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mild, leicht schäumend, ganz wundervoll im Geschmack

dafür, insbesondere die Zuschüsse und Darlehen des Reiches, sind sichergestellt.

Hinsichtlich der Arbeitsbeschaffungs- Maßnahmen im übrigen ist eine

grundsätzliche Umstellung

notwendig. Wesentlich für das bisherige System war, daß die Vorhaben in weitestgehendem Maße von der öffentlichen Hand finanziert wurden. Dar­lehen der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Ar­beiten AG., der Rentenbank-Kreditanstalt, der Deut­schen Bodenkultur AG. und anderer Stellen wur­den den Trägern der einzelnen Maßnahmen zu günstigen Bedingungen und meist langfristig zur Verfügung gestellt. Es ist der Wille der Reichs- rcgierung, daß in Zukunft dieses Verfahren nur ausnahmsweise und in der Regel nur im Dienst der deutschen Rohstoffwirtschaft beibehalten werden soll, um diese vom Ausland unabhängig zu machen.

Das Stadium derWirtschaftsankurbelung" ist vorüber. Die Gesundung der deutschen Wirt­schaft kann nicht allein durch Staatshilfe er­reicht werden. Sie muh sich organisch von innen heraus gestalten. Staatliche Subventionen dür­fen nicht zu einer Dauererscheinung werden.

Notstandsarbeiten sind deshalb für die Folge nur in beschränktem Umfange, größere Arbeitsbeschaffungs­programme wie in den vorangegangenen Jahren nicht mehr zu erwarten. Sehr zu begrüßen sind deshalb alle Selb st Hilfsmaßnahmen d e r Wirtschaft. Vorbild kann dabei die bekannte Aktion des Landeshandwerksmeisters Hessen und der energiewirtschaftlichen Unternehmen des Rhein- Main-Gebietes sein. Durch Preisnachlaß soll zu Auf­trägen angeregt werden. Die Forderung des Reichs- kommiffars für Preisüberwachung, daß die Men­genkonjunktur, nicht die Preiskonjunktur den Weg in die Zukunft bahnen müsse, wird hierdurch auf einem wichtigen Teilgebiet in die Tat umgefegt

Allerdings ist die Lage der Wirtschaft noch nicht so gefestigt, daß der Staat jede Sorge um ihre Kräftigung und Belebung beiseiteseßen könnte. Seine Bemühungen werden indessen in Zukunft in ande­rer Richtung gehen, als bisher. Sie werden insbe­sondere bei der Vergebung öffentlicher Aufträge einsetzen.

hier werden diejenigen Unternehmungen be­vorzugt werden, die Gewähr dafür bieten, daß sie bei qualitativ hochwertigen Leistungen den Forderungen der Arbeitsbeschaffungspolitik des Reiches Rechnung tragen. 3n diesem Sinne verdienen solche Betriebe besondere Berücksich­tigung, die bei der Erteilung von Aufträgen zusätzliche Arbeitskräfte einstellen.

Voraussetzung ist im übrigen, daß der Unter­nehmer die Gefolgschaft nach Tarif entlohnt, daß er seinen sozialen Verpfli ch t ungen n a ch- kommt und namentlich die Beträge zu den sozia­len Versicherungen pünktlich zahlt, auch daß die Gläubiger ordnungsgemäß befriedigt werden. Preis­schleuderei auf Kosten Dritter ist ein Verbrechen am Volk.

Anderseits werden unberechtigte Preis- st eigerungen mit allem Nachdruck o er­folg I. Ausschluß von öffentlichen Lieferungen ist nur" eine der Folgen, die der Unternehmer als Strafe für sein volksschädigendes Verhalten auf sich nehmen muß.

