Nr. 1*2 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) 5amstag/5onntag, 8./Y. Zuni |935
Das Rädchen von Orleans.
Von Dr. Paul Harms.
Erfolgreiches Führe rtu m ist in der älteren Geschichte durchweg mit Herrentum verbunden. Stammesherzöge, Könige, Päpste, Kanzler, Kardinale, Ordensmeister und sonstige Angehörige der, in Staat und Kirche regierenden Oberschicht, sind die Werkzeuge, deren sich das Weltgeschehen bedient, um dem Gang der Dinge eine entscheidende Wendung zu geben. Eine Führernatur großen Formats, die nicht von oben, sondern von unten, aus der Masse der Regierten kommt, tritt uns erstmals um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Cola R i e n z i entgegen, dem letzten Tribunen, der uns durch Richard Wagners große Oper vertraut geworden ist.
Italien hat sich bis dahin selbst als einen Bestandteil des Imperiums der deutschen Könige ge- fühlt. Rienzi ist, so viel wir sehen können, der erste, der bewußt einen italienischen Nationalismus zu wecken und als politische Triebkraft zu verwerten trachtete. Damit ist er seiner Zeit um Jahrhunderte voraus, und er scheitert unter anderem auch an der Abneigung der römischen Weltkirche, ihren Gottesstaat durch das Erwachen eines Nationalbewußtseins der Völker gefährden zu lassen. Immerhin, er, der zuerst die Masse der Regierten mit vorübergehendem Erfolg gegen das brutale Regiment der römischen Barone führte, hat in die Ferne gewirkt, und das Standbild, das ihm in Rom in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtet wurde, ist dem ersten Rufer nach einem geeinten Italien gesetzt.
Ein Jahrhundert war seit Rienzis Geburt verflossen, da wurde, 1412, dem französischen Volke der Führer geboren, der sein nationales Bewußtsein wecken sollte. Und auch dieser Führer kam von unten, denn er war ein Bauernmädchen. Auch die Gestalt der Jeanne d'Arc aus dem lothringischen Dorf Domremy ist uns Deutschen vertvaut durch das Werk eines unserer Großen, durch Schillers romantisches Trauerspiel von der Jungfrau von Orleans. Und neuerdings ist die Aufmerksamkeit erneut auf diese rührendste Verkörperung eines heldenhaften Führertums gelenkt worden durch den Film der Ufa. Ein Bildstreifen, der mit der geschichtlichen Ueberlieferung allerdings reichlich so unbekümmert verfährt, wie Schiller, dabei aber zum Problem des heldenhaften Führertums in einer Weife Stellung nimmt, die von Schillers Auffassung weit ab und oft in befremdliche Nähe des skeptischen Spötters Voltaire führt. Eine Wiedergabe des tatsächlichen Geschehens kann also nur dazu dienen, dem Publikum ein selbständiges Urteil zu erleichtern und es vor dem Abgleiten in Stimmungen und Auffassungen einer überwundenen Zeit zu bewahren.
Das Frankreich, in das die Jeanne d'Arc hineingeboren wurde, war seit 70 Jahren vom Kriege mit den Engländern, und gleichzeitig vom Bürgerkrieg zerrissen. Im Südwesten waren die großen Gebiete von Poitou, von Guyenne und der Gascogne schon vor Jahrzehnten an England abgetreten worden. Den Norden hatte Heinrich V. von England — der Gönner Falstaffs aus Shakespeares Königsdramen — durch die Schlacht bei Azmcourt erobert. Paris und der Osten, das mächtige Herzogtum Burgund, hatten Heinrich V. als König von Frankreich anerkannt. Auf das Land dazwischen sah sich der Dauphin, der ungekrönte Karl VII. beschränkt, der erst in Bourges, dann in Chinon hauste. Zum Glück für Frankreich starb Heinrich V. schon bald nach der Eroberung von Paris; sein Bruder, der Herzog von Bedford, setzte den Krieg für den unmündigen Heinrich VI. fort. Die Engländer lagerten vor Orleans. Nahmen sie es ein, dann war die Verbindung zwischen ihrem nördlichen und ihrem südlichen Besitz hergestellt — und mit dem französischen Kö- nigstum war es aus. Und Karl VII. hatte ohnedies nur Anwartschaft auf dieses Königtum, galt aber auch in dem ihm verblieben Landesteil, so lange er nicht in Reims gekrönt war, keineswegs als anerkannter König!
