Nr. 6 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 8. Januar 1935
Die Arbeiisbeschaffungsmaßnahmen m Hessen. । (Sin Rückblick und Ausblick der hessischen Regierung.
Das Statt tspresseamt teilt mit: Der Jahreswechsel legt es nahe, Rückschau zu halten. Der Kamps gegen die Arbeitslosigkeit hat zu einem vollen Erfolg geführt. Die Zahlen sind bekannt. Sie sotten hier nicht wiederholt werden. Gegenstand dieser Ausführungen ist lediglich ein kurzer Rückblick auf die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die von der hessischen Regierung in den beiden letzten Jahren eingeleitet und durchgeführt wurden.
Im Rhein-Main-Gebiet wurde nach dem Umsturz der Ansturm gegen die Wirtschaftskrise und die Erwerbslosigkeit mit besonderem Nachdruck ausgenommen. Der Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger stellte sich selbst an die Spitze der Bewegung. Im Rahmen der von ihm erlassenen Richtlinien hat der hessische S t a a t s m i n i st e r auf allen Gebieten der Wirtschaft und des Verkehrs tatkräftig eingegriffen, um überall die Erwerbslosen wieder in Arbeit und Brot zu bringen. Bevorzugt wurden solche Vorhaben, deren produktiver Wert weniger in dem privatwirtschaftlichen Nutzen für den Unternehmer, als in der Förderung der Gesamtwirtschaft zu sehen ist.
Oer Straßenbau
steht bei den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen an erster Stelle. Mittel des Reiches, des Landes, der hessischen Provinzen und anderer öffentlicher Körperschaften wurden eingesetzt, um das Straßensystem zu verbessern und zu vervollkommnen. Mit Genugtuung kann festgestellt werden, daß dank der von der Regierung ausgehenden Initiative der Zustand des hessischen Straßennetzes heute im allgemeinen vorbildlich ist, was auch von den Bezirksreferenten des Generalinspekteurs für das Straßenbauwesen wiederholt anerkannt wurde.
Besonderer Erwähnung wert ist der Ausbau der bekannten Rennstrecke „Rund um Schotten", für den die Provinz Oberhesfen aus eigenen Mitteln einen Betrag von mehr als einer
Million Reichsmark aufwendete.
Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang der Bau der
großen Autobahnen,
der eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme allergrößten Stils darstellt. Das Rhein—Main-Gebiet genießt den Vorzug, daß auf Anordnung des Führers im ] Raume zwischen den Städten Frankfurt a. M. und Darmstadt der erste Abschnitt des gesamtdeutschen I Bau Programms in Angriff genommen wurde. In | wenigen Wochen wird das kürzlich fertiggestellte erste Teilstück der Reichsautostraße Nord—Süd dem Verkehr übergeben werden.
In engem Zusammenhang mit dem Ausbau des Straßenwesens steht die
Förderung des Luftverkehrs.
Auch hier ist das Rhein—Main-Gebiet führend. Der Flughafen am Rebstock bei Frankfurt a. M. bildet heute einen der wesentlichsten Knotenpunkte des deutschen Luftfahrtverkehrslinien-Netzes. Infolge der ständig wachsenden Verkehrsdichte wird er bald nicht mehr den Anforderungen genügen, die an einen modernen Flughafen gestellt werden müssen. Auf Anregung des Gauleiters wird deshalb gegenwärtig ein neuer Flugplatz gebaut, der zwischen Kelsterbach und Mitteldick im Kreuzungspunkt der Autobahnen Nord—Süd und Ost—West gelegen ist und an dessen Errichtung das Land Hessen, die Stadt Frankfurt a. M. und der Bezirksverband Wiesbaden beteiligt sind. Am 1. April 1936 wird der Verkehr auf dem neuen Platz eröffnet werden. Der Hafen wird so eingerichtet sein, daß auch die Landung von Zeppelin-Luftschiffen möglich sein wird. Äber auch vom Standpunkt der Arbeits- be-schaffung ist der Bau des Flughafens von Be
deutung, da er es ermöglicht, Arbeitskräfte in großer Zahl wieder in Tätigkeit zu bringen. Ein großer Teil der Arbeiten besteht in Erdbewegungen, Planierungen und Rodungen, die als stark arbeitsintensive Maßnahmen besonders zu begrüßen sind.
