Der neue Memellandtag tritt zusammen.
Oie Volksvertretung fordert von Litauen Wiederherstellung
Die erste Sitzung des neugewählten memellän- bischen Landtags war eine einzige Abrechnung mit der litauischen Gewaltherrschaft: sachlich im Inhalt, bestimmt in der Form. Kein Wort ist zuviel in der Erklärung des Landespräsidenten, des Sprechers der memelländischen Volksgemeinschaft, aber jeder Satz bildet eine Anklage für sich. Lang ist die Liste der berechtigten Beschwerden über die Eingriffe des Gouverneurs in die Rechte des Parlaments, über die endlosen Verletzungen des Memelstatuts und die Ausschaltung des Willens der memelländischen Bevölkerung.
Cs ist schon verständlich, daß der G o u v e r - n e u r gleich nach der Eröffnung des Landtages mit dem zurückgetretenen Direktor Bruvelaitis den Sitzungssaal verlies, um sich der peinlichen Situation zu entziehen, die Rolle des Angeklagten übernehmen zu müssen. Seine mit mehr oder minder offenen Gehässigkeiten, Verdrehungen und Verhöhnungen gespickte Eröffnungsrede läßt übrigens erkennen, wie wenig Neigung im litauischen Lager vorhanden ist, die Atmosphäre von neuen Spannungen frei zu halten, damit dem Willen des Landtages Rechnung getragen und der ge- setzmäßige Zustand wieder hergestellt werden kann.
Aber die Litauer können es nicht lassen, neue Verstimmungen heraufzubeschwören, so mit der Behauptung des Gouverneurs Kurkauskas, daß ein Hand-in-Hand-Arbeiten zugunsten der Landwirtschaft zu erzielen gewesen wäre, „wenn der vierte memelländische Landtag nicht abseits g e- standen hätte" Das ist eine Geschichtsfälschung, wie sie schlimmer nicht zu denken ist. Der Landtag war stets ehrlich bemüht, mit Litauen zusammenzuarbeiten, wie er auch jetzt durch seinen Eid eine umfassende Loyalitätserklärung abgegeben hat. Doch der Gouverneur war es, der seine litauischen Abgeordneten so einexerzierte, daß jede Beschlußfähigkeit unmöglich und damit jede ersprießliche Arbeit ausgeschlossen wurde, ganz abgesehen von den litauischen Eingriffen in die Selbstverwaltung, die ohnehin schon jede praktische Zusammenarbeit einer schweren Belastungsprobe aussetzten.
Welcher Geist noch heute auf der litauischen Seite herrscht, geht auch aus der Redewendung von dem „fremden Einfluß" hervor, mit der man sich offensichtlich eine Plattform zur Verteidigung künftiger litauischer Verstöße gegen das Memelstarut schaffen will. Die höchst abwegigen Bemerkungen des Gouverneurs mögen aber im Interesse der Sache selbst dahinqehen. Jetzt geht es darum, daß Litauen die alten Bahnen verläßt und sich wieder durch Aufhebung aller Verordnungen und Gesetze, die in der Zwischenzeit erlassen wurden, zum Memel st atut bekennt. Kowno ist also am Zug. Warten wir ab, wie sich Litauen nun, nachdem es an der Memel eine so furchtbare Wahlniederlage erlitten hat, verhalten wird.
Die S tzung.