In dieser verzweifelten Lage erschien zu Chinon, am Hofe des Dauphins, die Jungfrau. Jeanne hatte das ganze Kriegselend unmittelbar miterlebt.
Schon mit 13 Jahren hatte sie innere „Stimmen" vernommen, Stimmen Gottes, der Jungfrau, der Heiligen, die in der Folge von ihr die rettende T a t forderten. Als 17jährige verlangte sie von dem Befehlshaber von Vaucouleurs ein Pferd und eine Rüstung — wenn sie als Frau unter wildem Kriegsvolk sicher sein wollte, mußte sie männliche Kleidung tragen — und begab sich mit wenigen Begleitern, die an sie glaubten, auf den Weg nach Chinon zum Dauphin.
Dort langte sie im März 1429 an. Sie hatte es nicht leicht, sich durchzusetzen. Aber schließlich bekam sie Truppen, führte einen Zug mit Lebensrnitteln nach Orleans hinein und vertrieb Anfang Mai in mehreren Ausfällen die Engländer von Orleans und von der Loire. Wie sie versprochen hatte, führte sie den Dauphin nach Reims, wo er im Juli feierlich gekrönt wurde.
Für Menschen mit unverbildeten Sinnen ist der Vorgang an sich verständlich, wenn auch ein Wunder. Man braucht nicht, wie es versucht worden ist, in die Tiefen der Sexual-Pathologie hinabzusteigen,' um ihn zu erklären — was man so „erklären" heißt. Man braucht auch keine Nachhilfe durch einen königlichen Politiker vorauszusetzen, der den Ma- chiavelli vorweg genommen hat. Es ist ganz einfach das Wunder der heldenhaften Führung, die an sich und ihren Beruf glaubt, und daher auch andere zum Glauben fortreißt. Es ist einfach — und bleibt doch immer ein Wunder. Ein Volk, das seit Jahrzehnten den Feind im Lande hat und von ihm und seinen eigenen Großen zu Boden gedrückt und getreten wird, erlebt zum ersten Mal den, in einer glaubensstarken Führerpersönlichkeit verkörperten völkischen Willen zum Leden. Dieses Erlebnis wirkt Wunder. Er bricht Den Bann, den ganze Geschlechter als unabwendbare Schickung hingenommen hatten. Der französische Nationalismus erwacht.
Aber dieses erste Erwachen ist nicht stark genug, um nun das künftige Schicksal der Volksgemeinschaft aus eigenem Willen zu gestalten. Das Wunder wiederholt sich nicht von Tag zu Tag. Auf den Festtag des Wunders folgt der graue Alltag. Die heldenhafte Führerin, die den Widerstand des Landesfeindes gebrochen hatte, scheiterte am Widerstand der alltäglichen Mächte: der Kirche, des Königtums, des Feudalismus. Was sollte sie tun, nachdem sie ihr Ziel, die Krönung in Reims, wahr gemacht hatte? In die Dunkelheit zurückgetreten? Das war für sie unmöglich: die an sie geglaubt hatten, litten es nicht. Wollte sie nicht die Beute eines der sie umwerbenden Männer werden, so mußte sie weitergehen auf dem Wege der heldenhaften Führerin.
