmuck-Wettbewerb.
Der Verkehrs- und Verschönerungs- Verein Gießen veranstaltet auch in diesem Jahre wieder einen Blumenschmuckwettbewerb und ersucht alle Einwohner, durch das Bepflanzen von Vorgärten und Veranden sich an dem Wettbewerb au beteiligen. Es wird besonders darauf aufmerksam gemacht, daß auch eine Schmückung, die mit geringen Mitteln durchgeführt ist, berücksichtigt werden wird. Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht.
Zusammenarbeit
Schule und Hitlerjugend.
Die Landesregierung gibt in einem Schreiben an die Direktionen der höheren Schulen hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Schule und Hitlerjugend folgendes bekannt:
Wie bekannt wird, sind bei der Verschickung von Klassen in die Schullandheime durch die Verpflichtung der Jugendlichen zur Teilnahme am Staatsjugendtag oder an anderen Veranstaltungen der Hitler-Jugend Schwierigkeiten entstanden. Nach einer stattgefundenen Aussprache zwischen der Gebietsführung und der Landesregierung ist folgendes angeordnet:
1. Ein Zwang zur Teilnahme am Schullandheimaufenthalt soll und kann nicht ausgeübt werden. Um aber die erzieherische und unterrichtliche Auswertung des Landheirnaufent- Halles für die Gesamtklasse zu sichern, ist es richtig, wenn nur aus wirklich dringenden Gründen, z. B. wirtschaftlichen, die auch nicht von der Gemeinschaft beseitigt werden können, oder entsprechenden Verpflichtungen der Hitler-Jugend gegenüber eine Beurlaubung gut- geheißen wird.
2. Damit der Aufenthalt im Landheim durch den Staatsjugendtag nicht erheblich gekürzt zu werden braucht, sind nur die Führer im Jungvolk bzw. BDM. für den Samstag au befreien, soweit nicht eine vorherige Absprache mit der zuständigen Dienststelle die Notwendigkeit einer Beurlaubung ergab. Die anderen Angehörigen des Jungvolks bzw. BDM. sind grundsätzlich nur bei besonderen Anlässen (Ju- gendfest und dergleichen) vom Schullandheim zu befreien. Im übrigen ist ihnen die Mög- lichkeit zu geben, mit der Staatsjugend des Landheimortes den Samstag zu gestalten.
3. Zur Sicherung einer wertvollen Zusammenarbeit Zwischen Schule und Hitler-Jugend mache ich in diesem Zusammenhang ganz allgemein darauf aufmerksam, daß eine gegenseitige Fühlungnahme und Aussprache der örtlichen Schul- und Hitler-Jugend-Dienststellen von der Gebietsführung und mir für notwendig und erwünscht gehalten werden.
4. Wiederholt vorgetragene Bitten der Hitler- Jugend und des BDM. geben mir weiterhin Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß bei der Stundenplangestaltung am Staatsjugendtag für die Klassen von III b aufwärts tunlichst vermieden wird, wichtige Unterrichtsstunden auf diesen Tag zu legen.
vornottzen.
— Tageskalender für Montag: NSG. „Kraft durch Freude": 18 bis 19.45 Uhr: Schwimmen in der Badeanstalt des Männerbade- Vereins. 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömds, Brandplatz. 18 bis 20 Uhr Tennis auf den Tennisplätzen am Schützenhaus. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: ..Die scharlachrote Blume".
♦
■
** Auszeichnung mit demSchlageter'- schild. Dem Leutnant a. D. und Justizsekretär bei dem Landgericht Gießen, Pg. Karl Bischoffs würbe wegen seiner Beteiligung an den Kämpfen: Grenzschutz 1918 bis 1920 und Spartakus 1919 bis 1923, insbesondere auch bei der Niederwerfung des Max-Hölz-Aufstandes in Mitteldeutschland, der Schlageterschild verliehen.