Memel, 6 Nov. (DNB.) Der neugewählte Memelländische Landtag trat am Mittwoch zum ersten Male zusammen Schon lange vor Beginn der Sitzung war der etwa 100 Personen fassende, Zuschauerraum des kleinen Stadtverordneten-' Sitzungssaales überfüllt. Die Abgeordneten^ der Einheitsliste füllen das Plenum, und nur ganz hinten rechts in einer Ecke sitzen die t fünf litauischenAbgeordneten, die unter I der erdrückenden Mehrheit der Einheitsliste völlig ' verschwinden. Das Diplomatische Korps ist nur, durch die Vertreter des deutschen Generalkonsulats und durch die Konsuln von Sowjetrußland, Lettland; und Norwegen vertreten. Von den Signatar-^ m ä ch t en sieht man keinen Beobachter. '
Oer Gouverneur des Memelgebietes erinnerte die Abgeordneten an die Richtlinien, die sie einzuhalten hätten. Das Wohlergehen des Memelgebietes hänge mit dem des litauischen Gesamt- taates zusammen. Die allgemeine landwirt - chaftliche Krise treffe das Memelgebiet am chwersten. Die Zentralregierung habe schon Maßnahmen getroffen, die auch einzelnen Teilen Litauens bereits geholfen hätten. Jetzt würden diese auch dem Memelgebiet zugutekommen. Wie andere Staaten so habe auch Litauen einen D e v i s e n b e - wirtschaftungszwang und eine Kontrolle der Ein- und Ausfuhr einführen müssen. Der litauische Staat und das Memelgebiet müßten Hand in Hand arbeiten, um der Landwirtschaft zu helfen. Dies wäre leichter gewesen, wenn der 4. Memelländische Landtag nicht abseits gestanden hätte. Die Zusammenarbeit habe zur Voraus- setzüng den guten Willen und die loyale Erfüllung des Autonomie st atuts, der litauischen Gesetze, unbeirrt von fremdem Einfluß. Die memelländischen Untertanen lägen dem litauischen Staat genau so am Herzen wie die Litauer. Er wünsche dem 5. Memelländischen Landtag eine erfolgreiche Arbeit.
Der Alterspräsident W a i t s ch i e s nahm nunmehr die Wahl des Präsidiums vor. Der Fraktionsführer der Einheitsliste Papendieck machte die Vorschläge der Einheitsliste, wonach der Landwirt B a l d s z u s für das Präsidium genannt wurde. Baldszus wurde mit 24 Stimmen bei fünf Enthaltungen der Litauer gewählt. Auch die weiteren Mitglieder des Präsidiums waren sämtlich Mitglieder der Einheitsliste, da die Litauer daraus verzichteten, Kandidaten 3U benennen und sich zum Schluß auch nicht mehr an der Abstimmung beteiligten.
Nachdem der neue Präsident den Vorsitz übernommen hatte, erklärte
der Iraklionsführer der Einheitsliste papendieck
u. a.: Das Memelgebiet ist feit dem 5. Mai 1934 praktisch ohne Landtag regiert worden, dazu seit dem 28. Juni 1934 von zwei Direktorien, die nie das Vertrauen des Landtages hatten. Der Landtag darf nicht stillschweigend Maßnahmen hinnehmen, die die aus dem Memel- ftatut sich ergebenden Rechte des autonomen Gebietes verkürzen, wenn er nicht Gefahr laufen will, daß fein Stillschweigen als Einverständnis aufge= faßt und Gewohnheitsrechte daraus hergeleitet werden. Der Landtag erhebt förmlichen Einspruch dagegen:
1. daß der Gouverneur sich das Recht zur Schließung der ordentlichen Session gegen den Willen d e s Landtages und ohne das Einverständnis des Direktoriums genommen hat:
2. daß der Gouverneur den Landtag nicht in angemessener Frist nach Eingang eines genügend unterstützten Antrages zur außerordentlichen Session einberufen hat:
3 daß der Gouverneur wiederholt versucht hat, die Leitung einer Sitzung des Landtages zu übernehmen:
4. daß der Gouverneur in das Recht des Landtages, seine Tagesordnung allein aufzustellen, eingegriffen hat:
5. daß der Gouverneur versucht hat, die Behandlung eines Punktes der Tagesordnung im Landtag zu verhindern:
6. daß der Gouverneur die Legislaturperiode schon drei Jahre nach dem Wahltag für beendet erklärt hat;
verfassungsmäßiger Zustände.
7. daß das dem Landtag nach dem Statut oer- antwortliche Direktorium dem Landtag das Hausrecht mit P o l i z e i g e w a l t entzogen und sogar die Anwendung poli- zeilichen Zwanges gegen die Abgeordneten im Sitzungssaal wahrend der Landtagssitzung an- geordnet hat;
8. daß das Direktorium nicht die durch unser geltendes Recht vorgefchriebenen Rechts- mittel gegen die Verletzung der Immunität memelländischer Abgeordneter eingelegt hat.
