Besitzungen int Stillen Ozean, aber es sind weniger Stützpunkte als verlorene P o st e n. Sie liegen zu weit vom Heimatland, als daß sie im Ernstfälle gehalten und verwertet werden könnten. Man hat sie — auch Guam, den entferntesten, den nicht weniger als 5000 Kilometer vom Mutterlands trennen — militärisch ausgebaut, aber das war mehr eine Geste als eine Tat. Einzig H a w a i, zu dem jetzt fast allmonatlich die amerikanische Luftmarine Prooeflüge durchführt, hat wirklich militärischen Wert. Die anderen werden im Ernstfall von Japan, dessen pazifische Stützpunkte viel geschlossener um das Heimatland gruppiert sind, überrannt werden. Freilich muß es auch hier heißen: nicht werden, sondern würden! Wenn nämlich nicht Amerika einen ganz großen Trumpf in der Hand hielte, der die günstige Vorfeldstellung Japans wettmacht. Dieser Trumpf heißt Alaska und die A l e u t e n.
Als im Jahre 1867 der amerikanische Staatssekretär Seward seiner Regierung und seinen Landsleuten zuredete, Alaska mitsamt der ihm vorgelagerten Inselgruppe der Aleuten den Russen abzukaufen,, da gab es nicht wenige in Amerika, die ihn als Irrsinnigen oder bestochenen Betrüger bezeichneten. Erst die kluge Spekulation auf den eben im Entstehen begriffenen Dollar- und Dankeeimperialismus, dessen jugendlichem Parvenü- tum auch scheinbar sinnlose Gesten lagen, konnte den amerikanischen Bürgern die 7,5 Millionen Dollar abknöpfen, für die schließlich Alaska und die Aleuten aus dem russischen in den amerikanischen Besitz hinüberwechselten.
Alaska blieb allerdings auch unter amerika- nischer Herrschaft, was es unter russischer gewesen war: ein ungeheures unbekanntes Gebiet, das unbeachtet und vergessen unter den eisigen Winden des Nordmeeres lag, unbewohnt und für unbewohnbar gehalten und nur in entsprechendem Abstand zwischen neuer Hoffnung und alter Enttäuschung die Wallfahrtsstätte goldhungriger Spekulanten und gescheiterter Existenzen. Was hätte sich die reiche Union im Süden um diesen verlöre- nen Fleck im Norden kümmern sollen? Der nichts war als ein Anhängsel an die ungeheure Macht des amerikanischen Imperiums, der nichts wert schien und der der Wertung daher auch nicht lohnte! Jahrzehnte vergingen, ohne daß für die Erschließung und Entwicklung Alaskas etwas geschah. Nur ganz langsam kam, angeregt durch die Goldfunde und durch den unerschöpflichen Reichtum der Wälder und den steigenden Holzbedarf der Union und der ganzen Welt die Wirtschaft in Gang. Und heute noch zählt das ganze Territorium auf einer Fläche, die dreimal so groß ist wie die ganz Deutschlands, nicht mehr Einwohner als eine mittlere deutsche Provinzstadt, nämlich 59 000, van denen die eine Hälfte Weiße, die andere Hälfte nomadisierende Indianer und Eskimos sind.
Noch vergessener lagen die Aleuten, eine nicht weniger als 2500 Kilometer lange, aus etwa 150 Cinzelinseln bestehende Inselgruppe, die von Alaska aus eine gewaltige Brücke nach dem asiatischen Festland hinüberschlägt. Baum- und vegetationslos, vom ewigen Sturm gepeitscht, in ewigen Nebel gehüllt, im kurzen Sommer vom ewigen Regen, im langen Winter vom ewigen Eise zerfressen, lagen sie verloren am Rande der Welt, ein Niemandsland, über dem die Flagge der Union nur aus Zufall wehte. Kaum 1000 Menschen lebten auf den 150 Inseln ein erbärmliches Leben vom Fischfang und Robbenschlag. Weit unten aber in Washington im sonnigen Pennsylvamen gab, es kaum ein Erinnern an dieses verwunschene Stück Erde, das ein smartes Geldgeschäft in den Rang eines amerikanischen Territoriums erhoben hatte.
