Ausgabe 
7.11.1935
 
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vollkommen ungerechtfertigte Dorwurfe gemacht mit dem Hinweis, daß er die Ware zuruckhalten wurde. Es mutz deshalb betont werden, daß die Verknap- puna an Schweinen und Schmalz nur vorüber­gehend ist, und datz in kurzer Zeit mit einer Bes­serung der Versorgungslage an Schweinen zu rech­nen ist. Vom kaufenden Publikum aber ist zu ver­langen, daß die notwendige Disziplin gewahrt wird und nicht die Verteiler (Metzger) als die Schuldigen hingestellt werden. Im Zuge der Marktordnung werden die vorhandenen Schweinebestände anteil­mäßig auf die einzelnen Betriebe verteilt bzw. kon­tingentiert, so daß eine vollkommen gerechte Ver­teilung nach dem derzeitigen Schweinebestand in­nerhalb der einzelnen Gebiete erfolgt

Oer Milchpreis

im Winterhalbjahr 1935/36.

LPD. Die Pressestelle der Landesbauernschaft Hessen-Nassau teilt mit: Wie im letzten Jahre, fin­det auch in diesem Herbst und Winter in den Werk- milchgebieten des Milchwirtschaftsoerbandes Hessen eine Milchpreisstützung aus den für diesen Zweck zu Gebote stehenden Ausgleichsmitteln statt. Die Ausschüttung erfolgt mit Wirkung vom Monat No­vember, ihre Höhe richtet sich nach den jeweiligen örtlichen Verhältnissen. Das bedeutet also, daß der Auszahlungspreis, welchen der an eine Molkerei liefernde Erzeuger erhält, eine Erhöhung erfahrt. Es liegt daher im eigenen Interesse der Erzeuger, alle auf dem Hof nicht verwertbare Mich restlos in die Molkerei zur Ablieferung zu bringen. Sie Win- terstützung ist selbstverständlich nur für dieiemgen Erzeuger gedacht, die ständig ihren Lieferpflichten nachgekommen sind und nicht die Milch zur Land­butterherstellung zwecks Weiterverkauf zuruckbehal- ten haben. Es sollen also durch die Winterstutzung diejenigen Erzeuger belohnt werden, die im In­teresse der Sicherstellung unserer Fettversorgung die Maßnahmen des Reichsnährstandes unterstützen und in jeder Weise ihre Pflicht tun.

Gerechte Butterverteilung an den Verbraucher.

LPD. Sie Pressestelle der Landesbauernschaft Hessen-Nassau teilt mit: Surch die kürzlich ver­öffentlichte Anordnung der für die Butterversor­gung zuständigen Stellen ist den Molkereien und Großoerteilern vom 1. November ab aufgegeben worden, ihre Abnehmer nach Maßgabe der im August erhaltenen Buttermengen zu beliefern. Eine Abgabe an Kunden, die im August keine Butter erhielten, darf auch jetzt nicht erfolgen. Mit dieser Anordnung ist dafür gesorgt, daß die Abgabe der Butter an den Verbraucher künftig ebenfalls in gerechter Weise erfolgen kann. Ser Kleinhändler weih jetzt, daß er Ware vom Großverteiler erhält, und er kann daher die auf ihn entfallende Menge prozentual an seine Stammkundschaft verkaufen. Diese Verteilung an die Stammkunden wird noch dadurch gesichert, daß der Kleinhandel die Ware für seine Abnehmer jetzt vorbereiten und verpackt aufbewahren darf, so daß jeder Verbraucher die Gewähr hat, entsprechend seiner bisherigen Butterabnahme von seinem Kleinhändler versorgt zu werden. Damit wird die Verteilung der zur Verfügung stehenden Menge an die Verbraucher in nächster Zeit in befriedigender Weise vor sich gehen.

Anordnung des Landesjägenneisters für Hessen.

