Ausgabe 
7.11.1935
 
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Nr. 26| Diertes ölau

Siegener Anzeiger (General-Anzeiger für (vberheffen)

Donnerstag, 7. November 1955

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Huberiusjagd 1935.

Don alters her ist die Hubertusjagd eine der schönsten Feiern der Jäger und Reiter. Zum Ge­dächtnis des Schutzpatrons der Jäger, des Heiligen Hubertus, der um 709 bis 728 Bischof von Lüttich war, werden alljährlich Anfang November die Hubertusjagden veranstaltet, deren Pflege traditionsgemäß besonders bei den berittenen Trup­penteilen eine Stätte hat.

Wir haben in unserer Garnisonstadt Gießen bisher schon alljährlich die Hubertusjagden erlebt. Veranstalter und Träger waren immer die Garnison und der Reiterverein. Zum ersten Male seit vielen Jahren hat aber die gestrige Hubertusjagd 1935 einen ganz neuen und originellen Charakter er­halten. Dafür bestimmend war einmal die durch

dem Adjutanten der I. Abteilung Art.-Reg. 9. Das berittene Trompeterkorps der Artillerie, das sich kürzlich schon bei dem Einzug unserer Artilleristen in Gießen die herzliche Sympathie der ganzen Gie­ßener Bevölkerung erworben hat, führte das große Feld der Teilnehmer, Offiziere und Unteroffiziere unserer Garnison, sowie die männlichen und weib­lichen Mitglieder des Reitervereins, an. Zahlreiche Teilnehmer trugen den traditionellen roten Rock der Hubertusjagd, dazu die ebenso traditionelle weiße Hose in den Reitstiefeln und die schwarze Kappe. Daneben trat die Uniform der Soldaten stark in den Vordergrund. Es war ein farbenfrohes und inter­essantes Bild, das sich in diesem Zuge vor den Augen der vielen interessierten Zuschauer in den Marschstraßen (von der Artillerie-Kaserne durch die Kaiserallee über den Ludwigsplatz, dann Neuen

Räume des Offiziersheims für die Mendveranstal- tung durchgeführt. Der Charakter des Tages fand dabei überall seinen sinnfälligen Ausdruck.

An der Haustür des Offiziersheims trat diese Eigenart zuerst in Erscheinung: hier mußten die Be­sucher, um in das Haus gelangen zu können, eine kleine Hürde in Gestalt eines Tannenbäum­chens, das quer am Fußboden lag, überschrei­ten; etwa eineinhalb Meter weiter, an der Tür des Windfangs, war eine zweite Hürde, ebenfalls aus Tannen, aufgebaut, die aber so hoch war, daß die Besucher sie überspringen mußten.

In eindrucksvoller Weise wurde sodann in der Vorhalle daran erinnert, daß diejenigen, die freud­volle Stunden verleben, dabei auch die Pflicht haben, derer zu gedenken, die einen schweren Kampf

Das Hecht im Dritten Heich.

Arn Dienstag behandelte im Jungjuristen-Schu» lungslager auf dem Gleiberg

Professor Nr fröhlich

das ThemaDie Gegenwartsbedeutung der deutschen R e ch t s g e s ch i ch t e". Er wies einleitend darauf hin, daß von dem gewaltigen Um­bruch, der sich im politischen und geistigen Leben Deutschlands vollziehe, stärker noch als andere Ge­biete das Recht betroffen werde. Daraus ergebe sich nicht nur die Notwendigkeit -einer vertieften Be­sinnung auf das Wesen des Rechtes und seine Auf­gaben in der Volksgemeinschaft überhaupt, sondern es tauche auch die Frage auf nach der fortdauern-

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ums Dasein führen, und

In sausendem Galopp hinter demFuchs" her.

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Durchmarsch durch Heuchelheim: In der Mitte der Master, Generalleutnant Lüdke; rechts der Kommandeur unserer Artillerie-Abteilung, Haupt­mann Welte; links sein Adjutant Oberleutnant L e n n 6.

