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Nr. 57 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-AnzeigersürGberWen)

5reitag,8.Mrzl935

Der Gartenbau in -er Volkswirtschaft.

Zur neuen Marktregelung für den Gartenbau.

Von Professor Dr. Ebert-Äerlin.

Die Auffassung des Reichsministers und Reichs­bauernführers Darre, daß die Marktordnung die Grundlage nationalsozialistischer Wirtschaftsführung sei, ließ erwarten, daß auch für die bisher nicht genügend berücksichtigten Teilgebiete des Reichs­nährstandes ebenfalls die Voraussetzungen für eine durchgreifende Marktordnung geschaffen werden würdet. Mit der Bildung derHauptvereinigung der beugen Gartenbauwirtschaft" wird ein wei­teres solches Teilgebiet angepackt, das besondere Beachtung verdient. Man wird nicht leugnen kön­nen, daß der Gartenbau von sehr erheblicher wirt­schaftlicher und bevölkerungspolitischer Bedeutung ist. In ihm herrschen Betriebsgrößen gärtnerischer und kleinbäuerlicher Art vor, die unter der bäuer­lichen Erbhofgrenze liegen und demnach infolge ihrer intensiven Arbeit und Flächennutzung u n - endlich vielen Familien Lebensun­terhalt gewähren, ja darüber hinaus noch zahl­reiche Arbeitskräfte beschäftigen, weil alle Zweige des Gartenbaues in stärkstem Maße auf Handarbeit eingestellt sind. Die in den Gartenbaubetrieben investierten Kapitalien gehen in die hunderttausende von Mark, und der Umsatz be­lief sich vor wenigen Jahren noch auf fast zwei Milliarden Mark, an dem der Gesamtgemüsebau mit etwa 50 v. H., der Obstbau und die übrigen Zweige des Gartenbaues mit etwa je 25 v. H. beteiligt waren. Es besteht mithin ein Volksinter­

esse daran, daß diese Betriebe lebensfähig blei­ben. Der Gartenbau hat und wird auch in Zukunft immer gewisse Opfer im Interesse der deutschen Außenhandelsbeziehungen bringen müs­sen Um so notwendiger erscheint es, daß ihm durch Ordnung des Binnenmarktes eine stetige A r - beits- und Absatzgrundlage gegeben wird. Es darf nicht so bleiben, daß alljährlich große heimische Erzeugungswerte nur deshalb verloren­gehen, weil der gegenwärtige Zustand des Markt­geschehens und die Verteilung der Erzeugnisse auf den Märkten unzulänglich ist. Es geht nicht an, daß einzelne Märkte ü b e r l a st e t und dicht da­neben Märkte unzureichend beliefert wer­den. Es ist auch für die Verbraucherschaft durchaus unerwünscht, daß oerkaufsunwürdige Ware die Wege verstopft, die gute, einwandfreie Erzeugnisse brauchen, um zum Verbraucher zu gelangen.

Das Schwergewicht der Arbeit der neuen Haupt­vereinigung wird mithin darin liegen, unter Zu­sammenfassung aller Kräfte, die an der Erzeugung, der Be- und Verarbeitung und der Verteilung be­teiligt sind, zunächst eine Zufuhrregelung zu d en Märkten nach klaren, eindeutigen Gütebe­stimmungen durchzusetzen und die Verteilung so zu regeln, baß eine gleichmäßige Versorgung der Märkte stattfindet. So dient ihre Arbeit der Aufgabe nationalsozialistischer Bedarfsdeckungswirt­schaft.

geschlossen, ebenso «die Tasche. Roch fünf und eine halbe Minute. Da brüllt einer: ,D 11 nach Hanno­ver, ab, los, los!4 Rusch verschwindet der Nachschub in einer Sondertasche, die auf dem vorderen Ge­päckhalter Platz finden muß, und hast du nicht ge- sehn, geht's durch die Straßen. Roch fünf Minuten, knapp gerechnet! Also heißt es einheizen! Die Lampe brennt, das ist Ehrensache! Aber dort an der Kreuzung gibt die Verkehrsampel den Weg nicht frei. Das passiert sicher noch einmal, wenn man Pech hat. Wir wählen deshalb schon die weniger belebten Zufahrtstraßen, aber immer geht das auch nicht. Geschafft werden muß es. Muß es!