Im übrigen wird dafür Sorge getragen werden, daß Unternehmungen, die sich ohne eigenes Verschulden rückläufig entwickelt ha­ben und die infolgedessen ihrer Gefolgschaft nicht mehr in dem früheren Umfang Beschäftigung geben können, bei der Vergebung öffentlicher Aufträge nach Möglichkeit Arbeitsgelegenheit erhalten. Zu­ständig für diese Aufgaben ist das bei dem Hessischen Staatsministerium bestehende Lande sauftrags- a m t. Dieses ist dazu berufen, die wirtschaftlichen Unternehmungen des Landes bei der Hereinholung öffentlicher Aufträge zu beraten. Auch bei der Fi­nanzierung solcher Aufträge ist es gegebenenfalls behilflich und in der Lage vermittelnd einzugreifen.

Die Belebung der Wirtschaft, die auf diese Weise erreicht werden kann, wird nicht, wie bei den großen Arbeitsbeschaffungsprogrammen der vergangenen Jahre, schlagartig in die Erschei­nung treten. Sie wird aber im Gegensatz zu diesen Rotmaßnahmen besser und nachhaltiger als jene der organischen Gesundung der Wirt­schaft den Weg bereiten. Oeffentliche Wittel werden durch das neue Verfahren nicht, wie

bei den Maßnahmen der öffentlichen Hand, auf lange Jahre hinaus festgelegt werden. Die- jenigen aber, die in Arbeit kommen, werden Aussicht auf dauernde Beschäftigung haben.

Mit diesen Plänen geht die hessische Regierung ins neue Jahr hinein. Sie wird sich dafür mit ganzer Kraft einsetzen. Wenn es ihr gelingt, das gesetzte Ziel zu erreichen, so wird ihr dies zu hoher Befriedigung gereichen.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Oer neue Kalender.

Meine Frau hat ihren Willen durchgefetzt. Sie wünschte einen Abreißkalender mitTagessprüchen'. Alle anderen wies sie zurück. Sie will jeden Abend ein Dichterwort oder einen Aussprach eines großen Mannes lesen. Außerdem muß unter dem Spruch ein wenig Platz fein für besondere Bemerkungen. Da notiert sie sich nun, wenn ein wichtiger Tag gewesen ist, in ein paar Worten das Nötigste und legt diesen Zettel in ihr Küchenbuch. Am Jahres­ende hat sie dann ein Tagebuch vom vergangenen Jahr, in dem sie die Hauptereignisse säuberlich ein­getragen hat. Am Silvesterabend war es recht unter­haltsam, als sie diese Zettel vorlas.

Ich habe ihr deshalb auch diesmal wieder einen solchen Kalender besorgt, wenn es auch schwer hielt. Ich glaube, daß diese Methode meiner Frau nicht schlecht ist. Wie schnell geht so ein Jahr dahin, und wie schnell ist alles vergessen! Wenn wir aber am letzten Tage noch einmal alles schriftlich vor Augen sehen, dann können wir eher ermessen, ob das ver­gangene Jahr uns genützt hat, oder ob es nur ein leeres" gewesen ist. Vergessen dürfen wir bei den Eintragungen natürlich nicht die sog.kleinen Freu­den". Wenn sie am Ende des Jahres zufammen- gezählt werden, dann sieht man gar oft, daß es doch recht schön gewesen ist. Gar manches lustige Erlebnis wurde neulich noch einmal aufgefrischt, und so war der Jahresabschluß ein angenehmer und fröhlicher.

Wenn mir so einen neuen Kalender langsam durchblättern, beschleicht uns immer ein merk­würdiges Gefühl. Unwillkürlich fragen wir uns: Was wird uns dieses Jahr bringen? Was wird uns dieser Tag bedeuten? Werden unsere Wünsche in Erfüllung gehen? Oder werden wir wieder neue Enttäuschungen erleben? Aber wir dürfen die Fra­gen nicht nur stellen, sondern wir müssen selber mit­helfen, daß das neue Jahr auch ein gutes wird. Wir gedenken wohl der Lasten und Sorgen, die auf unfern Schultern ruhen, aber ein Dichterwort tröstet uns:

Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten, nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen, rufet die Arme der Götter herbei. (Goethe).