Wir erheben ferner förmlichen Einspruch dagegen, daß seit dem 28. Juni 1934 zwei Direk- torten die Verwaltung des Memelgebietes innebatten, dienichtdasVertrauendesLand- tages besaßen. Der Landtag ist der lieber* zeugung, daß der Präsident des Direktoriums den Willen und die Fähigkeit haben muß, den Willen der Mehrheitder Bevölkerung ent- sprechend dem Sinn des Memelstatuts und entsprechend der eindeutigen Definition das Haager Urteil vom 11. August 1932 auch gegenüber d e m Willen des Gouverneurs zu vertreten.
Solange wir ein Direktorium haben, dem wir nicht unser vertrauen aussprechen können, sind wir durch die Auffassung des Haager Urteils gezwungen, jede Zusammenarbeit mit dem Direktorium zu vermeiden. weil wir ihm sonst indirekt das vertrauen aussprechen. Das Direktorium Schreiber besaß dieses vertrauen des Landtages. Seine gewaltsame Absetzung unterliegt nach dem Haager Urteil der Nachprüfung. Der Landtag bringt hier zum Ausdruck, daß er diese Nachprüfung für erforderlich hält, da seiner Auffassung nach die rechtlichen und tatsächlichen Voraussetzungen für eine Abberufung des Präsidenten Schreiber nicht gegeben waren. TDir erklären, daß auch wir geschlossen hinter der Amtsführung des Direktoriums Schreiber stehen.
wie insbesondere die Maßnahmen zur Verteidigung der Autonomie in Schulangelegenheiten mit unserer Auffassung von der Autonomie des Memelstatuts in Schulangelegenheiten übereinstimmen. Der Rücktritt des Direktoriums Brune- l a i t i s ist erfolgt, bevor der Landtag ihm förmlich sein Mißtrauen aussprechen konnte. Der Landtag erklärt, daß die Amtsführung dieses Di- rektoriums und feines Vorgängers in schroffem Gegensatz zu dem Willen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung stand. Der Landtag lehnt ihre ganze Geschäftsführung ab.
Wir haben in der feierlichsten Form die Erklärung abgegeben, daß wir auf dem Boden des Statuts und der Verfassung stehen. Wir dürfen daher um so mehr eine sachliche Würdigung unserer Be- denken in den Punkten erwarten, in denen zwischen dem Statut und der Gesetzgebung des Staates nach unserer Auffassung Konflikte vorchanden find.
Der Landtag bringt wiederholt zum Ausdruck, daß er den Ängleich der Interessen des Staates mit denen Memels im Rahmen der Verfassung und auf dem Boden des Memelftatus im ernsten Willen und in voller Erkennung der sich daraus ergebenden Pflicht anstrebt. Er bringt aber auch mit dem gleichen Ernst zum Ausdruck, daß die gesamte Arbeit in Zukunft von vornherein eine bessere Basis gewinnen würde, wenn endlich das Urteil des Kownoer Kriegsaerichtes mit allen seinen Folgen beseitigt würde, das nach dem einmüti- i gen Glauben aller memelländische Männer getrof- Ifen hat, die ebenso wenig einen bewaffneten Auf-
stanv gegen Vön Skaak geplant tmb vorberektet haben wie die Abgeordneten des gegenwärtigen Landtages selbst und ihre Bewohner.
Der Landtag beauftragt das Präsidium, bei den zu erwartenden Besprechungen mit dem Gouverneur über die Ernennung eines Präsidenten des Direktoriums diese Auffassung der Mehrheit des Landtages dem Gouverneur zur Kenntnis zu bringen.*
Trauung im englischen Königshaufe.