Manchmal bleibt wahrhaftig zwischen dem Ab­geben am Bahnpostwagen und der Abfahrt des Zuges nur noch kurze Zeit für ein kurzes Nicken mit dem Postbeamten. Wir kennen uns ja ganz genau, und wie oft ist es schon vorgekommen, daß er den Rucksack noch im Anfahren ausgekippt und ihn mir wieder leer auf den Bahnsteig geworfen hat. Das ist eine Sache von Sekunden. Und diese Sekunden sind wichtig für uns. Wie gut, daß die Postwagen hinten oder vorn auf dem Bahnsteig stehen. Wir wissen genau, wo wir sie bei den ein­zelnen Zügen zu suchen haben, manchmal auf den Meter genau kennen wir die Stelle des Haltens."

Rur einmal zu spät!

üings zugeben, aber das lag nicht an mir. Da war im Lustgarten ein Aufmarsch. Hun-derttausende von Menschen hörten Dr. Goebbels. Unbeschreiblich war das. Die ganzen Linden waren von Menschen besät, alle Zufahrtstraßen schwarz. Unmöglich, da durchzukommen. Da hieß es also umfahren! Weit um den Lustgarten herum. Junge, Junge, da habe ich erst mal richtig gemerkt, was es heißt, wenn hunderttausend Menschen aufmarschieren. Ich habe, haste was kannste, in die Pedale getreten und kam trotzdem zwei Minuten zu spät."

Was wird dann aus den Sendungen?" fragte ich weiter.Ja, die müssen eben dann mit dem nächsten Zug gehen, d. h. ich erkundige mich da telephonisch noch einmal bei unserem Botenmeister, ob wichtige Post etwa mit Eilboten nachgeschickt werden soll. Die muß ich dann zur Nachfrankierung zurückbringen, die andere bekommt das Bahnpost­amt. Ja, fix müssen wir sein, uns schnell entschlie­ßen und handeln. Und deshalb veranstalten wir Radfahrer unter uns zusammen mit den Zeitungs­fahrern aus den Betrieben auch jedes Jahr unser Radrennen. Das hält in Form! Mancher von uns hat auch schon in anderen Sportrennen seinen Mann gestanden!"

Willi, fertigmachen!" ruft eine Stimme. Ent­schlossen verabschiedet er sich. Kaum eine Minute später fährt er aus dem Tor bes großen Betriebes, und die Straße nimmt ihn auf mit ihrem Tempo und ihrem Leben. Fred Ritter.

Na, und wieviele Male haben Sie den Zug schon versäumt?"Nee, Herr, das kommt ja nun nicht in Frage! Ein einziges-mal, das muß ich aller-

Der Kampf um Sekunden.

Ein Berliner Zeitungsfahrer erzählt von seiner Berufsarbeit.

Große Leute werden nur ausgefragt oder, wie man so sagt, .Prominente werden interviewt^ denke ich. Was wollen Sie denn also von mir wissen? Ich bin ja nur Radfahrer, ein ganz ge­wöhnlicher Radfahrer."

So empfängt mich der junge Bursche und winkt ab, als ich ihn bitte, mir etwas von seiner Tätigkeit zu erzählen. Er sitzt auf einem breibeinigen Eisen­schemel vor einem langen Tisch, dessen Platte mit Blech beschlagen ist. Auf einem Papier hat er sein Frühstück ausgebreitet, und daneben steht dampfend die offene Thermosflasche mit warmem Kaffee.

Essen zwischendurch ...

Essen muß man so zwischendurch mal einen Happen, d«I Zeit dazu gibt's bei uns nicht, weil wir ja immer b. u. sind. Dauernd unterwegs", setzt er lachend hinzu. Während er noch mit vollen Backen kaut, packt er seine Brote ein, schließt die Flasche und verpackt sie sorgsam in einen schmalen, hohen Eisenschrank, der neben vielen anderen eine Wand des langen Versandraumes einnimmt. Nr. 9 steht über dem seinen und unter der Ziffer meldet ein aufgeklebter Zettel seinen Namen: Willi S t ö w e r.

