Kr. 156 Drittes Blatt Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Mntag, 8.Zuli (935
Die Provinz Oberheffen im Rechnungsjahr 1935.
Rechenschastsberichte und Voranschlags-Verabschiedung im Provinzialtag Oberheffen.
Im Sitzungssaale des Kreisamtes Gießen fand am Samstagmittag die diesjährige ordentliche Iahrestaguno des Provinzialtages der Provinz Oberhessen unter dem Vor- srtz des Leiters der oberhessischen Provinzialverwaltung, Pg. Klostermann, statt.
Nach der Begrüßung des Provinzialtags, Feststellung der Beschlußfähigkeit und Bestellung der Urkundspersonen machte der Vorsitzende
pg. Klostermann
zunächst geschäftliche Mitteilungen, in deren Rahmen er u. a. dem am 22. März d.J. bei Lollar tödlich verunglückten Provinzialtagsmitglied Kreisbauernführer Adam Dörrschuck einen Nachruf widmete; er sagte hierbei, während sich die Versammlung von den Sitzen erhoben hatte: Der Tod dieses Mannes bedeutete nicht nur einen schweren Verlust für die Kreisbauernschaft Ober- Hessen-West, deren Führer er war, sondern mit Adam Dörrschuck verlor der Nationalsozialismus einen aufrechten Kämpfer fürs Dritte Reich und das gesamte Bauerntum Hessen-Nassaus, einen Führer, der mit seinem innersten Wesen sich als Bauer dem Bauerntum verbunden fühlte, und der einer seiner Vorkämpfer auf dem Wege zu Adolf Hitler war. Wie seine Väter, so war auch er Bauer und bewirtschaftete als erfolgreicher Landwirt seinen Hof. Darüber hinaus aber sah er die großen Aufgaben des deutschen Bauerntums und war zu allen Zeiten ein Kämpfer für dieses Ziel. Zu Beginn des Jahres 1931 trat Adam Dörrschuck
in die NSDAP, ein und wurde Mitglied des agrarpolitischen Apparates, dem von nun an seine ganze Arbeit in unermüdlichem Kampfe gewidmet war. Als landwirtschaftlicher Fachberater des Kreises Gießen leistete er ebenso Vorbildliches im Dienste des Führers, wie auch nach der Machtübernahme als Kreisbauernführer des Reichsnährstandes. So hat der Tod dieses Mannes eine Lücke gerissen, die in Partei und Reichsnährstand, im Kreise seiner Kameraden und im gesamten Bauerntum mit tiefstem Schmerz empfunden wurde.
Oie Rechnungen von 1933
Pg. Klo st ermann berichtete sodann über die Rechnungen der Provinzialkasse für das Rechnungsjahr 1933, sowie über den Betrieb und die Rechnungen des Wasserwerks Inheiden und des Ueberlandwerks. Bei der Prüfung der Rechnungen haben sich keine Beanstandungen ergeben.
Die Provinzialkasse-Rechnung vom Rechnungsjahr 1933 schließt für den Betrieb in Einnahme mit 4 378 000 Mark, in Ausgabe mit 4 258 000 Mark ab. Der Rechnungsrest beläuft sich also auf 120 000 Mark, bestehend in bar mit 37 600 Mark, in Ausständen mit 82 400 Mark. In der Ver- m ö g e n s rechnung ergibt sich ein Rechnungsrest von 472 300 Mark, einschl. der vorerwähnten 120 000 Mark. Hiervon sind bereits im Voranschlag für 1934 verwendet 153 500 Mark, zum Ausgleich des Voranschlags für 1935 mußten 142 400 Mark in Anspruch genommen werden, so daß als bares Betriebskapital noch 176 400 Mark verbleiben.
Der Voranschlag für 1935.
Der Voranschlag über die Einnahmen und Ausgaben der Provinz im Rj. 1935 schließt wie folgt ab: Aus gab? 3 498 374 2IL, Einnahme 3 343 374 21L Es besteht somit ein Fehlbetrag von 155 000 IN., und zwar bei dem Strahenunterhaltungsvoranschlag.