Den treuen Freund und Begleiter des neuen Jahres, den Kalender, der uns ja in den verschie­densten Lagen des Lebens hilft und uns nie im Stiche läßt, wollen wir in Ehren halten, ihm einen schönen Platz geben und dankbar auf ihn blicken, wenn wir glückliche Tage verleben dürfen, wenn wir vorankommen, wenn wir gar unser gestecktes Ziel erreichen! K.

Iustizpersonalien.

Ernannt wurden durch Urkunde des Herrn Reichs­statthalters in Hessen auf Vorschlag der hessischen Regierung:

der Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Fried­berg August Jakob Böhm mit Wirkung vom 1. Ja­nuar 1935 zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsge­richt Bad-Nauheim;

der Gerichtsassessor Hans Heinz in Mainz mit Wirkung vom 5. Januar 1935 unter Berufung in das Beamtenverhältnis zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Seligenstadt;

der Gerichtsassessor Dr. Wilhelm Jockel zu Mainz mit Wirkung vom 3. Januar 1935 unter

Berufung in das Beamtenverhältnis zum Staats­anwalt beim Amtsgericht Offenbach a. M.;

der Gerichtsassessor Dr. Ernst Niederauer zu Mainz mit Wirkung vom 1. Januar 1935 unter Berufung in das Beamtenverhältnis zum Amts- gerichtsrät bei dem Amtsgericht Ober-Ingelheim;

der Gerichtsassessor Erich Zimmermann zu Gießen mit Wirkung vom 4. Januar 1935 unter Berufung in das Beamtenverhältnis zum Amts­gerichtsrat bei dem Amtsgericht Friedberg;

der Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Ober- Ingelheim Dr. Hans Kowarzik mit Wirkung vom 1. Januar 1935 zum Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen und zugleichen zum Ämtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Mainz;

der Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Mainz Arthur Rode mit Wirkung vom 1. Januar 1935 unter Belassung in der Stelle eines Amtsrichters bei dem Amtsgericht Mainz zum Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen zu Mainz; .

der Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Rein­heim Paul Scriba mit Wirkung vom 10. Ja­nuar 1935 zum Oberamtsrichter bei dem Amts­gericht Vilbel;

der Amtsanwalt mit dem Amtssitz in Michelstadt Reinhold Stiepel mit Wirkung vom 1. Januar 1935 zum Amtsanwalt mit dem Amtssitz in Rein-

ber Staatsanwalt beim Amtsgericht Offenbach a. M. Karl Herbert mit Wirkung vom 1. Ja­nuar 1935 zum Amtsgerichtsrat beim Amtsgericht Worms;

der Gerichtsaffeffor Dr. Joachim Hollier mit Wirkung vom 29. Januar 1934 unter Berufung m das Beamtenverhältnis zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Reinheim;

der Gerichtsaffeffor Richard Müller zu Darm­stadt mit Wirkung vom 2. Januar 1935 unter Be­rufung in das Beamtenverhältnis zum Amtsge­richtsrat bei dem Amtsgericht Darmstadt.

Der neue Dberlandesgerichtspräsident.

An Stelle des am 1. Februar in den Ruhestand tretenden Oberlandesgerichtspräfidenten Müller hat der Herr Reichsstatthalter in Hessen auf Vor­schlag der hessischen Regierung den Staatssekretär i. R. Dr. Wilhelm Stuckart in Berlin-Wilmers­dorf unter Berufung in das Beamtenverhältnis zum Oberlandesgerichtspräsidenten beim O b e r l a n d e s g e r i ch t in Darmstadt ernannt.

Zum Senatspräsidenten beim Oberlandesgericht ist Landgerichtsdirektor Dr. Fritz Werner er­nannt worden.

Glück in der Winterhilfe-Lotterie.

Die Reichswinterhilfe-Lotterie, Geschäftsstelle Gie­ßen, teilt uns mit:

Am Sonntagabend wurde bei einem Losverkäu­fer ein 100-Mar k-Gewinn im Caf6 Amend gezogen, nachdem in der vergangenen Woche schon häufiger 50 - und 10-Mark-Gewinne aus- bezahlt worden find.

