fir.152 Sünftcs Blatt
Metzen« Anzeiger (Seneral-Anzelger für Gberheifen) Samstag/Sonntag, 8./9. Juni 1955
Magdalena ging neben der Freundin der kleinen Gruppe zu, von der Herrn von Geczy ihnen be- reits entgegenwinkte.
Barbara war jetzt oft so seltsam. Die Worte eben hatten so rätselhaft und schmerzvoll dabei geklungen. Was ging in Barbara vor? Sie wußte es nicht. Nur, daß Barbara sehr unglücklich war, empfand Magdalena. Vielleicht war es dies Unglücklichsein, aus dem heraus sie oft die Menschen so schlecht behandelte.
Frau von Tschewnick saß inzwischen in einem sehr ernsten Gespräch mit ihrem Neffen Joses Bannosch. Nur zögernd und recht übellaunig war er ihr gefolgt, als sie ihn heranwinkte und mit ihm dem jetzt menschenleeren Wintergarten zugegangen war. Er wußte, wenn Tante Franzka •ein solches Gesicht machte, gab es eine recht unangenehme Gardinenpredigt.
Er hatte sich nicht getäuscht. Frau von Tschewnick nahm in einem der bequemen Korbsessel Platz, die so recht zum Ausruhen und zur Bequemlichkeit geschaffen schienen. Aber sie saß kerzengerade. Als ob sie ein Gewehr verschluckt hätte!, dachte der junge Graf. Er selbst lehnte in lässiger Haltung in einem der Sessel und zündete sich scheinbar gleichmütig eine Zigarette an.
Franzka von Tschewnick sah sich um, ob auch niemand ihre Unterredung mit dem Neffen hören konnte. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß alle Teilnehmer des Festes in den Gesellschaftsräumen und dem Tanzfaal sich aufhielten, begann sie energisch:
„Dein Benehmen heute abend mißfällt mir aufs Aeußerste. Josef!"
Josef Bannosch sah dre Tante offenbar verständnislos an:
„Ich bitte dich, Tante Franzka — warum nur? Ich bin mir gar keiner Schuld bewußt."
„Keiner Schuld bewußt? Du bist nicht liebenswürdig genug, mein Junge!"
„Aber beste Tante, wie man es macht, scheint man es verkehrt zu machen. Hast du mich nicht selbst früher oft genug gescholten, daß ich den Damen gegenüber zu liebenswürdig bin? Also habe ich mir vorgenommen, höflich, aber neutral gegenüber allen zu sein!"
„Das durftest du. Aber mit einer einzigen Ausnahme. Meinst du, ich hätte mich so weit erniedrigt, bei dieser hochmütigen Stechow um eine Einladung für dich zu bitten, wenn ich nicht meine besonderen Ziele damit verfolgt hätte? Du weißt, daß wir eine Heirat zwischen dir und Barbara von Stechow wünschen. Wir können nicht bis an unser Lebensende deine kostspieligen Lebensnel- qungen finanzieren, mein lieber Josef. Die Zeiten sind auch nicht mehr.so wie früher Es geht uns jy der Industrie hier auch nicht mehr rosig. Frage
nur deinen Onkel, wie die Ausfuhr beschnitten ist. Kurz und gut, du mußt heiraten, reich heiraten. Barbara von Stechow ist die geeignete Frau für dich. Oder findest du nicht?"
„Ich finde schon, verehrte Tante, Barbara von Stechow ist elegant, schön, große Dame. Ein wenig selbstherrlich. Der gute Stechow hat nicht verstanden, sie an die Kandare zu nehmen. Aber das kann man ja noch nachholen. Die Frage ist nur, ob sie will!"