Bis die Gefahr des K o n f l i k t e s m i t I a p a n immer drohender wurde und nicht nur die amerikanischen Kaufleute, sondern auch die amerikanischen Militärs die Karte des Pazifischen Ozeans genauer studierten. Da sah man, daß Alaska und die Aleuten sich wie eine weite Zange nach Westen in den Rücken des Feindes schoben, mit dem einmal der Waffengang gewagt werden muhte. Wie eine riesige Flankenfeste und Flankenbedrohung überqueren sie den Norden des Pazifischen Ozeans. Und man erkannte: von hier aus allein kann Amerika einen Gegner, der es angreift, in die Zange nehmen, die ihn zerdrücken soll, und kann es, wenn es die Rolle des Angreifers selbst übernehmen will, seinen Feinden in Flanken und Rücken fallen.
Von dieser Zeit an datiert die eigentliche politische, wirtschaftliche und militärische Entdeckung Alaskas und der Aleuten. Sie wurde mit um so intensiverer Gründlichkeit durchgeführt, je näher der Termin der Auseinandersetzung mit Japan zu kommen schien. Heute ist Alaska sozusagen die große Mode der amerikanischen Politik geworden.
Wisienschastliche Expeditionen durchrasen das Land und finden mit einem Male, daß es gar nicht so schlecht ist, wie sein Ruf immer war. Das Märchen von der Unbewohnbarkeit ist längst abgetan, und eine mit Lobpreisungen und Versprechungen nicht geizende Propaganda versucht, statt der unsteten Zu- und Abwanderer seßhafte Bevölkerung ins Land zu bringen. Man hat sich überzeugt, daß einzelne Täler sich ausgezeichnet zu intensiver Bodenbewirtschaftung eignen und dem Ackerbau vorzügliche Ergebnisse liefern. Eine neue kolonisatorische Besiedlung im großen Maßstab hat eingesetzt, und erst dieser Tage sind 3 0 0 5 armer» familien des Südwestens, deren Häuser und Aecker unter den Dünen der Sandstürme begraben liegen, auf Regierungskosten nach Alaska in eine neue, und wie man hofft, zuverlässigere Heimat gebracht worden. Neben den Wirtschaftlern aber marschierten die Marinesachoer st ä n - digen und ihre Entdeckung ist für das Schicksal Alaskas die entscheidende gewesen: einige Buchten des Landes lassen sich ohne viel Mühe zu ausgezeichneten Marinestützpunkten ausbauen, die um so wertvoller sind, als das Land selbst über ziemlich reiche Kohlenschätze verfügt und die Schiffe von der Versorgung durch das Heimatland dadurch unabhängig werden.
Gilt ober Alaska als die nördlichste amerika- nifche Flottenbasis, so sollen die Aleuten die nördlichste amerikanische Flugzeugbasis werden. Seit Monaten werden die Inseln systematisch nach der Möglichkeit der Anlage von Stützpunkten für die Luftflotte erforscht und die riesigen Seemanöver, die augenblicklich im Pazifik im Gange sind, haben in erster Linie den Zweck, festzustellen, wieweit im Zusammenwirken mit einer Alaskaflotte eine amerikanische Luftflotte von den Aleuten aus zum wirkungsvollen Einsatz gegen einen angreifenden Gegner gebracht werden kann.