Willi Stöwer kommt auf seinen Sessel zurück. Sehen Sie sich da drüben auf dem Tisch mal die Post an, Briefe und Zeitungen, Manuskripte und Rollen, und was weiß ich noch. Bergeweise wandert das Zeug von einer Hand zur anderen, wird ab­gezählt, sortiert und eingeteilt. Das ist sozusagen das, wofür wir da sind, und wenn diese Post erst hier gelandet ist, dann beginnt unsere Arbeit!"

Er zeigt auf seine Tasche, die an langer, über die rechte Schütter führender Schlaufe an seiner linken Seite hängt.Und hier, sehen Sie sich das Riesending von Rucksack an. Da geht gut und gern der Wochenproviant für eine zehnköpfige Familie rein, und wenn Sie ihn umhängen, sitzt er Ihnen fast auf der Kniekehle. Er ist nämlich weniger zum Tragen bestimmt. Wenn er vollgepackt ist, setzen wir

ihn auf den Gepäckhalter über dem Hinterrad, und bann kriechen wir in die Schlaufen. Vorn die Tasche bepackt, und hinten den Rucksack, so geht's mit dem Stahlroß los. Hört sich eigentlich ganz einfach an, nicht? Manchmal ist das auch so, das kommt ganz darauf an."

Worauf es onkommi!

Worauf denn?" will ich wissen.Na, vor allem erst mal auf das Wetter. Bei trockenen Straßen läuft ja die Karre von allein, aber bei Schnee und Schlackwetter oder auf nassem glattem Asphalt gleiten die Gummireifen manchmal mehr zur Seite als nach vorn, und hast du nicht gesehn, hängt man am Bordstein oder auch wo anders. Nach und nach hat man ja den Bogen rausbekommen, aber manch- ; mal heißt es doch verflucht aufpassen. Stellen Sie sich mal vor: Ich fahre zum Bahnhof Friedrich­straße in normalem Tempo genau sechs Minuten. Da ist der Start von diesem Raum, wo wir die Post bekommen, mit eingerechnet und ebenso die Ankunft vor dem Postwagen des Zuges auf dem Bahnsteig. Das Rad ist in Ordnung große Haupt­sache! der Rucksack, die Tasche, alles fertig. Es ist genau, sagen wir 9.01 abends. Die Uhr dort zeigt genaue Bahnzeit. Der Zug fährt pünktlich 9.10. Also noch neun Minuten sind Zeit. Ich sitze und warte. 9.02. Noch acht Minuten. Der erste Schwung von Postsachen kommt und wird eingepackt. Da klin­gelt das Telephon. Kurz und bestimmt meldet sich eine Stimme: ,Der Bote für D 11 ab Friedrichstraße muß noch eine S ne düng nach Hannover mitneh­men. Sie muß auf alle Fälle raus/ Schluß! Ein­gehängt. Da gibt's keine lange Erklärung, ,es geht nichts oder ,es ist keine Zeit mehr* und so, die Sendung muß raus! Aber wo ist Sie jetzt? Sie landet natürlich hier in diesem Zimmer. Aber wann? Ich habe inzwischen noch sieben Minuten zur Ver­fügung, stehe fix und fertig zur Abfahrt bereit. Noch sechs Minuten! Jetzt müßte ich eigentlich los! Und die Sendung nach Hannover? Der Rucksack wird

OKB.-Zugendführertagung in Gießen

Die Vereinsjugendführer und Jungführer (Jugend- mannschaftsführer) treffen am Sonntag zur zweiten Besprechung zusammen. Der Kreisjugendführer, W. Presber, Stockhausen (Lahn), wirb diese Besprechung, bie auf bem Sportplatz ber Spielver­einigung 1900 e. V. stattfinbet, leiten.