Es ist dies — so führte Pg. Klo st ermann aus — darauf zurückzuführen, daß die Erträgnisse aus der Kraftfahrzeug st euer von 630 000 M. voraussichtlich auf 424 000 M. zurückgehen werden, also um rund 206 000 M. Von diesem Einnahmeausfall werden 70 000 M. ausgeglichen durch Uebernahme von Löhnen von Straßenwärtern auf das Reich infolge ihrer Beschäftigung auf Reichsstrahen. Es verbleiben 136 000 M. Der Staatszufchuß für die P r o v i n z i a l - Pflegeanstalt, der in den bisherigen Voranschlägen mit 20 000 M. vorgesehen war, ist durch Anordnung des Herrn Reichsstatthalters (Landesregierung) für das Rj. 1935 gestrichen worden. Im Rj. 1934 wurden statt 20 000 M. nur 5000 M. bewilligt. Fehlbetrag zusammen 156000 M., der sich durch anderweiten Ausgleich um 1000 M. verringert und endgültig auf 155 000 M. stellt. Wenn es nicht gelingt, im Rj. 1935 für diese 155 000 M. einen Ausgleich zu schaffen, so muß der unter Kapitel V, Titel 3 für Landstraßen 1. Ordnung vorgesehene Betrag von 327 000 M. um diese 155 000 M. gekürzt werden auf 172 000 M. Es ist dies außerordentlich bedauerlich, sowohl vom Standpunkt der unbedingt notwendigen Unterhaltung der Provinzstraßen aus gesehen, als auch vom
Standpunkt der Arbeitsbeschaffung. Aus allgemeinen Mitteln können wir diese 155 000 M. nicht aufbringen. Ob und in welchem Umfang Arbeitsbeschaffungen, die aus Anleihemitteln gedeckt werden, im- Rj. 1935 durchgeführt werden können, wird der Provinzialausschuß im Laufe des Rj. beschließen. Es wird die Ermächtigung zur Aufnahme etwaiger Anleihen, wie unter Kapitel V, Titel 6 des Straßenunterhaltungsvoranschlags vorgesehen, beantragt.
Die Anleihen, die für die Sirahenherslellungen in der Provinz bis jetzt ausgenommen wurden, betragen unter Berücksichtigung der inzwischen ausgeführten Tilgungen, jetzt noch rund 6,2 Rlill. RM. Der größere Teil der Schulden ist verursacht durch außerordentliche Herstellungen aus provinzstraßen, dke inzwischen Reichsstrahen geworden sind, und auch Landstraßen I. Ordnung.
Bedauerlicherweise beteiligten sich weder das Reich noch das Land an dem Kapitaldienst, so daß die Provinz hier außerordentlich hoch belastet ist. Ich habe versucht, aus diesen Reichs- und Staatsmitteln für diesen Kapitaldienst Zuschüsse zu erhalten, bis jetzt leider ohne Erfolg. Die Verhandlungen sind aber noch nicht abgeschlossen.
Das Straßennetz der Provinz Oberhessen umfaßt insgesamt 2309 Kilometer, wovon 2279 Kilometer durch die Provinzialstraßenverwaltung unterhalten werden. Letztere werden gemäß Reichsgesetz über die einstweilige Neuregelung des Straßenwesens
und der Straßenverwaltung vom 26. März 1934 und den Ausführungsbestimmungen hierzu vom 7. Dezember 1934 eingeteilt in Reichsstrahen (Träger der Straßenbaulast: das Reich), Landstraßen 1. Ordnung (Träger der Straßenbaulast: das Land Hessen) und Landstraßen 2. Ordnung (Träger der Straßenbaulast: Provinz Oberhessen).
Von den oben angeführten 2279 Kilometer Straßen entfallen nach dem Vorhergesagten 272 Kilometer auf Reichsstrahen, 1091 Kilometer auf Landstraßen 1. Ordnung und 916 Kilometer auf Landstraßen 2. Ordnung.
Die R e i ch s st r a ß e n scheiden aus dem Voranschlag der Provinz völlig aus, da sämtliche Kosten vom Reich unmittelbar bezahlt werden. An den Ausgaben für die Straßenwärter beteiligt sich das Reich insoweit, als es für die Inanspruchnahme von Straßenwärtern, entsprechend der Länge der aus dem Etat ausgeschiedenen Reichsstraßen der Provinz 70 000 RM' (35 Wärter zu 2000 RM.) zurückerstattet. Weitere Belastungen hat das Reich gesetzlich nicht zu tragen.
Was die Landstraßen 1. Ordnung anbelangt, so bestimmt, wie bei den Reichsstraßen das Reich, hier das Land Hessen als Träger der Strahenbaulast, welche Arbeiten vorgenommen werden sollen. Im Jahre 1935 können Walzarbeiten und besondere Herstellungen mangels verfüabarer Mittel nicht ausgeführt werden. Für die lausenden Unterhaltungskosten, die sich aus Taglöhnen, Fährlöhnen, Lieferung von Flickmaterial und dgl. mehr zusammensetzen, können Einzelangaben nicht gemacht werden; die hierdurch voraussicbtlich entstehenden Kosten sind in einer Summe zusammengefaßt.
