Ur. 6 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhejfen)
Dienstag, 8.Zanuar 1935
Stalins Strafgericht.
Von unserem ^.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Moskau, Januar 1935.
Seit dem Mord an dem Parteisekretär Kirow sind fünf Wochen ins Land gegangen. „Das Schwert der proletarischen Diktatur", wie die auch nach ihrer Umbildung zum Jnnenkommissariat der Sowjetunion bewährte GPU. heute noch genannt wird, hat in dieser Zeit die Hinrichtung 10 3 wirklicher oder vermeintlicher Terroristen vorgenommen und über 2 0 0 0 Personen nach Sibirien verbannt. Noch im alten Jahr rasten Gerüchte durch das Land, eines bedrohlicher als das andere, und die Atmosphäre schien mit Spannungen geladen. In der Sowjetukraine stellte man Zersetzungserscheinungen fest, die Klassenfeinde aller Richtungen und Schattierungen erhielten immer von neuem den Totenschein ausgestellt, und bald war es die Sinowjew-Opposition, bald die Weißgardisten, bald ganz allgemein die „Partei-Unterwelt", die das Unheil verschuldet haben sollte, das Land in neue Unruhe und neue Nervosität gestürzt zu haben. Stalins Strafgerichte traten prompt zusammen und ihre Urteile wurden umgehend vollstreckt--noch heute aber, fünf Wo
chen nach dem Attentat, ist man im Unklaren darüber, welche Kräfte in Wahrheit hinter dem Attentäter gestanden und gewirkt und ob tatsächlich die Hingerichteten mit der Tat selbst etwas zu tun gehabt haben.
Die Ereignisse der letzten Wochen haben dem Beobachter nicht nur im Ausland, sondern auch in Sowjetrußland selbst manche Rätsel aufgegeben. Der Tat folgte zunächst eine allgemeine Landestrauer, die sich räumlich bis auf die entlegend- sten Gebiete der Union erstreckte, die ganze Volksmassen erfaßte und die in ihrem zeitlichen Ablauf fo gut klappte, daß man die Organisation dahinter nur allzu leicht erkannte. Es war offensichtlich, daß c< der Sowjetregierung an diesen gewaltigen Kundgebungen aller Sowjetrepubliken, der gesamten Union und aller Volkskreise in diesem Lande aus bestimmten Gründen sehr gelegen war. In der sowjetrussischen Geschichte finden sich ähnliche Beispiele in den letzten Jahren, wo die für neue Propagandamöglichkeiten besonders feinfühlige zentrale Leitung von einer Stunde zur anderen Feldzüge einleitete, deren Auswirkungen nicht immer leicht übersehbar sind. Denn wie die Landestrauer um Kirow als Grundlage der kommenden Entscheidungen bis in die letzte Kleinigkeit hinein gut oor- biharf)t und organisiert war. so hat man seit seiner Beisetzung in der Kreml-Mauer eine Organisation des Rausches durchqeführt, von dem die Sowjetpresse, alle öffentlichen Redner, alle Maßnahmen der Regierung und das ganze Parteivolk befallen sind. Welche Wirkungen dieser Rausch in der Praxis hat, wohin seine Stoßkraft geht und ob er nicht zu neuen Ueberraschungen führt, bleibt heute wie am ersten Tage nach dem Attentat ein Rätsel. Alle verantwortlichen Stellen haben es aber durch ihre der Oeffentlichkeit gegebenen Parolen verstanden, die Unklarheit und Ungewißheit bewußt aufrechtzuerhalten, die Gerüchtebildung wissentlich zu fördern und das Finden der Wahrheit zu erschweren.