Frau von Tschewnicks Gesicht wurde noch ener- gischer:
„Wenn du freilich dich nicht mehr bemühst als heute abend, dann fürchte ist selbst, daß mein wohlvorbereiteter Plan, aus euch beiden ein Paar zu machen, mißlingen könnte. Und das meinte ich damit, wenn ich dir sagte, du hättest dich heute nicht richtig benommen. Was ist das für eine Art, sich im Rauch- und Spielzimmer festzusetzen, anstatt der Stechow so den Hof zu machen, wie du es ja meisterhaft verstehst! Es kann dir doch nicht schwer sein, diese Frau für dich verliebt zu machen, wenn du es nur ernstlich willst!"
Graf Bannosch sah nachdenklich auf seine Zigarette, die, rot glühend, verglimmte. Hatte Tante Franzka mit ihren Vorwürfen recht? Wohl kaum. Barbara von Stechow war ein scheues, edles Wild. Um es zu erlegen, mußte man andere Methoden anwenden als sonst. Sie hatte ihm bei der ein wenig zu zärtlichen Begrüßung es ja sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß sie eine Annäherung über das konventionelle Maß hinaus nicht wünschte. Man durfte diese Frau nicht kopfscheu machen durch eine zu stürmische Attacke. Man mußte sehr behutsam vorgehen, um das verlorene Terrain wiederzugewinnen. Vielleicht gehörte Barbara sogar zu jenen Frauen, die man zunächst links liegen lassen mußte. Es gab ja Frauen genug, die durch die Kühle eines Mannes mehr entflammt wurden als durch überschwengliches Liebeswerben.
Nachdenklich sagte er jetzt aus seinen Gedanken heraus:
„Ich habe so das feste Gefühl, Tante Franzka, man muß sehr diplomatisch verfahren. Don heute auf morgen kann ich Barbara von Stechow nicht gewinnen. Sie ist nicht die erste beste, ist kein dummes Gänschen, das auf ein paar schmachtende Blicke hereinfällt. Man muß sich Zeit lassen."
Das ärgerliche Gesicht Frau von Tschewnicks wurde freundlicher.
„Vielleicht hast du recht, Josef. Ich will dir da nicht hineinreden. Aber sie zu, daß dir kein anderer ins Gehege kommt."
„Hast du irgendeinen Verdacht? Hat sich irgendein anderer Mann, der in Betracht käme, Barbara von- Stechow genähert?."
Frau von Tschewnick machte eine unbestimmte Bewegung. „Es klingt ja eigentlich lächerlich, Josef, aber ich beobachte seit langem diesen Inspektor, diesen Mackenroth. Der ist offenbar blind und toll verliebt in seine Herrin."
Josef Bannosch lachte höhnisch auf.
„Dann lassen wir ihm doch das Vergnügen, Tante Franzka. Kein Mensch kann einen anderen hindern, Dummheiten zu machen."
„Aber wenn die Stechow selbst von dieser Liebe nicht ungerührt bliebe? Mackenroth sieht gut aus."
„Verehrte Tante, da kennst du Barbara von Stechow schlecht. Die hat den Hochmutsteufel. Niemals würde die sich mit einem Untergebenen einlassen. Außerdem habe ich bei dem guten Macken» roth schon voroearbeitet. Ich habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß er in seiner jetzigen Stellung ein Nichts ist gegen Frau von Stechow. Ich kenne Mackenroth. Der hat den gleichen Stolz! Geradezu krankhaft. Der würde eher kaputt gehen, als den Anschein erwecken wollen, daß er ein Mitgiftjäger ist. Würde er sich aber je um Barbara von Stechow bewerben, dann würde doch jeder Mensch denken, er wollte ihr Geld heiraten. Ich weiß zufällig, daß Mackenroth noch einen schönen Posten Schulden von seinem alten Herrn her abzuzahlen hat. Und andere wissen es auch. Nein, nein, Tante Franzka! Selbst wenn Barbara auf die absurde Idee kommen wollte, sich in diesen Inspektor zu verlieben, würde Mackenroth aus krankhaftem Ehrgefühl das nicht bemerken wollen. Ich habe also Zeit, meine Bewerbung um Barbara von Stechow ganz planmäßig einsetzen zu lassen. Du sollst mit mir zufrieden sein, Tante Franzka."