Es wird bei dieser Gelegenheit nochmals auf den sofortigen Gewinnentscheid hingewiesen und auf den Prämienschein aufmerksam gemacht, der am 20. März an einer Ziehung teilnimmt. Ferner sind

jedem Losbrief Postkarten beigelegt, die teilweise rangiert sind. Zahlreiche Anfragen aus Sammler- kreisen beweisen, daß schon heute eine große Nach­frage nach diesen Ganzsachen besteht, die einmal Sammlerwert erhalten werden, da sie an der Post nicht käuflich erworben werden können.

Oie Vorlesungen an der Universität.?

Don der Pressestelle der Universität wird uns mit- geteilt: t r

Die Vorlesungen und Hebungen an der Landes« Universität Gießen im Wintersemester 1934/35 ha­ben nach Ablauf der Weihnachtsferien am Mon- tag, 7. Januar 1935 wieder begonnen.

Heber den in der Presse bekanntgegebenen Wie­derbeginn der Arbeit am 14. Januar liegen keiner­lei amtliche Mitteilungen vor.

Nächsten Samstag und Sonntag keine Iastnachtsveranstaltungen.

Die Polizeidirektion Gießen teilt uns mit: Nach Anordnung der Ministerialabteilung la (Polizei) des hessischen Staatsministeriums haben mit Rücksicht auf die Saar-Abstimmung am 12. und 13. Januar Fastnachtsveranstaltungen zu unter­bleiben.

NGLD., Kreis Gießen.

Fachschaftkörperliche Erziehung".

Der bekannte Pädagoge für rhythmische Er­ziehung, Otto Biensdorf (Bad Godesberg am Rhein), führt im Februar in Gießen einen drei­tägigen Lehrgang von täglich drei Arbeitsstunden durch. Es wird dabei behandelt:

Einführung in d i e Grundlagen der rhythmischen Erziehun g".

(Ein Weg zu eigenem Schaffen.)

a) Das rhythmische Spiel als Grundlage der All­gemeinerziehung.

b) Die pädagogische Behandlung des Kindes Spiel- und Tanzlieder.

Als Teilnehmer kommen in Frage Lehrkräfte der Grundschule, Turn- und Musiklehrkräfte, Kinder­gärtnerinnen, Jugendleiterinnen, Führerinnen des BDM., Hortnerinnen u. a.

Für die Lehrgangsarbeit werden, je nach Zahl der Meldungen, Gruppen von 30 bis 35 Teilneh­menden gebildet, die pro Tag drei Lehrstunden haben. Diese Lehrstunden liegen am Nachmittag bzw. Abend. Die Unkosten für eine Gruppe be­laufen sich auf 60 Mark, so daß pro Lehrgang und Teilnehmer etwa 2 Mark aufgebracht werden müssen.

Es wird erwartet, daß sich möglichst viele Teil­nehmer melden. Meldungen sind zu richten an den Kreisfachberater für körperliche Erziehung W. Mohr, Gießen, Wilsonstraße 8.

Schasst Hausbriefkasten!

Die Pressestelle der Reichspostdirektion Frankfurt teilt mit:

Die Deutsche Reichspost wendet sich erneut an die Hausbesitzer mit der Bitte, Hausbriefkasten anzu- legen. <

Immer noch sind viele Häuser ohne Hausbrief­kasten. Sie beschaffen, heißt der Allgemeinheit und sich selber nützen, heißt Arbeitsuchenden helfen.

Hausbriefkasten beschleunigen die Postzustellung und erleichtern den schweren Dienst der Zusteller durch Wegfall des Treppensteigens. Zeitungsträger, Geschäftsleute und sonstige Besucher können sie zum Einlegen von Mitteilungen benutzen. Treppen und Flure werden dadurch geschont.

Hausbriefkasten werden zweckmäßig für alle Wohnungen am Gitter des Vorgartens oder im

Was soll ich denn mit einem Auto?

ROMAN VON KÄTHE METZNER.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.).

2. Fortsetzung Nachdruck verboten!

Du hast ein Gedächtnis wie ein Buch, Scholz", sagte der Chef manchmal, wenn er in bester Laune war und sich mit den alten Angestellten einen Spaß machte. Das wußte auch die ganze Firma. Vom jüngsten Stift bis zum Propagandachef wenn einer dies oder das nicht mehr genau wußte: alle kamen sie zu ihr.