Das, was vorstehend für die Landstraßen 1. Ordnung angeführt ist, gilt auch sinngemäß für die Land st raßen 2. Ordnung, für deren sachliche Unterhaltung die Provinz als Trägerin der Straßenbaulast die Kosten allein aufzubringen hat.
Um das ganze Unterhaltungs- und Abrechnungswesen infolge der Teilung des Netzes nicht zu unübersichtlich und schwierig zu gestalten, sollen vorläufig die Straßenbauoerwaltungen bei den Provinzen verbleiben und die erforderlichen Mittel — auch die Anteile des Staates — von den Provinzen aufgebracht werden. Es ist deshalb in den Voranschlägen eine Unterteilung der Verwaltungskosten, der allgemeinen Unterhaltungskosten und auch der Einnahmen, insbesondere der Erträgnisse aus der Kraftfahrzeugsteuer, unterblieben.
Der Slrahenunlerhaltungsvoranschlag erfordert in Ausgabe 1 852 000 R7N. Die Einnahmen betragen 352 000 RRl.» aus allgemeinen Mitteln sind daher 1320 000 RM. aufzubringen. Die Ausgaben müssen zum Ausgleich des Strahen- unkerhaltungsvoranschlags, wie oben bemerkt, von 1 852 000 RM. um 155 000 RM. auf 1 697 000 RM. gekürzt werden. Dann verbleiben immer noch aus allgemeinen Mitteln
der Provinz 1 165 000 RM. aufzubringen.
Das Straßennetz der drei hessischen Provinzen umfaßt: in Oberhessen rund 2300 Kilometer, in Starkenburg 2000 Kilometer, in Rheinhessen 1000 Kilometer. Bis zum 1. April 1935 sind ausgeführt worden: Großpflaster 8 Kilometer, Kleinpflaster 173 Kilometer, Gußasphalt, Topeka, Teermakadam, Beton 72 Kilometer, Halbtränkdecke 17 Kilometer, | Traß-, Zementschotterdecken 84 Kilometer, Ober
flächenbehandlung auf Neuwalzuno bzw. auf alter Schotterdecke, Walzungen ohne Oberslächenbehand- lung 193 Kilometer, zusammen 574 Kilometer.
Die Finanzlage der Provinz hinsichtlich der vermögensrechtlichen Seite ist durchaus gesund. Ls bestehen, abgesehen von den Strahenschul- den, keinerlei kurzfristige Schulden. Auch die wirtschaftlichen Betriebe der Provinz können als durchaus gesund bezeichnet werden.
Der Provinz harren noch allerhand Aufgaben wegen Herstellung der Provinzstraßen. Namens des Provinzialausschusses stelle ich den Antrag:
„Zur Durchführung von Arbeitsbeschaffungs- mahnahmen sind für dringend notwendige Slrahenverbesserungen, Umbauten und Herstellungen neuer Straßen aus dem Kapitalvermögen bis zu 1,2 Millionen Mark im Rechnungsjahr 1935 in Anspruch zu nehmen. Der Provinzialtag wird ersucht, den Provinzialausschuh zu ermächtigen, die hierzu weiter notwendigen Entschließungen zu treffen.“
An Provinzialumlagen sind zur Erhebung vorgesehen: 1. In den Gemeindegemarkungen und Städten 772 000 Mark, 2. in den selbständigen Gemarkungen 46 000 Mark, zusammen 818 000 Mark. Die Ausschlagsätze sind dieselben, wie in den vorausgegangenen Jahren, nur die Sondergebäudesteuer ist auf Grund gesetzlicher Vorschriften vom 1. April 1935 an um 25 v. H. gekürzt worden; dies fällt aber nicht ins Gewicht, weil nur auf einen Steuereingang von 700 Mark gegenüber 900 Mark im Vorjahr gerechnet wird.
Wasserwerk Inheiden.