Nach der Ermordung Kirows tauchte zunächst über die Motive des Täters die Lesart auf, daß er aus persönlichem Rachedurst seinen ehemaligen Vorgesetzten erschossen habe. Die Möglichkeit hierfür war deshalb nicht von der Hand zu weisen, — und ist es vielleicht heute noch nicht — weil der inzwischen Hingerichtete Nikolajew nach der offiziösen Darstellung ein unbotmäßiges Mitglied der Partei gewesen ist, ein Querulant, der den übergeordneten Behörden wiederholt lästig geworden war. Auf Kirows Initiative sollte er aus Leningrad entfernt und auf einen entlegenen Posten gesetzt werden. Es ist sehr wohl denkbar, daß er sich bei ihm dafür hat rächen wollen. —
Noch war die Asche des Toten aber nicht beige
setzt, als eine neue Lesart ausgegeben wurde. Es waren jetzt „die Feinde der Arbeiterklasse und der proletarischen Revolu- t i o n", die hinter dem Attentäter gestanden und ihn finanziert haben sollen. Die Interpretation dieses summarischen Begriffes machte aber ebenfalls wiederholt Wandlungen durch. Man behauptete zunächst mit großem Ernst, daß a us l ä n d i s ch e terroristische Agenten nach der Sowjetunion gekommen waren, um den Mord zu verüben. In der Sowjetöffentlichkeit wurde damit der doppelte Eindruck erzielt, daß wieder einmal das Ausland hier seine Hand im Spiele habe und daß es sich bei diesen Terroristen um „W e i ß g a r d i st e n" handle, d. h. offenbar um solche ehemalige Emigranten, die die Erlaubnis zur Rückkehr aus dem Auslande nach Sowjetrußland erhalten haben und an denen e i n Exempel statuiert werden sollte. In der Tat ist auch unter den 103 Hingerichteten eine Anzahl dieser Leute, über deren Straftaten sich freilich alle offiziellen Erklärungen und Begründungen ausschweigen und denen also objektiv ein Zusammenhang mit dem wirklichen Täter bisher nicht nachgewiesen wurde.
Erst wesentlich später wurde der Begriff der „Klassenfeinde" auf die Reste der ehemaligen Sinowjew-Opposition angewandt, wobei man auch hier wieder weiterging und den Einfluß dieser gewiß sehr einflußlosen Leute auf einen „Bodensatz in der Partei", auf eine „Partei-Unterwelt" ausdehnte. Die Ereignisse der letzten Woche, bekanntlich die Verhaftung Sinowjews und Kamenews, die Hinrichtung einer Anzahl von Leuten aus ihrem Zirkel, die Aushebung des ganzen „Leningrader Zentrums", find dann so zu verstehen, daß die offizielle Auslegung über Hintergründe und Hintermänner endgültig bei dieser Gruppe Halt gemacht hat.
Damit ist, wenn man nach europäischen Rechtsbegriffen gehen will, freilich noch nicht bewiesen, daß die wirklich Schuldigen von dem neuen Strafgericht auch betroffen wurden. Der Rausch war zu weit verbreitet, die zahlreichen Versammlungen in den Fabriken und Kollektivdörfern haben zu gleichzeitig stattgefunden und die in ihnen gefaßten Entschließungen forderten allzu übereinstimmend und allzu eindringlich „das Höchstmaß an Strafe" gegen alle „Sowjetfeinde", als daß man dahinter nicht die einheitliche Regie vermuten müßte. Durch die Findigkeit der GPU. ist zwar in der Sowjetunion so manche Verschwörung aufgedeckt worden — noch keine bisher hat sich freilich gegen die Person des Diktators selbst gerichtet. Dvraus erklärt sich vielleicht die drakonische Strenge, mit der gegen alle Verdächtigen vorgegangen wird. Gleich sind gegenüber>Hmher nur die Methoden geblieben, alle Schuld auf die aus- und inländischen Gegner der Sowjetregierung abzuwälzen.
Wenn man im Großen und Ganzen der letzten offiziellen Lesart zustimmen will, daß es diesmal im wesentlichen eine innerparteiliche Verschwörung ist, so bleiben manche Begleiterscheinungen ungeklärt. Die alarmierenden Grüchte, die in einem Teil der ausländischen Presse verbreitet wurden, müssen allerdings auf ihren Kern zurückgeführt werden. Es handelt sich keineswegs um einen generellen Anschlag auf das Sowjetsystem oder auch nur um eine innerparteiliche Revolte, der eine gewisse Aussicht auf Erfolg beschieden gewesen ist. Macht- poli tisch ist das Sowjetsystem heute vielleicht fester denn je untermauert und keine Sensationsmeldungen täuschen darüber hinweg, daß Rote Armee und GPU. zwei verläßliche und starke Machtfaktoren in der Hand des Diktators darstellen.