Marsch durch Gießen mit der Hundemeute an der Spitze; die Hifthornbläser zu Pferde.

(Aufnahmen [5]: Photo-Pfaff, Gießen.)

Tin weiterer Blick auf die Früystückslafel in der Stallgasse.

getan, die Jagdteilnehmer schon von vornherein in beste Stimmung zu versetzen.

Nach beendetem Frühstück begann pünktlich um 12.30 Uhr von der Artillerie-Kaserne aus der zweite Teil: der A u s m a r s ch z u r I a g d. An der Spitze zog eine Meute von acht Hunden einher, die man aus Göttingen hatte kommen lassen. Dann kamen vier Hifthorn-Bläser im roten Rock. Ihnen folgte der Master des Feldes, Generalleutnant Lüdke, zum ersten Male mit der ihm von der Artillerie-Ab­teilung überreichten Master-Binde Der Divisions- kommaLdeur wurde begleitet vom Kommandeur und

Säue, Sonnenstraße, Kreuzplatz, Seltersiveg, Horst- Wessel-Wall, Rodheimer Straße) zeigte. Das starke Interesse unserer Gießener Volksgenossen war auch dadurch bedingt, daß sich ihnen zum ersten Male nach dem Kriege ein derart schönes und fesselndes Reiter schauspiel darbot.

Unter den Klängen des ArtLerie-Trompeterkorps ging es über Heuchelheim hinaus zum S t e l l d i ch- e in bei A tz b a ch Hier startete unter den Jagd­klängen der Hifthorns! das große Feld. In wilder Fahrt eilte die Meute davon, gefolgt von dem bun­ten Bild der Reiter, lieber Hecken und Gräben ging es hinter den Hunden her. Immer näher kam auf dieser wilden Jagd das schöne Panorama der Stadt Gießen, bis für die Reiter und Reiterinnen kurz vor Schluß der Jagd auf den Heuchelheimer! Wiesen auf der Rodheimer Straße, in der Nähe des' Unteren Hardthofes, einen knappen Stop gab. Die Teilnehmer stellten sich nun zum Rennen um' denFuchsschwanz auf. Unter den Klängen der i Hifthörner gab Generalleutnant Lüdke die Jagd i frei, und in forschem, verwegenem Reiten ging es! dann hinter dem Reiter mit dem Fuchsschwanz her.' Im Offiziersfeld gelang es dem Adjutanten der Ar-1 tillerie-Äbteilung, Oberleutnant L e n n 6, den Fuchs-! schwänz zu greisen Wegen der großen Zahl der in ' der Jagd mitreitenden Unteroffiziere hatte man zwei | Felder gebildet, urtb zwei Fuchsschwänze konnten gegriffen werden; hier waren die erfolgreichen Rei­ter Unteroffizier Thöne, I. Abtlg. Art.-Regt. 9, und Feldwebel Finke, 13. Kompanie Jnf.-Regt. 36.

Dann begrüßten die frohen Klänge des Halali alle Reiter, die gut über die Jagd kamen. Die Meute erhielt ihr Curö, der Master, Generalleut­nant Lüdke, verteilte die mit schwarzweißroten Schleifchen geschmückten Brüche, das Trompeter­korps der Artillerie unter Musikmeister Rohde er­freute durch eine kurze Platzmusik. Dann ritt das Feld die Hubertusritter (Oberleutnant ß e n n 6 und Unteroffizier Thöne von der Artil­lerie, Feldwebel Finke von der Infanterie) vorne bei General Lüdke über dik> Rodheimer Straße zur Stadt zurück, wo ein gemütliches Bei­sammensein im Hotel Schütz den Abschluß der inter­essanten Jagd bildete. Die Jagd ist aus! Das Halali ist verklungen!