So wird dort oben in den Einöden Alaskas und auf den verlorenen Inseln der Aleuten augenblicklich ein bißchen Weltgeschichte gespielt. Die Erde ist so klein geworden, nicht nur für das Zusammenleben der Völker, sondern auch für das Kriegführen, daß plötzlich ihre entlegensten und verwildertsten Winkel wertvoll und kostbar werden. Sie erwachen aus dem Jahrtausende alten Dornröschenschlaf ihrer Geschichte; aber es sind keine Schalmeien des Friedens, die sie wecken, es ist das Donnern der Kanonen und das Dröhnen der Motore, das ihnen das Lied ihres neuen Lebens singt. Und dieses neue Leben ist, sieht man es genauer, nichts anderes als das Sprungbrett zu vielfältigem Tod!
Laval inmitten von Pressevertretern, nachdem ihm der Präsident zum zweitenmal den Auftrag zur Regierungsbildung gegeben hat. — (Scherl-M.)
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Zurück zu Manitu.
Wandlungen im Indianerterritorium der Vereinigten Staaten.
Colin Roß gehört zu den seltenen Männern, die den Drang nach Abenteuern mit umfassendem Wissen und schriftstellerischer Begabung in sich vereinen. Seine Beobachtungen und Erfahrungen stets in den Zusammenhang der großen Geschehnisse und Entwicklungslinien zu stellen, prägt sich auch in seinem neuesten Werk aus, das unter dem Titel „Amerikas Schicksalstunde" demnächst bei F. A. Brockhaus in Leipzig erscheint.
K a y e n t a (Arizona).
... Wir waren im Jndianerterritorium. Die Kargheit des Bodens, die Dürftigkeit der Grasnarbe, die auf weiten Strecken reiner Sand- und Steinwüste Platz macht, ließ keinen Zweifel daran. Ueberall in den Vereinigten Staaten, wo die Erde besonders unfruchtbar, die Gegend besonders wenig einladend, kann man sicher sein, sich in einem Indianer- reservat zu befinden. Von ihren Sitzen am Meer, in den großen Wäldern, in den fruchtbaren Ebenen hat man die roten Männer langsam, aber sicher immer weiter nach Westen abgedrängt, zuerst über die Appalachen, dann über den Mississippi, um sie schließlich in demWüsten- unb Steppengürtel anzusiedeln, der an dem großen Felsengebirge entlangstreicht.
Hätten wir noch einen Zweifel gehabt, der Weg wäre uns untrügliches Zeichen gewesen, daß wir im Roten-Männer-Land waren. Er wurde immer schlechter, bis die Straße zwischen Löchern und Steinen völlig verschwand und nur ein „Track" blieb, der durch Sandhalden und Flußbetten hindurchführte.
Das Land der guten Straßen macht in den In
bianerreferoaten eine Ausnahme. Wozu brauchen die Indianer Straßen? Weder ist es erwünscht, daß sie das ihnen Angewiesene Gebiet so leicht verlassen können, noch daß Fremde hineingeraten. Die Ureinwohner und ursprünglichen Eigentümer des Erdteils, den man sich angeeignet hat, sollen i n b e n Wüstengefängnissenoleiben, in bie man sie gesperrt hat; bort sollten sie leben unb sterben, am besten aussterben. Das war natürlich niemals bie offizielle Politik, noch hätte man bas je offen auszusprechen gewagt. Aber in ber ganzen Behandlung, die man dem roten Mann zuteil werden ließ, auch nachdem man das Kriegsbeil mit ihm begraben hatte, lebte doch noch etwas von dem alten puritanischen Glaubenssatz fort, daß lediglich der tot e Indianer ein guter Indianer sei!