LPD. Ser Landesjägermeister für das Land Hessen, Reichsstatthalter Sprenger, erläßt fol­gende Anordnung:

Im Hinblick auf unsere Aufgabe, einen arten­reichen, kräftigen und gesunden Wildstand heranzu­ziehen, der zugleich die Bedürfnisse der Landes- tuliur berücksichtigt, haben sämtliche Jaadausübungs- berechtigten Die Verpflichtung, den für oas Jagdjahr 1935 festgesetzten Abschuß zu erfüllen. Ich erwarte, daß jeder hessische Jäger dieser Verpflichtung um so freudiger nach^omrnt, als er dadurch seine Opfer­willigkeit, zürn' Gelingen des Winterhilfswerks bei- zutragen, unter Beweis stellen kann. Ich behalte mir vor, für diejenigen Jagdbezirke, in denen der festgesetzte Abschuß an weiblichem Schalenwild nicht erfüllt wird, im Jagdjahr 1936 den Abschuß an

Toctsckeitt - - Reife - - SUkeeUtii:

Körting-Kadio

Helft dem WHW!

Aus der Nede des Führers zur Eröffnung des Winterhilföwerts 1935/36

Und wenn der andere wieder sagt: Aber wissen Sie, dieser Lintopfsonntag, ich würde ja gern etwas geben, aber mein Magen, mein Magen macht sowieso dauernd Schwierigkeiten, ich verstehe das nicht, ich gebe auch so 10 Pfennig ber. Hein, mein lieber Freund! Wir haben das alles mit Ab­sicht eingesetzt! Nicht nur, daß dieser Lintopfsonntag ungefähr 30 Millionen Mark eingebracht hat und du gar nicht ausrechnen kannst, wieviel Millionen Menschen wir damit ein warmes Mittagessen geben konnten, wieviel Millionen wir so erhalten konnten. Das verstehst du vielleicht nicht, mein Volksgenosse, aber das können wir sagen, gerade dir, der du das nicht verstehst, ist es nützlich, wenn wir dich auf

diese Weise wenigstens einmal zu deinem Volk zurückführen, zu Millionen deiner Volksgenossen, die glücklich wären, wenn sie nur den ganzen Win­ter über das Eintopfgericht hätten, das du, viel­leicht im Monat einmal, zu dir nimmst. Dir haben das mit Absicht getan und werden nie davon lassen. 3m Gegenteil, wir sind der Ueberzeugung, daß dieser Tag ein Ehrentag der deutschen Nation ist, und daß der, der sich davon drückt, ein charakter­loser Schädling ist an unserem Volk."

Deutscher, Hetzer« ge die Worte des Führers am 10. November!

erfrischend lachen wollt, wenn ich wieder einmal den Geruch von Erde, kräftiger, ja safttger Heimatluft spüren wollt, Dann besucht am kommenden Sonn­tag um 15 Uhr .Holzappel". Sie Preise der Platze sind niedrig (von 0,30 RM. bis 1,50 RM), alfo für jeden erschwinglich. Wir haben dieses Stuck ausgesucht, weil es in seiner Volks- und Naturnahe, in seinem urwüchsigen Humor tatsächlich einzigartig dasteht.

Deutsche ArbeüSfront.

Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung in der kreiswaltung Gießen.

Sie neuen W i n t e r b i l d u n g s p l ä n e der Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung in der DAF. sind erschienen und können von den Angehörigen aller Berufsgruppen in der Ge­schäftsstelle Gießen, Lonystrafee 18, Zimmer 10, oder Schanzenstraße 18, Dorderbau, Zimmer 7, ern- gesehen bzw. in Empfang genommen werden.

Sportamt »Kraft durch Freude".

heute folgende Kurse:

Entgiftungsdienst.

Lufigefahr!