Die kirchliche Trauung zwischen dem dritten Sohn des englischen Königs, dem Herzog von Gloucester, und Lady Alice M o n t a g u - Douglas-Scott wurde am Mittwochmittag in der Privatkapelle des Buckingham-Palastes durch den Erzbischofs von Canterbury vollzogen. Zehn-
Das DHD. ist die lebendige Tat des deutschen Sozialismus.
taufende von Zuschauern hatten sich in der Nahe des königlichen Schlosses angesammelt, um die Anfahrt der Braut und der geladenen Ehrengäste anzusehen. Mit Rücksicht auf den vor zwei Wochen erfolgten Tod des Vaters der Braut, des Herzogs von Buccleugh, war die Feierlichkeit nur in kleinem Rahmen gehalten.
Holländischer Devisenschieber unschädlich gemacht.
Die Zollfahndungsstelle für Berlin und Brandenburg hat wiederum einen holländischen Staatsangehörigen, den Kaufmann d e V r i e s , der große Beträge von Deutschland nach Holland verschieben wollte, festgenommen und dem Richter vorgeführt, de Vries legte das Geständnis ab, derartige Devisenschiebungen schon häufig vorgenommen zu haben. Mit seiner Aburteilung im Schnellverfahren ist bereits in den nächsten Tagen zu rechnen.
Wetterbericht
des Reichswetterdlenstes. Ausgabeort Frankfurt.
Im Bereich steigenden Luftdrucks hat sich auch bei uns vorübergehend Beruhigung und Aufheiterung eingestellt, die in der vergangenen Nacht durch Ausstrahlung verstärkte Abkühlung herbeiführte. Ueber der Biscaya ist ein kräftiger Teilwirbel in Entwicklung, der zunächst wieder Warmluft auf das Festland verfrachtet und das damit verbundene Regengebiet bereits am Donnerstagmorgen über Mittelfrankreich hinaus vorgetrieben hat. Voraussichtlich wird dieser Wirbel auch auf unser Wetter vorübergehend stärkeren Einfluß nehmen.
Aussichten für Freitag: Nach verbreiteter Regentätigkeit wieder mehr veränderlich bewölkt mit vereinzelten kürzeren Niederschlägen, ausfrischende, zunächst östliche und südliche, später westliche Winde, vorübergehend wieder milder.
Aussichten für Samstag: Noch immer unbeständig und zu Niederschlägen geneigt.
Lufttemperaturen am 6. November: mittags 10,6 Grad Celsius, abends 5,3 Grad; am 7. November: morgens 3,5 Grad. Maximum 11,5 Grad, Minimum 0,9 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 6. November: abends 7,7 Grad; am 7. November: morgens 6,1 Grad Celsius. — Sonnenscheindauer 1,3 Stunden. — Niederschläge 0,2 mm.
Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Verantwortlich für Politik: Dr. Friedrich Wilhelm Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenlei'er: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. D. A. X. 35: 10 000. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Stein« druckerei R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen
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im Alter von 77 Jahren.
Die trauernden Hinterbliebenen: Familie Karl Rau II.
Familie Wilhelm Roth
Familie Heinrich Roth Wwe. Familie Otto Theis Familie Heinrich Langsdorf
Hattenrod, Albach. den 6. November 1935
Die Beerdigung findet Freitag,den 8 November, nachmittags
3 Uhr statt
Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und für die zahlreichen Kranz- und Blumenspenden beim Heimgang unserer lieben Entschlafenen
Frau Margarete ArnoldWwe.
sagen wir hiermit unseren herzlichsten Dank.
Die trauernden Hinterbliebenen.
Gießen, den 6. November 1935.
Am Montag verschied plötzlich an einem Herzschlag meine liebe Frau, unsere gute Mutter, Großmutter und Schwester
Lina Jäger, geb. Volkmar
im Alter von 53 Jahren.
Die trauernden Hinter bliebenen:
Peter Jäger, Karl und Irmgard Jäger. Bad-Nauheim, Frankfurt a M., Kassel, den 7 Nov. 1935 Die Beerdigung findet Freitag, den 8. November, nach mittags 3 Uhr, aut dem Neuen Friedhof in Gießen statt. _______________________________________________________________ 0 791
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