Den gleichen Vorzug haben die Maßnahmen der
Wafferbauverwaltung
Sie wurden deshalb bei der Durchführung der Arbeitsbeschaffungsaktion in besonderem Maße berücksichtigt. Etwa 2,5 Millionen Mark wurden in Hessen durch Stromregulierungen, für Arbeiten an Brücken und für den Ausbau der Hochwasserdämme am Rhein und Main aufgewendet.
Die hessische Forflverwaltung
hat mit ihrer Tätigkeit die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sehr gefördert. Wie kaum ein anderer Betrieb kann die Forstwirtschaft Arbeitskräfte gerade zu Zeiten saisonmäßiger Minderbeschäftigung einstellen und damit den Arbeitsmarkt entlasten. Hauptsächlich gilt dies für die Holzhauerei im Winter. Aber auch in anderen Jahreszeiten sind tn den Waldungen Arbeitsgelegenheiten vorhanden, die
vielen Arbeitssuchenden Broterwerb geben. Dank dem zielbewußten Zusammenarbeiten von Reich, Land, Gemeinden, Arbeitsdienst, Reichsarbeitsverwaltung und Kreditinstituten, konnte es
in den Jahren 1933 und 1934 erreicht werden, daß durch Vornahme zusätzlicher Arbeiten in der hessischen Forstwirtschaft etwa doppelt so viel Arbeiten durchgeführt wurden, als in früheren Jahren.
Es handelte sich dabei zunächst um die Verbesserung des Wegnetzes in den Waldungen der öffentlichen Hand, ferner um Bachregulierungen, um die Rodung von Waldflächen zur Neukultur und Siedlungsland: weiter wurden in großem Umfange Aufforstungsarbeiten zur vermehrten Erzielung astreiner Brettware ausgeführt, sowie Kulturflächen und Pflanzgärten gegen Wildschaden eingezäunt. Brachliegendes Gelände, Oedungen, Halden, schlechte Wiesen und sonstige ertraglose Flächen wurden aufgeforstet. Der Umfang dieser Arbeiten ist am deutlichsten an der Tatsache zu ermessen, daß nicht weniger als 152 Hektar Land aufgeforstet und auf diese Weise für die deutsche Wirtschaft neu gewon-
Die Riesenkundgebung der Deutschen Front.
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Mtt einer Kundgebung, deren Teilnehmerzahl im Saargebiet noch nie erreicht wurde, hat am Sonntag die Deutsche Front ihren Abstimmungskampf beendet. Auf dem Wackenberg unweit Saarbrücken versammelten sich 350 000 Menschen und hielten in Schnee und Regen getreulich aus, um mit dem ______________Beweis ihrer Opferbereitschaft sich zum deutschen Vaterlande zu bekennen.
neu wurden. Alle diese Maßnahmen haben den Wert des Waldes und seine Produktionskraft in nicht geringem Maße gesteigert: gleichzeitig dienten sie dazu, der Arbeitslosigkeit zu steuern; nicht zu- letzt aber wird durch solche Arbeiten erreicht, daß der deutsche Mensch der Natur wieder innerlich nähergebracht wird.