Ueber Frau von Tschewnicks Gesicht glitt ein Schein von Wärme. Alles, was sie von Zärtlichkeit in ihrem kalten Herzen besaß, galt diesem schönen, leichtsinnigen Neffen. Da ihr selbst Kinder versagt geblieben, hatte sie an ihren Neffen Josef Bannosch alles an unterdrückter mütterlicher Liede gegeben.
Während sie sich erhob, sagte sie:
„Also schön! Mache es, wie du denkst. Aber halte dich dran! Sicher ist sicher! Du weißt, es ist Onkels und mein Herzenswunsch, daß du Herr auf Schedlowitz wirst und dadurch die Güter für immer unserem Lande erhältst."
„Wie stehen jetzt überhaupt die Dinge auf den Gütern Barbaras? Brauchen sie immer noch Zuschüsse von dem alten Senator aus Hamburg?"
„Nein! Sie sind durchaus ertragreich. Ich bekomme ja meine Berichte von dem Oberinspektor Rockesch."
„Also geht alles in unserem Sinne!" schloß Josef Bannosch zufrieden.
(Fortsetzung folgt I)
Wie die Wehrpflicht wurde.
Von Walter Steding.
Der 17. März, an dem diesmal der Gefallenen des Weltkrieges gedacht wurde, und an dem gleichzeitig die Erneuerung der deutschen Wehrfreiheit gefeiert werden konnte, war auch im Sinne der Geschichte eine historische Tat. Neues knüpft an Altes an. Der 17. März 1813 ist der Geburtstag der Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen. An diesem Tage unterzeichnete König Friedrich Wilhelm III. die „Verordnung über d i e Organisation der Landweh r". In dieser Verordnung hieß es: „Gesichert werden Unabhängigkeit und Ehre des Volkes nur sein, wenn jeder Sohn des Vaterlandes diesen Kampf für Freiheit und Ehre teilt."
Schon der Große Friedrich hatte die Mängel der Preußischen Wehrverfassung erkannt. Sein Nachfolger faßte die bestehende Heeresverfassung mit ihren zahllosen Einzelbestimmungen in der K a - dinetts-Ordre vom 12. Februar 1792 zusammen. Fast gewinnt man beim Lesen der einleitenden Worte den Eindruck, als durchwehe sie schon etwas von dem Geist der Allgemeinen Wehrpflicht: „Die Verbindlichkeit zum Kriegsdienst ist eine der Obliegenheiten Unserer getreuen Untertanen, die mit der Erhaltung des Staates, zu dessen Wohlstand wir eine zahlreiche Armee gebrauchen, und mit der Sicherstellung ihrer eigenen $abe und Güter in der allergenauesten Verbindung steht. Je mehr Wir auf diese Verbindlichkeit und dem Unseren Untertanen eigenen und angeborenen Mut, womit sie Gefahren entgegenzugehen und das Vaterland zu verteidigen gewohnt sind, zur Erhaltung des bisherigen Ruhmes Unserer Truppen rechnen dürfen, um so mehr ist es Unser Wunsch und Wille, dafür zu sorgen, daß diese Dienstverbindlichkeit, soviel als irgend möglich ist und mit Beförderung der Wohlfahrt und des Nahrungsftandes des Landes geschehen kann, mit . gleichen Schultern getragen werde." Die zahlreichen Ausnahmen, die alsdann verfügt wurden, verwässerten diesen ausgesprochenen Gedanken allerdings so, daß von einer Allgemeinen Wehrpflicht nichts übrig blieb. Erst in der Not des Jahres 1813 wurde der Gedanke der Wehrpflicht wieder lebendig. Der neubelebte Gedanke einer allgemeinen Verpflichtung zum Heeresdienst schlug schnell Wurzel, ohne Schwierigkeiten und Widerstreben, ja zum größten Teil mit freudiger Bereitwilligkeit eilte alles zu den Fahnen. Es war ein wunderlicher und schwer- verständlicher Rückfall in die alten Verhältnisse, als der König nach vor dem Friedensschlüsse van 1814, durch seine Maßnahmen den Gedanken der Allgemeinen Wehrpflicht durchlöcherte. Die Ernennung Doyens zum Kriegsminister am 3. Juni 1814 beseitigte die Gefahr einer Rückkehr zum alten System.