Hierzu haben folgenbe Vereine bie entsprechenden Vertreter zu entsenden: Alten - Buseck, Großen - Buseck, Treis (Lumda), Lollar, Wißmar, Launsbach, Krofdorf-Gleiberg, Kinzenbach, Heuchelheim, 1900 Gießen, VfB.-R. Gießen, Leihgestern, Watzenborn- Steinberg, Nieder-Ohmen, Steinbach und Lich.

Wegen ber Wichtigkeit biefer Zusammenkunft wird erwartet, baß alle Vereine bie bestimmten Führer schicken. Bei biefer Gelegenheit sollen hauptsächlich bie Aufbaufragen besprochen werben, ferner wirb ber Kreisjugenbführer wegen bes bevorstehenden Leinberger-Kursus berichten. Am 16. und 17. März b.I. ist Sportlehrer Leinberger in Gießen. Zu biefem Kursus haben alle Jugenbführer und Jungführer zu erscheinen.

VfB.-Veicksbahn-Leichtathletik.

Der Turn- und Sportverein Fritzlar (Bezirk Kassel) veranstaltet kommenden Sonntag ein Hal­le n s p o r t f e st. Der VfB.-Reichsbahn ist durch Otto Luh im Kugelstoßen sowie im Sprinter- Dreikampf über 50, 60 und 80 Meter vertreten. Es wird viele überraschen, Luh auf den kurzen Sttecken zu sehen. Aber Luh ist auch als Sprinter ein gefährlicher Mann, der durch seinen schnellen Start und seinen raumgreifenden Schritten auf der Strecke nicht- leicht zu schlagen ist. Im Kugelstoßen konnte seine Form beim letzten Training nicht überzeugen. Trotzdem sollte er in Fritzlar gewin­nen können. Nimmt auch Gugel von der Spiel­vereinigung 1900 in Fritzlar teil, bann steigt roieber ber Zweikampf Gugel Luh. Der Sieger ist im voraus nicht zu bestimmen.

Kreisklaffenspiele des Sonntags.

Pflichtspiele: Heuchelheim Lich (Küster, Berghausen); Grünberg Wieseck (O. Rüspeler, Gleiberg); Kroborf 1900 II (Miller, Wetzlar); Hohensolms Vetzberg (Benber, Fellingshausen); Aßlar II Wetzlar III (Schneiber, Gießen).

Gesellschaftsspiele: VfB. II Sport- freunbe Wetzlar; Garbenteich Hungen; Treis Wißmar; Lich II Londorf; Großen-Linden Allendorf.

Das Programm der Verbandsspiele ist sehr mager geworben, benn diese sind soweit zu Ende. Das Spiel Heuchelheim gegen Lich hat viel Anziehungs­kraft verloren, denn die Punkte des Spieles Lollar gegen Heuchelheim wurden Heuchelheim zugespro­chen. Damit ist die Meisterschaft den eifrigen Heu- chelheimern sicher, trotzdem wird der Platzverein sich Mühe geben, das letzte Spiel für sich zu entscheiden, was ihm auch gelingen sollte. Wieseck muß nochmals in Grünberg antreten, durch Herausstellung ist Wie­seck sehr geschwächt, so daß ein Sieg Grünbergs durchaus möglich erscheint. Krofdorf hat 1900 II zu Gast und wird versuchen, dem Abstieg durch einen Sieg über die Gäste zu entgehen, was evtl, möglich sein wird, zumal das Vorspiel auch für Krofdorf siegreich endete. Einen offenen Kampf dürfte es in Hohensolms geben, denn Vetzberg versagte am ver­gangenen Sonntag.