Die Zivilbevölkerung hat den Schutzkeller auf- gesucht. Die Luftschutzhauswarte sind auf ihrem Posten, bereit, ausbrechende Brände im Keime zu ersticken und gegebenenfalls Hilfe herbeizuführen. Feuerwehr, Sanitäter sind in Alarmbereitschaft. Auf den Luftschutzrevieren herrscht fieberhafte Tä­tigkeit. Während draußen die Bomben krachen und das Abwehrfeuer der Flakbatterien gellt, laufen hier die Meldungen zusammen, werden von hier alle die Maßnahmen angeordnet, die zum Schutz von Leben und Eigentum durch die zivilen Luft­schutzorganisationen durchgeführt werden. Hier hat eine Brandbombe einen Brand verursacht, der durch die Hausfeuerwehr nicht zu löschen ist, dort droht durch die Wirkung einer Sprengbombe der Ein­sturz eines Gebäudes, an einer anderen Stelle ist der Zugang zum Luftschutzkeller verschüttet und muß freigelegt werden. Sanitätsmannschaften wer­den angefordert für Verletzte oder Gasvergiftete. Wasserleitungen und Gasleitungen sind beschädigt und müssen umgehend in Stand gesetzt werden. Auch Meldungen über den Abwurf von Kampf­stoffbomben laufen ein und müssen durch aus- gesandte Gasspürer auf ihre Richtigkeit geprüft werden. Haben sie die Verwendung chemischer Kampfstoffe festgestellt und ist aus den von ihnen mitgebrachten Proben durch besondere Unter­suchungsstellen festgestellt worden, um welche Stoffe es sich handelt, bann tritt an den Leiter des Luft­schutzreviers die Frage heran, ob ber betreffenbe Straßenbezirk, bas vergiftete Gebäube usw. zu ent­giften sinb. Muß biese Frage bejaht werben, so beauftragt bie örtliche Luftschutzleitung ben Ent­

giftungstrupp mit ber Durchführung ber er» forderlichen Maßnahmen. Diese müssen heenbet sein, ehe bas betreffenbe Gebiet für ben Verkehr ber Bevölkerung freigegeben werben kann.

3n Gießen findet am Freilagnachmittag eine Vorführung des Entgiftungs­trupps statt, die der Oeffentlichkeit zugäng­lich gemach! wird.

Näheres wirb in ber Zeitung noch bekanntgemacht. Es wirb dabei bie Entgiftung einer Straßenfläche unb bie Entgiftung einer Hauswanb gegeigt. Die Ausbildung der Mannschaften ist dis zu einem ge­wissen Abschluß gediehen. Regelmäßig wiederkeh- renbe Hebungen werben biese Ausbilbung vertiefen unb erweitern.

Als (Blieb bes Sicherheit^ unb Hilfsdienstes will ber Entgiftungsbienst im Rahmen bes zivilen Luft­schutzes bie Gefahren, bie ber Bevölkerung bei einem feinblichen Luftangriff brohen können, an feinem Teil bekämpfen unb burch geeignete Maßnahmen unwirksam machen.

Oeffentliche lletzung des Entgiftungs­trupps im zivilen Luftschutz

Am Freitag, 8. November, um 14 Uhr, findet auf bem stäbtischen Lagerplatz an ber Lahn, vor ber Lahnbrücke rechts, eine öffentliche Hebung bes Ent­giftungstrupps im zivilen Luftschutz statt, wozu bie Einwohner der Stadt Gießen eingelaben werden.

1 Meusel.

guten Hirschen unb jagdbaren Böcken in gewissem Umfange zu kürzen.

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Ein Dealer" Gatte". Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr in der Neuen Aula Lichtbildervortrag Abessinien". Oberhessischer Kunstverein, Turm­haus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr Ausstellung friesischer Maler der Gegenwart, Kleintierplastik von LNy König.

Anrechnung von GA.-Oienstzeit bei Angestellten.

Der Reichsminister der Finanzen teilte mit: Zeiten ber Erwerbslosigkeit, während ber ein Angestellter gegen Entgelt ober Naturalbezüge auf ben Ge­schäftszimmern der SA - usw. Verbände Dienst leistete, sind bei ber Ermittlung bes Grunbvergü- tungssatzes nach Vorbemerkung I Ziffer 6 ober 8 ber Anlage 2 zur RAT. bann zu berücksichtigen, wenn der Betreffende neben seinem Entgelt keine Arbeitslosen- oder Wohlfahrtsunterstützung bezog.

In einem solchen Falle kann angenommen werden, daß ein Arbeitsverhältnis vorlag. Meiner Zustim­mung bedarf es bann nicht.

M < Die deutsche Arbeitsfront Wy n. Y.-0emesWt2ttfiraft durch freu6c"

Achtung!