Im Zusammenhang mit dem Voranschlag des Wasserwerks Inheiden brachte der Vorsitzende den Antrag des Prooinzial-Oberbaurats Hechler auf Versetzung in den Ruhestand zur Kenntnis des Provinzialtags. Pg. Klostermann sagte hierzu:
Der Direktor des Wasserwerks, Herr Provinzial- Oberbaurat Hechler, hat am 3. Juli 1935 um Versetzung in den Ruhestand mit Wirkung vom 1. November 1935 an nachgesucht. Der Provinzial- ausschuß hat in seiner gestrigen Sitzung die Ruhestandsversetzung gutgeheißen. Herr Provinzial-Ober- baurat Hechler vollendet im Oktober laufenden Jahres das 62. Lebensjahr. Er stand früher im hessischen Staatsdienst und wurde im Jahre 1916 Direktor des Wasserwerks Inheiden, vom Jahre 1910 bis zu seinem Uebertritt in den Provinzdienst war er Vorstand des Kreisbauamts Gießen und zugleich Provinzialbaubeamter. Er hat sowohl hinsichtlich der Unterhaltung und der Herstellung der Kreisstraßen in der Provinz bis zum Jahre 1916, als auch als Direktor des Wasserwerks Inheiden große Verdienste um die Provinz erworben, die wir in jeder Hinsicht zu würdigen wissen. Seit 25 Jahren ist Herr Provinzial-Oberbaurat Hechler in Gießen tätig. Namens der Provinzialverwaltung, des Provinzialausschusses und des Prooinzialtags danke ich ihm für alle der Provinz geleisteten Dienste und beantrage, das Gesuch auf Versetzung in den Ruhestand zu genehmigen.
Lleberlandwerk
Der Voranschlag über die Einnahmen und Ausgaben des Ueberlandwerks, sowie der Verwaltung-»
Gießener Stadttyeater.
Gastspiel Otto Gebühr: „Zwischen Abend und Morgen."
Die Reihe der vor einiger Zeit von der neuen Theaterleitung angekündigten Berliner Gastspiele eröffnete am Samstagabend Otto Gebühr mit einem eigenen kleinen Ensemble, und es darf vorweg festgestellt werden, daß es ein großer, herzlicher, ja am Ende stürmischer Erfolg wurde. Als Gebühr in der Maske des Königs Friedrich zum ersten Male auf der Szene erschien, und zuletzt, als er, mit leicht erhobener Hand verbindlich grüßend, wieder abtrat, da brauste der Beifall mit einer hier nur selten gehörten Lautstärke durch das Haus, das, wenn wir recht gesehen haben, völlig oder doch nahezu ausverkauft war. *
Der Fall des Schauspielers Gebühr ist, soweit wir sehen können, ein eigenartiger Sonderfall in der deutschen Schauspielgeschichte: die außerordentliche Beliebtheit und Volkstümlichkeit dieses Darstellers datiert seit dem Tage, da er zum ersten Male — vor langen Jahren — im Film, der damals noch „stumm" war, die Gestalt Friedrichs des Zweiten von Preußen verkörperte. Gebühr verdankt seinen Erfolg dieser einzigen Gestalt, die er dann immer wieder dargestellt hat; und kaum ein anderer in Deutschland würde in der Lage gewesen sein, diese Gestalt — auf Grund einer erstaunlichen äußeren Aehnlichkeit — .in Kopfschnitt, Maske und Haltung, so darzustellen, wie er es vermag. (Man kann den Unterschied und Abstand ermessen, wenn man sich etwa des Darstellers der gleichen Rolle in dem Film „Der alte und der junge König" erinnert; dieser Abstand ist nämlich keineswegs durch den hier gewiß vorhandenen Altersunterschied zu begründen.) Und es ist kein Zweifel, daß Gebühr das verblüffende Spiel äußerer Uebereinftimmung durch ein jahrelang geübtes und erprobtes Eindringen und Einleben in die historische Erscheinung vertieft und vergeistigt hat; er ist und bleibt bis auf weiteres der Fridericus-Darsteller in Deutschland, iunb man hat manchmal sogar den Eindruck, als ob der große Erfolg seines Auftretens nicht sein Erfolg allein sei, als ob vielmehr das Publikum in ihm zugleich unbewußt der längst zum Mythos und Sinnbild gewordenen, erlauchten Gestalt des Königs selber zujubelte und ihr seine Verehrung und Liebe erweisen wollte.
Das Stück, mit dem Gebühr und seine Leute durch die Provinz reisen, ist nicht, wie manche vielleicht gehofft hatten, Molos prachtvolles Köniasdrama „Ordnung im Chaos" (wir empfehlen es sehr zur Aufführung) — sondern das dreiaktige Schauspiel
„Zwischen Abend und Morgen" von Zdenko von Kraft: ein tüchtiges, seiner Wirkung stets gewisses Theaterstück, über dessen historische Möglichkeit oder innere Wahrscheinlichkeit gestritten werden könnte, das aber zweifellos dem berühmten Darsteller Gelegenheit gibt, seine Fridericus-Rolle voll auszuspielen.