Boyen stand nun vor einer weltgeschichtlichen Aufgabe. Die neue Heeresverfassung sollte dem Gemeinsinn, dem Pflichtgefühl, der Hingebung an den Staat als Verkörperung der Allgemeinheit den vollkommensten Ausdruck geben. Der mit der Prüfung der Heeresfrage betrauten „Organi- fation-Kommiffio n", deren Vorsitzender Boyen wurde, gehörten u. a. auch Gneifenau und Grolman an. Alle drei waren feiner Zeit die Gehilfen Scharnhorsts gewesen; in ihnen lebten die großen Gedanken feiner Reformen weiter, und wenn es ihnen gelang, die immer noch lebendigen Einwendungen gegen die Allgemeine Wehrpflicht zu widerlegen, durften sie hoffen, diesen Gedanken zu retten. Glücklicherweise konnte man sich einigen, und der König vollzog das Gesetz am 3. September 1814. Er schenkte es seinem Volke gleichsam als Belohnung für den Opfermut der letzten Jahre: „Die allgemeine Anstrengung unseres treuen Volkes ohne Ausnahme und Unterschied hat in dem soeben glücklich be
endeten Kriege die Befreiung des Vaterlandes bewirkt; und nur auf solchem Wege ist die Behauptung dieser Freiheit und der ehrenvolle Standpunkt, den Preußen erworben, fortwährend zu sichern. Die Einrichtung also, die diesen glücklichen Erfolg heroorgebracht und deren Beibehaltung von der ganzen Nation gewünscht wird, soll die Grundgesetze der Kriegsverfas- jung des Staates bilden und als Grundlage für alle Kriegseinrichtungen dienen, denn in einer gesetzmäßig geordneten Bewaffnung der Nation liegt die f i cf) e r ft e Bürgschaft für einen dauernden Friede n." So konnte die Allgemeine Wehrpflicht den Staat für das Volk und das Volk für den Staat erziehen.
Im Jahre 1860 erfolgte dann eine Reorganisation, die den Sinn hatte, das Vorhandene zeitgemäß umzugestalten. König Wilhelm und sein Kriegsminister Albrecht von Roon haben diese große Aufgabe in hartem Kampf mit einer verständnislosen Gegnerschaft gelöst. Ihre
Tat gehörte der Geschichte an; sie bereitete die Siege unserer Einigungskriege vor. Die in diesen Jahren durchgeführten gesetzlichen Bestimmungen für die Allgemeine Wehrpflicht gingen dann später in die Reichsverfassung vom 16. April 1871 und in das Reichsmilitärgesetz vom 2. Mai 1874 über.
Es folgten dann noch einige spätere Änderungen, die aber am Gedanken der Allgemeinen Wehrpflicht grundsätzlich nichts mehr änderten. Im Sinne der Allgemeinen Wehrpflicht aing das deutsche Volk 1914 in den Weltkrieg, um einer Welt von Feinden zu widerstehen. Jetzt ist an diesem Gedanken, der sich in der Geschichte bewährt hat, wieder angeknüpft worden. Diese Anknüpfung geschah nicht aus kriegerischen Absichten heraus, sondern im Sinne einer Sicherung unserer Ehre, unseres Landes, im Sinne einer dauernden Sicherung des Friedens.
„Anatomie" ist neben kleineren Bildern und dem „Stier" von Paulus Potter Glanzstücke jener kleinen und so typisch deutschen Gemäldegalerie.