Jedoch muß es den zentralen Stellen in Moskau daran gelegen haben, der Oeffentlichkeit einzureden, daß es einen Rest von Verschwörern gebe, die neuerdings zur aktiven Gegenwehr übergegangen sind und zum Mittel des individuellen Terrors gegriffen haben. Es ist nicht anzunehmen, daß den beiden ehemaligen Mitarbeitern Lenins, dem früheren Vorsitzenden der dritten Internationale, S i - n o w j e w, und dem früheren zweiten Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, Kamenew, die Todesstrafe droht. Sie werden voraussichtlich ledig
lich zu einer Gesinnungskur für einige Jahre nach Sibirien geschickt werden.
Dennoch werden die Ereignisse weittragende Bedeutung haben. Es ist bekannt, daß auch die GPU. s e l b st von der Untersuchung nicht verschont wurde und daß verschiedene ihrer Mitglieder amtsentsetzt worden sind. Die nächste Folge wird ein gründliche Säuberung der Partei- und Verwaltungsbehörden sein, denen auf diese Weise deutlich gemacht werden soll, daß sie in ihrem „revolutionären Eifer" nicht erlahmen dürfen. Ueber den wirklichen Umfang der Anhängerschaft der ehemaligen Sinowjew-Opposition ist noch keine Klarheit zu gewinnen. Nach der Aussage des Nachfolger des ermordeten Kirow, Schdanow, soll es sich nur um klägliche Reste in Leningrad handeln, die bereits zetzt gründlich beseitigt sind. Freilich steht dem entgegen, daß man in der Ukraine Zersetzungserscheinungen in der Partei und Blockbildungen der Opposition aufgedeckt hat, derer sich insbesondere die Universitätsjugend schuldig gemacht haben soll.
Mehr noch beweist aber die propagandistische Ausnutzung des Falles Kirow, daß der Sowjetregierung der Mordfall mindestens nicht ganz ungelegen gekommen ist! Wo eine Arbeiterversammlung stattfindet, wird nach der Beteuerung der
Treue zu Stalin am Schluß einer jeden Entschließung versprochen, die Produktionspläne nun erst recht durchzuführen, jede Kollektivwirtschaft legt das Gelöbnis ab, um so eifriger zu säen und zu ernten. Und ein anderes wird durch die Ereignisse der letzten Wochen ganz in den Hintergrund gedrängt, nämlich die st e i g e n d e Hungersnot in den südlichen Hauptgetreidegebieten und die im Gang befindliche Umstellung der Brotversorgung — zwei Fragen, die sonst des größten Interesses der ganzen Oeffentlich- feit gewiß wären. Um der Not der durch die Mißernte besonders hart betroffenen südlichen Gebiets zu steuern, hat die Regierung sich gezwungen gesehen, die Schulden der Kollektivwirtschaften in Höhe von 460 Millionen Rubel abzuschreiben und ihnen eine besondere G e- treidehilfe von insgesamt 70 Millionen Pud angedeihen zu lassen. Die Abschaffung der Brotkarte aber ist in ihren Auswirkungen noch völlig unübersehbar. Sie bringt eine solche Verteuerung der Lebenshaltung jedes einzelnen und damit eins solche Steigerung der Not mit sich, daß die Ablenkung der öffentlichen Mißstimmung auf ein anderes Objekt den Sowjets keineswegs unangenehm ist. Und hier hat denn auch diese neue Verschwörung schließlich ihre wirtschaftliche Kehrseite.
SlMiihm Hartmann Lauterbacher bei der HZ. in Minz.
Stabsführer Hartmann Lauterbacher trägt sich anläßlich der Führertagung des Gebietes 13 Del HI. in Mainz in das Goldene Buch der Stadt ein.
Tumult in Transvaal.
Oie ersten Goldfunde vor S0 Jahren.
Von Or. Werner Hillbring.