Das Stück ereignet sich nach dem großen Kriege. 1768, in einem entlegenen, ärmlichen Pfarrhaus auf dem Lande. Der König verbringt dort auf einer seiner Inspektionsreisen eine Nacht und 'findet unvorhergesehen dabei Gelegenheit, in ein Stück Unter» tanen-Schicksal hineinzusehen, einzugreifen und alles so menschlich wie königlich-nobel zurechtzurücken und zum Besten zu kehren.
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Beim Pfarrer wohnt dessen Nichte, eine Frau von Horoschau, Witwe eines im Kriege gefallenen Obersten. Ein junger Hauptmann, der beim Pfarrer aus und eingeht, hat sich in sie verliebt und will sie heiraten, aber sie weigert sich, weil sie das Bild des Gemahls, der bei einer „merveilleusen" Attacke gegen die Oesterreicher gefallen ist, nicht aus dem Herzen reihen kann. Trotz dieser Weigerung will der Hauptmann beim König ihren Fürsprecher machen, um ihr einen Rechtsanspruch zu erwirken, den die preußichen Gerichte der Dame bisher versagt haben. In der Nacht stellt sich zu aller Bestürzung heraus, daß das Bild des gefallenen Obersten von einem falschen Glorienschein umgeben war, daß er mit den Oesterreichern konspiriert hat und zum Verräter an der preußischen Sache werden wollte. .
Der Hauptmann setzt wider den Zorn des Königs Offiziersehre, Leib und Leben aufs Spiel, um der Geliebten das Bild des Toten als eines Helden zu bewahren. Sie würde innerlich zusammenbrechen, wenn man ihr diesen Glauben und den Stolz ihres einsamen Lebens raubte. Und der König, der in beiden, der Dame wie dem Hauptmann, den echten Kern erkennen muß, überwindet sich und weiß der Dame am andern Morgen beim Abschied vor Augen zu führen, daß der Lebende nicht geringer und nicht minder würdig sei als der Gefallene. Und als er das Haus verlassen hat, ist die Dame gewiß, daß si? ihr Recht finden wird, der Hauptmann aber, daß er seine Werbung nicht vergeblich wiederholen wird. —
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Das Stück, das wir hier in Umrissen ausgezeichnet haben, ist so gebaut, daß die Gestalt des Königs auch dann im Zentrum stünde, wenn ein anderer diese Rolle spielen würde. Gebühr spielt sie so, wie wir ihn oft und immer wieder auf der Leinwand gesehen haben. Zunächst besticht aufs neue das Außenbild: erstaunlich, wie in Haltung und Maske, in Bewegung und Tonfall die Erscheinung
dem historischen Bilde angenähert ist — oder, um vorsichtiger zu sein, dem Bilde, das vom König, zumal vom alten König, in die Vorstellung des Volkes eingegangen ist.
Dem äußeren Eindruck entspricht die innere Belebung der Gestalt: Gebühr gibt den Friedrich zwar königlich in jedem Wort, aber doch auch mit den gewinnenden menschlichen Zügen, die gerade hier heroorgehoben werden sollten: mit dem Hellen und kühlen Blick ins Wesen der Dinge, mit einem gegenwärtigen und trockenen Humor, mit der vollendeten Haltung und weltmännischen Ritterlichkeit seines Jahrhunderts, mit jener unvergleichlichen und natürlichen Ueberlegenheit, die ihn über Menschen und Umwelt hinaushebt.
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Vom kleinen Ensemble: als Frau von Horoschau Hildegard Imhof, die in ihrer besten Szene im Mittelakt ein wenig von der Anmut und Würde des Fräuleins von Barnhelm gewinnt; Josef D i r s ch n e r als betulicher und humoriger Landpfarrer; Lutz Götz als Hauptmann. — Die Inszenierung besorgte Karl Heinz Klubertanz.
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Dom großen Erfolg des Gastspiels war schon zu Anfang die Rede. hth.
Die Wiege der pfalzgrafinnen.
Don Wichelm Schäfer.
Noch steht die Rheinpfalz da bei Caub auf ihrer schmalen Insel mit Turm und Dächern, und auch das Stübchen ist sauber darin, wo Heinrich des Löwen Sohn mit der jungen Pfalzgräfin Agnes heimlich Hochzeit feierte.