** Militärkonzert auf dem Landgraf-Philipp-Platz. Am kommenden Mittwoch, in der Zeit von 17 bis 18 Uhr, findet wiederum ein Militärkonzert des Musikkorps unserer Garnison, und zwar diesmal auf dem Land- graf-Philipp-Platz statt. Für das Konzert ist fol- genbes Programm vorgesehen: 1. Pour le msrtte von Schwarz; 2. Ouvertüre „Maritana" von Wallace; 3. Zwei Militärmärsche von F. Schubert; 4. Fantasie über 4 deutsche Lieder von Schmidt; 5. Finnländischer Reitermarsch.
** Die Nachsendung von Postsendungen. Das Postamt Gießen teilt mit: Zu Anttä- gen auf Nachsendung von Postsendungen sind möglichst die amtlichen Formblätter zu benutzen, die an den Postschaltern und von den Postzustellern zur Abgabe bereitgehalten werden. Die Verwendung dieser amtlichen Formblätter gewährleistet die pünktliche Nachsendung der Post und ist daher zum Vorteil der (Empfänger.
** Regimentsappell des Jägerregiments Nr. 13. Der Kameradschaftsführer der ehern. Hess. Leib-Dragoner im Kreise Gießen, Emil E i b m a n n, teilt uns mit: Das auch aus unserem Regiment zusammengestellte Jägerregiment zu Pferde Nr. 13 hält vom 7. bis 9. September in der alten Garnison Saarlouis einen Regimentsappell, verbunden mit einer Gedenksteinweihe, ab. Jeder Jäger zu Pferd sollte es als Ehrenpflicht ansehen, im September nach Saarlouis zu kommen, um mit seinen alten Freunden und treuen Kameraden frohe Stunden des Wiedersehens zu verleben. Schon jetzt wird mit einer starken Beteiligung ae- rechnet; vorgesehen ist u. a. eine Gemeinschaftsfabrt von Mainz ab zu einem verbilligten Preise (75 Prozent). Alles Nähere ist zu erfahren durch Kamerad Heinrich Muth, Steuerinspektor, Wörrstadt (Rheinhessen).
Oberheffen.
10 Jahre Gängervereinigung Wieseck
£ Wieseck, 8. Juli. Die Sängerverein i- ?u n g Wieseck 1 9 2 5 feierte gestern das Fest es zehnjährigen Bestehens. Eingeleitet wurde die Jubelfeier mit einem Umzug des festgebenden Vereins am Samstagabend mit anschließender Begrüßungsfeier, die mit Rücksicht auf die kühle Witte- rung im Saalbau von Hormann stattfand. Nach dem Vortrag des deutschen Sängergrußes und eines Begrüßungschores ergriff der stellvertretende 23er» einsoorfitzenbe Schäfer das Wort. Er wies auf den vor 10 Jahren erfolgten Zusammenschluß der Gesangvereine „Jugendgrund", „Konkordia" und Teile der „Eintracht" hin, um besser den Idealen des deutschen Männergesanges dienen zu können. Die seinerzeit erhofften Erwartungen seien vollauf in Erfüllung gegangen, die Sangesfreudigkeit habe sich gehoben und der Chor habe an musikalischem Können und Klangfülle unter Leitung feines Dirigenten, des Musiklehrers Groß, Wieseck, um ein Bedeutendes zugenommen. Chorvorträge der Gesangsriege des Turnvereins Wiefeck unter Stabführung feines Dirigenten Meyer, Wiefeck, und des Großfchen Männerchors verschönten den Abend in bester Weise.