Wer den Haag besucht, pflegt am Friedens» p a l a ft nicht vorbeizugehen, jenem wunderschönen Gebäude, das die Welt sich als internationales Schiedsgericht errichtete und zu dem alle Staaten besondere Stücke ihres Landes beifteuerten. Deutschland lieferte ein wundervolles schmiedeeisernes Gitter für den Park. Typisch ist dieses: In diesem wirklich sehr schönen und geschmackvollen Palast stammen alle Bilder, die den Frieden verherrlichen und öarftellen sollen, aus — Frankreich, und das größte unter ihnen trägt das Datum vom Juli 1914! Trotz der Herrlichkeiten, die aus aller Welt hier zusammengetragen sind, würgt es einem in der Kehle, und mit einem bitteren Gefühl verläßt der Deutsche dieses Haus, in dem Heuchelei eher eine Stätte fand denn internationale Gerechtigkeit.
Doch nun liegt das schon wieder hinter uns. Vor uns liegt die unendliche Weite des Atlantischen Ozeans. Deutsche Sehnsucht nach fernen Ländern und Erdteilen beginnt mächtig ihre Schwingen zu heben ...
Das neue Niragesetz vomRepräsentantenhaus angenommen
Washington, 8. Juni. (DNB.) Das Repräsentantenhaus nahm die von der Regierung eingebrachte neue Nira-Dorlage an. Diese sieht vor, daß bis zum 1. April nächsten Jahres nur noch ein Gerippe der Niraverwaltung bestehen bleiben soll, das die Zusammenstellung und die Untersuchung der Wirkungen, die die Nira-Codes bis zur Entscheidung des Obersten Bundesgerichtes auf die Arbeitslosigkeit, die Löhne und die Preise ausgeübt haben, vornehmen soll. Außerdem sollen Mitteilungen über die jetzige Lage gesammelt werden. Roosevelt wird außerdem ermächtigt, von Einzelindustrien freiwillig angenommene Codes gutju- heißen und für bindend zu erklären. Die Vorlage geht an den Senat weiter.
Büchertisch.
— Georg Ufaöel: „Zucht und Ordnung", Grundlagen einer nationalsozialistischen Ethik. Kart. RM. 1,50. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg. — (115)— Das Buch stellt den Versuch dar, die ethischen Gesetze des Gemeinschaftslebens, so, wie es durch die nationalsozialistische Weltanschauung gefordert wird, aufzuzeigen. Es wendet sich an die Gliederungen der HI., SS., SA. und Arbeitsdienst. Leicht verständlich geschrieben, ist es jedem zugänglich. Ein einführendes Kapitel gibt eine lebenskundliche Begründung. Ihm schließt sich ein Abschnitt über die Formung des Willens an. Deutlich treten die zwei wichtigsten Teile dieser Schrift hervor, die dem Gefolgsmann den Begriff der Ehre, der Wahrhaftigkeit und der Treue klarlegen und der Führerschaft die Fragen der Macht und ihrer Anwendung, des Auftretens des Führers, der Führerauswahl und der Entschlußkraft umreißen. Der letzte Teil ist dem Problem der Erziehung der Jugend im Elternhaus und in der HI. gewidmet.
— Max Orth: Tage der Stille. Gedichte. 46 Seiten. Preis 80 Pf. N. G. Elwertfche Verlagsbuchhandlung, Marburg 1935. — (652) — Max Orth ist geborener Oberhesse, er stammt aus Altenstadt, hat seine Jugend in Butzbach verlebt und ist später weit in der Welt herumgekom» men, war mit der deutschen Schutztruppe imHerero- krieg, später auch in Spanien, Rußland und England. Aber immer und überall hat er sich die Liebe zur alten Heimat bewahrt; davon legt ebenso wie das im vorigen Sommer in Runkel aufgejührte Festspiel der kleine Gedichtband „Tage der Stille" Zeugnis ab, dessen einfache Verse ein Ausdruck schlichter Naturverbundenheit und inniger Liebe zur angestammten hessischen Landschaft sind.