Natürlich tat man das Seine, um die roten Mitbürger möglichst gründlich und ausgiebig mit den Segnungen der Zivilisation bekanntzumachen. Nicht nur, indem man die Enkel Winnetous auch weiterhin mit Feuerwaffen und Feuerwasser versorgte. Letzteres verbot man sogar offiziell, obgleich inoffiziell natürlich jede Rothaut auch weiterhin so viel Schnaps bekommen konnte, wie sie nur zu trinken oder vielmehr zu bezahlen vermochte, auch wenn die letzten Unterhaltsmittel der Familie dafür draufgingen. Nein, man glaubte eine Weile wirklich, die Indianer „weiß" machen zu können. Das beste Mittel dazu schien, die Kinder den Eltern so früh wie möglich wegzunehmen und in Schulen oder vielmehr Pensionate zu stecken, bie so weit von den Reservaten entfernt lagen, daß bie Eltern bie Kinder erst wiedersahen, wenn diese nach Beendigung der Schulzeit in die Reservate zurück-
kehrten. Daß dort Ettern und Kinder einander mchk mehr verstanden, daß die Kinder für das einfache Leben im Zelt oder Lehmhaus durch die ihnen in I der Schule anerzogenen Ansprüche hoffnungslos verdorben waren, das kümmerte die Apo- tel der Zivilisation wenig. Sie taten auch nichts, liefe zivilisierten Indianer wirklich in die weiße Gemeinschaft aufzunehmen, am allerwenigsten, wenn Gefahr bestand, daß dadurch ein Weißer einen Posten verlor. Nur besonders begabten, energischen, jungen Indianern gelang es, sich in der Welt der Zivilisation einen Platz zu erobern. Die Mehrzahl war für die eigene Welt wie für bie der Weißen gleich verdorben und bildet die Masie jener halbzivilisierten und unbrauchbaren, in hoffnungslosem Niedergang versinkenden Indianer von heute. Das war bedauerlich, aber im Grunde gleichgültig, da die rote Rasse ja ohnehin im Aussterben war.
Die These von dem unvermeidlichen Rassetod der Indianer, zum mindesten in den Vereinigten Staaten, war lange Zeit eine allgemein gültige Ueberzeugung nicht nur in Amerika. Jahrzehntelang timmte sie auch. Aber mit einem Male schienen die Rothäute sich eines anderen besonnen zu haben. Sie tarben nicht mehr aus, ganz unb gar nicht. Die meisten Stämme hielten ben Stand ihrer Bevölkerung, ja, einzelne fingen an, sich in geradezu erschreckender Weise zu vermehren. Erschreckend, weil darauf die offizielle wie inoffizielle Jndianer- politik nicht eingestellt war. Das Land, das man den einzelnen Stämmen zugeteilt hatte, war an sich bereits reichlich knapp. Es wurde mit der Zeit immer knapper, da man ben ursprünglich ber Stammesgemeinschaft überwiesen Grund und Boden auf die einzelnen Familien aufteilte und ihnen das freie Verfügungsrecht darüber gab. Die Folge war, daß die völlig unerfahrenen und geschäfts- ungewohnten Indianer auch jetzt wieder in der gewissenlosesten Weise übers Ohr gehauen wurden. War ihr Land auch nicht viel wert, so war es doch immer noch ein Geschäft, wenn man es für ein paar Decken und etliche Flaschen Schnaps erstehen konnte. Von 133 Millionen Acker im Jahre 1887 sank die
den Indianern gehörige Fläche auf 47 Millionen heutigen Tages herab, von denen überdies 20 Millionen unfruchtbare Wüste find. Damit schien der letzte und furchtbarste Akt der Tragödie des roten Mannes eingeleitet. Der einstige Herr und König eines riesigen Erdteils wurde auf seinem eigenen Boden 3um heimatlosen Bettler und Flüchtling.