Beim Versuch, Paris mit unzulänglichen Kräften zu nehmen, wurde sie durch einen Pfeilschuß am Schenkel schwer verwundet. Vor Compiegne fiel sie, wahrscheinlich durch Verrat, im Mai 1430 den Burgundern in die Hände, die sie für schweres Gold an ihre englischen Verbündeten verschacherten. Damit beginnt das Martyrium des Heldenmädchens, das ein volles Jahr dauern sollte. Sie war jetzt ganz auf sich gestellt, war des Rückhalts, den sie an ihren Landsleuten gehabt hatte, beraubt. Daß der ungeheure seelische Druck, dem sie ausgesetzt war, sie nicht gebrochen hat, das macht ihre vorbildliche Größe aus. Ritterlichkeit war jener Zeit des ab- sterbenden Rittertums unbekannt. Den Engländern war gegen einen Feind, den sie einmal gefürchtet hatten, jedes Mittel recht, die Jungfrau sollte und mußte als Hexe und Ketzerin verurteilt werden, damit die Krönung Karls VII. ihres Nimbus' beraubt würde. Und es fanden sich französische Priester, die das Urteil zu sprechen bereit waren. Denn wenn sie als Priester und nicht als Franzosen urteilten, so konnte der Spruch nicht zweifelhaft sein.
Nach kanonischem Recht mußte die Heldenjungfrau als Ketzerin verurteilt werden, denn sie hatte Gott unmittelbar, ohne Vermittlung der Kirche gesucht und weigerte sich auch jetzt noch, ihren „Stimmen" als höllischen Eingebungen abzuschwören. Die Kirche aber hatte nicht, schon vor zwei Jahrhunderten, die Albigenser in Frankreich zu zehntausenden hinmorden lassen, die Inquisition hatte nicht in allen europäischen Ländern unbarmherzig gegen die Ketzer gewütet, um jetzt vor einem Bauernmädchen Halt zu machen. Vier Monate hat
die Qual des Prozesses gedauert. Am 24. Mai 1431 sollte auf dem Marktplatz von Rouen das Urteil vollstreckt werden. Da erlag die 19jährige einer Neroenkrise: um dem Scheiterhaufen zu entgehen, unterzeichnete sie mit einem Kreuz einen kurzen Widerruf. Und nun erst sollte sie die volle Höhe ihres, über die Jahrhunderte hinstrahlenden Heldentums erreichen.
Um den Lohn ihres Widerrufes wurde sie von den Engländern betrogen. Statt, wie sie gehofft hatte, nunmehr in weibliche Obhut zu kommen, wurde sie rohen Soldaten zur Bewachung über
geben. Da legte sie notgedrungen wieder männliche Kleidung an — und wurde als rückfällige Ketzerin zum zweiten Male verurteilt. Wie nach ihr der 52jährige Givrdanv Bruno, wie in Kleists Drama der Reiteroberst Prinz von Homburg, hat sie, die kaum dem Kindesalter entwachsen war, die Todes- furcht überwunden, indem sie dem Tode fest ins Auge sah. Gefaßt hat sie am 30. Mai 1431 den Scheiterhaufen bestiegen. Ihre Asche ist in die Seine gestreut worden — und als National-Heilige des erneuten Frankreich ist sie alsbald wieder auferstanden.
Feierstunde der deutschen Technik in der Breslauer Lahrhunderthalle.
Anläßlich des 25jährigen Bestehens der Breslauer Technischen Hochschule fand im Rahmen der 73. Tagung des Vereins deutscher Ingenieure in der Breslauer Jahrhunderthalle eine eindrucksvolle Feierstunde statt. — (Presse-Illustration Hoffmann-M.)
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3m Umkreis der größten Seeschlacht der Zukunst. Von Dr. A. Winbauer.
Noch ist zwar Friede, ein Friede voll Lärm und voll Waffengeklirr, aber immerhin noch Friede. Während Amerikas Flotte in riesigen Manövern in der Südfee den Ernstfall probt, dampft ein amerikanischer Kreuzer zum Freundschaftsbesuch nach Tokio. Aber es ist ein gefährlicher Friede. Die Gegner sehen sich in die Augen und auf die Hände. Und unter der Toga des Friedens klirrt die stählerne Rüstung. Sie machen sich auch nichts vor. Sie wissen, jeder Mann in jedem ihrer Länder weiß es, daß einmal der Tag kommen wird, und in der Selbstverständlichkeit dieses Wissens findet man es auch mit schönem, fast heroischem Unmittelbarkeitssinn für Tatsachen und Entwicklungen selbstverständlich, daß man hüben und drüben für den Ern st fall probt. Für den Ernstfall: das heißt für die Auseinandersetzung um d i e Herrschaft im^azifischen Raume.