Die Siedlungsaktion
hat ein ähnliches Ziel. Es wurde hierüber in den letzten Tagen bereits eingehend in der Presse berichtet*. Aus der Veröffentlichung war zu entnehmen, daß die hessische Regierung sich sowohl für die Kleinsiedlung, als auch für den Eigen» heimbau stark eingesetzt hat, daß zur Bekämpfung der dringendsten Wohnungsnot in den Städten und Jndustriegemeinden Not- und Behelfswohnungen gebaut und daß mit Hilfe einer als zuverlässig anerkannten Trägergesellschaft Wohnungsbauten in großer Zahl errichtet wurden. Ferner wurde berichtet über die im Entstehen begriffenen Jndustrie- arbeitersiedlungen und über das neue Wohnungsbauprogramm des hessischen Staatsministers: „Siedlungen in Notgebieten", das zur Zeit in Ausfüh- rung begriffen ist und für das die hessischen Spar- kassen, die Hessische Landeshypothekenbank und die Landesversicherungsanstalt Hessen einen Betrag von einer Million Mark aufgebracht haben. Es werden mit Hilfe dieser Mittel, die die Beleihung an erster und zweiter Stelle zur Verfügung stellen, 265 neue Siedlerstellen mit einem Gesamtkostenaufwond von 5000 Mark je Stelle errichtet werden. Mit der Ausführung wird sofort begonnen werden.
Das Baugewerbe
hat in der Volkswirtschaft eine Schlüsselstellung. Die Forderung des Siedlungswesens dient darum in hohem Maße auch der Belebung der Wirtschaft.
Wesentlich für die Arbeitsbeschaffung sind aus dem gleichen Grunde die Maßnahmen, die auf dem Gebiet des Hochbaues in den beiden letzten Jahren von Staat, Gemeinden und öffentlichen Körperschaften durchgeführt wurden. Auch die Wieherstellungsarbeiten an Kirchen gehören hierher. Die Hessische Staatsbauverwaltung hat allein für etwa 1,5 Millionen Mark Arbeiten für die Instandsetzungen von staatlichen Verwaltungs- und Wohngebäuden aufgewendet.
Dem hessischen Handwerk wurden erhebliche Aufträge erteilt. Zusammen mit den Aufträgen privater Hausbesitzer, die Jnstandfetzungs- zuschüsse aus dem 500-Millionen-Programm der Reichsregierung erhielten, ermöglichten sie die Einstellung arbeitsloser Gesellen in großer Zahl. Nicht zuletzt sei
das Meliorations-, Arbeits- und Giedlungsprogramm
des Hessischen Staatsministeriums genannt, dessen überragende Bedeutung für die Landeskultur im ganzen Reich anerkannt wird. Eine eingehendere Darstellung der bestehenden Pläne und der schon heute erzielten unmittelbaren Erfolge erübrigt sich an dieser Stelle, da erst kürzlich über den Stand der Arbeiten berichtet wurde und weitere Mitteilungen bald folgen werden.
Hingewiesen sei hier lediglich auf den Wert der Kulturarbeiten im Ried für die Arbeitsbeschaffung. Wird hierbei auch nicht in erster Linie das freie Gewerbe mit Aufträgen gefördert, so ist doch in weitestgehendem Maße Gelegenheit geboten, die Organisationen des Arbeitsdienstes und des Arbeitsdankes einzusetzen und damit der Heranwachsenden Jugend die Möglichkeit zu gesunder Betätigung in ber freien Natur zu geben. Auch ein Frauenarbeitslager ist kürzlich eingerichtet worden, das junge Mädchen aus allen Volkskreisen zu gemeinsamer froher Arbeit auf Acker und Feld Der- einigt. Die weitere Durchführung des Meliorations-, Arbeits- und Siedlungsprogramms wird noch eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen. Die Mittel
* Vgl. den Aufsastz des Dipl.-Ing. Blöcher über die Siedlungsmaßnahmen in Hessen im „Gießener Anzeiger" in Nr. 1 vom 2. Januar.
Oie wahre Liebe.
Von Frank $. Braun.