Den Festtichkeiten am Sonntag ging, unter Borantritt der Kapelle Mauk, hier ein Festzug durch die Ortsstraßen voraus, an dem neben dem fest- gebenden Verein und dem Gesangverein Waldgir- mes nur Fahnenabordnungen der übrigen örtlichen Vereine teilnahmen. Auf dem Festplatz angekommen begrüßte Dereinswalter Schäfer die zahlreich erschienenen Feftgäste und gedachte des Führer und Vaterlandes mit einem dreifachen „Sieg-Heil!". Nicht ein groß aufgezogenes Fest, so führte der Redner aus, solle es sein, sondern eine harmonische Erinnerungsfeier an die Zeit der Vereinsgründung. Konzertstücke der Musikkapelle, Gesangsvorträge des Gastvereins Waldgirmes, Dirigent Groß, Wieseck, und des Gesangvereins „Eintracht", Wieseck unter Leitung von Musiklehrer Leib (Gießen) wechselten miteinander ab, bis bei Tanz und Sangesfreude die Jubiläumsfeier ein harmonisches Ende nahm.
Treffen der evangelischen K rchen- gesangvereine in Butzbach.
+ Butzbach, 7. Juli. Heute morgen trafen hier sämtliche evangelischen Kirchengesangvereine des Dekanatsbezirkes Friedberg zu einem Schütz-Bach- 1 Händel-Tag ein. Mit den Kirchenchören aus Fried
berg, Bad-Nauheim, Okarben, Ober-Rvsbach und Kaichen war auch noch eine ganze Anzahl Freunde der Kirchenchöre aus diesen und benachbarten Orten anwesend. Die Feier zum Andenken an die großen Kirchenmusiker Schütz, Bach und Händel wurde durch einen Festgottesdienst in der geräumigen St.-Markus-Kirche eingeleitet, der sehr gut besucht war. Während Pfarrer Laun von Okarben den liturgischen Teil, den er in gesanglicher Form darbrachte, übernommen hatte, hielt Professor Lic. Gerstenmaier vom Predigerseminar Friedberg die Festpredigt, der er Worte aus dem Markusevangelium Kap. 7 und 14 zugrunde legte. Der Grundton seiner Predigt war auf die Worte: „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr" abgestimmt. Der Gottesdienst wurde von Chorgesängen der Vereine und Wechselgesänge umrahmt.
Anschließend fand auf dem Marktplatz ein Choralsingen, an dem sich alle Chöre beteiligten, statt. Der Posaunenchor Lang-Göns, unter Leitung von Weißbindermeister Boller, trug einige Kirchenmusikstücke vor. Er begleitete dazu noch zwei schwierige Chöre der Dekanatsvereine. Pfarrer Schneider hielt eine kurze Ansprache, in der er auf die Bedeutung der großen Meister Bach, Händel und Schütz und des Kirchenliedes überhaupt hinwies. Diese Feier wurde mit dem gemeinsamen Gesang „Ein feste Burg ist unser Gott" beschlossen. Am Nachmittag wurde eine Gemeindefeier in der städtischen Reithalle veranstaltet, die wiederum guten Besuch aufzuweisen hatte. Allen Anwesenden wurde Kaffee und Kuchen gereicht. Die Kirchenchöre von Kaichen, Okarben trugen einige Lieder vor. Dekan Rühl- Friedberg begrüßte die versammelte Gemeinde und wünschte im kommenden Jahre noch mehr Vereine beim De- kanatskirchengesangstag begrüßen zu können.
Weitere Ansprachen hielten Musikdirektor Rose n m e y e r - Bad-Nauheim und Kirchenmusiker Hermann A p s - Friedberg. Beide betonten, daß die Kirchenmusik heute nicht nur Sache der Kirchenchöre allein sei, sondern es müßten weitere Volkskreise für diese schöne Kunst gewonnen werden. Professor Lic. Gerstenmaier hielt einen Vortrag über die großen Meister der Kirchenmusik Bach, Schütz und Händel, wobei er hervorhob, daß diese Komponisten ihre eigene christliche Ueberzeugung und Glauben in musikalischere Formen gebracht hätten. Allgewaltig sind ihre Werke, die uns überliefert sind. Nach der Kaffeepause dankte Pfarrer
Kamm verkennst du mich, Barbara?
DRoman von Liane Sanden.
Urheberrechtschutz: Funs-Türrne-Verlag, Halle (S.)