Eine besondere Heberraschung wird am kommen­den Sonntag die Aufführung des lustigen Volks- stückesHolzappel" von H. A. Weber insofern werden, als außer dem Dichter, ber an biefer Aus­führung teilnimmt, auch bas Urbilb bes Gastwirts Zum golöenen Ochsen", ber Gastwirt Lenne­mann aus Holzappel an ber Lahn, an ber Auf­führung teHnimmt. Herr Hennemann, ber von der NSG.Kraft durch Freude" ebenso wie der Po­lizeidiener Kuhn, für diese Vorstellung herzlichst eingeladen wurde, wird mitten unter den Besuchern sitzen wir wollen doch einmal sehen, ob er und von wem er erkannt wird. Ja, auch der Polizei­diener Kuhn lebt in Wirklichkeit als Polizeidiener gleichen Namens in Holzappel.

| Arbeitskameraden, wenn ihr wirklich einmal herz-

Allgem. Körperschule, für Fr a u e n unb Männer. Von 16 bis 17.30, Hmversitäts- fportplatz.

Fröhl. Gymnastik und Spiele, nur für Frauen. Von 2021 unb 2122 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.

Reiten. Von 2122 Hhr, Reitschule Sckornbs.

Modenschau im Eafs Amend.

Die Deutsche Mobe-, Jnbustrie- und Marken­artikel-Werbung (Leitung: E. L a n g e n - Köln) ver­anstaltet in biefen Tagen im Cafe Amend Mode­schauen, wie sie von gleichen früheren Deranstal- tungen her in Erinnerung sind. Die gegenwärtige Modenschau ist den Schöpfungen für ben Winter gewibmet, sie bringt Darüber hinaus aber eine Fülle von Kleidungsstücken für alle Gelegenheiten. In sinnvoller Folge spiegelte sich Der Tagesablauf in Den vorgeführten KleiDungsstücken.

Den Auftakt ber Vorführungen bildeten Mor- genkleiber, bie in ihrer dezenten Verarbeitung fast Durchweg sehr angenehm überraschten. Bevor­zugt war Die schwarze Farbe als GrunDton, belebt durch Spitzen unD zarte Farben. Die phantasie- vollen Schöpfungen, Die viel Geschmack verrieten» lösten große FreuDe aus. Lebhaftes praktisches Interesse forDerten Die zahlreichen gestrickten Pu­llover heraus, nach Schnitten angefertigt, von jeDermann zu arbeiten, wie auch Die StrickkleiDer, Die Durch ihre klaren Linien, Durch Die zurückge­haltenen Farben unb ihre sichtlich gute und beste Qualität bestachen. Der weitere Verlauf der Vor­führungen brachte in Anbetracht Des Winters vor Der Tür zahlreiche KleiDungsstücke mit Pelz verbrämt in vielfältiger Verarbeitung und in interessantesten AbwanDlungen der Formen. Im Mittelpunkt Der Veranstaltung ftanD Die Vorfüh­rung einer stattlichen Anzahl Haus- unD Nachmit- tagskleiDer aus Wolle, in so klaren Formen und Farben, in reicher Vielfalt Der VerwenDung deko- ratioer Elemente, Daß es schwer fiel, nicht begeistert zu sein. In angenehmen Steigerungen waren hier Der jugendliche Charakter, Der sportliche Zug be­tont, an anDeren wieder jene feine Würde, die die reifere Frau auch in der Kleidung auszeichnen soll. Höhepunkte des Abends bildeten die Vorfüh- rungen der Abendkleider. Glänzende Kunstseide in lichten Farben herrschte vor, auch sah man ganze Kleider aus Dresdener Webspitzen, manches Gesell­schaftskleid in Verbindung mit Dem Dokorativen Hmhang, fast jede der Schöpfungen in Verbindung mit Blumen und dezentem Schmuck aus edlen Metallen und feinen halbedlen Steinen. Manches der Kleider fand lebhaften Beifall.

Neben der Werbung für das Kleid, die Bluse, ben Rock, ben Mantel, ben Pelz usw. brachte Die Schau auch Hinweise auf Qualitätswaschmittel, auf Haarpflegemittel, auf Nähmaschinen Deutscher Wert­arbeit, auf Schutzmittel gegen Motten, Werbung

DerVogel,der nicht fliegenkonnte

Don Hans Franke.