Gesellschaftsspiele: VfB. II hat sich viel vorgenommen und ein Freundschaftsspiel mit den sehr spielstarken Sportfreunden aus Wetzlar abge­schlossen. Die Gäste haben eine sehr große , Ver­stärkung erhalten und können sich heute mit jedem Bezirksklassenverein messen. Es dürfte ein spannen­des Spiel zu erwarten sein, das die Gäste für sich entscheiden werden. Garbenteich hat Hungen zu Gast, zwei gleichwertige Gegner treffen hier aufein­ander. Der eigene Platz wird eine Rolle spielen, das Spiel kann knapp für den Gastgeber enden. Treis hat sich Wißmar, einen alten Rivalen aus den Ver­bandsspielen verpflichtet, und sollte auf eignem Platz zu einem knappen Siege kommen. Londorf reift nach Lich und ist mit einem ausgeglichenen Kampf zu rechnen. Großen-Linden hat eine Fußballmann­schaft ins Leben gerufen und sich gleich zu Anfang einen spielstarken Gegner ausgesucht. Da Allendorf spielerfahren ist, kann man dem Gastgeber keine Chance aus Sieg geben.

Kurze Sportnotizen.

In neun Gauen des Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen werden in diesem Sommer erstmals Gaufeste gefeiert. Es sind dies die Gaue

Helma lächelt.

Kriminalroman von Klothilde von Stegmann.

Urheberrschtsschutz: Fünf-Türrne-Verlag, Hatte (S.).

Nachdruck verboten.

Schluß.

Dies Buch fand ich, als ich das Treibhaus durch­stöberte, unter dem Fuß eines Ofens vergraben.

Wieso ich überhaupt Verdacht schöpfte und wieso ich gerade ein besonderes Interesse für die Neu­anpflanzungen und das ganze Treibhaus hatte, ist sehr einfach zu erklären. Ich fand, als ich das Schlafzimmer des verstorbenen Barons inspizierte, daß ein eigentümlich bitter-würziger Geruch in dem Raume lag. Er ließ sich nicht, wie Helma meinte, dadurch erklären, daß Blattpflanzen und Trauer­kränze in dem Raum gewesen. Es war em anderer, sozusagen exotischer Dust. Er erinnerte mich an etwas, ohne daß ich gleich darauf kommen konnte, was es wäre. Dann fand ich in einer Ecke ein Stück­chen von einem Nadelzweig; icf) erfannte lhn sofort als zur Familie der Orikarie gehörig - einer Nadel­strauchart, die in Südamerika wachst. .. ..<

Aber dieses Stückchen hatte eine eigentunttich fahle, verbrannte Farbe, als wäre irgendein Gift oder eine Krankheit darüber hinweggegangen. Das war das erste Glied in der Kette, die sich nun end­lich um die Verbrecher legte. ,

Nun hatte, wie Helma mir bei Ankunft erzählte de Sanzo einst dem alten Herrn Daran em Mittel zur Afthmalinderung gegeben. Dies Mittel, das er fuhr ich aus meinen chemischen Studien der le^t Nacht, wird aus dem Saft dieser Onkarien gewon­nen. Aber noch etwas anderes wird aus den vrt= karien gewonnen: eine tödliche Waffe, wenn man sie richtig zu gebrauchen weiß. Charles sowie jein Hintermann, Bastieni, haben sie zu gebrauchen ge­wußt. Bestreut man nämlich die Zweige der un- karien mit einer bestimmten Salpeteimiischung, |o strömen sie im geschlossenen Raum einen fliftflas« ähnlichen Dunst aus, dem der Mensch unfehlbar unterliegt. Wie lange er den tödlichen Duft der so imprägnierten Orikcwien ertragen kann, hängt von seiner Konstitution ab. Schwache und kränkliche Menschen, Menschen mit kranken Atmungsorganen werden ihm bald erliegen, und so"

Mit stockender Stimme unterbrach der junge Baron Horst den Redenden:

Wollen Sie damit sagen, Herr Doktor Hopman, daß mein lieber Vater?"

Hopman nickte schwer:Ja, Herr Baron, Ihr Herr Vater war das erste Opfer! Und das zweite"

Hier schwieg auch er. Und Helma verbarg er­schauernd ihr Gesicht in den Händen.

Nach einem Schweigen fuhr Hopman fort:

Die Tatsache, daß der Tod des Barons von Gernsheim zusammentraf mit dem Diebstahlsversuch und der Fund des wie verbrannt aussehenden Okarienzweigleins im Zimmer des Toten gaben mir sehr zu denken. Ich fand in der Versuchspflanzung diese Orikarie, und ich hatte die Indizien bei­sammen.