Merkwürdiger- und im Grunde unbegreiflicherweise hielt mit dieser Entwurzelung des Indianers seine Dezimierung nicht Schritt, sondern sie schlug, wie bereits erwähnt, in bas Gegenteil um. Der auf ben Ueberbleibfeln bes einstigen Jndianer- terrltoriums verbliebene Rest schien sich mit Hän- ben unb Füßen daran festzuklammern. Die Roten darbten unb hungerten auf ihren Reservaten. Sie lebten von geradezu winzigen Einkommen, die man im Durchschnitt, einschließlich der eigenen Farmprodukte und Erträgnisse ber Viehzucht auf etwas über 40 Dollar schätzt — im Jahr! Ueberall im Sübwesten fiel mir auf, welche Rolle ber Jnbianer hier noch, schon rein zahlenmäßig, spielt. Auch in ber scheinbar völlig leeren, oben Steppe sahen wir zahlreiche Schafherben ber Navajo 5 und ihre seltsamen, achteckigen Behausungen. Die Navajos sind bas eindrucksvollste Beispiel für bie schnelle Vermehrung einzelner Jnbianerstämme. Mitte bes vorigen Jahrhunberts schien auch ihr Stamm im sicheren Aussterben. Er zählte nur noch 8000 Köpfe. Seitbem hat er sich jeboch von Jahr zu Jahr vermehrt, so daß er heute 40 000 umfaßt.
Damit aber ist ein ernstes Problem entstanden, auch für die Weißen. Die Navajos sind Nomaden, sie leben von ihren Schafherden. Wohl ober übel haben sie biefe vermeyrt unb vermehrt, bis sie viel zu groß für bas begrenzte, ihnen zur Verfügung stehende Lanb würben. Die hungrigen Tiere haben bie ohnehin bürftige Grasnarbe zerstört, bie Pflanzen mit ben Wurzeln ausgerissen. Jetzt ist keine Weibe mehr b a, schlimmer noch: ber seines Pflanzenwuchses beraubte Boden hat keinen Halt mehr. Der Präriehund unter- wühlt, der Regen unterwäscht ihn. Erosion tritt ein und völlige Umwandlung in Wüste droht. Der Geiz früherer Generationen, der die Indianer auf das schlechteste Land drängte und selbst dieses noch beschnitt, rächt sich in furchtbarer Weise. Die Bundesregierung muß mit ganz großen Mitteln einspringen, um die Indianer vor dem Hungertod zu bewahren unb den Boden zu retten, ber zur Wüste zu werben broht.
Als bestes Mittel aber zur Rettung ber Jnbianer, zur Rettung bes Bobens, sieht bie Regierung Roosevelts die Rückführung der Rothäute in ihre Stammesgemeinschaft an. Sie sollen wieder zu Manitu beten. Die Indianer sollen wieder Indianer werden!
S»m6Walberfimi(ltoerte Von Ernst von Niebelschiih.
Es gibt Kunstwerke, die eine so bemeate Ver- gangenheit hinter sich haben, daß selbst ber redseligste Chronist vor dem, was sie ausplaudern könnten, zu einem verlegenen Schweigen verurteilt wäre, unb naturgemäß sind es gerade die berühmtesten, die das Buch der menschlichen Tragikomödie mit ihren Schicksalen füllen. Was einer reinen Begeisterung sein Dasein verdankte — wie oft ist es zum Spekulationsobjekt erniedrigt worden, wie häufig hat es den Platz wechseln müssen, weil Neid und Eitelkeit, Gewinnsucht und Verständnislosigkeit größer waren als die Ehrfurcht vor den idealen Werten, die es darstellt. Don den Kunstwerken, die uns der sogenannte Friedensvertrag genommen hat, haben zwei eine besonders wechselvolle und interessante Geschichte: der Flügelaltar in der Marienkirche zu Danzig und der Genter Altar des Berliner Kaiser-Friedrich-Muse- ums. Ihre Biographie liest sich wie ein kurzweiliger historischer Roman.