In der kurfürstlichen Leibgarde zu München diente unter Dem Kurfürsten. Max Joseph Dem Dritten ein seltsamer, bescheidener und eigenbrödlerischer Mann, Den man allgemein Den Gallmeyer nannte. Der Name aber kam nicht etwa Daher, Daß ber kleine in sich gekehrte Mensch bitter wie eine Galle ge­wesen wäre, seinen Mitmenschen ein Hebel unb Aer- gernis, sondern er hieß tatsächlich Gallmeyer oder auch Gallermeyer unb war ber Sohn eines armen Schuhmachers aus Essing bei Kehlheim. Dort war er, ber Gallmeyer, besten Vornamen niemanb kannte, 1716 geboren worben. Seinen Vornamen hatte er im Lause ber Zeit, bis er mit etwa fünfzig Jahren kurfürstlicher Hofmaschinist war, verloren, auch sonst war seine Herkunft unb sein Lebensweg von ihm abgeglitten, niemand kannte etwas von ihm, er war der Gallmeyer: als den freilich wußte man um ihn im Heer, in der Residenz und unter ben Männern, bie mit klugen Einfällen unb spitzen Ge- danken sich Der Mechanik und Erfinderei ergeben hatten, jene Traumhelden und Weltverbesserer, Denen wir eines Tages immer roieDer eine große und bahnbrechende Erfindung verdanken.

Unter Denen freilich war Der Gallmeyer König: denn Die Reihe seiner ErfinDungen wies viele und seltsame, klug ertüftelte Dinge auf, Die ihnen allen geläufig waren. Da gab es- und Baumaschinen aller Art, Da war ein von selbst laufender Wagen, Da waren kunstvolle Schubladen, die nur auf ge­heime Federn hin und unter recht schwierigen Grif­fen sich auftaten, da waren im Heere Schienen für die Blessierten und künstliche Glieder für die Am- putierten, da standen zur Schau die Maschinen zur Trockenlegung von Sümpfen und Mooren. Wer hätte es fertiggebracht, solche Dinge zu ersinnen, die in der Tat auch brauchbar waren, keine phantasti­schen Wunder auf schönem Papier, sondern rechte habhafte Werkstücke, an denen man seine Freude haben und mit denen man schaffen unb handlangen konnte. Als Gallmeyer im Jahre 1763 jene aus Holz gedrehte, mit Messing überzogene Feldschlange konstruierte, welche durch Luft getrieben, aber den­noch mit einer Kartätsche geloben würbe unb dicke Eichenbohlen durchschlug Da war der Ruf Gall- mepers gefestet unb damals geschah es, daß er Hof- mechanikus und Hofmaschinist wurde.

Aber da war Gallmeyer schon Der stille in sich ge­kehrte Mann, ber menschenscheue Sinnierer und Bastler geworben, der meist in seiner Werkstatt saß, über seine Reißbretter und Zeichnungen gebeugt,

die ihm zu lebendigem Leben wurden. Unb war boch auch einst ein junger lebfrischer Kerl gewesen, ber seine schrulligen Einfälle nur so nebenhin be­trieb, nicht so ernst nahm, um darauf ein Leben zu erbauen, nicht so wichtig, eine Menschheit damit zu Bewunderung oder gar Neid zu bringen. Da war auch fein linkes Auge noch nicht so zusammenge­kniffen und das rechte groß und stark, weil er darein den scharfen Kristall klemmte, mit Dem er bei Tag unD Nacht in Die Gehäuse schaute, in Denen sich FeDern spannten unD kleine RäDer liefen.