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Am Abend vereinigten sich die Teilnehmer der Jagd noch zu einer geselligen Feier in den Räu­men des Offiziersheims in der Zeughauskaserne. So originell und eigenartig wie der Verlauf der Hu­bertusjagd selbst war auch die Ausschmückung der

den Daseinsberechtiguna der einzelnen überkomme­nen rechtswissenschaftlichen Disziplinen. Vor allem gelte das letztere für die rechtsgeschichtlichen Fächer, bei denen eine am Aeußerlichen haftende Auffassung vielleicht am ersten der Annahme zu- neigen könnte, daß ihnen im Hinblick auf die drängenden Aufgaben des Tages keine, oder nur eine geringe Gegenwartsbedeutung beizumessen sei.

Um eine Antwort auf die Frage nach dem Ge- genwartswert der deutschen Rechtsgeschichte zu tinben, unterzog der Vortragende zunächst eine An-

aus dieser Pflicht des Gedenkens die Bereitschaft zur helfenden

T a t erwachsen muß. Deshalb erging in dichterischer Form an alle Besucher die Aufforderung: Spen­det an diesem frohen Abend für die Winterhilfe!

In den Räumen selbst trat der Charakter der Hu­bertusjagd in vielfältiger Weise zu Tage. Vor allem fiel dabei inmitten von Tannengrün und herbstlichen Blätterzweigen ein H i r s ch k o p f mit dem goldenen Kreuz zwischen dem G e -

Nach öer Fuchsjagd. Von rechrs nach ltnks: der Master, Generalleutnant Lüdke; die drei Hubertusritter, die den Fuchsschwanz griffen, Unter­offizier Thöne,!. Abt. Art.-Regt. 9, Oberleutnant und Adjutant Lenns, I. Abt. Art.-Regt. 9; Feldwebel Finke, 13. Komp. Jnf.-Regt. 36; der Kommandeur der I. Abt. Art.-Regt. 9. Hauptmann Welte.

den Einzug unserer Artillerie-Abteilung vergrößerte Garnison, zum anderen die interessante Eigenart der Durchführung der Jagd.

Der erste Teil des Geschehens wickelte sich in unserer schönen Artillerie-Kaserne und zwar in einer Stall ga He ab. Dort trafen sich die Jagdteilnehmer um 11.15 Uhr zu einem Früh­stück auf der Stallgasse des Stabsstalles. Mit vielen Sprüchen und geschmackvollen Silhouetten ge­schmückt bot dieses Heim der Stabspferde das Bild eines vorbildlich, mit Liebe und Sorgfalt gepfleg­ten Stalles, wie man es so leicht wohl nicht wieder finden wird. In der Mitte der Stallgasse stand ein langer Tisch, die Pferde standen entgegen dem üblichen militärischen Dienstgebrauch mit den Köpfen zur Stallgasse angebunden und blickten so dem fröhlichen Treiben zu, das sich in der Stall- aasse abspielte. Die Jagdteilnehmer saßen auf Armeesätteln, die auf Schemeln lagen, und ver­zehrten gemeinsam in fröhlicher Stimmung das Frühstück der Hubertusjagd: Linsen­suppe mit Würstchen. Das Essen wurde von jungen Rekruten in Drillichanzügen gereicht, die Brötchen wurden in Futterschwingen angeboten. Jeder neue Gast wurde begrüßt durch die Jagd­klänge der Hifthorn-Bläser, Die im roten Rock am Stalleingang standen. Die ganze Aufmachung, für die bewährte Kräfte des Artillerie-Offizierskorps verantwortlich zeichneten, war so recht dazu an­

zahl wichtiger zugleich für das Rechtsleben der Gegenwart bedeutsamer Einzelprobleme an der Hand der Ergebnisse der neueren rechtsgeschichtlichen Forschung einer Betrachtung. Er behandelte dabei die Frage der Entstehung des Privateigentums und der Stellung des Geschlechtsältesten im germanischen Recht, die Frage der Bedeutung der germanischen Todesstrafen und die des Verhältnisses zwischen römischem und deutschem Recht.