Es gab einmal eine Zeit, da galt dieser Raum als der friedengesichertste der Welt. Da gab es kein
Pazifikproblem, noch weniger die Gefahr eines Pazifikkrieges. Da wirkte die ungeheure Weite dieses Raumes von selbst als Garantie des Friedens. Sie drückte alle Anlieger soweit auseinander, daß keine Reibungsflächen entstehen konnten. Seither hat die Technik, vor allem die Technik des Verkehrs, die Ränder des Raumes so nahe aneinander geführt, daß überall entzündliche Stellen entstanden. Und seither sucht die Geschichte auch in diesem Raum nach dem Beweis ihrer alten Lehre, daß Meere zwischen den Völkern nicht Brücken des Friedens, sondern Brücken des Krieges sind. Der Haß züngelt hoch an den Ufern des Pazifischen Ozeans, und über den Weiten feiner Wüsten wölbt sich das Wörtchen Krieg in hohem Bogen.
Zum Kriegführen aber braucht man Stützpunkte, ein Vorfeldglacis und Au s f alist e 11 u n g e n. Hier ist aber Japan bedeutend besser daran als Amerika. Amerika hat auch
Akelei und Pfingstrose.
Von Peter Bauer.
Beide sind beliebte Gartenblüher und entfalten sich unmittelbar vor den königlichen Rosen. Sie erscheinen in vielen Farben, ohne darum ihre Stam- mesmerfmale zu verleugnen ober gar zu verlieren. Akelei ober Aklei hat etwas froh Erregenbes und Erregtes, etwas Anmutiges und Beschwingtes im Klang und erinnert an eine Tänzerin. So schlank- beinig und sprunghaft leicht schießen die Stenge! über ihre Umgebung hinaus. Den Blättern, die in ihrer Dreiteilung fast einem Kleeblatt ähneln, aber zierlicher gebuchtet und gekerbt sind, verdankt die Akelei ihren Namen. Denn Aquilegia bedeutet Wassersammlerin und weist auf die Haltung der Blätter hin, deren Ende sich nckch dem Stiel zu senkt, als wollte jedes Dreiblatt einen Trichter bilden zum Auffangen der Feuchtigkeit. Die gesamte Blätterhülle wiegt sich wie ein weich und schwebend gewirbeltes Spitzenkleid im Winde. Darüber ragt hoch in kecker Selbstbewußtheit der Blütenkopf, der bis an die Wangen tief in einem fünfzipfeligen Kragen steckt und sich im letzten Augenblick mit einer so entzückenden Geste senkt, daß man mit Goethe im Zweifel ist, ob es aus „Gefühl" oder aus „Mutwillen" geschieht. Sicher beeinflußt schon die Blütenfarbe den Ausdruck. Was bei der Weißen und Blauen als „Gefühl" gedeutet werden könnte, wirkt bei der Weinroten schon eher wie „Mutwille". Noch rätselhafter wird die Haltung bei den Braunroten und Goldgelben, den Exoten aus Kanada. Aber Tänzerinnen sind sie alle.