Vor einem halben Jahrhundert schwirrten die abenteuerlichsten Gerüchte um den Erdball: es war die klassische Zeit der Goldfunde. Da hatte irgendein einsamer, verwegener Pelzjäger in Alaska eine seltsame Entdeckung gemacht: er fand plötzlich beim Wäschewaschen einen nußgroßen Goldklumpen. Das G o l d f i e b e r schüttelte die Menschen. In Kanada, in Australien, in Transvaal, der südafrikanischen Republik, dem Lande der ewigen Unruhe, der fürchterlichsten Kämpfe: überall erwuchs wie ein riesenhaftes, dämonisches Phantom das Gespenst des Goldes. Es schlummerte zwischen dem Steingeröll der Flüsse im hohen Norden der
Vereinigten Staaten, es schlief in der Erde Afrikas, man fand es in Kalifornien bem Ausheben der Erde, als man eine Getreidemühle baute. Der Boden schien plötzlich verzaubert. Eine gigantische Wells der rasenden Habgier brauste wie eine Sturzlawine über die Menschen. Die ersten Goldsucher hüteten argwöhnisch ihr Geheimnis. Sie lagen schlaflos in ihren einsamen, sturmumtosten Blockhütten, wühlten mit gierigen Händen im Flußschlamm, fraßen sich wie Maulwürfe in die Erde, waren nur von dem einen Gedanken besessen: Gold, Gold, Gold!
Die Gerüchte von den ersten sensationellen Gold- funden sickerten durch. Einer erzählte es dem an«
Das Bankguthaben der vierzig Mumien.
Von Professor Or. E. Waldmann, Direktor der Kunstdalle Bremen
Ums Jahr 1875 herum tauchten auf dem Kunstmarkte, besonders dem englischen, von Zeit zu Zeit immer einmal wieder ägyptische Kostbarkeiten auf, ganze Mumien oder Masken von Mumien, goldene Gefäße oder elfenbeinerne Zepter, Amulette aus Edelsteinen ober heilige Katzen aus Bronze neben Götterstatuen aus blauer Fayence. Und als dieser Funde immer mehr und mehr wurden, erregten sie Verdacht, denn Stück für Stück war echt, völlig echt und gut erhalten! Der Verdacht bezog sich auf die Herkunft, denn die wissenschaftlichen Expeditionen, die in Aegypten gruben, waren nicht nur ehrlich, das verstand sich damals schon von selbst, sondern sie waren auch sehr sorgsam. Einen Skarabäus konnte wohl einmal ein halbnackter Mache heimlich in den Mund stecken und an sich bringen, eine kleine Statuette ober eine winzige Bronzekatze notfalls auch. Aber gleich eine ganze Königsmaske! Sechs Jahre lang bauerte bas Rätselraten, bis man ber Herkunft auf bte Spur kam unb bie wahren Verkäufer, bie natürlich immer burch halbbunkle Mittelsmänner ober Mittelsfrauen ihre Schätze anbieten ließen, feststellte. Es war eine ganze hochangesehene Familie tn dem Dorfe Kurna, die Familie Abd-el-Rasul, deren Stammbaum sich bis ins dreizehnte, allerdings ms nachchristliche dreizehnte Jahrhundert zuruckverfol- gen ließ. Das Oberhaupt der Familie wurde, da die Verdachtsmomente sich in dieser Richtung immer mehr verdichteten, festgesetzt und verhört, und zwar verhört von dem Mudir in Kene, dem berüchtigten Da'ud Pascha, berüchtigt wegen seiner wenn auch nie ganz gesetzlichen aber fast immer sthr wirksamen Technik in der Vernehmung der Angeklag- ten. Vor dem Chef des Klans der Abd-el-Rasul aber versagte seine Technik. Der Chef leugnete, selbstverständlich, aber auch das ganze Dorf Kurna erhob sich, aller Familieneifersüchteleien ungeachtet, wie ein Mann und beeidete, daß in der grundehrlichen Gemeinde Kurna gerade die Familie 21bb=eb Rasul die noch viel ehrlicheren, ja die allerehrlich- ften Leute wären. So mußte er aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden.
Jedoch des Paschas Niederlage erwies sich nur als ein scheinbares Versagen seiner immer bewahrten Technik. Es handelte sich keinesfalls, wie wir leicht glauben könnten, dabei um Tortur, sondern um Hypnose, einfache äwnole durch öw Augen,
durch den Blick, von dem tatsächlich seelische Erschütterungen ausgingen von einer Art, die der Abendländer sich nicht vorstellen kann. Ein Arbeiter, der als alter Mann noch mit Lord Carnarvon und Howard Carter bei Tut-ench-amun tätig war, erzählte, daß er in seiner Jugend auch einmal mit dem Mudir Da'ud Pascha zu tun hatte. Damals sei er, der Arbeiter, von Beruf noch Dieb gewesen. Eines Tages ließ der Pascha ihn wegen eines an sich geringfügigen Eigentumsvergehen zu sich kommen. Er lag gerade in der Badewanne und hörte die Erklärungen des Beschuldigten in aller Ruhe an. Dann aber sah er ihn nur einen Augenblick lang über den Rand der Badewanne still an, „und als seine Augen durch mich hindurchdrangen, fühlte ich wie die Knochen in mir zu Wasser wurden. Es kam zwar nichts heraus, aber der Pascha sagte, ich wäre nach diesem ersten Male entlassen, sollte mich aber sehr hüten zum zweiten Male vor ihm erscheinen zu müssen. Und sah mich wieder an. Da jjabe ich meinen damaligen Beruf gewechselt."