Es mag um das Jahr 1470 gewesen sein, als zu Brügge in Flandern der damals kaum dreißigjährige Hans Memling den jetzt in Danzig auf- bewahrten Wandelaltar mit der Darstellung des jüngsten Gerichts malte. Auftraggeber war ein in Brügge ansässiger Florentiner Kaufmann, Ja- c o p o Trani, der das Bild für eine der Kirchen seiner Vaterstadt bestimmte. Denn niederländische Kunst stand in dem Italien der Frührenaissance hoch in der Schätzung, namentlich Werke der Malerei, bie an Solidität und Leuchtkraft der Farben bie Erzeugnisse ber gleichzeitigen Italiener um ein Bedeutendes übertrafen. Im Jahre 1473 wurde die kostbare Tafel zusammen mit Spezereien, Pelzwerk und Tuchen auf ber italienischen Galeere „St. Thomas" verfrachtet. Ihr Reiseziel sollte sie freilich niemals erreichen. Die Transportverhältnisse waren infolge des damals zwischen England und den Hansestädten ausgebrochenen Kaperkrieges recht ungünstig, unb so erfüllte sich denn bas Schicksal
des Bildes schnell genug, indem die unter burgundischer Flagge ausgelaufene Galeere bereits im Kanal dem Danziger Schiffshauptmann Paul Beneke als Prise in die Hände viel. Wie groß ber Kunstsinn bes verwegenen Schnapphahns gewesen sein mag, wissen wir nicht. Wahrscheinlich wußte er mit bem erbeuteten Bilde weit weniger anzufangen als mit ber übrigen Labung, weshalb er es vorzog, fein beschwertes Pira- tengewisien zu erleichtern unb ben Altar ber Pfarrkirche feiner Heimatstadt als fromme Stiftung zu überweisen. Vergebens forberten sowohl Florenz wie ber Herzog von Bur- gunb bie Herausgabe der Prise, und ebenso erfolglos drohte Papst Sixtus IV. „feinem geliebten Sohn" Paul Beneke mit bem Verlust ber ewigen Seligkeit. Die Danziger, wie es in einer Chronik kurz und bündig heißt, „orageten da nyscht na". Einmal in der Marienkirche aufgestellt, blieb das Bild in Danzig, bis es die Franzosen nach dem Tilsiter Frieden nach Paris entführten, wo es in Gemeinschaft mit den übrigen „eroberten" Kunst- werken eine der Hauptzielen des Louvre bildete. Sv war denn das schon einmal geraubte Gut zum zweiten Male dem Sieger anheimgefallen. Erst 1816 wurde es durch König Friedrich Wilhelm III. den Danzigern zurücker stattet, die damals im Gefühl des Dankes und der gekränkten Unschuld das klassische Distichon auf den unteren Bildrand schrieben:
„Als das ew'ge Gericht des Kleinods Räuber ergriffen, gab der gerechte Monarch uns das Erkämpfte zurück."
Einen nicht weniger verwickelten Lebensroman hat ber berühmte Wanbeialtar, ber auf Bestellung bes Genter Patriziers Jodokus V y b t unb feiner Gattin Isabella, geb. Burluut, von Hubert van Eyck begonnen, von besten Bruder Jan 1432 voll- enbet wurde. Mit Recht hat man in ihm das erste große, mit verbesserten Darstellungsmitteln ge- | schaffene Dokument der modernen Malerei gesehen.
Bekannt wie kein zweites Bild, ist er zum Gemein- 1 besitz ber kultivierten Menschheit geworden. Sehen
wir von den leider schon frühen Eingriffen ber Restauratoren ab, so stand bas Wunderwerk bis zum Jahre 1566 unangetastet an feinem Bestimmungsort: ber Vybtskapelle in ber Kathebrale St. Bavo zu Gent — von ben Malern unb Kunst- freunben „umschwärmt wie ein Feigenkorb von ben Bienen". Philipp II. hatte nicht übel Lust, ben ganzen Altar nach Spanien zu verschleppen, aber ber Anschlag scheiterte an bem Widerstand der Bürgerschaft, so daß sich ber König bamit begnügen mußte, Kopien von ber Hanb des Mechelner Meisters Micbel Coxcie anfertigen zu lasten. Während der kalvinistischen Unruhen war man genötigt, den Altar abzubauen und in die Genter Zitadelle zu retten; von dort gelangte er für einige Jahre in das Rathaus, bis er 1584 nach der Einnahme der Stadt durch die Spanier aufs neue in der Vydtskapelle feinen Einzug halten konnte— nicht auf lange. Zeit, denn bereits 1641 zwang ein Dachftuhlbrand zu abermaliger Flucht, der sich auch eine durchgreifende Restaurierung angefchlosten zu haben scheint.