Das ganze Komplott war angezettelt, um in den Besitz des Kelches und mit Hilfe der aufklärenden Hinweise aus dem alten Buch in den Besitz des Schatzes zu gelangen.

Da der alte Herr Baron den Kelch in feinem Schlafzimmer fest eingelassen hatte, blieb nur ein Weg: den Besitzer aus dem Wege zu räumen.

Als der Raub nicht gelang, weil die Verbrecher offenbar gestört wurden, wartete man eine bessere Gelegenheit ab. Nur de Sanzo ist vorzeitig aus dem Spiel ausgeschieden. Er wollte die Pläne bis zum glatten Mord nicht mitmachen.

Nun machte Helma einen Strich durch die Rech­nung, indem sie den Kelch zu sich in Verwahrung nahm. Das wäre dir beinahe zum Verhängnis ge­worben, Helma!" Er sah sie liebevoll an.

Sie streckte Hopman in tiefer Bewegung die Hand entgegen:

Wie genial hast du dies alles durchdacht und vorausgeahnt!"

Aber in einem habe ich falsch kalkuliert, nämlich in dem Zeitpunkt, zu dem die Verbrecher losschla­gen wollten. Ich hatte geglaubt, sie würden warten, bis sie das Geheimnis des verborgenen Schatzes ge­nau erkannt hätten. Aber sie fürchteten ein weiteres Herauszögern durch Ihre Ankunft, Herr Baron! So entschlossen sie sich, den Kelch zu stehlen, und hofften auf eine fernere Zeit, wo sie durch ihre Studien ge­nau den Ort des Versteckes bestimmen konnten, um gleich an der richtigen Stelle zu graben.

Dadurch, daß Charles als Gärtner in den Treib­häusern fungierte, wäre ja eine Grabung dort leicht möglich gewesen. Ich danke Gott, daß ich noch zur Zeit gekommen bin. Die Verbrecher haben ihre gerechte Strafe gefunden. Und Sie, Herr Baron, werden mit Hilfe von sachverständigen Schriftge­lehrten sehr bald die Stelle finden, wo der Schatz vergraben liegt!"

Da bin ich aber wirklich neugierig!" lachte Helma.Du, Horst, eine Aufbesserung des Gerns- heimer Vermögens könntest du gut gebrauchen,

wenn unser lieber Vater auch sehr gut und vorsich­tig gewirtschast hat! Vollkommen spurlos konnte die schwere Krise auch an ihm nicht vorübergehen. Er hat so vieles an Verbesserungen und Neueinrichtun­gen unterlassen müssen, was ihm am Herzen lag. Vor allem das neue Kinderheim hätte er zu gern in Angriff genommen."

Nun das alles werden wir nachholen, Helma! Vorausgesetzt, daß dieser Schatz wirklich etwas wert ist und man ihn findet. Vielleicht gehört er aber auch nur zu den Schlössern, die im Mond liegen."

Hopman schüttelte den Kopf:Das glaube ich nicht! Wenn ein Verbrecher wie Bastieni soviel Zeit, Geld und Gefahr an eine Sache setzt, dann hat sie Hand und Fuß. Ich schlage vor, daß Sie, Herr Baron, sobald wie möglich sich an einen ausgezeich­neten Kenner vom Orientalischen Seminar wenden! Geheimrat Dörnfeld, dem ich das kostbare Buch zur Verwahrung übergab, wird Ihnen sicher jemand nennen können!"

Würden Sie das für mich vielleicht auch über­nehmen?" bat Horst.Ich möchte jetzt den Kopf frei haben, um hier mein Besitztum zu übernehmen. Es wird doch da allerhand zu ordnen geben. Außer­dem", hier lächelte er beinah etwas schüchtern,Sie dürfen es mir nicht verübeln mehr als der Schatz, den wir noch finden wollen, liegt mir der Schatz am Herzen, den ich schon gesunden habe. Die Sorge um meine kleine' Myra ist mir vor allem anderen wichttg. Ich möchte bald mit ihr zu einem tüchtigen Arzt, damit sie mit ihrer Seele in Ordnung kommt."