Aehnlich muß Da'ud Pascha bei der Vernehmung des Chefs der Familie Abd-el-Raful auch wohl geblickt haben. Und das Eigentümlichste an dieser Blickhypnose wahr wohl, daß sie in besonders verwickelten Fällen erst nachträglich, wie ein langsam schleichendes Gift wirkte. Vier Wochen später begab sich zwar nicht der Hypnotisierte selbst, sondern eins seiner Familienmitglieder, dieses Mal freiwillig, zum Pascha nach Kene um ein volles Geständnis abzulegen: Der Klan der Abd-el-Rasul, alte Familie, 13. Jahrhundert nach Christus, hätte seit Beginn seinen Reichtum aus alten Gräbern bezogen und wäre dieser Familienüberlieferung in strengster Bewahrung der mühsamen handwerklichen Kenntnisse unentwegt treu geblieben bis auf den heutigen Tag. Nur hätten sich die Verhältnisse geändert. In Pyramiden fände man längst nichts mehr und in den offiziellen Gräbern ja auch nicht, schon seit 3000 Jahren nicht mehr. So wäre man auf die Reserven angewiesen. Und diese Reserve wäre ein in der 20. Dynastie, etwa 1000 vor Christus, angelegtes Depot, ein in den Felsen von Der- el-Bahri' eingebauter steinerner großer Safe, in dem die Vorfahren drei reichliche Dutzende von Pharaonen-Mumien in Sicherheit gebracht hätten, damals, vor wie gesagt 3000 Jahren, um mit dem ewigen Neubestatten der Tutmosisse und Ramsesse einmal ein Ende zu machen. Diesen Safe sähe feine Familie als Eigentum an, nach Gewohnheitsrecht. Immer wenn sie Geld brauchten, nähmen sie aus dem Felsensafe, bei gegenseitiger eidlicher Verschwiegenheit. Im Jahre 1875 hätten sie dies Versteck gefunden, nachdem sie sich vorher kümmerlich von den immer seltener werdenden Einzelfunden ernährt hätten. Mit diejem Bankguthaben von vierzig toten
Pharaonen hätte die Familie bis in alle Ewigkeit sorgenlos leben können — wenn, ja wenn vor vier Wochen er, der Pascha, seinen Verwandten eben anders und nicht „so" angesehen hätte. •
Der Pascha telegraphierte sofort nach Kairo. B r u g s ch Pascha, der Deutsche vom Museum, kam zur Untersuchung nach Luxor: Alles stimmte, und am 5. Juli enthüllte sich ihm das langbewahrte Geheimnis: In einem schlecht zusammengehauenen Grabe lagen reihenweise die mächtigsten Herrscher des alten Orients, die je zu Gesicht zu bekommen die Aegyptologen in ihren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hatten. An der Stelle, wo in der 20. Dynastie die Priester sie heimlich nachts versteckt hatten, lagen sie noch. Auf ihren Särgen und Mumien las Brugsch, in sauberen Aufschriften auf- gezeichnet, die Berichte über ihre Fahrten von einem Versteck zum anderen. Einigen war es gelungen, ihre Särge zu wechseln, andre waren neu eingekleidet worden. Die Pharaonen, in zweitägiger Arbeit, etwas schnell, aus dem Depot geschafft, wurden auf der Museumsbarke in Luxor auf dem Nil eingeschifft und am 19. Juli landeten sie in Kairo. Als die Barke den Nil herunterfuhr, dies erzählte Brugsch selber in seinen Lebenerinnerungen, eilten aus allen Nildörfern die Männer ans Ufer und feuerten ihre Flinten ab, wie es bei einem modernen Begräbnis dort heutzutage üblich ist, und die Frauen folgten der Barke am Ufer, zerrauften sich die Haare und stießen jene schrillen zitternden^ Schreie der Totenklage aus, wie bezahlte Klageweiber — so wie vor Jahrtausenden die Weiber brüllten, wenn wirklich einer der Götterkönige von von Ober- und Unterägypten die Fahrt über den Totenstrom antrat.