Im Gegensatz zu den bäuerlichen, breithüftigen Pfingstrosen, auf die der Name Päonie vortrefflich paßt. Man hört aus ihm etwas Fülliges, Rundliches üppiger Körperformen und denkt an Bäuerinnen im Trachtenschmuck, wo sich Wohlhabenheit in Vielheit äußert: je mehr Röcke, um so größer die Wohlhabenheit. Daher brauchen sie Platz, wo sie stehen, wie Frauen in der Reifrockzeit. Bei all ihrer gefunden Drallheit erlebt man mit ihnen feine Überraschungen. Sie fallen leicht in Ohnmacht. Dann liegen ihre Blüten am Boden und wenn sie in. dieser Haltung ein Regen überfällt, verschmutzen sie und bleiben unansehnlich. Man pflegt ihnen deshalb ein Korsett anzuziehen, in Form eines Draht- ring/s ober eines runden Korbes, aus dem der
Boden abgetrennt ist. Aber in solcher Enge nehmen sie meist ein bedrücktes Wesen an und verlieren ihr unbekümmertes Gehaben, das sich mit Vorliebe in einem stolzen, leicht hintenüber Neigen des Kopfes gefällt. Besser schart man eine Leibwache von strammen Schwertlilien um sie, denen sie bei etwaigen Schwächeanfällen schon einmal in die Arme sinken können. Die gewöhnliche Päonie blüht rotbäckig und heißt Bauernrose oder Pfingstrose, weil sie um Pfingsten sich entfaltet. Die weißen und hellfarbigen Arten aus Asien und China duften bisweilen nach Rosen.
Akelei und Pfingstrose: die tänzerische Nachhut des Frühlings und der bäuerliche Vortrupp des erntereichen Sommers begegnen einander.
Oer Mönch von Heisterbach.
Eine Rheinsage von Wilhelm Schäfer.
Einmal vor vielen Jahren faß ein junger Mensch zu Heisterbach vor feinem Psalter und grübelte den letzten Dingen nach und konnte nicht verstehen, was da geschrieben stand: Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.
Weil ihm heiß geworden war in Grübelei und Seelennot, ging er in den Klostergarten, wo die Frühlingslüfte kühl um seine Ohren wehten. Da hörte er Gesang von einem Vogel, voll und schmelzend wie von einer Flöte, so daß er alle Grübelei vergaß und durch den Garten hin und her dem wunderbaren Vogel folgte, der nur ein unscheinbares Tierchen war und rasch von Baum zu Baum sich schwingend stets wieder anderen Gesang anhob. Zuletzt flog er auf einen Tannenbaum jenseits der Mauer, und weil das Klofterpförtchen offenstand, so folgte ihm der junge Mönch auch da und ließ sich in den Frühlingswald hinunterlocken bis tief in eine Brombeerschlucht, wo eine Quelle wie ein Brunnen in ihrem eigenen Wasser stand und von den Sonnenstrahlen glühte.
Auf einmal aber ging die Sonne unter, der Vogel schwieg und eine Kühle stieg aus dem Gebüsch. Er wollte fröstelnd zurück, jedoch die Brombeerranken hängten sich in seine Kutte, daß er mühsam aus der Schlucht und in der Dämmerung erst ins Kloster kam. Da war das Gartenpförtchen schon geschlossen, er mußte um die Mauer her den Umweg ans
Haupttor machen. Beschämten Sinnes wollte er die Glocke ziehn und fand den Griff nicht mehr und klopfte schließlich an wie ein Fremder.
Er sprach den Pförtner gleich demütig an, daß er zu spät gekommen wäre, und wollte schnell an ihm vorbei. Der aber trat ihm in den Weg und sah ihm forschend ins Gesicht; da merkte er, daß es ein anderer Pförtner war, und weil er hitzig wurde, hieß er ihn mit zum Abt hinübergehn. Auch dieser aber war ein Fremder, und als er zweifelnd die getäfelten Wände sah, die er doch kannte: sah er vom Licht der Kerzen in den kleinen Scheiben fein eigenes Bild mit weißem Bart und Haar und fühlte, daß fein Rücken ihm krumm geworden war wie einem alten Mann. Da hielten ihn die Füße nicht mehr länger, sie mußten ihn auf einen Sessel leiten, wo er die Brüder kommen sah, einen nach dem anderen, und keinen kannte er und keiner ihn. Und als er zitternd seinen Namen nannte, holten sie das alte Klosterbuch und fingen an zu blättern, weit zurück, und fanden keinen seines Namens in drei Jahrhunderten; der letzte aber, der fo hieß, war jungen Jahres schon ein Zweifler und ging heimlich fort.