Im Hause des Konsuls Brodersen verkehren viele junge Leute und es war ziemlich gewiß, daß Jnge- borg Brodersen, des Konsuls eigene Tochter, der Anlaß zu diesen Besuchen in ungleich stärkerem Maße war, als die Zigarren und Schnäpse, selbst die Essen des Konsuls. Jngeborg Brodersen hatte Gelegenheit unter den Söhnen der großen Hafenstadt, in der sie lebte, Umschau zu halten. Um so verwunderlicher war, daß sie sich ganz unerwartet für einen Außenseiter entschied, einen jungen Mann, Georg Maltz, den ihr Vetter Billy mitbrachte.
„Der Georg spielt vorzüglich Tennis," hatte er gesagt und den Bekannten dann mit Jngeborg allein gelaßen.
Jngeborg fand Gelegenheit ihres Vetters Aussage nachzuprüfen. Sie spielte oft und gern mit Georg Maltz Tennis. Sie verlor stets. Aber sie gewann einen Menschen. Wahrscheinlich spürte sie das.
Als sie zu ihrem Vater kam mit der Erklärung, sie wolle sich mit Georg Maltz verloben und bald heiraten, fiel der Konsul aus den Wolken. Er sagte nicht nein, denn er kannte seine Tochter. Er sah sich den jungen Mann an. Dann besprach er sich noch einmal mit Jngeborg.
„Ich habe nichts gegen Georg Maltz," erklärte er. „Ich bin bereit, wenn du vernünftig bist ihm eine Chance zu geben. Er kann unsere Filiale auf Timor übernehmen. Macht er sich, verdient der genug Geld, eine Frau von deinen Ansprüchen ernähren zu können, wollen wir uns in zwei Jahren noch einmal über den Fall unterhalten." Das war des Konsuls letztes Wort. .
Die beiden Liebenden schworen sich Treue. Georg Maltz nahm die Stellung an. Er war gewiß, daß er sie werde ausfüllen können, obgleich er bis jetzt nur ein kleiner Angestellter eines Schiffsmaklers gewesen war. C£
Der Konsul besprach sich mit feinem Neffen Billy, den er viel lieber als Schwiegersohn gesehen hatte. „Du mußt dich mehr um Jngeborg bemühen , riet er, „du mußt ihr helfen den Mann, in Timor zu vergessen. Zwei Jahre hast du Zeit."
Billy lächelte. „Ich hätte Jngeborg sowieso nicht aufgegeben", sagte er.
Timor ist- weit weg und zwei Jahre sind eine lange Zeit. Sie schrieben sich Briefe; aber einmal im Monat war nur Postgelegenheit. Sie schrieben einander sehr lange Briefe, wahre Berichte — aber schließlich — es gab nicht viel zu berichten. Das Leben ging weiter; in Hamburg, wie Jngeborg
es gewohnt gewesen war, in Timor mit viel Arbeit, Erschöpfung, Fieberanfällen und geschäftlichen Erfolgen. Die Briefe wurden nicht seltener, aber kürzer. „Ich liebe dich noch, werde dich immer lieben," — das ist wenig, wenn man es viele Male in vier Wochen lesen muß, wird es immer weniger.
Jngeborg ging mit Billy aus, zum Segeln auf der Alster, zum Tanztee ins Hotel, ins Theater. Er war ihr Vetter, er liebte sie. Jngeborg fühlte das. Sie gab sich Rechenschaft. Sie hatte Billy gern — wenn Georg Maltz nicht gewesen märe, hätte sie heute vielleicht Billy geliebt. Es kam die Stunde, abends in einer kleinen Bar am Jungfernstieg, ein Tango verriet Herz und Seele, daß sie einander alles gestanden.