29 Fortsetzung Nachdruck verboten!
33. Kapitel.
Barbara saß zum ersten Male wieder auf dem Frühftücksplatz unter der großen Kastanie. Die Blütenkerzen waren inzwischen verblüht. Schon schwollen die winziy kleinen, grünstacheligen Früchte an den Zwergen. Die Beete vor dem Frühstücksplatz standen in sommerlicher Pracht. Eine kleine Meise saß auf der Spitze eines Flieder- strauches und äugte zwitschernd hinunter auf den Frühstückstisch.
In die bunten Kissen eines bequemen Ruhebettes aus Korb gebettet, lehnte Barbara, halb liegend, halb sitzend. Sie trug einen Hausanzug aus zartgeblümter Seide, die ihre Farben dem bunten Staudenbeet am Rande des Rasens entlehnt zu haben schien.
Ihr schönes Gesicht zeigte den rosigen Hauch der Genesung. Bewundernd sah Magdalena die Freun- bin an. Sie war in der Zett der Krankheit womöglich noch viel schöner geworden. Die abweißende Strenge war einer sanften Verträumtheit gewichen. Sie sah jetzt genau wieder so aus wie vor der tragischen Ehe mit Albert von Stechow.
Wie sie Barbara liebte! Die Verstimmung zwischen ihnen war geschwunden, wie Schnee vor der Sonne schmilzt. Sie hatten beide nicht mehr über das geheimnisvolle Mißverständnis zwischen ihnen beiden gesprochen. In der Sorge um Barbaras Leben war für Magdalena das alles versunken, wie für Barbara in ihrer Dankbarkeit für Magdalena.
Wie rührend pflegte die Freundin sie! Schwester Mechthildis war seit zwei Tagen fort. In einer benachbarten Industriestadt war eine Epidemie ausgebrochen. Das Kloster hatte bei Barbara an» gebragt, ob Schwester Mechthildis wohl abkömmlich wäre, um dort lebensnotwendige Pflegen zu übernehmen.
Sofort hatte Magdalena nach Rücksprache mit dem Arzt die Pflege Barbaras übernommen, um die Schwester Mechthildis frei zu machen.
Magdalena hatte Barbara heute morgen mit Hilfe der Zofe angekleidet. Sie hatte sie an den Frühstückstisch geführt und bequem gebettet. Jetzt strich sie ihr das goldbraune Brötchen mit Butter un duftendem Honig, legte es ihr handgerecht hin. Nun klopfte sie ihr das Ei auf, das soeben frisch aus der Hühnersteige geholt worden mar, goß den Kaffee In die hauchdünne Tasse.
„Wie gut du zu mir bist!"
lieber den Strauß bunter Wicken hinweg griff Barbara nach Magdalenas Hand.
Magdalena sah ganz beschämt aus.
„Aber Bärbel" Zum ersten Male seit langer Zeit nannte sie die vergötterte Freundin wieder mit dem Namen, den sie ihr in der heiteren Pensionszeit gegeben. Für das heitere kindliche Geschöpf war ihnen allen damals Barbara als viel zu ernst und streng erschienen. So hatten sie die Freundin in Bärbe umgetauft. Als Magdalena Barbara nun nach ihrer unglücklichen Ehe wiedersah, fand sie, daß dies verschlossene, hochmütig-schöne Frauengesicht wirklich nur zu dem Namen Barbara paßte. Aber sie hätte gewünscht, es wäre anders. Nun zum ersten Male sagte sie wieder „Bärbel" zu ihr.
Und Barbara schien glücklich über dies kleine Kosewort ihrer Mädchenzeit. Eifrig bediente Magdalena die Freundin und befahl ihr in drollig- strengem Ton alles, aber auch alles aufzuessen und auszutrinken.
Barbara sollte nicht glauben, daß sie hier wochenlang noch als Rekonvaleszentin im Lehnstuhl sitzen dürfe. Nein, Magdalena hätte sich ihr Wort gegeben, daß Barbara in kurzer Zeit wieder vollkommen frisch und gesund sein würde.