Bei einem Rückblick auf die Wege, die die deutsche rechtsgeschichtliche Forschung in bezug auf die be­handelten Fragen eingeschlagen, und auf die Er­gebnisse, die sie erzielt hat, zeigte sich, daß hier von der Wissenschaft eine Arbeit geleistet sei, die im be­sonderen Maße solchen Erscheinungen gelte, die als tragende Pfeiler der künftigen Rechtsentwicklung in Betracht kämen. Die Erörterungen über die Ent­stehung des Sondereigentums und die Stellung des Geschlechtsälteften lenkten den Blick mit Notwendig­keit auf das neubelebte Anerbenrecht, die Ausbil­dung einer Jndioidualfukzeffion in ein Erbgut be­stimmten Charakters. Es ergebe sich, daß unsere Erbhöfe anknüpften an germanische Einrichtungen von universaler Bedeutung, die später allerdings zum Verblassen gekommen seien, daß das Reichs­erbhofgesetz daher in einem tieferen Sinn, als man gemeinhin annehme, Recht habe ir feinem Dor» sprach, wenn es hier von der Sicherung alter deut­scher Erbsitte rede. Gehöre das, was soeben bemerkt j wurde, in den ZusammenhangBlut und Boden", ! so drehe es sich bei dem was wir jetzt über die ur­sprüngliche Natur der germanischen Todesstrafen wissen, um das ProblemRasse und Recht". Es trete uns hier der Gedanke entgegen, daß entartete Geschöpfe als dem Volksganzen schädlich auszu- merzen seien, daß also schon sehr früh bei unfern Vorfahren der Trieb nach Reinhaltung der Rasse lebendig gewesen und zur Anerkennung im Rechts­leben gelangt sei. Und für die Beurteilung des Re­zeptionsoorganges, auf dem ja ein großer Teil unseres heutigen Rechtselendes beruhe, werde natür­lich ein ganz anderer Standpunkt gewonnen, wenn wenn nicht von der früher häufiger begegnenden Ueberberoertung des römischen Rechtes ausgegangen werde, sondern wenn auch die Momente Berück­sichtigung fänden, die dem deutschen Recht auf Grund der neueren Forschung eine gesteigerte Be­deutung nach Ausdehnungsbereich und Gehalt zu« mäßen.

weih (das goldene Kreuz war durch elektrische Fadenbeleuchtung im Innern des Kreuzes wirkungs­voll gestaltet) auf, der an die Sage erinnerte, daß der Schutzpatron der Jägerei, Hubertus, an einem Feiertage beim Jagen einem Hirsch mit einem goldenen Kreuz zwischen dem Geweih begeg­net und dadurch zur Buße geführt worden sei. Die Räume zeigten auch im übrigen viele Anklänge an den Inhalt des Tages. So 'waren z. B. auf sämt­lichen Tischen kleine Nachbildungen von Hürden, wie man sie auf den Rennbahnen in Gestalt von Stangen-, Hecken-, Mauerwerk- usw. Hindernissen sieht, aufgestellt, jede dieser kleinen Mi­niatur-Hindernisse rechts mit dem für die Renn­bahn geltenden kleinen roten Wimpel, links mit dem kleinen weißen Wimpel geschmückt; dabei war jede Tischdekoration in sich gestaltet und mit gutem Ge­schmack hergerichtet. Es zeigte sich auch hlerbei, daß kundige und erfahrene Kräfte diesen reizvollen Aus­klang der Hubertusjagd fachmännisch vorbereitet hatten.

Das Hubertusfrühstück in der Stallgasse. Im Vordergrund (rechts sitzend, beim Aufgeben der Suppe) Generalleutnant Lüdke; ihm gegenüber (im Vordergrund sitzend) Hauptmann Welte.