Helma meinte:

Wie wäre es, wenn wir das eine mit dem andern verbänden, Horst? Will hat ohnehin den Wunsch, daß ich nach Berlin mitkomme; ich soll einmal schauen, ob ich mit seinem Junggesellenheim als Wohnung zufrieden bin. Aber ich weiß schon im voraus" sie strich Hopman leise und glücklich über bie Stirn,daß alles sehr schön sein wird. Nur was wird Frau Werner sagen, wenn ihr da eine Frau ins Haus geschneit kommt?"

Da lächelte auch Hopman:

Was sie sagen wird? Endlich!, wird sie sagen. Sie behauptet nämlich schon seit Jahren, daß es höchste Zeit für mich wäre, zu heiraten. Sie ist der Ansicht, ein Einspänner ist nur ein halber Mensch. Nur was machen wir mit Martins? Der ist an Haus und Brot gewöhnt. Es wird ihm schwer wer­den, von mir fortzugehen Aber auch dafür wird vielleicht Rat werden. Die Etage über meiner Woh­nung wird frei."

Helma fand das ausgezeichnet Dann war ja alles, leicht zu machen. Wenn Martins sich ent­

schließen würde, diese Wohnung zu nehmen, so konnte die Verbindung mit seinem alten Freunde Hopman genau so innig bleiben wie vorher. Auf keinen Fall wollte Helma, daß Martins, Hopmans bester Kamerad in vielen gefährlichen Situationen, sich durch sie irgendwie verdrängt fühlte.

Wollt ihr denn sobald heiraten?" fragte Horst.

Sobald wie möglich!" war Helmas energische Erwiderung.Wenn ich bei Will bin, wird er hof­fentlich nicht mehr so tollkühn sein. Er hat mir selbst zugegeben, daß der Ueberfall im Zuge neulich sehr gefährlich hätte werden können. Ich hoffe, daß er also diesen jugendlichen Leichtsinn ein wenig ob­legen wird."

Die Männer lachten. Hopman küßte seine schöne Braut.

Ich verspreche alles, was sich irgendwie mit meinen Berufspflichten vereinbaren läßt, meine Helma! Aber freilich, an Gefahren wirst du dich gewöhnen müssen!"

Da nickte sie ernst und tapfer. Hopman wußte, er würde an Helma nicht nur die geüebtefte Frau, sondern auch die tapferste, hingehendste Kameradin haben.

Nun bliebe wohl nichts mehr zu besprechen nur eines noch", meinte Horst.Wir beide, lieber fropman, müssen doch endlich von dem förmlichen Sie fort und zu dem verwandschaftlichen Du kommen!"

Von Herzen gern!" sagte Hopmann und schlug in die bargebotene Hanb Horsts. In biefem Augen­blick öffnete sich bie Tür. Der Diener Josef erschien unb einer eisbeschlagenen Bowle, burch beren Kri- stallwanbung es gofben leuchtete.

Was ist benn bas?" fragte Horst erstaunt.Hast bu bas bestellt, Helma?"

Helma schüttelte ben Kopf unb sah ben Diener fragenb an. Der alte Josef lächelte etwas verlegen:

Die Mamsell unb ich haben gebucht", sagte er halb schüchtern, halb mit vertraulichem Respekt, baß heute abenb bie Bowle richtig wäre. Es ist bas alte Rezept, Herr Baron, nach bem hier im Hause alle Derlobungsbowlen gebraut würben."

Das haben Sie recht gemacht, Josef!" Helma nickte bem treuen Diener freunblich zu.Also, Horst, schenk ein auf unser aller Wohl! Du mußt hoppelt trinken, nämlich für beine Myra mit!"

Hell klangen bie Gläser aneinanber, unb helles Glück strahlte aus ben Augen ber brei Menfchen, bie nach Gefahr unb Wirrnis einer hellen Zukunft entgegensahen.