So spann sie ihre Gedanken ruhig weiter. Sie hatte inzwischen Gerlindes Namen und volle Adresse genau notiert.

Na, nun will ich Sie mal mit Ihren Kollegin­nen bekannt machen. Und dann wenn Sie noch ein Stündchen Zeit haben, wäre es vielleicht am besten, gleich einmal etwas zu proben. Uebermorgen schon ist die große Modenschau, und da muß alles ganz tadellos klappen." Jetzt war die Scholz wieder ganz geschäftlich.

Dann ging Gerlinde an ihrer Seite wieder über lange Hlure, Treppen hinauf, bis sie vor einer hohen Tür standen.

So, hier ist mein Reich!" sagte die Direktrice nicht ohne Stolz und öffnete die Tür zu einem großen Saal.

Gerlinde sah nur Nähmaschinen und Stoffe in allen Farben und wieder Nähmaschinen und wieder Stoffe. Mädchen und Frauen waren fleißig bei der Arbeit und sahen nur flüchtig achtungsvoll auf, als die Direktrice an ihnen vorüberging.

Dann gelangten sie in einen kleineren Saal mit auffallend vielen hohen Ankleidespiegeln.

Das ist unser Spiegelsaal", lächelte die Direk­trice Gerlinde zu.

Sie machte in ihrer lebhaften Art öfter einmal solch einen kleinen Witz und hatte auch diesmal die Genugtuung, daß Gerlinde hellauf lachte. Inter­essant und absonderlich kam ihr alles hier vor.

Sie nahm die neue, bunte Welt hier voll Inter­esse in sich auf und vergaß wohl zum ersten Male im Leben für kurze Zeit das blasse, traurige Ge­sicht der Mutter und alle Sorgen, die so früh in ihr junges Leben getreten waren.

Währenddessen hatte die Directrice stillschweigend auf einen Klingelknopf an der Wand gedrückt. Nach kurzer Zeit flog eine Tür auf und fünf hübsche, schlanke Mädchen kamen herein.

So, Kinder, hier stelle ich euch eure neue Kol­legin vor: Fräulein Gerlinde Steinbrück! Macht euch selbst belannt Und zeigt ihr alles, was not­

wendig ist. Sie ist noch Neuling in unserer Branche." Ermunternd lächelte sie Gerlinde zu, die so wenig gewohnt war, sich fremden Menschen irgendwie be­kanntzumachen.Die jungen Mädchen werden Ihnen schon alles erklären. Nur keine Bange, das find alles liebe, nette Kinder. Ihr werdet euch schon ver­tragen. Nachher komme ich und sehe nach."

Dann ging sie schnell davon. Merkwürdig, die Direktrice wußte selbst nicht, warum sie sich Ger­linde gegenüber so befangen fühlte. Sie hatte den­selben burschikosen Ton versucht, den sie bei den anderen gebrauchte. Aber hier? Sie hatte das Ge­fühl, als habe sie bei diesem Mädchen dazu kein Recht. Und sie wußte, warum.

Gerlinde aber hatte die Sympathie ihrer Kolle­ginnen so schnell gewonnen durch ihr feines und doch so bescheidenes Wesen, daß sie es selber kaum begreifen konnte. Immer mehr verschwand alle Scheu auch von ihrer Seite, und da sie im Grunde ihres Wesens ein sehr fröhliches Menschenkind war, stimmte sie bald in das fröhliche Lachen und Spre­chen Der anderen ein.

Gerlinde heißt sie Kinder, Gerlinde...", rief die übermütige schwarze Lotte mit dem rassigen Herrenschnitt einmal über das andere.

Gerlinde, Gerlinde Kinder, wie ich das finde!" reimte eine große Blonde, die sie neckend dieDiva" nannten, weil sie wahnsinnig gern zum Film wollte und nur darauf wartete, daß man sie eines Tages entdeckte.

