Mannestat und Kampf, für alles Bunte und Abenteuerliche in der Welt, leicht wäre, ihnen als unserer Zukunft das zu geben, was unserem Volke im Grunde noch fehlt: das Wissen um unsere eigene Geschichte. Denn erst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind doch das Schicksal eines Volkes.
Vielleicht aber war keine Gegenwart berufener als die unsere, mit unserer heutigen Jugend die Brücke zu schlagen zwischen einem großen Gewesenen und einer, so Gott es will, großen Zukunft. Ohne Wurzeln kann ein Volk so wenig wie ein Baum blühen und Früchte tragen. Deshalb ist eines der schönsten Ziele des Jugendbuches, die Bereitschaft der jungen Seelen, ihre so leichte Entflammbarkeit hinzulenken auf die Großtaten, auf das Gewaltige unserer Geschichte.
Das hat gar nichts mit Geschichtsunterricht oder mit trockenen Zahlen zu tun. Der Geschichtsunterricht der Schulen kann, da es doch seine Aufgabe sein muß, die gesamte Weltgeschichte in Kürze zu vermitteln, nickt oder nur selten die Betonung auf jene Höhepunkte legen, die allein ein Jungenherz mitzureißen vermögen. Auch haben nur wenige Geschichtslehrer die Freude daran und das Zeug dazu, gleichsam die Rosinen aus dem Kuchen zu holen und Einzeltaten und Schicksale, das Große und so ost Abenteuerliche der Geschichte heroorzu- heben, nach dem Sinn der Jugend zu gestalten, zu verdichten und bildhaft vor sich hinzustellen, wie es der Jugenddichter soll.
Wenn ich aber Juaenddichter und nicht Jugendschriftsteller sage, so sind wir dort angelangt, wo über das rein Stoffliche hinaus das Kernproblem des Jugendbuches liegt. Immer noch blicken Kritik und die „erwachsenen" Autoren hochmütig auf das
Jugendbuch herab. Daran aber haben viele Jugendschriftsteller selbst ein gut Teil Schuld. Es geht eben nicht an, daß Talente dritten und vierten Ranges ihre Unzulänglichkeit gerade in Büchern austoben, die sich doch an jenen Teil des Volkes wenden, der unsere Fortsetzung, unsere Zukunft ist. Es ist nämlich falsch zu glauben, daß es zum Schreiben eines Jugendbuches genüge, einige abenteuerliche Einfälle primitivster Art zu haben und sie in schulmeisterlichem oder onkelhaftem Ton vorzutragen oder gar in jener Sprache, in der sich alte Tauten mit ihren kugelrunden Dackeln unterhalten. Gewiß: das Jugendbuch darf inhaltlich nur sehr wenig Voraussetzung an das Wissen, an die Erfahrungen seiner Leser stellen, die Fabel muß einfach und klar bleiben. Die Sprache selbst aber kann nicht nur, sondern soll eine dichterische sein, weil erst die dichterische Sprache auch beim jugendlichen Leser alle Quellen der Phantasie rauschen und strömen läßt und weil für Herz, Seele und Geist unserer Jugend das Beste gerade genügt.
Oberhessisches Schwurgericht.
Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen in Gießen beschäftigte sich am Mittwoch und am gestrigen Freitag mit einer Anklage gegen den Otto Schneider von Eckartsborn wegen Meineids. Der Meineid sollte nach der Anklage in einem Privat- klageverfahren geleistet worden sein. Im Lause der zweitägigen Hauptverhandlung hatten das Schwurgericht und die Staatsanwaltschaft die größte Mühe, um die Wahrheit zu erforschen. Besonders dramatisch war der Augenblick, als einer der Zeugen, der bis dahin dem Gericht mit Unwahrheiten gegenüber
getreten war, sich plötzlich zur wahrheitsgemäßen Aussage bequemte. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einemJahr und einemMonat Zuchthaus, sowie Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von vier Jahren, ferner wurde ihm die Fähigkeit, als Zeuge oder Sachverständiger vernommen zu werden, für dauernd abgesprochen.
Adolf Stöcker auf dem Gleiberg.
(D Gleiberg, 6. Dez. In diesen Tagen erwähnte die Presse den berühmten Theologen und Politiker D. Adolf Stöcker, der am kommenden 11. Dezember vor hundert Jahren geboren wurde. In seinen politischen Zielen darf er heute als Vorläufer des Nationalsozialismus angesprochen werden. Er bekämpfte schon 1877 die Sozialdemokratie und versuchte, die Arbeiterschaft zu christlichem, nationalem Denken zu führen und ihre Lage zu verbessern. Er war der Hosprediger des Kaisers, aber auch populär durch seine wöchentlichen Pfennig-Predigten, die in weit über 100 000 Exemplaren verbreitet waren. Weiter hatte er sich als Gründer des evangelisch-sozialen Kongresses und als Leiter der Berliner Stadtmission einen Namen gemacht; er gehörte ferner dem Reichs- und Landtag an. Auch mit unserer Gegend ist er unmittelbar in Berührung getreten, indem er zweimal bei Missionsfesten der Inneren Mission, 1887 und 1889 auf dem Gleiberg gesprochen hat. Welche Anziehungskraft sein Erscheinen dort auf die Bewohner der Umgegend hatte, berichtet eine Chronik über das Fest am 4. Juli 1887, in der zu lesen ist: „Das Fest
hatte sich einer großen Teilnahme zu erfreuen. An 1500 Personen waren teils zu Fuß, teils per Wagen von allen Seiten herbeigeströmt, so daß die Ortskirche sie nicht alle aufnehmen konnte. So sprechen denn die Festredner zu der im Burghofe, der Gartenumgebung und an den Abhängen harrenden Menge von den Balkons im Burghofe im Freien. Nachdem zuerst Pfarrer D. Naumann aus Gießen auf die Bedeutung des Christentums für alles menschliche Leben und dessen Ordnung hingewiesen und so die Bedeutung der Inneren Mission begründet hatte, nahm Hofprediger Stöcker aus Berlin von der geistlichen Not der Evangelischen in Berlin Veranlassung, besonders auf die Bedeutung der Inneren Mission als der werktätigen, christlichen Liebe als Hilfe für die leibliche und geistige Not im Bereich der Getauften hinzuweisen, eine Hilfe, die er durch packende Beispiele aus Erfahrung erläuterte. Nach einer längeren Pause folgte dann mitten im Burghofe auf einer Rednertribüne unter der Menge eine christlich-soziale Ansprache des Hofpredigers Stöcker über sein Wirken und die bisherigen Erfolge in Berlin, wie in der gesamten evangelischen Kirche."
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