Billy schwieg. Aber er hatte andern Tags eine Besprechung mit dem Konsul. Etliche Wochen danach begann er eine Inspektionsreise. Er würde auch nach Timor kommen. Jngeborg gab ihm einen Brief für Georg Maltz mit. Sie befand sich in einem sonderbaren Zwiespalt der Gefühle. Billy, der sie liebte, fuhr nun nach Timor und gab Georg Maltz diesen Bries, mußte das nicht wehtun? Beim Abschiednehmen sah sie ihn an. Als er den Laufsteg zum Dampfer betreten wollte, öffnete sie mit kleiner, nicht ganz zu Ende gedachter Bewegung die Arme ein wenig. Billy begriff. Er umarmte sie und küßte sie. Der Konsul stand dabei. Er lachte dröhnend und schien nichts dabei gefunden zu haben, daß Vetter und Kusine sich einmal einen Kuß gaben. Aber er zwinkerte Billy zu.
Billy hatte lange Zeit sich alles zu überlegen. Von Batavia telegraphierte er und meldete Georg Maltz feine bevorstehende Ankunft. Den Brief Inge- borgs zerriß er ungelesen und ließ die Schnitzel ins Meer flattern.
Sie begrüßten sich wie alte Freunde. Georg Maltz' Fragen nach Jngeborg beantwortete Billy ausweichend. Erst am Abend, als sie beim Alkohol faßen, redete Billy. Er war ernst und feierlich. „Du mußt Jngeborg freigeben," sagte er. „Sie liebt dich nicht mehr. Es ist aber andrerseits so, daß sie von sich aus nie den Entschluß zum Bruch wagen würde."
Georg Maltz starrte den Freund an. „Bist du beauftragt, mir das zu sagen?"
„Ja. Freilich glaubt Jngeborg nicht, daß ich dir so unumwunden die ganze Wahrheit sagen werde. Sie bat mich herauszufinden, wie dir beizukommen sei, denn sie möchte dir nicht weh tun."
„Liebt Jngeborg einen anderen Mann?"
Billy schüttelte den Kopf. „Dann wäre alles verständlich, nicht wahr, aber es ist nicht der Fall."
„Aber unsere Briefe waren herzlich wie am Anfang. Ein Wandel in Jngeborgs Gefühlen war nicht festzustellen."
„Ich sagte dir, sie leidet, aber sie. würde von sich aus nicht den Mut zum Bruch finden. Sie belog dich; aber nicht aus unedlen Motiven. Es geschah aus Mitleid, Georg."
Georg Maltz stand auf. „Danke", sagte er und noch einmal: „ich danke dir, Billy." Er hielt ihm die Hand hin. Billy hatte einen bitteren Geschmack im Munde. „Nichts zu danken," sagte er heiser.
Er nahm als er abfuhr, zwei Briefe von Georg mit. Einen freundlich beherrschten Dankes- und Abschiedsbrief an Jngeborg. Billy hatte seinem Freund bei diesem Brief geholfen. Die wenigen Zeilen klangen genau, als gebe Georg Maltz dem Mädchen den Abschied. Im zweiten Schreiben bat er den Konsul um eine Verlängerung seines Vertrages um drei weitere Jahre. Billy versprach sich dafür bei dem Onkel einzusetzen.
Beide Briefe hatten den gewünschten Erfolg. Der Konsul unterschrieb den neuen Vertrag, denn der junge Mann auf Timor war tüchtig. Jngeborg erfuhr von Billy die Gründe, warum Georg Maltz sich von ihr zu trennen wünsche. Zurückhaltend, im Wunsch sie zu schonen, berichtete er, daß Georg Maltz sich drüben eine reizende Eingeborene. angeschafft habe, mit der er lebe.
Jngeborg kam leichter über den Schmerz hinweg als sie je gedacht hatte. Vielleicht weil Billy da war, der zartfühlende Vetter, dessen Liebe sie mehr denn je zuvor fühlte und erkannte. Zum Herbst verlobten sie sich, Weihnachten würde Hochzeit sein.