Lindekind, wir dürfen Sie doch duzen? Das machen wir hier vom Bau alle so", nahm die schwarze Lotte wieder das Wort.

Aber das alles klang so harmlos und liebens­würdig, daß Gerlinde sich nicht einen Augenblick sträubte, obgleich sie sich seit ihrer Kindheit noch niemals mit fremden Menschen geduzt hatte, und das alles zu den neuen Merkwürdigkeiten gehörte.

Und wirklich, immer größer wurden ihre Augen, immer interessanter wurde die neue Welt, in die sie sich so jählings versetzt sah.

Große, tiefe Schränke standen an den Wänden desSpiegelsaales". Und Gerlinde war keines Wortes fähig, als die Mädchen sie öffneten und eine solche Fülle der herrlichsten, kostbarsten Kleider ihr entgegenleuchtete, daß sie nicht wußte, welches sie zuerst betrachten sollte.

So, Baby, nun wollen wir dich mal ein biß­chen einweihen." Die Aelteste unter ihnen nahm ein wunderbares Teekleid, eine ganz raffinierte Schwarz- weiß-Kombination, heraus.Aber du mußt bitte erst mal dein Kleidchen ablegen."

Hier?" Gerlindes Gesicht überzog sekundenlang eine zarte Rote, während die jungen Mädchen sich vor Lachen beinah krümmen wollten.

Selbstverständlich hier. Kleines. Wir beißen doch nicht. Na, sowas hat die Welt wohl noch nicht er­lebt!" Der schwarzhaarigen Lotte traten vor Lachen die Tränen in die Augen, während Gerlinde sich ihres dünnen, billigen Kleidchens entledigte.

Wie ein Engelchen stand sie da in dem feinleine­nen Prinzeßrockchen. Für die jungen Mädchen aber, die gewöhnt waren, moderne seidene Wäsche zu tragen, ergab sich Grund zu neuem Gelächter, das jedoch absolut nicht spöttisch oder boshaft klang.

Wirklich, das habe ich doch geahnt, unser Baby trägt noch Konfirmandenwäsche. Sehr ordentlich. Weißes Leinen. Ach, Kleines, das hat gewiß noch die Mutti genäht. Aber süß siehst du darin aus. Das paßt richtig zu dir."

Na, Kinder, nun laßt mal das arme Hascher! in Ruh'. Komm, jetzt wollen wir mal proben." Anni Stein, die Aelteste, die während der Ab­wesenheit von Fräulein Scholz diese zu vertreten suchte, zog Gerlinde das elegante Kleid über.

Aber die schwarze Lotte platzte beim Anblick Gerlindes schon wieder heraus:

Kinder, guckt euch doch bloß das Baby an! Na, ich sage euch schon jetzt, da ist es aus mit unseren Chancen. Die Kleine sieht ja aus wie eine ge­borene Prinzessin. Lindekind, Hand aufs Herz, sag mal, vielleicht bist du wirklich ein verkapptes Prin- zeßchen? Mädel, du siehst ja bildschön aus!"

Gerlinde aber wehrte mit traurigen Auaen ab. Nichts war ihr von je unangenehmer gewesen, als irgendwo im Mittelpunkt zu stehen, und sie wußte nicht, wie sie sich aus ihrer Verlegenheit retten sollte. Aber während sie noch mühsam versuchte, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, tat sich die Tür auf, und hinter Fräulein Scholz kam der Ab­teilungschef herein, der freundlich ein paar Blätter in der Hand schwenkte.

Doch als er das junge Mädchen in dem Abend­kleid gewahrte, stutzte er und suchte hastig die Augen der Direktrice, die beinah wie im Traum lächelte.

Wir haben da einen ganz fabelhaften Griff ge­macht", flüsterte er ihr zu.Sie wird in der Moden­schau Aufsehen erregen."

Dann schritt er direkt auf Gerlinde zu.