Grunde genommen doch nur eine
Bei drei Pionieren europäischer Kolonialgeltung
Eine beschauliche ZReife zu den glücklichen Inseln.
Von unserem H. Er.-Sonderberichterstatter.
Funktionsstörung menschlicher Gehirne nach dem Kriege ist. Weder üppig-blühende, riesengroße Blumenfelder noch rauchende Dampferschlote können darüber
Hinwegtäuschen, daß Holland schwer unter der Krise leidet, die durch den Belgarutsch noch verschärft wurde. An Kontoren, Häusern und Villen in Rotterdam und im Haag sind Schilder „Zu verkaufen" oder „Zu vermieten" ein sichtbares Zeichen dafür. Aber dennoch hat Holland e i n großes Plus. Nach Portugiesen und Spaniern trat Holland als Pionier europäischer Kolonialgeltung auf den Plan und war führend, ehe es von 'England abgelöft wurde. Aus jener Epoche holländischer Geschichte stammt sein Besitz in Indien, den es zu halten vermochte, der unendlichen Reichtum in die Niederlande brachte und auch heute noch bringt.
Wer durch Holland reift, soll sich nicht auf den Besuch der Großstädte beschränken. So ist es verständlich, daß der Weg von Rotterdam nach dem herrlichen alten Delft mit seiner alten und deutschen Kultur führt. In dem kleinen Schloß, in dem Prinz Wilhelm von Oranien von Kreaturen Philipps II. von Spanien erschossen wurde, lebt ein Stück tragischer deutscher Geschichte. Bezeichnend ist übrigens ein kleiner Zwischenfall: Der Führer zeigt ein Bild des Mörders, der die tödlichen Kugeln auf den Prinzen deutschen Geblüts schoß. Eine Verbrecherphysiognomie, die einem irgendwie bekannt vor- kommt. Lächelnd deutet der Führer auf das Bild und nennt dann einen Namen: van der Lübbe! Und tatsächlich: die Aehnlichkeit mit dem Reichstagsbrandstifter ist frappierend! Daneben aber erfreulich die Tatsache, daß — wie das aus dem Vergleich des Führers hervorging — die Holländer keineswegs von der Unschuld ihres verbrecherischen Landsmanns van der Lubbe so überzeugt zu sein scheinen, wie das eine gewisse Presse glaubhaft zu machen sucht.
Holländische Herkunft ist deutsch, niederdeutsch. Wer nach dem Aeußeren der Menschen und ihren Lebensgewohnheiten, nach dem Bau ihrer Städte, noch einen Zweifel haben sollte, der gehe in den Moritz-Palast im Haag. Hier hängen die Perlen niederdeutscher Kunst. Soll man sie einzeln mit Namen nennen, die vor Jahrhunderten einer inneren Berufung folgend deutsches Empfinden in Bilder legten? Vermeer, Jan Steen, Franz Hals und — — Rembrandt, der größte unter ihnen. Seine
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) I.
Besuch in Holland.
Rotterdam, Ende Mai 1935.
Zum erstenmal seit Hamburg lichtet sich die Mittagsrunde auf dem Bananendampfer, der mit SW=Äurs seinen Weg durch den Ozean zieht. Windstärke 6/7 in der Biskaya, dazu der Anblick des Essens — das war für die Magennerven doch wohl zu viel! Die erste Station der langersehnten Reise zu den kanarischen Inseln, den Inseln der Glücklichen, liegt hinter uns: Rotterdam, Hollands bedeutendster Hafen. Man hatte aus Hamburg noch das beruhigende Gefühl mitgenommen, daß es mit unserer Seefahrt wieder bergauf geht; der letzte Vierteljahresbericht hatte einen leichten Aufschwung erkennen lassen, wenn das auch nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß Deutschlands Tor in die Welt infolge der Wirtschaftskrise in der ganzen Welt, infolge der künstlichen Handelshemmnisfe leider längst nicht mehr so viel ein- und ausgehen sieht, wie für Hamburg notwendig ist. Und nun Rotterdam, Hamburgs schärfster Konkurrent um den zweiten Platz unter Europas Häfen.