Die war seit früher Jugend dem Braunschweiger rerlobt gewesen; doch weil sich später Waiblinger und Welf in bitterer Feindschaft trennten und Konrad ihr Vater seinem kaiserlichen Bruder die Pfalzgrafenschaft verdankte, war von der Heirat nicht mehr die Rede, bis sich der König von Frankreich um Agnes bewarb. Da mußte die Staufentochter der Mutter eingestehen, daß Heinrich des Welfen Sohn oftmals verkleidet zu ihr nach Stahleck gekommen wäre, und daß sie eher ins Kloster als einem anderen Manne ins Hochzeitsbett ginge.
Während der Vater den Plänen seiner Sippschaft verpflichtet war, konnte die Mutter auf die Stimme des Blutes hören; sie stand der Tochter bei und sandte heimliche Botschaft an den Welfen: er möge sich zur Hochzeit rüsten, so lange der Pfalzgraf noch von Stahleck abwesend sei. Indessen der mit seiner Mannschaft mühsam im Felde lag, staufische Macht gegen welfische Auflehnung zu schützen, kam Heinrich als sein Eidam eines Abends allein auf Stahleck an, von keinem als den Frauen gekannt.
Doch war es vor dem Gesinde unmöglich, die Hochzeit auf Stahleck einzurichten; so fuhren die Frauen mit dem Fremdling an einem kalten Maimorgen im Nachen den Rhein hinunter bis an die Pfalz, wohin vor ihnen schon mit einem treu ergebenen Knecht der Burgkaplan gekommen war. Der Kirschbaum im engen Zollhof blühte, sonst war es düster in der einsamen Wasserburg, weil ein Hagelschauer das Rheintal mit schwarzen Schwaden überzog, als die beiden Fürstenkinder ihren heimlichen Bund einsegnen ließen. Doch tat sich ihre Liebe in den ärmlichen Räumen auf mit hundert Blüten und stand noch immer in Duft und Schaum, als schon die Kirschen schwarzrötlich an dem einzigen Baum im Zollhof hingen; und fand im Sommer Mauerschatten genug, nicht zu verdorren, und im Herbst und Winter danach ein warmes Feuer.
Als im Frühjahr endlich aus einem winterlichen Feldlager der Pfalzgraf nach Stahleck kam, fand er die Tochter ausgeflogen und unten in der Rheinpfalz den Welfen bei ihr als Kuckuck im Nest. Und ob er ihr den nehmen wollte, es war zu spät, weil in der kleinen Kammer schon eine neue Pfalzgräfin ihr dünnes Stimmchen hob, die Welf und Waiblinger in einem war. Er holte die drei aus ihrer Heimlichkeit nach Stahleck hinauf und sorgte, daß auch der Kaiser seinen Segen zu diesem häuslichen Feldzug gab.
So wurde Heinrich des Löwen Sohn Pfalzgraf am Rhein, und die Rheinpfalz bei Caub zur Wiege eines Geschlechts von Pfalzgräfinnen, die nach der Sage fortab ihr erstes Kindbett dort halten mußten.
Oer Spieler, der nie verliert.
In einer unterhaltsamen und gründlichen Plauderei .des Juliheftes von Velhagen & Klast n g s Monatsheften untersucht Dr. Hch. Riedel, ob es möglich fei, ein erfolgversprechendes Roulettesystem zu finden. Dabei stellt sich heraus, daß das Nein ebenso unvorsichtig ist wie das Ja. Im Verlaufe seiner Untersuchungen erzählt Riedel eine Anekdote von zwei Reisenden, die zusammen in einem Zuge nach einem Spielort fuhren und von denen der eine — ein alter, geschworener Systemspieler — sein neues System, an dem er zu Hause ein halbes Jahr herumgerechnet hatte, nunmehr im Kasino vertrauensvoll ausprobieren wollte. Im Gespräch enthüllte er dem Mitreisenden seine immerhin noch vorhandenen leisen Zweifel bezüglich der Sicherheit seiner Methode. „Ich spiele beständig, aber ich verliere nie", sagte der andere darauf geheimnisvoll. — „Nach welchem System spielen Sie?" fragte der Systemspieler aufgeregt. — „Ich spiele nach dem Noten-System." — „Was heißt hier Noten-System?" fragte der Systemspieler mißtrauisch. — „Nun, nach den üblichen Noten. Ich bin nämlich der zweite Geiger in der Kurkapelle."