Ich habe im Büro einen Vertrag anfertigen lassen, Fräulein Steinbrück. Ich denke, daß Sie für uns so geeignet sind, daß wir Sie nicht nur zur Aushilfe, sondern für länger behalten können, wenn Sie sich Mühe geben." Er beobachtete genau die Wirkung seiner Worte. Hoffentlich schlug sie es nicht ab. Doch als er sah, daß es in den großen blauen Augen froh aufleuchtete, schwand auch diese

Wenn Sie wirklich glauben, daß ich diesen Posten ausfüllen kann. Ich will mir gewiß alle Mühe geben", sagte Gerlinde leise, aber ihr Herz hupfte dabei so freudig, daß die Worte ganz stockend kamen.

Gerlinde Steinbrück wußte nicht, wie sie an diesem Tage heimkam. Es ging schon stark auf den Abend, als sie das Modehaus Merkur verließ, das nun täglich die Stätte ihrer Tätigkeit fern sollte.

Ein Omnibus hielt eben in der Nähe. Gerlinde zögerte nur einen Augenblick. Sie konnte es nicht

erwarten, die freudige Nachricht nach Haufe zu bringen. So war es wohl keine große Sünde, wenn sie ihr schmales Beutelchen jetzt um zwei Groschen erleichterte. Sie würde ja nun verdienen. Viel ver­dienen!

Einhundertdreißig Mark", stand in dem Ver­trag. Gerlinde schien die Summe mit einem Male riesenhaft. Ach, die Mutter würde sich aber freuen.

2. Kapitel.

Daheim in dem schlichten großen Miethaus sprang Gerlinde hastig die Treppen hinauf und klingelte stürmisch, denn sie konnte es wirklich kaum erwar­ten, die frohen Augen der Mutter zu sehen.

Ihre Schwester Gisela öffnete. Sie trug ihre Tanzschuhe und hatte schnell einen Mantel über ihren Dreß geworfen.

Sie übt wieder! dachte Gerlinde sofort und fühlte gleichzeitig, wie das Herz ihr weh tat; denn sie wußte genau, wie sehr die Mutter darunter litt, daß Gisela unbedingt ihre tänzerische Begabung auswerten wollte. Doch schnell drängte sie jetzt diese Gedanken zurück, und über ihr Gesicht huschte schon wieder ein frohes Leuchten.

Wo ist Muttchen? Schnell, Gisa! Ich hab' euch was Wunderbares zu erzählen." Gerlinde drängte an der Schwester vorbei, legte hastig Hut und Mantel ab. Ihre Stimme war ungewöhnlich hell und hallte in der kleinen, stillen Wohnung eigen­tümlich wider.

Sei nicht so stürmisch, Linde! Mutter ist nicht wohl. Gut, daß du da bist! Sie hat so eigentüm­liche Herzangst gehabt wie schon einmal. Ich glaube, Mutter hat einen Herzfehler. Sie muh unbedingt mal zum Arzt gehen", flüsterte Gisela Steinbrück.

Gerlindes Herz klopfte in rasenden Schlägen.

Gisa, was ist denn? Unsere Mutter? Unsere gute Mutter? Sie wird doch nicht krank werden?"

Das junge Mädchen zitterte an allen Gliedern. Alle Freude, die sie eben noch erfüllt hatte, war vergessen. Nur Angst war in ihr, Angst um die Mutter, an der sie mit aller kindlichen Liebe hing.

Aber Linde, du bist doch fein Kind mehr. So schlimm ist es ja gar nicht. Gott, tausend und aber tausend Menschen haben einen kleinen Herzfehler. Mutti muß mal zum Arzt gehen, und damit ist es gut. Jetzt ist es ja auch schon so gut wie vorbei. Sie ruht nur noch ein wenig. Ich habe ihr kalte Kompressen aufs Herz gelegt. Die haben schon ge- wirkt."

Giselas energische Art machte Gerlinde unwill­kürlich ruhiger. Sie mußte der Schwester recht geben. Niemals konnte man helfen, wenn man sich selbst so gehen ließ.

Leise hatte Gisela die Tür zu dem kleinen Wohn­zimmer aufgeklinkt. Gerlinde folgte ihr.

(Fortsetzung folgt!)