Da sank dem alten Mönch ein schwerer Schatten in die Augen: denn tausend Jahre sind ein Tag; und er war gestorben wie wenn Wind auf eine Kerze fällt.
Hochschulnachnchten.
Der Mathematiker Professor Dr. Theodor Dahlen, Ministerialdirektor im Reichs- und Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Berlin ernannt worden.
Geh.-Rat Professor Dr. phil. et med. Hans F i - scher, Ordinarius für organische Chemie und Direktor des organisch-chemischen Instituts der Technischen Hochschule München, hat einen Ruf nach Berlin erhalten. Geh.-Rat Fischer ist 1930 für feine Arbeiten über die Konstitution der Blut- und Blattfarbstoffe und für die Synthese des Hämin mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet worden.
Professor Dr. Adolf H e I b o k, Extraordinarius für österreichische Geschichte und deutsche Wirtschaftsgeschichte an der Universität Innsbruck, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Leipzig ernannt worden.
Zeitschriften.
— Das Juniheft der schönen Zeitschrift „D e r Naturforscher" (vereint mit „Natur und Technik", Einzelheft 1 Mark, Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde) dürfte hier besonderem Interesse begegnen, da es an erster Stelle zwei Beiträge von Gießener Gelehrten veröffentlicht. Der Rektor unserer Landesuniversität, Prof. Dr. G. Pf. Pähler, Ordinarius für Pädagogik und Psychologie, nimmt in einem Aufsatz „Ist der Charakter erblich?" eingehend Stellung zu den schwierigen Fragen, ob der Charakter auf Vererbung beruht, wie weit das Erbe reicht und wo der Einfluß der Umwelt auf die Charaktergestaltung beginnt Privatdozent Dr. W. E. A n k e l vom Zoologischen Institut Gießen zeigt an Hand von eindrucksvollen Bildern auf Grund seiner Forschungen über die Eiablage der Schnecken, welche Mittel der Natur zur Verfügung stehen, um eine bestimmte Formprägung zu erreichen. — Mit allgemeiner Anteilnahme beobachtet man die Maßnahmen zur Erhaltung des urtümlichsten deutschen Wildes, des Wisents, namentlich nachdem feine Reinzucht und Verdrängungszucht durch Schaffung weiter Gehege amtlich unterstützt und gefördert wird. Dr. Rein gibt in feiner Abhandlung „Bison und Wisent"' einen Ueberblick über die Hauptfragen der Wisentzucht. — Dr. Peters, Bern, bringt „Neue Beobachtungen über den Netzbau der Kreuzspinne" mit zahlreiche» Bildern. — Dr. K. Helbig, Hamburg, der eine sehr erfolgreiche Expedition nach Jnsulinde unternahm, veröffentlicht zum ersten Male feine Feststellungen über die „Tufflandschaften auf Sumatra" und fügt ihnen schöne Ausnahmen bei. — Im Sinne des Naturschutzes teilt Dr. Steinbacher, Berlin, die Ergebnisse von Magenuntersuchungen beim weißen Storch mit. — Ein bebilderter Aussatz von Dr. Kufferath berichtet über die „Fortschritte in der Luminiszenz- analyse", einem Verfahren, das mit Hilfe der neuesten Apparate bei der Feststellung von Fälschungen an Rohstoffen, Nahrungsmitteln, Gemälden usw. unschätzbare Dienste leistet. — Die kleinen Beiträge aus allen naturwissenschaftlichen Gebieten bringen noch viel Merkwürdiges und Wissenswertes. Mit einem Ueberblick über die Forschungsergebnisse, mit Anregungen zur Naturbeobachtung, diesmal über den Vogelgesang im Ablauf eines Jahres, mit einer Bücherschau und der beliebten naturkundlichen Preisfrage schließt dieses vielseitig anregende Juniheft des „Naturforschers".