Als Barbara etwas zweifelnd aussah, meinte Magdalena eifrig:
„Denk nur an, Barbara, wie alles auf dich war-, tet! Du hast in den letzten Wochen ja gar nicht gesehen, wie herrlich alles vorangegangen ift Die weiße Zuchthenne hat eine ganze Schar Kücken. Und die bunten Enten, die schwimmen stolz mit ihrer goldgelben jungen Brut auf dem Teich. Die Mamsell jammert, weil sie nicht weiß, wie viele Puten sie zur Zucht behalten soll. Im Leutehaus drüben sollst du bestimmen, ob die Handwerker kommen sollen, frisch streichen und ausbessern. Ach, es gibt ja so schrecklich viel zu tun für dich. Mackenroth fragt schon jeden Tag, wann er wieder einmal etwas mit dir besprechen kann, statt mit dem Oberinspektor. Ich glaube, die beiden kommen nicht gut miteinander aus. Also du siehst, alles wartet auf dich!"
Mit versonnenem Lächeln sah Barbara vor sich hin Alles wartete auf sie!, hatte Magdalena gesagt. Wirklich, heute, wo sie zum ersten Male wieder aus der Haft des Hauses entlassen, hier draußen in ihrem Park faß, empfand sie die ganze Bedeutung dieses Wortes. Sie war ja die Herrin hier Sie hatte nicht nur die Rechte, sie hatte auch alle Pflichten. Auf ihr lag die Berantroor- tung für das ganze große Besitztum mit feinen Aeckern und Feldern — und mit feinem reichen Bc- ftanb an Tieren. Auf ihr lag die Verantwortung für all die Menschen, die hier in Arbeit und Brot standen. . . .. ,,
In der Stille des Krankenzimmers war die Welt hier draußen ganz weit fort gewesen. Nun auf
einmal war sie ihr wieder nahe. Mit demütiger Dankbarkeit fühlte Barbara dies tätige Leben, an dem sie nun wieder teilhaben sollte...
„Du hast recht, Magdalena! Man muß zu Kräften kommen!" Sie zwang sich zu essen, was Magdalena ihr auf den Teller gelegt' hatte.
„Weißt du, mit dem Appetit ist es immer noch nicht richtig!"
„Nun, wenn du erst wieder retten kannst und herauskommst, dann wird das alles schon werden!"
Retten! Barbara sah wie im Geiste vor sich die sonnige Weite des Landes, die Berghänge hinter den schimmernden Wäldern. Sie sah sich selbst unter dichten Zweigen dahintraben. Und merkwürdigerweise: sie sah sich nicht allein — an ihrer Seite ritt schützend Eckehard.
Sie errötete. Wie tief war sie in diese Träumerei versunken! Sie hatte Magdalenas Worte gar nicht gehört, so daß diese ganz erstaunt von ihrem Brief aufsah.
„Verzeih, Magdalena, ich war in Gedanken. Ja, was sagtest du eben?"
„Ach, ich habe einen Brief von zu Hause bekommen, Barbara. Der junge Vikar, der bei uns ist, weißt du — ich erzählte dir einmal von ihm —, macht eine kurze Ferienwanderung. Er wollte durch das ©laßer Gebirge wandern. Wenn es dir recht ist, will er einmal kommen, um nach mir zu sehen."
Sie hatte es etwas verwirrt gesprochen. Aber Barbara, noch ganz in ihre eigenen Gedanken versunken, hatte nur den Sinn von Magdalenas Worten ausgenommen.
„Selbstverständlich ist er mir herzlich willkommen, Magdalena. Er kann hierbleiben, solange er will. Wir haben ja in unseren Gastzimmern genügend Platz."
Magdalena stand auf.