Konsul Brodersen hatte mit seinem demnächstigen Schwiegersohn noch eine Unterredung. „Es war keine richtige Liebe", behauptete er. „Oder hättest du dir in Georgs Lage einreden lassen, Jngeborg wolle von dir frei kommen? Hättest du nicht den nächsten Dampfer genommen und wärest hier in Erscheinung getreten? Na also!"
„Es war vielleicht eine andere stillere, scheuere Liebe, Onkel."
„Unsinn! Halbe Gefühle und Sentimentalitäten! Es gibt überhaupt nur eine Liebe, und das ist die, die sich durchsetzt."
Eine so zwingende Logik machte sich Billy gern und mit innerer Tröstung zu eigen. Er vermochte sogar der Vermählungsanzeige nach Timor ein paar herzliche Zeilen beizufügen, die aber unbeantwortet blieben. Dagegen kam im neuen Jahr die Todesnachricht: Georg Maltz war einem Fieber erlegen, das er sich leichtsinnig zugezogen hatte, indem er ständig ohne Moskitonetz geschlafen hatte.
Der Verwalter schrieb, es sei fast eine Art Selbst» mord gewesen. —
Diesen Brief behielt der Konsul für sich; er gab ihn nicht weiter. Und eine Ahnung kam ihm, daß der Begriff Liebe doch nicht auf die einfache Formel zu bringen sei, die er Billy gesagt hatte. Aber er machte das, wie gesagt, mit sich allein ab. Das junge Paar erfuhr den Fiebertod des Bedauernswerten. Jngeborg im jungen Glück geriet leicht darüber hinweg. Und Billy kam nach einiger Zeit sogar ZU der Ansicht, daß das Schicksal die einfachste Lösung gefunden habe.
„Die beiden Seehunde."
Dies ist, wie die Bayern sich auszudrücken pflegen, eine Hetz oder „a Gaudi": die Geschichte von den beiden Seehunden, welche das Neue Deutsche Lichtspiel-Syndikat nach dem Lustspiel von Roehler als Filmscherz gekurbelt hat. Fürst Chri- stian XVII. von Pfalzburg-Eberstadt nämlich, Serenissimus, wie er im Buche steht, und der biedere Dienstmann Anton Heßdörfer gleichen einander wie Zwillingsbrüder zum Verwechseln und haben Überdies eine fatale Aehnlichkeit mit dem Seehund im Zoologischen Garten der Residenz. Auf dieser Aehnlichkeit ist das ganze Stück aufgebaut, das, wie man sich erinnert, auf einen doppelten Rollentausch hinaus- läuft dergestalt, daß der Dienstmann in Uniform den Duodezthron besteigt, der Fürst als Dienstmann aber unerkannt wie Harun al Raschid unter seinem Volke wandelt. Das Motiv ist ja nicht neu, und man muß sogar ein paar Mal an „Schluck und Zau", denken, obwohl in Hauptmanns Scherzspiel die Dinge künstlerisch auf einer höheren Ebene liegen und menschlich ein wenig mehr Tiefgang haben. Aber es bereitet den Leuten auch so viel Spaß, und Weiß Ferdl macht aus der Doppelrolle, denn er spielt die beiden Seehunde auf einmal, die beste Leistung seines Lebens. Der komödiantische Reiz der Verwandlung muß seinen Humor beschwingt haben, und er gewinnt namentlich der großen Audienzszene die lustigsten Momente ab. Unter der liebevoll ausführlichen Regie von Fred Sauer machen sich ferner u. a. Fita Benkhoff mit ihrem rheinischen Mundwerk, S t e i n b e cf, Aribert Wäscher, Franz Weber, Harry'Gondy und Gerhard B i e n e r t um den drolligen Mummenschanz verdient. — Im Beiprogramm sieht man noch ein nettes Lustspielchen aus dem täglichen Leben mit praktischer und beherzigenswerter Nutzanwendung. Die Wochenschau bringt u. a. einen Rückblick auf die bedeutenden Ereignisse des Jahres 1934.