Zu Der Zeit war es noch lustig auf der Welt und lustig im Herzen Gallmeyers. Da baute er Uhren von Holz mit beweglichen Planeten und vielen Fi­guren, Wunderuhren wie jene von Habrecht am Münster zu Straßburg oder am Rathaus zu Heil­bronn; oder kleine Automaten, selbstbewegliche Fi­guren, die tanzten und geigten oder ein wenig an­dere Musik machten, um dann mit einem Ruck wie­der zu erstarren. Damals geschah es auch, daß Gallmeyer, der seiner Gesellenstelle bei einem Uhr­macher entronnen war und sich selbst eine kleine Werkstatt eingerichtet hatte, ein Mädchen liebte und daß er sehr glücklich war. Es war die Gertraudis, eines wohlhabenden Bauern Tochter, der am Lehen fein Tagewerk hatte, wo man Das Mädchen schreiten und schaffen sehen konnte, hochwüchsig und mit dunklen Haaren; beim Mähen half sie dort oder beim Einfahren Der goldenen Frucht. Wenn Gall­meyer geraDe aufschaute, Dann sah er Durch Das Laubwerk Des kleinen Gartens Diese FelDer unD hörte in Den Büschen Die Drossel fingen und aus Der Luft Die Lerchen unD sah Den Storch fliegen zur Niederung am Bache unD wußte, Daß auch die Geliebte ihm nachschauen würde. Doch weil nun der Gertraudis Vater wohlgefüllte Truhen und Kasten hatte, der Gallmeyer aber ein Gewerbe betrieb. Das Den Bauern verächtlich oorkam und über das sie spotteten, so war kein glückliches Zeichen über diesem Bunde, und wenn sich Die LiebenDen trafen, mußte es heimlich geschehen.

So faßte Gallmeyer Den Entschluß, ein Werk zu schaffen wie es noch keinem jemals gelungen war, mit Dem wollte er berühmt unD so reich werden, Daß er auch Den trotzigen Bauern überwand unD seine Tochter gewann: es sollte lieblich sein unD also zu feiner Geliebten reDen, aber es sollte auch einmalig und recht erstaunlich sein, so daß alle Welt es bewundern und bestaunen würde. Als sich der Gedanke in Gallmeyers Hirn festgesogen hatte, sagte er Der Gertraudis Ade; wiederkommen wolle er, wenn er groß und reich geworden sei, sie möge nur warten, und sie versprach es. Er verließ die Gegend und mietete sich in der Residenz ein Stübchen. Hier saß er nun emsig schaffend, das Glas in das Auge

geklemmt oder mit einem Schirm vor beiden Augen, wenn er zeichnete, Die winzigen Schrauben schliff oder Die hauchdünnen Drähte spann und das Werk ineinander fügte. Ja, einen singenden und fliegen­den Vogel wollte er machen, klein und zierlich sollte er sein, aber er sollte sich vom Boden emporheben, mit Den Dünnen Flügeln schlügen, eine,* kleinen Ge­sang anstimmen unD sich roieDer langsam zur Erde senken. Das war Das Geschenk, Das er sich ersonnen hatte; Das hatte man noch nirgends gesehen; wohl gab es Getier, Das sich hüpfend bewegte, aber einen Vogel, Der frei fliegen konnte unD Dabei fang, nur Durch Die Kunst Der Mechanik getrieben Das hatte noch niemanD vollbracht!

Tag unD Nacht faß Gallmeyer über diesem Plane und suchte, daß Das WunDer Gestalt roerDe. In Dem kleinen stählernen Leib mußte er alles ansieDeln, was notroenDig war, und er sah nun erst klar, welch ein Meister doch Gottvater war, daß er in Dem kleinen Körper eines Vogels soviele Dinge und Werke in eines gefügt hatte, daß die schwebenden Wunder von Flug und Gesang beieinander wohn­ten, daß alles aufging und sich ergänzte zu vollende­ter Harmonie. Eine Feder mußte hinein, die alles hielt und antrieb und die von sich aus Die vielen anderen kleinen Federn trieb und jenes Werklein anfeuerte, das für sich den Gesang heroorbrachte: welch eine Fülle zierlichster Griffe und Schrauben! Welch eine Mühsal Des Rechnens und Fügens! Aber Gallmeyer verzweifelte nicht.