Bezeichnenderweise treibt nicht weit von der Maßmündung ein belgischer Lotsendampfer. Sichtbares Zeichen dafür, wie Antwerpen bestrebt ist, Rotterdam die Kunden abzulacken. Und nicht ohne Erfolg. Die Belga-Abwertung hat einen Teil des Schiffsverkehrs bereits nach Antwerpen gezogen, wo sich Hafengebühren, Liege- und Transwortkosten heute billiger stellen als in Holland.
Mit der Nase kann man beim Einlaufen in den Hafen von Rotterdam die beiden Hauptbetätigungsgebiete Hollands auf wirtschaftlichem Gebiete feftftellen: In die frische Seeluft hinein trägt nämlich der Wind würzigen Schollengeruch. Seefahrt, Handel und Landwirtschaft sind die Quellen des vergangenen Reichtums dieses schönen niederdeutschen Landes, dessen einstige Zugehörigkeit zum ersten großen Deutschen Reich einem auf Schritt und Tritt ins Auge springt. Heute hat auch Holland seine Sorgen, große Sorgen sogar. Landwirtschaft und Schiffahrt leiden gleichermaßen unter der allgemeinen Weltkrank- heit hip man ..Wirtschaftskrise" nennt, und die im
Wamm verkennst du mich, Vardarn?
Roman von Liane Sanden.
Urheberrechtschutz: Fünf-Türrne-Derlag, Halle (S.)
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
7. Kapitel.
Das kleine Orchester hatte den Tanz beendet. Mackenroth führte Magdalena höflich zu ihrem Platz. Da plötzlich stand Barbara vor ihnen.
„Ach, Liebling", sagte sie und streichelte leicht Magdalenas glühende Mange, „ich habe schon auf dich gewartet. Komm doch ein bißchen zu uns herüber! Wir sitzen gerade mit Herrn von Geczy so nett zusammen. Sie, Herr von Mackenroth, finden wohl auch einen netten Tisch — dort drüben sitzt ja Herr Oberinspektor Rockesch."
~ Erschrocken sah Magdalena auf Barbara. Spürte die nicht, wie verletzend ihre Worte für Mackenroth fein mußten? Von Barbara gingen ihre Blicke zu Eckehard von Mackenroth. Dessen braun gebrannte Züge waren saht geworden. Die Mus- fein in seinem Gesicht zuckten. So fest schloß er die Lippen aufeinander.
„Wenn Sie gestatten, gnädige Frau", sagte er „empfehle ich mich setzt. Berufliches heute mit Herrn Oberinspektor Rockesch zu besprechen, wurde ich für unschicklich halten - und privatim werde ich wohl kaum noch benötigt.
Er verneigte sich kurz, drehte sich auf dem Absatz herum.
Hach aufgerichtet ging er zwischen den Gasten hindurch, die in fröhlichem Geplauder m kleinen Gruppen beineinanberftanben. Er sah nicht mehr rechts noch links. Sein Kopf saß sehr hochmütig auf ben kraftvollen Schultern.
Magbalena wagte nichts zu sagen. Barbaras Gesicht war sehr blaß unb finster. Mit einem Blick bes Hasses unb bes Schmerzes schaute sie Eckeharb von Mackenroth nach. Dann lachte )ie kurz auf.
„Sehr höflich ist er nicht, mein Herr Inspektor!
Jetzt enblich wagte Magbalena zu errotbern:
Aber Barbara! Wenn du ihn auch so entsetzlich schlecht behandelst! Warum tust du das etgent= lief)?" , ,
Barbara schwieg einen Augenblick. Dann sagte sie halblaut — Magdalena wußte nicht, ob sie es zu sich selbst sprach, ober ob es ihr galt —: „Warum? Ja, warum tue ich es eigentlich? Es ist tzm besten V>V*