Oer alte Fritz in der Wasserkunst.
Friedrich der Große hat Schlesien nicht nur erobert, sondern ihm auch seine besondere landesväterliche Gunst geschenkt. Das merkt man recht, wenn man den Spuren des Großen Königs in Schlesien folgt, wie es Edmund Glaefer im Januarheft von Ve 1 hagen & Klafings M o- n a t s t) e f t e n tut. Unter den Bildern, die den liebenswürdig geschriebenen Beitrag schmücken, befindet sich auch die Badewanne, die der König in Landeck benutzt hat. Wie ihm dabei zumute war, schildert er seinem Vorleser Henri de Catt, in einem von Selbstironie funkelnden Brief „Ich schreibe Ihnen aus dem Wasser, mein Lieber, denn darin lebe ich mehr als auf dem Trockenen. Ich fange an, ein Fisch ober eine Ente zu werden, und weih selbst noch nicht recht, welches von beiden. Nur ein Lwid wäre imstande, meine Verwandlung
zu beschreiben. Wie dumm sind unsere guten Ber- liner, sie behaupten, wie mir geschrieben wird, ich sei geschwollen; was werden sie erst sagen, wenn sie mich mit Schuppen ausgestattet und mit Flossen geschmückt sehen werden. Sie nehmen mich gewiß für einen Staatsfisch. Nun, das schadet nichts, es geht mir besser, meine Beine werden allmählich wieder beweglich, und Gerüchte schaden keinem Menschen etwas. Es bleiben mir noch acht Stun- den übrig, die ich im Bade zubringen muß, ich denke damit in zwei Tagen fertig zu fein." Di- Badewanne, die der König benutzte, wird in Landeck noch heute bewahrt. Es war Sitte, daß jeder Badegast feine eigene hölzerne Badewanne hatte und daß diese, mit feinem Namen versehen, für späteren Gebrauch aufgehoben wurde. Der König mußtS wie alle Badegäste ain mehrstündiges Bad nehmen, vier Stunden am Tage war der Durchschnitt; er erledigte, wie heute noch überliefert wird, feine Unterschriften auf einem über die Wanne gelegtes Brett.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Eduard Z i n t l, ordentlicher Professor der Chemie und Vorstand des Instituts für anorganische und physikalische Chemie an der Technischen Hochschule D a r m ft a b t, hat einen Ruf an bie Technische Hochschule Stuttgart erhalten. Es ist jeboch gelungen, ben Gelehrten ber Technischen Hochschule Darmftabt zu erhalten.
Dr. Wilhelm Berger, Privatbozent für Hals-, Nasen- unb Ohrenheilkunbe an ber Universität Münster, ist zum orbentlichen Professor an ber Universität Königsberg ernannt worben.
Der Rostocker Privatbozent Dr. Wilhelm T r o i tz s ch ift auf ben orbentlichen Lehrstuhl für Staat-, Verwaltungs-, Kirchen- unb Völkerrecht irr Rostock berufen worben; ber Lehrstuhl war bisher burch ben nach Würzburg berufenen Professor Dr. Ernst W o l g a ft besetzt.
Der Direktor ber Staatlichen lanbwirtschaftlichen Versuchsanstalt D r e s b e n, Professor Dr. H. Neubau e r , ist in ben Ruhestanb getreten. Von 1905 bis 1923 leitete er bie Agrikulturchemische Versuchsstation Bonn unb würbe 1912 Professor an betf Lanbwirtschaftlichen Hochschule Bonn - Poppelsborf. Seit 1924 wirkte Neubauer in Dresben. Zahlreich finb bie Veröffentlichungen, bie er auf analythifcheiN Gebiete sowie auf bem Gebiete ber Pflanzen- und Tierernährung verfaßt hat; bis vor kurzem war Professor Neubauer auch Vorsitzenber bes VerbanbeS ber lanbwirtschaftlichen Unterfuchungs- unb Fov« schungsanstalten.