Etwa ein Jahrhundert blieb das Werk unbe» heiligt. Mit einem Besuch Kaiser Josefs II. in den inzwischen österreichisch gewordenen Niederlanden begann die Leidensgeschichte seiner Zer- stückelung. Den ersten Anlaß dazu gab eine mißfällige Aeußerung des sittenstrengen Monarchen über die nackten Gestalten bes ersten Menschenpaares, was 1781 bie Entfernung ber beanstandeten Tafeln zur Folge hatte. Nachdem sie lange Zeit verborgen gehalten werden mußten, sind sie 1791 in bie Brüsseler Galerie gelangt. Nun folgte Schlag auf Schlag. Bei der Okkupation Belgiens durch bie Franzosen 1794 fiel zunächst bas Mittelstück mit ber Anbetung bes Lammes unb ben Figuren Gottvaters, Mariae unb Johannis fremder Beutegier zum Opfer. Die Bilder manber- ten — wie wenige Jahre später ber Danziger Altar — in ben Louvre und wurden erst nach dem Pariser Frieden ausgeliefert. Inzwischen aber hatten die Genter in kaum glaublicher Leichtfertigkeit die F l ü g e l b i l b e r für bie lächerlich niedrige Summe von 3000 Florins an einen belgischen Kunsthändler verkauft, der sie
für 100 000 Mark an ben englischen Sammler Solly losschlug. Mit besten reichem Kunstbesitz finb sie bann 1821 durch Kauf in bie Berliner Gemäldegalerie gelangt, die sie bis 1919 als ihr kostbarstes Kleinod hütete.
So war bas berühmte Werk denn in drei Teile zerrissen und an ebensoviel Orten untergebracht: Der mittlere Teil in ©ent, bie Tafeln mit Adam unb Eva in Brüssel, die übrigen Flügelbilder in Berlin, diese aus Gründen der bessern Aufstellung auseinandergesägt und nebeneinander auf- aehänA. In Gent und Berlin wurden die aus spanischem Besitz erworbenen Kopien von Michel Coxcie zur Ergänzung der Originale verwandt.
Damit ist aber die Odyssee des Genter Altars noch nicht zu Ende. Daß die in der Vydtskapelle verbliebenen Tafeln bei Ausbruch des Weltkrieges abermals in sicheren Gewahrsam gebracht wurden, ist nach den trüben Erfahrungen, die die Genter einst mit der französischen Besatzungsarmee gemacht hatten, verständlich, wenn man sich auch bald davon überzeugen konnte, daß dem belgischen Kunstgute unter dem Schutze des deutschen Generalgouvernements keine Gefahr drohte. Ebenso verständlich ist schließlich auch der Wunsch der belgischen Regierung, sich nach dem Kriege wieder in den Besitz der einst verschleuderten Berliner Tafeln zu setzen — doppelt verständlich, als der sehr weitherzig auslegbare Rechtstitel der „Reparationen" auch einen offenkundigen Raubzug moralisch zu legitimieren erlaubte. Wie dem auch sei: für die Bürger von Gent muß es eine große Stunde gewesen fein, als die Berliner Kriegsbeute unter dem Geläut aller Glocken in der alten Scheldestadt eintraf und in feierlichem Zuge von Volk und Geistlichkeit zur Kathedrale von St. Bavo geleitet wurde, um dort mit den beiden Brüsseler Bildern den angestammten Platz wieder einzunehmen. Doch scheint über dem Altar ein Unstern zu walten. Vor kurzem wurden zwei Flügelbilder gestohlen. Eins davon hat man soeben unter geheimnisvollen Um» ständen wiedergefunden. St. Bavo, möchte man glauben, soll feines kostbaren Besitzes nicht froh werden.