„Ach, bann will ich gleich schreiben. Vielleicht kommt der Brief noch zu Hause an, ehe er seinen Urlaub antritt. Sieh mal, dort drüben kommt von Hause her ja Graf Bannosch. Da hast du ja Gesellschaft." Sie lachte leise auf. „Du, Barbara, das ift aber ein getreuer Verehrer. Kein Tag ist vergangen, an dem er nicht. nachgefragt hätte. Bisher konnten wir ihn nie vorlassen. Nun endlich hat er dich einmal erwischt. Da wird er ja glücklich sein."
Barbaras Gesicht verschloß sich. Sie war nicht entzückt, daß Bannosch kam. Aber es war nun zu spät. Er hatte sie und Magdalena, die ihm jetzt entgegenging, auf dem Frühstücksplatz gesehen. Schon kam auch das Stubenmädchen eilig mit dem Tablett, um abzuräumen.
Barbara sah, wie Josef Bannosch Magdalena begrüßte und dann eilig auf sie zukam.
„Gnädige Frau, welche Freude, Sie nun endlich zu sehen." Sein leichtsinniges, schönes Gesicht
sttahlte vor Zärttichkeit. „Das ift eine richtige Ueberrumpelung — nicht wahr?"
„Allerdings, Graf!"
Barbara entzog Graf Bannosch wieder sehr schnell ihre Hand, über die er sich gebeugt hatte.
„3m allgemeinen pflege ich so zeitig noch keine Besuche zu empfangen."
„Schelten Sie nicht, gnädige Frau", bat Bannosch mit drolliger Zerknirschtheit. „Gerade darum bin ich ja so zeitig gekommen. Auf diese Weise konnte ich wenigstens hoffen, einmal der erste zu sein."
„Ich verstehe Sie nicht, Graf Bannosch. Ich habe bisher überhaupt noch keine Besuche gehabt. Aber, bitte, nehmen Sie doch Platz. Darf ich Ihnen noch irgend etwas anbieten? Kaffee, Tee, Gebäck?"
Sie wies durch eine Handbewegung das Stubenmädchen an, den Gebäckkasten, Butter und Kaffee noch stehen zu lassen.
„Vielen Dank gnädigste Frau! Eine Tasse Kaffee nehme ich noch mit Dank an. Es ist heute früh schon sehr heiß. Ich habe meinen Gaul or- oentlich laufen lassen, um schnell hier zu sein."
Behaglich setzte sich Bannosch auf Magdalenas Platz und ließ sich von dem Stubenmädchen den Kaffee eingießen. Dabei ließ er entzückt feine Blicke auf Barbara ruhen.
„Sie haben sich wunderbar erholt, gnädigste Frau. Wenn ich es aussprechen darf: Sie sind beinah noch bezaubernder als früher!"
.Keine Schmeicheleien, Graf, bitte!" Barbara war ganz Abwehr. „Vielen Dank noch für Ihre freundlichen Erkundigungen!" setzte sie hinzu. „Ich habe gehört, Sie haben sich sehr oft bemüht!"
„Ja, aber leider wurde ich nie vorgelassen wie gewisse andere Leute", warf Bannosch jetzt leiser ein, dabei dem fortgehenden Mädchen nachschauend.
Ein kühles Befremden stand in Barbaras Augen:
„Ich verstehe diese Andeutung ebenso wenig wie Ihre vorherige Anspielung. Wen meinen Sie denn mit den anderen Leuten, die vorgelassen werden? Ich habe Ihnen doch schon erklärt, daß ich in den ganzen Wochen außer meinen Aerzten, der Pflegeschwester und meiner Freundin niemand gesprochen habe."
Bannosch überlegte. Wie fing er die Sache nur am besten an? Vielleicht, indem er sie von vornherein als ein Nichts hinstellte. So meinte er denn lässig:
„Oh, verzeihen Sie, gnädige Frau, dann bin ich offenbar falsch unterrichtet. Aber Sie haben recht: die Besprechung, die Sie Ihrem Inspektor Macken« roth gewährten, rechnet selbstverständlich nicht unter das, was man als Besuch bezeichnet. Sie haben ihn wahrscheinlich zum Bortrag befohlen gehabt."
(Fortsetzung folgt!)