Draußen gingen Tage und Wochen, draußen gin­gen Monate und Jahre. Immer stiller wurde es um Gallmeyer und immer stiller in ihm. Wie in einem Sarge faß er, wie in einem Gehäuse lebte er, nur dem einen Gedanken dienend und dem einen Plane; aber so sehr er sann, so sehr sich die Falten in seiner Stirne vertiefen: wohl fang der Pogel, aber er flog nicht! Hüpfend sprang er auf, aber schwer fiel er nieder, die Erdkraft riß ihn immer von neuem herab. Die Erd kraft war es, die auch des Gallmeyers Plan hinabriß in die kalte nüch­terne Welt: es sollte nicht werden fo wußte er am Ende des vierten Jahres, während welchem er gesonnen und gesonnen hatte, ein Einsiedler und mürrischer Mann, der dieses Stübchen als frischer Bursche betreten hatte.

Wenn aber ein Himmelstraum uns zerrinnt, und wir sehen, daß göttliche Werke unseren Händen zu schaffen nicht möglich sind, dann ist wohl eine große Qual in uns und wir kriechen in uns zurück und machen unseren Schmerz zu unserer Wohnung, nur um allein zu sein. Der Jungfrau und Geliebten wollte der Mann, Dem Der Traum zerbrach, nicht mehr nahen, Die zarten heiteren Dinge waren ihm verleidet: kein geigenDer Mann oder schwebender

Engel, keine kunstvolle Hhr mehr entliefe er fortan: er machte sich an Die praktischen Dinge, Die feinen Namen berühmt werben ließen und nur im Traum dachte er jenes schwebenden und frei fliegenden Vogels, der zwitscherte und fang; und wußte, daß es das Traumbild feiner Sehnsucht it, Dem er nachhing ...

0er Schauspieler vor der Himmelstür.

In Den Jahren 1824 bis 1844 wirkte am König» stüDtischen Theater in Berlin Der Schauspieler FrieDrich Beckmann, Der in Der von ihm selbst geschaffenen Figur Des Eckenstehers Nante feinen größten Erfolg hatte. Als er später am Burg­theater in Wien wirkte, rühmte ihm Laube nach, daß seine Komik Darum so frisch-natürlich und immer zündend wirke, weil sieeinen Funken Geist" in sich berge. Dies bewies Beckmann auch eines Tages, als er in luftiger Gesellschaft von seinem Kollegen Pohl aufgefordert wurde, einige Witze zu erzählen. Zunächst versuchte sich Beckmann Diesem Ersuchen zu entziehen und gebrauchte viele Ausflüchte. Er sagte, er fei nicht in Stimmung unb habe auch keinen rechten Witz vorrätig, Der unter seinen Kollegen, Die befonDers kritisch seien, be­stehen könne. Dann aber liefe er sich erweichen unb erklärte sich bereit, etwas zu erzählen; allerdings handle es sich nur um einen Traum, Den er in vergangener Nacht gehabt habe. Pohl Drängte ihn, weiter keine HmstänDe zu machen und endlich mit seiner Erzählung zu beginnen; mit einem nach­denklichen Blick auf ben Kollegen begann Beckmann: Mir träumte nämlich, ich fei gestorben und an die Himmelspforte gekommen. Bei meinem Anpochen erschien Petrus und fragte mich, was ich wolle und wer ich sei. Ich antwortete:Ich bin der Schau­spieler Beckmann unD will in den Himmel." Petrus zuckte Die Achseln und sagte:Tut mir leid, aber Schauspieler Darf ich nicht in Den Himmel ein» lassen." Damit verschlafe er Die Pforte unD liefe mich stehen. Ich mufete wohl ober übel roieDer fort geh en unD legte mich ruhig in mein Grab. Nach einigen Tagen erzählte mir ein Toter, Den sie neben mich legten, mein Kollege Pohl fei ebenfalls gestorben und in Den Himmel gekommen. Darüber entrüstet, ftanD ich auf, flog noch einmal zur Himmelspforte, klopfte Petrus heraus unD fragte ihn, tief beleidigt über Die Zurücksetzung, warum er Denn mich nicht eingelassen habe, da Doch Der Schauspieler Pohl hineingeDurst hätte.Lieber Mann", antwortete Petrus und klopfte mich auf Die Schulter,be­ruhigen Sie sich, Pohl ist nie ein Schauspieler ge­wesen!"